Druckschrift 
3,1 (1846)
Entstehung
Seite
313
Einzelbild herunterladen
 

Potsdam und für die Garnisonkirche zu Berlin; inbeiden Kirchen wurde sie gebraucht; man hat aber durchausnicht erfahren, wer ihr Verfasser ist. Kaum war sie ein-geführt, so erschien öffentlich eine strenge, unbarmherzigeCritik derselben von Schlciermacher. Er war schon damalsein berühmter Mann; Vielen, besonders seinen Schülern,eine Autorität; man ehrte seinen Scharfsinn, man lobte seinefurchtlose Wahrheitsliebe, und fürchtete seinen scharfen dialek-tischen Witz. Die kleine Schrift machte viel Sensation.Die liturgische Sache war damals erst im Werden und dergeharnischte Nccensent meinte sie in ihrem ersten Entstehenganz unterdrückt zu haben. Aber sein scharfer Tadel enthieltKeime der Belebung und Kräfte der Ermunterung zumBesseren. Die alten aus der reformatorischen Zeit stammen-den Liturgien gaben auch, nach Schleiermacher's Mitthcilnng,Besseres, als die flache Zeit der sogenannten Aufklärung ge-liefert hatte. Alles aus ihr, selbst die besten nicht ausge-nommen, trug eine Leerheit, eine schwankende Accomodation,eine Ungewißheit, eine Färbung, die zwar den Reiz der Neu-heit hatte, aber dem gläubigen Gemüthe, was in der KircheStärkung und Erbauung suchte, kein Genüge that. Darinliegt es auch, daß von der größeren Anzahl Formulare, diefast in jeder Messe erschienen, keine irgend eine Autoritäterhalten und sich lange behauptet hat. Ein jedes Product,das von gestern her war, verdrängte das andere, und mansah und hörte in der Kirche den buntesten Wechsel. In denalten Ansprachen und Gebeten liegt dagegen eine Glaubcns-krast, eine Zuversicht, eine Kindlichkeit, eine biblische schmuck-lose Einfalt, die, aus dem Herzen geflossen, den Weg zuden Herzen fand. Schlciermacher, der nicht bloß ein scharf-sinniger, sondern dabei auch ein gemüthsvoller Mann war.