91
„Meine andächtigen christlichen Zuhörer!
Zwiefach ist der mit Einsicht und Gefühl gewählte undangewiesene Gesichtspunkt, aus welchem die evangelische Kirchedas drcihundcrtjährigc Jubelfest ihrer Reformation auffassenund feiern soll: sie soll es feiern als ein Fest für Erwach-sene, und als ein Fest für Kinder. Eine schöne, sinnvolleAnsicht, die in ihrem Ernst und in ihrer Freundlichkeit unsereAufmerksamkeit und Liebe auf sich zieht. Als ein Fest fürErwachsene feierten wir es gestern. Da blickten Alle, die inden mittleren und höheren Jahren des Lebens sich befinden,rückwärts in die Vergangenheit und um sich her in die Ge-genwart; da gedachten wir unserer Vorfahren und Väter,empfingen aufs Neue, wie aus ihren Händen, das heiligeKleinod, das ewige Erbe evangelischer Grundsätze, und ge-lobten, das thcuer und schwer Errungene zu bewahren, bisan unser seliges Ende."
„Heute richten wir die Blicke auf unsere Kinder, undschauen vorwärts in die Zukunft. Wir denken an die Zeit,wo das jetzt in seiner Kraft und Wirksamkeit im Mittagedes Lebens- dastehende Geschlecht nicht mehr sein, und die vorunseren Augen aufblühende Kinderwclt unsere Plätze einneh-men und auf unseren Gräbern stehen wird, wie wir jetzt aufden Gräbern unserer Väter stehen. Was an diesem heiligenFeste als Wahrheit und Pflicht unser Herz bewegt, das sollenwir heute an das Herz unserer Kinder niederlegen, und mitihnen dem Herrn der Kirche, die in ihnen fortleben wird,danken. Es liegt etwas ungemein Erhebendes und Erheitern-des in der freundlichen Vorstellung, daß heute in allen Kir-chen und Schulen eine zahllose Schaar unschuldiger glückli-cher Kinder versammelt ist, die mit ihren Eltern und Lehrernihren frommen Blick zu Gott und Jesu erheben, und mit