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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Franzolische Zustände. II.

kaum ein kümmerliches Obdach für eine Nacht, und mußten leidendumkehren. Die meisten Gäste sind französische Militärs, die in Afrikasehr viele Lorbeeren, Lanzenstiche und Rheumatismen eingeerntethaben. Einige alte Offiziere ans der Kaiserzeit keuchen hier ebenfalls umher, und suchen in der Badewanne die glorreichen Erinncrnngeu zu vergessen, die sie bei jedem Witterungswechsel so verdrieß-lich jucken. Auch ein deutscher Dichter befindet sich hier, der manchesanszubadcn haben mag, aber bis jetzt keineswegs seines Verstandesverlustig und noch viel weniger in ein Jrrenhäus eingesperrt wordenist, wie ein Berliner Korrespondent in der hvchlöblichenLeipzigerAllgemeinen Zeitung" berichtet hat. Freilich, wir können uns irren,Heinrich Heine ist vielleicht verrückter, als er selbst weiß; aber mitGewißheit dürfen wir versichern, daß man ihn hier in dem anarchi-stischen Frankreich noch immer ans freien Füßen herumgehen läßt,was ihm wahrscheinlich zu Berlin, Ivo die geistige Sanitätopolizeistrenger gehandhabt wird, nicht gestattet werden möchte. Wie deinauch sei, fromme Gemüter an der Spree mögen sich trösten, wennauch nicht der Geist, so ist doch der Leib des Dichters hinlänglich belastet mit lähmenden Gebresten, und ans der Reise von Paris hierher ward sein Siechtum so unleidlich, daß er unfern von Bagnvrcsde Bigorre den Wagen verlassen und sich ans einem Lehnsessel überdas Gebirge tragen lassen mußte. Er hatte bei dieser erhabenenFahrt manche erfreuliche Lichtblicke, nie hat ihn Svnncnglanz undWaldgrün inniger bezaubert, und die großen Fclsenkvppen, wie stcinernc Ricsenhänpter, sahen ihn an mit fabelhaftem Mitleid. DieIlnntssUzwsnsss sind wunderbar schön. Besonders seelcnergnickendist die Musik der Bcrgwasscr, die, wie ein volles Orchester, in denrauschenden Thalfluß, den sogenannten Gnvc, hinabstürzen. Gar lieblich ist dabei das Geklingel der Lämmcrherdcn, zumal wenn sie ingroßer Anzahl wie jauchzend von den Bergeshalden heruntergesprungenkommen, voran die langwolligen Mutterschafe und dorisch gehörntenWidder, welche große Glocken an den Hälsen tragen, und nebenher-laufend der junge Hirt, der sie nach dem Thaldorfe zur ischnr führt,und bei dieser Gelegenheit auch die Liebste besuchen will. EinigeTage später ist das Geklingel minder heiter, denn es hat unterdessengewittert, aschgraue Rcbclwolken hängen tief herab, und mit seinengeschorenen, fröstelnd nackten Lämmern steigt der junge Hirt melnnchvlisch wieder hinaus in seine Alpcncinsamkeit; er ist ganz eingewickelt in seinen braunen, reichgeslicktcn Baskescnmanlel, und dasScheiden von ihr war vielleicht bitter.

Ein solcher Anblick mahnt mich aufs lebhafteste an das Meister-werk von Deeamps, welches der diesjährige Salon besaß, und dasvon so vielen, ja von dem kunstverständigsten Franzosen, ThevphileGautier, mit hartem Unrecht getadelt ward. Der Hirt auf jenein