Druckschrift 
1 (1862) Die Mark Brandenburg : Stadt Brandenburg, die Altmark
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

geht eine reiche Entwickelung der andern Künste Hand in Hand.Viele Chorstühle und die in Holz geschnitzten, prachtvollen, fastüberreichen Altäre, welche Werben, Salzwedel, Seehausen undStendal, sowie die Klöser Arendsee und Dambeck besitzen, zei-gen diesen Zweig der Skulptur in grofser Blüthe. Doch werdendiese Leistungen bei Weitem übertroffen durch die ausgezeich-neten Glasmalereien, welche die Altmärkischen Kirchen leiderüberall nur in Bruchstücken und immer mehr dem Untergangeentgegen eilend, noch enthalten. Die reichsten Schätze bewahrenStendal im Dom und St. Jakob, dann Salzwedel in St. Katharina(daselbst von der höchsten Farbenpracht) und St. Maria, St. Jo-hannes zuWerben, sowie in bemerkenswert!! alten Formen Kloster jjNeuendorf. Als Stifter dieser Glasmalereien erscheinen in Wappen ;und Inschriften und sonst auch beglaubigt die HohenzollerschenFürsten, besonders Kurfürst Friedrich II. Von bronzenen Kunst-werken ist mancherlei vorhanden, doch nichts von so hervor- |ragender Bedeutung, wie das leider verschwundene mächtige Tauf- .!becken des Domes zu Stendal gewesen zu sein scheint.

Mit dem Jahre 1480 schliefst der grofsartige Aufschwungdes Backsteinbaues in der Altmark, nachdem derselbe nicht nur !die angegebenen Bauwerke innerhalb seines Gebietes geschaffen,sondern anch nach Aufsen hin bis Magdeburg, Zerbst und Leip-zig einen sichtbaren Einflufs geübt hatte. Die wenigen Bauwerke, !welche im Anfänge des XVI. Jahrh. noch erbaut wurden, zeigen, >wie dies auch in der Stadt Brandenburg der Fall ist, eben so isehr die handwerksmäfsige Sicherheit in der Struktur, wie Ver-nachlässigung in der Ausbildung der Kunstformen. Endlich er-geben die darauf folgenden Jahrhunderte in den langen Jahrender Verwirrung und Bedrängnifs eine sehr erhebliche Reihe [von zerstörten Bauwerken, deren Fehlen die sichere und un-zweifelhafte Erkenntnifs der Baugeschichte der Altmark nicht , :iwenig erschwert. Die wichtigsten noch vorhandenen Monu- j|mente haben in dem durch Treue der Darstellung wie künst- jlerische Vollendung gleich ausgezeichneten Werke von II. Strackund A. Meyerheim: Architektonische Denkmäler der AltmarkBrandenburg, eine gediegene und mustergültige Darstellung ge- ifunden. ')

I. Klosterkirche zu Jerichow.

Historisches. ji

Das eine Stunde südöstlich von Tangermünde auf dem rechten jElbufer belegene Kloster Jerichow, durch strenge Plan-Konceptionund Schönheit der Verhältnisse ebenso ausgezeichnet wie durch 1 *die vollendete Technik ist eines der besterhaltenen Bauwerke ;;des XII. Jahrhunderts. Aber diese sämmtlichen Eigenschaften |!würden nicht das Recht verleihen, der Kirche dieses Klosterseinen so hervorragenden Platz in der Geschichte der mittelal- ,terlichen Baukunst Deutschlands anzuweisen, wenn nicht die jThatsache hinzukäme, dafs Jerichow der Ausgangspunkt für die !Entwickelung des Backsteinbaues in den baltischen Ländern ge- jwesen ist. Mit Rücksicht auf diese seltene kunst- wie kultur- [historisch wichtige Stellung Jerichows zu dem grofsen Länderge-biete, welches von der Elbe bis zur Düna und von der Nord-spitze Jütlands bis zu den Karpathen reicht, ist eine genaue hi-storische Darlegung, welche die Einführung des Backsteinbaues !in die Marken behandelt, unabweisliches Erfordernifs. Es ist jhierbei nothwendig, nicht nur die kirchliche wie politische Lage ;der Mark zur Zeit der Stiftung von Jerichow, sondern auch dieeigenthümliche Stellung, die Bedeutung und den Einflufs derPersonen, welche bei der Stiftung des Klosters betheiligt waren, j!näher ins Auge zu fassen. ||

Die Stiftung des Klosters Jerichow erfolgte im Jahre 1144 |

durch die freigebige Frömmigkeit einer edlen Frau Richardis, l!welche aus Magdeburg stammend, dem Grafen der Nordmark 1Rudolf von Stade vermählt gewesen war. Ihr christlicher zur !

') Der Text dieses Werkes ist eine unbedeutende Arbeit von F. Kugler.

Wohlthätigkeit geneigter Sinn hatte sich schon bei dem Todeihres Gemahls i. J. 1123 bethätigt, wo sie die eben begonneneStiftung des Klosters Gerode im Eichsfelde durch Schenkungenso bereicherte, dafs der Bau der Kirche 1137 beendet werdenkonnte '). Der jähe Tod ihres ältesten Sohnes Udo, welcheram 13. März 1130 bei Aschersleben von den Mannen Albrechtsdes Bären erschlagen wurde, bot sodann neue Veranlassung ummittelst frommer Stiftungen zum Seelenheile ihres Sohnes beizu-tragen. Von ihrer Seite wurde deshalb das Kloster St. Georgbei Stade gegründet und 1132 mit Prämonstratenser-Mönchen,welche aus dem Kloster Gottesgnade bei Halle kamen, besetzt *).Andere Schenkungen wurden dem Kloster Neuwerk bei Halleund dem 1134 gestifteten Kloster Neumünster in Holstein, sowie den erzbischöflichen Kirchen zu Mainz und Magdeburg zuTheil 3 ). Aber noch schwerer wurde Frau Richardis geprüft,da am 13. März 1144 ihr zweiter Sohn Rudolf auf einem Zugegegen die Dithmarschen getödtet wurde, und mit ihm jede Aus-sicht auf Fortpflanzung des altberühmten Grafenhauses erlosch,da der dritte, noch lebende Sohn dem geistlichen Stande sichgewidmet hatte. Auch weigerte sich dieser, der früher Domherrzu Magdeburg und eben damals Propst der Metropolitankirchezu Bremen geworden war, seinem geistlichen Berufe zu entsagenund so wurden die noch immer bedeutenden Allodial-Besitzun-gen von Neuem zu kirchlichen Stiftungen verwendet oder älterenStiftern geschenkt. Im Laufe des Jahres 1144 wurden dahervon Frau Richardis und ihrem Sohne diejenigen Besitzungen,welche auf dem rechten Ufer der Elbe zwischen Havelberg undGenthin belegen waren, dem Bischöfe Anselm von Havelbergmit dem Aufträge übergeben, zum Seelenheile des getödtetenGrafen Rudolf eine klösterliche Stiftung des Prämonstratenser-Ordens zu gründen 4 ). Anselm, welcher als treuer Freund undSchüler des berühmten Stifters des Prämonstratenser-OrdensNorbert, diesem nach Magdeburg gefolgt war und 1130 vonihm die bischöfliche Weihe empfangen hatte, ergriff die darge-botene Gelegenheit zur Ausbreitung des strengen aber hochver-ehrten Ordens in seiner Diöcese helfen zu können, mit Freude 5 ).Auch gelang es seinem Eifer die neue Stiftung noch bis zumSchlüsse des Jahres 1144 bei dem Orte Jerichow, dessen schonbestehende Pfarrkirche vorläufig als Klosterkirche dienen mufste,einzurichten. Der neue Konvent wurde von Mönchen gebildet,die dem durch Norbert 1129 reformirten Kloster i( U. L. Frauenzu Magdeburg entnommen wurden.

Die Ansiedelung und erste Einrichtung des neuen Stifteswar mit Gefahr verbunden, denn die Gebiete jenseits der Elbezwischen Havelberg und Brandenburg waren noch immer vonfeindlichen Einfällen bedroht. Anselm selbst hatte es bereits er-fahren, dafs die Wirksamkeit, welche er unter dem Schutze desKönigs Lothar nach der Eroberung von Havelberg im J. 1131daselbst zu entfalten begonnen hatte, vernichtet worden war, alsim J. 1136 die Söhne des slavischen Fürsten Wirikind währendseiner Abwesenheit Havelberg erobert und die so eben erbautechristliche Kirche zerstört hatten 6 ). Obgleich Albrecht der Bärdurch energische Streifzüge die empörten Slaven demiithigte undHavelberg schon 1137 zurückeroberte 7 ), ja im J. 1142 durchdie Besitzergreifung Brandenburgs einen neuen Stützpunkt zurChristianisirung des Landes gewann, so blieben die kirchlichenVerhältnisse doch noch so unsicher, dafs Anselm sich mehrereJahre hindurch in Italien oder in Deutschland theils als Ge-sandter, theils als Gesellschafter des Königs auf hielt und erstim J. 1144 in seine Diöces zurückkehrte. Die nächste Sorge,

*) Raumer, Reg. 789 u. 912. Die Klosterkirche zu Gerode ist im Bauernkriege1525 zerstört und nach vielen Schicksalen kurz vor 1800 neu erbaut worden.

а ) Urk. d. Erzb. Adalbero von Bremen, bei Raumer, Reg. 913.

3 ) Raumer, Reg. 870 u. 876.

*) Riedel, Cod. dipl. III, 79.

5 ) Vergl. über Anselm v. Havelberg, die treffliche Abhandlung von Riedel inv. Ledeburs N. Archiv VIII, S. 97 ff. u. Spieker, Leben u. Wirken des Bischofs An-selm von Havelberg.

б ) Annalista Saxo in Pertz, Monum. VI, 543.

) Riedel, in v. Ledeburs N. Archiv VIII. S. 133 Note 54.