Druckschrift 
2,2 (1845)
Entstehung
Seite
289
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Geist war gebildet und verlangte Nahrung; ihr Herz reli-giös und liebte die Erhabenheit und Einfalt des evangelischenChristenthums. Diese Richtung ihres Seins und Fühlenswurde verstärkt durch eine zarte körperliche Bildung und öf-tere Kränklichkeit. Der lange und scharfe Winter in Pe-tersburg bekam ihr nicht gut, und sie erwartete Wohlseinund mehr Genuß von einem wärmeren Himmel. Mit Zu-stimmung ihres Gemahls, des Kaisers, ging sie ebenfalls miteinem kleinen Gefolge nach dem angenehmen Taganrog. Da-hin war sie voraus geeilt, ihr folgte Alexander, und Beidelebten hier miteinander vereinigt. In Petersburg hatten sienicht gefunden, was ihre Herzen verlangten; dort hatte Man-ches sie voneinander entfernt, was sich nicht ändern ließ undworüber ein so hochgestelltes Leben keine Erklärungen zuläßt.Sich und ihrem besseren Selbst wiedergegeben und mehrauf sich zurückgeführt, fanden, was zwei so edle Seelen, zuminnigsten Bunde, den es aus Erden giebt, dem ehelichen, mit-einander verknüpft, bedürfen, um sich gegenseitig lieb undwerth und unentbehrlich zu werden. Vieles in der Welt,was prächtig und blendend in die Augen fällt, ist ein leererSchein, der verschwindet, und eine Leere in der Seele zurück-läßt, die um so tiefer und schmerzlicher empfunden wird, jemehr man erwartete. Die Täuschung ist bitter, in der manoft ungerecht wird, da man von vorübergehenden Außendin-gen sich Etwas verspricht, was sie doch nicht geben können.Dieser Betrug, unterstützt von den Grübeleien der Einbil-dungskraft, überdauert aber in der Regel die Jugend nicht.Das Alter und seine Erfahrung machen von selbst ihre Rechtegeltend, und von ihnen geführt, lernt man die Dinge in derWelt so kennen, wie sie sind. Der optische Betrug mit fei-ner Regenbogen-Farbe verschwindet; was bleibet und ver-II. (-1 lg