h ifto vifehe Fvagmente aus dein Leben des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm III. Gesammelt »ach eigenen Äeolmchtnngcn und scll>st gemachte» Erfahrungen ' und herausgegeben von . N. Fr. Ei)lert, der Philosophie und Theologie Doetor, eWngelMe», lbischofe, Königliche», Hofprediger zn PotSdan,, Domherrn zn Brandenbnrg, Ritter des rothen .'Idler.QrdenS erster Klasse mit Diamanten nnd des Eioil-Nerdienst-Ordens der Mainsche,, Krone, Ehrenbürger z» Zweiter Theil. Aweite A b t h c i l u n g. Magdelmeg, 1845». Verlag der Heinrichshofe»'scheu Buchhandlung. Kor- und Fürwort. er Verfasser dieser Schrift darf es nicht bereuen, den ersten Thcil derselben geschrieben und herausge- geben zu haben. Das Publikum hat sie mit einer nicht gehofften und nicht erwarteten Theilnahme aufgenommen, so daß diejenigen, die den König Friedrich Wilhelm !!!. kannten, Ihn in dieser Schilderung wiederfanden: die Ihm ferne standen, Ihn dadurch noch inniger verehrten und lieber gewannen; diejenigen aber, welche Ihn verkannten, Ihm nun wenigstens Gerechtigkeit angedeihen lassen werden. In kurzer Zeit folgten vier starke Auflagen und die Ur- theile sachkundiger Männer, wie öffentliche Beurthei- lungen, waren gunstig. '^> *) In der Wahrheit und Treue, womit der Hochselige Herr IV Aber es war weder wohlgethan, noch weise, daß der Verfasser im ersten Theil den zweiten, der noch erst geschrieben werden sollte, und sogar seinen Inhalt, schon ankündigte; denn in meinem 74. Jahre überfiel mich plötzlich eine lebensgefährliche, anhaltende Krankheit, und es konnte nur des zweiten Theiles erste Abtheilung, welche eben fertig geworden war, erscheinen. Jetzt, durch Gottes Güte so ziemlich wie- hier geschildert ist, wie Er wirklich war, glaubte man darin Nahrung für den Patriotismus der Preußischen Nation zu finden und man bedauerte, daß diese Schrift in ihrer Fassung und Sprache nicht für den Bürger und Landmann passe. Nach dem laut gewordenen Wunsche erschien sie darum in einem mehr populären Gewände, als ein Volksbuch, in einer wohlfeileren 'Ausgabe, in derselben Verlagshandlung, die ebenfalls mit dem Absätze zufrieden ist. Die Ucbersetzung in's Englische ist erschienen unter dem Titel: 44io reH^inus Iiis null njiininn« et' Artillerie ^Villiam III., KÜIIA »s l^rnssia, l>^' ännatlian Ilireli, I^onclnn, Hat«I>nilI et 80» 1844. Diese Schrift enthält nur einen Auszug besonders in religiöser Hinsicht? vollständig aber ist aus dem Deutschen in's Holländische übersetzt erschienen: Xarallter-'I'releleen en llisteri^elie I?ra»mentvn uit Iiel Ilsveu van llsn lvoinF van pruissen l^reclerile XVillielm III. tlnnr van tler Ilnevs, 1'railileant te Ivap^ei. Io ^msterclam I»ii ?. lirinlc et llo Vries 1844. der hergestellt, erfolgt hierbei die zweite Abtheilung, für welche ich, dem Grabe soviel näher gekommen und in dem fühlbaren Stadium des höheren Alters, die Humanität und Nachsicht des geneigten Lesers in 'Anspruch nehme. Ich hoffe sie: denn Wahrheit und Treue, welche im Historischen das höchste Princip sind, war und blieb bei der Abfassung stets das meinige. Zwar habe ich nach meiner Individualität erzählt — und wie konnte ich anders? — aber Nichts aufgenommen, als Solches, welches dem hohen Original, das ich, nahestehend und in mehr als ssl) Jahren beobachtend, wohl kennen zu lernen Gelegenheit genug hatte, vollkommen ähnlich und analog ist: auch war das leicht, da der Bollendete, wo es nicht diplomatische Staatsgeheimnisse betraf, besonders gegen Alle, zu welchen Er einmal Vertrauen gefaßt, einen geraden, wahren, offenen und sich hingebenden Charakter hatte. Diesen faßt Jeder nach seinem Maßstabe auf, mithin kann ich irren: aber jedes geschriebene Wort verbürge ich mit der Versicherung subjectiver Ueberzeugung; bei jedem Urtheil, das ich fällte, hatte ich des Königs eigene Aeußerungcn und die Data aus Seinem Leben vor Augen. Nie hat mich besonnener Ernst und das Gefühl der Wichtigkeit der Sache verlassen; und dieß ist vor dem ehrwürdigen Forum des großen VI Publicnms, das mit vielen Fabeln und nachgesagten Erzählungen genug heimgesucht ist, bis zur ängstlichen Gewissenhaftigkeit gesteigert. Aber jeder Biograph hat das unverkümmerte Recht, nach seiner Ueberzeugung und seiner individuellen Einsicht zu reden und zu schreiben. Wie machen es denn die besten Historiker, welche längst verflossene Jahrhunderte, von denen sie keine agirende Personen persönlich gekannt haben, detaillirt beschreiben? Sie verlassen sich auf die glaubhaftesten Urkunden und Nachrichten ihrer damaligen Verfasser; aber diese sind dabei doch auch ihrer subjectiven 'Ansicht gefolgt! Hier ist der Fall ganz anders. Die Meisten, welche den Hochseligen König, Sein Thun und Wirken, Sein Sein und Wesen gekannt haben, leben noch; und die haben Ihn am Besten und Genauesten gekannt, welche persönlich um Ihn waren und Ihm am Nächsten standen/ und ich gestehe offenherzig, daß in dieser Beziehung ein gebildeter Diener, der den König ganz in der Nähe täglich sah, über Ihn richtiger urtheilen kann, als der Hochgestellte, der nur perspectivisch beobachtete, und wenn er auch noch so viel Intelligenz hat. Die meisten Menschen leben in Illusionen: aber diese verschwinden mit ihrer Poesie VII vor der Wirklichkeit, und erwacht aus Träumen, will man, besonders im Alter, nur Wahrheit und Treue mit ihrer ungeschminkten Einfalt. Wenngleich nun in diesem Geiste und Sinne das hier aufgestellte Bild nach dem Original gezeichnet und gehalten ist, so ist es doch unvollständig: man lernt hier den König nicht kennen als Soldaten und Befehlshaber der Armee, nicht als Finanzier, nicht als Verwalter, nicht als Diplomat und Politiker, also in den wichtigsten und wesentlichsten Beziehungen nicht, in welchen Er Monarch war und in denen Er so Vieles geleistet hat. Aber Dinge der Art verstehe ich nicht, und über 'Alles, was ich nicht kenne, kann ich auch nicht urtheilen: am Wenigsten mag ich es hier, wo das Urtheil rein persönlich ist, und einen hochgestellten regierenden Herrn betrifft; ich überlasse das billigerweise Seinem jetzigen und künftigen sachkundigen Biographen. Meine Mittheilungen betreffen hauptsächlich nur die moralischen Seiten; aber indem sie den verewigten Herrn, wie Er als Mensch und Christ war, charakterisiren, enthalten sie doch den Schlüssel zu manchem klebrigen. Um das Bild voller und vielseitiger zu machen, VII s habe ich in den Kreis desselben hineingezogen die Charakteristik (nicht die Biographic) solcher Männer, durch die Er als Werkzeuge Seine Ideen verwirklichte und Seine Plane ausführte: mir jedoch solches nur bei genauer Personcnkenntniß erlaubt, und auch da zwar manches Neue, bis dahin Unbekannte, aber Nichts gegeben, als was ich genau wußte, — meinem Grundsatze, „Nur Wahrheit und Wahrhaftigkeit!" unerschütterlich treu. Wenn der Zusammenhang von selbst darauf führte, habe ich auch manche wichtige persönliche Lebens - Erfahrungen mit eingeflochten: jedoch nur insofern, als ich solche dem verewigten Könige mittheilte. Wenn man darin Eitelkeit finden will, so kann ich mir das ruhig gefallen lassen, da ich selbst und meine Freunde, die mich kennen, es wohl besser wissen. Von dem Verhältnisse, in welchem ich gegen den König zu stehen die Ehre hatte, habe ich nur dann Erwähnung gethan, wenn die Begebenheiten selbst, die zu erzählen vorlagen, solches nothwendig in ihrem historischen Zusammenhange erforderten: jedes Unwesentliche ist weggelassen und über Alles, was nicht zur Sache gehörte, bin ich so schnell wie möglich (^ieeu pe(I4 Der Prinz Albrccht. Sein Ahnherr 13 Madam Bock. Ihre Verdienste Iii Der Eindruck, welchen die unglückliche Zeit auf die Königinn macht 17 Ihre eigenhändigen Briefe an Ihren Vater 19 Ihre Bcurthcilung der damaligen Zeit 24 Ihre Charakteristik der Königlichen Kinder 23 Die Zusammenkunft des Königs und der Königinn mit dem Kaiser Napoleon 39 Schilderung derselben 32 Die Anrede des Kaisers und die Antwort des Königs 33 Die Königinn unterbricht das Stillschweigen des Königs 34 Die Wiege 34 Das nachherige Urthcil des Kaisers über die Königinn von Preußen 33 Brief der Königinn über den Tilsitcr Frieden, an Ihren Bater.... 3K Das Urtheil und Verhalten der Königinn 37 Das Urtheil des Königs über den Tugcndbund 39 Schreiben der Königin« an den Probst Dr. Haustein 49 Xll Seite Charakteristik des Probstcs vr. Hanstein 41 Seines Bruders, des Predigers in Potsdam 42 Der Kaiser Napoleon, auf dem Kulminationspunkt seiner Größe ,, 43 Die Französischen und die Russischen Garden in Tilsit.... 44 Der Kaiser von Frankreich, der Kaiser von Rußland, und der Großfürst Konstantin 45 Ein Französischer Orden für den Flügelmann der Russischen Garden 45 Der Abschied der hohen Herren 4ti Die Französische sogenannte Löffclgarde 4K Eine unerwartete Erscheinung: der König von Preußen 4? Die Ehrerbietung für Ihn von den Französischen Soldaten 47 Eindruck dieser Scene 48 Der König und die Königinn reisen nach Petersburg 49 Die alte Kaiserin» Mutter und ihre weiblichen Institute 59 Die Gemahlinn des Kaisers, Elisabeth 59 Die Rückreise des Königs und der Königinn nach Berlin 51 Ihre dunklen Ahnungen 5 t Zwei Beispiele 62 Die Königinn schreibt Ihre bangen Borgefühle in Ihr Tagebuch.. 55 Rückreise und Empfang in Freienwalde 69 Wcißensee bei Berlin 57 Der Wagen der Königinn und Ihr Brief für dieß Geschenk 58 Der Weg nach Berlin und Berlin selbst 69 Das sonderbare Gemisch von Freude und Wehmuth K9 Der König kl Begnadigung öt Seine richtige Beurthcilung der Ieit.> K2 Die Abänderung, die Er mit dem Ordensfeste traf K2 Die Stiftung der Universität zu Berlin K4 Der Geburtstag der Königinn K5 Ihre Abendmahlfeier kk Der Probst 4>r. Ribbeck kk Der Hof kommt nach Potsdam K7 Sein Leben in Knuti-soiiri K8 Der König und die Königinn K9 Ihre Gemüthsstimmung 79 Die erste kriegerische Gedächtnißtafcl 71 Ueber die Erziehung des Kronprinzen 72 Die Pestalozzische Lehrmethode 74 Die Stadt Magdeburg 76 Xlll Seite Die Bittschrift der Markaner 78 Urtheil des Königs 77 Pfarrer Möller in Elsey 78 Sein Denkmal 8l) Der Bauernhof in der Grafschaft Mark 81 Der Hofschulze 82 Dessen Charakteristik des Königs 83 Die Anhänglichkeit der Markancr an den König 84 Der Obcrpräsident von Westphalen, von Vincke 83 Der König und die Königinn in 8irn8-8o»ci VI Die Frage der Königinn 82 Ihr Urtheil über den Gang der Dinge 82 Die Königinn reist nach Mecklenburg 83 Ihre Erscheinung unter alten Bekannten 84 Perlen bedeuten Thränen 83 Die Königinn wird krank 83 Der König schickt den Geheimrath Heim nach Hohenzieritz: Charakteristik desselben 87 Die Königin» während der Krankheit IM Der König kommt mit Seinen Söhnen an 182 Er und Sie 183 Die Königinn stirbt 184 Klage 183 Der Verlust des Königs 187 Das Fatum >88 Die Prädestination 188 Das Gesicht des Königs ändert sich 118 Falscher und wahrer Trost 111 Die stille Kraft der Sympathie 112 Das Urtheil des weiblichen Geschlechts über Ihn 113 Eine interessante höhere Parallele 114 Die Macht des Mitgefühls 113 Der Ursprung des Luisendcnkmals in Potsdam 118 Der Familicnrath 117 Die Luisen-Stiftung in Berlin 118 Das Denkmal in Gransce 118 Aeußerung des lljährige» Königlichen Prinzen Carl 128 Die Einwcihungsrede 128 Das Urtheil des Königs über dieselbe 131 Charlottenburg 131 XIV Seite Der König schließt sich mehr an Kinder an 132 Die Bilder der Königinn 132 Hofrath Ternite 133 Sein Atelier 133 Verlegt in des Königs Palais 134 Der König ist täglich gegenwärtig 134 Bringt mehrere Bilder 135 Professor Wach 135 Das Bild der Königinn im Tode 135 Das Bild der Königinn, mit Farben angemalt 135 Das Urtheil des Königs über Engel 137 Die Bildhauerkunst 138 Der Professor Rauch 139 Schon in seiner Jugend von der Königinn beachtet 145 Von ihm selbst erzählt die Geschichte seiner Sendung nach Italien 141 Das Mausoleum in Charlottcnburg >43 Die schlafende Königinn >44 Das zweite Bild in 8nn?-«ouci 145 Böttigcr bei diesem Bilde ... >45 Der König 147 Das eiserne Kreuz 148 Seine Bedeutung 149 Der I5te März 153 Die Verbindung des Irdischen und des Himmlischen >54 Eine Anekdote >55 Der Luiscnordcn >57 Die Spartanische Mutter 158 Das weibliche Geschlecht >59 Seine Verdienste 155 Würdigung derselben durch den König 151 Die Prinzessinn Wilhelm 152 Das Capitcl und die Mitglieder desselben 153 Die Leipziger Schlacht.,,. 154 Der König zieht sich zurück und feiert ein Dankfest 155 Er besucht das Grabmahl Seiner verewigten Gcmahlinn ,,. 155 Der Obrist von Witzlcben 165 Cabinetsrath Albrccht 172 Fräulein von Gellieu 173 Merkwürdiges Gespräch zwischen dem Könige und von Witzlcben, 175 Paretz 175 XV S-1t- Die Orte, wo man sonst glucklich war 177 Die Königinn zum Letztenmal in Paretz 178 Der letzte Weg 17!) Von dem Könige geehrt 18st Die Kirche in Paretz 181 Der Name Luise in einem Gedicht zu Brandenburg 182 Ueber die geistige Gemeinschaft mit Verstorbenen 183 Eingeladen nach Charlottcnburg 184 Acußcrungcn des Königs 183 Ruhe der Seele 183 Wichtiges und Unwichtiges 187 Der Mann der Erfahrung 188 Das Bild der Königinn i» 18!> Das Verhalten des Königs gegen Geschwister 100 Baron c>v In I>Ic>IIe >01 Der Bruder des Königs, Ludwig >02 Der Kronprinz 193 Der König 1114 Die Königinn der Niederlande >113 Ihre Freigebigkeit 1116 Des Königs Aufmerksamkeit 1117 Das Reue Palais >68 Die Herzoginn von Orleans 1611 Die Vorstellung 200 Eine komische Sccne 201 Der König liebt die Jugend 292 Die Königliche» Kinder 203 Ancillon 204 Der Kronprinz 203 Beschenkt vom Könige 203 Die Kronprinzcssinn 207 Von dem Könige geliebt 208 Das Gewitter auf der Pfaucninsel 200 Der König besorgt 210 Der Großhcrzog von Mecklenburg-Schwerin 21! Die Frau Flotow 212 Die Kaiserinn 213 Ihre Kinder 214 Glicnekc... 213 Die neue Brücke ! 213 XVI Seite Das Fest der weißen Rose 217 Herzog Carl von Mecklenburg-Strelitz 218 Die Kaiserinn vertheilt die Rittcrpreise 219 Das Neue Palais 229 Das Sterbliche und das Unsterbliche 221 Die Königliche Familie 222 Zweiter Abschnitt. Der König als Bundesgenosse 223 Die drei Wappen des Russischen, des Ocstreichische» Kaisers und des Königs von Preußen, miteinander verbunden 224 Die Verschiedenheit dcr Religion»schadet nichts 224 Die Alliance 223 Der Kaiser Alexander 1 22k Was er geleistet 227 Das Regiment Kaiser Alexander 228 Rede an dasselbe 228 Das Denkmal auf dem Templower Berge ...232 Beschreibung desselben 233 Einweihung 233 Rede . 23V Die Inschrift des Denkmals 249 Der Tagesbefehl des Königs 241 Der Russische Kaiser Alexander I... 242 Dcr General von Czernitscheff 243 Unterredung mit dem Kaiser 244 Gott allein die Ehre 245 Dcr Mensch ein Egoist 24k Die Kaiscrinn Catharinc 247 Dcr Brand von Moskau 248 Der König von Preußen 249 Der heilige Bund 259 Die Verbreitung der heiligen Schrift 251 Das Urtheil des Kaisers 252 Commentare der Bibel 253 Die Einheit in der Mannigfaltigkeit 254 Das Urtheil des Kaisers über Rußland 255 Der König 25k Sein Urtheil 257 XV» Seite Eine widerwärtige Scene 2S8 Der Ehrgeiz 259 Der Kaiser Alexander 2kl) Moskau 2V l Der Gott-Gebcncdeite 292 Die Leibeigenschaft,,,, 293 Minister von Stein 284 Zu Hamm, als Oberpräsident 295 Sein Geist 299 Urtheil Niebuhr's über ihn 297 Rasch 298 Die Autorität des Christcnthums 299 Der Dogmatismus 279 Sarcasmus 271 Als Staatsminister 272 Der Französische Kaiser schreibt an Stein 273 Dieser antwortet nicht 274 Stein nimmt den Abschied 27g Das Kloster Kappenberg 279 Das Süderland 277 s, Die Menschen daselbst 278 Das Schloß Kappenberg 279 Der König ehrt den Minister Stein 289 Die Zeit 281 Die Evolution 282 Bei ganzen Völkern 283 Friedrich Wilhelm »I i 284 Göthe 285 Henke 289 Joseph 1. und Alexander I 287 - Taganrog 288 Die Kaiserinn 289 Die Ehe 299 Der Kaiser und die Kaiserin« 291 Der Kaiser stirbt 292 Das Russische Bolk 293 Das Haus, worin der Kaiser gewohnt 294 Das Kloste? 295 Das Leben in der Einsamkeit 299 Ein Mahl 297 1» 9 XVIll Seite Der König 208 Der innige Bund 200 Die Todtenfeier 300 Der König in der Kirche 301 Das Krönungs- und Ordensfest 302 An ihm wird des Kaisers gedacht 303 Die Rede 304 Das Nauen'sche Thor 310 Die Gegend 311 Die einheimischen Russen 312 Das Dorf 313 Alexandrowka 314 Der Ocstreichische Kaiser 313 Die Stadt Wien 310 Der Kaiser Franz 1 31? Die Oestreicher 318 Das Princip der Conservation 310 Mäßigung 320 Witzige Einfälle 321 Die Kaiserinn 322 Ihr Vater, der König von Bayern 323 Tegernsee 324 Die Kaiser Franz und Alexander daselbst 323 Der glückliche König Maximilian - 320 Schöne Tage 327 Rührende Sccne 328 Der Ocstreichische Kaiser in Paris 320 Im Congreß zu Wien 330 Der Kaiser und der König 331 Der König in Carlsbad 332 Carlsbad 333 Der Graf von Ruppin 334 Das steinerne Haus 333 Das Leben im Badc....i 337 Der König, ein Badegast 338 Bleibt sich gleich 339 Oup» ü'llslrins 340 Staatskanzler Fürst von Hardenberg 341 von Stein und von Hardenberg 343 Der König und von Hardenberg 340 XIX Seite Der Regierungs-Rath von Türk 322 Verkannt, und dann geliebt vom Könige 353 Der Fürst Pükler von Muskau 354 Originalität 355 Gabe der Unterhaltung 35k Der Park in Muskau 357 Der Or, Ruft 358 Die Cholera 35V Die Sperre 3KV Der freimüthige Leibarzt 3KI von Hardenberg 3K2 Der Rektor in Pyrmont 3K3 Der Fürst und er 3K4 Der Fürst von Karolath-Meuchen 3K5 von Hardenberg stirbt 3KK Der ihn ehrende König 3K7 Culm 3K8 Das Denkmal daselbst 3K9 Die Einweihungsrede 37V Der General Graf Kleist von Nollendorf 377 Der Festschmaus 378 Der katholische Pfarrer 37V Die katholische und die evangelische Kirche - 38V Die Bischöfe Sailer und Pyrker 381 Der Romanismus 382 Eine Unterredung mit dem Könige 383 Eine pikante Frage 384 Der Protestantismus 385 Menschliche und göttliche Autorität / 38k Der König von Preußen sollte ein geheimer Katholik sein 387 Der König ist gern in Teplitz 388 Der Fürstcngarten 38V Die Schlackenburg .....3VV Der König 3V1 Die blauen Berge 3V2 Ihre Gipfel 3V3 Thätigkeit und Lebensordnung 3V4 Der katholische Prediger 3V2 Die Kürze der Predigt 3VK Die Lebensgefahr 3V7 XX Seite Die Rettung 398 Die Engel 300 Die Evangelischen in Teplitz 400 Ihre Wünsche. 40l Des Königs Berhalten 402 Klug und doch redlich 403 Freigebig 404 Ost hintergangcn 400 Die Bürger von Teplitz ' 400 Die Kinder 407 Der Bademeister 408 Das Urtheil des Volkes 400 Die Chaussee-Frau 410 Anekdoten 41 l Gerechtigkeit Allen, Güte nur den Guten 413 Milde „ 414 Die Verfassung Hamburgs - 415 Das Urtheil des Königs 410 Verstimmung 417 Verkannt 418 Erkannt 410 ' Teplitz ehrt und liebt Ihn 420 Potsdam 421 Der Ocstreichische Kaiser Franz I. stirbt 422 Charakteristik desselben 423 Betrauert 424 Er und der König , .,,,425 Die Nation 420 Das Grenadier-Regiment Franz I, und seine Trauerfeier 427 Die Gedächtnißrcde ^ 428 Die Rede wird gedruckt 435 Das Schreiben des Fürsten, Haus- und Staatskanzlers von Metternich 430 Der Eindruck auf den König 437 Sein Alter 438 Die evangelische Kirche 430 Die evangelischen Zillerthaler 440 Iweiter Haupt - Abschnitt. Die verewigte Königin» vvn Prenften Luise. Eheliches und häusliches Leben. Ihr Tod und Andeuten. Unaussprechlich ist die stille Kraft und Seligkeit, welche die wunderbar schaffende Natur in das Mutterherz und seine Liebe gelegt hat. Die Mutterliebe ist in ihrer Quelle so rein, in ihrer Kraft so tief, in ihrer Aeußcrung so zart, in ihrer Dauer so unauslöschlich, daß keine andere Liebe und ihre Freude damit verglichen werden kann; und unsere reiche Sprache ist zu arm, um für sie den rechten, erschöpfenden Ausdruck zu finden. In sich selbst abgeschlossen, ist sie sich selbst genug, und ihr Glück ist ihre Welt. Der Blick, mit dem die Mutter ihr neugeborenes und geschenktes Kind anstehet; das Gefühl, womit sie es an sich drückt und schließt, ist ein Blick und Gefühl stiller, tiefer Wonne. Alle Wehen, alle Schinerzen sind vergessen, wie als wenn sie gar nicht da gewesen wären, um der Freude willen, daß das thcure Wesen nun glücklich da ist. Wenn irgend Etwas als Eigcn- thum im vollsten, tiefsten und reichsten Sinne angesehen und besessen werden kann, so ist es das Kind der Mutter. Unter ihrem Herzen ist es zum Leben erwacht; da hat es gelegen und geruhet; ihr Blut fließt in seinen Adern, unter den Einflüssen ihres Temperamentes ist es gebildet, ihre Existenz ist die scinige. Das Band, welches hier knüpft und um- II. m , 2 schlingt, ist ein ewiges, unauflösliches, — das zarteste, was es giebt, und in der Zartheit zugleich das stärkeste. Darum hat das Mutterhcrz auch seine ganz eigenthümlichen Rechte, die es geltend macht und in deren Besitze und Genüsse es nicht gestört und getrübt sein will. Was diese beschränkt und verletzt, beengt und verwundet das ganze Wesen; was sie verdunkelt und der kalten Vernunft unterordnen will, wird auch in seiner Wahrheit und Klarheit nicht begriffen, und Liebe, oft bis zur Schwäche, ist und bleibt der Angelpunkt, um welchen sich das Leben in der Gesammtheit aller seiner Kräfte bewegt. Darum giebt es keinen Schmerz in der Welt, der tiefer, nagender, unaussprechlicher und verwirrender ist, als der Muttcrschmerz über ein leidendes Kind; und er steigert sich bis zur Angst und Roth, wenn es ein pflichtvergessenes und undankbares, in Sünde gefallenes Kind ist. Für solchen Schmerz hat unsere tiefe, gcmüthvolle Sprache das Wort: „Herzeleid", ein Leid, das man in sich verschließt und keinem Menschen klagen kann und mag. Alle Gründe der Vernunft, die zu ernsten, züchtigenden, bessernden Maßregeln rathen, verhallen; der Verstand erkennt sie als wahr und gut, das Herz aber widerstrebt ihnen, und schweigt nicht, wenn auch der Mund verstummen muß. Es ist als wenn die Liebe sich gerade in dein ungerathenem Kinde con- centrire und mit der Roth wüchse. Es ist als ob, von dieser gedrängt, nun weiter kein Raum mehr im Herzen wäre. Es kann Alles, die ganze friedliche Heerde verlassen und wegeilen, um nur das Eine verlorene, in der Wüste herumirrende Schaf zu suchen, um, würde es gesunden, dasselbe auf die Schultern zu nehmen und es heimzutragen mit Freuden in's Vater- und Mutterhaus. Und wunderbar! selbst den Schmerz gewinnt das Mutterherz lieb, hegt und 3 nährt ihn. Es hängt ihm nach, vorzüglich an den Gräbern der früh Vollendeten; in seiner stillen Wehmuth liegt Trost, und ihn vergessen und verschmerzen, ist unmöglich.*) Die Mutterliebe will, wenn sie trauert, sich nicht trösten lassen, sagt mit tiefer Kenntniß des menschlichen Herzens die heilige Schrift. Und wenn sie fröhlich sein kann und glücklich ist, genießt sie stillvergnügt eine Wonne, der keine andere an Tiefe und Befriedigung gleichkommt. ") Referent hat in seiner Gemeinde eine gebildete, geistreiche Frau aus den höheren Ständen gekannt, deren zwanzigjähriger Sohn durch selbst verschuldete, erst verschwiegene, dann verkehrt behandelte Krankheit in den erschrecklichsten Zustand verfiel, daß sein ganzer mit Geschwüren bedeckter Körper in Verwesung gerieth und lebendig allmählich in seinen äußeren Thcilen verfaulte. Die Ausdünstung in der Nähe war unerträglich und nicht länger als 12 Minuten konnte ich's, so oft ich den Kranken als Seelsorger besuchte, aushalten. Und doch wollte und konnte die Mutter, wie wohl sie reich war, und abwechselnd geschickte Krankcnwärtcrinnen ihr zu Gebote standen, sich die Wartung und Pflege des armen leidenden Sohnes in eigener Person nicht nehmen lassen. Sie war ununterbrochen Tag und Nacht bei ihm, und dieser entsetzliche Zustand dauerte volle 3 Jahre. Als er endlich gestorben und begraben, war es der Mutter nicht so, als wenn sie nun eine schwere Last los geworden sei, vielmehr beklagte, beweinte und betrauerte sie anhaltend den Tod des Schmerzenkindes. Auf meine Frage: „Wollten Sie denn wohl, daß er noch lebte?" antwortete sie mit Thräncn: „Ach Gott! ja, und wenn der Jammer auch noch 1«) Jahre gedauert haben sollte; ich hätte meinen Ludwig dann doch noch und könnte ihm in's Auge sehen: gerade in seinen und meinen Schmerzen wurde er mir so lieb und unentbehrlich." Die Tiefe der Liebe eines mütterlichen Herzens ist unerschöpflich und unergründlich. Können und dürfen das Kinder vergessen? l" 4 Und nun vollends eine Mutter, wie die König inn Luise es war. Alles an Ihr war gesund, dem Leibe und der Seele nach. Won der Unnatur, wie sie häusig in den höchsten Ständen vorkommt, das neugeborene Kind von sich zu entfernen und es fremden Händen zu übergeben, hatte Sie sich rein und unbefleckt erhalten. Die Kraft und Herrlichkeit, wie sie dem Throne eigenthümlich ist, hatte den König, wie auch Sie, die gleichgestimmte Lcbensgefährtinn, nur im äußern Menschen umgeben, war aber nicht in das Innere eingedrungen. Dieses war vielmehr der Natur und ihren Forderungen treu geblieben und sah, erkannte und liebte in ihren Gesetzen und Bedürfnissen den Willen und die Stimme des schaffenden Gottes. Der Ton Ihres ganzen Wesens war rein und unverstimmt und fand überall einen harmonischen Anklang; wie hätte er da nicht Ihr in Liebe schwimmendes Herz in Bewegung setzen sollen, wo in der Hülslosigkeit eines neugeborenen menschlichen Wesens die Natur am Lautesten spricht? Schon fremde Kinder liebte Sie und fühlte sich, wo Sie solche erblickte, von ihnen angezogen; wie hätte Sie an Ihren eigenen nicht mit allen Trieben hangen sollen? Sie hätte Ihre Natur und deren Beschaffenheit ablegen müssen, wenn Sie anders hätte sein können. Sic war darin an der Seite Ihres hohen Gemahls Seiner ganz würdig, weil Sic, wie Er, die Menschenwürde ehrte und bewahrte; die Königliche Würde strahlte darum an Beiden so herrlich, so mild und bezaubernd, weil Sie in ihrem hohen Standpunkte nicht über Andere, die äußerlich niedriger stehen, sich hvchmüthig erhoben, vielmehr als Menschen dieselben Rechte und Pflichten haben, darum in Jedem, auch dem Acrmsten und Niedrigsten, sich Selbst wiederfanden. Die Königliche Würde war aus der mensch- 5 lichcn gesund und frei erwachsen; jene hielt diese, die eine unterstützte die andere. Beide waren Eins und bildeten die Individualität'; darum konnte Sie, eine Königinn, ganz Mutter sein, und diese schadete Jener nicht nur nicht, sondern umgab sie mit einer Liebenswürdigkeit, wodurch Sie geehrt und geliebt, verstand und verstanden wurde. Die Wochen- und Kinderstube war Ihre Welt im Kleinen, worüber Sie die große vergessen konnte, und in jener glücklich, dachte Sie an die Unruhen, die Leiden und Räthsel dieser nicht. Umgeben von Ihren Kindern, voll zärtlicher Wachsamkeit über die neugeborenen, war Sic in Ihrem natur gemäßen Element, in welchem Sie lebte und webte. Ihre Mutterliebe war der Ablciter Ihrer Schmerzen und tröstete und erfreute Sie. Nehmet der Mutter Alles, was die Erde Schönes, Gutes und Bequemes hat, aber laßt ihr ihre Kin der, und sie hat genug, um glückselig zu sein. Wo der Schatz ist, da ist auch das Herz. Die besten Schätze der Mutter sind ihre Kinder; und im Herzen liegt der Born des Lebens. Die Königinn Luise war mitten im Unglück glücklich in Ihren guten Kindern. Sie genoß die Freuden einer reich gesegneten Mutter und die erquickende Harmonie einer zufriedenen Ehe. In den Jahren I8U8, wo Sie den Isten Februar eine Tochter, die Prinzcssiun Luise, und I8lw, wo Sic einen Sohn, den Prinzen Albrecht, den -ltcn Octobcr gebar, war Huscland Leibarzt der Königlichen Familie. Er, seinem Körper, seinem Geiste, seinen Kenntnissen, seinem Gemüthe nach, ganz dazu gemacht, Achtung und Liebe einzuflößen, hatte und besaß vorzüglich das Vertrauen des Königs, und er erhielt und bewahrte dasselbe, (was namentlich beim Arzte 6 viel sagen will), bis an sein Ende. Dieß rührte daher, daß Beide miteinander so sympathisirten, wie dieß wohl bei Keinem sonst noch in der Königlichen Umgebung der Fall gewesen. Ein charakteristischer Zng, der das psychologische Wort: „Sage mir, mit wem Dn am Liebsten umgehest, und ich will Dir sagen wer Du bist", bestätigt. Hufeland war ein Freund des Königs, Seiner Gcmahlinn und Ihrer Kinder, ohne zu vergessen, daß er besonders in kranken Tagen Ihr Diener war. Ehrfurcht und Zutraulichkeit wußte sein richtiger Tact miteinander glücklich zu vereinen, immer auf der rechten Stelle. Er war sreimüthig, ohne scharf; liebevoll, ohne schwach; teilnehmend, ohne geschwätzige dcmüthig, ohne kriechend; consequent, ohne eigensinnig zu sein. Sein gam zes Sein und Wesen war Humanität und er blieb auch als Arzt in verdrießlichen, widerwärtigen Fällen sich darin gleich, weil Liebe sein ganzes Innere durchdrang und beseelte. Das Feierliche und Gehaltene seines ganzen Wesens, welches beim ersten Anblick, wenn auch nicht entfernte, doch hemmte und lähmte, verlor sich immer mehr und sein Anfangs starrer, messender Blick gewann im Fortschritt der Unterredung immer mehr an Innigkeit, die um so rücksichtsloser gewann, je gediegener und gehaltreicher sie war. Er war (was jeder Arzt in seiner Sphäre sein sollte, weil Vertrauen besonders hier, wie überall, so wichtig ist) ein Freund der Königlichen Familie; dieß dehnte sich aus auf die seinige, da seine Kinder mit den Königlichen umgingen, und hier, wie bei Kindern, wenn sie wahr und kindlich sind, der Unterschied der Stände sich verlor. Darin hat es vorzüglich seinen Grund, daß sein öl)jähriges Amtsjubiläum auf eine seltene Art auch dadurch gefeiert wurde, daß sämmtlichc Königlichen Kinder dem Jubilar ein Album schenkten, in welches sie, jedes für 7 sich besonders, herzliche, gedankenvolle Worte zum Andenken niederschrieben. *') Dieser Mann war es, der in seiner Rüstung seltener theoretisch-praktischer Kenntnisse mit einem Herzen von Liebe und Anhänglichkeit als Arzt und Hausfreund über die Gesundheit der höchsten Herrschaften zu einer Zeit, wo ein ') Der berühmte Bocrhavc erhielt einen Brief aus Amerika: die Adresse war: in Europa, und auf jeder Post wußte man wo, an welchem Orte, der seltene Mann lebte und wohnte. Einen ähnlichen Ruf hatte der Königlich Preußische Staatsrath und erster Leibarzt Dr. Christoph Wilhelm Hufcland. Wer kennt sein treffliches Buch: „Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern", wer seinen Namen nicht? Derselbe ist eine Zierde der Aerztc geworden und in das Volk eingedrungen, so daß man ihn mit Achtung nennen wird von Geschlecht zu Geschlecht. Er war ein ganzer Mann und nichts that er halb. Sein Wissen i» der Medicin war ein gründliches, und bis zur Grenze gebracht, ging es in Glauben über. Dieser fromme Aufblick zu dem Schöpfer der Kräfte und Gesetze der Körpcrwclt, dieses stille wissenschaftliche Lauschen aus die wechselnden Erscheinungen derselben, die immer offen bleibende Empfänglichkeit, alle Tage, an jedem Krankenbette zu lernen, bewahrte ihn vor dem gefährlichen Abschließen des Systems; in das alte, wie in das neue, war er rief eingedrungen, und es erhielt ihm die Dcmuth und Bescheidenheit, die Mysterien der Natur nicht ergründen zu können. Alles in ihm war zur klaren Einheit verbunden, und diese machte seine vielen Schriften so interessant: weil sich in ihnen die Persönlichkeit des Mannes nicht in tobten Buchstaben, sondern im lebendigen Geiste ausspricht. Es schwebt darüber ein göttlicher Sinn (seii5U5 numinis), und dieser ist es, der ihn so ansprechend macht. Jeder, der etwas Analoges in sich fand, fühlte das auch, — der Laie, besonders der Kranke, und unter diesen vorzüglich das mehr gcmüthliche weibliche Geschlecht. Er flößte 8 schweres Unglück Sie traf, wachte und der, sorgsam beobachtend, an dem Wochenbette der Königinn stand. Alles Vertrauen zu seiner wissenschaftlichen Kenntnis?, zu seiner Theil- nahme und Frömmigkeit ein, und dicß Vertrauen wurde durch seine ganze Persönlichkeit, besonders durch seine sonore, treu herzige Stimme geweckt und genährt. Der Kranke nahm die verordnete Arznei mit der Uebcrzeugung ein: Wenn irgend Etwas in der Welt noch Hilst, so ist es die Verordnung von ihm. Darum übte er eine stille Gewalt über seine Patienten aus, und darin, verbunden mit seinem gründlichen Wissen, hat es seine Ursache, daß er so Vieles vermocht, gewirkt und geleistet hat. Hufcland- war ein kenntnisreicher, erfahrener Arzt, ein - edler Mensch, ein gebildeter Ehrist. Als solchen habe auch ich ihn kennen gelernt, da er mehrere Sommermonate im Königlichen Neuen Garten, wo ihm der König eine hübsche, angenehm gelegene Wohnung einräumte, wohnte. Er war in dieser Zeit ungewöhnlich heiter, da er seine Wünsche für eine zärtlich geliebte, kränkliche Tochter erfüllt sah. Er hielt sich in dieser Zeit zu meiner Gemeinde und ich sah, sprach und genoß ihn häufig. Wohlhabend und gastfrei, umgeben von einer liebenswürdigen Gattinn, von guten talentvollen Kindern aus erster Ehe, und interessanten Verwandten, liebte er es, diejenigen, die er gern hatte, um sich zu sehen, und am sogenannten grünen Hause im Neuen Garten sind frohe Stunden verlebt. Besonders war er heiter und gesprächig, voller Witz und froher Laune, bei Familienfesten, die sein Geist und seine Liebe würzten. Er war bei seiner Gutmüthigkeit satyrisch und sprach von seinen Gegnern in der Wissenschaft mit Ernst und Würde, aber auch nicht ohne Stachel. Seine Lcbensregcln, eine Makro- biotik in Knittelversen, bewiesen seine humoristische Stimmung, und in dieser Färbung erzählte er gern und gut, angenehm, zum Lachen reizende Anekdoten. Er, gebürtig aus Weimar, gewesener Professor in Jena, stand in Verbindung mit de» interessantesten Männern seiner Zeit und mit Göthe, Schiller, Kant und Fichte, führte er einen lebhaften Briefwechsel. Er war vielseitig gebildet- über das gelehrte Studium hatte er die 9 ging gut und nach Wunsch; das eheliche und häusliche Glück und seine füllen, erquickenden Freuden machten erträglicher Aesthetik, über die Philosophie hatte er das Christenthum nicht vergessen. Er faßte dasselbe auf in seinen tiefsten Gründen und .schätzte es um seiner Mysterien willen noch höher, da er sie in der ihn umgebenden Natur fand. „Jeder Kranke ist ein Tempel der Natur. Nahe dich ihm mit Ehrfurcht und entferne von dir Leichtsinn und Gewissenlosigkeit; dann wird sie gnädig auf dich blicken und ihr Gchcimniß dir aufschließen," sagte er. Mit einem Worte: er war ein seltner, vortrefflicher Mann, dessen Andenken in der Wissenschaft unsterblich ist und den, die ihn persönlich kannten, nicht vergessen werden. Die mit ihm verlebten Stunden, sein Vertrauen, zähle ich zu den besten Gütern meines Lebens und sein ernstes würdiges Bild ruhet tief in meinem Herzen. Er starb nach vielen körperlichen Leiden sanft und ruhig 1830, und bald nach seinem Tode ließ ich in die Berliner Bossische Zeitung Nro. 203 folgenden Necrolog, oder vielmehr Charakteristik, einrücken: „Es ist ein köstlich Ding, wenn ein berühmter Gelehrter, dessen wissenschaftliche Leistungen allgemein anerkannt sind, zugleich ein edler Mensch ist, und Beides sich wechselseitig unterstützt und trägt, so daß es sich zur persönlichen Würdigkeit, zur Einheit und Identität verschmilzt. Bekanntlich ist dicß nicht immer der Fall, vielmehr erscheinen manche gelehrte Männer nach dem umgekehrten Gesetze der Perspective in der Entfernung theoretisch groß und in der Nähe, bei persönlicher Bekanntschaft, als Menschen praktisch klein. Bei unserm nun selig vollendeten Hufeland stand jenes und dieses in vollkommener Harmonie und so groß er als Arzt war, so ausgezeichnet und liebenswürdig war er als Mensch. Man kann ihn im vollen Sinne des Wortes einen ehrwürdigen Mann nennen. Der erste Eindruck, den er machte., war der einer gewissen Feierlichkeit; die aber nichts Beengendes hatte und mit der Achtung zugleich Vertrauen einflößte. Man fühlte in seiner Nähe das Einnehmende seines Geistes; in Allem, was er sprach, lag 10 die dunkeln Stürme, die den Thron umhüllten. Der König, wenngleich ernst und nachdenkend, doch nie mürrisch Wahrheit, Tieft und Vielseitigkeit, und wer im Einklänge mit ihm stand, war bald mit ihm im Zuge einer interessanten Unterredung. Für das gewöhnliche Gerede über Tageßgcschichten schien er kein Organ zu habe», und wenn er hineingezogen wurde, wußte er bald auch diesem eine bessere Stimmung und Richtung zu geben. Sein physiologisches und psuchologischcs Studium der menschlichen Natur, seine vertraute Bekanntschaft mit ihren Kräften und Gesetzen, fand stets und richtig im Allgemeinen das individuell Eigcnthümlichc, und in klarer Auffassung durchschaute er mit seltener Schärfe den äußeren und inneren Menschen. Durch ernstes, anhaltendes Forschen und einen rein sittlichen Lebenswandel war er zu der Höhe und Reife gekommen, die in edler Einfalt sich kund thut, und den Wahlspruch des berühmten Arztes Börhavc: «implox siAnnin veri (das Einfache ist das Zeichen und das Siegel des Wahren) war der scinigc. Darum besaß er eine heitere Mäßigung, die nichts übertreibt, immer Maß hält und parteilos und ruhig abwiegt, und wenn er in seiner Ansicht der Wissenschaft Gegner fand, so hatte er in seinem Leben doch keine Feinde, und auch jene ließen ihm stets Gerechtigkeit widerfahren, so daß es nicht viel Gelehrte giebt, die einer so allgemeinen und ungc- theilten Achtung sich erfreuen, als er sie genoß. Die imponi- rende Gravität seiner Persönlichkeit wich schnell seiner Offenheit und Harmlosigkeit und sein reiches Gemiith ergoß sich in den lehrreichsten und angenehmsten Mitthcilungcn. Wo er sich in seinem Elemente fühlte, bewegte er sich leicht, frei und heiter, und er verschmähte es nicht, seine gedankenreiche Unterhaltung mit sinnreichen Erzählungen und witzigen Allegorien zu würzen. Eine heitere Ruhe und höherer Friede erfüllte sein ganzes Wesen und große Besonnenheit lag in Allem, was er sagte und that. Ein gehaltener Ernst war in ihm das Vorherrschende; aber ebenso groß war seine Milde, und diese um so anziehender, je tiefer sie aus seinem Herzen kam, so daß sie nicht wechselndes Gefühl, sondern reine Menschenliebe, der II und Gottverlassen, blieb offen und empfänglich für alles Gute und Milde, was Er in Seinem Hafen, Seinem Hause, Grundzug seines Charakters war. Darum war der Eindruck, den er namentlich auf Kranke machte, belebend und stärkend, und das große Glück, welches er vorzüglich in den Mittlern Jahren seiner praktischen Wirksamkeit am Krankenbette hatte, lag vorzüglich auch in der sanften Gewalt, die er über Alle übte, die sich ihm anvertrauten. Unzählige Fälle lassen sich namhaft machen, wo Leidende durch das volle hingebende Vertrauen, was sie bald zu ihm faßten, belebt und gcstärkct wurden und dann schneller zur Genesung gelangten. Seine Zuspräche hatte etwas ungemein Zartes, Erweckendes und Wohl- thuendcs, und der Blick seines seelenvollen, oft schwermüthige» Auges drang tief in's Herz. Seine herrschende Gemüthsstim- mung hatte, wie man es bei allen wahrhaft großen Menschen findet, eine sanfte Beimischung von Wehmuth; man fühlte sich zu dem Manne hingezogen und ahnte bald seine höhere Natur, Sein ganzes Sein und Wesen athmcte etwas Ungewöhnliches, dem ein Siegel des Uebcrsinnlichen aufgedrückt war. Im Umgange mit ihm fühlte man sich gehoben, angeregt, erquickt und weiter gefördert. Was man an ihm wahrgenommen, was man geistig von ihm empfangen hatte, ließ tiefe Verehrung und das Verlangen zurück, bald wieder in seine Nähe zu kommen. Seiner Vorzüge und seines Uebergewichtcs war er sich selbst nicht bewußt, so einfach, kunstlos und rein, man kann sagen kindlich, war sein Gemüth. Je mehr Verdienst und Glück ihn hob, je mehr sein Ansehn stieg, desto anspruchloscr und dcmü- thiger wurde er. Bei der glänzenden Feier seines SVjährigen Dienstjubiläums war er wie Einer, der alle empfangenen Beweise der Verehrung und Liebe nicht auf sich anwenden dürfe, meinend, es sei dabei nicht von ihm selbst, sondern von einem Andern die Rede. „Ich muß mich besinnen und fragen," hörte man ihn sagen, „ob ich der bin, dem Alles gilt," und nichts Schöneres kann man lesen, als den Dank, den er nachher in ungeschminkter Demuth öffentlich aussprach. „Ich," heißt es darin, „beuge heute meine Knie vor dem Allliebcndcn, der mich 12 fand und überraschte Seine Gemahlinn, die holdselige Mutter, mit dem Wunsche, „daß die neugeborene Tochter auch würdigte, ein halbes Jahrhundert hindurch fast ununterbrochen thätig zu sein, der mir Kraft und Gesundheit dazu schenkte, der mich in die dazu gehörige äußere Lage setzte, und dessen Gnade allein meinem Worte und Wirken den wahren Segen und das Gedeihen verlieh. Ihm allein gebührt das Verdienst und die Ehre. Auch dafür sei ihm Dank und Preis gebracht, daß er mir seit 32 Jahren einen König und Herrn gab, der mir zum Segen ward, so wie er seinem ganzen Volke ist, und der mir ein ruhiges, sorgenfreies und friedliches Alter schenkte." Daß Hufeland'ö fester und milder Charakter und die Reife seiner edlen Natur ihre Wurzeln und Lebenskräfte in echt christlicher Religiösität hatte, wissen Alle, die ihn persönlich kannten. Die heilige Schrift lag fortwährend neben ihm, sie war sein tägliches Erbauungsbuch und er verehrte sie in tiefer Ucbcrzcugung als eine göttliche Offenbarung. Wahre Pietät war die Grundlage seiner wissenschaftlichen und sittlichen Bildung, und das höhere Gepräge, welches alle seine Leistungen charakterisirtc, hatte hier seinen Ursprung. Gleich seinen großen Vorgängern Börhavc und Hallcr, war der lebendige Glaube an den Erlöser der Welt, wie seine Hoffnung im Tode, so sein Leitstern im Leben. In dieser festen Richtung auf das Ewige errang er eine stille, vollendete Größe, wie sie nur Wenigen beschicken ist. Er ist einer der merkwürdigsten Männer unseres Jahrhunderts, und sein Name ist der Geschichte zur Unsterblichkeit übergeben. In seinem Tode hat. die Welt einen der ersten Aerzte und einen der edelsten, besten Menschen verloren. Die ihm näher standen, beweinen seinen Verlust und segnen sein Andenken, ßsuillguiel in Kc> nmnvimu«. epüüguiil mirnti 8IIMU«, mnnut i» nnimis Iiaminui», ip eternitate tsm- porum. snma. rarum. (Was wir in ihm geliebt, was wir an ihm bewundert haben, lebet fort in den Gcmüthcrn der Menschen und bleibet in öffentlicher Anerkenntnis von Geschlecht zu Geschlecht). Man sehe die vortreffliche, gehaltreiche Schrift: ,,Dr. Hufcland's Leben und Wirken, von dem Königlichen Ge- 13 Luise heißen möchte." In solcher Auswahl lag eine Zartheit, Liebe und Achtung, welche die Königinn tief suhlte und anerkannte. Ihren hohen Werth hatte Er in der Roth, die Sie redlich und ganz mit Ihm thcilte, erst kennen und schätzen gelernt. Er wußte, was Er an Ihr hatte, und Ihr und Ihrer Liebenswürdigkeit verdankte Er die sanfte Aufheiterung, die Er in Ihrem Umgange auch in trüben Stunden fand. Ganz nach Seinen Geschmack hatte Sie zur Zeit des Unglücks, um sich dasselbe aus dem Sinn zu schlagen, nicht in zerstreuenden Festen und Lustbarkeiten, sondern in Zurückgezogcnheit und Einschränkung, durch ein weises, christliches Schicken in die böse Zeit, sich noch mehr Seine Achtung und Liebe erworben. Wie konnte Er diese sympathetische Einheit, diese feste Anhänglichkeit treffender und wahrer an den Tag legen, als wenn er der hinzugekommenen Tochter den theuren Namen der verehrten und geliebten Luise gab! Es war damit ein unvergängliches Denkmal der Liebe und Treue, zur Zeit großer Drangsal in der Königlichen Familie, in Ihrer und des Vaterlandes Geschichte gestiftet und über Beide war ein Hoffnungsstern aufgegangen. Auch für das Vaterland; denn der König bewies bei dieser feierlichen Veranlassung, daß Er wohl wisse, wie die wahre Kraft und Stärke nicht in Heimrath Or. Augustin, Potsdam 183? bei Riegel." Hufeland schätzte und liebte seinen College» Augustin schon längst, durch vereinte wissenschaftliche Bestrebungen mit ihm innig verbunden. Am Krankenbette eines Gemcindcgliedes hörte der Referent ihn sagen: Nichts Angemesseneres und Besseres kann ich verordnen, als Augustin; wo Er ist, bin ich nicht nöthig. 14 einzelnen bevorzugten Ständen, sondern in der aller Volksklassen bestehe, und daß das Wohl des Ganzen nur allein aus der Zufriedenheit und Eintracht von selbst hervorgehe. Er ließ zu dem Ende zu Pathen alle Stände Ostpreußens einladen: Grafen und Edelleute, Burger und Bauern erschienen durch ihre Repräsentanten. — Die heilige Handlung der Taufe wurde den 28stcn Februar 1808 im Königlichen Schlosse zu Königsberg durch den Oberhofprediger Weil verrichtet. Die Vertreter waren in gleicher Anzahl aus der Mitte des Volkes gewählt, und mit diesem schloß der Landesherr einen neuen Bund der Treue und Liebe und knüpfte dieselben fest durch die zartesten Bande an ein Kind, das unter den unglücklichsten Umständen geboren war. Die Hoffnung, daß bessere kommen würden, schwebte wie ein Morgenstern über der heiligen Scene und alle Herzen durchdrang eine Liebe und ein Kummer. Die Seufzer und Gebete, die aufstiegen, theilten die Wolken und trugen die künstige Gewährung, wenngleich man nicht begriff, woher sie kommen sollte, in dem inneren Frieden, der die Seelen erquickt, und der höher ist, als alle Vernunft. Die Königinn, auf einem Ruhebette, wohnte mit voller andächtiger Seele der frommen Weihe bei, und Alle waren, wenngleich von der damaligen unglücklichen Zeit niedergedrückt, doch gehoben und gestärkt. Eine ähnliche fromme Feier fand bei der Taufe des Prinzen statt, dem man den in der Geschichte des Königlichen Hauses theuren Namen Albrecht gab. *) So sah die Köni- *) Der Ahnherr Albrccht, bedeutungsvoll in der Geschichte Achilles und Misses genannt, war geboren den 24sten November 1414 zu Kangermünde, und starb 72 Jahre alt zu Frankfurt a, M>, 13 ginn den Kreis Ihrer Königlichen Kinder erweitert, und war in der Fürsorge und reinen Liebe für sie um so glücklicher, je zarter, freundlicher und aufmerksamer Sie der König, glückselig in Ihrem Besitze, behandelte. Alles, was Ihr unangenehm sein konnte, wußte Er von Ihr abzuhalten: Er verschwieg Ihr Vieles, was die öffentliche Calamität vermehrte. Er hatte zu dem Ende Ihre nächste Umgebung sorgfältig instruirt, und sie beobachtete seinen Willen mit großer Vorsicht, da Ihm nichts wichtiger war, als die Ruhe und Zufriedenheit der durch freundliche Herzcnsgüte Alles gcwin- währmd des Reichs- und Wahltages den Ilten März l48li; begraben zu Heilbronn. Er war ein Herr voll hoher Einsicht, von redlichem Charakter, schön, stark und groß. Ihn beseelte militairischer Muth und er vermochte Alles auch über seine Armee, wegen seiner hinreißenden Beredsamkeit, weßhalb er auch „der Deutsche Cicero" genannt wurde. Er war in der Religion ein klarer und hellsehender Herr; von Herzen fromm, ein guter katholischer Christ, aber kcincsweges ein Römischer. Er war fern von aller Intoleranz und wollte nicht gegen die Hus- sttcn Krieg führen, weßhalb der Pabst Pius II. ihn in den Bann that, von welchem er erst nach vier Jahren i47l befreiet wurde. Die Hierarchie war ihm zuwider, und er wollte, daß die Geistlichen sich nicht mehr anmaßte», als ihnen von Christus und den Aposteln gestattet worden; sie sollten lehren, aber nicht herrschen. „Aber sie wollen," sagte er, „das weltliche Schwerdt zu dem geistlichen." Sein Gewissen mochte er nicht beherrsche» lassen und er folgte, seine eigenen Wege gehend, seiner geprüften Ucberzeugung. Er war Gcnerallissimus der Reichsarmee wider die Türken, die er, wie später Luther, als Feinde des Christenthums ansah. Er war zweimal verhcirathet, zum Erstenmal mit Margarethe, Markgraf Jacobs zu Baden Prinzessinn Tochter; zum Zweitenmal I4S8 mit Anna, Chur- fürst Friedrich II. zu Sachsen Prinzcssinn Tochter. Er war glücklich in der Wahl und lebte in einer zufriedenen Ehe. ll> ncnden Königinn. Ganz vorzügliche Dienste leistete mit weiblichem Tacte die Wittwe Madame Bock. Dieser würdigen, christlichen und gebildeten Frau war die erste, vorzüg- ' lich die physische Erziehung der Prinzessinn Luise übergeben. Mit gottesfürchtigcr Aufmerksamkeit wachte sie über das Wohlsein des Königlichen Kindes und ihr frommer durch die heilige Schrift genährter Sinn wirkte wohlthätig auf die ' ihrer Obhut Empfohlene und die ganze Umgebung. Dieß Verdienst ist anerkannt und selbst von dem Neide, der sonst Alles, auch das Beste, benagt und verunreiniget, nie in Abrede gestellt. Niemand schätzte dieß höher und belohnte es Königlicher, als der treue und gerechte König. Mit Vergnügen sah der Königliche Herr, daß Seine Tochter Luise ihrer ersten Wärterinn und Wohlthäterinn mit unverstellter Dankbarkeit ergeben und an sie gefesselt war. Was sie ihr gewesen und geleistet hatte, wurde nie, auch später von Ihm nicht vergessen. Er würdigte sie eines vorzüglichen Vertrauens, und die edle Frau wußte sich dasselbe zu erhalten durch Demuth und Bescheidenheit. Sie hatte und bc- v hielt das Recht und den Vorzug, wie zur Königlichen Familie zu gehören und in und mit derselben zu leben. Sie wohnte der Privat-Andacht derselben bei; blieb auch späterhin im Königlichen Schlosse, speiste aus der Küche, wurde von Königlicher Dienerschaft bedient, wind erfreute sich im ehrenvollen Alter einer sorgenfreien Lage. Jedermann ehrt und liebt die würdige Frau, als eine theurc Reliquie aus der Zeit Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königinn Luise. Des jetzt regierenden Königs Majestät Friedrich Wilhelm IV. setzt diese Königliche Gunst und Fürsorge fort und erhält ihr, mit der ganzen Königlichen Familie, besonders der Prinzcssinn der Niederlande, Luise, diese Theilnahme. 17 Möchten alle Eltern und Kinder, nach Maßgabe der verliehenen Kraft, die ihnen von gewissenhasten Wärterinnen und treuen Lehrern erwiesenen Wohlthaten in dankbarem Andenken behalten! Leider werden sie oft vergessen, und die Beispiele sind nicht selten, daß diejenigen, die ihre Kräfte und Zeit denen, die späterhin im Wohlstande leben, in der Jugend widmeten, in ihrem hohen Alter mit Nahrungssorgen kämpfen und kummervoll in nicht mehr geachteter Verborgenheit dem Tode entgegen seufzen. Ach, der Tod hat Vieles, besonders solchen schnöden Undank, zu vergüten, um die Disharmonie des Lebens wieder in das Gleichgewicht zu bringen. Wenngleich die Königinn, als Gcmahlinn des besten Ehemanns und als Mutter gut gerathcner, talentvoller und gesunder Kinder, in ihrer nächsten Umgebung sich glücklich fühlte, so konnte Sie doch das Unglück und die Schmach der Zeit nicht vergessen. Sie war allseitig gebildet und Ihr reifer Verstand begriff die böse Zeit, ihre Tendenzen und verwickelten Verhältnisse. Dabei sah Sic in vielen Unglücksfällen die gerechte Nemesis. Sie fühlte sich als Königinn von Preußen, Sie kannte dessen Geschichte, seinen ehrenvollen Ruhm, und fühlte seinen Sturz und seinen Schmerz um so tiefer, je höher es in der öffentlichen Meinung bis dahin gestanden. Vcrrathen, geschlagen, überwunden und zurückgedrängt bis zur Grenze, hatte Sic oft dunkle, kummervolle Stunden, deren Wehen und Schmerzen Sie tief empfand, mehr als Sie sagen und aussprechen konnte und mochte. Daß es so bei Ihr war und also in Ihrem Innern sich gramvoll drängte, erhöhet Ihren Werth. Wäre es anders bei Ihr gewesen, hätte Sie leichtsinnig vergessen können die Zeit und II. p? 2 l8 ihre Forderungen, vergessen können die Leiden und Drangsale eines überwundenen, geschlagenen und doch treuen Volkes; hätte Sie in den Genüssen und Zerstreuungen eines frivolen Hofes Trost, Aufheiterung und Vergessenheit gesucht und gefunden: so würde Sic und Ihr Name in den Annalen der Geschichte, gleich andern hochgestellten Personen, in dem heimsuchenden Unglück auf einer gewöhnlichen, niedrigen Stufe stehen, und die rechtrichtendc Nachwelt würde sich unwillig, mit gerechtem Unwillen, von Ihrem Bilde, wenn auch immer physisch schön, abwenden. Aber so ist und war Sie nicht; Sie fühlte das Verhä'ngnißvolle in seiner ganzen Schwere, aber Sic trug es mit Demuth und Ergebung, mit Würde und der tröstenden Hoffnung: es werde unter Gottes Leitung, den Sic von Herzen liebte, zum Besten dienen. Eben darin, daß der letzte Zweck der geschickten Heimsuchung an Ihr erreicht war, so daß Sie auf der einen Seite ernst und in sich gekehrt war, und auf der andern ruhig, menschenfreundlich und liebenswürdig blieb, erscheint und ist Sie wahrhaft groß, würdig, und christlich. Glücklicherweise sind die Briefe, in welchen Sie sich in dieser Zeit ausspricht, zu der Geschichte gekommen, und in ihre Annalen aufgenommen, werden sie das lehrreiche und anziehende Bild der Königinn treu und wahr erhalten. *) Es sind, ohne daß Sic den Gedanken hatte, daß sie jemals bekannt werden könnten, offene und redliche Herzensergüsse, gerichtet größtenteils an einen hochverehrten und innig geliebten Vater, den damals regierenden Herzog von Mecklenburg-Strclitz, Referent hat sie aus einer authentischen Quelle und er stattet für deren gütige Mittheilung auch hier seinen innigsten Dank ab. 19 denen man es gleich anfühlt, daß sie aus dem Innern, das Nichts scheinen will, sondern sich hingicbt, wie es ist, kunstlos fließen. Einfach und wahr, versetzen sie in die damalige Zeit und ihre schweren Leiden und lassen einen tiefen Blick thun in das Gewebe derselben. Der König und die Königinn standen mitten in ihnen: und doch über ihnen. Sein und Ihr Geist erhielten sich frei in richtiger Bcurthcilung, und wie es auch von außen drängte und stürmte, Nichts, kein Unglück, wie groß es auch war, konnte den Frieden des Innern trüben und die gefaßte christliche Glaubensstimmung unwirksam machen. Immer, wenngleich oft verdunkelt, brach sie, gleich der Sonne aus vorüberziehenden dunklen Gewitterwolken, mit ihrem erleuchtenden und erwärmenden Lichte wieder hervor und bezeichnet einen rein-menschlichen und darum einen wahrhaft göttlichen Charakter, der seine Lebenskräfte aus dem Ewigen und Unvergänglichen schöpft. „Geliebter Vater!" schrieb Sie, „die Abreise des General Blücher giebt mir Gottlob ein Mal eine sichere Gelegenheit, offenherzig und ohne Rückhalt mit Ihnen zu reden. Gott, wie lange entbehrte ich dieses Glück und wie oft habe ich an Sie gedacht, wie Vieles Ihnen zu sagen! Die Sendung des vortrefflichen Blücher nach Pommern, der Patriotismus, der jetzt in jeder Brust sich regt, Alles belebt mit neuen Hoffnungen. Ja, bester Vater, ich bin es überzeugt, es wird noch ein Mal (wann? wissen wir freilich nicht) Alles gut werden, und wir werden uns glücklich wiedersehen. Die Belagerung von Danzig geht gut: die Einwohner benehmen sich außerordentlich: sie erleichtern den Soldaten die großen Beschwerden, indem sie ihnen Fleisch und Wein in 2« 20 Ucberfluß reichen: sie wollen von keiner Ucbergabc hören, sie wollen lieber nnter Schutt und Trümmern begraben werden, als untreu an dem Könige handeln; eben so halten sich Kolberg und Graudcnz. Wäre es mit allen Festungen so gewesen! — Doch genug von den vergangenen Uebeln: wenden wir unsere Blicke zu Gott, zu ihm, der uns nie verläßt, wenn wir ihn nicht verlassen und mit unscrm Herzen nicht von ihm weichen. — Der König ist mit dem Kaiser Alexander bei der Armee. Er bleibt bei derselben, so lange der Kaiser bleibt. Diese herrliche Einigkeit, durch unerschütterliche Standhaftigkeit im Unglück begründet, giebt die schönste Hoffnung zur Ausdauer; durch Beharrlichkeit wird man siegen, früh oder spät, davon bin ich überzeugt. In dieser Ucbcrzeugung blicke ich zu Gott getrost in eine bessere Zukunst und bin und bleibe, bester Vater, Ihre dankbare und gehorsame Tochter Luise." „Mit der innigsten Rührung und unter Thränen der dankbarsten Zärtlichkeit habe ich Ihren letzten Brief gelesen. Wie soll ich Ihnen würdig danken, bester, zärtlichster Vater, für die vielen Beweise Ihrer Liebe, Ihrer Huld, Ihrer unbeschreiblichen Vatergüte. Welcher Trost ist dicß für mich, und welche Stärkung! Wenn man so geliebt wird, kann man nicht ganz unglücklich sein. Es ist wieder auss Neue ein ungeheueres Ungemach über uns gekommen und wir ste- *) Daß die Königin» über eine scandalöse, unerhörte Sache, die mit blutendem Griffel in die Geschichte eingegraben steht, und damals, als neu, viel besprochen wurde, mit Schonung hinweg geht, beweist einen acht weiblichen Charakter. 2l hm auf dem Punkte, das Königreich zu verlassen. Bedenken Sie, wie mir dabei ist; doch bitte ich Sic, verkennen Sie Ihre Tochter nicht. Glauben Sic ja nicht, daß Zweifel und Kleinmuth mein Haupt beugen. Zwei Hauptgründe habe ich, die mich über Alles erheben; der erste ist der Gedanke: wir sind kein Spiel des blinden Zufalls, sondern wir stehen in Gottes Hand und die Vorsehung leitet uns, wenngleich durch Finsterniß, doch am Ende zum Licht, denn sein ganzes Wesen ist Licht; der zweite: wir gehen mit Ehren unter. Der König hat bewiesen, der Welt hat er es bewiesen, daß Er nicht Schande will, sondern Ehre, und Er ist besser, als sein Schicksal. Preußen will nicht freiwillig Sclavenketten tragen. Auch nicht einen Schritt hat der König anders handeln können, als Er gehandelt hat. Er, der die Wahrheit und Treue selbst ist, konnte seinem Charakter nicht ungetreu und an seinem Volke nicht zum Verräther werden. Wie dieses mitten im Unglück stärkt und hebt, kann nur der fühlen, den wahres Ehrgefühl durchdringt. Doch zur Sache. Durch die unglückliche Schlacht bei Fricdland kam Königsberg in Französische Hände. Wir sind vom Feinde gedrängt und wenn die Gefahr nur etwas näher rückt, so bin ich in die Nothwendigkcit versetzt, mit meinen Kindern Memel zu verlassen. Der König wird sich wieder mit dem Kaiser vereinigen. Ich gehe, sobald dringende Gefahr eintritt, nach Riga; Gott wird mir helfen, den Augenblick zu bestehen, wo ich über die Grenze des Reiches muß. Da wird es Kraft erfordern; aber ich richte meinen Blick gen Himmel, von wo alles Gute und alles Böse kommt, und mein fester Glaube ist, Gott schickt nicht mehr, und legt nicht mehr auf, als wir tragen können. Noch einmal, bester Vater, wir gehen unter mit Ehren, ge- 22 achtet von Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen. Wie beruhigend drescr Gedanke ist, läßt sich nicht sagen. Ich ertrage Alles mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit, die nur der innere Frieden des Gewissens und reine Zuversicht geben kann. Deßwcgcn sein Sie überzeugt, bester Vater, daß wir nie ganz unglücklich sein können, und daß Mancher, mit einer glänzenden Krone geschmückt und vom Glück umgeben, nicht so froh ist, als wir, mein Mann, unsere gesunden Kinder und ich, es sind. Gott schenke allen guten Menschen den Frieden der Brust, und noch immer wird auch der Unglücklichste Ursachen und verborgene stille Quellen der Freude haben. Noch eins zu Ihrem Tröste: daß nie etwas von unserer Seite geschehen wird, das nicht mit der strengsten Ehre verträglich ist, und was nicht mit dem Ganzen gehet. Denken Sie nicht an einzelne Erbärmlichkeiten. Der König steht mitten im Unglück ehrwürdig und charaktcrgroß da. Das wird auch Sic trösten: das weiß ich, so wie Alle,-die mir angehören. Ich bin auf ewig Ihre treue, gehorsame, Sie innig liebende Tochter, und, Gottlob, daß ich eS sagen kann, da Ihre Gnade mich dazu berechtigt, Ihre Freundinn Luise." „Noch immer sind meine Briefe hier, weil nicht nur Wind, sondern Stürme alles Auslaufen der Schiffe unmöglich machten. Nun schick ich Ihnen einen sichern Menschen, und fahre fort, Ihnen Nachrichten mitzutheilcn. Die Armee ist genöthigt gewesen, sich immer mehr und mehr zurückzuziehen und ist von Russischer Seite ein Waffenstillstand auf vier Wochen abgeschlossen worden. Ostmals klärt sich der Himmel auf, wenn man trübes Wetter vermuthet: es 23 kann auch hier sein. Niemand wünscht es so wie ich; doch Wünsche sind nur Wünsche und noch keine feste Basen. Also Alles von Dir — dort oben, du nie wankende Güte! Mein Glaube soll nicht aufhören; aber hoffen kann ich nicht mehr. Ich berufe mich auf meinen Brief, er ist mir aus der Seele geschrieben, Sie kennen mich ganz, wenn Sie ihn gelesen haben, bester Vater! Auf dem Wege des Rechtes leben, sterben, und wenn es sein muß, Brod und Salz essen, das ist unser fester Vorsatz. Nie werde ich ganz unglücklich sein; nur hoffen kann ich nicht mehr. Wer so von seinem Himmel herunter gestürzt, der kann nicht mehr hoffen. Kommt das Gute — o! kein Mensch kann es dankbarer empfinden, als ich es empfinden werde — aber erwarten thu ich nichts mehr. Kommt noch größeres Unglück, so wird es mich auf Augenblicke in Verwunderung setzen; aber beugen kann es mich nie, sobald es nicht verdient ist. Nur Unrecht unserer Scits würde mich zu Grabe bringen; doch dahin kommen wir nicht, denn ich fühle es mit edlem Bewußtsein, wir stehen bei Gott hoch. Sehen Sic, bester Vater, so kann der Feind der Menschen nichts über mich vermögen. Der König bleibt mit dem Kaiser vereint. Seit gestern sind sie in Tauroggcn, nur einige Meilen von Tilsit, wo der Französische Kaiser ist. Ich bin zu Ihren Füßen ganz die Ihrige Luis e." Einige Zeit später schrieb Sie: „Bester Vater! Mit uns ist es aus, wenn auch nicht für immer, doch für jetzt. Für mein Leben hoffe ich nichts mehr. Ich habe mich ergeben und in dieser Ergebung, in dieser Fügung des 24 Himmels bin ich jetzt ruhig, und in solcher Ruhe, wenn auch nicht irdisch glucklich, doch, was mehr sagen will, geistig glückselig. Es wird mir immer klarer, daß Alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Dse göttliche Bor- sehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat, und in sich selbst als abgestorben zusammen stürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lor- becrn Friedrich des Großen, der, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deßhalb überflügelt sie uns. — Das flehet Niemand klarer ein, als der König. Noch eben hatte ich -mit Ihm darüber eine lange Unterredung und Er sagte in sich gekehrt wiederholentlich: das muß auch bei uns anders werden. Auch das Beste und Ucberlegteste mißlingt und der Französische Kaiser ist wenigstens schlauer und listiger. Wenn die Russen und die Preußen tapfer wie die Löwen gefachten haben, müssen wir, wenn auch nicht besiegt, doch das Feld räumen, und der Feind bleibt im Vortheil. Bon ihm können wir Vieles lernen, und es wird nicht verloren sein, was er gethan und ausgerichtet hat. Es wäre Lästerung zu sagen, Gott sei mit ihm; aber offenbar ist er ein Werkzeug in des Allmächtigen Hand, um das Alte, welches kein Leben mehr hat, das aber mit den Außendingen fest verwachsen ist, zu begraben. Gewiß wird es besser werden ; das verbürgt der Glanbe an das vollkommenste Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Deßhalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem, jetzt freilich glänzenden Thron ist. Fest und ruhig ist nur allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist politisch, das heißt klug, und er rich- 23 tet sich nicht nach ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie nun eben sind. Dabei befleckt er seine Regierung mit vielen Ungerechtigkeiten. Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er und sein un- gemessencr Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein persönliches Interesse. Man muß ihn mehr bewundern, als man ihn lieben kann. Er ist von seinem Glück geblendet und er meint Alles zu vermögen. Dabei ist er ohne alle Mäßigung, und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt. Ich glaube fest an Gott, also auch an eine sittliche Wcltordnung. Diese sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht; dcßhalb bin ich der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird. Diese hoffen, wünschen und erwarten alle bessere Menschen und durch die Lobrcdner der jetzigen und ihres großen Helden darf man sich nicht irre machen lassen. Ganz unverkennbar ist Alles, was geschehen ist und was geschieht, nicht das Letzte und Gute, wie es werden und bleiben soll, sondern nur die Bahnung des Weges zu einem besseren Ziele hin. Dieses Ziel scheint aber in weiter Entfernung zu liegen, wir werden es wahrscheinlich nicht erreicht sehen, und darüber hinsterben. Wie Gott will; Alles, wie Er will. Aber ich finde Trost, Kraft und Muth und Heiterkeit in dieser Hoffnung, die tief in meiner Seele liegt. Ist doch Alles in der Welt nur Uebergang! Wir müssen durch. Sorgen wir nur dafür, daß wir mit jedem Tage reifer und besser werden. — Hier, lieber Vater! haben Sie mein politisches Glaubensbekenntnis;, so gut ich, als eine Frau, es formen und zusammensetzen kann. Mag es seine Lücken haben, ich befinde mich wohl dabei; entschuldigen Sic aber, daß ich Sie damit behellige. Sic sehen wenigstens daraus, daß Sic auch im Unglück eine 2K fromme, ergebene Tochter haben, und daß die Grundsätze christlicher Gottesfurcht, die ich Ihren Belehrungen und Ihrem frommen Beispiele verdanke, ihre Früchte getragen haben, und tragen werden, so lange Odem in mir ist. Gern werden Sic, lieber Vater, hören, daß das Unglück, welches uns getroffen, in unser eheliches und häusliches Leben nicht eingedrungen ist; vielmehr dasselbe befestigt und uns noch werther gemacht hat. Der König, der beste Mensch, ist gütiger und liebevoller, wie je. Ost glaube ich in Ihm den Liebhaber, den Bräutigam zu sehen. Mehr in Handlungen, wie Er ist, als in Worten, ersehe ich die Aufmerksamkeit, die Er in allen Stücken für mich hat, und noch gestern sagte Er schlicht und einfach, mit seinen treuen Augen mich ansehend, zu mir: „Du, liebe Luise! bist mir im Unglück noch werthcr und lieber geworden. Nun weiß ich aus Erfahrung, was ich an Dir habe. Mag es draußen stürmen, — wenn es in unserer Ehe nur gut Wetter ist und bleibt. Weil ich Dich so lieb habe, habe ich unser jüngst geborenes Töchterchen Luise genannt. Möge es seine Luise werden." Bis zu Thränen rührte mich diese Güte. Es ist mein Stolz, meine Freude und mein Glück, die Liebe und Zufriedenheit des besten Mannes zu besitzen, und weil ich Ihn von Herzen wieder liebe und wir so miteinander Eins sind, daß der Wille des Einen auch der Wille des Andern ist, wird es mir leicht, dicß glückliche Einvcrständ- niß, welches mit den Jahren inniger geworden ist, zu erhalten. Mit einem Worte, Er gefällt mir in allen Stücken und ich gefalle Ihm, und uns ist am wohlstcn, wenn wir zusammen sind. Verzeihen Sie, lieber Vater! daß ich dicß mit einer gewissen Ruhmredigkeit sage; es liegt darin der kunstlose Ausdruck meines Glückes, welches Keinem auf der Welt wärmer am Herzen liegt, als Ihnen, bester, zärtlicher Bater! Gegen andere Menschen, auch das habe ich von dem Könige gelernt, mag ich davon nicht sprechen; es ist genug, daß wir es wissen. Unsere Kinder sind unsere Schätze und unsere Augen ruhen voll Zufriedenheit und Hoffnung aus ihnen. Der Kronprinz ist voller Leben und Geist. Er hat vorzügliche Talente, die glücklich entwickelt und gebildet werden. Er ist wahr in allen seinen Empfindungen und Worten, und seine Lebhaftigkeit macht Verstellung unmöglich. Er lernt mit vorzüglichem Erfolge Geschichte und das Große und Gute zieht seinen identischen Sinn an sich. Für das Witzige hat er viel Empfänglichkeit und seine komischen, überraschenden Einfälle unterhalten uns sehr angenehm. Er hängt vorzüglich an der Mutter und er kann nicht reiner sein als er. ist. Ich habe ihn sehr lieb und spreche oft mit ihm davon, wie es sein wird, wenn er einmal König ist. Unser Sohn Wilhelm, (erlauben Sie, ehrwürdiger Großvater, daß ich Ihre Enkel nach der Reihe Ihnen vorstelle,) wird, wenn mich nicht Alles trügt, wie sein Vater einfach, bieder und verständig. Auch in seinem Acußcren hat er die meiste Aehn- lichkeit mit Ihm; nur wird er, glaube ich, nicht so schön. Sie sehen, lieber Vater, ich bin noch in meinen Mann verliebt. Unsere Tochter Charlotte macht mir immer mehr Freude; sie ist zwar verschlossen und in sich gekehrt, verbirgt aber, wie ihr Vater, hinter einer scheinbar kalten Hülle ein warmes, teilnehmendes Herz. Scheinbar gleichgültig geht sie einher; hat aber viel Liebe und Thcilnahmc. Daher kommt es, daß sie etwas Vornehmes in ihrem Wesen hat. Erhält sie Gott am Leben, so ahne ich für sie eine glänzende Zukunft. Carl ist gutmüthig, fröhlich, bieder und talent- 28 voll; körperlich entwickelt er sich eben so gut, als geistig. Er hat oft naive Einfälle, die uns zum Lachen reizen. Er ist heiter und witzig. Sein unaufhörliches Fragen setzt mich oft in Verlegenheit, weil ich es nicht beantworten kann und darf; doch zeigt es von Wißbegierde — zuweilen, wenn er schlau lächelt, auch von Neugierde. Er wird, ohne die Theilnahme an dem Wohl und Wehe Anderer zu verlieren, leicht und fröhlich durch's Leben gehen. — Unsere Tochter Alcxandrine ist, wie Mädchen ihres Alters und Naturells sind, anschmiegend und kindlich. Sie zeigt eine richtige Auffassungsgabe, viel Verstand, eine lebhafte Einbildungskraft, und kann oft herzlich lachen. Für das Komische hat sie viel Sinn und Empfänglichkeit. Sie hat Anlage zum Satyri- schcn und flehet dabei ernsthaft aus, doch schadet das ihrer Gemüthlichkeit nicht. Von der kleinen Luise läßt sich noch nichts sagen. Sie hat das Profil ihres redlichen Vaters und die Augen des Königs, nur etwas Heller. Sie heißt Luise; möge sie ihrer Ahnfrau, der liebenswürdigen und frommen Luise von Oranicn, der würdigen Gemahlinn des großen Churfürstcn, ähnlich werden. Da habe ich Ihnen, geliebter Vater, meine ganze Gallcrie*) vorgeführt. Sie werden sagen: das ist Mal eine in ihre Kinder verliebte Mutter, die an ihnen nur Gutes flehet, und für ihre Mängel und Fehler keine Augen hat. Und in Wahrheit, böse Anlagen, die für die Zukunft besorgt machen, finde ich an allen nicht. Sie haben, wie andere Menschenkinder, auch ihre Unarten; aber diese verlieren sich mit der Zeit, so wie Der Prinz Albrccht, das jüngste Kind, war damals, als die Königinn dieß schrieb, noch nicht geboren. 20 sie verständiger werden. Umstände und Verhältnisse erziehen den Menschen, und für unsere Kinder mag es gut sein, daß sie die ernste Seite des Lebens schon in ihrer Jugend kennen lernen. Wären sie im Schooße des Ueberflusses und der Bequemlichkeit groß geworden, so würden sie meinen, das müsse so sein. Daß es aber anders kommen kann, sehen sie an dem ernsten Angesicht ihres Vaters, und an der Weh- muth und an den öftern Thränen der Mutter. Besonders wohlthätig ist es dem Kronprinzen, daß er das Unglück schon als Jüngling kennen lernt; er wird das Glück, wenn, wie ich hoffe, künftig für ihn eine bessere Zeit kommen wird, um so höher schätzen und um so sorgfältiger bewahren. Meine Sorgfalt ist meinen Kindern gewidmet für und für, und ich bitte Gott täglich in meinem sie einschließenden Gebete , daß er sie segne und seinen guten Geist nicht von ihnen nehmen möge. Mit dein trefflichen Hufeland sympathisire ich auch in diesen Stücken. Er sorgt nicht bloß für das physische Wohl meiner Kinder, auch für das geistige derselben ist er bedacht; und der biedere, freimüthige Borowsky, den der König gern sieht und lieb hat, stärkt darin. Erhält Gott sie uns, so erhält er meine besten Schätze, die Niemand mir entreißen kann. Es mag kommen, was da - will, mit und in der Vereinigung mit unfern guten Kindern werden wir glückselig sein. Ich schreibe Ihnen dicß, geliebter Vater, damit Sie mit Beruhigung an uns denken. Ihrem freundlichen Andenken empfehle ich meinen Mann, auch unsere Kinder alle, die dem ehrwürdigen Großvater die Hände küssen; und ich bin und bleibe, bester Vater, Ihre dankbare Tochter Luise." 30 Dieser schöne, aus dem Herzen kunstlos und wahr geflossene Brief der Königinn läßt einen tiefen Blick thun in Ihr Innerstes, Wir sehen, daß Mutterliebe in ihrer tiefen Kraft es war, was in Ihr lebte und wogte; und wenn sie unglücklich war, in Hinsicht auf Weltercignisse, die Alles in ihrem tobenden Strudel mit fortrissen, so war Sie doch die glücklichste Ehefrau und Mutter. Diese Compensatio» erhielt in Ihr eine Erhebung des Gemüthes, eine Ruhe der Seele, die Sie fähig machte, sich aufrecht zu erhalten und Alles, was eingebrochen war, mir Fassung und Würde zu ertragen. In dieser Stimmung und Richtung vermochte Sie es, bei dem endlich eintretenden Frieden, dessen Schmach unter dem Namen des ,,Tilsiter" bekannt ist, den fürchterlichen Mann persönlich zu sehen und zu sprechen, der ihn als Sieger dictirte, in dessen damals Alles vermögender Hand die Macht lag. — Er, der Kaiser Napoleon Bonaparte, hatte dieß gewünscht, theils um seinen Ehrgeiz und Stolz zu befriedigen, dann aber auch aus Neugierde, um die schönste Frau, die gedcmüthigte Königinn, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Seine nächste Umgebung, besonders der schlaue Talleyrand, der die Empfänglichkeit seines Herrn für weibliche Schönheit und Reize kannte und fürchtete, *) hatte seine Zusammenkunst mit der Königinn zu verhindern gesucht und legte allerlei Schwierigkeiten, um sie zu verhüten, in den Weg. Sie kam .aber doch zu Stande, weil der Kaiser sie wollte, und die Königinn war willig, sich diese Demüthigung und Selbstverleug- Man sehe die Nachrichten von ihm und über ihn. 3l nung gefallen zu lassen. „Was mich das kostet," schrieb Sie damals, „weiß mein Gott; denn wenn ich gleich den Mann nicht hasse, so sehe ich ihn doch als den an, der den König und sein Land unglücklich gemacht. Seine Talente bewundere ich, aber seinen Charakter, der offenbar hinterlistig und falsch ist, kann ich nicht lieben. Höflich und artig gegen ihn zu sein, wird mir schwer werden. Doch das Schwere wird einmal von mir gefordert. Opfer zu bringen, bin ich gewohnt." *) Bollkommen mit sich einig, voll von der Würde, welches ein ruhiges Selbstbewußtsein giebt, ging Sie mit der Unbefangenheit, die Ihr eigenthümlich unter allen, auch den traurigsten Verhältnissen und schwersten Aufgaben als Wahrheit des Charakters blieb, nach Tilsit, um den Kaiser Napoleon zu sehen und zu sprechen. Welche Contrastc! — vielleicht hat die Welt sie nie ärger und schreiender gesehen., Er der Sieger, der König der Besiegte, Sie und Ihr Haus. Er der Glückliche, Sic die Unglücklichen. "Er der Ueberwinder, Sie die Gedemüthigten. Er mit Pracht, Stärke und Herrlichkeit umgeben, Sie auf die Grenze Ihres Reiches reducirt und ohnmächtig. Er in dem stolzen Gefühl seiner Alles vermögenden Stärke, Sic nach allen Anstrengungen und Opfern klein und ohne Land und Leute. Er das Schicksal und die Verfügung in seiner Willkühr, Sie von seiner Gnade abhängig. Er stolz und gebieterisch, Sie herabgedrückt und unglücklich. Die Geschichte, besonders die ältere, stellet uns Beispiele ähnlicher ') So schrieb Sic damals in Ihr Tagebuch auf dem ominösen Wege nach Tilsit. 32 Art, von der einen Seite des Ucbermuthes im Glücke, von der anderen der tiefen Demüthigung und Widerwärtigkeit, vor Augen; aber die Zusammenkunft des siegreichen Französischen Kaisers Napoleon mit dem Könige von Preußen Friedrich Wilhelm III. und Seiner Gemahlinn Luise gehört zu den seltenen Weltbcgebenhciten, wie man sie nicht weiter in dieser Art gesehen hat. Um das Zwingende, die innere Disharmonie dieser unnatürlichen Zusammenkunft zu verstecken und zu befirnissen, ließ der reiche Kaiser die Königinn, sie äußerlich zu ehren, in einem prachtvollen achtspännigcn Staatswagen unter einer zahlreichen und glänzenden Bedeckung von den Dragonern der Garde abholen. Der König, der die äußere Herrlichkeit nicht wollte, weil Er ihrer nicht bedurfte, *) war *) Er fuhr in einem einfachen Wagen, auch nachher, wieder groß und reich, wenn Er nicht auf Reisen war, immer nur mit 2 Pferden, ohne Bedeckung, und mit einfach gekleideter, nur nö- thiger Bedienung. Es lag in Seiner Natur, einfach zu sein und alles Unnöthige von sich zu thun. Wo zwei Pferde hinreichten, um schnell und sicher von einem Orte zum andern zu kommen, brauchte Er nie viere. Aussehen machen und die Augen der großen Menge auf sich zu ziehen, liebte Er nicht und Sein Inneres gab sich kund und trat hervor in Allem, was Ihn umgab. Er war wahr in allen Stücken; nie konnte Er Etwas scheinen, was Er nicht war; vielmehr schien Er weniger, als Er war. Ein wahrer Deutscher Charakter. Das Wort „IZquipa^a" ist Französischen Ursprungs; und es ist psychologisch lehrreich, daß ein Einspänner in dieser Sprache ein üomi - iorluna heißt. Einen Einspänner hält sich, wer nicht zwei Pferde halten kann. Bei einer Equipage ist von der lortune nicht mehr die Rede. — Das wahre Glück und die Zufriedenheit wohnet da, wo man nur das hat, was man eben braucht und genießt. Der Reichthum macht satt, und diese Sattheit, die nichts vermißt, macht unlustig. Zufällig nach 33 ernst, voll innerer und äußerer Haltung; die Königinn voll Herz gewinnender Anmuth und Unbefangenheit. Diese verließ sie auch in dem Augenblick nicht, der Alles" in sich vereinigte, was befangen und verlegen machen konnte. Befangen und verlegen war aber der mächtige Kaiser, und überrascht von der Würde des Königs und der Schönheit der Königinn, sagte er viel Verbindliches und Schmeichelhaftes, wobei Er vorzüglich die Rede an Sie richtete. Sie, ohne darauf zu achten, nahm das Wort, — bedauerte, daß die Treppe des Hauses, welches zu der Zusammenkunft gewählt war, für ihn unbcguem sei, und erkundigte sich nach seinem Befinden in dem schon nördlichen und unfreundlichen Clima. Nachdem er, die Gerte in der Hand hin und her bewegend, hierauf geantwortet, wandte er sich zum Könige und sagte: „Sirc! Ich bewundere die Größe und Stärke Ihrer Seele bei so vielem und großem Unglück." Und der König antwortete wahr, ruhig und fest: „Die Stärke und Ruhe der Seele giebt nur die Kraft eines guten Gewissens." Sei es nun, daß Napoleon durch diese einander besuchten mich ein reicher Graf, der mit Vieren fuhr, und ein unbemittelter Rector, Beide erzählten mir, daß sie eine Reise nach dem Harze gemacht. Bei Jenem war von der Art und Weise nicht die Rede, es verstand sich von selbst, daß sie bequem war. Dieser konnte in seiner Heiterkeit nicht aufhören, zu rühmen, wieviel Freude ihm, seiner Frau und seinen Kindern, der von ihm selbst gefahrene und gcmicthete Einspänner gemacht hätte. Wer von Beiden war am Besten daran? Der reiche Gras, oder der unbemittelte Rector? Jener ist glücklich, dieser glückselig. Es ist ein wahres und tiefes Wort: „Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und läßt sich genügen an dem, was da ist": Genügsamkeit setzt Beschränktheit voraus, ohne Schranken aber ist Zerflossenheit. II. P) 3 34 treffende Acußerung gereizt (piquirt) wurde, oder daß er seiner stolzen Natur übermüthig folgte, genug er sagte, wenigstens in Gegenwart der Königinn, unzart: „Aber wie konnten Sie es wagen, mit mir, der ich schon mächtigere Nationen besiegt, Krieg anzufangen?" Der König, wohl fühlend, daß in dieser Frage viele anderen lagen, und daß jede Antwort wcitläuftige Debatten mit sich führen würde, sah ihn fest und scharf an; die gewandte Königinn antwortete dagegen mit Würde: „Sire, dem Ruhme Friedrichs des Großen war es wohl erlaubt, über unsere Kräfte uns zu täuschen. Wir haben uns getäuscht; so war es beschlossen." Die Königinn brach dieses dornigte Gespräch ab und gab ihm eine leichtere andere Wendung. *) Man ging darauf zu Tische, bei welchem prächtigen Diner Napoleon den Wirth machte und die Königinn zur rechten, der König zu seiner linken Seite saß. Der König, ernst und in sich gekehrt, sprach wenig, aber treffend und gut. Ohne alle politische Beziehung, wenigstens nicht ausgesprochen, war von jugendlichen Erinnerungen die Rede und der König brauchte das Wort: die Wiege. Napoleon lachte auf seine Art und machte die Bemerkung: „Wenn der Junge erwachsen ist, vergißt er die Wiege, und diese wird bei Seite geschafft." „Ja," antwortete der König, „aber die Ab- und Anstammung kann man nicht vergessen und der gute Mensch stehet mit Nachdenken , Gefühl und Dank die Wiege an, worin er als Kind gelegen." Diejenigen, welche den König in diesem Augenblick beobachtet, versichern, es' habe in Seiner Stimme und ') Aus der mündlichen Mittheilung eines anwesenden Ohren- und Augenzeugen. 35 in Seinein Tone etwas Eigenes, Bezeichnungrcichcs, gelegen. Wahrscheinlich dachte Er in Schmerz an die Seinem Hause angestammten alten Provinzen, die Er abtreten sollte. Unfähig, sich zu verstellen, war Ihm in dieser Nähe nicht wohl. Er antwortete noch kürzer, als es Seine Gewohnheit war, doch stets fest und männlich. Napoleon nannte nachher dieß: „stätsch." Er und seine Wahrhaftigkeit blieb in jedem Augenblick, auch dem vcrhängnißvollen, sich selbst treu. Er überließ lieber die Unterhaltung Seiner gewandten Gemahlinn, die bei aller Treue und Unschuld des Charakters mehr die Sprache in Ihrer Gewalt hatte und sich leichter in beliebte Formen gewandt schmiegen konnte. Mit vieler Klugheit vermied Sie politische Corden, und ohne dem mächtigen Französischen Kaiser zu schmeicheln, was Sie nicht konnte und wollte, sprach Sie viel und, Ihrer Ucberzcugung gemäß, mit Achtung und Wohlwollen von der damaligen Kaiserinn Jo- scphine. Der Kaiser war von der Königinn Luise ganz eingenommen. Eine solche weibliche Anmuth und Würde war ihm noch nicht vorgekommen. Seine Bewunderung wuchs mit jedem Augenblick und er sagte nachher zu Talleyrand: „Ich wußte, daß ich eine schöne Königinn sehen würde, und ich habe die schönste Königinn und zugleich die interessanteste Frau gefunden": ein Urtheil des Mannes, der zuvor die Königinn bei jeder Gelegenheit verhöhnte, sie als eine Jntri- guantinn schilderte und lächerlich machte, zum Beweise, daß Sie Etwas besaß und Etwas in Ihr lag, was auch Feinde versöhnen und gewinnen konnte. Nach dem unglücklichen Frieden von Tilsit, der dem Könige die Hälfte Seines Königreiches nahm, und die andere Hälfte in den Händen der Feinde ließ, so daß man sich nicht 3» frei regen und bewegen konnte, schrieb die Königinn an Ihren verehrten Bater: „Der Friede ist geschlossen; aber um einen schmerzhaften Preis: unsere Grenzen werden künftig nur bis zur Elbe gehen. Dennoch ist der König größer, als sein Widersacher. Nach Eylau hätte Er einen vvrtheilhaften Frieden machen können; aber da hätte Er freiwillig mit dem bösen Prinzip unterhandeln und sich mit ihm verbinden müssen; jetzt hat Er unterhandelt, gezwungen durch die Roth, und wird sich nicht mit ihm verbinden. Wir sind moralisch frei geblieben; das wird zur politischen Freiheit führen. Ich bin gewiß, lieber Vater! Preußen wird dieser schmähliche Friede und die Art und Weise, wie er geschlossen, einst, wenn ich es auch nicht erlebe, über kurz oder lang, Segen bringen. Auch hätte der König einen treuen Alliirtcn verlassen müssen; das wollte, das konnte Er nicht, der die Treue und Wahrheit selbst ist. Noch einmal: diese Handlungsweise wird Preußen einst Glück bringen, das ist mein fester Glaube." In diesem festen Glauben, den das Unglück immer tiefer wurzeln ließ, sah die herrliche, wahrhaft erlauchte Frau die großen Begebenheiten der Welt und ihren Gang an. So räthselhast und verworren er auch schien, so wurde Sie doch nicht irre und wankend in Ihrem Vertrauen auf die göttliche Weltregicrung. In dieser war das Sittliche die Hauptsache, um welche sich alles Aeußcre nur als Schale anschließt, die abfällt von selbst, sobald der Kern reis ist. Mit sinnigem Blick betrachtete Sie die großen Analogsten zwischen den Erscheinungen der Natur und den Begebenheiten der Welt. Wie in jedem einzelnen Menschen, so sei in Allen, also auch in ganzen Völkern und Nationen, wenngleich in mannigfachen 37 Modisicationcn und Gradationen nach dem Standpunkte der Cultur, das Sittcngesetz, oder die moralische Natur, der feste Punkt, um den sich Alles drehe und bewege. — Dicß sei der goldene Faden, der durch alle Jahrhunderte in der Geschichte der Völker fortlaufe. Sie glaubte als gleichbleibende Regel und als leitenden Grundsatz zu bemerken und in den Begebenheiten der Welt zu finden, daß durch Sittcn- losigkeit und Ucbermuth, durch Stolz und Sicherheit verderbte und cingcschlafene Völker, durch natürlich einbrechendes Unglück gezüchtiget und durch Leiden und Drangsale gestählt und gebessert, wieder gehoben nnd mächtig würden. Wenn Sie in diesem moralischen Kreisläufe, der gleichwohl ein fortschreitender zum Besseren sei, auf der einen Seite, eine Demüthigung in Ihrem Schmerze fand, so fand Sie darin auf der andern Seite Erhebung, Trost und Hoffnung. Darum verzagte Sie uicht. Es hatte sich zwar in Ihrer Gemüthsstimmung eine gewisse Wehmuth eingefunden: aber da diese nicht Weinerlichkeit, sondern mit Klarheit und Lebendigkeit verbunden war, so machte diese Ihren weiblichen Charakter um so anziehender. Dazu kam, daß Sie nur mit Geistesverwandten über Ihre Lage und die Leiden der Zeit sprach; im gewöhnlichen Leben war Sic heiter und man merkte es Ihr nicht an, daß Sic in einsamen Stunden ernsten Betrachtungen nachhing. Ihre Frömmigkeit war nicht (was man durchgängig bei schwer geprüften Frauen findet) eine gedrückte, weinerliche, sondern, zum Beweise der Gesundheit und Wahrheit, eine ruhige und heitere, so daß, wenn man Sie sah und sprach, man hätte glauben sollen, es mangle Ihr gar nichts und es wäre Alles so, wie es sein sollte. Sie las und studirte, wie schon oben bemerkt, Geschichte, besonders die ältere, und fand darin 38 Trost und Aufheiterung. Sie erbaute sich am Meisten, wenn Sie sogenannt^ profane Schriften las. So schrieb Sic unter Anderem an den alten Herzog, Ihren Vater, vor dem Sie, eine gute Tochter, am Liebsten Ihr Herz ausschüttete: „Ich lese viel und denke viel, und, wenngleich von Leiden und Leidenden umringt, giebt es Tage, mit denen ich zufrieden bin, besonders dann, wenn ich aus den Begebenheiten der Vergangenheit, selbst den unglücklichsten und vcrhängnißvoll- stcn, lerne, wie gerade sie das Mittel und der Weg zu Größerem, zur in der Hitze gereisten Tugend, geworden sind. Es ist wahr, daß die Menschen und die Gegenwart keinen Antheil daran haben, in meinem Innern bereitet sich Alles. Das Bedürfniß, in Idealen zu leben, war mir von jeher eigen und gehört zu meiner Natur. Vor allen Dingen (darauf kommt Sie am Liebsten und immer wieder zurück) ist es die Freundschaft des. Königs, Sein Zutrauen und Seine liebevolle, zarte Begegnung, welche mein Glück ausmachen. Der König ist herzlicher und besser, als je, für mich. Großes Glück und große Beruhigung für mich nach 14 jähriger Ehe; wir sind uns neu geblieben und unentbehrlich geworden." Bei jeder schicklichen Gelegenheit, aber auch nur bei dieser, denn Sic war bei aller Offenherzigkeit doch nicht geschwätzig, sprach Sie Ihre Gedanken und Ansichten über Gegenwart und Zukunft, über den Gang und die Lage der Dinge aus, und Sie that es um so lieber, da Sie auch hierin mit dem Könige übereinstimmend dachte. Mit Ihm theilte Sie zwar den Schmerz über die vernichtenden Bedingungen des Tilsitcr Friedens; aber Sie empfand es mit Dank, daß der Preußische Staat, der ganz in den Händen 39 des siegreichen Feindes war, nicht ganz vernichtet wurde. Es war von ihm so viel übrig geblieben, daß sich das neue Werk denn doch an das alte wieder anknüpfen ließ. Dcß- halb war Sie ohne Murren und mißbilligte dasselbe bei Anderen. Sie tadelte gewaltsame Maßregeln und Eingriffe, welche das Ucbel nicht heben, sondern leicht dasselbe, wenn sie mißlangen, härter und ärger machen konnten. Deßhalb versprach Sie sich von dem sogenannten „Tugcndbunde" wenig; und noch weniger der König. Er duldete ihn, oder vielmehr Er that, als wenn er nicht da wäre, und ging ruhig Seinen Weg. Mit Ihm war die Königinn der Uebcrzeu- gung, daß die Zeit und ihre große Sache in den Händen der göttlichen Vorsehung liege und ihre Fügungen und Winke in wirklichen Begebenheiten abgewartet werden müßten. Dieß Vertrauen dürfe aber kein unthätigcs sein, sondern Alles, was gcthan werden müsse, um eine bessere Zukunft herbeizuführen, müsse geschehen. Vorzüglich zeichnet sich in dieser Beziehung ein Schreiben der Königinn aus an den damaligen Probst Hanstein, der Sie gebeten hatte, das zum Besten armer Kinder errichtete Institut „Luisen-Stift" nennen und unter Ihr Protectorat stellen zu dürfen. Sie antwortete darauf eigenhändig Folgendes: „Neigung zum Wohlthun war von jeher ein hervorstechender Zug in dem Charakter der Berliner; nie hat sich derselbe schöner entwickelt, als in dem eben beendigten unglücklichen Kriege, und durch die von Ihnen, würdiger Herr Probst, angezeigte Stiftung zum Unterhalte, Erziehung und Unterricht unberathener Knaben von armen noch lebenden Eltern. Für Waisen fehlt es nicht an Stiftungen mancherlei Art; aber an Hülssbedürftige aus der genannten Klasse -ll) war nicht bisher gedacht. Diese Anstalt verdient daher allgemeinen Dank und lebhafte Theilnahme. Ich aber bin sehr gerührt durch den zarten Beweis von Achtung, Vertrauen und Liebe, den die Stifter nach Ihrem Schreiben vom 12. dieses Monats mir dadurch gegeben, daß sie die Stiftung nach meinem Namen nennen und unter meinen Schutz stellen wollen. Mit Freuden nehme ich nicht nur Beides an, sondern übernehme auch die nach dem Etat aus- gcmitteltcn Unterhaltungskosten für vier Zöglinge, indem ich Sie, Herr Probst, ersuche, solche auszuwählen, und nach Inhalt des Reglements ihnen einen Vormund zu setzen. Beikommende 1fll> Stück Friedrichsd'or bitte ich zur ersten Einrichtung der Anstalt zu verwenden. *) Der Krieg, der so viel unvermeidliches Nebel über die Nation brachte, deren Landcsmutter zu sein mein Stolz ist, hat auch manche schöne Frucht zur Reife gebracht und für so vieles Gute den Samen ausgestreut. Vereinigen wir uns, ihn mit Sorgfalt zu pflegen, so dürfen wir hoffen, den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend reichlich zu ersetzen. Sie, Herr Probst, haben redlich das Ihrige gethan, nach diesem Ziele hinzuwirken. Mehrere Ihrer würdigen Amts- ") Am Neujahr desselben unglücklichen Jahres l8N7 hatte Sic INöl) Thaler in Gold zur Vertheilung an die Hiilfsbedlirftigcn durch das Armcndirectorium geschickt: eine für die» damalige trübselige Zeit, in der Sie sich selbst behelscn mußte, große Summe. Aber Sie gab fröhlich, was Sie hatte, und wenn Sie selbst kein Geld hatte, gab Sic das - Umschlagetuch, das Sie eben trug. Siehe 2ten Theil, lste Hälfte, S. 227 dieser Schrift. ") Damals lebende und wirkende Männer, wie Sack, Ribbcck, Hermes, Schlciermacher, und mehrere Andere, standen unstreitig ^ .-HS? 41 brüder haben mit Ihnen gewirkt. Sie haben dadurch in den Berlinern den Geist erweckt und erhalten, in welchem allein höher; doch gehört auch zu ihnen der Probst Hanstein und sein Name wird immer, wenn jener Zeit gedacht wird, unter den würdigen Geistlichen in Ehren gedacht werden. Er war ein- Mann, der theologische Bildung und Popularität glücklich miteinander verband. Er war ein vorzüglicher Prediger, den der gemeine Mann und der Gebildete gern hörte. Die praktischen Wahrheiten des Christcnthums trug er in einer angenehmen Sprache zeitgemäß mit einem sonoren und wohlklingenden Organe so vor, daß er, vorzüglich früher, in Tellers, seines Amts- vorgängcrs, Zeiten, leerer nun eine volle Kirche hatte. Er. war ein Mann des Volkes und in seinem menschenfreundlichen Charakter, wiewohl er in complicirten Acmtern lebte und wirkte, und seine Zeit und Kräfte sehr in Anspruch genommen waren, doch immer bereit, Zedermann zu helfen. In der schweren Zeit I8W 1812 gab es viele Unglückliche; aber fast jede Collecte übernahm er, und sein geliebter, Vertrauen erweckender Name stand immer an der Spitze. Er war in dieser Beziehung sehr glücklich, und dicß wohl fühlend, und von dem Weihrauch, den der große Hause ihm streute, berauscht, nahm er eine gewisse Gravität an, die zu seiner körperlichen Kleinheit nicht gut passc-n wollte. Der schlichte und einfache, aber besonders in früherer Zeit satyrische und humoristische Schleicrmacher machte bei jeder Gelegenheit diese Würde, wo ihm und seinem scharfen Geiste nicht genug dahinter war, lächerlich, und in seiner geharnischten Schrift gegen den G. O. I. R. Schmalz sagt er unter Anderem: ,,cs blieb mir in der bangen Stunde (wo er und Hanstein, citirt, vor dem Französischen Gouverneur in Berlin standen) nur der einzige Trost über, de- und wehmü- thig hinzublicken nach dem strahlenden Haupte unsers allverehrten Herrn Probstes Hanstein." Uebrigens gereicht es demselben zur unvergäyglichcn Ehre, daß er in der gefährlichen Zeit in seinen Predigten Liebe, Treue und Anhänglichkeit für den rechtmäßigen König, Sein Haus und Seine Sache, mit großer Gewandtheit und Freimüthigkeit zu stärken und zu be- 42 man sich im Unglück mit Würde betragen kann. Dadurch ist das Band der Liebe, welches die Nation mit ihrem Herrscher verbindet, nur um so fester geknüpft worden; sowie die Freude des Wiedersehens, wonach die Sehnsucht wechselseitig festigen suchte. Da die meisten seiner gern gehörten Kanzel- vorträgc oft in mehreren Auflagen gedruckt wurden, so wirkte er auch auswärts viel Gutes; wiewohl die ebenfalls gedruckten Predigten von Ribbcck, Sack und Schleiermachcr, gründlicher, logisch geordneter, geistreicher und lehrreicher sind. Im Leben war Hanstein exemplarisch; mit großer Borsicht wachte er über seine Zunge und seine Schritte, und sein Haus war der Wohnsitz der Gastfreundschaft. Er starb, weil er Alles weggab, in dürftigen Umständen, und sein von Berlin gefeiertes Begräbnis bewies die große Liebe und Achtung, die er in der Stadt genossen. Gern gedenke ich bei dieser Gelegenheit seines Bruders, des Predigers Hanstein zu Potsdam an der Nicolaikirchc. Er ist weniger bekannt; aber es war ein würdiger Mann und sein Andenken lebt noch in Segen fort. Er war ein gewissenhafter Diener der Gemeinde und besaß die schöne Gabe, gründlich, biblisch, zeitgemäß und natürlich beredt, angenehm zu sprechen. Seine nachgelassenen gedruckten Predigten sind davon ein satt- samcr Beweis. Im Umgange war er bescheiden und demüthig; er ging still einher; in seinem Charakter und in seiner Stimme lag eine Wehmuth, die wohlthucnd war, weil sie eine feste Männlichkeit hatte. Er lebte nur seinem Amte, den Gemeindegliedern, und vorzüglich den Armen. Als Sckretair der Bibelgesellschaft war er derselben sehr nützlich und beförderte die Verbreitung der heiligen Schrift auf eine ihrer göttlichen Würde angemessene Weise. Die mit ihm in Amtsgcschäftcn und Freundschaft verlebten Stunden zähle ich zu den besten. Weil er mehr war, als er schien, wurde er oft verkannt, und erst nach seinem Tode, der ihn im Berufe überraschte, erst recht gcwür- diget. >Vve Pia anima. 43 gleich groß ist, desto reiner sein wird. Ihre wohlaffec- tionirte Luise." Memel, den 3Isten August I8l)7. Das große Drama der Zeit war nach dem Tilsiter Frieden in einem Acte geschlossen und jeder Patriot suhlte, daß die große Angelegenheit damit nicht zu Ende sei, wiewohl Keiner einsah, wie und woher die ändernde Hülfe kommen sollte und könnte; Jeder fürchtete nach dieser bösen Zeit vielmehr eine noch bösere. Der Kaiser Napoleon, den ein unersättlicher Ehrgeiz trieb und drängte, war froh und glücklich, den mächtig geglaubten König von Preußen gedemü- thigt, und mit der Hälfte seines Reiches bereichert, sich größer und mächtiger gemacht zu haben. Er stand damals auf dem Culminationspunktc seiner Stärke, dem kein Ding unmöglich schien; selbst Johannes Müller, bis dahin Preußischer Historiograph, sprach ohne Scheu das blasphcmische Wort aus: „Gott habe dem allmächtigen Sieger die Welt übergeben." In dieser Selbstvergöttcrung sah man ihn damals als einen wunderbaren Mann an; seine Soldaten nannten mit Begeisterung seinen weltberühmten Namen, und Jeder, der in seine Nähe kam, beugte sich und zitterte vor ihm. Selbst der Kaiser von Rußland, Alexander, scheint von ihm eine große Meinung gehabt zu haben. Den Französischen Heroismus hatte die Tapferkeit der Russischen Truppen nicht besiegen können; sie mußten, als stumpf vor der größeren Schärfe, die Waffen niederlegen; und doch ist es die Frage, ob der Tilsiter Friede ohne den Einfluß des Russischen Kaisers nicht noch kläglicher ausgefallen sein würde. Beide kehrten, freilich mit ganz verschiedenen Empfindungen, der Eine nach Paris, der Andere nach Petersburg zurück. 44 Beide nahmen mit militairischem Prunke Abschied von einander. Die Stadt Tilsit ist von Süden nach Norden von einer breiten und großen Straße durchschnitten. Kaiser Napoleon wohnte an ihrem nördlichen Ende; sür Kaiser Alexander war in einem Hause am südlichen Ende der Straße ein Absteigequartier bereit gehalten: neben diesem Hause ging die Seitenstraße zum Mcmelstrome hinab. Am IZtcn Juli 1897, Morgens 9 Uhr, ertönte die prachtvolle Regimcntsmusik der unter Anführung des Großfürsten Constantin in die Stadt einrückenden Russischen Garden, Es war das glänzendste Truppencorps, das man sehen konnte, und das in dicht aufeinander geschobenen vierfachen Reihen sich auf der westlichen Seite der Straße vom Quartiere Alexanders bis zu dem Napoleon's ausstellte. Gleichzeitig marschirten von einer andern Seite her die Französischen Garden aus, und besetzten die östliche Seite der Straße zwischen den beiden kaiserlichen Quartieren. Die Französischen Garden waren der Zahl nach geringer, als die Russen, und diesen, ausdrucksvollen orientalischen Ansehens, gegenüber, erschienen die Franzosen klein und schmächtig. Die Regimentsmusiken der beiderseitigen Truppen spielten abwechselnd. Die Soldaten standen still, mit feierlichem Ernste sich einander gegenüber, und Sieger und Besiegte hatten sich so nahe wohl noch nie angeschen; doch bemerkte man in den Physiognomien und in der Haltung der Franzosen siegreichen Hohn, und bei den Russen Verbissenheit. Plötzlich erschien Kaiser Alexander in größter Galla zu Pferde, umgeben und gefolgt von einer glanzvollen zahlreichen Suite, und ritt inmitten der aufgestellten Truppen zum Kaiser Napoleon. Es dauerte nicht 45 lange, so kehrten beide Monarchen zu Pferde auf demselben Wege zurück. Napoleon war im einfachen grünen Rocke mit dem kleinen dreieckigen Hute, wie man ihn gewöhnlich abgebildet flehet. Sein Auge war scharf, messend und ernst, auf die Russischen Garden gerichtet. Man ritt langsam; seinen Mund umspielte ein ganz eigenes feines Lächeln. Am rechten Flügel der Russen angelangt, hielt Napoleon sein Pferd an, und schien, nach den höflichen Verbeugungen Alexandcr's und Constantin's, verbindliche und angenehme Aeußerungen über die Russischen Truppen zu machen. Es war eine interessante Scene, drei verschiedene hochgestellte Männer, den mächtigen Französischen, den gewandten Russischen Kaiser, und den Großfürsten mit seinem asiatischen Gesicht und Wesen, nach blutigem Kampfe in diplomatisch artiger und höflicher Weise in dieser Gruppirung unter solchen Umständen zu sehen. Nachdem dieß vorüber war, zog der Kaiser Napoleon aus der Westentasche ein Ordenskrcuz hervor. Auf das Commando Constantin's trat der rie- senartigc Flügelmann hervor, und der Französische Kaiser reichte es ihm unter verbindlichen Aeußerungen, die er diesem und dem ganzen Corps machte. Als dieser das Zeichen der Ehre und Tapferkeit zum Andenken im Namen Aller empfangen hatte, ertönte von allen Seiten ein donnerndes Hurrah bei dem Wirbeln hundertfältiger Trommeln, und der Frcudenschall der Militairmusik stürmte dazwischen. Die beiden Kaiser reichten sich brüderlich die Hände, Constantin lächelte faunenhaft, und Alle ritten langsam nach dem Quartier Alcrander's, wo sie abstiegen und in welches dieser seinen kaiserlichen Freund zum Frühstück hineinführte. Nachdem sie solches eingenommen, kehrten sie zurück, bestiegen wieder die Pferde, und ritten an dem Memelstrom hinab, wo Barken 46 in Bereitschaft lagen. Noch lange sprachen die gekrönten Herrscher und der Großfürst, währenddem das glänzende Gefolge in ehrerbietiger Entfernung stand, unter gegenseitigen Höflichkeitsbezeigungen miteinander, und sie umarmten sich zu verschiedenen Malen herzlichst. Der Russische Kaiser und Constantin bestiegen das für sie bestimmte prächtige Schiff; die übrigen dazu Gehörigen die andern Kähne. Man stieß ab und unter dem donnernden, lange anhaltenden Hallen und Verhallen der Kanonen fuhren durch die schäumenden Wellen in harmonischen Rudcrschlägen die Russischen Schiffe vorüber und weiter. Napoleon blieb mit entblößtem Haupte so lange am Ufer stehen, bis die kaiserliche Barke die Mitte des Stromes erreicht hatte; dann schwenkte er zum Abschiedsgruße nochmals seinen Hut, empfing in tiefen Verbeugungen die gegenseitige Erwiederung, bestieg seinen arabischen Schimmel und galloppirte nach seiner Wohnung zurück. Die beiderseitigen Garden waren inzwischen wieder ab- marschirt, die Russischen in das Lager zurück, die Französischen nach Königsberg, um dort mit ihrem Kaiser beisammen zu sein, und die kurz vorher erfüllten Straßen der Stadt waren nun wieder öde und still. Es hieß aber: Nachmittags würden noch andere Französische Feldtruppen aus dem Lager in die Stadt rücken. Es mochte etwa 3 Uhr Nachmittags sein, als die angesagten Französischen Feldtruppen, die sogenannte Löffclgarde, bei dem Quartier ihres Kaisers vorüber in die Stadt einzogen; kleines bewegliches Volk und nicht zu wohl accostumirt. Die ganze Breite der Straße war von ihnen eingenommen, und sowie sie das Haus des Kaisers hinter sich hatten, liefen sie, Gewehr über, pSIe-rnöle durcheinander wie die Ameisen. In diesem 47 Augenblick erschien plötzlich eine hohe, edle Gestalt zu Pferde, angethan mit einem ganz einfachen grauen Oberrock mit hoch aufstehendem rothen Kragen, gefolgt von einem Reitknechte, wie als wenn er nicht zu dem reitenden Herrn gehörte. Es war unser König; Er war mitten unter die Französischen Truppen gerathcn, und sah sich genöthigct, Sein Pferd ganz langsam vorschreiten zu lassen. Wie gewöhnlich sah Er sehr ernst, doch ruhig und wohlwollend aus. Seine Gesichtszüge hatten etwas, was Sympathie einflößte, und Seine ganze Haltung und Gestalt etwas Königliches. Er besaß eine stille Gewalt über die Gemüthcr der Menschen. Dicß fühlte Jeder, wer Ihn ansah, und hat sich bei jeder Gelegenheit geltend gemacht. So auch hier; denn mit Einemmale änderte sich die Sccne. Ein Französischer Soldat rief: „E'est le liol 4e Urusse. 17oi cle Urusss — le K,oi ös prussa!" ertönte es weiter und weiter in der durcheinander laufenden Menge, ,,-^b! vo^e? le brave, le vertueux, le malbeureux xriuee;" — und ohne daß man ein Ofsizier- commando vernahm, schlössen sich plötzlich die Reihen der Soldaten; die Gewehre wurden angezogen; Alles ordnete sich schnell in Glieder; die Gesichter waren militairisch nach dem Könige gerichtet, und bei geöffnetem Wege ritt Er ruhig durch, mit Ernst und Würde, und die Truppen sahen Ihn au in ehrerbietiger, militairischer Stellung. Er blieb sich aber in Seiner würdigen Haltung ganz gleich und begrüßte im Weiterleiten die Soldaten durch mehrmalige Berührungen des Czacko's mit der Hand, die Er bekanntlich auf eine eigenthümliche Art hob und senkte. Alle Umherstehenden freuten sich; aber Er selbst wußte nichts von dem Triumphe, der Seinem persönlichen Wcrthe und Seinem Edclmuth gebracht wurde; gebracht durch herzliche Thcilnahme des gc- 48 meinen Soldaten, nicht auf Commando, sondern aus freiem Antriebe. Die schlichte, einfache Begebenheit, die nicht vorbereitet war, sondern, vom Zufalle herbeigeführt, sich von selbst machte, berührte das Herz? wogegen die Glanz- Prachtauszüge am Morgen, als vorbereitet und künstlich wie ein Theateract angelegt, nicht nur kalt vorüber gingen, sondern sogar eine gewisse Erbitterung erweckten. Für mich *) und Andere, die umher standen, war der Augenblick ergreifend und rührend, und ich habe mich gern und oft daran erinnert. Und wer denkt nicht gern daran, daß der Konig zur Zeit Seiner tiefsten Erniedrigung sich nie niedrig und kriechend gegen Seinen mächtigen Gegner benahm? Er bewahrte und behauptete Seine persönliche Würde; gab keine schmeichelnden Worte, weil Heuchelei Seiner Natur zuwider war, ging ruhig und fest durch alle Lagen und Verhältnisse, wie traurig sie auch sein mochten; blieb sich selbst gleich. Er war, der Er war, und stand moralisch höher, als Sein Schicksal. Diejenigen, welche Ihn und Seinen inneren Gehalt nicht kannten, verkannten Ihn und hielten Seine Ruhe und Seinen inneren Frieden für Trotz und Verbissenheit, ') Ich verdanke mit dem vaterländischen Publicum die Mittheilung dieser köstlichen Lebensscene aus der Geschichte des Königs Friedrich Wilhelm III, einem Augenzeugen, den jetzigen Provinzial-Steuerdirector für den Regierungsbezirk D. und M,, Herrn Geheimen Ober-Finanzrath M., der sich zu dieser Zeit in Militairverpflegungs-Angelegenheit in Mcmel und Tilsit aufhielt. Dieser ausgezeichnete Staatsmann war Zögling und Liebling des Ministers von Stein. 49 besonders Seinem Feinde, den Französischen Kaiser, in den Tagen des unglücklichen Friedensabschlusscs, persönlich gegenüber. Daher die Aeußcrung: „Sire! ich bewundere die Ruhe Ihrer Seele bei so vielem Unglück"; und nachher, weil er nichts bewundern wollte, und Ruhe der Seele und ihre Quellen nicht kannte, die verächtliche, höhnende Sprache: „Er ist stätsch, wie ein schlecht zugerittenes Pferd." Alle, die den König in diesen verhängnißvollen Tagen beobachteten, stimmen in Seiner Beurtheilung darin übcrein, daß Er nicht aus Seiner Fassung gekommen. Der nächsten Umgebung des Französischen Kaisers war dieses Verhalten des Königs von Preußen so befremdend und auffallend, daß sie äußerten: „Er benimmt sich, als wenn Er Sieger, und wir die Besiegten wären." Die so urtheilten, wußten freilich nicht, daß es eine stille Größe der Seele giebt, die mächtiger ist, als das Glück, wenn es hebt, und das Unglück, wenn es stürzt. In Bcidcm, da wo der König besiegt in Tilsit, und wo Er siegreich in Paris war, war und blieb Er derselbe, Seine Grundsätze waren stärker und fester als die Erscheinungen der Zeit. Indessen war der König froh, den Französischen Kaiser, mit dessen Denkart und Gesinnung Er nicht sympathisirtc, nicht mehr in der Nähe zu haben, und nachdem Er die dazu erforderliche Zeit abgewartet und die nöthigcn Vorkehrungen getroffen, reiste Er mit Seiner treuen Lebcnsgesähr- tinn, der Königinn, nach wiederholter herzlicher Einladung nach Petersburg. Die Reise hin und zurück, der Aufenthalt in der prächtigen Russischen Residenz und in den benachbarten Schlössern, waren reich an Aufmerksamkeiten, Huldigungen, Hof- und Stadt-, Militair- und Kirchenfcstcn, II. M 4 30 - Geschenken aller Art. Alles war vereinigt, was den Aufenthalt der hohen Gäste angenehm machen konnte. Der Ernst und die Würde des Königs und die Anmuth und Freundlichkeit der Königinn gewann auch hier Aller Herzen. Sie sprach gern von Ihrem Ausenthalt in Petersburg; weniger von den Festen, die Ihr und dem Könige zu Ehren gegeben, als wie von dem, was Ihr Herz dort gesunden. In dieser Beziehung war die Kaiserinn Mutter, eine hohe und kräftige Frau, Ihr vorzüglich auch darum wichtig, weil sie, bekanntlich, allen weiblichen Anstalten, die sie zum Theil selbst gestiftet, mit praktischer Lebensweisheit vorstand, und mit denselben, insofern sie in Petersburg waren und blühten, die Königinn durch einen fleißigen Besuch bekannt machte. Ganz besonders aber fühlte Sic sich hingezogen zu der Kaiserlichen Gemahlinn, der Kaiserinn Elisabeth. Diese hohe Frau vereinigte Geist und Herz, war aber zur Schwcrmuth geneigt. Sic liebte die Einsamkeit und ihre stillen geistigen Genüsse. Erzogen und gebildet von ihrer trefflichen Mutter, der würdigen Markgräsinn von Baden, (die für mehrere Throne in Europa ihre liebenswürdigen Töchter erzog) hatte sie das stille Bruchsal liebgewonnen, und weniger stimmte sie überein mit dem geräuschvollen Leben an dem prächtigen Hofe zu Petersburg. Beide, sie- und die Königinn, stifteten einen innigen Freundschaftsbund für Zeit und Ewigkeit. Beide hingen mit zärtlicher Liebe aneinander und wurden sich immer werther und unentbehrlicher. Die Königinn gedachte ihrer oft und gern, und erwähnte mit Begeisterung, wie Ihr eine Freundinn geworden sei, die Sie nicht genug achten könne und deren große und schöne Eigenschaften Sic für immer an öl sie fesseln würden. Die Königinn Luise hatte das, allen vorzüglichen Frauen eigene Talent, bei Ihrer vielseitigen Bildung und allumfassenden Liebe, sich schnell mit richtigem Tacte in die cigcnthümliche Denk- und Gesühlswcise Anderer Hineinsinden zu können. Die Rückreise des Königs und der Königinn mit den Königlichen Kindern nach Berlin glich, wenngleich das Unglück im reichsten Maße über Sic ausgeschüttet war, dennoch einem Triumphzuge. Ungern trennte sich die Königinn von Königsberg; denn wenngleich Sie eine sehr traurige Zeit dort verlebt hatte, so war diese doch versüßt durch die Achtung, Liebe und Anhänglichkeit seiner Bewohner; und dann war Sie reicher geworden als Mutter; mit 5 Kindern war Sie hingezogen, mit 7 kehrte Sie zurück. Ost überfallen das Herz, besonders das weibliche, welches mehr in Gefühlen, als in Ideen lebt, unerklärliche bange Ahnungen. In der Regel sind sie das räthselhafte Spiel der regellosen Einbildungskrast und nichts mehr als Träume, bald frohe, bald traurige, und jene und diese sind bald vergessen; zuweilen sind aber auch, besonders in reinen Gemüthern, Ahnungen, prophetische Stimmen, die tief in der Seele ankündigen, was werden und kommen kann, und unvermeidlich kommen wird. Es ist dicß eine Erscheinung, die wir in den ältesten Zeiten schon finden, und die mehr oder minder mit der übersinnlichen Welt und durch diese mit der Gottesfurcht zusammenhängt. Griechen und Römer reden viel vom Genius und einem göttlichen Anhauche. Je tiefer indeß die Wissenschaft in die Gründe der rationalen und empirischen Psychologie dringt, und je aufgeklärter ein Zeitalter wird, desto häusiger verlieren sich Ahnungen, die mehr ein Product der Dämmerung sind, als der Wahrheit und des Lichtes. Ob dieß in der Natur der Sache liegt, nach welcher die Unwissenheit den Aberglauben erzeugt, und die Zunahme an Licht dem Glauben nicht immer günstig ist, oft sogar Unglaube und Jndifferentismus wird, bleibe hier ununtcrfucht. Genug es giebt Ahnungen, *) ") Es sei dem Referenten vergönnt, von den vielen Ahnungen, die er kennt, nur zwei, deren Gewißheit er verbürgen kann und deren Gewicht und Nützlichkeit der Erfolg rechtfertigt, hier anführen und erzählen zu dürfen. Es war den I2tcn De- ccmbcr 180S, als mit dem Concionator der katholischen, dem Prediger der lutherischen, der rcformirtcn Gemeinde und deren Rcntmcistcr, der Prediger N. zu M. den gewöhnlichen jährlichen Umgang von Haus zu Haus der Stadt hielt, um die Subscription der Einwohner zur Armenpflege für das Jahr 1806, nach den Grundsätzen und der Einrichtung der dortigen Armcnanstalt, einzuholen. Sie waren bis an das Clevischc Thor gekommen, als sie bei dem in der Nähe desselben wohnenden Bürgermeister, dem Assistcnzrath W., kamen, um bei den Direktor des Armcndircctoriums Rechenschaft über das Resultat ihrer Bemühungen abzulegen. Hier blieben sie und ruhcten bei freundschaftlicher Bewirthung von ihrem mühevollen Tagewerke aus. Es.wurden allerlei lustige Schnurren über die gehabten Collecten erzählt, unter andern auch, daß durchgängig das weibliche Geschlecht kärger und an sich haltender bei der Subscription gewesen wäre, als das männliche, und daß manche drollige Sccnc dabei zwischen Mann und Frau, wenn jener mehr geben wollte als diese, vorgefallen sei. Auf einmal, ohne allen historischen und psychologischen verbindenden Zusammenhang, überfällt den P. N. ein seltsames Gefühl, dem er noch jetzt keinen rechten Namen zu geben weiß; es war ein sonderbares Gemisch zwischen Freude und Traurigkeit. Es war ihm, als wenn er eine Stimme von innen heraus hörte, die vernehmlich und deutlich sagte: ,,in diesem Augenblick geschieht Etwas, was dein Schicksal aus seinen Angeln hebt." Er verschwieg, was er fühlte und gehört hatte. Er schämte sich, es zu sagen; es wurde ihm aber wunderlich zu Muthe, so dass er 53 wic die besten und ernstesten Menschen wissen, und in ihrem wunderbaren Anhauche schrieb die Königinn folgende Woite Unwohlsein vorschützte, sich entfernte und nach Hause ging, wo er Alles in guter heiterer Ordnung fand. Seiner Frau, für die er kein Gehcimniß hatte, erzählte er das Erlebte und trug es genau und pünktlich in sein Tagebuch ein. Des andern Tages theilte er seinen Acltcrn, denen er Alles sagen konnte, das Vorgefallene mit. Der Vater, der gern die Schriften von Lavater und Jung Stilling las, erklärte es ernst und gottcs- fürchrig für eine Ahnung, deren Erfolg abzuwarten sei. Dieser blieb auch nicht lange aus; denn in der nämliche» Woche am Sonnabend erhielt der Prediger N. einen Brief von B., in welchem der damalige Minister v. Th. ihm schrieb, „daß er (der Prediger.N.) allerhöchsten Orts zum Hofprcdiger in P. vorgeschlagen sei; er möge im Frühjahr des kommenden Jahres herüberkommen, um eine Gastprcdigt zu halten. Den Erfolg könne er zwar nicht verbürgen; auf jede» Fall wäre es aber angenehm, B. bei der Gelegenheit sehen und kennen gelernt zu haben." Er erstaunte und las den überraschenden Brief wiedcr- holcntlich durch. Der Vater fand eine Verknüpfung, und war, in derselben eine Stimme Gottes hörend, (li-Uli — Icoll, wie er sich ausdrückte) der Meinung: er müsse die Aufforderung annehmen und in P. die verlangte Gastprcdigt halten. Die treue gläubige Mutter schwieg; sah aber den geliebten Sohn, den sie gern in ihrem Alter bei sich behalten hätte, mit ihren treuen Augen bedeutend an. Er war in einem schweren Kampfe mit sich selbst. Er wußte aus der Geographie nur, daß es ein P. in der Welt gab. Er hatte sich um die vacantc Stelle nicht beworben, er war mit der seinigcn, die er innc hatte, durch Liebe und Vertrauen und ein sorgenfreies Auskommen glücklich und so zufrieden, daß er mehrere, wenngleich einträglichere und ehrenvolle, ausgeschlagen hatte. Aber das bulii — Icoll machte ihm viel zu schaffen, bei ängstlichen Tagen und schlaflosen Nächten. Die Uebcrzcugung, daß die ganze Sache ohne eigenes Authun von Oben komme, dem man nicht widerstreben dürfe, trug endlich den Sieg davon. In dieser Ansicht, die ruhig machte, wurde dann offen und männlich gehandelt. Es lag in Ihr Tagebuch: „So werde ich denn bald in Berlin zu rück sein und wiedergegeben so vielen treuen Herzen, die mich darin Ermunterung und Trost für Gegenwart und Zukunft; und wie er wirklich die Stelle erhalten, erfuhr er von dem expedierenden Sccrctair, dem Kriegsrath Th>, daß der Minister die Sache», die nach Wcstphalen gingen, Abends zwischen S und b Uhr zu unterschreiben pflege; also unterschrieben hatte wahrscheinlich in demselben Augenblick, wo der Prediger N., ohne daß er etwas davon wußte, das Vorgefühl hatte, daß Etwas geschehe, was seinem Lebcnsgange eine ganz andere Richtung gebe. Bis zu seinem 43sten Jahre hatte er oft solche Anhauche und hörte solche Stimmen; jedoch wurden sie immer seltener, und sie hörten, je klarer er mit der Zunahme der Jahre wurde, zuletzt ganz auf, und er überzeugte sich immer lebendiger, daß Pflicht und Pflichtgefühl des Lebens feste Anker sind. Noch lehrreicher und klarer ist folgende Thatsache. Der Hofmarschall B. an dem Hofe des Fürsten v. L. D. war von demselben wegen seiner Einsicht, Rechtschaffenhcil und Gabe der geselligen Unterhaltung so gern gesehen und geliebt, daß er ohne ihn nicht mehr sein und namentlich keinen Mittag ohne seine angenehme Gesellschaft zubringen konnte. Ganz gegen seine Natur und Gewohnheit war er eines Mittags stille und in sich gekehrt und auf die an ihn dcßhalb gerichtete Frage antwortete er: ihn habe eine namenlose Angst überfallen und es treibe ihn nach Hause; er war aber Hofmann genug, zu bleiben, als er darum ersucht wurde. Aber seine innere Unruhe nahm zu, und wie er die Erlaubniß dazu erhalten hatte, eilte er mit verstärkten Schritten. Auf der Haustreppe fand er sitzend seine beiden Kinder, Eduard und Mariechcn. Auf die Frage: „wo die Mutter sei?" die eine häusliche Frau war, antworteten die Kinder: „auf dem Hausbodcn, beschäftigt mit der Wäsche." „Kommet mit," antwortete der gcängstigte Vater. „Nein," antworteten sie, „die Mutter hat uns befohlen, stille hier sitzen zu bleiben." Der Vater faßte aber die Kinder mit unruhigem starken Arme, und sie mußten wider ihren Willen mit hinaufgehen. Als er, an jeder Hand eins, mit ihnen auf der Bo- 55 lieben und achten. Mir wird es bei dein Gedanken ganz beklommen vor Freude, und ich vergieße viele Thräncn, wenn ich daran denke, daß ich Alles auf dem nämlichen Platze finde, und doch Alles so ganz anders ist, daß ich nicht begreife, wie es dort werden wird. Schwarze Ahnungen ängstigen mich; immer möchte ich allein hinter meinem Schirmlcuchter sitzen, mich meinen Gedanken überlassen. Ich hoffe, es wird anders werden." Und es wurde wieder anders. Die herzliche Freude und Anhänglichkeit aller Menschen aus allen Ständen in den Gegenden, durch welche der Weg führte, verfehlte ihren ungesuchtcn Eindruck nicht. Diese Freude war um so rührender, da sie Menschen äußerten, die als Untcrthanen des Königs von Preußen durch den unglücklichen Krieg großcn- theils verarmt waren. Leiden und unverschuldete Drangsale sind Proben der Liebe und Treue. Wo diese dennoch bestehen, bestehen unter ungünstigen Einflüssen und Umstän- dmtreppc war, hört er mit starkem Geräusch ein Knarren und Fallen. Seine Angst nahm zu, und er fand seine Frau sprachlos mit zugehaltenem Angesichte auf der Erde liegen. „Was ist dir?" fragte der erschrockene Mann. „Ach!" antwortete sie, „ich bin die unglücklichste Mutter. Ich habe, weil es auf dem Bode» nicht hell genug war, die Luke über der Haustreppe aufgetreten, und diese, verrostet in den Angeln, ist soeben heruntergefallen, und gewiß auf unsere Kinder, denen ich geheißen, da stille zu sitzen." „Siehe! hier sind sie, gesund und wohl!" war die Antwort des hocherfreuten Vaters, den die Angst des Herzens nun verlassen, zu der bis zu Freudcnthräncn gerührten Mutter. — Die nachher an den Hauptmann v. D. verheira- thete Tochter, Marie, hat mir diese merkwürdige Begebenheit selbst erzählt. den, da müssen die Wurzeln derselben tief liegen und in das innere Leben eingedrungen sein. Wie Kinder ihren Water und ihre Mutter empfangen, von denen sie schmerzhaft getrennt waren, und über die Freude des Wiedersehens alle ausgestandenen Schmerzen vergessen, so empfingen die Unterthancn ihren rechtmäßigen Landesherr» und die Landcsmuttcr; sie waren ihnen durch gemeinschaftliche Leiden noch werther geworden. Von allen Seiten liefen die Menschen zusammen, Ihn und Sie zu sehen; sie standen da mit entblößten Häuptern, Lchräncn wehmüthiger Freude glänzten in ihren treuen Augen; dem Könige that diese Anhänglichkeit wohl, die Königinn aber kam nicht aus tiefer Gcmüthsbewegung. Auch das ärmste und kleinste Dorf blieb nicht zurück: Jeder gab willig und freudig, und sollte es nur ein Scherflcin sein, zur allgemeinen Freudcnbezeigung her. Es war Winter und er lag mit seinem eigcnthümlichen Lichte auf der Gegend ringsumher. Weihnachten war in der Nähe, und mit ihm seine Hoffnungen, seine Christbäume, seine Lichter und stillen Freuden. In Freicnwaldc waren die Eichbäumc mit silbernem Reif geschmückt und die Bergleute sangen unter dem Zuströmen des Volkes mit frischer Lebenslust: „Glück auf! Verfahren ist die Schicht, Und bei des Christtags holdem Licht Sch'n wir den König wieder; Wie immer kommt Er uns von Gott. Uns glänzt ein schönes Morgenroth, Ihm jauchzen unsre Lieder." „Dort sangen Hirten in der Nacht, 57 Hier singen Berglens ohne Pracht Und kunstlos ihre Lieder. Gelobt sei Gott! Das Lied ist wahr, Wie dort das Lied der Engelsschaar, Wir seh'n den König wieder." In Wcißensee, eine kleine Meile von Berlin, wo Alles, besonders das Landhaus, worin die Königlichen Herrschaften abstiegen, festlich geschmückt war, wurden Sie von Deputationen feierlich empfangen, und die hohe Fran wurde bis zu Thräncn gerührt, als Sie von mit Rosenkränzen geschmückten, weiß gekleideten Jungfrauen empfangen wurde und mit einem gesprochenen, überreichten Gedichte ein allegorisches Gemälde, auf welchem der Schutzgcist Berlinds der aufgehenden Sonne die Arme entgegenstreckte, in dem geschmackvollen Saale aufgestellt war. Die Königinn setzte sich darauf mit Ihren jüngsten Kindern in den von der Bürgerschaft Berlinds geschenkten Wagen. Dieser viersitzige prächtige Wagen war von außen reich mit Silber verziert und innen mit Lillasammt^) und Silbcrstickerei geschmackvoll ausgeschlagen. Als Sie dieß sinnvolle symbolische Geschenk dankvoll annahm, schrieb Sie noch von Königsberg den kstcn December: „Sie, meine Herren, sind überzeugt, daß Sehnsucht und Freude mich nach Berlin begleiten. Die schönste Ent- ') Lilicnfarbe liebte besonders die Königinn. Ein Blindgeborener, der vorzüglich gut hören und fein fühlen konnte, verglich diese Farbe mit dem sanften Tone einer Flöte und das Scharlachroth mit dem einer Trompete. Es ist zwischen der Natur- und Geisterwelt eine wunderbare Analogie! 38 schädigung für die lange, schmerzliche Trennung ist die Anhänglichkeit und Liebe, wovon ich einen neuen, rührenden Beweis durch Ihre schriftliche Versicherung von den guten treuen Bürgern Berlinds erhalte. Mit Vergnügen und herzlicher Dankbarkeit nehme ich das mir angekündigte Geschenk an, das, als Beweis erprobter Liebe, meinem Herzen stets theuer, und durch den ersten Gebrauch, welchen ich davon machen werde, von unvergeßlichem Wcrthe sein wird. Empfangen Sie als würdige Repräsentanten einer so achtungs- werthen Bürgerschaft meinen lebhaftesten Dank und bezeigen Sie dieser solchen mit der Versicherung, daß ich den Tag mit Ungeduld erwarte und unter die feierlichsten meines Lebens zählen werde, der mich in die Mitte meiner guten Berliner zurückführt, und an welchem ich Ihnen, meine Herren, mündlich die Achtung und das wohlwollende Vertrauen bestätigen kann, womit ich bin u. s. f." In diesem Wagen saß und fuhr jetzt die Königinn mit Ihren Kindern. Je näher Sie Berlin kam und die Thürme der Stadt sah, desto lauter schlug Ihr Herz. Die Schlagbäume vor Werneuchen waren mit Blumenguirlanden umwunden und an jedem der vier Einwohnerhäuser befanden sich auf einer antikgcformten Tafel folgende Sehnsucht und Liebe verkündenden Inschriften: Willkommen auf gebahnten Wegen. Vergessen sei der Trennung Schmerz. Der Freudenruf tönt Dir entgegen. Für Dich schlägt jedes treue Herz. 59 In Berlin war Alles in Bewegung und man sah Menschenmassen aus den Straßen, in den Fenstern und auf den Dächern der geschmückten Häuser. Unter feierlichem Empfange, dem Geläute aller Thurmglockcn und dem Donner der Kanonen, geschah am Mittag bei klarem Winterhimmcl der Einzug. Ueberall wchetcn weiße Fahnen und Tücher. Der König ritt langsam, ernst und mild, hinter Ihm der Kronprinz und der Prinz Wilhelm, und dann die Königinn in dem neuen mit 8 Pferden bespannten Wagen. Angekommen vor dem Palais wurde Sie von Ihrem an der Spitze stehenden erlauchten, ehrwürdigen Vater empfangen, dem Sie mit kindlicher Nebe und unbeschreiblicher Rührung in die Arme sank. Diese wurde noch durch die Erinnerung vermehrt, daß gerade an dem Tage vor 15 Jahren Sie als Braut, freilich unter ganz andern Gefühlen, Ihren Einzug hielt. Das Ganze hatte etwas Eigcnthümlichcs. Es war ein Trauer-, und doch ein Freudcntag; Beides in einer Mischung. Ein Trauertag: die Größe und der Ruhm Preußen's war dahin, gedemüthiget war man aufs Tiefste; und was hatte man gelitten, und was litt man noch! Und doch war man froh, den treuen redlichen König und die geliebte Königinn mit den Königlichen Kindern wiederzusehen. Gefühle, widersprechend, niederschlagend, und dann wieder fröhlich und erhebend, durchkreuzten sich, cbbctcn und flutheten. Jeder fühlte das, und man las es auf's Neue in dem noch ernster gewordenen Angesichte des Königs, und dem ausdrucksvollen, angenehmen der Königinn, wo die Sonne durch Regenwolken schien. Man sah in diesen Zügen, was Jeder fühlte. Man konnte sich nicht losreißen von der Er- 60 innerung trüber Vergangenheit; noch fühlte man den Druck -der Gegenwart, und doch wollte und mochte man sein Herz heiteren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nicht verschließen. Dicß erzeugte jenes Gefühl, welches unsere Sprache ausdrucksvoll mit dem Namen Wehmuth bezeichnet. Sie ist der Träger unseres Lebens; besonders dann immer, wenn es ein stilles pflichtmäßiges geworden ist. Sic ist der Dämpfer der jubelnden Freude; und doch verhindert sie die ge- müthliche, sanfte Freude nicht und gicbt eine innere Hebung und ein Selbstbewußtsein, wobei Einem wohl ist. Sie verhindert die Lustigkeit, sie läßt die Traurigkeit nicht aufkommen; sie hält die Wagschale im Gleichgewichte; das Schwanken derselben hört auf, und steht fest in der Mitte. Darum giebt es, die frohe Jugend ausgenommen, die mit Biencn- lippen an der Gegenwart hängt, kein vollkommenes Glück auf Erden, weil das Menschenleben nicht vollkommen ist und immer die Vergangenheit die Gegenwart trübt und in dieser Trübung die Zukunft ungewiß ist. Man gab sich alle mögliche Mühe, diesem Feste die Färbung des vollen irdischen Glückes zu geben. Das Wogen der Menschen auf den Straßen, besonders um das Palais des Königs und der Königinn, hörte nicht auf; der Empfang derselben in dem Opcrnhausc und Nationaltheatcr war fröhlichstürmisch; die Stadt war prächtig erleuchtet und die Musik ertönte von allen Seiten. Aber die Wehmuth tönte durch; man hörte sie selbst in dem Gesänge des in dem Schauspielhause dicht versammelten Volkes: „Den König segne Gott". Sie wurde auss Neue geweckt durch das in allen Kirchen gefeierte Dankfcst und durch die Speisung der Armen, wozu allein die Kaufmannschaft VI M)<> Thaler zusammen gebracht hatte. Aber in dieser Wehmut!) wurde der unsichtbare tiefe und feste Grund zu der nachherigen Größe gelegt; die Thräncn, die vergossen wurden, befruchteten den in diesen Tagen ausgestreuten guten Samen, und der Berichterstatter sagt ebenso wahr, als schön: „Alles, was geschah, war nicht Form und Sitte, es war vielmehr ein hoher ehrwürdiger Bertrag des Herzens; die mit Thräncn säen, werden mit Freuden ernten." Der König, ruhig, ernst und gefaßt, wenngleich gemächlich, doch kein Freund von Gefühlen und Phantasien, sah die Rückkehr nach Berlin als einen neuen Zeitabschnitt in der Geschichte des Staats an, und arbeitete, statt über das Verlorene muchlos zu klagen, rüstig und wacker als ein Mann an dem Wiederaufbau. Er bezeichnete Seine neue Regierung mit Handlungen der Wohlthätigkeit; Ihm und Seinem Herzen war und blieb theucr das Begnadigungsrecht und Er erließ die Strafen, die nur leichte Bergehungcn zur Ursache hatten. Alle 1 Jahr oder nur k Monate zum Gefängniß Verurtheiltcn erhielten die Freiheit und Er gab den Armen durch den Magistrat 5t)W Thaler. Er war schmerzhaft durch die jüngste Vergangenheit belehrt, daß es nicht der vornehme Stand allein sei, der den Thron stütze, vielmehr hatten Ihn Viele aus demselben, welche Er mit Ehren, Würden und Gütern geschmückt und beschenket, treulos verlassen. Angenehme Erfahrungen der Pflichttreue und Anhänglichkeit aus den verschiedenen Klassen des Bürgerstandes hatte Er dagegen gemacht. Immer klarer stellte es sich thatsächlich heraus, daß die wahre Stärke des Staates in der Nation, in dem Volke liege, und daß Talente, gute Gesinnungen, Vaterlandsliebe und Heroismus, nicht ausschließungswcise ein Vorzug der höheren Stande, sondern ein Geschenk der Natur sei, verliehen den Hütten so gut, als den Palästen. Jede Zeit hat ihr Gutes; aber auch ihre Vorurthcile. Ueber diese und ihre Stagnation war ein Licht aufgegangen, in dessen Strahlen matt und bloß dastand, was früher in dem falschen erborgten Schimmer äußerer Vorzüge geglänzt hatte. Das Unglück der Zeit hatte Vieles klar gemacht, dem bis dahin Gewohnheit und Vertrauen einen Werth beigelegt hatte, den es in, sich nicht besessen. Wahres, ächtcs Bcsitzthum, worauf auch bei allgemeinen Kalamitäten zu rechnen sei, und das in der Probe bestehe, läge tiefer, und könne nicht von Andern empfangen, sondern müsse selbst durch Intelligenz und Sittlichkeit erworben werden. So liegt es in der Natur und in jeder gerechten Sache; aber Vorurtheile, wenn sie einmal Wurzel schlagen, ziehen sich, geschützt durch die Begünstigten, zähe oft von Generation zu Generation durch Jahrhundertc fort, so daß selbst der Einsichtsvolle ihnen huldiget und sie, verflochten und eingewachsen in die ganze Organisation, nicht angetastet werden. Ein gewaltiger Stoß zersprengt die Fugen und Bequemlichkeiten, in denen man, sich bewegte und lebte und wie einem Blinden, so ist und wird Allen, denen geistig der Staar gestochen ist. Die Zeit, bereichert durch theuer und schmerzhaft eingekaufte Erfahrungen, war eine neue geworden. Niemand verstand ihre Forderungen besser, Niemand fühlte ihre Tendenz richtiger, Niemand merkte auf ihre Pulse, sie richtig von bloßen vorübergehenden Wallungen unterscheidend, aufmerksamer, als König Friedrich Wilhelm kll. 63 Seine Ahnherren und Vorfahren hatten zn ihrer Zeit nur bereits Hochgestellten öffentliche Auszeichnungen und Orden verliehen; Er ehrte jeden Stand, wollte also auch in jedem das wahre Ehrgefühl wecken und jedes Verdienst, wo es sich auch fände, anerkennen, bemcrklich machen und herausheben. Er gab zu dem Ende, eine Erweiterungs-Urkunde für die Königlich Preußischen Orden und Ehrenzeichen, und sprach laut, daß die ganze Welt es hörte, die merkwürdigen Worte: ,,Bei dem Werth, welches das Verdienst jeder Art für mich und den Staat hat, will ich es auch allgemein öffentlich ehren, belohnen und ermuntern. Sämmtliche Orden - und Ehrenzeichen geben den Besitzern das Recht, außer den Amts Verhältnissen, als die Ersten ihres Ranges und Standes geehrt zu werden. Das Krönungs- und Ordensfcst, am jedesmaligen 18ten Januar, nun neu in Form und Bedeutung, wurde dadurch ein frommes und frohes Nationalfest, an welchem alle Ehrenmänner der Nation mittelbar und unmittelbar Antheil nahmen, mit der Excellcnz feiern es der Bürger und Handwerker durch alle Stände. *) Tiefer noch legte der König den Grund zum Wiederaufbau des zertrümmerten Staates durch Errichtung einer Universität zu Berlin. Es ist merkwürdig und Ausschluß gebend, daß Er das schwere Werk der Reorganisation damit ') Dieß war späterhin noch mehr der Fall bei dem eisernen Kreuze, welches man auch auf der Brust des Tagelöhners stehet. Er ist ein Ehrenmann und vor ihm nimmt man den Hut ab. 04 begann; die Zeit dazu schien nicht die rechte zu sein. Alles lag in Bruchstücken chaotisch in- und durcheinander und der übcrmüthige Gegner, wie er das Land und seine Bewohner ausgesogen hatte, druckte sortwährend durch unerschwingliche Contributioncn, die er mit unerbittlicher Härte forderte. Die Sache fand darum vielen Widerstand, den die Gegner laut aussprachen. Aber der König ließ sich nicht irre machen. Wie fest in Seinen Grundsätzen Er mit Unwillen die vorgeschlagene Erklärung des Staatsbanquerotts zurückgewiesen*), so war Er, unterstützt von einem guten Gewissen und lebendigen Vertrauen auf Gott, ruhig in Seiner Hoffnung; Er wußte, daß alles Heil vom Geiste und seiner Bildung ausgehe, und daß die geistige Welt über die körperliche am Ende den Sieg davon trage. Solchen ehrenvollen Sieg herbeizuführen und dazu die vorbereitende Einleitung zu treffen, war Sein Tagwerk; einsichtsvolle, tiesblickende Rathgeber standen Ihm zur Seite. Gedanken und Gesinnungen läutern, regieren und bestimmen den Menschen; es kommt nur darauf an, daß diese Gedanken und Gesinnungen gut sind, und hat man dieß erreicht, so ist der Erfolg gewiß. Nicht durch seine geographische Lage, nicht durch seine physische Größe, nicht durch seine Reichthümcr, — durch Intelligenz hat der Preußische Staat sich cmpor- *) ,,Jch kann," das sind seine eigenen Worte, „unglücklich sein; aber keine Macht kann mich zwingen, unredlich zu handeln. Unglücklich genug, daß meine Unterthancn so viel gelitten haben. Gott soll mich bewahren, irgend Etwas zu thun, wodurch ich sie und ihre milden Stiftungen um das Ihrige bringe. Wenngleich die jetzige Zeit böse ist, so kann und wird sie mit Gotkes Hülfe doch besser werden." «5 geschwungen. Die verlorene Höhe kann er nur durch Bildung, durch Religiosität und Kirchlichkcit wieder erlangen. So dachte und handelte in allen Stücken der unvergeßliche Herr, und die Folgezeit hat Seine Maßregeln als zweckmäßige gerechtfertigt. Der König fand den besten Ableiter für Seine Schmerzen in der Thätigkeit und in Bestellung der Saat für die Zukunft. Er war in Seiner Art heiter und zufrieden. Weniger war es die Königinn. Hier tritt Ihre weibliche Natur hervor und macht sich geltend. So lange Sie in Königsberg und Mcmcl gewesen, befand Sie sich in einer Spannung, die alle Kräfte in Anspruch nahm. Nachdem Sic wieder nach Berlin zurückgekehrt war, ließ diese Spannung nach. Sie verglich natürlich Ihre vorige Lage mit Ihrer jetzigen, und die Vergangenheit war glänzender, als die Gegenwart; Ihr war zu Muthe, wie einem Wachenden, der angenehme Träume gehabt hat und das Gcgentheil von ihnen in der Wirklichkeit findet. Der König, aufmerksam besonders auf Die, welche Ihm über Alles Werth und theucr war, unterließ Nichts, was Sie aufheitern konnte. Ihr Geburtstag wurde als ein Familienfest zutraulich und nachher in dem weißen Saale des alten Königlichen Schlosses prächtig durch ein 1s vtmm gefeiert. Aber die trüben Ahnungen, die Sic früher gehabt hatte, kehrten zurück und mitten in dem Jubel der Glückwünsche sagte Sic zu einer vertrauten Freundin»: „Mir ist es so, als wäre es das Letztemal, daß ich meinen Geburtstag feiere. Ich bin dankbar für alle Beweise der Liebe und Theilnahme; aber ich weiß nicht, wie es mit mir ist, ich kann mich nicht mehr so freuen, wie sonst". II. p' ö 0K In dieser Gemiithsstimmung empfing Sie in der heiligen Woche aus den Händen Ihres Beichtvaters, des Prodstes »>. Ribbcck*), das heilige Abendmahl. In dieser heiligen Handlung, die in ihrer edlen Einfalt, in ihrer hohen Bedeu- ") Der Probst und Obcrconsistorialrath Or. Ribbeck war ei» sehr würdiger Mann und ein Geistlicher im vollen Sinne des Wortes. Schon als Prediger an der h. Geistkirchc zu Magdeburg wurde er sehr gern gehört und war er als Redner ebenso geschätzt, wie als edler, offener Mensch geliebt. Seine Vorträge zeichne» sich durch Ordnung und Klarheit aus, auch fehlt es ihnen nicht an sanfter Wärme; doch ist diese dem Lichte, das sie durchdringt, untergeordnet. Seine Predigten, die er früher und später herausgab, sind de» besten der damaligen Zeit beizuzählen. Seine Schrift: „Uebcr die Nothwcndigkcit und Nützlichkeit der frommen Sonntagsfcier"; und die andere: „Uebcr Unsterblichkeit und Wiedersehen in einer besseren Welt", behalten ihren Werth. Mit Beifall wurde er auch in Berlin gehört und man mußte früh zur Kirche gehen, wenn man einen Platz gewinnen wollte. Diese Aufmerksamkeit und Beachtung wäre, als eine verdiente, ihm bis an sein Ende zu wünschen gewesen; sie ließ aber in de» letzten Jahren seines Lebens nach. In seinem auf conscqucntcn Grundsätzen ruhenden Charakter war er fest und sich gleich bleibend, und seine Gravität, die aber nichts Angenommenes und Affcctir- tcs hatte, verließ ihn nicht; dcßhalb war er vorsichtig und behutsam in seinen Mitthcilungcn und nur gegen Freunde offenherzig. Er und Haustein waren verschiedenartig; aber Beide ehrlich und aufrichtig, nicht nur als College«, innige, warme Freunde, bis an's Ende. Von Vergnügungen, besonders öffentlichen, war er kein Freund; er liebte und suchte die Einsamkeit, und weil er seinen complicirten Beruf liebte, ging Pflicht ihm über Alles, und Arbeit war bei ihm an der Tagesordnung bis in die Nacht. Die Königinn liebte und schätzte ihn; gern sprach Sic von ihm und nie anders als mit Achtung und Wohlwollen. Seinem Lebcnsbilde kann man, wie dem von dem unsterblichen Beza, keine bessere Unterschrift geben, als wenn man ihn liili- deck vonerabili« nennt. 67 tung, in ihrer frommen Liebe, in ihrer stillen Größe, von Ihr verstanden und gewürdigt wurde, war Sie ganz Andacht und Hingabc an den Erlöser. Sie feierte eine Stunde, für die Ewigkeit verlebt, der Sie mehr angehörte, als der Erde, die Sie in ihren Schrecken und Trübsalen kennen gelernt hatte. Uebcr dieselbe fühlte Sic sich erhaben; Vorgefühle der besseren Welt durchdrangen Ihre Brust und in derselben bebten die angeregten Saiten noch lange fort. „Wer Sic in diesen heiligen Augenblicken gesehen", sagte der ehrwürdige Ribbeck, „vergißt Sie nimmer; der Schimmer der Verklarung um- floß Sie, alle Ihre edlen Züge wurden himmlisch, Sie trug ein Unterpfand ewiger Seligkeit in sich." Inzwischen war Sie nach Potsdam gekommen, wo der König mit der rcformirtcn Gemeinde, nach dem damaligen, noch bestehenden trennenden Unterschiede der Confcssion, in der Hof- und Garnisonkirche das heil. Abendmahl am Char- freitage, nachdem Er am grünen Donnerstage der Vorbereitung beigewohnt, genossen hatte. Der Frühling war besonders schön in dem Jahre 181 <); sein belebender Anhauch wirkte wohlthätig auch auf den Körper und die Seele der Königinn. Sic sah das Ihr besonders werthc !8n>^ «mim wieder; wiewohl gerade in seinen Räumen die Contraste zwischen vormals und jetzt Sie berührten, so ward Sie doch froher und die vorigen trüben Ahnungen wurden verdrängt von einer süßen Wehmuth, der Sie sich gern hingab. In stiller und fruchtbarer Zurückge- zogcnheit verlebte Sie in dem ehrwürdigen Haine Friedrichs des Großen, in dem zutraulichen Paretz, in dem anmuthi- gen Neuen Garten, und auf der idyllischen Pfaucninsel, frohe «8 und heitere Tage, so daß Sie die traurigen Zerstörungen vergaß. Besonders beschäftigte Sie sich viel mit dem seelenvollen, lebensfrohen, schon mehr herangewachsenen Kronprinzen, und der sinnigen, kindlichen Prinzessinn Tochter Charlotte, und der lebensvollen Prinzessinn Friederike. In dieser Umgebung gab und nahm Sie Alles, was die Natur Großes, der Geist Tiefes und die Liebe Süßes hat. In diesem milden Lichte sonnte sich damals Alles, was zum Hofe gehörte, und die ganze Stadt Potsdam wurde seiner verlängerten Anwesenheit froh. Auch Referent war von dieser Gunstbezeigung nicht ausgeschlossen. *) Als er Sie zum Erstenmal wiedersah, war er, wiewohl eine angreifende Zeit mit allen ihren Ucbeln dazwischen lag, von der Schönheit, Stattlichkeit und Anmuth der Königinn überrascht. Es lag in Ihrem Wesen eine Hoheit und Würde, die mit Ehrfurcht, und in Ihrem Entgegenkommen eine Freundlichkeit und eine Herzcnsgüte, die mit Vertrauen erfüllte. Sie versicherte, daß Sie seine Schrift 2*) ^ Cwbauung gelesen; vorzüglich habe Ihr die Predigt: „Warum weinte Jesus über Jerusalem? Haben wir Ursache über unsere Stadt zu weinen?" Wohlgefallen. Diese, wie mehrere andere Reden, habe Sie mit Ihren Kindern gelesen, und Sie sagte viele Stellen aus dem Buche Dabei wird besonders an das erinnert, was Vorrede Thcil I. Seite XX. über die fatale Notwendigkeit des Verfassers, von sich selbst hie und da reden zu müssen, gesagt ist. Gern ließ er das weg, wenn es, unmittelbar gegeben und vernommen, nicht zur Charakteristik nothwcndig gehörte; doch wird auch nur solches angeführt. > „ Worte der Belehrung und des Trostes, gesprochen in den Tagen der Noch in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam. Potsdam bei Horvath. 18V8." 09 mit Nachdruck und bedeutungsvoller Betonung her, die Sie vorzüglich angesprochen. Uebcr das Unglück der Zeit redete Sie wie eine erleuchtete Christinn, im Glauben an eine göttliche Weltregierung, die heimsuche, um heim zu führen. Ueber verschuldete und unverschuldete Leiden sprach Sie sehr schön, und wie beide, gut benutzt, Heil brächten. Indem Sie sich so äußerte, wurde Nichts von dem ficht- und fühlbar, was zu bcschleichen und anzukommen pflegt, wenn beredte Frauen, welche wissen und fühlen lassen, daß sie Geist und Einsicht haben, das Gesprochene auf eine eigene Art betonen. Von aller Affectation war Sic fern; Sic sprach nicht nach, was Sie von Andern gehört hatte, Selbstgcdachtes und Selbstcm- pfundenes floß aus Ihrem Innern, und dieß gab Ihren Worten, Ihren Bewegungen und Mienen, den Eindruck der Wahrheit in der Ihr eigenen edlen Einfalt. Man kam mit Ihr in ein Gespräch, und dieses wurde Unterhaltung, die sich immer wieder anknüpfte und wo ein Gedanke den anderen gab. Es war nicht bloß Aufwartung, die Ihr gemacht wurde, es war ganz etwas Anderes, als Audienzgebcn, es war eine geistige Annäherung, die Sic gewährte, und wo Sie das nicht konnte, weil Sie keinen Anklang fand, wußte Sie doch selbst trivialen Dingen Schwung zu geben; nie verließ Sic Ihre Herzensgütc. Ihre Menschenliebe kam aus der Seele und diese Signatur fühlte Jeder. Mit dem Könige und dem Hofe wohnte Sie die Sonn- und Festtage dem öffentlichen Gottesdienste regelmäßig und mit Andacht bei. Man sah es Ihr an, daß Sie hörte, und Sic verstand die Kunst, recht zu hören; darum sprach Sie so gut. Es war auch während der Zeit Ihrer Anwesenheit in kirchlicher Hinsicht die schöne Zeit, vom Nster- bis zu dein 70 Psingstfeste; Büß- und Bettag und Himmclsahrtstag lagen dazwischen. Es fehlte also nicht an Veranlassung, die dieser Zeit gehörigen Wahrheiten des Christenthums so vorzutragen, daß über die Schmerzen und Wehen der Erde und des Unglücks die Herzen der gläubigen Christen hinwcgge- rückt und empor zu einer hohem Ordnung der Dinge hingeführt wurden. Wo nur die verhängnißvollen Begebenheiten der Zeit leise angedeutet wurden, verstand die Königinn auch die zarteste Hinwcisung und Sie wurde in dem Strome eigener Gedanken und Gefühle mit fortgeführt. Vortrefflich, gedankenreich und cigenthümlich, sprach Sic hernach darüber; das schöne, milde und erquickende Licht der Hoffnung ging in Ihr auf uud zerstreute die düsteren Wolken der Schwermut!). Man sah Sie in dieser Zeit, besonders wenn Sie frisch von der neu belebten Natur zum hellen blauen Himmel aufblickte, ungemein heiter. Niemand merkte dieß früher und lieber, als der auf die Gemüthsstimmung Seiner Luise stets aufmerksame König. Er scherzte mit Ihr und man konnte nichts Zarteres, Gefälligeres hören, als die Witzworte von Beiden; Er war gutmüthig, bieder, und verbindlich, -— Sic liebevoll, heiter, gewandt, und anmuthig. — Nach einem solchen genußreichen Mittag sagte Er innig froh: „Heute ist die Königinn wieder recht vergnügt gewesen, wie Sie sonst war. Werde es dankbar anerkennen, wenn auf Ihre Gemüthsstimmung, die sich zum Lügübern hinneigt, erheiternd gewirkt wird. Es ist nun einmal nicht anders. Es werden wohl wieder bessere Tage kommen." Wenngleich der König vorzüglich in dem Schlnfsc des Krieges unglücklich war und die Preußische Armee keineswc- gcs die Erwartungen erfüllte, zu welchen sie berechtigte, viel- 71 mchr im Ganzen, besonders in Vielen ihrer Vorgesetzten und Commandanten, sich unwürdig betragen, so hatte es, besonders in den letzten Acten, in Preußen doch an einzelnen Tha- ten des alten Muthes und der Tapferkeit nicht gefehlt. Fast alle Truppen hatten solche bewiesen, besonders aber das Regiment Garde du Corps und die Garde-Ulanen Escadron hatten sich rühmlich ausgezeichnet. Der König wollte dieß thcils anerkennen, theils wieder den Anfang zu einer neuen und besseren Ordnung der Dinge machen. Die öffentliche kirchliche Feier, die zu dem Ende angeordnet war, sollte beweisen, wie gern der Monarch die Pflichterfüllung auch da, wo sie den beabsichtigten Erfolg nicht gehabt, wenn sie nur als solche treu und brav sich gestaltet, belohne; und so wurde diese Feier, was man damals kaum zu hoffen wagte, der weissagende Anfang und das Vorspiel zu den künftigen ehrenvollen Acten, die einige Jahre später stattfanden. Eine Tafel, die den Namen der braven Männer nannte, die in gedachtem Regiment sich ausgezeichnet, war an der Gruft Friedrichs des Großen aufgestellt, und wurde nachher, nachdem eine dem Zwecke der Feier angemessene Rede gehalten, bekränzt. Vorzüglich hatte sich der Obrist, jetziger General und Comman- dant der Festung Colberg , von Ledebur, bei dieser Affaire ausgezeichnet. Das Wort und die Idee „Ergebung" war nicht in seiner muthigcn Seele, bis daß er, von der überlegenen feindlichen Macht mit Wunden bedeckt, niedersank, und nicht mchr konnte. Der diesem ungleichen Kampfe zusehende, in seiner Kleidung zwar abentheuerlichc, aber tapfere Mürat bezeugte dem gefangen genommenen, aber nachher wieder frei gegebenen braven Manne seine Hochachtung mit den Worten: „Hätte der König von Preußen nur solche Soldaten gehabt, wie Sie sind, so wäre er nicht besiegt und das Unglück wäre nicht über ihn gekommen". Diese Aeußerung aus dem Munde des sonst übcrmüthigen Feindes Hot der gerechte König nie vergessen, und sie jedesmal wiederholt, wenn davon die Rede war. — Die religiöse militairische Feier machte, als das Hahngeschrei in der Dämmerung, die einen bessern Tag ankündigte, einen tiefen Eindruck, der dadurch verstärkt wurde, daß die Stadt daran warmen Antheil nahm. Der König sagte: „Wir haben keine Ursache, Feste zu feiern und Daum Iktuclumns zu singen; aber doch wollen wir vor» vertrauen, es werde besser werden; denn Recht bleibt doch Recht, wenngleich unterdrückt, kommt es doch wieder empor." In dieser Zeit fragte mich die wieder heitere Königinn unerwartet in Gegenwart des Grafen von Brühl: „Was und wie denken Sic über die Erziehung des Kronprinzen?" Ich wagte es nicht, diese wichtige Frage so zu beantworten, daß man damit zufrieden sein könnte; ich hatte darüber aber oft bei meinen Gängen im ernsten 8nns souei nachgedacht. Nach erhaltener Erlaubniß fuhr ich fort: „Ein Hauptfehler schiene mir darin zu liegen, daß man den künftigen König bei der Erziehung des Kronprinzen mehr im Auge gehabt, als den Menschen. Und doch müsse auf diesen jener gepfropft werden, wenn etwas Rechtes und Ganzes daraus werden solle. Niemand läugnc, daß der König, wie der Erste im ganzen Lande, so auch der Beste sein müsse. Der Beste könne er aber nur dann sein, wenn er zugleich der Edelste und Tugendhasteste sei. König sei er durch seine Geburt; aber gut werde er nur vorzüglich durch Mühe und Kampf. Tugend und Tapferkeit wären gleichbedeutende Begriffe. Zur Selbst- 73 bchcrrschung, woraus die wahre Herrschaft über Andere hervor- gche, gelange man nur durch Mühe und Achten auf sich selbst. Anlagen, Fähigkeiten und Talente wären ein Geschenk der Natur, die der Mensch, der Königs-Sohn nicht anders, als der des Niedrigsten im Wolke, mit auf die Welt bringe; Alles käme darauf an, die angeborenen Anlagen zu entwickeln, und dicß sei das Werk der Erziehung. Sic, die allerbeste, könne nicht geben, was die Natur versagt hätte; was da wäre zu wecken, sei ihr Werk und Geschäft. Der künstige Regent würde aber durch Nichts mehr eingeschläfert, als durch früh beigebrachte Ideen von seiner künstigen Macht, Herrschaft und Herrlichkeit. Die Vorzüge seiner Geburt lerne er früher kennen und üben, als die Pflichten, die er als Mensch zu lernen und zu erfüllen habe. Man isolire den künstigen Regenten, und doch solle er für Alle leben; dieß könne und werde er aber nicht ohne Humanität. Er müsse Mensch sein, um menschlich fühlen zu können. Nichts sei daher verkehrter und der wahren Ausbildung und der künftigen Bestimmung mehr zuwider, als das Verharren und Bleiben in der nächsten, angeborenen Sphäre. Hier sei Alles dienstfertig, unterthänig, und bereit, den Willen zu thun; dieser aber müsse gebrochen werden. Niemand könne gut befehlen, der nicht zuvor zu gehorchen gelernt habe. Dieß lerne aber der Kronprinz in seiner nächsten Umgebung nicht, vielmehr sei er überall, auch schon als Kind, der Erste nach dem Könige; hiermit trete Uebcrschätzung ein, die bald Hochmuth und Egoismus werde. Dicß zu verhüten, würde ich vorschlagen, an die Directoren der Gymnasien zu schreiben, um vier der talentvollsten und reichbegabtcsten Knaben, ohne Unterschied der Geburt und des Herkommens, in Vorschlag zu bringen, und diese mit dem Kronprinzen und den übrigen Königlichen Kin- <4 dem erziehen zu lasse», um früh schau zu lernen und zu begreifen, daß nicht Stand, Rang und Geburt, sondern nur Einsicht und gute Gesinnung dem Menschen den wahren Werth gebe. Diesen, den inneren wahren, unabhängigen Werth, müßte aber der König vor allen Ändern haben." Die Königinn lächelte, indem ich dicß sagte; ich kam dadurch aus dem Fluß der Rede, hielt inne, und bemerkte: „ich habe nach meiner Ucberzcugung gesprochen; wenn dieß ungeschickt und tactwidrig geschehen sei, so möge Sie das entschuldigen." „Nein", antwortete die huldvolle Königinn, „ganz und gar nicht. Wenngleich, was Sic sagen, von dem Herkömmlichen abweicht, so habe ich doch mit Vergnügen zugehört. O! ich bitte Sie, fahren Sic fort". „Ich bin fertig", antwortete ich, „und wollte nur noch bemerken, daß das große, stille Neue Palais in 8ems souei vorzüglich dazu geeignet sei, eine solche Königliche Erziehungsanstalt anzulegen." Nach dieser interessanten Unterredung, die oft durch die geistreichen Bemerkungen der Königinn gewürzt und gehoben wurde, erzählte Sie, „wie der König und Sie oft die Königsberger Schule, wo nach der Pestalozzisschen Methode von Zcller unterrichtet werde, besucht hätten. Sie wäre überzeugt, daß auf diesem Wege ein sclbstdenkcndcs und kräftiges Geschlecht erzogen würde; darum interessire Sic sich sehr für diese wichtige Sache. Sie sehe es gern, wenn diese Lehrart in alle Preußischen Schulen eingeführt würde, wcßhalb Sie mich ersuche, nach Königsberg zu reisen, — Sie wolle deß- halb mit dem Könige sprechen." Statt meiner schlug ich den würdigen, damals bei der Geistlichen- und Schulabthei- 75 lung der Königlichen Regierung zu Potsdam mit Einsicht, Treue und Erfolg thätigen Ober-Consistorialrath vi-. Natorp vor, der mehr Kenntnisse im Pädagogischen und mehr Sinn für diese Angelegenheit besitze. Zu dem Unglück, welches den Staat getroffen, gehörte vorzüglich der Verlust der alten treuen Provinzen von der Elbe an. Die Stadt Magdeburg war der Königinn vorzüglich werth und theuer; gern war Sic dort gewesen, die Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit seiner wohlhabenden, guten Bewohner hatte Ihrem Herzen wohlgethan, und still trauerte Sie, daß das Alles nun Ihrem Hause und Lande nicht mehr angehörte. Man hörte Sic sagen: „Wie einst die Brittische Königinn von dem verlorenen Calais, so kann und muß ich von Magdeburg sagen: Wenn man mir das Herz öffnen könnte, so würde man mit blutigen Zügen den Namen Magdeburg darin lesen." Indem Sie dieß im Tone der Wchmuth sprach, und der König mit einem ernsten Gesicht, die rechte Hand auf dem Rücken und die linke in der Weste, auf- und abging, stand Er still, als von Wcstphalen und namentlich von der Grasschaft Mark die Rede war. „Es ist merkwürdig", sprach Er, „daß ich aus diesem Lande von den Untcrthanen die wenigsten, fast gar keine Vorstellungen erhalte; Klagen und Bitten sehr selten; oft mehr aus einer Stadt, die ich nicht nennen mag. In Kirchen- und Schulsachcn ist man dort weiter, als in anderen Ländern. Die Gemeinden selbst sorgen dafür und es herrscht dort ein besserer kirchlicher Sinn,, als anderswo. Merkwürdig ist, daß man in der Grafschaft Mark keine Filiale hat, und doch 76 die Menschen oft Stunden weit zur Kirche gehen. Es herrscht da viel Wohlstand und, was immer damit verbunden ist, eine alte gute Sitte. Es ist mir sehr schmerzhaft, daß ich auch diese, eine der besten Provinzen, verloren habe, um so mehr, da ich auf ihre vortreffliche Vorstellung*) geantwortet, wie ") Diese Bittschrift verdient es ihres inneren Gehaltes, geistigen und sittlichen wegen, der Vergessenheit entrissen zu werden. Viele haben dicß herrliche Document der Volkstreue und Liebe noch nicht gelesen; und wo könnte es besser stehen, als in der Charakteristik Dessen, an den es gerichtet war! „Ew. Königlichen Majestät nahen sich voll Ehrfurcht und Vertrauen mit uns der Südcrländischcn Gebirge in der Grafschaft Mark Bewohner in einer Lage, der ähnlich, darin sich einst unsere Voreltern an den großen Churfllrsten wandten. — Bei einer Wendung der Unterhandlungen des Wcstphälischen Friedens, war, — so scheint's —, von Abtretungen und Vertauschun- gcn die Rede, welche unser Gebirgsland betreffen sollten. Damals ertheilte der Unsterbliche unsern darüber bestürzten Voreltern (Cleve, den 3lsten März IV4?) das ehrende Zeugnis; und die theurc Versicherung: daß die Einwohner des Märkischen Süder- landes und deren Vorfahren Seiner löblichen Ahnherren, der Herzöge von Cleve und Grafen von der Mark, erste und gehorsamste Unterthanen seit vielen hundert Jahren gewesen wären. Darum sollten sie und ihre Nachkommen von Ihm und Seinen Nachfolgern und zu ewigen Zeiten, weder abgetreten, noch verwechselt, sondern immer und zu allen Zeiten bei Seinem Hause im Besitze ihrer Rechte und Freiheit erhalten werden." Es sind 7U0 Jahre her, da Graf Adolph von Altena, — Ew. Königlichen Majestät von mütterlicher Seite Ahnherr — in unsrcm Gebirge, auf einem kleinen rauhen Erbtheil, aus der Nacht der Zeiten hervortrat. Seitdem haben unsere Berge unter keiner anderen Hoheit und Herrschaft, als der Seiner Nachkommenschaft gestanden. Diese ward durch Weisheit, Helden- ^ gcist, Gerechtigkeit und Glück im Mittelalter groß und mäch- ' tig. Unsrer Borfahren Arm und Muth war vor allen andern dabei wirksam. Dafür ist die. Grafschaft Mark dem i < sich von selbst versteht, noch ihren Wünschen, welche die mei- nigen waren. Die Vaterlandsliebe, die in dem angestamm- Hause Graf Adolph's immer unter allen seinen Besitzungen die liebste gewesen. Es war auf dem Wege zu Thronen, als sein Mannesstamm im letzten Clcve'schen Herzoge erlosch. Durch Schmeicheln und Drohen suchte das mächtige Ocstrcich unsere Voreltern vom Blute Graf Adolph's abzulenken. Aber sie widerstanden und warfen sich frei, kühn und freudig, dem damals schwachen Haus« Brandenburg in die Arme; denn es stammte aus dem angebornen Fürsten-Geschlecht und war unter allen Bewerbern der nächste rechtmäßige Erbe. Schweigend übergehen wir die langen und schrecklichen Drangsale, welche dcßhalb unser Land von den Spaniern erduldet hat, und die Ludwig XIV. ihm verursachte, weil es dem großen Ehursürsten und seinem Sohn Friedrich l. gehörte. Standhaft übernahmen sie unsere Vorfahren für ihr geliebtes Haus Brandenburg, mit dem sie stehen und fallen wollten. Ihr Geist und Sinn ist auf ihre Nachkommen, alle Bewohner der Grafschaft Mark, vererbt. Sic wären des Blutes der Väter nicht werth, die von denen stammen, welche Norddeutschland's Vormauer in den Römcr- kriegen waren; nicht werth des Bodens, den sie bewohnen, auf dem Herrmann geschlagen, gesiegt und die Legionen vertilgt hat, wenn sie nicht dächten und fühlten, wie ihre Väter. — Wir verehren bewundernd die Wege des Ewigen, der unsere Voreltern vor 2 Jahrhunderten dem Hause Brandenburg zugeführt hat. Dadurch ist unser Land ein Thcil der Monarchie geworden, die durch eine Herrscher-Reihe, wie nie ein Volk sie hatte, von kleinen Anfängen eine der ersten und ehrwürdigsten der Erde ward. Wir sind nie, wie andere Provinzen, von dieser Monarchie getrennt gewesen; sind nicht damals zu ihr gekommen, wie sie schon groß war. Wir waren mit die ersten und ältesten derselben, von Anfang, und immer in der ehrenvollsten erhabenen Laufbahn. Wir dürfen uns gleicher Verdienste um das heilige Rcgcntenhaus und um das heilige Vaterland wie irgend ein edler Thcil des letzteren rühme». Die Söhne unseres Landes waren in allen Kriegen des großen Kö- 78 tcn altcn Regentenhausc Nahrung findet, ist den Markanern angeboren; sie haben init der Muttermilch Liebe und Anhäng- niges an Seiner Seite; sie sind nie von den Besten im Heere übertreffen worden. Ein großer ehrwürdiger Theil liegt begraben auf jenen Schlachtfeldern, wo Er Seine Siege — größer als die, mit denen manches glückverwöhnte Volk prahlt, — errungen hat. Dafür ist Prcußen's Ruhm der unsrige; dadurch haben wir an des Vaterlandes Selbstständigkeit und Glückseligkeit so gerechten und hohen Anspruch, als die Bewohner der Hauptstadt desselben; die Grafschaft Mark kann und wird so wenig von der Monarchie getrennt werden, als eine der fünf Marken, darin jene liegt. Mit dieser Ueberzcugung, an die wir so fest wie an unser Dasein glauben, leben und sterben wir. Für den größten Theil der Einwohner der Grafschaft Mark bedarf es, wie für uns, darüber keine Versicherung. Aber wo sind in unfern verhängnisvollen Tagen, — ähnlich denen, darin der große Churfürst zu unseren Voreltern sprach, — nicht Schwache, die an Dem bange zweifeln, daran man immer freudig festhalten sollte! Wie zu den Zeiten des Wcstphälischcn Friedens, spricht man von großen Veränderungen, die über Rord- deutschland unterhandelt werden, von Abtretungen und Vertauschungen, die vorzüglich unsrem Kreise bevorständen. — Wir sind ruhig dabei. Wir wissen, das Wort, welches der große Churfürst zu unseren Vätern gesprochen hat, gilt ewig; das kann und wird Keiner seiner erhabenen Nachfolger zurücknehmen. Am allerwenigsten jetzt, da auf dem preußischen Throne ein Monarch ist, der die Rcgierungsgrundsätze Seines großen Ahnherrn und des großen Königs durchaus befolgt; ein Monarch, der wie Churfürst Friedrich Wilhelm, die Grasschaft Mark kennt und liebt; dessen erste und gehorsamste Unterthanen zu sein unser edelster Stolz und unser höchstes Glück ist. — Dürfen wir chrfurcht- und zutrauungsvoll die Bitte wagen: ,,daß Ew. Königliche Majestät zur Beruhigung Aller, die unter uns bekümmert sind, das heilige Wort des großen Churfürstcn von Neuem der Grafschaft Mark verkündigen lassen?" „Wie damals, da es zum ersten Mal, vor langer denn an- 79 ichkeit cm den König eingesogen, und darum kann man sich auf sie verlassen. Man sollte sagen, was so ineinander gc- derthalb Jahrhunderten, in ihr erscholl, ein allgemeiner Dank und Jubel war, eben so groß und vielleicht noch größer wird jetzt in ihr Freude sein. Wir ersterben mit tiefster Ehrfurcht als Ew. Königliche Majestät allerunterthänigste treu gehorsamste Unterthancn. Die Dcputirten der Stände in der Grafschaft Mark. Wetter in der Grafschaft Mark." Auf eine jetzt noch uncrklärbare, nicht aufgehellte Weise kam diese Vorstellung nicht zu den Händen des Königs, und da die muthlgen Markancr sie am l8ten Mai desselben Jahres wiederholten, erhielten sie eine ihren Wünschen entsprechende Antwort, worin der König die ehrenvolle Acußcrung Seines unsterbliche» Ahnherrn, des großen Chursiirsten, zu der Scinigcn macht; den treue» Unterthanen die erneuerte Zusage Seiner innigen vcr- trauungsvollcn Liebe giebt, und versichert, daß Er keinen Augenblick daran gedacht habe, das Schicksal der Grafschaft Mark von dem Seines Hauses zu trennen. Der Verfasser dieser herrlichen patriotischen Vorstellung ist Johann Fricdr. Möller, Pfarrer zu Elsey in der Grafschaft Mark. Er sah den Sturz seines geliebten Vaterlandes, und tief gebeugt starb er bald nachher, den 2ten Dcccmbcr I8V7. In Erinnerung an ihn und seine Verdienste ist ihm auf dem hohen Berge, da, wo er so gern und oft stand, sinnend in die Herrlichkeit der ausgebreiteten Natur schauend, dem romantischen Limburg, dem Bcrgflusse Lenne, und der Brücke gerade gegenüber, ein in das Thal hcrabschimmerndcs Denkmal errichtet. Wer dort vorüber geht, stehet still, schauet hinauf, und segnet sein Andenken. Ihm ist folgende Grabschrift gesetzt: „Auf den Gebirgen des Südcrlandcs nährte sich sein Geist, an vaterländischer Geschichte." 80 wachsen und Eins ist, könnte und dürste nicht getrennt werden. Unsere Zeit ist aber eine gewaltige und gewaltsame und „Unter dem Strohdache des Wicdenhofes las Er die großen Tobten der Vorwelt. Das Leben der Menschen spiegelte sich vor seinem Geiste." „Lehrer und Freund war Er seiner Gemeine; Er zeigte ihnen den Weg des Lebens mit heiligem Ernste." „Den Fall dessen, was Jahrhunderte gebauet hatten, sah sein thränendcs Auge. Seine Seele war voll Trauer, wie die Seele Ossian's." „Sein Leib fiel in Staub vor Jammer. Aber sein Andenken lebt herrlich in dem Munde seiner Freunde." „Ihre Gespräche ehren den Tobten." „Wenn die Nebel über die Haide ziehen, wenn die Winde brausen durch den Wald"; „Wenn die Flamme auf dem Heerde brennt und die Nacht lange liegt, ehe der Morgen grauet", „Dann gedenken sie des Tobten und genießen die Lust der Thränen." Wer von diesem unvergeßlichen Manne, dem Märkischen Justus Moser, mehr zu wissen wünscht, der lese die treffliche, von A. Mallinkrodt, in 2 Thcilen, Dortmund 1810, herausgegebene Schrift: „Der Pfarrer von Elsey. Das Interessanteste aus dem Nachlasse I. F. Möllcr's" ukr. „Beobachtungen auf einer Reise durch einen Thcil von Wcstphalcn und Holland, S. 230—201, von vr. A. H. Nicmeyer. Halle 1823." Als geborener Markaner kann ich der Lust nicht widerstehen, hier als gehörig einzurücken eine wahre und gelungene 8 k darum weil sie eine unnaturliche ist, kann sie nicht bestehen Gott weiß aber, wie lange sie dauern wird." Die Verehrung, Liebe und Anhänglichkeit, die der König und Seine Sache in den gewaltsam abgerissenen alten Schilderung der Grafschaft Mark und seiner Bewohner, vorzuglich der Bauern, um so mehr, da in derselben auch die Rede ist von König Friedrich Wilhelm III. Wer dicß schon gelesen, wird es gern hier wiederfinden; wer noch nicht, wird eilen, sich mit der Schrift: ,,Münchhausen, eine Geschichte in Arabesken von Carl Jmmcrmann", bekannt zu machen. „Nicht sagen kann ich dir, wie wohl mir hier zu Muthe geworden ist in der Einsamkeit der Wcstphälischen Hiigclebcne, wo ich bei Menschen und Bich seit 8 Tagen einquartirt bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Bieh; denn die Kühe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des großen Flurs, was gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirthschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen Eichcnwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange Wiesen und wallende Kornfelder, zwischen denen sich dann weiter wieder ein Eichenkamp mit einem Gehöfte erhebt. Denn hier geht es noch zu wie zu Tacitus Zeiten. tlolunt tliversi, nt kons, »t campuü, nt rxzmn« pla- onit. In solchen Höfen hat man eine Empfindung froher Ruhe aller Sinne, wie sie Prachtgärtcn, Parks und Villen nicht zu erregen, vermögen. Denn das ästcthischc Landschaftsgcsiihl ist schon ein Product der Ucbcrfcincrung, weßhalb es denn auch i» eigentlich robusten Zeiten nie auftritt. Diese halten vielmehr die Stimmung zur Muttererde, als zu der Allernährerinn, fest; wollen und verlangen nichts von ihr, als die Gabe des Feldes, der Viehweide, des Fischteiches, und des Wildforstes. Die Wcstphälischen Bauernhäuser liegen abgebaut einzeln da; denn die Bewohner wollten stets ihre Wirthschaft im Auge behalten. Darum ist auch jeder einzelne Hof ein kleiner Staat für sich, II. M g 82 Provinzen fand, war Ihm und Seinem Hause ein süßer Trost und oft blitzten große Hoffnungen durch. Bei jeder Gelegenheit machte sich diese Gesinnung Luft und war oft rund abgeschlossen, und der Herr darin ist so gut König, als der König auf dem Throne. Mein Wirth ist ein alter prächtiger Kerl. Er heißt Hofschulze, obgleich er gewiß noch einen andern Namen hat; denn jener bezieht sich auf den Besitz seines Eigenthumes. Ueberall ist das so hier zu Lande; denn der Hof hat einen Namen. Der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter (Klabae nil«criptu«). Daher das Erdgeborne, Erdzähe und Daucrbare des hiesige» Geschlechts. Das ist ein Boden, den seit mehr denn tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen alter Eichen entgegen. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen KV Jahren sein; doch trägt er den starken großen, knochigtcn Körper noch ganz ungebeugt. In dem rothgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten, die er gemacht hat, abgelagert; die große Nase steht wie ein Thurm in diesem Gesichte, und über den blitzenden blauen Augen hangen die weißen struppigen Braunen, wie ein Strohdach. Er mahnt mich wie ein Erzvater, der dem Gottc seiner Väter von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Brandopfer darauf gießt und Ocl; seine Füllen groß ziehet; sein Korn schneidet, und dabei über die Seinigcn unumschränkt herrschet und richtet. Nie ist mir eine compactere Mischung von Ehrwürdigem und Verschmitztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist rechter, uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Wortes; ich glaube, daß man diese Art Menschen nur noch hier finden kann, wo das zerstreute Wohnen und die altsäch- sischc Hartnäckigkeit fern von großen Städten den privativen Charakter Germaniens aufrecht erhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind darüber hingcstrichen, haben wollen die Spitzen des Gewächses abbrechen, aber die Wurzeln nicht ausrotten können, denen dann immer wieder frische Sprößlinge entsprossen, wenngleich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln sich zusammenschließen durften." (Erster Th. S. 138, 182 und 21N). 83 unvorsichtig in der Aeußerung, woher auch wohl die Härte, womit der Französische Kaiser verfuhr. Unter vielen rüh- Jm 4ten Theile S. 132—133 heißt es: „Halten wir auch die Herren von der Schreiberei nicht ganz sonderlich in der Estimatio», so schlug uns doch jederzeit das Herz, wen» wir an den König dachten. Ja gegenwärtig schlägt mir mein Herz in meinem Leibe, da ich Seinen Namen ausspreche. Denn der König, der König muß sein, und nicht ein Buchstabe darf abgenommen werden von Seiner Macht, und von Seinem Ansehn und von Seiner Majestät. Es ist der aller- oberste General, er der allerhöchste Richter, und der gemeinschaftliche Vormund. Denn es arrivircn mitunter Sachen, in denen man sich nicht selbst helfen kann und nicht zu rathen weiß mit seinen Nachbarn. Da ist es denn Zeit, daß man den König anruft in der Noth. Aber wie ein ordentlicher Mensch den lieben Gott nicht um jede Bagatelle belasten mag, als zum Beispiel, wenn einem der kleine Finger wehe thut an der linken Hand, sondern wo die Creatur nicht mehr ein noch aus weiß, da schreiet sie zu Ihm: also soll der König nicht angeschrien werden um jeden Groschen, der mangelt, sondern in der rechten Noth allein; aber zu allen übrigen Tagen soll man nur sein Herz erfreuen und erquicken an dem Könige. Den» Er ist das Abbild Gottes auf Erden. Zum Pläsir ist uns hauptsächlich der König gesetzt und nicht zum Hans in allen Gassen. Aber wo nun der Geängstetc und Bedrängte keinen Rath mehr weiß, da thut er sich aufmachen und steckt Brod und sonstigen Proviant zu sich, und thut viele Tage gehen. Und endlich stellt er sich, an Ort und Stelle, vor das Schloß und hebt sein Papier in die Höhe, und dieses sichct der König und schicket einen Lakaien oder Heiducken, oder was für Kramerei oder Package er sonst um sich hat zu seiner Aufwartung, herunter und läßt sich das Papier bringen, und liefet es und hilft, wenn Er sonst kann. Wenn Er aber nicht Hilst, so stehet nicht zu helfen, und das weiß dann der arme Mensch, geht still nach Hause, und leidet seine Noth wie Schwindsucht und Abneh- mungskrankheit. Sie sagen: Er mache sich nichts aus den Leuten! — Dieses ist aber eine grobe Lüge; Er hat die Untcrthanen k» 84 rendm Beispielen der Art verdient hier folgende Begebenheit eine Stelle. In dem durch Berlin nmrschirenden Großherzoglich Bcr- gischen Regiincntc befanden sich viele Soldaten aus der Grafschaft Mark; diese dienten dem mächtigen Unterdrücker gegen ihren Willen und hingen noch mit- voller Liebe an dem Könige von Preußen, den sie, ob sie Ihn gleich verloren, noch immer den Ihrigen nannten. In Berlin anwesend, wünschen sie Ihn zu sehen und sie versammelten sich haufenweise sehr gerne, aber Er behält es nur bei sich, und ein gutes Herz hat Er, wie ein deutscher Potentat haben muß, und ein sehr prächtiges. Es ist erstaunlich und eine Verwunderung kommt einen an, wenn man die Männer, die davon wissen, hat erzählen hören, wie Er sich in der grausamen Roth, als der Franzose im Lande hausete, so zu sagen das Brod am Munde abgebrochen hat, und hat Seinen Prinzen und Prinzessinnen zu Geburtstagen und Weihnachten nur ganz erbärmliche Präsenter gemacht, bloß damit Er den armen Untcrthancn, die ganz ausgesogen waren, nicht viel koste. Dieses segnet Ihm nun der liebe Gott in Seinen alten Tagen in Fülle, und Er ist wieder in guten Umständen und ganz wohl auf. Gott erhalte Ihn lange dabei! Noch neulich hat Er einen armen Menschen in unserer Nachbarschaft, den Einer wegen Zinsen und Kosten mitten im Winter hatte vom Hofe herunter subhastiren lassen wollen, das Geld aus Seiner Tasche gegeben. Wen» er kann, soll Ihm der es wieder geben, und wenn er nicht kann, so thut's auch nichts, hat der König gesagt. Deßhalb haben wir immer von vielen Geschichten um uns herum nichts wissen wollen; wir stießen an und ruften und rufen: „Der König soll leben!" Zwar habe ich nie von Ihm etwas zu bitten bedurft, und ich gebrauche Ihn nicht zu meines Leibes Nothdurft; aber voll Freuden bin ich immer gewesen, Sein Unterthan zu sein; Er ist ein geborner Fürst und mein Herz habe ich an Ihm erfrischt all mein Lebtage." 83 am Arsenal, dem Palais des Königs gegenüber. Ihm, der nichts davon wußte, siel dieß auf. Nachdem Er es erfahren, ließ Er ihnen sagen, sie möchten mit ihren Kameraden zusammen in's Schloß kommen. Mitten trat der stattliche Herr unter sie, und den treuen Landcskindcrn schlug lauter das Herz, als sie ihren rechtmäßigen König sahen. Umgeben von Menschen, die es redlich meinten, dankte der König nun mit beredter Zunge für die Beweise treuer Anhänglichkeit; sprach von dem Unglücke verhängnißvoller Zeit, und crmahnte die tapfern Markancr, treu ihrem geleisteten Soldateneide dem neuen Herrn gewissenhaft zu dienen. Es herrschte eine feierliche Stille in dem Saale und Jeder sah innig und wahr den König an. Seine Rede, wie Sein ganzes Wesen, machte einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck, und wie Er sich entfernt hatte, konnten vor Rührung die braven Männer nicht sprechen. Die anwesenden Adjutanten redeten mit ihnen, überreichten Jedem im Namen des Königs ein angemessenes Geldgeschenk, auch wurden sie von den umhergehenden Königlichen Lakaien anständig mit Erfrischungen aller Art bedient. Vorzüglich hat diese gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit genährt und erhalten der Oberpräsident von West- phalen, der wirkliche Geheimrath, Freiherr von Vincke. Eine edle Natur, wie es in dieser Wahrheit, Einfalt und Fülle, wenige giebt. Da hier von Westphalen die Rede ist, so stehe hier episodisch, wenngleich nicht ganz sincronistisch, ein kleines Denkmal auf dem noch frischen Grabe des Ehrenmannes, der viele Jahre die belebende Seele dieses Landes war. Schon Nicmcycr nannte ihn, auf dem Pädagogium zu Halle gebildet, einen seiner trefflichsten Schüler, und Heinrich 86 Stilling in seiner Biographie, Lehrjahre 5ter Theil (Berlin und Leipzig 1864), sagt Seite 69: „Seit einiger Zeit stu- dirt (1799) ein junger Kavalier aus Wcstphalen, von Vincke, zu Marburg; er logirt in Stilling's Hause und speiset auch an seinem Tische; er gehört unter die trefflichsten Jünglinge, die jemals hier studirt haben." Edclmuth und sittliche Kraft bewies er still und unbemerkt schon in seiner Jugend dadurch, daß er mit seinem akademischen Freunde, dessen Vater plötzlich ohne Vermögen gestorben war, seinen Wechsel theilte, sich einschränkte, und keine Schulden machte. Als König Friedrich Wilhelm Ii. bei seiner Anwesenheit zu Minden den jungen von Vincke, der sich seine Jugend lange erhielt, ansah und den damaligen Obcrpräsidentcn, nachhc- rigen Staatsministcr von Stein fragte: „Macht man hier Kinder zu Landräthen?" antwortete derselbe: „Ja, ein Jüngling von Jahren, aber ein Mann am Verstände"; und das wurde er immer mehr mit der Zeit und ihrer Erfahrung. Ganz Ostsriesland (das wir leider verloren haben) segnet sein Andenken, das des Präsidenten zu Aurich. Er machte mit seinem Freunde, dem Regierungsrath Hecht, eine Reise nach Spanien, und die veredelte Schafzucht in Preußen, und dann in ganz Deutschland, war das Resultat dieser Sendung. Bei.seinem Aufenthalte in England lernte er die Verfassung desselben kennen und seine Schrift darüber fand bei allen Sachkundigen ungetheilten Beifall. Er war ein klarer, denkender, mehr gut componirender, als erfinderischer Kopf, und hatte von allen Gegenständen, die im Leben vorkommen, eine gesunde, richtige und frische Ansicht. Seine amtliche Lausbahn führte ihn in praktische Dinge; doch ruheten fruchtbar und orientirend die Theorien in seiner wissenschaftlichen Bildung. Zwar hatte er nicht Zeit, Philosophie, Sprachen 87 und Geschichte, die er liebte, fortzustudiren, aber er erhielt sich mit den neuesten Erscheinungen auf diesem Gebiete in Bekanntschaft. Er war uncrmüdct thätig, und da er die Kunst verstand, auch Augenblicke zu benutzen, so leistete er nicht nur unglaublich viel, svndern behielt auch noch Zeit für gesellige Verhältnisse. Ucberall war er gewesen, keinen erwarteten Besuch unterließ er, und oft erschien er da, wo man es nicht erwarten durfte; besonders auf Geschäftsreisen, und denen, die er zum Vergnügen machte, war er ein aufmerksamer Beobachter und lernte das Unbekannte kennen, um das Gute wieder anzuwenden. Als Präsident war er musterhaft; ein thätiger, pflichtliebendcr Vorgesetzter, ging er sämmtlichcn Mitgliedern des Collegiums, den Höhern wie den Subalternen, als ein lehrendes Beispiel voran, und Jeder, auch der Träge, that seine Pflicht; Jeder strebte, sein Wohlgefallen zu erhalten; Jeder fürchtete sein Mißfallen. Er controlirte sehr aufmerksam und behielt Alles im Auge. Der kleine unscheinbare Mann war ernst und streng, wenn er auf dem Präsidentcnstuhlc saß, und er konnte zornig und heftig werden, wenn er Verschleppung und Flunkerei bemerkte. Er hatte, was ein Vorgesetzter, besonders ein so hochgestellter, haben muß, Achtung, Verehrung und Furcht. Doch war Liebe für ihn das vorherrschende Gefühl, da er ebenso gut als einsichtsvoll war. Schon mit dem guten Willen war er zufrieden, und selbst im höchsten Grade gut- müthig, war er gewonnen, wenn er Gutmüthigkeit sah. Bei dieser hatte er unglaubliche Nachsicht und Geduld und blieb sich darin gleich. Immer war er zufrieden, gewöhnlich heiter und still, wenn er Körperschmerzen und Scelenleidcn hatte. In seinen Sitten und in seiner Lebensweise höchst einfach und schlicht, wurde er, wo es auch sein mochte, nir- 88 gcnds .lästig. Auf das, was er aß und trank, achtete er nicht, und er kannte bei den gewöhnlichsten Speisen ebenso froh sein, als bei dem üppigsten Mahle. Er liebte es nicht, lange bei Tische zu sitzen, und was das heißt, sich gütlich thun, kannte er -nicht. In dem reichen Schlosse, welches er in Münster bewohnte, war er ein durchgehender Pilger und Gast. Er hielt sich gern im Freien auf, wo ihm die Pfeife gut schmeckte, und achtete nicht darauf, ob der Taback köstlich war, oder nicht. Orden, deren er eine Menge hatte, trug er nur dann, wenn es diplomatisch schicklich war; doch war ihm das eiserne Kreuz, welches seine breite Brust schmückte, vorzüglich werth und theuer. So wie er schien, so war er auch, und Etwas scheinen wollen, was er nicht war, kannte er nicht. Nie machte er sich wichtig; er ging einher und stand da unscheinbar. Der Fremde war erstaunt, daß der kleine und demüthige Mann, der sich nicht hervordrängte, ein Obcrpräsident war. Aber sah man ihm in's Gesicht, in die klaren, blauen, denkenden Augen; beobachtete man die gewölbte Stirn, die gefüllten, gutmüthigcn, sanst ge^ schlossenen Lippen; hörte man ihn sprechen, kurz, gedankenreich und einfach, so wurde der Menschenkenner bald inne, daß eine große Seele in dem kleinen Körper wohnte. Er wurde oft verkannt, oft nicht gekannt, weil er gern zu Fuße reiste und es liebte, vorzüglich dann den bequemen Wcst- phälischen blauen Kittel zu tragen. In diesem hat man ihn häufig für einen Bauer gehalten, und er ließ sich, weil er diesen achtungswerthcn, biedern Stand kannte, achtete und liebte, gern dafür halten. Dicß war nicht Affectation, wozu die Natur ihm die Anlage versagt hatte, sondern wahre Stimmung. Er wies darum die Zumuthungen und Forderungen nicht zurück; und einmal, im blauen Kittel von 89 Aalen nach Münster gehend, half er, aufgefordert von einem Fuhrmanne, der aus schlechten Wegen fest gefahren war, durch beschwerliches Heben und Schieben der Räder. Er hatte die ächte Popularität, die aus dem Herzen und der wahren Menschenliebe kommt. Er sah in jedem Menschen den Menschen, und die Kleidung, die er trägt, war ihm, was sie ist, nur die äußere Hülle. Wahrheit und Nichts als Wahrheit war in Allem das Ziel, das er suchte und wollte, und Wahrhaftigkeit die Luft, in der er immer, lebte und athmete. Dabei gutmüthig und bieder, paßte er ganz zu dem Nationalcharaktcr der Wcstphälinger und verstand namentlich den Bauer und den Bürger. In der Regel sind diese mißtrauisch, besonders gegen Beamte, und der Meinung, daß man ohne Kniffe mit ihnen nicht fertig werde. Zu dem Oberpräsidcnten hatten sie ein unbedingtes Vertrauen, dem es vorzüglich zuzuschreiben ist, daß von Vincke so viel Gutes im Lande stiftete, und, seinen Bewohnern lieb und werth, nicht vergessen werden wird. Achtung, Liebe und Vertrauen nahmen mit den vielen Jahren seines Wirkens zu, und er war stets umlagert mit Leuten aus allen Ständen, die seinen Rath verlangten; sie befolgten, was er ihnen aus dem Schatze seiner Erfahrung rieth, und befanden sich wohl dabei. Er halte, wiewohl er einen energischen Charakter, besonders in Geschäften, an den Tag legte, wenig oder gar keine Feinde, da er alle Interessen zu berücksichtigen und zu vereinbaren wußte. Er stand über jeder Partei und in seiner Natur lag das Princip der Versöhnung. Weil an ihm nichts Geschrobcnes und Geschminktes und, wie man dort zu sagen pflegt, kein falsches.Haar an ihm war, vielmehr er sich so hingab und hingeben durste, wie er war, blieb er sich auch immer gleich. Er war heute, wie gestern, und 90 weil er immer wahr war, redete und fühlte, blieb er auch stets consequent. Sein Stand, Rang und Einfluß, war auf den guten Menschen gepfropft, und dieser blickte immer durch. Er wußte nichts von Hochmuth, und wahre männliche Demuth war in Allem, er mochte stehen vor wem er wollte, sein Eigenthum. Darum inachte er, wiewohl er einen zarten Tact hatte, und Personen, Zeit und Ort richtig unterschied, keinen Unterschied; so war es ihm eine Sache, die sich von selbst verstand, bei regnigtem Wetter den Lohnlakaien bei sich in den verdeckten Wagen zu nehmen. Darum reiste er gewöhnlich ohne Bedienten und der Excellenz siel es nicht ein, besser als andere honette Leute es haben zu wollen. Mit einem so edlen Menschen läßt sich wohl leben und überall gut fertig werden. Was mögen erst Frau und Kinder, denen er das volle und treue Herz hingab, an dem Gatten und Vater gehabt haben! Was seine Verwandten, Freunde, Collegen, an ihm hatten, wissen sie; was die Armen und Nöthlcidendcn, denen er im Stillen wohlgethan, wird erst jetzt bekannt werden, da er vom Schauplatz des Irdischen abgerufen ist. Daß ein so vollendeter Mensch, (soweit als menschliche Unvollkommcnheit und Beschränktheit es zuläßt) ein Christ war, versteht sich von selbst. Wie hätte er in der Seligkeit und Ewigkeit der Liebe sein und athmen können, ohne Glauben an den Ewigen? Wie hätte er umhergehen und Gutes thun können, ohne ehrfurchtsvollen Aufblick zu Deni, von dem alle Kraft und Neigung kommt, die gerade steile Bahn still zu gehen, die mit seinen heiligen Fußtapfen bezeichnet ist? Aber er machte nie Geräusch mit seiner Frömmigkeit; von ihrem, sanften und belebenden Anhauche beseelt, erkannte man ihre reifen schönen Früchte an seinem gesunden Lebensbaume. Er war ein ganzer Mann, 91 aus einem Gusse und Stücke, männlich in seinem Charakter, kindlich in seinem Gemüthe. Er lebte und wirkte in einer wichtigen Zeit und Europäische Schicksale entwickelten sich vor sscincn Augen. Mit den geistreichsten Männern stand er in Verbindung und er besaß ihre Achtung und ihr Vertrauen. Der hochselige König Friedrich Wilhcm III. erkannte, ehrte und liebte ihn; des jetzt regierenden Königs Majestät, ebenso gesinnt, zeichnete ihn bei jeder Gelegenheit aus, und bei seiner häufigen Anwesenheit zu Berlin war er, wie vor Kurzem noch, der jedesmalige gern gesehene Tischgenossc im alten Schlosse und in 8nns sorroi. Im Juni 1845 sollte sein 50jähriges Dienstjubiläum gefeiert werden, und schon wurden die vorbereitenden Anstalten großartig dazu getroffen. Aus jeder Stadt und jedem Dorfe Westphalens sollten Deputate in Münster erscheinen, und die Stände, katholische sowohl als protestantische, legten zusammen in brüderlicher Eintracht eine namhafte große Summe, wovon errichtet werden kann, würdig, eine milde Anstalt, die den unsterblichen Namen, die von Vincke'sche, führen soll. Jetzt hat der Himmel sein Jubiläum gefeiert; wir aber, die wir ihn so lieb hatten, sehen ihm mit thränenvollen Augen nach. — Es war den zweiten Psingsttag 18111 als der König und die Königinn, froh und heiter, dem äußeren Anscheine nach gesund, an einem schönen Frühlingstage, in seinem milden Lichte sich sonnend, auf dem großen Plateau vor 8nris sonor auf und abgehend, in der dort befindlichen Vertiefung die antiquen Büsten der Römischen Kaiser, auf einem hohen Piedestal nach ihrer Eigenthümlichkeit stehend, solche sinnend ansahen, und die Königinn sagte: „Haben sie wohl die Römischen Kaiser darauf angesehen und denjenigen heraus- 92 gefunden, der in seiner Physiognomie die meiste Aehnlichkeit mit dem Kaiser Napoleon, dem gewaltigen Mann unserer Zeit, hat?" Der König lächelte bitter; und da ich nicht gleich die Antwort hatte, fuhr die Königinn fort: „Kommen Sic mal auf diese Stelle, und sehen die Büste des Kaisers Nero im Profil an; Sie werden eine frappante Aehnlichkeit mit ihm, dem Wunderbaren, finden; nur sein Mund und seine Lippen sind weniger gekniffen und schöner." Dieß gab Ihr Gelegenheit, über die damaligen Alles umkehrenden Begebenheiten der Zeit, wovon Ihre Seele so voll war, zu reden, und Sie redete darüber geistvoll mit großer Mäßigung Unter Anderem sagte Sie: „Der gegenwärtige Zustand der Dinge ist ein gewaltsamer, durch das Uebergewicht der physischen, wenn ich auch zugeben will der intellcctuellcn, kcincswcges der moralischen Kräfte, die dabei doch nicht aus der Acht zu lassen sind, — herbeigeführt. Er ist durchaus nicht aus dem Willen und den Wünschen der Nationen und Völker hervorgegangen; denn diese sind besiegk und unterjocht, sie sind damit unzufrieden und alle Welt ist es. Die vermeinte Freiheit, der die Franzosen sich rühmen, ist im Grunde nur Sklaverei, der allgemeine Wille wird verschlungen von dem Willen der Willkür eines Einzigen, den ein unersättlicher Ehrgeiz treibt. Seine Herrschaft ist Zwang, den man nicht fühlen will, weil sie bis jetzt glücklich ist. Alles ist unnatürlich zusammengepreßt, und darum kann es nicht von Dauer sein; die Natur behauptet ewig ihre Rechte. Man fühlt es heraus, wir sind noch nicht fertig, es kommt noch etwas Anderes; aber ach! darüber können wir sterben." „Er ist eine Zuchtruthe in der Hand Gottes, und wenn diese genug gebraucht ist", setzte ich hinzu, „wird diese in's 93 Feuer geworfen und verbrannt." »Das habe«? Sie uns an heiliger Stätte aus dem Worte Gottes verkündigt und zur Ergebung und Hoffnung ermuntert. Ihre von Ostern bis heute gehaltenen Predigten haben mich erbaut und getröstet. Lassen Sie dieselben drucken und dediciren sie mir; der König, mit dem ich vorher schon gesprochen, ist damit vollkommen zufrieden. *) Wenn ich von Mecklenburg zurückkomme, lesen Sie uns vor; ich freue mich, den guten Vater und die Hcimath wieder zu sehen." Bald darauf reiste die Königinn dahin ab. Wie Sie in's Mecklenburgische kam, wurde Sie wehmüthig Und wieder von trüben Ahnungen befallen. Als Sie in Fürstcnberg in den Schloßhof einfuhr, erblickte Sie alle Ihre Geliebten, auf Sic wartend, Ihr entgegenkommend, und unter Thronen rief Sic: „Ach da ist mein Bater!" und sank gerührt in seine Arme, an sein Herz. Desselben Tages, es war der 2östc Junius 18lt), kam Sie am Abend in Strclitz an, und fuhr mit dem Herzoge in einem Wagen unter Huldigungen der Behörden und unter dem fröhlichen Zujauchzen der Einwohner langsam durch die angefüllten Straßen. An der Schloßtrcppe stand die alte 81jährige Landgräsinn Luise, und die Königin» rief gerührt und freudig: „Die liebe Großmutter!" Die fürstliche Matrone war ehrwürdig durch ihren milden, frommen Charakter, durch die vielen Erfahrungen, die sie gemacht, durch ihre Jahre; ihr ganzes Wesen trug das sichtbare sanfte Gepräge der weiblichen christlichen Ergebung, die, der Erde und ihrer nichtigen Erschei- Der Folge wegen muß das angeführt werden. 94 nungen satt, auf eine höhere Ordnung der Dinge wartet.*) Die Königinn verdanket ihr viel; sie hatten sich lange nicht gesehen; es lag viel dazwischen, das suhlten Beide, als sie sich mit Thränen frommer Rührung umarmten. Als in dieser Umgebung, wo Alles im Hause des Vaters und der Großmutter innig, warm und zutraulich war, des andern Tages in dem Kreise der Damen und Herren, die aus der Stadt und dem Lande zur Aufwartung gekommen waren, die Königinn erschien, war man von Ihrer Schönheit, Anmuth und Würde überrascht —; man hatte Sie, von so schwerem Unglück gebeugt, niedergeschlagen und verfallen sich gedacht. — Die Sie hier, einige Tage vor Ihrem Tode, gesehen und gesprochen, reden mit Entzücken von Ihrer Frische und Heiterkeit. Man glaubte aus zartsinniger Schonung von dem unerhörten Unglück, welches das Königliche Haus und den Staat getroffen, schweigen und diese schmerzhafte Corde nicht berühren zu dürfen. Aber die Königinn sing immer mit edlem Selbstbewußtsein davon wieder an, freilich mit Wehmuth, aber auch mit Ergebung, ") Bei der weiblichen Natur wird mehr wie bei der männlichen ihr innerer Gehalt fühlbar und hervortretend im hohen Alter. Ist der Reiz und die Schönheit der Jugend verschwunden, also dahin, was das andere Geschlecht angenehm und gefällig macht, so kann es nur noch gefallen durch die Schönheit und Harmonie der Seele. Diese macht die Gesichtszüge sanft und mild und die ganze Gestalt und ihre Haltung wohlgefällig. Ohne diese innern Vorzüge bleibt nichts übrig als das alte Weib mit allen seinen Attributen der Häßlichkeit. Bon dieser fühlt man sich abgestoßen, von jener sich angezogen. Jene ist verlassen und öde, diese verehrt und-gerne gesehen. 05 die Ihr ganzes Wesen verklärte, zu reden; Sie sprach mit Fassung und innerer Haltung. Unter Anderem sagte Sie zur Frau von Jaßmund, welche Ihre Perlen bewunderte: „Ich liebe sie auch sehr und habe sie zurückbehalten, als es darauf ankam, meine Brillanten hinzugeben. Sic passen auch für mich; denn Perlen bedeuten Thränen, und Thrä- nen habe ich viele geweint. Hier auf meinem Herzen ist aber ein köstlicher Schatz: das Bild des Königs, das ähnlichste, welches ich besitze. Won Ihm, dem Stolze und dem Glücke meines Lebens, habe ich aber nie mich getrennt, — nur der Tod kann es." Als Er bald darauf selbst gekommen, war Sic ganz glücklich, wie man es nur in Familien findet, in welchen eheliches und häusliches Glück herrscht. Zu Ihrem Bruder sagte Sie: „Lieber George, nun erst bin ich selig!" Sie sprang auf und schrieb an dem dastehenden Schreibpulte auf ein Blättchen: „Mein lieber Bater! Ich bin heute sehr glücklich, als Ihre Tochter, und als die Ehefrau des besten Ehemannes. Neustrelitz, Luise" den 28sten Juni 1819. Ein kurzes, aber köstliches Document, das letzte, was die Unvergeßliche geschrieben hat, und welches als ein Heiligthum bewahrt wird. Bald nachher fuhren Alle nach dem Herzoglichen Schlosse Hohenzieritz, gemäß dem Wunsche des Königs, weil Er hier ungestörter die Freude und Ruhe des stillen Landlebens genießen konnte. Mit Seiner Gemahlinn dachte Er nach Berlin zurückzukehren; da sich aber die Königinn unwohl befand und am Katarrh und starken Husten litt, so reiste Er, nichts 96 Böses ahnend, allein ab. Die Krankheit nahm aber zu, und Sie wurde bedenklich leidend, doch mit voller Geistesgegenwart. Freundlich und liebevoll, wie immer, wurde Sie nur durch die Nachricht von dem Unwohlsein des Königs betrübt; doch verwandelte sich Ihre Traurigkeit in Freude und Dank, als Sie von Ihm selbst einen zärtlichen Brief erhielt. Diesen las Sie wieder und wieder, und legte ihn als ein Kleinod auf Ihr Herz. Ein anderer Brief von Ihrer Tochter Charlotte, der jetzigen Kaiserinn von Rußland, geschrieben von ihr an ihrem Geburtstage, den I3ten Juli, und der voll von kindlicher Dankbarkeit und Liebe und den innigsten Wünschen war, erfüllte die zärtliche Mutter mit Dank und Freude, und Sie sprach: „Wie bin ich doch so glücklich, daß ich solche Briefe erhalte!" Ihre Gedanken waren daheim bei den Ihrigen, und Sie sprach am Liebsten von dem Kronprinzen und Ihren übrigen Kindern; jeden Tag kam Nachricht von Charlottcnburg und in Sehnsucht empfing Sie diese Briefe. Wenn es, bei der zu dieser Zeit geschehenen unglücklichen und vcrhängnißvollen Begebenheit, der Feucrsbrunst in Paris, daß die edle Fürstinn Pauline von Schwarzenberg einen mütterlich schönen, aber schrecklichen Tod fand, Sie tief betrübte, so erheiterte Sie die Theilnahme der edlen Kaiserinn von Ocstreich und die Hoffnung, sie bald zu sehen. Doch die Krankheit der Königinn wurde schlimmer und es kamen hinzu schmerzhafte Brustkrämpfe. Der König, von Allem täglich benachrichtigt, schickte den Ikten Juli (Hufeland war grade auf einer Reise nach Holland) den Geheimrath Heim*) und den Generalis Christoph Ludwig vr. Heim, Königlich Preußischer Geheimrath, 97 Chirurgus Görke nach Hohmzieritz und Beide waren mit dem dortigen Leibarzt Hieron imy in der Behandlung der als theoretischer Arzt bekannt, war als praktischer glücklich, und als Mensch originell. Geschätzt und geliebt vom großen Publicum in Berlin, vom Könige und Seinem Hause an bis zu dem Geringen herab, wird sein Andenken in Segen bleiben und er steht mit Hufeland in dieser Beziehung auf derselben Linie, wenngleich in ganz anderer Art. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend unermüdct thätig, immer bereit, Jedem, der ihn darum bat, uneigennützig auch dem Aermsten, den r vielmehr noch unterstützte, zu helfen, — erreichte er ein hohes Alter. Es erschien in Berlin 1823 in 2ler Auflage seine Biographie, psychologisch treffend, historisch wahr, und schön geschrieben von Keßler, G. O. F. R. und Präsident zu Arnsberg. Ich erinnere mich nicht, folgende Charaktcrzüge, deren Wahrheit ich verbürgen kann, und die Hufeland gern mitthcilte, gelesen zu habe». Heim war ein geborener Arzt; als solcher hatte er einen richtigen, scharfen Blick, er durchschauete den ganzen Menschen und viele Krankheiten erkannte er richtig schon durch den Geruch und er übcrschauete mit seinen gesunden, fröhlichen Sinnen jedesmal den vorliegenden Zustand mit allen seinen Symptome». Einst wurde er zu einem Bürger gerufen, den, an der Mundklemmc leidend, schon die Acrzte aufgegeben hatten. Heim, der aufmerksam den Kranken betrachtet, fragte die Ehefrau: „ob ihr Mann vor kurzer oder längerer Zeit sich verwundet hätte?" Die Frau antwortete: „Daß ich nicht wüßte! Doch fällt mir eben ein, daß er, bei einer Schmiede vorübergehend, in einen Radnagel getreten und sich den Plattfuß verwundet hat; doch war dieß bald durch ein aufgelegtes Pflaster geheilt." Heim, nachdem er den Fuß besehen, schnitt alsbald in die Kreuz und Quere hinein, so daß Blut erfolgte. Es währte nicht lange, so konnte der Patient wieder de» Mund öffnen und Heim stellte ihn glücklich wieder her. So wurde er der Wohlthäter vieler Taufende. Es ist unbegreiflich, wie er in einer so weitläufigen Stadt Vit—83 Krankenbesuche bestreiten konnte; aber ihm, immer heiter, ging Alles, was er vorhatte, flugs von Statten. Man sah ihn ebenso vergnügt II. M 7 98 Kranken ganz einverstanden. Sie war in den besten Händen und Nichts wurde versäumt. Der alte Vater bewohnte in die Hütten der Armen kriechen, als i» die Paläste der Reichen gehen. Darum war er auch der Liebling des Volkes. Einmal zu Pferde sich durch dichte Haufen drängend und einer Illumination zusehend, verwandelte sich der laut gewordene Unwille über den unbequemen kecken Reiter, den man schon vom Pferde reiz ßcn wollte, in ein jubelndes Geschrei, sobald man den Vater Heim erkannte. Darum, weil er im Volke und für dasselbe lebte, hatte er in seinem ganzen Sein und Wesen etwas Freies und Laconischcs, was ihn, dem die Jovialität zur andern Natur geworden, auch dann nicht verließ, wenn er mit den höher» und höchsten Stände» umging. Er war Leibarzt der Prinzessinn Amalie, der Königinn der Niederlande, des Chur- sürsten von Hessen, während ihrer Anwesenheit zu Berlin, und der Prinzcssinn Ferdinand. Diese hohe Frau hatte einen vortrefflichen, biedern, gutmüthigcn Charakter; sie und ihr Hos hatten aber noch die Färbung von Friedrich dem Großen, der alle Leute Er nannte. Es fiel folgende charakterisirende Sccne vor. Die Prinzcssinn sitzt in einem prächtigen Audicnzsaale in einem Sopha und besieht durch ein Vergrößerungsglas von der Fußsole bis zum Scheitel den geforderten, vorgelassenen und eingeführten Heim. „Trct'Er näher!" spricht sie; und fährt dann fort: „Ich höre von Seiner Geschicklichkeit und von Seiner großen und glücklichen Praxis sehr viel Rühmliches. Ich bin darum entschlossen, Ihn zu meinem Leibarzt zu ernennen; und solches habe ich Ihm kund thun wollen." „Ew. Königlichen Hoheit danke ich für Ihr Vertrauen; aber die Ehre, Ihr Leibarzt zu sein, kann ich nur unter Bedingungen annehmen." Dieß sagt Heim nach seiner Gewohnheit in einem heitern genialen Tone. Lachend sagt die Prinzessinn: „Bedingungen? Die hat mir in meinem ganzen Leben noch Niemand gemacht." „Nicht?" antwortet Heim scherzend, „dann ist es hohe Zeit, daß Sie das lernen!" „Nun," erwiedert sie, „ich bin neugierig, diese Bedingungen kennen zu lernen; laß Er hören!" „Die erste ist," antwortet Heim humoristisch, „daß Ew. Königliche Hoheit mich nicht Er nennen; das ist nicht mehr an der 99 den Flügel des Schlosses, wo die geliebte Tochter schwer krank lag; die ehrwürdige betagte Großmutter ging besorgt Zeit; der König thut das nicht; selbst meinen Bedienten nenne ich nicht Er. Die zweite Bedingung ist, daß Sie mich dann nicht, wie soeben geschehen, so lange antichambriren lassen; ich habe keine Zeit zu verlieren, der längste Tag wird mir stets zu kurz. Die dritte ist, daß Ew. Königliche Hoheit mir nicht so nach den Füßen sehe»; ich kann nicht an osaurpins, sondern nur in Stiefeln und im bequemen Obcrrock kommen. Die vierte ist, daß Sic nicht verlange», ich soll zu Ihnen zuerst kommen; ich komme nach Beschaffenheit der Krankheit, nach Lage der Straßen und Häuser. Die fünfte ist, daß Sie mich nicht zu lange aufhalten und nicht von mir verlangen, ich soll mit Ihnen von der wetterwendischen Politik und von Stadtneuigkeitcn schwatzen; dazu habe ich keine Zeit. Endlich die sechste, daß Sie mich, weil Sic eine Königliche Hoheit sind, Königlich honoriren." Beide lachten herzlich, und er war in diesem Verhältnisse bis zum Schlüsse desselben gern gesehen, geachtet und geliebt. Heim, der viel weggab, aber auch viel einnahm, hatte eine große Summe an ein Handlungshaus, welches banqucrott machte, verloren. Hufcland bezeigte ihm einige Tage nachher seine Theilnahme. „Es ist mir nicht lieb," antwortete er, „daß Sic mich daran erinnern; ich habe es Gottlob unter den Füßen." „Wie haben Sie das gemacht?" „So wie ich es zu machen pflege, wenn ich mir selbst nicht helfen kann. Und das konnte ich hier nicht. Ich konnte die fatale Sache gar nicht vergessen, ich dachte Tag und Nacht daran. Das schöne Geld, so mühsam erworben, nun auf einmal verloren! Verflucht! selbst meine armen unschuldigen Kranken litten darunter; denn ich war immer zerstreut. Auch zu Hause hatte ich keine Freude mehr; meine gute Frau, sonst immer so heiter, ließ selbst bei Tische, wo der Mensch doch sich erholen soll, den Kopf hängen; wir saßen stumm und verdrießlich gegeneinander über und unsere sonst fröhlichen Kinder sahen uns schüchtern an. So konnte und durfte es nicht bleiben, das fühlte ich wohl. Das schöne Geld war einmal weg, und mit ihm hatten wir verloren das erste Gut des Lebens, die Zufriedenheit. Ich ar- 7* 100 hin und her; die geliebte Schwester, die Prinzessinn Solms, nachherige Königinn von Hannover, pflegte und wartete zärtlich aufmerksam auf jede Bewegung; und die Acrztc stan- mes Erdcnwurm, unfähig aus dieser Roth herauszukommen, nahm meine Zuflucht zum Allmächtigen. Ich eilte auf mein Schlafzimmer, schloß die Thür hinter mir zu, und bat auf meinen Kniecn recht inbrünstig, daß mir Kraft und Muth, Freudigkeit und Ruhe wieder gegeben würden. Da war es mir, als wenn der liebe Gott erschienen; und er sprach zu mir: „du bist eines armen Predigers Sohn, und ich habe dich gesegnet in deinem Berufe, wie in deinem Hause, so daß du ein gemachter Mann bist. Eine Reihe von Jahren habe ich dich spielen lassen mit dem Gelde, das du nun verloren hast. Nun Heim, sei kein dummer Junge, und höre auf zu plinscln; sonst komme ich dir noch ganz anders. Ich habe die Schlüssel zu allen Gcldkastcn und kann dir den Verlust hinlänglich ersetzen. Darum sei wieder guten Muths und gieb mir deine Hand darauf, daß du wieder fröhlich deinem Berufe leben willst." Das habe ich versprochen; Weib und Kinder sind auch wieder heiter, ich habe es wieder vergessen, es ist unter den Füßen, und bin nun wieder vergnügt in meinem Gott. Das thut und vermag ein Gebet, wenn es ernstlich ist; und nun lassen Sie uns von etwas Anderem sprechen!" Der ehrliche, fromme, gcmüthliche Heim hatte nicht Zeit, krank zu werden, und wurde, immer thätig, sehr alt. Sein Jubiläum feierte ganz Berlin, von den allerhöchsten und höchsten Ständen an, bis herab zu den Straßenjungen, und währte 3 Tage. Unaufhörlich in Anregung, war er endlich erschöpft, und befahl, daß Alles im Hause stille sein sollte. Am Abend spät kam eine unbemittelte Bürgersfrau, die ihn zu ihrem sehr kranke» Kinde rufen wollte. Abgewiesen, drang, bekannt mit der Localität, sie in das Schlafzimmer von Heim, der die weinende und lärmende Frau unhöflich abwies. — Alles ist wieder still geworden und die Geheimräthinn sagt: „Lieber Heim, wie ist es mit Dir? Du wirfst Dich ja im Bette hin und her!" „Ich kann," antwortet er, „nicht schlafen; es ist doch ein eigen 101 dm beobachtend am Bette. Die Königinn war ruhig, frei, still, und für alle Liebe, die man Ihr erwies, dankbar. Auch nicht einen Augenblick verlor Sie den inneren Zusammenhang in Ihrem Bewußtsein; Sie sah klar in Alles hinein, was um Sic her vorging. In stillen Augenblicken erhob Sie Ihre Seele in der Liebe der Andacht, und Sie lag da wie ein Engel. Liederversc, die Sie in der Jugend auswendig gelernt hatte, sagte Sie her; wenn die Großmutter Sie an Ihre Kindheit erinnerte, wurde Sie wchmüthig-heiter und Sie dachte mit Rührung Ihrer früh vollendeten Mutter. Dieß war besonders bei schlaflosen Nächten der Fall. Sie wollte, daß Ihre Umgebung sich zu Bette lege; Sie war um Andere mehr besorgt, als um sich selbst. Unbefangenheit, die der Grundzug Ihrer schönen Seele war, blieb Ihr eigenthümlich, so daß Sie mit Allen, die sich Ihr naheten, heiter und freundlich redete. Diese Unbefangenheit .verließ Sie selbst dann nicht, wenn die Brustkrämpfe häufiger eintraten, während welcher Sic mehrmals rief: „Lust — Luft!" Kaum war dieß vorüber, so trat Ihr Zustand der heitern Ruhe wieder ein, und auch nicht die leiseste Spur von Ungeduld und Laune blieb zurück. Die zärtlich besorgte Schwester, die nicht von Ihrem Bette wich und in Ihrer Behandlung sehr aufmerksam war, fragte Sic: „Hast Du viele Schmerzen, liebe Luise?" und Sie antwortete mit einem freundlichen Angesichte: „Ach nein! aber ich bin sehr Ding mit dem Gewissen! ich muß hin." Er klingelt und vergißt alle Müdigkeit, eilend zum Kranken, den er glücklich wieder herstellt. — Er hatte den gemüthlichcn Sinn, der das öffentliche und häusliche Glück bis an's Ende rein genießet. 102 matt, und in den bösen Krämpfen ist mir so, als hörte ich auf, zu leben." Dann fragte Sie wieder, mit Sehnsucht den Tag erwartend: „Kommt er bald? Wie spät ist es? Wird es warm werden?" Und als Sie hörte, daß der Himmel voller Wolken sei, crwicdcrtc Sie: „Ich wünsche einen kühlen Tag; mir ist immer so heiß!" Als Sic wieder heftige Brustkrämpfe gehabt, sagte Sic zum Gcheim- rath Heim: „Wenn ich in denselben einmal ausbleiben sollte! meine Beklemmung ist groß. Es wäre doch hart, wenn ich sterben sollte — der König und die Kinder!" Es war der verhängnißvolle, unglückliche löte Juli, als der König nach durchfahrener Nacht Morgens 4 Uhr in Hohcnzicritz mit dein Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm ankam. Es war ein trüber, rcgnigter Morgen, der ganz zu Seiner Gemüthsstimmung paßte; denn auf Seine erste Frage: „Wie geht's hier?" hatte Er von den Aerzten die traurige, zermalmende Antwort erhalten: „daß, menschlichem Ansehen nach, keine Hoffnung mehr vorhanden sei." Er war still und in sich gekehrt; ein tiefer Schmerz drückte sich in Seinem Gesichte und in Seiner ganzen Haltung aus. So trat Er an das Sterbebette der vorbereiteten Königinn. Wissend, wie es mit Ihr stand, umarmte er Sic mit Wchmuth und Zittern, und konnte vor Traurigkeit nicht reden. Das war Sie an dem festen, ruhigen Manne nicht gewohnt; so hatte Sie Ihn im schweren Unglücke nicht gesehen, Er, der Starke, zitterte und zagte. „Lieber Freund," sagte Sie zu Ihm, „was bist Du so traurig? ist es denn so gefährlich mit mir?" Seine Versicherung: „Er sei nur so bewegt, weil Er Sie leiden sehe," beruhigte Sic wieder, um so mehr, da Er hinzusetzte: „Gott- !03 lob, daß ich hier bin!" Frcudcnthränen brachen aus den Augen der Königinn. „Wie bist Du gekommen?" fragte Sic. „In der gelben Chaise." „Doch nicht in dem offenen Wagen, mit Deinem Fieber?" „Ja, in dem offenen!" cr- wicderte der König. „Wer ist mitgekommen?" fragte Sie weiter. Und der Vater antwortete: „Fritz und Wilhelm." „Ach Gott, welche Freude!" sagte Sie innigst gerührt. Der König, wohl wissend und sehend, wo es hinaus wollte, und voll von Schmerz, den Er nicht unterdrücken konnte, entfernte sich, unter dem Vorgeben, die Söhne zu holen. Während Er mit denselben beschäftigt war im Schlosse, sagte inzwischen zu der Ihr allein gelassenen Kammerfrau die Königinn: „Ich habe mir so viele Freude von der Ankunft meines Mannes versprochen, und ich srcue mich herzlich, daß Er hier ist: aber Seine Erscheinung hat mich erschüttert; Seine Umarmung war so heftig, so stürmisch, als wollte Er mir Lebewohl sagen, als sei es das letzte, —, als müßte ich ganz gewiß sterben." Bald darauf seufzte Sie tief, und sagte: „Was ist doch alle irdische Größe! man nennt mich eine Königinn, und ich fühle mich so ohnmächtig, daß ich keinen Arm rühren kann." Jetzt traten der Kronprinz und Prinz Wilhelm herein, und Sie rief bei ihrem Anblick wiederholentlich aus: „Mein Fritz! Mein Wilhelm!" Die tief gerührten edlen Söhne weinten am Bette der sterbenden Mutter. Diese unterhielt sich mit ihnen, so viel Ihr leidender Zustand in der Nähe des Todes es gestattete; sah sie lange mit mütterlichen Blicken an und fragte nach diesem und jenem. Nachdem dieß eine Zeit lang gedauert, traten wiederum Brustkrämpfc, heftiger noch, 104 ein und die Königlichen Söhne entfernten sich, nachdem sie die Mutter noch einmal geküßt. Der König blich; Er sah Seine Luise unverwandt an, umarmte Sie, und hielt dann Ihre Hand, die andere Ihre geliebte Schwester, die Prinzessinn Solms. Die Brustkrämpfc wurden heftiger und heftiger; doch mit ruhiger und starker Stimme sagte die Königinn: „Ach, für mich ist nur Ruhe im Tode!" Der letzte Kampf begann, — die Sterbende rief: „Herr Jesus! kürze meine Leiden!" Sic bog den Kopf sanft zurück, seufzte tief, und schloß für immer die Augen. Es war bald 9 Uhr Morgens den l9ten Juli 1819. Der König saß da in sich selbst und in Schmerz versunken; dann stand Er auf und küßte die gebrochenen Augen, die Ihm so oft Freude, Ruhe und Frieden in's Herz gelächelt hatten. Als ein Mann und Christ stand Er da, der, wenn er dem gerechten Schmerze sich hingiebt, doch das Bewußtsein nicht verliert. Still und schweigend führte Er Seine Söhne an das Tod- tenbett der nun verewigten Mutter, und voll von kindlicher Traurigkeit knieten sie nieder. Der König ging ab und zu und kehrte immer wieder zu Seiner geliebten Luise zurück — sah Sie an, und Seclenschmerz zuckte um Seinen Mund. Eine ehrfurchtsvolle Stille herrschte rings umher: da lag die Todte — Ihr Angesicht deckte der Frieden der besseren Welt, zu der Sie eingegangen war, und auf Ihrer blassen Stirn glänzte der Schimmer der Verklärung, deren Sie thcilhaftig geworden. Der frühe, ungeahnete Tod der Königinn machte einen tiefen, erschütternden Eindruck; er war bei der allgemeinen Achtung, welche Sie gehabt, eine Europäische Weltbegebcnheit, und Alle, welche Sie persönlich gekannt, waren tief betrübt. 105 Das ganze Land war voll Trauer und die Todtenglockcn hallten durch Städte und Dörfer. Stiller und ernster wurden die Gcmüthcr, da von allen Kanzeln die Timme ertönte: „Nach so vielen und bittern Prüfungen ist ein neues und betrübendes Unglück über uns gekommen, da es dem allwci- sen Beherrscher der Welt gefallen hat, über das Leben unserer allverehrten und innigst geliebten Königinn zu gebieten und durch Ihr am 19ten dieses Monats Bormittags um 9 Uhr nach einer vierzchntägigen heftigen Brustkrankheit im Hüsten Jahre Ihres Alters erfolgtes Absterben Seine Majestät, unfern allerthcuerstcn König, Sein Königliches Haus, und alle getreuen Untcrthanen in die tiefste Trauer und schmerzlichste Wchmuth zu versetzen. Der harte Schlag, der uns getroffen hat, zerreißt unsere Herzen und rechtfertiget unsere bange Bestürzung, unsere Thränen und unsere Klagen; aber es ist unsere Pflicht, uns in Demuth zu beugen unter die allgewaltige Hand, die uns verwundet, und anzubeten die Rathschlüsse des Ewigen. Geheiligct werde unser Schmerz durch den Glauben, daß doch gut sei, was uns böse scheint, und durch den Gedanken an die Glückseligkeit unserer frühvollcndeten Königinn, die nun die Früchte Ihrer frommen Tugend, Ihrer Leutseligkeit und einer geprüften Geduld in einem besseren Leben genießt. Viel, viel war des Segens, der uns durch Ihre seltene Güte von Gott geworden ist; wie könnte je verlöschen in unseren Gemüthern die Dankbarkeit für Ihre landesmütterliche Treue und Liebe und für das erhabene Beispiel, das Sie uns hinterlassen hat? Sic hat ausgekämpft Ihren irdischen Kampf und eine bessere Krone ist Ihr geworden, als die irdische, die Sie so würdig getragen hat. Möge Trost von Gott mil- 100 dcrn dm unaussprechlichen Schmerz unseres tief gebeugten Monarchen, daß Er auch in dieser harten Prüfung den Willen der Vorsehung ehre, und unverzagt fortfahre, Seines hohen Berufes mahrzunehmen und mit gleicher Güte Sein treues Volk zu beherrschen! Der Segen der verewigten Königinn komme in reichem Maße über Ihren Erstgeborenen, unfern thcucrstcn Kronprinzen. Sein Herz hing mit gerechter Zärtlichkeit an der vortrefflichen Mutter, die er beweint; es empfinde nun auch die Beruhigung des Glaubens an Gott, und es bleibe würdig der Zärtlichkeit, mit der er geliebt worden ist. An allen theurcn Kindern der Vollendeten verherrliche sich die göttliche Güte, daß sie zum Tröste des Königs und zum Segen des Vaterlandes sich ausbilden mögen in allen fürstlichen und christlichen Tugenden, damit sie erneuern den kommenden Geschlechtern das Vorbild der Seclengröße und Seclcngüte, das sie vor Augen gehabt haben. Wir bitten den Allgütigen, daß er allen hohen Verwandten und Angehörigen unserer entschlafenen Königinn ein Gott des Trostes sein wolle, in kindlicher Unterwerfung unter seinen heiligen Willen. Mögen ihre Thrä- nen fließen und die große Hoffnung des Christenthums lindern ihre Schmerzen. An unser Aller Seelen aber heilige der himmlische Vater diese neue, tief schmerzende Erfahrung von der Unsicherheit des Irdischen, damit wir mit großem Ernst nach den unvergänglichen und allein sicheren Gütern trachten mögen." ") Nicht bloß im Lande wurde das Gedächtniß der verewigten Königinn, sondern auch in den Provinzen gefeiert, die sonst zur Preußischen Krone gehört hatten, aber nach dem unglück- 107 Der harte Schlag war geschehen, und er fehlte nur noch, um das Unglück zu vollenden. Dasselbe hatte der König mit starker Seele ertragen, ohne zu erliegen; jetzt hatte Er auch verloren Diejenige, die alles Leid standhast und liebevoll mit Ihm getragen; die Ihn verstand; mit Ihm in allen Dingen übereinstimmte; die Er über Alles liebte, die Ihm unentbehrlich war. Wenn Er als König große Trübsal gehabt und als solcher die traurigsten Erfahrungen gemacht hatte, so war Er jetzt als Mensch von der empfind-, lichsten Seite angegriffen. Das liebevolle, treue Herz, in welches Er sonst das Seinigc ergossen, war gebrochen, — allein stand Er da, verlassen sollte Er ein Leben fortsetzen, das Ihm nach schlaflosen Nächten jeden Morgen neue Sorgen brachte. Der Anblick Seiner Kinder hielt die tiefgeschlagene Wunde offen: die jüngsten hatten die weggenommene Mutter nicht mal gekannt! Die Geschäfte der Regierung hatten wenig Angenehmes; von allen Seiten sah Er sich gedrängt, mit einem siegreichen, übermüthigen, listigen Feinde hatte Er es zu thun, und tausend Bitten der Ihm gebliebenen, ausgesogenen Untcrthanen konnte Er zu Seinem Schmerze nicht erfüllen. Der Leichtsinn weiß sich in solchen Fällen zu helfen; er vergißt, was nicht zu ändern ist, und sucht und findet in sinnlichen Genüssen Aufheiterung und Zerstreuung. Friedrich Wilhelm III. war aber nicht leichtsinnig, vielmehr hatte Er von Natur die Anlage zum Trübsinn und Sein Ernst ging oft in düstere Laune über. Eine andere Gefahr drohete Ihm; die Gefahr, den milden, trö- lichcn Tilsiter Frieden abgetreten waren. Man that dieß mit einer Freiheit und Ehrwurdigkeit des Volksschmerzes, den man nicht verbieten konnte, und nicht zu verbieten wagte. 108 stenden Glauben an eine weise und gütige Vorsehung zu verlieren, und mit stieren Blicken Seine beispiellose unglückliche Führung als ein unerbittliches blindes Schicksal (Fa- tum) ins trübe Auge zu sassen. Er war redlicher Absichten und reiner Menschenliebe sich bewußt; Seinem Glauben an sittliche Weltordnung drohete jetzt die Versuchung, auch an solchem Schiffbruch zu leiden, und sich als ein vom Unglück Verfolgter anzusehen. Solcher Gefahr war Er schon oft nahe gewesen ; wenn Er sie glücklich zurückgewiesen hatte, so kehrte sie jedoch neu wieder zurück. Er hatte oft sehr dunkle Stunden. Eine solche war es, als Er über den von den Aerzten angekündigten Tod der Königinn trostlos war, und Er der alten Großmutter derselben, auf die beruhigende Bemerkung: „Gott sei allmächtig, bei ihm kein Ding unmöglich, er könne noch Hülfe senden, wenn alle menschliche aufgehört" die bittere Antwort gab: „Wenn Sie nicht mein wäre, so würde Sie leben; aber eben weil Sie meine Frau ist, darum stirbt Sie gewiß!" >— Und Sie starb, — und Er stand verlassen da. Die Worte, welche Sie zuletzt geschrieben: „Mein lieber Vater, ich bin heute sehr glücklich, denn ich bin ja Ihre Tochter und die Ehefrau des besten Mannes. Neustrelitz, den Wsten Juni l81l). Luise." bewahrte der König wie ein Heiligthum. Als Er bald darauf davon mit dem Geheimrath Heim sprach und dieser sich diese Worte ausbat, antwortete der König: „Nein! was die Unvergeßliche zum Letztenmal geschrieben, gebe ich nicht aus den Händen; es bleibt mir als mein schönstes Erbe; aber 109 ich will es Ihnen abschreiben." Und der König stellte sich ,an's Pult, schrieb, und gab dann das Bekenntniß an Heim. In diesem Zeitpunkte sprach Er viel von der Prädestinationslehre Calvin's und meinte, ,,es läge viel Wahres darin. Die Freiheit des Menschen sei zweifelhaft; offenbar hinge er in seinem Thun und Lassen von eintretenden Umständen ab. Umstände, die nicht in seiner Gewalt wären und die geschickt würden, bestimmten ihn, und müßten ihn bestimmen, zu handeln." „Mithin wäre er in denselben nicht frei, er thue und müsse thun, was das Schicksal wolle." Finster blickte der König in das Scinige, und weil Er von demselbigen festgehalten wurde, und Er sich auch nicht losreißen konnte und wollte, reihete sich eine trübe Borstellung an die andere und versenkte Ihn in ein Meer von Bekümmernissen und Zweifeln. Dieß war um so schlimmer, da Er sich in sich selbst verschloß, gar nicht über Seinen Schmerz mit Andern sprach, über denselben absichtlich brütete und nach Seiner Neigung ihn nährte. Als Er einmal darauf aufmerksam gemacht und bemerkt wurde: „daß dadurch dem Unglück Thor und Thürc geöffnet würden," antwortete Er: „Für mich giebt es kein Unglück mehr; mich hat das größte getroffen; dagegen sind alle anderen, die noch kommen können, ein wahres Nichts." Damit war Er in eine Abspannung und Gleichgültigkeit (Apathie) gesunken, die sich gehen ließ und in der nur noch die letzten Funken der Lebenslust glimmten. An Nichts hatte Er mehr Freude; wenn man das Erheiternde Ihm vorhielt, so lächelte Er bitter. Er ging still vor sich hin, suchte 110 die Einsamkeit, festgehalten vom Lebensschmerz, den Er in sich verschloß und über den Er mit Keinem sprach. In dieser Zeit (1810) war es, wo Er etwas Scheues und Misanthropisches hatte; Sein Gesicht änderte sich, die Züge desselben bekamen etwas Markirtes, und unter den Augen wurden Furchen sichtbar. Er hatte etwas Insichgekchrtcs, welches eine zuweilen furchtbare Geistesabwesenheit bezeichnete. *) Der König stand damit auf einem bedenklichen Wendepunkte Seines Lebens und der Mensch in Ihm mußte gehalten werden, wenn der Regent oben bleiben sollte; denn Beides war bei Ihm nach Seiner ganzen individuellen Natur identisch. Mit der Neigung zum Leben entsprang in Ihm das Gefühl der Pflicht, und mit diesem auch die Lust und die Kraft zum Regieren. Beides war in Ihm gestört und getrübt; Er war irre geworden nun vollends, da die Stütze zerbrochen war in dem Tode der holdseligen Frau, die Seine Seele über Alles liebte. Er konnte nicht getröstet werden mit Dingen, Gegenständen und Sachen, in denen Er vorher, als es noch gut ging, Freude und Genuß gefunden ") Die Sprache, besonders die Deutsche, enthält, als Organ des Innern, zur Bezeichnung des Gcmiithßzustandcs, die wahre Psychologie und die echte Lebcnsphilosophie, Die Proposition ver ist bezeichnend, drückt treffend die unmittelbare Beziehung aus, und führt sicher zur Analogie. So sagt man z. B. um das Herabgckommene auszudrücken: verkommen, verirren, verderben, versinken u. s. w. So auch verzweifeln, in den Zweifeln sich verlieren, sich darin so einzuspinnen, daß man nicht wieder herauskommen kann. In der lateinischen Sprache wird es durch äesperure treffend ausgedrückt; denn der Lebenssattc verzweifelt darum, weil er alle Hoffnung: es werde in ihm besser werden, aufgiebt, und mit der Hoffnung das Leben von sich stößt. N! hatte. Nur das Verwandte schließt sich an das Verwandte an, und es ist keine Empfänglichkeit da, das Heterogene in sich aufzunehmen. Dieses wird abgestoßen und isolirt; nur das Sympathetische verschmilzt sich. Dcßhalb ist nicht für alle Unglücklichen dasselbe ein Heilmittel. Der Beraubte und Verlassene kann sich nicht helfen und trösten womit Andere es wollen, sondern womit er es kann. Es- zeigt sich besonders hier die belebende Kraft der Wahrheit: in ihr liegt allein die Radicalhülfe, alles Andere, wie es auch scheinen mag, ist nur ein Palliativmittel. Diese ziehen freilich oft einen Zauberkreis: aber ist dieser durchlaufen und seine Wirkung verblaßt, so tritt eine Leere ein, die das Gefühl des Unglücks in einsamen Stunden nur noch mehr zum Bewußtsein bringt. Es kommt nicht darauf arst den Schmerz zu dämpfen und ihm durch Zerstreuung Ableiter zu geben, sondern darauf, ihn in seinen Quellen gründlich zu heilen und damit den getrübten Sinn wieder zu erheitern. Auf diesem Wege nur konnte dem Könige geholfen werden, wenn der Ernst, der Ihm von Natur schon eigen war, wieder ein milder und klarer werden sollte. Sein innerer Lebcnshim- mcl war von düsteren Wolken umhüllt und die Lebenssonne mußte mit ihren erleuchtenden und erwärmenden Strahlen wieder durchbrechen. Das wirkliche Leben kommt mit seinen geschickten Ereignissen dabei zu Hülfe; aber vom Menschen hängt es jedesmal ab, ob er sich will helfen lassen, und er sein Herz nicht absichtlich hartnäckig verschließt. Ist die Lichtseite untergegangen, so ist doch wenigstens das Andenken daran übrig geblieben und die Vergangenheit, in der es einst gut und hell und warm war, lieb und theucr. Durch die Vergangenheit fand man natürlich, ohne daß man ihn ängstlich suchte, den Weg zum Herzen des Königs, da die Ge- 112 genwart und Zukunft für Ihn allen Reiz verloren hatten. Die Sympathie, im wörtlichen und geistigen Sinne, war es, die dem trauernden Könige den ersten Trost gewährte. Nicht nur Seine nächste Umgebung und Sein Ihm noch übrig gebliebenes Land, ganz Deutschland, ja ganz Europa hallte wieder von Klagen über den so frühen Tod der schönen und vortrefflichen Königinn. Man wußte, in welcher glücklichen und zufriedenen Ehe das hohe Königspaar miteinander gelebt hatte, auf eine Art und Weise, wie man es nur noch in Privatfamilien, aber fast noch nie auf Thronen gesehen. Das böse Beispiel, was der Französische und so mancher andere Hof in dieser Beziehung gegeben, fand in den höhern und dann bald auch in den daran grenzenden Ständen Nachfolge; böse Beispiele verdarben gute Sitten! Mit dem Französischen Worte „Maitrcsse" erhielt man die böse Sache; die Idee der Heiligkeit der Ehe verlor sich immer mehr, und Bicle vertauschten den heilsamen moralischen Zwang, oder die Zucht, welche sie auferlegt, mit dem Maitrisircn, der Beherrschung eines Kebswcibes, das als Gattinn galt, oder, was noch schlimmer war, die rechtmäßige verdrängte. Dieß war durch das böse Beispiel der Herrscher so allgemein geworden, daß man nichts Anstößiges darin mehr fand, vielmehr dieß zum guten Ton der vornehmen Welt rechnete. Die unschuldsvolle, tugendhafte Ehe des Königs und der Königinn, die auch im Unglück nicht aufgehört hatten, unter großen Einschränkungen häuslich zu bleiben, sah man mit Recht als ein Muster für Alle an, und man erzählte in der ganzen Welt die rührendsten Geschichten davon. Diese Ehe war durch den Tod getrennt und die allgemein verehrte Königinn, eine Mutter von in; 0 Kindern, war im Vaterhause, in der Blüthe Ihres Lebens, christlich gestorben; dieß erregte eine allgemeine Teilnahme und man sprach davon überall; in allen in- und ausländischen Blättern war davon die Rede. Die Art und Weise, wie der König den Tod Seiner geliebten Gemahlinn betrauerte und Ihr Andenken ehrte, hatte etwas so Wahres, Herzliches und Ansprechendes, daß Alle Ihn als einen Märtyrer ansahen und Ihn als einen rechten Ehemann priesen. Dadurch entstand eine allgemeine Sympathie sür Ihn, und mit dieser Sympathie, Liebe und Zuneigung. Keiner, auch selbst der Leichtsinnige widersprach nicht, und alle Jung- srauen und Bräute, Frauen und Wittwcn sprachen laut. Zu den interessanten Merkwürdigkeiten Seines Lebens gehört unstreitig, daß der, besonders vom Jahre 1806, vielfach Getadelte von dem weiblichen Geschlecht? von nun an nur gelobt und gepriesen wurde. *) Er war damals erst 40 Jahre alt, ein schöner Mann, stattlich in Seiner ganzen Haltung, und Sein ganzes Wesen und Benehmen, an sich schon interessant, wurde noch *) Wenn es erlaubt ist, hier eine freilich in einer ganz anderen Gegend liegende Parallele anzuführen, so gehört es zu den Merkwürdigkeiten des Lebens Jesu, daß in der heiligen Geschichte viel von den herben Urtheilen und von den Verfolgungen seiner Gegner, wohin vorzüglich die Pharisäer gehören, die nicht eher ruheten, bis sie ihn an's Kreuz gebracht hatten, die Rede ist; nie aber von der Lieblosigkeit und Härte, die gegen ihn das weibliche Geschlecht sich schuldig gemacht hätte; selbst böse Weiber nicht, deren es gewißlich auch damals viele gab und deren giftige, viel schwatzende Zungen zu allen Zeiten eine Hauptrolle gespielt haben. Aber wohl theilt die hei- II. (-) 8 114 interessanter durch dcn schwermüthigcn Ernst, der über Sein Wesen ausgegossen war. „Das ist noch ein Mann," hieß es allgemein, „der seine Frau liebt, ehrt und ihr Bild in seiner Seele mit einer Treue und Ausdauer festhält, wie es unter Millionen selten ist!" Dieß Bild, das angenehmste und zugleich das musterhafteste schon im Leben, wurde nun vollends nach dem Tode vergöttert (krpotlreosftt) und man dachte es sich nur im Lichtglanzc der Verklärung. Die düstere Trauerscene am Sterbebette der christlichen Königinn, in welcher der König, in Schmerz versunken, Ihre Hand hält, und von dcn Söhnen der Kronprinz und der Prinz Wilhelm in kindlicher trauernder Liebe niederknien, wurde überall mit Thcilnahmc betrachtet und man sah das Bild nur mit Wchmuth an. In mancherlei Gestalten circulirte Ihr Adlige Schrift im Gcgcntheil viele Beispiele der Verehrung und Liebe mit, die dem Heiligen von dem andern Geschlcchtc gezollt wurden. Mütter brachten ihm das Liebste, was sie hatten, ihre Kinder, damit er sie nur anrühre und segne. Mitten im Volke ertönte laut die weibliche Stimme: „Selig ist der Leib, der Dich getragen; selig die Brust, die Dich gctränkct hat." Im Gedränge war eine Kranke damit zufrieden, daß sie nur in seiner Nähe sich befand, glaubend, daß schon diese ihr helfen könne. Eine weibliche Person sprach von ihm mit Bewunderung, wenngleich sie unangenehme Wahrheiten gehört hatte. Eine Andere wusch seine Füße mit wohlriechendem Ocle und trocknete sie mit ihren Haaren. Die Frau des Richters Pilatus ließ diesen warnen, daß er nichts zu schaffen haben möge mit dem Gerechten; sie habe viel gelitten seinetwegen im Traume. Und die Töchter Jerusalems folgten ihm, wie er zur Kreuzigung abgeführt wurde, und weinten laut. — Roch heute ist das weibliche Geschlecht, vorzüglich die Mütter, der Herd des Christenthums in der christlichen Kirche. Und das wird es bleiben. Das Christenthum ist kindlich in seinen Mitteln und Zwecken. 113 bild mit einem Sternenkranze; man fand es in allen Häusern der Vornehmen und Geringen, selbst in Bauerhüttcn, geschmückt mit Immortellen, oder mit Bergißmeinnichtblümchcn. Ihr früher Tod war und blieb die Geschichte des Tages; man sprach überall von Ihr, wie von einer Heiligen. Diese Verehrung und Liebe trug das Volk auf den König über; und da sie von Wehmuth durchdrungen war, drang sie um so tiefer. Nie hat es einen Herrscher gegeben, der mitten im Unglück bei Allen und überall so viel Mitgefühl fand, und dessen so würdig war, als Friedrich Wilhelm III. Diese Theilnahmc, die Ihm ungcsucht überall entgegen kam, that Seinem trauernden Herzen wohl und söhnte Ihn mit den Menschen, an welche Er den Glauben zu verlieren auf dem bedenklichen Punkte stand, wieder aus. In dieser Theilnahmc richtete Er sich zuerst wieder auf und Seine Sympathie war das zarte, verwandte, feste Band, das Ihn aus dem öden Zustande der Jsolirung wieder in Verbindung mit der Wclr brachte. Der Anklang, den Er zwischen ihr und sich fand, gab Seiner stillen Trauer Nahrung; aber keine misanthropische, sondern eine gesunde und stärkende. Der Schmerz verlor allmählich immer mehr die melancholische Beimischung, wurde ein denkender, ruhiger und ergebener. Er selbst blieb und hat Ihn nie verlassen; aber er wurde ein würdiger und christlicher. Seine Wirkung ist es vorzüglich, die Ihm die Stimmung des Gemüthes und die Richtung des Lebens gab, worin die Welt Ihn kennen gelernt, geliebt und bewundert hat. Der frühe Tod Seiner Gcmahlinn, mit der Er glücklich lebte und die Er über Alles liebte und nicht vergessen konnte, setzte Seinem ganzen Wesen einen Dämpfer auf, der Seiner Denk- und Empsindungsweise den Ton gab, in welchem Er überall das Reinmenschlichc gleich bei 8» 116 jeder Sache herausfühlte und hervorhob. Dieß beweist Alles, was Er zu Ihrem Andenken gethan, genehmigt, verworfen und veranstaltet hat. Dessen ist sehr Vieles, und das Wichtigste davon, weil es Ihn charakterisirt, verdient hier eine Stelle. „Was wird nun," fragte Er, „aus den Predigten, die Sie von Ostern bis Pfingsten in Gegenwart der Königinn gehalten und von denen Sie wollte, daß sie gedruckt würden? Ich wünsche, daß Sie daran irgend Etwas knüpfen, wodurch das Andenken der Verewigten geehrt und erhalten wird. Eine milde Stiftung etwa, am Liebsten für das Volk, oder worin sich doch die Volksstimmung ausspricht. Mir schwebt so Etwas, nur noch unbestimmt, vor; aber der Art muß es sein. Denken Sic darüber nach und überreichen mir Ihre Vorschläge, die ich, wenn sie meinen Beifall haben, gern unterstützen werde." Wohl erkannte und fühlte ich, daß dieß eine schwierige Aufgabe sei. Die verewigte Königinn stand mit Recht in der öffentlichen Meinung so hoch und geachtet da; Ihr Andenken sollte geehrt und erhalten werden, mithin mußte dieß auf eine angemessene, würdige Weise geschehen. Dieß durch einige unbedeutende Predigten, zu denen sich schon der herrschende Geschmack nicht hinneigte, zu bewirken, war eine bedenkliche, compromittirende Sache. Ich legte also das Werk so klein und demüthig als möglich an, nur den Zweck vor Augen habend, mit dem tröstenden Gedanken: daß Gott auch das Kleine segnen könne. Getrost überreichte ich dem Könige einen Plan, nach welchem in einer milden Stiftung ein wehmuthsvolles Todtenopfer den Manen der früh Vol- 117 lmdclen an Ihrem Todestage, jedesmal den löten Juli Morgens um 9 Uhr, in der Art in der Garnisonkirche gebracht werden sollte, daß, in dankbarer Erinnerung an die erste und glücklichste Ehe, 3 Brautpaare getraut würden. Diese Paare sollten gewählt werden von dem der Stiftung vorgesetzten Familienrathe aus dem untern Stande; die Bräute Solche, welche bei Einer Herrschaft treu und rechtschaffen mehrere Jahre gedient hätten. Ein jedes Brautpaar sollte aus dem Fonds, welcher durch Herausgabe der genannten Predigten, die auf Subscription zu I Thlr. 29 Sgr. herausgegeben werden sollten, sich gebildet, zur häuslichen Einrichtung 199 Thaler als Ausstattung erhalten, u. s. f. Der König billigte diese Idee; das vaterländische Publikum nahm sie wohlgefällig auf, und so entstand das „Luisendenkmal" zu Potsdam. *) Alle Jahre wird das An- Die milde Stiftung besteht seit dem Jahre 1811 in Segen; ctr. die Stiftungsschrift: „Die Gedächtnißfeier der verewigten Königinn Luise von Preußen." Es wurde auf 4lö7 Exemplare ein Kapital von 8148 Thaler subscribirt. Die Anzahl der Thcilnehmer und die Summe würde größer noch gewesen sein, wenn Kaiser Napoleon in den eroberten und abgetretenen Preußischen Ländern die Theilnahme daran nicht, als eine strafbare Anhänglichkeit an's Alte, verboten hätte. Späterhin wurde durch das Vermächtniß des edlen Generals von Köckeritz und dann durch die hinzuströmende Menge der wieder frei gewordenen, zu ihrem vorigen Austande zurückkehrenden Preußischen Provinzen, von der Elbe an bis zum Rhein hin, der ökonomische Zustand der milden Stiftung sehr verbessert, so daß durch ihr sicher untergebrachtes Vermögen von 1S,7gl1 Thalcrn ö tugendhafte unbemittelte Brautpaare alle Jahre ausgestattet werden können. Alles Gute in der Welt wird durch gute Menschen in das wirkliche Leben erst eingeführt, und so ist die belebende Seele der N8 denken der Seligen kirchlich und häuslich feierlich erneuert; und dieß Andenken veraltet nicht, da es das Leben in sich selber hat, und mit Wohlthatcn verbunden ist, die in ihren Gebern und Empfängern immer wieder neu werden und bleiben. Dem Könige war diese aus der Liebe des Volkes hervorgegangene Stiftung vorzüglich Werth. Er intercssirte sich für ihr Bestehen fortwährend persönlich und ernannte zur Protectorinn derselben Seine Tochter, die Prinzcssinn Ehar- lotte, jetzige Kaiserin» von Rußland, und dann die Prinzessinn Friedrich der Niederlande, Luise. Von größerer Bedeutung, von weiterem Umfange und schwerer in der Erhaltung ist die milde Stiftung in Berlin, die unter dem Namen die „Luisenstiftung" bekannt ist. Sie sollte, ihrer ersten Bestimmung nach, eine Erziehungsanstalt für künftige Erzieherinnen, also eine Schule für die Veredlung des weiblichen Geschlechts sein, dessen Muster und Krone im Lande die verewigte Königinn Luise war. Man kann die Ankündigung dieser Anstalt in dem Schmerze, der milden Stiftung der ihr vorgesetzte Familicnrath, der, neben seinen 8 permanenten Mitgliedern und seinen wechselnden 4 anerkannt würdigen Männern und ebensoviel würdigen Frauen, durch das Collegium der Stadtverordneten gewählt und ernannt wird. Dadurch ist Luisen's Denkmal eine Angelegenheit der Stadt geworden, die das öffentliche Vertrauen gewonnen hat. Es ist eine Ehre, ausgestattet zu werden, die um so größer ist, je Mehre sich um dieselbe bewerben, und als nur K Brautpaare der Ausstattung theilhaftig werden können. Darum hat die Stiftung auf den öffentlichen Geist der Stadt während den 34 Jahren ihres Bestehens wohlthätig eingewirkt, und wird so, will's Gott, ferner wirken. 119 sie geboren hat, nicht ohne Rührung und Theilnahme lesen. Der König intcressirte sich lebhaft für die Errichtung dieser wichtigen Stiftung; das vaterländische Publikum nahm lebhaften, thätigen Antheil; aber man hatte die ganze Idee zu großartig angelegt, so daß sie nur zum Theil unter Beschränkungen zu Stande kam. So wie sie ist, als Erziehungsanstalt, bestand und besteht sie in Segen; die erhabene Protectorinn derselben ist Ihre Majestät die Königinn. Bon einem geringen Umfange, aber gemüthlich und zum Herzen sprechend, ist das in dem Städtchen Gransee zum Andenken an die verewigte Königinn errichtete Denkmal. Dassclbige kam sehr bald zu Stande, auf den Borschlag des Sohnes des unsterblichen Generals von Ziethen, des Landraths vom Ruppinsschcn Kreise, Grafen von Ziethen. Die Pyramide mit einer passenden Inschrift, mit Blumen bepflanzt in ihren nächsten Räumen, umgeben von einem schützenden Gitter, steht auf derselben Stelle, wo auf dem Traucrwegc von Hohcnzieritz bis nach Berlin in der Nacht die bewachte Leiche der entschlafenen Königinn stand, und man kann diesem einfachen Denkmale sich nicht nahen, ohne ernst und bewegt zu werden. Den löten Oktober 1811 wurde es feierlich eingcweihct. Das Städtchen war von den De- putirtcn und der aus nahen und entfernten Gegenden herbei geströmten Menge angefüllt; der von des Königs Majestät abgesandte würdige General von Minutoli war mit seinem erhabenen Zögling, dem Königlichen Prinzen Carl, zugegen. Des andern Tages hatte der Landrath von Ziethen seine Königliche Hoheit den Prinzen Carl mit seiner Umgebung nach 120 Bei der feierlichen Einweihung herrschte die Stille der Andacht in der versammelten Menge. Sie sang mit entblößtem Haupte ein in die Klage über die Entrissene eingehendes Lied, dessen Eindruck durch ein von dem Orts-Oberprediger Hartmann gesprochenes salbungsvolles Gebet verstärkt wurde. Der zu dieser Feier abgeschickte Referent hielt folgende Rede: „Ein ganz eigenes, mächtiges Gefühl ergreift und hebt das Herz, wenn wir auf unserm Wege vor ein Denkmal hintreten, das in edler Einfalt und stiller Größe an den Namen und die Verdienste eines ausgezeichnet edlen und vorzüglichen Menschen erinnert. — Die Stelle, wo es steht, dünkt uns ein heiliger Ort; in seiner Nähe wird es ernst und stille in unserer Seele; bei'm Anschauen desselben drängen sich die Gedanken; wir stimmen ein in die Gefühle der Verehrung, Dankbarkeit und Liebe, die es errichteten; die Vergangenheit geht unfern sinnenden Blicken lehrreich vorüber; was bleibet und verschwindet, wird uns anschaZilichcr; Wustrau zum Mittagsesscn eingeladen. Es wurde im Saale gespeist, dessen Wände die ausdrucksvollen Bildnisse des großen Generals, seiner Offiziere, und der Husaren, die unter seinem Commando im siebenjährigen Kriege durch Tapferkeit sich ausgezeichnet, zierten. Bei dem dem Könige gebrachten Toaste wurden Kanonen abgefeuert; der heftige Knall kam ganz unerwartet, so daß die meisten Gäste erschraken. Auf die Acußerung des Herrn von Ziethen: „Nicht wahr, Eure Königliche Hoheit erschrecken nicht vor Kanonen?" antwortete ruhig, mit voller Gegenwart des Geistes, der damals ltjährige Preußische Prinz, unter Hinzeigung auf die Helden seiner großen Ahnherren: „Am Wenigsten in einer solchen Gesellschaft!" Eine Antwort, eines Hohenzollcrn würdig. 12l heilige Vorsätze heben die volle Brust, und in uns gekehrt gehen wir weiter unsere Straße." „Wohl dem Lande, das Denkmäler, dem wahren Verdienst geweihet, als ein Heiligthum sie schützend, mit frommer Liebe in seinem Schöße trägt! Sie sind in der Geschichte eines Volkes hellglänzende Punkte und bedeutungsvolle Symbole; sie sind die stillen, aber beredten Zeugen der öffentlichen Achtung, welche der ausgezeichneten Tugend gebühret; sie sind ernste Erinnerer und freundliche Wecker, das Gemeine zu verschmähen und nach dem Großen zu ringen; sie eine heilige Stätte, bei der noch der späteste Enkel mit Ehrfurcht verweilt." „Zwar die, welche, da sie noch unter den Sterblichen wandelten, mit göttlichem Sinne das Leben faßten, seine Bedeutung verstanden, und seine Aufgaben würdig und treu lösten, bedürfen kein Denkmal von Menschen erbauet: das, was sie glaubten, liebten, hofften, wirkten und festhielten, liegt in einer höhern, unsichtbaren Gegend, wo ganz anders gewürdigt, geurtheilt und vergolten wird. Aus dem Unsichtbaren ihre Kräfte und Schätze holend, entzogen sie sich hier schon mit ihren heiligsten Gefühlen und reinsten Handlungen dem Sichtbaren; — und wie könnte die Erde noch vergelten, wenn der Himmel schon mit ewiger Krone vergolten hat?" „Aber steht ein schwer errungenes, mit Würde behauptetes und unter harten Prüfungen erprobtes Verdienst durch den Tod vpllendet in seiner Größe und Reinheit der Welt vor Augen, dann verlangt die Achtung, die man ihm schuldig 122 ist, eine öffentliche Anerkennung und Huldigung, und je edler ein Volk ist, je mehr es mit heiliger Liebe an Vaterland, König und Verfassung hängt, je tiefer es den Schmerz fühlt, ein ausgezeichnetes Mitglied aus seiner Mitte verloren zu haben, um so stärker wird das Verlangen, das Andenken desselben zu verewigen, und dieses, sei es nun in einem Denkmal, oder in einer Stiftung, als ein heiliges Vermächtnis! der Nachwelt zu überliefern." „Allgemein, tief und zart liegt in der Menschenbrust das Bedürfnis, aus dem dieser Sinn, welcher das Verdienst vollendeter Gerechten ehrt, mit seiner That hervorgeht. Welcher Sohn, welche Tochter, wünschet nicht das Andenken des verewigten Vaters, der Heimgegangenen Mutter, bei sich, bei ihren Kindern und Enkeln, zu erhalten? — Mit diesen an der Hand gehen sie im stummen Schmerze zu ihrem Grabe, und es ist, als flössen ruhiger ihre Thräncn, als würde sanfter der brennende Schmerz blutender Wunden, wenn sie dem Gefühl der Wchmuth und Dankbarkeit ein Genüge thun, und in einem Denkmal, und wäre es auch nur ein einfaches Kreuz, errichtet über der begrabenen Hülle, ihren Kummer und Verlust ausgesprochen haben. Mit nassen Augen sehen sie es an, und so oft sie hingehen, Erinnerungen der Liebe und Dankbarkeit anzufrischcn, dringt tiefer in das weiche Gemüth der heilige Ernst der Religion, und leichter werden ihre Verpflichtungen, süßer ihre Verheißungen." „Wir hatten einst eine Mutter, die mit umfassender Liebe und Güte dem Ganzen angehörte, und auf Ihrem erhabenen Standpunkte ein Eigcnthum Aller war. — In 123 freier und froher Huldigung schlug jedes Herz Ihr entgegen, und in Ihrem großen edlen Herzen trug Sie uns Alle, Ihre Kinder. Sie dachte, fühlte, wirkte, lebte in der großen Ansicht des Ganzen, und man wußte nicht, ob man mehr die bezaubernde Anmuth Ihrer zarten Weiblichkeit, oder die Majestät Ihrer Königlichen Würde bewundern sollte, — so war diese durch jene sanft gemildert, und jene durch diese gehoben! — In Ihrem ganzen Wesen nichts Erborgtes und durch Kunst Gehaltenes; jeder Ihrer Gedanken ein Funke Ihres hellen Geistes, jedes Gefühl Erguß Ihres reinen liebevollen Sinnes; Ihr ganzes äußeres Leben Ausdruck und Spiegel Ihres inneren Lebens, voll Wahrheit und Natur, voll edler Einfalt und freundlicher Milde." „Darum ging Sie auch wie eine seltene Erscheinung, in welcher das Vollendete, ohne daß Sic es selbst wußte und wollte, sich darstellte, den erstaunten Blicken vorüber, und Ihr Blick gewann und fesselte alle Herzen. Die stille Gewalt, welche Gott der Reinheit des Herzens und der Kraft der Tugend wunderbar verlieh, ging von Ihr aus, in Ihrer Nähe fühlte man sich besser, und wer Sie auch nur einmal gesehen, konnte Sie nicht vergessen." „Umgeben mit Allem, was die Erde Reiches, das Glück Blendendes, die Schmeichelei Täuschendes, und ein so hoch gestelltes Leben Verführerisches hat, blieb rein und unbefangen Ihr Sinn, heiter und kindlich Ihr Gemüth. Darum gab Sic der Welt ein Beispiel der ehelichen Tugend und häuslichen Glückseligkeit, wie man es auf Königlichen Thronen in diesem stillen, sanften Glänze, in dieser Wahrheit und Treue des Gefühls, vielleicht noch nie erblickt hat. — 124 Wie war Sie in den Tagen des Glücks, und unter den verheerenden Stürmen des Unglücks, so ganz die treue, nie wankende Gefährtinn des Königs und Seines Lebens Engel! Wie hing Sie mit ganzer Seele und voller mütterlicher Zärtlichkeit an Ihren hoffnungsvollen Kindern! — Wie verschwand in diesem heiligen Gebiete, wo Sie als Gattinn und Mutter sich so unaussprechlich glücklich fühlte, und so übcrschwänglich glücklich machte, jeder drückende Zwang, jedes einengende peinliche Gefühl, womit die Großen und Mächtigen der Erde, so oft an wahrer Lebensfreude arm, die Pracht, welche sie umgiebt, thcuer erkaufen müssen! O! wem es vergönnt gewesen ist, ein ehrfurchtsvoller Augenzeuge dieses reinen, in diesem Grade selbst in Privatfamilicn seltenen Glückes zu sein; wer die Herrliche da in Ihrem Herzensfrieden walten sah, wie mit Weisheit gewürzt die Rede da von Ihren Lippen und Frohsinn aus Ihrem Liebe ath- menden Herzen floß, — der erblickte ein heiteres Bild jener patriarchalischen Zeiten, wo Emir und Könige im Schöße der Natur und Unschuld ein von Engeln besuchtes Leben führten, — ein Bild jener goldenen Zeit, die in hoher edler Einfalt und zarter Kindlichkeit das Herz in süßer Weh- muth und frommer Sehnsucht so tief anspricht." „Und einer erleuchtenden und wärmenden Sonne gleich, umfaßte und beglückte die Fülle Ihrer Güte Alles, was in Ihrer nächsten Umgebung lag; wie floß dieser milde Sinn, in dem Ihr ganzes äußeres und inneres Leben sich bewegte und verklärte, auch auf die über, welche Ihr zu dienen den Beruf hatten! — Sic, eine Königinn, die nur gebieten konnte, wie freundlich dankbar war Sie für jeden geleisteten Dienst; mit welcher rührenden, seltenen Selbstverläugnung 123 verzichtete Sie sogar auf Bequemlichkeit, in zarter rücksichtsvoller Sorge, Andern lästig zu fallen! — Stets und überall in jedem Menschen die Menschheit und menschliche Würde ehrend, waren Ihrem hochgestimmten, reinen und geläuterten Gefühl Stolz und Härte fremd. — Darum gesellten sich denn auch zu dem schuldigen und so gern gebrachten Tribut der Ehrfurcht die glücklichen Gefühle einer innigen Liebe, einer festen Anhänglichkeit, eines unbedingten Vertrauens; darum verschwanden unter dem Einflüsse Ihres einfachen, wahren und geraden Sinnes die das Hofleben so oft vergiftenden Ränke des Neides, der Vcrläumdung und Cabale; in Ihrer Nähe fühlte sich Alles ruhig, glücklich und froh, wie im Hause einer gerechten und gütigen Mutter." „Und wenn Sic aus diesem Ihrem Hause in Ihrer hohen vom Zauber der Anmuth umflossenen Gestalt in's öffentliche Leben und auf den Schauplatz der Welt trat, — mit welcher Sach-, Welt- und Menschenkcnntniß, mit welchem tief eindringenden Blicke, mit welcher Reife und Vielseitigkeit des Urthcils, mit welchem regen, lebendigen Interesse umfaßte Sie dann Alles, was des Landes Beste, seine Anstalten, sein Glück, seine Bestrebungen und den herrschenden Geist der Zeit betraf! Dabei zwar immer in der Ihrem Gcschlechtc gezogenen Grenze des Weiblichen und Gemächlichen bleibend, doch so, daß Männer über den Umfang, den Rcichthum und das Treffende Ihrer Ansichten erstaunten. Ihrer Aufmerksamkeit, Ihrer Beurtheilung entging nichts Wichtiges, und jede Ihrer Fragen war Beweis Ihres ernsten Nachdenkens über des Volkes Wohl und Weh." „Dabei war immer das Reine und Liebevolle Ihres in 126 Gütc schwimmenden Herzens das Vorherrschende. Der Anblick der Noth füllte Ihr sanftes, geistvolles Auge mit Thronen; mit Königlicher Milde und vollen Händen half und gab Sie, wo Sie helfen und geben konnte; — der Arme, dessen Sie ansichtig wurde, das verlassene Kind, das Ihr auf Ihren Segenswegen begegnete, war ein Gegenstand Ihrer Milde, Ihres Nachforschens, Ihrer dauernden Fürsorge. O! ihr Taufende alle, ihr Wittwcn und Waisen, ihr Armen und Unglücklichen, denen Sic in Ihrem Leben, bemerkt, und mehr noch unbemerkt, Trösterinn und Helferin« war, — wäret ihr hier unter uns, umringtet ihr jetzt Ihren Sarkophag, wie würden eure Seufzer und Klagen, eure Thräncn und Dankgebetc die schönste Lobrede Ihres rein- menschlichen und göttlichen Lebens sein!" „Ja, göttlichen Lebens; denn was führte Sie auf den höhern Standpunkt, in welchem Sic Ihr Vcrhältniß so rein auffaßte, so richtig würdigte, so pflichtmäßig behauptete, so menschenfreundlich benutzte, so genügend ausfüllte? — Was gab Ihrem ganzen Wesen diese reine Harmonie, diese Zusammenstimmung aller Geistes- und Gemüthskräftc, diese Reife und Vollendung? Was verschaffte Ihr diese stille Gewalt über die Herzen der Menschen, die Ihr ungethcilt nicht nur in Liebe cntgegenschlugcn, sondern, durch Sie erweckt, gestimmt, zum Guten sich fanden? — Was bewahrte und nahm in Schutz Ihr Gcmüth unter den Schmeicheleien und Begünstigungen eines glänzenden Glücks? Was erfüllte Ihre Seele mit Kraft und Muth, mit Geduld und Hoffnung, mit Trost und Ergebung in den letzten, verhäng- nißvollcn Jahren Ihres Lebens, wo Alles, was die Erde Schreckliches und die Gewalt des Schicksals Zerschmetterndes 127 hat, Sie bestürmte, so daß Sic zwar den Forderungen eines fein und tief empfindenden Herzens die schuldigen Opfer brachte, aber dabei mit einer Fassung, mit einer Ruhe, mit einer Seelenstärkc und Würde litt, daß Ihre fleckenlose Tugend, im Feuer der Leiden geprüft und bewährt, nur schöner und milder noch glänzte! Eine vertraute Bekanntschaft mit den stillen und verborgenen, aber unaussprechlich lohnenden Segnungen der göttlichen Religion Jesu, eine daraus entsprungene fromme und feste, zur Charakterstärke gewordene Stimmung des Gcmüthcs war die heilige Quelle, aus der Sic schöpfte, was Sic so groß und gut, so herrlich und liebenswürdig machte. Darum widmete Sie so gern die ersten und letzten Augenblicke eines jeden Tages einer frommen Gcistcssammlung. Darum waren geistreiche religiöse Schriften Ihre liebste Unterhaltung in einsamen Stunden. Darum erschien Sie regelmäßig an dem Orte, wo die Andacht der Christen betet, und das ernste Wort ewiger Wahrheit verkündiget wird. Darum glänzte auf Ihrem Gesichte der Schimmer der Verklärung, wenn betend Sie zum heiligen Altar hintrat, zu feiern das Gcdächtniß des Erlösers; darum war im Todeskampfe an Ihn Ihr letztes Gebet gerichtet; darum schwebte auf Ihren sterbenden Lippen noch Sein heiliger Name." „So ausgezeichnet, so von Gott begnadigt war die Königinn, deren Namen Europa mit Achtung aussprach, und die wir mit frohem Dankgefühl die Unsrigc nannten. Wer den ehrenvollen Beruf hat, öffentlich über Sie zu reden, darf den Vorwurf der Schmeichelei nicht fürchten, — so ist Alles, was zu Ihrer Ehre gesagt werden kann, nur der Wiederhat! der lauten, ungcthciltcn Volksstimine. Und 128 ein solch thcures, köstliches, schönes Leben, das Millionen zum Segen und zur Freude und auch nicht einem Menschen zum Kummer dawar, das mußte mitten in der vollen Kraft der Jahre so srüh, so plötzlich, so unerwartet, enden? Uns, die wir so viel gelitten, so viel verloren, so viel zu beweinen haben, mußte nun auch noch des Landes Stolz und Kleinod, für dessen Verlust es durchaus keinen Ersatz giebt, vom Herzen gerissen werden! Ich weiß für unfern Kummer, für unfern Schmerz und unsere Klagen, keinen andern Trost, als den: bewährt erfunden, war Sic reif für eine höhere Ordnung der Dinge; fertig mit Ihrem Tagewerk auf Erden, gehörte Sie nicht mehr dieser, sondern dem Himmel an. Aber auch selbst von diesem Tröste gestärkt, vcrgieb, Du Unerforschlicher, die heiße, dunkle Thräne der Zerknirschung, die heute auf die Stelle fällt, wo auf dem Wege zur Gruft, unter dem Gewölbe Deiner Nacht, Ihre Leiche stand. Auf dieser Stelle erschüttern uns des gcheim- nißvollcn Lebens furchtbare Wechsel, auf dieser Stelle fühlen wir mit blutendem Herzen des Glückes und Unglückes schneidende Contraste": „An dieser Stelle sahen wir jauchzend Ihr ent gegen, wenn Sic, die Herrliche, in milder Hoheit Glanz mit Engelsfreundlichkeit vorüber zog. An dieser Stelle hier, ach! flössen unsere Thränen, als wir dem stummen Zuge betäubt entgegen sahen. O! Jammer, Sie ist hin!" *) „Diese Stelle, wie ein heiliges Land, der Vergessenheit ") Die Inschrift des Sarkophags. zu entreißen, auf ihr ein Denkmal zu errichten, einfach und ernst, würdevoll und sprechend, war des unsterblichen Batcrs würdigen Sohnes *) Gedanke und Wunsch, und kaum ausgesprochen, eilte das edle Volk des ihm anvertrauten und des benachbarten Kreises, ihn zu erfüllen." „Sanctionirt durch des Königs Genehmigung, in Gegenwart Seines abgesandten Königlichen Sohnes, in Gegenwart der dazu verordneten hohen Staatsbeamten, in Gegenwart dieser zusammengeströmten Volksmenge, geben wir an dem Monatstage, wo die Sterbliche zu den Unsterblichen verklärt wurde, dem Ihr errichteten Denkmale die heilige Weihe des Patriotismus und der Religion." ,,Und ist es möglich, daß Unsterbliche den Sterblichen nahe sein können, Vollendete! so umschwebe uns in diesem feierlichen Augenblicke Dein himmlischer Geist. Siehe, wie ein Theil Deines treuen Volkes heute die Stelle umringt und mit heißen Thräncn benetzt, wo Deine abgelegte Hülle stand; siehe wie wir Dich lieben, wie heilig uns Dein Andenken ist. Zwar schmückt Dich jetzt die Stcrncnkrone der Unsterblichkeit, und unter Deinen Füßen liegt die Erde. Aber Du, erhaben über dem Staube, lächle mit Deiner Engelfreundlichkeit Dem Beifall zu, was wir, die wir noch im Staube leben, thun, auszudrücken, so gut wir es vermögen, wie theuer Du uns bist. — Nur schwacher Ausdruck des unvergänglichen Denkmals, das Deine Tugend und Liebe sich in unserm Herzen erbaucte, soll dieses Denkmal sein. Die Hand der weiblichen Tugend und der kindlichen °) Der Freiherr von Ziethen, Landrath des RuppinMn Kreises. >1. m g l:w Unschuld bewahre und beschütze es, *) als em Eigenthum des Landes, als ein Kleinod dieser Stadt. — Der Wanderer stehe still und spreche mit Achtung und Rührung den Namen der Theuren aus, welcher es geweihet ist. Nie schlage ein anderes Herz in seiner Nähe, als das es mit König und Vaterland treu und redlich meint. Der Unglückliche, um seine Abgeschiedenen Trauernde, finde bei seinem Anblick, in Erinnerung des größten und schmerzlichsten Verlustes, Trost und Krast. Es trete, wenn auch uns Alle das Grab deckt, noch unser spätester Enkel mit ernstem, frommen Sinne zu diesem Denkmal hin. — Und so streue nur, o Herbst, deine welken Blätter auf dasselbe; so geht nur in eurem stummen Kreislaufe über ihm auf und unter, und unter und auf, Sonne, Mond und Sterne; so rausche nur an ihm vorüber, fliehender Strom der Jahre; so stürze es selbst, wenn auch seine Stunde gekommen sein wird, in den Alles begrabenden, in den Alles verschlingenden Schoß der Zeit hinab: ewig bleibt die Tugend, — unvergänglich die Wahrheit, — unzerstörbar das echte Verdienst, — und Alles, was die Erde, im Wechsel der Zeiten, Formen und Gestalten, Gutes , und Edles erzog, sammelt der Himmel zum ewigen Bunde." ' Der König las diese Ihm geschickte, freilich im lebhaften Colorit geschriebene Gedächtnisrede nicht ohne Bewegung des Herzens, und Er ließ mir durch Seinen damaligen General-Adjutanten, den General-Lieutenant Grafen Henkel von Donnersmark, Seinen Beifall bezeigen. Er hatte bei ') Einigen würdigen Frauen und Töchtern zu Gransee ist die Aufsicht über das Monument übergeben. Ertheilung dieses Auftrags diesem biedern Manne (eine lange Zeit der angenehme Domdechant des Dvm-Capitcls zu Brandenburg) gesagt: „So wie Sie hier geschildert ist, war die verewigte Königinn, — nach dem Leben getroffen." *) Sie war vorzüglich gern in Charlottcnburg gewesen und auch darum liebte dieses jetzt der König; es war, als wenn Ihr Geist dort, wo Er die Wege wandelte, die Sic so oft mit Ihm gegangen, Ihn umschwebe. Wehmüthigcn Gedanken hing Er, einsam so viel es möglich war, hier nach, und ließ sich darin nicht gern stören. Des Lebens Schmerz, den Er so vielfach erfahren, hatte Ihn ermüdet, kalt, und, was schlimmer war, in sich gekehrt, verschlossen und verachtend gemacht; — die Theilnahme des Volkes, die würdige Todesfeier, das öffentlich gesetzte und feierlich eingeweihetc Denkmal, that Seinem Herzen wohl. Tief verwundet, fand Er darin Anklang, und die stille Gewalt der humanen Sympathie machte sich auch an Ihm geltend z die Bilder des Lebens, die erbleicht waren, erhielten wieder Farben; Er stand nicht mehr allein da, Er sah, daß Viele mit Ihm trauerten, und wenn von dunklen Schickungen der göttlichen Vorsehung die Rede war, hatte Er nicht selten den rührenden Anblick einer bis zu Thränen gerührten Gemeinde vor sich. Er wählte das beste Theil, das jeder Mensch, besonders ein König, in frohen wie in trüben Tagen ergreifen kann, Er schloß sich immer inniger an das allgemeine menschliche Ge- ") Deßhatb ist diese Rede, ctr, die „Stistungsschrist, Seite 213 bis 228" hier als Beitrag zur Charakteristik der verewigten Königinn wieder abgedruckt. g. !32 fühl cm. Vorzüglich war es ein freundliches Zeichen einer gründlichen Genesung, daß Er gerne mit unschuldigen Kindern umging, und wie Seine eigenen, so auch andere häufig um sich sah. *) So gestä'rkct und in sich wieder aufgerichtet, war Er sähig, die Bildnisse der verewigten Königinn, die, in verschiedenen Perioden Ihres Lebens gezeichnet und gemalt, in den Schlössern zerstreut waren, mit Ruhe zu betrachten und, bald mehr bald minder ähnlich, die Aehnlichkcitcn mit dem Originale aufzusuchen und darüber mit Andern, besonders mit dem ersten Kammerherrn Fürsten von Wittgenstein und dem Obcrhofmeistcr Freiherr» von Schilden, zu reden. Der König war dabei unerschöpflich; kein Bild, es mochte noch so ähnlich und schön sein, that Ihm ein Genüge. An jedem hatte Er etwas auszusetzen: immer bemerkte Er kleine, zartere Züge, welche die Vollendete gehabt; Ihr Bild, wie Geist und Gcmüth es beseelte, lebte anschaulich in Seiner Seele; Er erinnerte sich der verschiedenen Scencn, die Er mit Ihr in frohen wie in trüben Tagen verlebt, und natürlich sah ') Tief liegt in der Brust jedes edlen Menschen, der weiß, was göttliche Traurigkeit ist, die stille Hinneigung zu Kindern. Ais der vollhcrzigc Or. Luther, niedergeschlagen durch die vielen feindseligen Hindernisse, welche die Reformation der Kirche fand, eines Abends im Mondcnschcin in einem bei Wittenberg gelegenen Dorfe hörte, daß eine Bauernfrau ihre Kinder beten lehrte für ihn und seine große Sache, eilte er nach Hause zu seinem sinnigen Freunde Melanchthon und rief freudig aus: Lieber Philipp, sei guten Muthes, Kinder beten für uns. Ihr Gebet nennt das Wort Gottes eine Macht. Psalm ä. v 3. Der christliche Klopstock ging bekanntlich am Liebsten mit Kindern um. l33 Er mehr, als der Künstler zu leisten und mit seinem Pinsel zu schaffen vermochte. In dieser Zeit war es, als der Maler Termite, später Königlicher Hofrath und Gallerie-Jnspcctor zu Potsdam, nach Berlin kam. Aus Befehl des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz hatte er das Bild der Königinn als Leiche nach der Natur gezeichnet. Dicß Bild sollte in Kupfer gestochen werden, und dazu bedurfte es der Königlichen Genehmigung. „Da ich wohl fühlte" (sagt derselbe in einer gegebenen, am Besten in ihrer authentischen Gestalt hier eingerückten Mittheilung,) „daß ich jenes Bild nicht sogleich vorstellen dürfe, so ließ ich einige andere Arbeiten dem Könige vorzeigen, worauf sofort die Genehmigung zur Herausgabc jenes Kupferstichs erfolgte und ich selbst zum Könige bcschic- dcn wurde. Er fragte mich sogleich, wie ich die Hochseligc Königinn vorstellen würde, wenn ich Sic malen sollte? Ich erwiederte, daß, nach meiner Kcnntniß, alle vorhandenen Bilder Sie nur als Dame, aber nicht als Königinn darstellten". „Recht gut" erwiederte der König; „aber wir müssen Alles benutzen, um Sie so ähnlich als möglich darzustellen: wir müssen Sic in der Kleidung malen, die Sie zuletzt getragen"! — „Schon am Tage darauf kündigte mir die Prinzessinn von Radziwill an, daß der König befohlen, ich solle in Berlin bleiben und die Königinn malen; zugleich bot sie mir ein Atelier in ihrem Palais und ihren Rath bei der Arbeit an. Kaum hatte ich etwa 8 Tage nach Bildern, Büsten und meinem Leichenbilde, mein Werk begonnen, so bekam ich den Befehl, mich mit dem angefangenen Bilde und meinen Maler- 134 geräthschaften aufs Palais zu verfügen, wo mir neben dem Speisesaal des Königs mein Arbeitszimmer angewiesen wurde. Ich erkannte wohl, wie innig der König wünschte, daß das Bild die theuren Züge so treu als möglich wiedergäbe, und wie Er überzeugt war, daß das nur unter Seinen Augen und mit Seiner Hülfe geschehen könne; und ich irrte mich nicht." „Er sah das Bild lange schweigend an, und sagte dann: „was noch daran fehle, könne wohl noch gemacht werden." Durch den Flügel-Adjutanten von Wrangel ließ Er mir aber sagen: „daß wenn es mich nicht gcniren sollte, ich täglich dort essen könnte; aber wenn ich das nicht wollte, möchte ich wenigstens stets um 3 Uhr wieder in meinem Malzimmer sein." Ich nahm natürlich jenes gnädige Anerbieten dankbar an, und gleich nach der Tafel kam der König, und bemerkte bald dieß, bald jenes, was ich an dem Bilde thun, oder ändern solle. Dieß setzte Er tagtäglich regelmäßig fort. Immer kam Er um II) Uhr in mein Malzimmer, blieb dort, zuweilen auch mit dem Durchlesen von Papieren beschäftigt, oder Er ging auf und ab und blickte, wenn ich arbeitete, von Zeit zu Zeit auf das Bild. Er machte dann einen kurzen Spazierritt und kehrte, wenn die Tafel aufgehoben war, zu dem Bilde wieder zurück. Oft brachte Er einige von den geladenen Gästen mit; aber wenn Er diese entlassen hatte, blieb Er selbst noch einige Zeit. Bisweilen besuchte Er, wenn ich des Abends spät schon weggegangen war, das Malzimmer noch mit Licht, um nachzusehen, was noch gearbeitet war; und dann fand ich des Morgens um 8 Uhr, wo ich mich einfand, Papierzettel mit einer Nadel am Bilde geheftet, worauf Er Seine Bemerkungen über das Geleistete mit Bleistift geschrieben hatte. Auf Seinen Befehl mußte das Fräulein von Reinbrccht, Kammerfrau der Hochseligcn Königinn, sich ebenso ihre Haare ordnen, als die Vollendete getragen, und mußte mir dazu sitzen." „Eines Tages öffnete sich langsam die Thüre, der König, beide Arme beladen, öffnete sie langsam und vorsichtig, und brachte mir Bilder der Königinn, die Er im Palais zusammengesucht und die ich benutzen sollte. So entstanden einige Gemälde der Hochseligcn in verschiedenen Anzügen. Aber wie ich damals noch in Pastell malte, sagte der König: „Die Pastellsarben verbleichen; ich möchte das Bild in Oel haben; wissen Sie einen jungen Maler, der Talent hat? Der soll es treu und einfach copiren." Wach nannte ich, der, von der Prinzessinn Radziwill dazu aufgefordert, dann auch zur Zufriedenheit des Königs es copirte. Noch immer hatte der König das Bild der Leiche nicht gesehen. Die Oberhosmeisterinn Gräsinn von Voß hatte mir gedrohct: „wenn ich es je dem Könige zeigte, so müsse ich fort, oder sie nähme den Abschied"; ich hatte darum stets Ausflüchte gesucht, wenn der König darnach fragte. Endlich sagte Er eines Nachmittags: „Ich kann mir wohl denken, warum Sie mir das Bild nicht zeigen wollen; bin aber darauf vorbereitet, ich habe heute die Maske von Strelitz bekommen, ich will es jetzt sehen." Da mußte ich gehorchen; kaum hatte Er aber einen Blick darauf geworfen, als Er in ein lautes Weinen *) ausbrach. Vorher, bei dem Tode der Königinn, konnte der König nicht weinen; Sein ganzes Leben war erstarrt und Sein Blick stier. Thräncn sind Erleichterung; erstickt, graben sie sich blutend in das Herz. 136 „Schrecklich wahr! Nie wiedersehen"! rief Er aus, und verließ tief erschüttert das Zimmer." „Auch nach Potsdam mußte ich dem Könige mit meiner Arbeit folgen; und war in Seiner Nähe, in einem Zimmer auf demselben Corridvr; späterhin wurde mir der Concertsaal Friedrich's des Großen zum Malen angewiesen. Täglich nach der Parade kam der König und betrachtete die fortgeschrittene Arbeit. Damals war es auch, als der Hofprediger vr. Eylert seine Predigten zur Gründung des Luisen-Denkmals herausgeben wollte und das Bildniß der Hochseligen Königinn vorzusetzen wünschte. Der König genehmigte dieses, mit der Anordnung, daß der Kupferstich nach meinem Bilde und unter meiner Leitung ausgeführt werden sollte." „Eines Nachmittags sagte Er zu mir in Seiner milden, fast verschämten Weise: „Ich möchte Ihnen wohl was an- muthen, wenn Sie es nicht unter Ihrer Würde halten; müssen aber nicht davon sprechen, — die Herren von der Academie und Kunstkenner würden mich sonst in den Bann thun. Da die Büste von Rauch die Augen geschlossen hat, und Ruhe und Schlaf ausdrückt, so sollen Sie es mal versuchen, die Büste mit der Farbe des Lebens zu beseelen; wir können wenigstens probircn, ob es geht. Weiß wohl, dieß ist wider die Regel; aber die Natur ist überall die erste Lchrcrinn." „Da nun die Büste von Gips war und die Oelfarbe einsog, so mußte sie erst in Oel getränkt werden; damals wußte ich selbst nicht damit Bescheid. Es wurde also Pro- vencer Oel aus der Königlichen Küche besorgt, und der König betupfte selbst mit dem Pinsel die Büste, um sie zu sät- 137 tigen. Das Diadem, womit sie geschmückt war, wurde durch einen Bildhauer in die gewöhnliche Haartracht der Königin» umgemeißelt und sowohl dem Kops und den Haaren, wie dem Ganzen, Lebensfarbe gegeben. Ehe die Büste fertig war, reiste der König zu der Zusammenkunft nach Dresden; als Er zurückkehrte, wurde sie Ihm vorgestellt. Doch war Er, wie vorauszusehen, nicht befriedigt. Noch liegen im Schlosse zu Potsdam zwei solche angemalte Büsten in einem Schranke verschlossen." „Nach dem Pariser Frieden ließ mich der König, da ich die Fcldzüge als Freiwilliger mitgemacht, neben meinem Geschäfte als Commissarius für die Zurückgabe unserer geraubten Kunstwerke daselbst die Oelmalerei studircn, damit ich auch in dieser Art die Ihm unvergeßlichen Züge der verewigten Königinn darstellen möge. Dieß geschah nach meiner Rückkehr im Jahre 1823 in verschiedenen Gemälden, und wenn auch Sorgen und Geschäfte der Regierung den Königlichen Herrn verhinderten, die frühere thätige Teilnahme am Malen selbst zu zeigen, so war doch das innige Interesse am Gegenstande selbst dasselbe geblieben. Seit jenem Uebergange in eine bessere Welt war Ihm vorzüglich die Darstellung von Engeln lieb und Werth, und Er meinte, sie müßten in dem Reize der Jugend und Schönheit so gebildet werden, daß man in ihren menschlichen verklärten Physiognomien den Unterschied der Geschlechter nicht sehe. Er sprach darüber sehr sinnreich und schön und Seine ernsten einfachen und doch gedankenvollen Acußerungcn sind mir immer lehrreich gewesen und unvergeßlich geblieben. Ich genoß das seltene Glück, seit dem Jahre I8IU in vielfacher Beziehung dem erhabenen Verblichenen nahe zu stehen, und die 138 Tiefe und das lautere Wohlwollen Seines ganzen Wesens zu erkennen und zu erfahren. Wenn je ein Ehemann zärtlich und treu seine Ehefrau geliebt hat, so war Er es, und die Königliche Ehe war nicht nur die erste, sie war auch die glücklichste im Lande, ein Vorbild für alle andern." Auch die Bildhauer-Kunst brauchte und benutzte der König, um das Andenken an die Vollendete in Seinem Herzen und bei Allen, die Sie liebten, lebendig und wirksam zu erhalten. Es gehört mit zu der außerordentlichen Zeit, die Er erlebte, daß die schöne Kunst wieder erwachte und merkwürdige Personen und Begebenheiten schön und treu darstellt. Diese Beschallung wirkt mehr und lebendiger, auch bei Gebildeten, als alle Kenntniß der Geschichte; sie verleihet dem tobten Buchstaben den lebendigen Geist und fesselt und gewinnt auch den großen Haufen, da sie durch den Sinn des Gesichtes in die Seele dringt, und, wenngleich dunkle Ahnungen des Urschönen im Innern weckt. *) Zu denen, Die schöne Kunst, selbst eine tiefe Wissenschaft, stehet im ge- heimnißvollcn Bunde mit der Wahrheit einer jeden das Gemeine verschmähenden höheren Erkenntniß. Sie bringt mehr, als Begriffe vermögen, aus der unsichtbaren Welt die Wahrheit in ihre Schöne, in die sichtbare, und schwebt darüber. Bon ihr festgehalten, bezaubert und hingerissen, erwachen in der Brust Gefühle, die man bis dahin noch nicht hatte. Auf dem Strome der Harmonie bemächtiget sich unserer eine seelenvolle Musik und stimmt traurig und ernst, froh und heiter, wie sie es will. In dem sinnenden Anschauen eines schönen Gemäldes, einer seelenvollen Natur, verlieren wir uns; das Materielle tritt zurück, das Geistige tritt vor. Die ganze uns umgebende Natur ist ein Bildcrsaal, und nimmt in Bergen und Thälern, in Missen und Wasserfällen, in Früchten und Fluren, in Wälder» 139 welche viel und glücklich wirkten und der Zeit und ihren Resultaten zu Hülfe kamen, gehört vorzüglich auch der Professor der Bildhauerkunst und Hofbildhauer Ritter Rauch. In den kalten todten Stein und Marmor wußte sein die Hieroglyphe der Natur belauschender Geist und sein reiches Gemüth den Ton des warmen Lebens zu bringen, und das Ganze mit einem Hauche zu beseelen, der in leichten Schätzungen und in den treffendsten Aehnlichkeiten den Beobachter so anspricht und fesselt, daß er nicht davon kann und bewundernd still steht. Wenn man in den Kunstwerken, die uns die Helden des siebenjährigen Krieges darstellen, störend afsicirt wird von dem Steifen und Pedantischen, von dem Gesuchten und Gezwungenen, was ihnen anklebt, wir nehmen die Reiterstatüe des großen Churfürsten auf der langen Brücke aus: so lebt und webt, wie in den ältesten Werken der Bildhauerkunst, in den neuesten aus Rauch's Hand, frei und offen, seelen- und gedankenvoll, die Natur, wie sie in ihrer schöpferischen Wahrheit wirklich ist. Der kleinste verfehlte Zug könnte störend entgegentreten; aber das Ganze ist in und Blumen, in singenden Bögeln, in wehenden Winden, uns in Anspruch. Die schöne Kunst ist eine Tochter der Religion, und namentlich der christlichen, und hat zu ihrer Verherrlichung in Werken der Baukunst und der Malerei mehr beigetragen, als ihre Dogmen. Wenn diese entzweiten in verschiedenen Seiten, versöhnte jene und machte tolerant. Der neucrwachte Sinn für Kirchenmusik und ihre herrlichen Lieder förderte die Reformation. Lucas Cranach war ein Freund Luther's und Melanchthon's. Die schöne Kunst bereichert und erwärmt das sonst arme und kalte Leben und von ihr umflossen flicht auch in trüben Stunden sie ihre duftenden Kränze. Je klarer und besser der Mensch ist, je mehr holt er aus seiner Umgebung heraus, je mehr legt er hinein. seinen kleinsten Theilen gelungen und stellt nach unseren jetzi- gen Begriffen und Forderungen das Bollendete dar. Die angebrachten Ornamente und Allegorien sind passend, histo- risch und gedankenreich; sie sind eine lebendige Biographie, aber sie sind nicht drückend und überladen, und dienen nur, statt zu herrschen. Rauch war schon als Knabe in seinen angeborenen Talenten zur schönen Kunst von der Hochseligcn Königinn, deren helle Augen offen waren für alles Außerordentliche, bemerkt und beachtet. In den ersten Anfängen, zu denen sein Genius ihn trieb, bemerkte die seltene Frau schon das Identische, Naturgemäße, und hatte Ihre Freude daran. Sie half weiter, Sie führte zur Entwicklung, und ordnete die Verhältnisse und Umgebungen des jungen Künstlers, so daß seine Anlagen frei und heiter sich ausbilden und vervollkommnen konnten. Was Rauch durch seinen früheren Lcbcnsgang geworden, ist er geworden durch die freundliche Huld der Königinn, und Sie, die weckte und unterstützte, war es, die das Licht, welches jetzt in gelungenen Werken der Mit- und Nachwelt leuchtet, so hoch stellte. Den Künstler band also an die früh Verewigte das Gefühl ehrfurchtsvoller Dankbarkeit; und was diese in einem edlen Gemüth vermag, wie sie alle Schwierigkeiten besiegt, wie sie wählt und verwirft, wie sie sich nie ein Genüge thut, und eben darum das Außerordentliche leistet, wissen alle die, welche ihre himmlischen Kräfte kennen. Aus dieser reinen und edlen Quelle ist das bildhauerische Kunstwerk „Die Königinn im Tode" hervorgegangen; man hat es bewundert und wird es bewundern lange nach uns. Interessant ist es, zu erfahren, wie es sich damit gemacht hat; und wie könnte man dieß besser, als durch 141 Rauch selbst! *) Er erzählt: „Das Monument der Hoch- seligen Königinn Luise im Mausoleum zu Eharlottcnburg ward im Jahre 1811 begonnen und 1815 vollendet." „Als Rauch im Monat März des erstgenannten Jahres nach einem längeren Aufenthalte in Italien nach Berlin zurückkehrte, lagen dein verewigten Könige bereits Entwürfe von anderen Künstlern vor. Rauch ward beauftragt, ebenfalls Entwürfe anzufertigen, über die der König Seine Intention mittheiltc. Dem Allerhöchsten Herrn war anfänglich der Gedanke, in welcher Art die Gestalt der entschlafenen Königinn dargestellt werden sollte, nicht ganz klar. Er wollte nicht das erstarrte Todtc der mittelalterlichen Monumente, noch wollte Er, in Rücksicht der Bestimmung des Monuments, den irdischen körperlichen Schlaf dargestellt wissen. Durch mehrfache Versuche, die Rauch in Skizzen vorlegte, kam man endlich auf den richtigen Gedanken, einen Zustand, der zwischen Seelcnschlaf und Tod die Mitte hält, auszudrücken, und die Ausführung erfolgte." „Die Skizzen, welche Rauch damals verfertigte, waren etwa 2 Fuß Proportion; leider ist keine derselben erhalten worden! Gleich nachdem sich der König in Seiner Wahl entschieden hatte, erfolgte die Ausführung des Modells in einem Maßstabe von 6 Zoll über Lebensgröße. Dem Künstler ward dazu das Mausoleum in Charlottenburg, das inzwischen für die Aufnahme des Monuments war errichtet worden, angewiesen, wo ihn der König täglich bei der Arbeit bc- ") Ich verdanke ihm diese gütige, von ihm selbst dictirte Mit- thcilnng, durch den Hofbaurath Pcrsius. l42 suchte und seiner Phantasie durch Schilderungen zu Hülfe kam. Das Modell, welches hier von der Hand des Künstlers hervorging, stellt die Gestalt der Königinn auf einem Ruhebett liegend dar. Ucber das Ruhebett, dessen Form nur entfernt an einen Sarkophag erinnert, ist eine weiße Decke ausgebreitet, in deren Saum Adler und Krone (die Königl. Embleme) eingewirkt zu sein scheinen. Es hat eine mäßige Höhe, die dem Beschauen des Ganzen zu Hülfe kommt. Der König wollte durchaus keine Königliche Auszeichnung für die Gestalt der Ruhenden angebracht wissen; Sie sollte mit einem einfachen umgürteten Gewände (Tunica) bekleidet sein. Kaum erlaubte Er es, das Haupt der Kö-, niglichcn Schläferinn mit dem Diadem zu schmücken. Zur künstlerischen Ausschmückung des Ruhebetts wurden an den vier Ecken desselben architektonische Master angebracht, zwischen denen am Kopf- und Fußende frei bewegte Adler in Hautrclief sitzen. Es ward anfänglich beabsichtigt, daß Stauch die Ausführung des Monuments in Berlin besorgen sollte; die damals bewegte Zeit und die Märsche der Franzosen nach Nußland machten jedoch die Beschaffung des Marmors unsicher. Es ward demnach vorgezogen, daß Rauch nach Italien ging, damit er den Marmor in Carrara selbst auswähle, vorarbeite, und dann in Rom das Werk vollende." ,,So geschah es. Unmittelbar nach dem Frieden war die Arbeit vollendet, und nun ward die Absendung eingeleitet." „Das Monument ward auf einem Ocstreichischen Fahrzeuge (Brigantine Alexander) verladen und trat im Herbst I8l4 unter Englischer Flagge die Reise an. Gerade in dieser Zeit hatte sich, nur kurze Zeit während, ein Krieg zwischen 143 Amerika und England entsponnen. Es ereignete sich, daß das unter Englischer Flagge segelnde Schiff, welches das Kleinod am Bord hatte, von einem Amerikaner genommen wurde. Ein Englischer Caper, der leichter segelte, als die schwere Prise, jagte jedoch dem Amerikanischen Fahrzeuge bis zur Spanischen Küste nach, wo er den Alexander und den Americanischen Caper nahm und in Jersci aufbrachte. Rauch, inzwischen auf der Reise nach der Heimath begriffen, las zu München in der Zeitung die Wegnahme des Oestreichischen Schiffes. Bereits im Begriff, wieder nach Italien zurückzukehren, um die Arbeit von Neuem zu beginnen, erhielt er von Berlin aus die Kunde, daß das Kunstwerk gerettet und von der Englischen Regierung zur Disposition des Königs gestellt worden sei. Die Kiste ward demnach in Jcrsei auf eine Englische Kriegs-Brigg Spy (Spion) verladen und kam so über Hamburg am lOten Mai 1815 in Charlottenburg an." In dem Königlichen Garten zu Charlottenburg ist das die Leiche der entschlafenen Königinn und Ihr in Marmor darstellendes Bild, wie Sie im Tode war, enthaltendes Mausoleum nun der wichtigste Punkt geworden. Wenn man die dunkle Trauerallee betritt, sieht man es schon in der Entfernung, und wird zu andächtigem Ernst gestimmt, je näher man ihm kommt. In stiller Verehrung stehet man den einsamen, Tag und Nacht bewachten Ort, und über dem einfachen, aber in edlem Style gebauetcn Gebäude liefet man des Christen triumphircndes Glaubensbekenntniß in den beiden Buchstaben A und O. *) Man tritt still und schweigend ") Offenbarung Johannis I v. 8: Ich bin das A und O, der 144^ hinein, — da liegt über der Gruft, als Sinnbild des abgelegten Körpers der Heimgegangenen, die Königinn wie Sie im Tode war, gebunden von seiner Macht, und doch, von ihr erlöset, frei und selig. Ein göttlicher Geist weht uns entgegen und das Auge ruhet still und ernst auf der im Tode noch schönen Hülle. Alle Ihre Theile, vom ausdruckvollcn Gesichte an, dessen Mund ein bitter-süßes Lächeln umziehet, bis auf die Füße, sind wahr und treu, und den ganzen Leib umgiebt ein leichtes Tobten-Gewand, durch welches man die Formen schimmern stehet. Das Ganze ist höchst einfach; gerade in dem Kunstlosen liegt der Zauber der vollendeten Kunst. Man kann von dem Bilde nicht wegkommen, und fortgegangen, kehrt man wieder, die den Todesschlaf ruhig Schlummernde von Neuem zu betrachten. Man söhnt sich mit dem Tode und seinen Schrecken aus, und lernt verstehen und schätzen, was Seelenruhe, von ihm überwältigt, ist. Ein Geist der Ruhe und des Friedens wehet uns an, umschlossen von dieser Grabesstättc, die man ohne ernste Gedanken und gute Vorsätze nicht verlassen kann. Am Todestage, den löten Juli, wird das Mausoleum geöffnet, und Einheimische und Fremde in Berlin gehen hin, auch heute uoch. Das wahrhast Schöne wird nie alt, es behält den Reiz der Neuheit, — es kommt nur auf den inneren Sinn, auf das Auge des Beschauers an. Auch an anderen Anfang und das Ende, spricht der Herr, der da ist, der da war, und der da kommt, der Allmächtige. Ebräcr 12 v. 2. Lasset uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens. (Das O ist bekanntlich der letzte Buchstabe in der griechischen Sprache, wie dasZ in der deutschen). 145 Tagen wird auf Verlangen, besonders Fremden, das Mausoleum geöffnet; und wer zählt die guten Gedanken und frommen Gefühle, die sich hier entwickelt haben und aufgestiegen sind! Der Schlüssel zu dem wohl verwahrten eigentlichen Grabgewölbe befand sich in sicherer Verwahrung des Königs selbst. Professor vi. Rauch, von Verehrung und Dankbarkeit gegen seine verewigte hohe Wohlthäterinn erfüllt, hatte, dem Zuge seines Herzens folgend, im Stillen in seiner Werkstätte ein zweites Bild, dem ersten ähnlich, angefertigt. In dem zu Charlottenburg ist der Ausdruck des Todes vorherrschend, so daß man gleich die Leiche sieht; in diesem stellt er Sie auch liegend, aber gesund und schlafend, vor. Dieß Meisterwerk wollte er für sich behalten; aber er überließ es dem davon überraschten und erfreuten Könige. Dieser wies ihm, damit auch das große Publicum Genuß davon habe, in dem früheren, jetzt geräumten Antiken-Tempel in dem Haine von sonei, da, wo der Wald am Dichtesten ist und Schatten den großen Platz einhüllen, seinen schicklichen Ort an. Es zu sehen und zu betrachten, war der berühmte Archäolog C. A. Böttigcr von Dresden nach Potsdam gekommen und ich führte ihn dahin. Sinnend und betrachtend, mit ernstem geistigen Kennerauge, stand mit entblößtem Haupte der vertraute Freund der schönen Alter- ihümer stillverloren im Anschauen da. Dasselbe hatte den sprechenden Ausdruck des Forschenden, des Zufriedenen, dann des Ehrerbietigen, dann der Bewunderung. Nachdem er lange schweigend das Bild in allen seinen Theilcn und dann wieder das Ganze betrachtet hatte, faltete er die Hände und rief aus: „O mein Gott! Sehr schön! Hier vergißt die Kunst ihre Kritik, und die Natur überwältigt uns in ihrer II. (y tv 146 Kraft, Wahrheit, Einfalt und Stärke. Es ist, als sähe und hörte man die Schlafende und müßte leise reden, um nicht zu wecken. Der liebliche und ansprechende Ausdruck der Ruhe, der Erquickung und des Friedens, ist über das Ganze, vom hinneigenden Haupte, vom sichtbaren Athcmzuge, der Lage der Hände an, bis zu den Füßen, verbreitet und jeder Theil verstärket diesen Eindruck. Man fühlt eben das Behagliche und Wohlthuende; aber auch das Himmlische, was man fühlt beim Anblick eines schönen schlafenden unschuldigen Kindes, — man stehet eine schlafende Mutter, die Kinder geboren hat. O möchte Sie die Augen aufthun und wieder erwachen! Ich weiß nicht, ob das Bild in Charlottenburg oder dieses hier schöner ist. Bei jenem steht man mit Schmerz, bei diesem, wo Alles ein gesundes Leben ist, mit Vergnügen." Er schwieg jetzt; betrachtete wieder; und ging endlich, mit den Worten: „Diesen Eindruck werde ich für's Leben behalten!" Der König, der dieß Urtheil eines Kunstkenners und eines edlen, gefühlvollen Mannes erfuhr, war erfreut über die allgemeine sympathetische Theilnahme. Sein Schmerz verlor immer mehr die herbe Säure, die er anfangs hatte, ließ aber in Ihm einen wehmüthigen Anklang zurück, der sich nie ganz wieder verlor. Wenn das Unglück, welches Er mit traurigen Erfahrungen als König erlebt hatte, Ihn nachdenkend machte und alle Vorurtheile und Täuschungen zerstörte, so machte die Liebe Seiner amnuthigen Gcmahlinn und Ihr früher Tod Ihn wchmüthig, und Beides erzeugte in Ihm die Klarheit und Wärme, die in ihrer wechselseitigen Harmonie Ihn mit einer Kraft und sittlichen Würde erfüllte, die man Ihm gleich ansah und anhörte. Durch 147 den läuternden Gang Seines Lebens wen Er auf Wendepunkte gekommen, die für immer entschieden und abrundeten. In dem Jahre 1806 lag, es ist nicht zu leugnen, ein gewisses Schwanken und eine Unsicherheit und Unentschlossenheit in Ihm, die Sein Wesen theilte; und jede innere Halbheit erzeugt verderbliche halbe Maßregeln, die den Einsichtsvollen und Guten einschüchtern und ermüden, den Schlauen und Bösen aber muthig und verwegen machen. Der König hatte durch den Verlust der Armee und des halben Landes, durch den bald darauf erfolgten Tod Seiner Gcmahlinn erfahren, daß auf kein äußeres Gut dieser an vorübergehenden wechselnden Erscheinungen so reichen Welt sicher zu rechnen sei. Alles, was Ehre, Ruhm und Wohlstand, ja Alles, was Liebe heißen mag und Lebensfreude geben kann, war Ihm im zerschlagenden Sturm genommen. Er stand einsam und verlassen da, auf sich selbst zurückgeführt, und Gott und Seinem Gewissen gegenüber. Alles mißlang, ja das Unglück schlug mit seinen dunklen Wogen über Ihm zusammen. Alles noch von Ihm Abhängige war zur morschen Stütze geworden, die, wenn Er sich darauf lehnen wollte, unter Seinen Händen zusammenbrach. Dieß führte Ihn zur Unabhängigkeit, und in derselben erstarkte Seine Kraft. Diese Kraft war aber *) „Derjenige, welcher alles Erdcngllick aufgiebt, beginnt erst wahre Lebenserfahrungen zu machen und Menschcnkenntniß einzusammeln. Wenn alle seine Verhältnisse wanken und einstürzen, erfährt er erst gleichsam einen chemischen Prozeß, wo sich Alles scheidet, läutert, und neu gestaltet; erst dann erkennt er Schlacken und Schmutz, so sich an ihn hing, aber auch das lautere Gold schimmert durch. Wenn unter solchen Schicksalsschlägen dann nicht, wird er niemals menschlichen Werth schätzen lernen; aber von ihnen in sich aufgerichtet, wird er nicht mehr auf glänzende Iy" 148 milde, denn sie war aus- und durchgebildet, gereist nicht bloß an dem erhellenden, sondern auch an dem erwärmenden Lichte der Liebe, ihrer Ruhe, Weisheit und Geduld. Er wurde in dem stillen Siegen über Seinen Schmerz in sich selbst ein wahrhast ritterlicher Mann aus einem Stück und das Ganze in Ihm wurde ein fester Charakter, tief gegründet auf christliche Gottesfurcht. Diese war es, die den einfachen, schlichten Herrn aus geraden Wegen erhielt, die bei Ihm siegreich eingeleitet wurden, als es noch Niemand ahnte, und die Ihn im Bunde mit einem muthigcn treuen Volke, geführt von tapferen und einsichtsvollen Männern, die geistesverwandt sich um Ihn sammelten, im Angesicht der zujauchzenden Welt zum herrlichen, glorreichen Ziele geführt haben. Dieser frische, ernste Lebensmuth offenbarte sich zuerst und vorzüglich in der Stiftung des eisernen Kreuzes; die Urkunde ist gegeben am Geburtstage der Hochseligen Königinn, den 1l)tcn März. An diesem Tage war Ihm geboren Sein reinstes, bestes, unvergeßliches Erdenglück, an diesem Tage mußte das Ehrenzeichen einer neu beginnenden Zeit an den Tag treten. Zwar scheint es vor- Außcnseiten, nicht auf bloße Talente irgend einen Werth legen. Er wird ein fester Charakter werden, und die, welche ihn haben, verstehen und schätzen. Alles vermag uns zu täuschen, nur der Mann von edler Gesinnung und guter Bestrebung täuscht uns nicht. Sittliche Lauterkeit, moralische Größe sind die am Höchsten zu schätzenden Eigenschaften, — Güter, unwandelbar, die in allen Prüfungen bestehen." Siehe die Schrift: „Tirocinium eines deutschen Offiziers in Spanien. Herausgegeben von Höfken, lster Band, Seite ll)8. Stuttgart t84I." 149 eilig und gewagt, schon an den Sieg über einen bis dahin unüberwindlichen, noch immer mächtigen Feind, und an Belohnungen für diejenigen schon zu denken, die in diesen Siegen sich auszeichnen würden, da dieselben erst erfochten werden sollten; aber das ist gerade das Wesen des wahren, echten Muthes, daß ihm eine Zuversicht beiwohnt, die gewiß ist: es werde damit gelingen. Er hatte sich selbst besiegt, und damit alle Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, hinweggeräumt. Alle vorhergehenden Zeichen der elastischen Kraft Seiner freiwillig zusammengeströmten Armee und Seines muthigcn, treuen Volkes konnten nicht trügen. Den braven Landwehrmännern gab Er aus ihre Mützen die Inschrift: „Mit Gott für König und Vaterland." Er war gewiß, das sagte Ihm ein göttliches Bewußtsein: in dem Zeichen des heiligen Kreuzes werde Er siegen. (In live sig,»« vi»- ees). Er stiftete bei dem Anfange des großen, schweren Kampfes den Orden der Tapferkeit, das „eiserne Kreuz," und wählte dazu den Tag, an welchem die Entschlafene geboren war, den Ittten März. Das eiserne Kreuz! Kein Orden steht in Hinsicht der Zeit, in welcher, in Hinsicht des Sinnes, mit welchem, in Hinsicht des Zweckes, zu welchem er gestiftet wurde, höher und sinnreicher, bedeutungsvoller und erhabener da, als der Orden des eisernen Kreuzes. Eisern war die Zeit, in welcher er gegründet wurde. (8ec»1u»r koiieum). Sinnreich und bedeutungsvoll, lehrreich und erinnernd ist es geformt aus einem Metall, dessen Farbe dunkel und finster, dessen Beschaffenheit streng und hart ist, zu bezeichnen und abzubilden das finstere, harte und schreckliche Zeitalter, in welchem es sein Dasein und für dessen Bekämpfung es aus- l50 schließungsweise seine Bestimmung erhielt. Wie gefesselt von eisernen Ketten, in unwürdiger Knechtschaft und schimpflicher Abhängigkeit, erlag damals unser und das gesammtc deutsche Volk unter der Uebermacht eines stolzen, höhnenden Feindes. Der zweideutige Frieden, welcher nach einem unglücklichen Kriege die Hälfte unseres Landes raubgierig verschlang, gab uns seine Segnungen nicht; der planmäßig berechnete Uebermuth schlug in seinen unaufhörlichen, erschöpfenden Forderungen noch tiefere Wunden, als der Krieg selbst. Das Mark des Landes ward ausgesogen; mitten im Lande hauste der Feind; in seinem Besitze blieben die Hauptfestungen; gelähmt war der Ackerbau; gehemmt die Freiheit des Handels; verstopft jede Quelle des Erwerbes und Wohlstandes; das ganze Land und Volk ein Raub der Verarmung! Die pünktlichste Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten änderte dieses schreckliche Loos nicht. Die reinsten Absichten wurden durch Uebermuth und Treulosigkeit vereitelt und Alles vereinigte sich, uns langsam zu verderben. Und so kam endlich nach langen siebenjährigen Erduldungen und zahllosen Leiden der ernste, große Augenblick, wo zwischen einem ehrenvollen Frieden oder ruhmvollen Untergange keine Wahl, kein Ausweg mehr war, wo das Ganze auf den entscheidenden Punkt gekommen und gestellt war, lieber Alles, auch das Letzte hinzugeben, als noch länger einen solchen unwürdigen Zustand zu dulden, lieber ehrenvoll zu sterben, als noch länger ehrlos zu leben. So hart, so gewaltig, so eisern war die Zeit, als, ihre Schwere tief empfindend, und die Kraft, die ihr entgegengesetzt werden mußte, wohl berechnend, als sinnreiches Symbol das eiserne Kreuz gestiftet ward. Doch es erinnert nicht bloß an eine eiserne Zeit, es ist noch mehr auch ein Siegel und Unterpfand der geistigen, muthigen 151 und frommen Kraft, welche die beseelte, die es verdienten und errangen. Es hat die Form und Gestalt eines Kreuzes, des heiligen, ehrwürdigen Sinnbildes unsers christlichen Glaubens an den Heiland und Erlöser der Welt, der für das menschliche Geschlecht am Kreuze starb, um es von allem Elende zu erlösen und zu versöhnen mit Gott. Dadurch und seit dieser Zeit ist das Kreuz bei allen christlichen Völkern das bedeutungsreiche, vielsagende Zeichen geworden, woran sich die erhabensten Wahrheiten, die rührendsten Vorstellungen, die heiligsten Pflichten, die stärksten Beweggründe, die glücklichsten Gefühle der Liebe und der Dankbarkeit, des Vertrauens, des Trostes und der Hoffnung knüpfen. Ein heiliges Sinnbild, das man nur an heiligen Stätten, auf Kirchen, auf Altären, auf Siegesfahnen, und nun auch, nach dem tiefen und frommen Sinne eines christlichen Königs, auf der Brust christlicher Helden erblickt. Denn das sollte Jeder fühlen, daß bei diesem großen und schweren Kampfe gewöhnliche menschliche Einsicht und Klugheit, gewöhnliche menschliche Berechnung und Anstrengung nicht ausreichen würden. Der Blick auf das Kreuz sollte den Blick höher auf Den richten, von dem allein Hülfe und Rettung kommt. Der Blick aufs Kreuz sollte mit der höheren Kraft einer heiligen Begeisterung erfüllen, die vor keiner Gefahr erbebt, der jede Furcht fremd ist, und die keiner Beschwerde muthlos erliegt. Der Blick aufs Kreuz sollte zu dem kühnen Heldcnmuthc erheben, entweder zu siegen, oder zu sterben. Darum war dieser Kampf, sowohl in dem Geiste, mit dem, als in dem Zweck, für den gekämpft wurde, ein heiliger Kampf, dem Gott, der Lenker der Schlachten, in dem Uebergewichte geistiger und sittlicher Kräfte die herrlichsten Siege verliehen. Aber das eiserne Kreuz erinnert auch noch an die Pflichten derer, die dasselbe errangen und es würdig tragen wollen. Eisern ist das Kreuz. Dieß erinnert an die Pflicht der muthigen Selbstbeherrschung und an die Würde der festen Charakterstärke. Es warnet vor Bequemlichkeit und weichlicher Ruhe, vor Ausschweifung und erschlaffendem sündhaften Genüsse. Es ist Aufruf zur Abhärtung, zur Stählung aller Gefühle. Ein Kreuz ist es; dieß lehre die köstlichste aller Tugenden, die Demuth und Bescheidenheit, damit der Hochmuth nicht wieder verliere, was der Hochsinn errang. Ohne Unterschied der Geburt, des Herkommens, des Ranges, ist das Kreuz crtheilt Jedem, der es verdient; es schmücket die Brust des Vornehmen und Geringen, des Vorgesetzten und Untergebenen. Dieß beseele Jenen mit Milde, Diesen mit willigem Gehorsam. Das Kreuz der ersten Klasse kann nicht anders erfolgen, als wenn die zweite schon erworben ist. Dieß lehre, nur aus offenem, geradem Wege treuer Pflichterfüllung das Glück zu suchen; wer lichtscheu krumme Wege geht, findet das wahre nicht. Drei Eichenblätter sind in der Mitte des eisernen Kreuzes; dieß erinnere an die unüberwindliche Kraft eines Volkes, dessen Kräfte in der Eintracht aller seiner Klassen und Stände Eine Kraft wird. Fest verbrüdert, als Thcile eines Körpers, sei der Wehr-, der Nähr- und Lehrstand; jeder ist zur Erhaltung des Ganzen nothwendig und wichtig. Der Thor denkt an äußere Vorzüge, — der wahre Held ist im Frieden ebenso bescheiden und verträglich, als im Kriege tapfer und muthig. Der Namcnszug unseres Königs und Herrn ziert das eiserne Kreuz; dieß erinnert, daß tiefe Ehrfurcht, innige Anhänglichkeit und feste Treue für Ihn, den Vater des Landes, unsere Pflicht, unsere Ehre und unser 153 Ruhm ist. Das Zeichen des heiligen Kreuzes erinnert noch daran, daß der beste Christ auch immer der beste Soldat ist; denn größere Liebe hat Niemand, als daß er das Leben läßt für die Brüder. *) „Haben," sagte der König demnächst zu mir, „in Ihrer Rede was im eisernen Kreuze liegt gut entwickelt. Alles das habe ich bei der Stiftung desselben mir auch gedacht und damit erreichen wollen. Sie ist übrigens vom Il)ten März her; hätten dessen wohl auch noch mit einem Worte gedenken können!" „Dieß," antwortete ich, „habe ich nicht übersehen; aber absichtlich mit Stillschweigen übergangen, weil ich fürchtete, damit traurige Erinnerungen zu wecken." Der König ließ damit das Wort nicht fallen, sondern fuhr vielmehr so fort: „Es sind über K Jahre verflossen, daß ich das Liebste und Beste verlor, was ich auf Erden hatte, und es liegen große und erfreuliche Begebenheiten dazwischen. Durch dieselbigen bin ich abgezogen und habe nicht Zeit gehabt, meinen Gedanken nachzuhängen. Aber sie kehren immer wieder, und weil sie Gedanken, sind sie ruhiger geworden. Es ist davon in mir was zurückgeblieben, das ich hege und Pflege, weil es mich nicht incommodirt, vielmehr wohl- thut und mich belebt. Ich lebe in geistiger Gemeinschaft mit der Bollendeten und es ist mir so, als müßte Alles, was schwer und gut ist, besser gelingen, was ich an Ihr Dieß ist ein Auszug aus der Rede, die ich bei der feierlichen Aufstellung der Gedächtnißtafcln des eisernen Kreuzes vom Königlichen Hochlöblichen ersten Garderegimcnte zu Fuß in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam den lsten November 1816 hielt. 134 Gedächtniß knüpft. Anfangs war ich empfindlich, wenn diese Corde berührt wurde; zur Empsindelei aber habe ich keine Anlagen, auch keine Zeit. Aber die Empfindung ihres Werthcs hindert mich in keiner Sache, ist mir vielmehr förderlich und giebt mir einen Maßstab, der groß und zugleich voll Ruhe ist. Hätte es darum gerne gesehen, wenn Sie diese schickliche Veranlassung in diesem Sinne benutzt hätten." *) Die genaue Verbindung, welche hier bei dem Könige zwischen dem Irdischen und Himmlischen sichtbar wird, ist um so lehrreicher und interessanter, je seltener sie ist. Bei frohen Veranlassungen und im Glücke wird der Tobten in der Regel nicht gedacht; man schließt den Gedanken an sie, als nicht dahin gehörig, gewöhnlich aus, und bei den Meisten werden sie, wenn es wieder gut geht, ganz vergessen. Der König ehrt und liebt das Andenken an Seine verewigte Ge- ') T. G. von Hippel sagt darum mit Recht in seinen „Beiträgen zur Charakteristik Friedrich Wilhelm Iii. Bromberg 184t, Seite l>7": „Die Stiftung des eiserne» Kreuzes am Geburtstage der verklärten Königinn, den llZten März, aus dem Geiste und dem Herzen des Königs allein, ohne irgend eine vorgehende Be- rathung, ausgegangen, bedeutete, welche Erhebung des Gefühls Er (der irrigerweise als aller Poesie abhold bezeichnet wird) fähig war. Die in dieser Stiftung liegende Fülle von bedcu- tungsreichcn Gedanken ist vielleicht bisher nicht genug gewürdigt, und die sinnige Verbindung der Erinnerung an die eiserne Zeit der Gegenwart, an das ganz gleiche Ordcnszeichc» der im Kampfe gegen Unchristen und Undeutsche unermüdlichen deutsche» Ritter, und an den Geburtstag der. unser Beginnen aus Sternenhöhen hinab segnenden Königinn, ist über der freudigen Begierde nach diesem höchsten aller Ehrenzeichen des ritterlichen Geistes nicht genug in ihrer ganzen Tiefe erkannt worden." 155 mahlinn, so daß es sich mit allen Seinen Gedanken und Gefühlen verschmilzt, Ihn begleitet, im Hinblick auf Sie Ihm vorschwebt, und daß Er etwas Wesentliches vermißt da, wo Er es nicht erneuert und angefrischt hat. Dieß macht Ihn nicht mehr traurig und verstimmt, Er ruft es zurück, indem Er das Ehrenfest braver Männer feiert. Zeit und Ewigkeit, das was jener und dieser angehört, fließen bei Ihm zusammen, und in diesem Zusammenhange steht Er ernst und heiter da. Er verknüpft und hält beieinander, was der gewöhnliche Mensch, der die niederschlagende Vergangenheit gern vergißt und sich berauscht in der Gegenwart, ihren Ehren und Freuden hingiebt, trennt. Wenn der Hochselige hier liebenswürdig und unter allen Umständen treu und beständig erscheint als guter Mensch, so tritt nicht weniger der Herrscher darin ehrenfest hervor. Mit Seiner bessern Einsicht kommt Er entgegen und man versteht Seine Befehle. Er verschweigt nicht, was Ihn bewegt, und sagt, wiewohl Er sonst zufrieden ist, was Er vermißt und wie Er es gern hätte, wenn Er sich erbauen soll. Aber gerade in diesem Stücke wurde der König von Seiner Umgebung am Meisten nicht verstanden; sorgfältig und mit einer gewissen Aengst- lichkeit wich man allen Vorstellungen und Erinnerungen aus, die man für niederschlagend hielt; und auch darin hat es seinen Grund, daß Er so wenig sprach. Uebrigcns hat das eiserne Kreuz alle die Wirkungen hervorgebracht, die es hervorbringen sollte, zum offenbaren Beweise, daß in ihm selbst und in seiner symbolischen Bedeutung das Leben liegt. Je seltener es ist, desto höher steht es in der öffentlichen Meinung, und der Geist der Nation schätzt es um so mehr, als man es in seinen verschiedenen 136 Abstufungen auf der Brust des hoch und niedrig Gestellten stehet. Der Fürst, der Graf, der Edelmann und Minister hat es sich errungen; aber auch der Bauer hinter dem Pfluge, der Tagelöhner in der Hütte, der Handwerker, der Actcn- träger. Es ist nicht geknüpft an Stand, Rang und Geburt; es ist Jedem zu Theil geworden, der in der Stunde der Gefahr nicht feige erbebte und heldcnmüthig tapfer war. Da es ausschlicßungsweise nach dem Willen des Stifters nur für den heiligen Krieg bestimmt ist, so wird mit jedem Jahre es seltener; wenn der Letzte, der es getragen, schlafen gegangen und mit ihm es verschwunden ist, wird es eine heilige Reliquie werden, und noch das Andenken des Königs Friedrich Wilhelm III. bewahren, der die Zeit und Sein Volk verstand, und der späteste Enkel wird noch mit Ehrfurcht und Dank nennen den König mit dem eisernen Kreuze. Zum Beweise, daß der Sinn und die Bedeutung desselben in die Volksmeinung eingedrungen, stehe hier folgende wahre Anecdote. Ein Mann von hohem Range fuhr, mit Extrapost von Dresden kommend, von Beelitz nach Potsdam. Der Ehaus- seeweg war damals noch nicht ganz fertig, der Postillon mußte über eine halbe Stunde im tiefen Sande fahren. Da dieß dem Reisenden zu langsam ging und er Eile hatte, so trieb er den Fuhrmann an. Dieser entschuldigte sich mit dem schlechten Wege, und versicherte, daß er auf bald gutem das Versäumte schnell wieder einholen werde. Damir war aber der Passagier nicht zufrieden und fuhr heftig den Postillon mit Schimpfreden an und mit der Drohung, daß er ihn durchprügeln werde, wenn er nicht aufhöre, zu raiso- 157 niren, und nicht rascher führe. Der Postillon, der sich fühlte, hielt seine Pferde an, drehete sich auf dem Bocke um, schlug seinen Mantel zurück, und sagte mit einem drohenden Blick: „Hier, Herr! ist, wie Sie sehen, das eiserne Kreuz! Ehren Sie das! Nun schlagen Sie mal!" Und der Vornehme, der dieß Ehrenzeichen nicht hatte, schlug nicht, wurde vielmehr und blieb still. Der wackere Postillon hatte mir, da ich desselben Weges kam, wie Andern, diese Begebenheit erzählt; ich theilte sie dem Könige mit, und noch sehe ich, wie Er in die Hände klopfte und sagte, wie- derholentlich: „Charmant! Das habe ich gewollt; gewollt, daß der Mensch in jedem Menschen den Menschen sehe und ehre, und inne werde, daß er darin sich selbst ehre; Du sollst Gott über Alles und deinen Nächsten (Nebenmenschen) lieben als dich selbst, als dich selbst; dieß ist das Gesetz und die Propheten. — Wie weit sind wir entfernt von diesem ersten Grundsatze der jüdischen und christlichen und jeder Religion überhaupt! Allein wir finden uns in der Annäherung, und dazu haben die Begebenheiten der Zeit und ihre Institutionen wesentlich beigetragen." Deutlicher und bestimmter noch spricht sich dieß ehrende Andenken an Seine verewigte Gemahlinn in der vom Könige gegründeten Stiftung des Luisen-Ordens unmittelbar aus. Der patriotische Enthusiasmus des männlichen Geschlechts im ganzen Volke gegen den siegreichen, übermüthigen Unterdrücker desselben hatte wundcrbarerweise auch das weibliche ergriffen. *) Es war ein Schrei und ein Ton, der ") Eine zarte würdige Frau kam, wie der große, mit Sehnsucht !58 durch das ganze Land ging, und jede Brust hob sich, und jedes Herz schlug lauter. In jedem Hause, dem bemittelten und unbemittelten, wurde von weiblichen Händen in einträchtigem Kreise Charpie gezupft und in großen Vorräthcn abgegeben. Es wurden in allen Städten, durch welche Verwundete kamen, Lazarcthe, Kranken- und Vcrpflegungshäu- ser angelegt und in geordnete Verwaltungen gebracht. Diese Verwaltungen waren von achtbaren, verständigen Frauen geleitet, also umsichtig, bequem und liebevoll. Abwechselnd waren sie, von denen sich Keine ausschloß, selbst die ersten erwartete Kampf losbrechen sollte, mit ihren drei Söhnen zu mir, bittend, daß sie, aus eigenen Mitteln cquipirt, als Freiwillige in der Landwehr angestellt würden. „Das wird schwerlich geschehen, liebe Frau," war meine Antwort; „der älteste Sohn Robert hat kaum das gesetzmäßige Alter und die für die Strapazen des Krieges erforderlichen körperlichen Kräfte; die andern Beiden sind noch zu sehr unausgewachsene Knaben, dazu nicht einmal confirmirt." „Eben deßhalb," war ihre Antwort, „ersuche ich Sie, als meinen Seelsorger, sich meiner Söhne und meines Wunsches anzunehmen und ihre Annahme bei der Behörde zu bewirken, — vielleicht gestattet man eine Ausnahme!" Aufs Beste unterstützte ich diesen mütterlichen Heroismus; aber er wurde, als gesetzwidrig, zurückgewiesen; kaum der Aelteste wurde angenommen und registrirt. Darüber war die Mutter, eine verständige Frau, traurig und betrübt, und ich mußte sie trösten. Es war, als wenn die weibliche Natur, die den Frieden und das Haus sonst liebt, und Gefahren von geliebten Kindern sorgsam abhält, sich geändert und einen Spartanischen Charakter angenommen hätte. Und so war es überall, in jedem Dorfe, in jeder Stadt. Man sah Gelehrte, Candidaten der Theologie, Beamte, Väter, Studenten, Schüler, Bürger, Bauernsöhne freudig zu den Waffen eilen, und Frauen, Mütter, Schwestern und Bräute weinten beim Abschiede Freudenthränen. Eine herrliche Zeit! t59 und vornehmsten nicht, mehrere Tage durch die Woche, so oft die Reihe an sie kam, beschäftigt, Ordnung und Unterordnung in diesen Verpflegungsanstalten zu erhalten, und welche Verwundeten in dieselben nicht aufgenommen wurden, fanden freundliche Ausnahme und angemessene Wartung in Privathäusern. Jede Mutter, jede junge Gattinn, jede Schwester, jede Braut, war bewegt und liebevoll um den Kranken beschäftiget und dachte dabei an den mit in den Krieg gegangenen Sohn, Mann, Bruder, oder Bräutigam. Neu angekommenen Verwundeten eilten sie entgegen mit warmen, erquickenden Suppen, und ein reines, bequemes Lager wartete ihrer. Man machte keinen Unterschied zwischen Freund und Feind; auch dieser, wenn er gefangen, krank, oder verwundet gebracht wurde, fand eine freundliche Aufnahme und Pflege. Die wahre Menschenliebe kennt keinen Unterschied und die Geschichte von dem barmherzigen Samariter ist nicht vergebens gegeben. Selbst da, wo die Aufwartung lästig, ekelhaft und gefährlich war, bei Lazareth-, Nerven- und Faulsiebern, bei Amputationen der Arme und Füße, siegte Liebe und ihr erbarmendes Mitleid über widrige Gefühle der Natur. Das weibliche Geschlecht ist in seinem wahren Element, wenn es helfen, erleichtern, Schmerzen stillen und Theilnahme beweisen kann- Weßhalb die ver- gleichungsweise besten Kranken-Anstalten diejenigen sind, welchen barmherzige Schwestern vorstehen. Das Herz dictirte und trieb hier, und Alles, was in Liebe aus demselben kommt, ist zart und gut. Die wahre Liebe ermüdet nie, sie ist und bleibt immer frisch und warm, und mit Recht wird das Weib die Gehülsinn des Mannes, die um ihn ist, genannt. Um die verwundeten und kranken Krieger, die von den Schlachtfeldern ankamen, waren während des Kric- 160 gcs die Frauen, ordnende Hände leiteten ihr humanes Geschäft, und an Geld fehlte es nicht, da Jeder nach Vermögen beisteuerte. Großes und unvergeßliches Verdienst hat sich in dieser gewaltigen, heroischen Zeit das weibliche Geschlecht um die gemeinschaftliche gute Sache durch diese seine liebevolle Teilnahme erworben und die Siege mit herbeiführen helfen. Denn muthigcr und tapferer wurden sie errungen, da die, welche sie herbeiführten, wußten, daß sie, verwundet und krank, daheim eine gute, liebevolle Aufnahme fanden. Das Verdienst derselben ist um so größer, je geräuschloser und allgemeiner es ist, unbefleckt von unreinen Nebenabsichten, hervorgegangen und beseelt von edlem Pflichtgefühl. Darum hatte dieß Werk der frommen Menschenliebe auch eine edle, würdevolle Haltung; es wußte sich Nichts mit seinen Tha- ten; es war aus einer Stimmung entsprungen, welche die damalige Zeit mit sich brachte. Sie, diese Stimmung, war eine allgemeine; Keiner sprach von Opfern; Jeder that, was er nach seinem Berufe konnte; nie ist das Preußische Volk größer gewesen! Wie hätte die Hälfte desselben, wie das weibliche Geschlecht, wie unsere Mütter, Frauen und Bräute zurückbleiben können? Es ist nicht zurückgeblieben, es hat seine Kräfte und Gaben weiblich, demüthig, mit frommem Sinn auf den heiligen Altar des wieder frei und glücklich gewordenen Vaterlandes dargebracht. Niemand erkannte dieß tiefer und lebendiger, als König Friedrich Wilhelm III,, und wie konnte Er diese Anerkennung zarter und besser an den Tag legen, als wenn Er zum Andenken dessen, was das weibliche Geschlecht in schwerer Zeit freudig gethan und ruhig geduldet, einen Verdienst- 101 Orden stiftete und wie zugleich Seinen, Herzen ein besseres Genüge thun, wie das schöne Geschlecht ritterlicher und höher ehren, als wenn Er den eben des weiblichen Geschlechtes wegen gestifteten Orden den Luisen-Orden nannte? Zum Beweise, wie wcrth und wichtig Ihm die Sache selbst war, die Er im Auge und im Herzen hatte, wählte Er zur Gründung den Tag, welchen das ganze glückliche Vaterland, als einen Tag der Freude und des Segens, so oft er wiederkehrte, feierte, den 3tcn August 1814. So wie Er am Geburtstage der Königinn das eiserne Kreuz, so stiftete Er an dem Seinigcn den Luisen-Orden, und dachte bei jenem und diesem an Seine unvergeßliche Heimgegangene Gemahlinn. Beide haben dieselbe Tendenz, beide athmcn denselben Geist; was der eine für das männliche Geschlecht ist, soll der andere sür das weibliche sein; beide sind aus des Königs Innerstem hervorgegangen und man erkennt daran Ihn, wie den Baum an seinen Früchten. „Als," sagt der Königliche Geber dieser Stiftung bei Gründung derselben, „die Männer unserer tapferen Heere für das Vaterland bluteten, fanden sie in der verpflegenden Sorgfalt der Frauen Labsal und Linderung. Glaube und Hoffnung gab den Müttern und Töchtern des Landes die Kraft, die Besorgnis; um die Ihrigen, die mit dem Feinde kämpften, und den Schmerz um die Verlorenen durch ausdauernde Thätigkeit für die Sache des Vaterlandes zu stillen, und ihre wesentlichen Hülflcistungcn für den großen Zweck wurden nirgends vermißt. Unmöglich ist es, diese Handlungen des stillen Verdienstes bei Allen öffentlich zu ehren, die ihr Leben damit schmückten; aber wir finden es gerecht, denjenigen unter ihnen eine Auszeichnung zu ver- II. m , l leihen, deren Verdienst besonders anerkannt ist. Die Auszeichnung soll in einem Ehrenzeichen bestehen, das den bedeutungsvollen Namen Luisen-Orden führt. Die In- signicn dieses Ordens bildet ein schwarz cmaillirtes goldenes Kreuz mit einem himmelblauen Mittelschilde, das vorn den Buchstaben L mit einem Sternenkranze und hinten die Zahlen 1813 und 1814 zeigt; es wird an dem weißen Bande des eisernen Kreuzes mit einer Schleife auf der linken Brust getragen. Frauen und Mädchen können den Orden erhalten, sofern sie dem Vatcrlande durch Geburt oder Vcrheirathung angehören, oder nationalisirt sind. Die Zahl der Ordcns- damcn ist auf hundert beschränkt. Zu ihrer Auswahl ist ein Eapitel ernannt, in welchem die Prinzcssinn Wilhelm den Vorsitz führt und zu welchem die Gräsinn von Arnim, die Generalinn von Bogaslawsky, die Ehefrau des Kaufmanns Wclper, und die Wittwe des Bildhauers Eben, als Mitglieder gehören. Das Eapitel hat die Obliegenheit, aus der gcsammten Monarchie möglichst vollständige Nachrichten über die verdienstlichen Handlungen des weiblichen Geschlechts einzuziehen und nach vollständiger Prüfung diejenigen Hundert auszuwählen, welche entschieden die Würdigsten sind, und diese dem Könige vorzuschlagen." Die Prinzessinn Wilhelm, eine bekanntlich edle Frau, die allen anderen Preußischen Frauen, wie überhaupt in allen christlichen häuslichen Tugenden, so besonders in zarter Thcilnahmc an der Verpflegung der Verwundeten, ein hohes Vorbild war, war und ist die Vorstcherinn dieses weiblichen Ordens; aber ihr zur Seite stehen nicht bloß eine Gräsinn und Generalinn, sondern auch die Ehefrau eines Kaufmanns, und die Wiltwe eines Bildhauers; und jetzt l844, später 163 also 36 Jahre, sind die Wittwe des Kaufmanns Fctschow und Jungfrau Hotow auf dieser Ehrcnstelle. Und nicht bloß die Prinzessinn des Königlichen Hanfes, sondern auch Frauen und Jungfrauen aus allen Ständen, die solcher Ehre sich würdig machten, sind nach dem Willen und Anordnungen des von Vorurtheilen frcigcwordcncn edlen Hochseligen Königs Damen des Luisen-Ordens. So verband Er die längst abgetretene Königinn, die alle Leiden treu mit Ihm getragen, mit Seiner großen Zeit und knüpfte an die glücklichen Resultate derselben Ihren thcurcn, unvergeßlichen Namen. Jede sich Ihm darbietende ehrenvolle Gelegenheit ergriff Er, Ihr seelenvolles Bild im Herzen tragend, Ihr Andenken zu feiern; Er verewigte es und ehrte ritterlich das ganze weibliche Geschlecht in dem Luisen-Orden. Das Andenken an Sic verwebt Er mit allem Wichtigen, was in Ihm sich regt und außer Ihm geschieht; Er hängt solchen Erinnerungen nach, aber sie machen Ihn nicht weich. Er ist mit sich eins, also ruhig geworden, und in dieser Ruhe ist Er selbstständig und thut, was Ihm obliegt. Aber Er thut Alles in Liebe, weil ein Gott ergebener Sinn Seinem Leben eine höhere Weihe gegeben hat. In dieser Weihe bleibt Er, und Er ist darum nicht wie andere Menschen, die vergessen, und im Glücke, auf den Gipfeln der Ehre, voll von derselben sind. Er ist unter allen Umständen und ihren Wechseln Derselbe, und geht ruhig und still, nicht aus Temperament, sondern aus Grundsatz, wcchscllos Seinen Weg, auch dann, wenn derselbe Ihn führt auf glänzenden Höhen und Lorbeerkränze ringsumher Seiner warten. Ein treffendes Beispiel, als Document dieser Gesinnung und Denkungsart, dient Sein Benehmen nach der Leipziger Schlacht und dem entscheidenden Siege, den sie errungen. lK4 „Endlich war mit demselben der Tag des Zornes und des gerechten Gerichts gekommen, die ersehnte Zeit, worin der Lenker der Schlachten Ruhe gegeben von allem Jammer und Leid, und von dem harten Dienst, worin die deutschen Volker gewesen. Es war nun aus mit dem Treiber, und der Zins hatte ein Ende. Zerbrochen war die Ruthe, mit welcher der Uebermüthige, der sich allein die Ehre gab, die Völker schlug im Grimm und ohne Barmherzigkeit verfolgte. Nun ruhcte alle Welt und ward stille und jauchzte fröhlich. Es frcuetcn sich die Tannen auf den Bergen und die Ce- dern: weil er darnieder lag, kam Niemand mehr hinauf, der sie abhaute. Vor ihm erzitterte die Hölle und alle Könige standen vor ihm auf. Nun sprachen sie: Du bist auch geschlagen, wie wir, und gehet dir wie uns. Deine Pracht ist herunter gefahren in die Hölle, sammt dem Klange deiner Harfen. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefallen, der du die Völker schwächtest! Gedachtest du doch in deinem Herzen: ich will in den Himmel steigen und meinen Stuhl über die Sterne Gottes erhöhen. Ich will' mich setzen auf den Berg in Süden und in Norden, ich will über die hohen Wolken fahren und gleich sein dem Allerhöchsten. Und wer dich nun flehet, der flehet dich an und saget: „Ist das der Mann, der die Welt zittern und die Königreiche beben machte? O wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!" *) So hallte es aus der alten prophetischen Zeit in die neue herüber, — das große Werk war so gut wie beendigt. ") Jesaias, Cap. 14. 165 Die bis dahin siegreiche, bis zuletzt nach tapfere Macht des Feindes zerbrochen, die, welche ihn besiegt hatte, neu belebt. König Friedrich Wilhelm !II. aber zog sich zurück; Er fühlte das Bedürfniß eines Lob- und Dankfestes, und das Verlangen, dasselbe zu feiern, treibt Ihn von dem siegreichen Kampfplatze und von der jubelnden Stadt Leipzig fort nach Seiner Haupt- und Residenzstadt Berlin. Mit den dankbaren Bewohnern betet Er im Namen und in der Seele Seines treuen und geretteten Volkes in der überfüllten Hof- und Domkirchc. Man stehet Ihn wieder, ganz anders, als man Ihn vorher sah, auf der Sonnenhöhe des Glückes; aber Sein Gang, Seine Haltung, Sein Blick, Sein Gruß ist noch ebenso, wie sonst; Er ist derselbe geblieben. Sein Herz ist voll von Dank gegen den Allmächtigen, der Sein und Seiner Nation schweres Leid gnädig gewendet und den Sieg gegeben. Er betet, wie Er es im Stillen gethan, nun öffentlich im Angesicht der Gemeinde und mit derselben. Das ist Sein Erstes; Sein Zweites: Er eilt allein, schlicht und einfach, wie immer, nach Charlottenburg. Er betritt den stillen, ruhigen Garten. Hinter Ihm ist eine siegreiche Armee und ein jubelndes Volk; aber — Er sieht nicht die dankenden Heere, Er hört nicht das Schmettern der Trompeten, das Wirbeln der Trommeln, in Seiner Seele lebt und treibt was Anderes: Er nimmt den von Fichten und Tannen beschatteten Weg, den Ihm wohl bekannten, von Ihm oft gegangenen Weg zum Mausoleum der Heimgegangenen Luise. — Er ist stiller noch, wie sonst; Er entblößt Sein Haupt und legt auf den Sarg der Allgeliebtcn den Lorbecrzweig, den Er mitgebracht hat. Er verweilt *) Diese redende Handlung und Thatsache ist rein poetischer Na- und kann von dem heiligen Orte, wo die körperlichen theu- ren Uebcrrcste der Heimgegangenen aufbewahrt sind, und wo den Sarkophag jetzt eine Siegcskrone schmückt, sich nicht trennen. Er trägt tiefes stilles Leid um Die, welche Seine Seele liebt; nur an Sie denket Er und legt auf Ihren Sarg das Symbol des großen Werkes, das soeben vollbracht ist. Dann reißt Er sich los und eilt nach dem Rhein hin, und zu Frankfurt am Main hält bei'm feierlichen Gottesdienst der wackere Feldprobst Offclsmeyer vor dem Hauptquartier eine frischen Heldenmuth athmende treffliche Predigt über den biblischen Text: „Bis hierher hat der Herr geholfen," deren Tendenz ist: Vorwärts! Er ging mit muthigcn Heldcnschaaren vorwärts und kam nach Paris. Auf dem Rückwege sehen wir Ihn auf den hohen Bergen und in den stillen Thälern der Schweiz stillvergnügt in Seinem gewöhnlichen Reisewagen. Er ist Sieger, und das, was Er mit Seinen Alliirtcn und deren tapferen Truppen zu Stande gebracht, ist eine Weltbcgcben- heit, von der die ganze Welt spricht. Aber Er reiset nicht als Sieger; Er umgicbt sich nicht mit einem Geräusch machenden prächtigen Gefolge. Er fährt still und unbemerkt als ein Privatmann durch s Land und neben Ihm sitzt im Wagen Sein treuer Gehülfe, der Obrist von Witzlebcn.*) tue, zum Beweise, daß eine religiöse, ruhige und schöne Stimmung auch bei prosaischen Menschen, sobald sie nur wahr sind, auch immer eine poetische ist. *) Jocob Wilhelm Ernst von Witzlebcn, der Sohn des Preußischen Obristen von Witzlebcn, eines biederen, echt deutschen 107 Der König verläßt die Hauptstraße; warum, werden wir gleich sehen und hören. Er nimmt Seinen Weg nach dem Mannes, und einer vortrefflichen Mutter, ist geboren 1783 zu Halbcrstadt. Kaum II Jahre alt, wurde er Page am Hofe König Friedrich Wilhelm II., und als Officicr beim ersten Gardcregiment machte er die Feldzüge von I8W mit; er wurde rasch vorwärts schreitend dann Obrist, wo der König ihn zu Seinem Adjutanten ernannte. Witzlebcn ist einer der merkwürdigsten, und man muß hinzusetzen einer der wichtigsten Zeitgenossen des Hochseligen Königs, der sich um Ihn, wie um den ganzen Preußischen Staat mittelbar, große Verdienste erworben hat und in der Geschichte nicht vergessen werden darf. Er gehört zu den glücklich orga- nisirten Naturen, die bei gesundem, offenen, lebendigen Sinne die Fähigkeit für eine universale Bildung besitzen und Alles können, was sie wollen. Solche Naturen wollen aber leider in der Regel Nichts ernstlich, und weil sie schnell allen eindringenden Eindrücke» sich öffnen, eilen sie von Einem zum Andern, fassen Nichts tief und gründlich auf, und wenngleich angenehm im gewöhnlichen Umgange, vermag ihre Flachheit es doch nicht, etwas Tüchtiges, was innere Ausdauer und Selbstbeherrschung verlangt, zu leisten. Bei Witzlebcn war es anders. Mit den glücklichsten Anlagen für Klarheit verband er Tiefe, und bei dem ihm angeborenen Durste nach Erkenntnis! war es ihm Bedürfnis!, Alles in der Wurzel aufzufassen und gründlich wissen zu wollen. Bei aller intensiven Lebendigkeit war ihm (eine seltene Erscheinung) dennoch eine gewisse Stätigkeit eigen, in der er ruhig sortschritt, sonderte, ordnete und bewahrte, so daß Nichts bei ihm verworren und zerflossen durcheinander lag, sondern Alles klar in bestimmten Umrissen ihm vor Augen stand. Der König nannte ihn „einen glücklich organisirten Kopf." Au der ungewöhnlichen Lcbensrichtung, die er genommen und in welcher er so viel geleistet, hat das Meiste beigetragen der unglückselige Feldzug I8i)g, den er, 21 Jahre alt, mitmachte. Der Jammer, die Schmach und Zerschmetterung der damaligen verhängnißvollen Zeit öffnete dem edlen aufstrebenden Jüngling 168 stillen und abgelegenen (Zolombieres, um, Seinem Heren folgend, zu besuchen die nun schon alte, zurückgezogen die Augen über die wahren, tiefliegenden Ursachen der eingetretenen und verschuldeten Landes-Kalamität. In dieser Züchtigung wurde er geheilt von den damals noch großen Borur- theilen der Geburt, des Standes und Ranges, und sein Blick und Urtheil wurden klar, den wahren, bleibenden Werth des Menschen fortan nur da zu suchen, wo er allein, abgesehen von äußeren Begünstigungen, zu finden ist, in persönlicher Würdigkeit und Tüchtigkeit. Das schmachvolle Joch einer eisernen Zeit, welches sein freier Racken nicht zu tragen vermochte, erfüllte seine Brust mit der stillvcrbvrgenen Gluth der Rache gegen die höhnenden Fremdlinge, die sein theurcs Baterland schändeten. Mit Begeisterung las er die elastischen Schriften der Alten. Das Hcrocnbild Friedrichs des Großen senkte sich in seine Seele, und sein biederer Bater, *) ein ehrwürdiger Veteran aus der Zeit des siebenjährigen Krieges, nährte die lodernde heilige Flamme in dem Herzen seines sich immer hoffnungsvoller entwickelnden Sohnes. Ernst, in sich gekehrt und brütend, ging er einher; die buschigten Brauen über seinen scharfen, fixirenden Augen senkten sich immer tiefer, und ein Ritter wie Ulrich von Hutten und Franz von Sickingcn, war Hermann sein Held und Ossian sein Licblingsdichter. So gesellte er sich in Gesinnung und Richtung, ohne es ahnen zu können, verborgen den größeren Männern bei, die unter dem Drucke einer läuternden Zeit für eine bessere sich stählten, und als diese gekommen war, des unterdrückten Vaterlandes Helden und Retter wurden. Wer die Geschichte der Wiedergeburt des Preußischen Staates in ihrer leisen Einleitung, in ihrer kräftigen Entwicklung und ihrer weisen Er- ") Der alte Obrist von Witzleben lebte damals als Director der Gewehr, fabrik mit seiner Familie zu Potsdam und da ich die Düngern Kinder der. selben, als zu meiner Gemeinde gehörig, im Christenthum unterrichtete, so sah und sprach ich im väterlichen gemüthlichen Hause oft den dama. ligen Lieutenant, nachherigen General und Kriegsminister von Wihleben, und schon damals knüpften wir das Band der Freundschaft. 169 lebende ehemalige Erzieherinn Seiner verstorbenen Gemahlinn, die Demoisclle de Gellieu. Es lagen viele Jahre Haltung kennt, der wird in militärischer Hinsicht nach den unsterblichen Namen Scharnhorst, Gncisenau und Clausewitz, (ist von leitender Intelligenz die Rede) Witzleben nicht vergessen. Denn vom Jahre 181k bis 183k, also durch volle 20 Jahre, stand er nach seiner amtlichen Stellung im Mittelpunkte dieser neuen Schöpfungen, und alles Große und Ausgezeichnete, was nach errungenem Frieden zum Heil des Vaterlandes darin geschehen, hat zunächst er mit dem Könige besprochen, berathen und bearbeitet. Seine klare, richtige und schnelle Auffassungsgabe, seine energische Kürze, in der er, namentlich schriftlich, kein Wort zu viel und keins zu wenig sagte; seine Bestimmtheit und Consequenz, Zuverlässigkeit und Ausdauer, machten ihn dem Könige werth, wichtig, und unentbehrlich, und in Seiner langen Regierung hat Er durch kein Organ unmittelbar mehr gewirkt, als durch Witzlcbcn, in den besten Jahren seiner frischen männlichen Kraft. Da sein klarer, gesunder Verstand alles Borkommende richtig auffaßte und überall sich schnell oricn- tirte, so hatte der König für alle Aufträge auch keinen treueren Ueberbringer und besseren Ausleger als ihn, selbst in kirchlichen Angelegenheiten. Sein praktischer Verstand, sein christliches frommes Gemüth, sein ernster Sinn, faßte auch diese in ihrer Tendenz scharf und richtig auf, und wenn ich in den mit ihm gehabten vicljährigen kirchlichen Bcrathungcn auch nicht den gelehrten Theologen fand, so erfreute und erquickte mich doch in dem General der klare gläubige, von Herzen fromme evangelische Ehrist. Bei seiner tief liegenden Neigung für göttliche Dinge fand er, der Vielbeschäftigte, doch noch Zeit, die ascetisch- liturgischen Schriften, besonders aus der Zeit der Reformation, verglichen mit den Neueren, zu studircn, und offen kann es ausgesprochen werden, daß er an der ersten Einführung der Liturgie für den Militär-Gottesdienst bei der Armee, und namentlich an der Ausbildung der liturgischen Chöre, bei seiner theoretischen und praktischen Liebe für Musik, einen nahen, wesentlichen Anthcil gehabt hat. So geschah es, daß ich bei dem Vortrage dieser Sache im Cabinet Gelegenheit fand, Witzleben in seiner 170 dazwischen, Jahre des Glücks und des Unglücks; es war Alles ganz anders geworden; der sonst bedauerte, von Vielen oft Stellung gegen den König in unmittelbarer Anschauung kennen zu lernen. Was ist es doch für eine köstliche Sache um die Wahrheit und Liebe zu ihr, sobald man mit Ernst und von Herzen nur sie allein, und sonst nichts Anderes, will! Dieser Wahrheitssinn, lebendig geworden in der Brust, gicbt in der ihm immer beiwohnenden Inspiration dem Verstände Klarheit, dem Herzen Muth, der Sprache den rechten Ton, so daß die Wahrheit selbst darin überzeugend und gewinnend hervor, ihr Sprecher aber anspruchlos zurücktritt. So stand Witzleben vor seinem Könige fest und ruhig, offen und unbefangen, jedesmal seiner Sache gewiß, in tiefem Nespcct vor seinem Landesherr», aber in einem noch tieferen vor der Wahrheit und ihrer ewigen Herrlichkeit. Freimüthig und ganz, wie er sie erkannt, sprach er sich aus; Zwcizüngigkeit und Zweideutigkeit war seiner edlen ritterlichen Natur unmöglich. Für einen regierenden Herrn, der nur angenehme Wahrheiten hören will und dem man die unangenehmen nicht anders als im Dufte des Weihrauchs sagen darf, hätte Witzlebcn auch nicht einen Tag gepaßt; für König Friedrich Wilhelm III., den Wahrhaftigen, war er gerade der rechte Mann. Er ehrte ihn als Seinen freisinnigen Rathgeber und liebte ihn als Freund in nie getrübter wechselseitiger Anhänglichkeit durch volle 20 Jahre bis zum Tode. Reiner und treuer, mit ganzer Seele, aus vollem Gemüthe und aus allen Kräften, kann man nicht dienen, als er gedient hat. Arbeit war seiner stoischen Natur Genuß, und das, was die Welt ein freudenvolles Leben nennt, und welches er, von allen Seiten verehrt und begehrt, hätte genießen können, wollte und mochte er nicht. Einsamkeit und ihre stillen Nächte liebte er am Meisten und er fühlte sich am Glücklichsten in dem ruhigen Potsdam. Hochgestellt und viclvcrmögcnd, blieb er schlicht und bieder, einfach und anspruchlos; auf seiner Brust war für alle Orden und Ehrenzeichen nicht Raum mehr; aber gern und allein trug der ernste, eisenfcste Mann nur das eiserne Kreuz. Tagtäglich von Menschen aus allen Ständen angesprochen, blieb er in festgesetzten Sprechstunden zugänglich und ertrug die Qual 171 getadelte, nun gepriesene und gelobte König von Preußen kam als Sieger von Paris. Wem möchte es befremden, wer des An- und Ueberlaufcns mir sich gleichbleibender freundlicher Ruhe und Gelassenheit; doch war seine Antwort jedesmal bestimmt und kurz. Gegen Aumuthungen und Insinuationen, um durch seine Empfehlung Etwas zu erlangen, schützte ihn schon sein ernstes Spartanisches Angesicht, und wo er Schleichwege witterte, da flammte sein Zorn auf. Vorsichtig, klug, verschlossen, ansichhaltcnd und zurückweisend, wo er aus Pflicht es sein mußte, war er offen, heiter, gutmiithig, ausschüttend und hin-., gebend, wo er es sein konnte. Vertrauliche Gespräche in der Abendlaube, im Anblick des von der untergehenden Sonne vergoldeten Brauhausbcrges an der Havel, waren ihm Genuß und Erholung. Wer da ihn beobachtet und gehört, der hat in dem hochgestellten Staatsmanns zugleich den reinen, edlen und ge- müthvollen Menschen, den aufstrebenden Christen kennen gelernt. Am Liebsten, und jedesmal mit Begeisterung, sprach er von seinem Könige und Herrn. „Tagtäglich (das waren seine Worte) sehe und höre ich Ihn; aber nie gehe ich von Ihm, ohne mich nicht jedesmal wieder gehoben, gestärkt und befestigt zu finden. In stiller Gewalt bin ich an Ihn gefesselt und kann nicht von Ihm lassen, ob ich gleich fühle, daß ich in Seinem Dienste untergehen und vor der Zeit sterben werde." Und so ist's auch gekommen- Witzleben hat sich notorisch zu Tode gearbeitet, und ist, thätig bis zur Erschöpfung, auf langem, schmerzvollen Krankenlager eines zehnfachen Todes für König und Vaterland gestorben. Süß ist ein solcher Tod auf dem Schlachtfelds; aber ebenso würdig nach vieljährigen treu geleisteten Diensten, in stiller Schlafkammcr. Groß und herrlich ist's, in heißer Schlacht den Sieg und in ihm Ehre und Freiheit und Ruhm dem Vaterlands zu erringen; aber ebenso verdienstvoll, das Errungene zu bewahren, zu erhalten und weiter zu bringen. Jenes ist das muthige Werk eines Tages, oft einer glücklichen Stunde; dieses das unter fortgehenden Anstrengungen langsam gereifte Provuct vieler Jahre. Jenes ist der glorreich erkämpfte, mit edlem Blute getränkte, feste, freie, gesicherte Boden, woraus 172 würde etwas vermissen, wenn der Herr, mit wichtigen anderen Dingen beschäftigt, an die alte Mamsell Sellien nicht gebaut werden kann; dieses das Gebäude selbst. Und welch ein stiller Baumeister, nach der Anordnung Seines Bauherrn, Witz- lebcn in Wjähriger, rastloser Thätigkeit gewesen, das wird die Folgezeit klar machen, wenn späterhin, nach geöffneten Archiven, eine vollständige Biographie Friedrich Wilhelm III. erst möglich sein und den rechten Mann gefunden haben wird. Und wie könnte man mit Erhebung, Rührung und Dank zu Witzlebcn aufschauen, und seinen neben ihm stehenden, viel- jährigen College«, den Geheimen Cabinctsrath Albrecht, nicht nennen? Verschiedenartig, und doch innigst miteinander zu einem Zweck verbunden, wird eben in dieser Verbindung das sich hier darstellende Cabinets-Bild vollständig und damit ein anziehendes Cabinet-Stück. Wenn man von dem klaren, tiefen und treffenden Blick des Königs in der Selbstwahl Seiner Diener, namentlich der ersten und wichtigsten, auch weiter nichts wüßte, als die Wahl Witzleben's für das Militair-, und die Wahl Albrecht's für das Civil-Cabinct, die Zusammenstellung Beider und die Erhaltung und Bewahrung ihrer langjährigen, zusammenstimmenden, vereinten Thätigkeit- so würde dieß allein schon hinreichen, in solcher Wahl den Geist und das Gemüth des Königs kennen zu lernen, nach der alten, richtigen psychologischen Lebensrcgel: „Wen man nicht, wie er an sich ist, kennen lernt, den bcurtheilt man doch richtig aus der Wahl seines Umganges. Tu! nun nosoitur ex se, »o8c!tur ex 8vc!o." Mit Wahrheit kann man sagen, in Beiden ist der König Selbst rcpräsentirt, und indem sie Beide sich gegenseitig ergänzen, bilden sie ein Ganzes, in welchem das Bild des Herrn geistig reflectirt. Witzlebcn allein für sich hätte dem Könige auf die Dauer kein Genüge gethan; aber ebensowenig Albrecht allein, — in Beiden zusammengenommen fand Er, was Er suchte, und besaß Er, was Er wollte und bedurfte; weßhalb denn auch Beide bci'm Vortrage der Militair- und Civilsachen immer zusammenstanden, so daß, wenngleich Jeder in seiner Sphäre lebte und sich bewegte, doch der Eine immer die des Andern kannte, mitbcrathcnd auch beurthcilte, und l73 gedacht hätte! Höchstens hätte er von Neufchatel, wo Er war, ein Paar artige Zeilen schreiben, oder sie dahin kommen der wechselseitige geistige Einfluß im steten Austausche blieb. Divergenz der Ansichten und Urtheilc in wissenschaftlichen und technischen Dingen ist bei denkenden selbstständige» Köpfen unvermeidlich; aber der gesunde practische Menschenverstand, im Bunde mit zusammenfließender guter, redlicher Gesinnung, macht solche Divergenz nicht nur unschädlich, vielmehr wird sie, wenn man nur eines Sinnes ist, im Streben nach der gemeinschaftlichen guten Sache dieser förderlich, bewahrt vor Einseitigkeit, und bringt in die Bcrathung den immer frischen Reiz der Neuheit. Bei ernsten, wichtigen, täglich wiederkehrenden, leicht ermüdenden Geschäften ist dieß von großer Wichtigkeit; denn indem der Widerspruch reibt, elcctrisirt er zugleich, weckt und erhält lebendig und macht reicher das Resultat. Aufs Glücklichste war darum das Cabinet organisirt in Männern wie Witzlcbcn und Albrecht, unter dem Präsidium eines Herrn, der die trefflichen Eigenschaften Beider in sich vereinigte, ihre Leistungen verschmolz, und dem Beide mit gleicher Verehrung und Liebe von Herzen zugcthan waren. Witzleben genial, kühn, schöpferisch und weitschend; Albrecht klar, wissenschaftlich, ge- sctzkundig, besonnen, anhaltend, und auch das Kleine in seinen Formen nicht übersehend. Witzlcben ernst, oft finster, streng und treibend; Albrecht heiter, würdevoll, milde, ruhig und gelassen. Witzleben kurz, kategorisch und absolut; Albrecht erklärend, bedingt und nachgebend. Witzlebcn in sich gekehrt und sinnend, abfertigend, kaustisch; Albrecht offen, behaglich, scherzend, auch satyrisch, aber immer ohne verwundenden Stachel. Witzlcbcn stoisch, abstract, isolirt; Albrccht offcnsinnig, witzig, unterhaltend, gern fröhlich unter den Fröhlichen. Beide im hohen Grade liebenswürdig; aber Jeder anders in eigenthüm- licher Färbung. Witzleben voll strebenden Ehrgeizes, gehalten und geregelt von lebendigem Ehr- und Pflichtgefühl, hätte ein regierender Herr sein können; Albrccht, gewissenhaft und gemächlich, ruhig abgeschlossen in sich selbst, wollte und begehrte nichts mehr. Befriedigt und ganz glücklich, äls der vertraute Rath seines Königs, den er wie seine Seele liebte, war er thä- l?4 lassen können; Jeder würde das in der Ordnung finden. Aber das genügte Ihm nicht; Er dachte daran. Er konnte und wollte Die, welche Ihm Alles gewesen war, und die nicht vergessen, die in Ihrer Jugend Ihr Gutes gethan hatte. Man kann sich das Erstaunen denken, als Er hereintrat in das stille, bescheidene Zimmer. Er wollte nur von der Herrlichen in Ihrer Jugend von der, welche sie geleitet, hören; Er drückte wiederholcntlich der Gellicu die gute alte Hand, und beschenkte sie mit einer bedeutenden Geldsumme und einem kostbaren Shwal, den die verewigte Königinn zuletzt getragen hatte. Er hatte dieses Ihm werthe Tuch von Charlottenburg mitgenommen und es bei sich, als Er es mit den tig bis anss Ende; noch auf dem Sterbebette und im Tode lächelte der stille Frieden auf seinem edlen Angesichte, der ihm im Leben alle Herzen gewann. Wer das Glück gehabt und genossen, den Hochscligen König und diese Seine beide» Eabinetsräthc, Witzlebcn und Albrecht, mit welchen und durch welche Er eine lange Reihe von Jahren regierte, persönlich zu kennen, der kann nicht ohne Erhebung und Freude an dicß geistvolle und schöne Triumvirat denken. Er stehet darin die höhere leitende, beglückende Hand, die, wenn sie Millionen segnen will, also zu combinircn weiß, daß in einer solchen ineinandergreifenden, sich gegenseitig unterstützenden und tragenden harmonischen Bereinigung Großes geschehen und zu Stande kommen kann; dieselbe Hand, die für ein unermeßliches Werk neben den Petrus einen Johannes und neben Luther einen Melanchthon stellte, und im Großen, wie im Kleinen, im Staate, in der Kirche, wie im Hause, überall da am Tiefsten und Besten segnet, wo sie Kraft und Liebe miteinander verbindet und zur Einheit verschmilzt. So hier! In Wahrheit, es gicbt in dieser Beziehung kaum ein schöneres, ansprechenderes Bild, als das Innere des Cabincts, in welchem wir König Friedrich Wilhelm III., vor ihm stehend Witzlebcn und Albrecht, vortragend und berathcnd, erblicken. l75 anderen auch eingewickelten Geschenken der bis zu Thränen Ucberraschten übergab und sich dann schnell entfernte. Auf dem Rückwege sagte der König, tief seufzend: „Ach! hätte die selige Königinn doch diese Tage der Genugthuung, der Ehre und Freude, auch noch erlebt! Unbegreiflich, daß Sie so früh, mitten im Elend, in einer trüben, bösen Zeit sterben mußte, und die bessere nicht gesehen hat!" Indem Er dieß sagte, sah Er wehmüthig, mit ehrwürdigem Schmerz, den im Reiscwagcn neben Ihm sitzenden Witzleben *) an. Dieser antwortete: „Es ist Alles so gut gegangen, über Erwarten, als es gehen konnte, und nichts bleibt zu wünschen übrig." Der König siel ein: „Das weiß ich wohl; selbst Fehler, die gemacht sind, sind unter der Leitung der göttlichen Vorsehung zum Guten ausgeschlagen. Aber es würde ebenso gut gegangen sein, wenn die Königinn gelebt hätte und noch lebte." „Das ist die Frage"! erwicderte Witzlebcn. Der König wurde lebhaft, richtete sich auf und fragte in einem eigenen, befremdenden Tone: „Wie so? Warum soll mein natürlicher und gerechter Wunsch einer Frage unterliegen?" „Allerdings", fuhr Witzlebcn fort, „läßt sich fragen, ob die Hochselige Königinn, bei dem warmen Interesse, welches Ihr lebendiger Geist an der wichtigen Sache nahm, nicht Manches gemißbilliget, nicht zu Manchem gerathen hätte, was Ew. Majestät nicht ganz von der Hand hätten weisen können. Darüber läßt sich jetzt nicht mehr sprechen und urtheilen; gewiß ist aber, daß das Unglück, welches in Ihrem Tode uns getroffen, das Preußische Volk noch mehr ergrimmt ') Eine Mittheilung von ihm selbst. l?6 und seine Begeisterung gesteigert hat. Dann wollen Ew. Majestät mir die Bemerkung erlauben: daß Sie Selbst durch die weise und sromme Benutzung des Schmerzes an geistiger Kraft und Selbstständigkeit und Entschlossenheit gewonnen haben." „Mag sein," sagte der König; „aber gewiß ist, daß die Königinn sich nie in Angelegenheiten der Regierung gemischt hat; höchstens hat Sie zu Fürbitten für Unglückliche, die der Hülfe bedurften, sich verstanden, und solche auf eine Art eingelegt, daß man nicht abschlagen konnte. Nie ist Sie aus ihrer weiblichen Sphäre herausgetreten; nie hat Sie in mein Amt eingegriffen; das würde Sie auch jetzt nicht gcthan haben. Ach, ich vermisse Sie, wie überall, so besonders jetzt, und Gott mag mir den Wunsch verzeihen: ich wollte, Sic lebte jetzt noch! Darum war mir der Besuch bei der guten Gcllieu schmerzhaft; aber ihr und dem Andenken der Vollendeten war ich das schuldig, ich konnte und wollte nicht anders." Besonders wurde Ihm in wehmüthigcn, aber dabei männlichen Gefühlen das stille Paretz noch werther und thcurer; hier hatte Er schon als Kronprinz, und dann als König, den Frühling Seiner glücklichen Ehe, und mit der Ihm nun Entrissenen glückliche Tage verlebt. Gewöhnlich ist es in solchen Fällen bei den meisten Menschen anders. Hat man durch den Tod verloren, die man lieb hatte, so werden Einem die Orte und Umgebungen, wo man mit ihnen glücklich war, zuwider. Das bessere Sonst und das freudenleere Jetzt treten im Eontrast scharf sich entgegen; man stellt Verglei- chungen an, die, magisch beleuchtet, zum Vortheil der Vergangenheit, und dann düster zum Nachtheil der Gegenwart ausfallen. Es fehlt Einem Etwas, und man schiebt die 177 Ursache davon auf die Umgebung, die man sonst mit andern Augen ansah. Vor dem Paradiese steht dann ein böser Geist mit einem flammenden Schwerte, der den Ein- und Zugang unmöglich macht. Dann geht es Einem gewöhnlich so wie mit zurückgelassenen Kleidungsstücken, welche die Verewigten getragen und in welchen man sie oft gesehen. Es ist, als wenn bei'm Anblick solcher Bekleidung das Bild und die Gestalt der Verewigten uns lebendig vor Augen träte, uns ergreift stärker der Schmerz, es erwacht eine Reihe von Vorstellungen und Erinnerungen, die uns traurig macht; man mag solche lebendige Denkzcichen nicht mehr sehen und macht, daß sie uns aus den Augen kommen. — Bei dem Könige war es anders. Er unterhielt den Schmerz; aber derselbe war ein durch fromme Resignation stiller und geläuterter, starker, edler Schmerz; — dagegen jener eine Beimischung von Egoismus hat, dessen Selbstsucht durch unangenehme Gefühle nicht gestört sein will. Man geht ihm aus dem Wege und mag die Traurigkeit nicht, die Einem, auch nach der Meinung Anderer, als unnütze Selbstpeinigung vorkommt. Darum wird Veränderung des Orts und der Umgebung, eine Reise in ferne Gegenden, gewöhnlich als Zerstreuung und Heilmittel vorgeschlagen und benutzt, — benutzt gewöhnlich mit Erfolg, weil der Schmerz zwar ein heftiger, aber flach auf der Oberfläche liegender und darum kurzer ist. Als Jesus Christus gekreuzigt wurde, flohen die übrigen Jünger, die auch ihren Herrn zu lieben meinten, wie in die Flucht gejagte Schafe, die ihren Hirten verloren haben; sie entfernten sich von dem schrecklichen, grausamen Orte und konnten es da nicht aushalten. Maria aber, seine Mutter, der ein Schwert durch die Seele drang, II. m 12 und der Jünger Johannes, der am Innigsten geliebt wurde, und wieder liebte, blieben und standen am Kreuze. Denn wahre, echte Liebe ist die stärkste, von jener unreinen und selbstischen Empfindung gereinigte Kraft der Seele, die eben darin, weil sie eine Kraft ist, den Leidtragenden stark macht. Er trägt und kann tragen sein Leid; er schüttelt es nicht ab, er weicht ihm nicht aus; er faßt es fest in's Auge, und eben darum, weil er ihm Gerechtigkeit widerfahren läßt, besiegt er es. Selig sind die Leidtragenden; denn sie sollen getröstet werden. Ein solcher Seliger war der König gerade da an dein Orte, wo Er am Glücklichsten gewesen war. Es war im Frühling 1819, die Wiesen waren wieder grün, die Bäume blüheten, die Schwalben durchschwirrtcn die helle Luft, die Nachtigallen schlugen, die Störche waren wieder da und gingen auf und ab, ein warmer erquickender Hauch wehte sanft durch ncubelcbte-Felder, Fluren und Gärten. Der König und die Königinn eilten voll heiterer Sehnsucht nach ihrem lieben stillen Paretz. Es war kurz vor Ihrer gewünschten Reise nach Mecklenburg und Hohen- zieritz, also das Letztemal, daß Sie dort war. Sie begrüßte wieder an der Seite Ihres geliebten Gemahls die trauten Stätten alle, wo Sie so oft glücklich gewesen war, und vergaß das Unglück, das Sie inzwischen betroffen. Der einsame, stille, angenehme Ort war derselbe geblieben; dieselbe die in ihrem festen Kreislauf ewige Natur, geschmückt mit frischer, immer von Neuem blühender Kraft. Beide gingen Arm in Arm auf und ab, und genossen, was dem reinen Herzen nicht genommen werden kann. Am Längsten ruheten 170 und verweilten sie an dem Orte, den Sie besonders liebte, da, wo die Aussicht im Parke sich aufthut und man eine offene, freie An- und Fernsicht auf die im malerischen Farbenspiel daliegenden üppigen Wiesen und die fernen Kirchdörfer hat, deren Glockcntöne, getragen von sanften Lüften, geisterhast herüber hallen. Hie und der sieht man im hellen Lichte den Havelstrom durchschimmern, auf demselben schwimmen still und ruhig Schiffe mit gefüllten Segeln und hohen Masten. In der umschatteten Helldunkeln, auf dieser Stelle gelegenen Grotte war die Königinn oft und gern gewesen; hier hatte Sie oft gesessen und an den frohen Spielen Ihrer Kinder Freude gehabt; hier hatte Sie in stiller froher Einsamkeit manches unterhaltende Buch gelesen; hier war in seliger Lust Sie oft mit dem Könige auf- und abgegangen. Hier war es auch, wo Sie — ach: Sie ahnte es nicht, — zum Letztenmal in der wohlthuenden sanften Stimmung der Wehmuth einen schönen Frühlingsabend genoß; Sie konnte sich nicht von diesem lieben Orte trennen, und als bei'm Untergange der Sonne der König daran erinnerte, daß es Zeit zum Aufbruche sei, bat Sie, um den Aufenthalt zu verlängern, daß sie nicht erst zu dem entfernt liegenden Schlosse zurückgehen möchten, sondern die Wagen auf der nahen Landstraße heranfahren und sie^sich da einsetzen möchten. Ehe dieß bestellt und geschehen, verging noch einige Zeit, wo die Königinn an dem prächtigen Schauspiele der untergehenden Sonne Ihre stille Erbauung hatte. Sie stand auf, faßte den König an, — an Seinem Arme ging Sie langsam und sinnend den Steig zum Fahrweg hinab durch die Pforte zu dem vorgefahrcnen Wagen; es war das Letztemal, daß Sie in Paretz war, — Sie war es nie wieder! lk0 Der König hatte überhaupt, vorzüglich aber für Dinge der Art, ein die feinsten und leisesten Schattirungen treu bewahrendes Gedächtniß, besonders da, wo es seinen Sitz im Herzen hat; bei und in Ihm klang Alles zusammen. Wohl war und blieb Seinem Herzen tief eingegraben dieser allerletzte Act an dem Ihm und der Vollendeten so wcrthen Orte. Den Weg,, den Sie mit Ihm zum Letztenmal gegangen, ließ Er mit Rasen und Blumen einfassen. Ebenso die Pforte, durch welche Sic gegangen; sie hat sich Niemandem wieder geöffnet. Ein L in ihrer Wölbung, in und unter derselben geschrieben der Tag, wo Sie dort noch einmal war, den Msten Mai I81V, erinnert an den letzten Abschied. An der Grotte, wo Sie sich wohlgesühlt hatte, ließ Er in einer angebrachten eisernen Tafel mit goldenen Buchstaben die Worte setzen: „Gedenke der Abgeschiedenen." Der Abgeschiedenen gedachte Er auch noch in Seinem Testamente, und dieß ist Ihm so wichtig und Werth, daß Er, von Seinen Kindern Abschied nehmend, jene Inschrift eine wohlbekannte nennt. Er liebte Paretz nun noch mehr und war öfter da, und so oft Er da war, ging Er einsam diesen Weg; dann setzte Er sich nieder, da, wo Sie gesessen, sah vor sich hin, hinaus und hinauf. Aber Er genoß körperlich von nun an auf dieser Ihm heiligen Stätte Nichts mehr, um das Geistige nicht materiell zu machen. Er sprach nicht darüber, und war und blieb mehr noch, wie sonst, in sich gekehrt und verschlossen. Was Er aber gedacht und gefühlt, das spiegelt sich gemächlich ab in Seinen Handlungen. Wie das Schweigen überhaupt, so bezeugt es besonders hier Tiefe. Ueber still getragene und überwundene Leiden kann man gar nicht, oder doch nur mit Geistesverwandten reden. Das viele Sprechen darüber 181 ist immer der Beweis von Flachheit; und wo viele Worte sind, da ist wenig Empfindung. — Aus diesem Grunde war der König nach dem Tode der Königinn noch lieber allein in dem stillen Paretz, und nur Seine Kinder begleiteten Ihn dahin. Fremde waren selten eingeladen. Die auf einem Hügel gelegene Dorfkirche war ihm lieb; den Altar derselben bekleidete Er durch Seine Tochter Charlotte, die jetzige Kaiserinn von Rußland, mit einem kostbaren hellblauen seidenen, in Silber gestickten großen Tuche, den die Verewigte gehabt, und man sah auf demselben an heiliger Stelle eine Prachtbibcl und zwei kostbare Leuchter, wie nebenbei an der Wand eine schöne Abbildung des heiligen Abendmahls. Da, wo Er mit Seinen Kindern und dem kleinen Gefolge während des Gottesdienstes andächtig und in sich gekehrt saß, ließ Er ein großes Relief-Tableau in Thon, „die Verklärung der Hochseligen Königinn," aufstellen, verfertigt von Schadow; ein Immortellen-Kranz mit dem Namenszug Luise hängt daneben. Absichtlich umgab Er sich da, wo Er solchen Erinnerungen nachhängen konnte, mit Gegenständen, die sie immer wieder auffrischten und belebten; und diese Erinnerungen waren so rein geistig und religiös, daß sie alles Jrdischherbc verloren. Diejenigen, welche mit Ihm gar nicht darüber sprachen, in der Meinung, man thue besser, diese Corde nicht mehr zu berühren, haben Ihn und Seinen geläuterten Schmerz nicht verstanden. Dieß wurde vorzüglich klar, als Er Seine Prinzessinn Tochter Luise, vermählt mit dem Prinzen Friedrich der Niederlande, nach dem benachbarten Brandenburg begleitete. Die Behörden und die Einwohner der guten, treuen, alten 182 Stadt hatten manche Vorbereitung getroffen, die Höchsten Herrschaften würdig und feierlich zu empfangen. Dahin gehörte unter Anderem auch, daß unter einem Ehrenbogen junge, weiß gekleidete Mädchen, Blumen streuend, das hohe junge Ehepaar empfangen und ein sauber eingebundenes Gedicht überreichen sollten. Dieses Gedicht enthielt geistreiche und sinnige Anspielungen auf den Namen Luise, wie die Prinzessinn hieß und die verewigte Königinn, ihre Mutter, geheißen. So hieß es unter Anderem: „Wie Dich der Mutter theurcr Name schmückt, Der früh verklärten, cngelreincn Seele, Die lächelnd jetzt auf Dich hernieder blickt, O! daß Ihr Friede so Dir nimmer fehle! Er bleibet Dir! Er ist Dir voll genug, Der Friede, den Sie stets im Herzen trug." Man fürchtete, daß dieß dem Könige mißfallen und schmerzhafte Erinnerungen wecken möchte; solche anzuregen sei unpassend bei einer frohen Veranlassung. Man wollte also ein anderes Gedicht; doch solches anfertigen zu lassen, war die Zeit zu kurz. Das vorliegende mußte gebraucht werden. Der König las es mit Wohlgefallen gerade darum, weil es der früh Vollendeten gedachte, die als Vorbild dargestellt wurde. Denn Besseres konnte Er nicht denken, fühlen und wünschen, als daß Seine geliebte Tochter der würdigen Mutter ähnlich sein und ihrem Gemahl eine Luise werden möchte. Nicht genug, daß Er mündlich Seine Zufriedenheit bezeigte, auch schriftlich ließ Er noch danken, und schickte, außer einer goldenen, auf das hohe Brautpaar geprägten Medaille, noch l> andere silberne, und ließ auch für den Verfasser des Gedichts, welches Ihm besonders >83 gefallen, eine goldene Medaille beifügen, und 2l)<) Thlr. für die Ortsarmcn. Der Verfasser ist der würdige Ober- prcdiger und Superintendent Bauer. In diesem Zeitpunkte hielt ich am Tage der Feier zum Gedächtniß der Verstorbenen in Gegenwart des Königs (der jedesmal in der Kirche mit Seinen Kindern erschien) eine Predigt über die herrliche, begeisternde Stelle Ebräer, 12, V. 22, 23 u. f. f.: „Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion, zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, zu der Menge vieler Tausend Engel; zu der Gemeine der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind; zu Gott, dem Richter über Alle; und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten," und redete „über die geistige Gemeinschaft wahrer Christen mit ihren vollendeten Geliebten." Damals machte das famose Buch über die Scherinn von Prevorst, in welchem behauptet wird, daß man vermittelst des Magnetismus mit Verstorbenen körperlichen Verkehr haben könne, und wo Beispiele, die dieß beweisen sollen, in Menge angeführt werden, Sensation, und wurde viel, auch in Potsdam, selbst von sogenannten Aufgeklärten, die dadurch bedenklich wurden, gelesen; ja ich erhielt Briefe von Leuten, denen dadurch die Köpfe verrückt waren, und wurde zu Geistercitationen eingeladen. Meine Antwort war: daß sie am nächsten Sonntag zur Kirche komme:? möchten. Mit Bezug darauf zeigte ich, daß die Gemeinschaft mit Verstorbenen allerdings Statt finde; daß sie aber eine rein-geistige, und nach Vernunft und Schrift keine körperliche sei und sein könne. Diese zu glauben, sei Schwärmerei und ein Aberglaube finsterer Zeit, den bei dein Lichte der gegenwärtigen kein vernünftiger biblischer Christ mehr 184 . hege» könne und dürfe. Aber jene geistige Gemeinschaft, die eine Gemeinschaft des Glaubens, der Liebe und Hoffnung sei, und als solche, recht verstanden, einen großen Werth habe, müsse frei bleiben von jeder unklaren Beimischung der Schwärmerei; sie müsse zwar von jeder leidenschaftlichen und sündhaften Liebe zum Irdischen uns los und srci-, keineswegs aber uns gegen die Angelegenheiten der Welt kalt und gleichgültig machen; vielmehr den Eifer für Amt und Beruf vermehren, unsere Liebe und Fürsorge sür die Unsrigen erwärmen, und uns mit der Hoffnung auf eine bessere Welt trösten u. s. f. In derselben Woche nach Charlottcnburg, wo der König im Herbste vorzüglich gerne war, eingeladen, wurde ich durch den diensthabenden Adjutanten angemeldet und eingeführt. Er wohnte in dem angenehmen Häuschen an der Spree und saß und schrieb, als ich eintrat. „Setzen Sie sich", sprach Er freundlich, „bald bin ich fertig". Bald nachher stand der hohe Herr auf, heiter und wohlgcmuth, nahm Seine auf dem Stuhle liegende Feldmütze, und sprach weiter: „Wir wollen vor Tische noch einen Spaziergang machen!" — Zn's Freie gekommen, blieb Er vor der nahe stehenden Büste des großen Churfürsten stehen und sagte: „Ein vortrefflicher Herr! Täglich habe ich ihn, wenn ich hier bin, vor Augen. Hat auch eine Luise gehabt!" Der König ging den langen breiten Weg, dem alten Schlosse entlang, herunter. Nach der Sitte ging ich seitwärts und zurückbleibend. Darauf sagte Er lächelnd: „Ist unbequem; muß mich immer umdrehen. Sehe dem, zu welchem ich spreche, gern in's Gesicht. Machen doch keine Complimente! Kann ich nicht leiden!" Ich gehorchte und ging neben Ihm. 185 Weiter bis an die Allee rechter Hand gekommen, bog Er in dieselbe ein, und ging, den einen Arm Seiner Gewohnheit nach auf der Hüfte, den andern in der Weste, noch langsamer; es war die dunkele Allee, die zu dem Mausoleum der Hochseligen Königinn führt. Aus tiefer Brust sing Er nun an: „Haben am letzten Sonntage zum Gedächtniß der Verstorbenen eine Predigt gehalten, wobei ich viel an die Unvergeßliche gedacht habe, die dort begraben ist. Gerne gehe ich den Weg, der zu Ihrem Grabe führt. In den ersten Tagen und Wochen, wo Ihr angenehmes Bild mir lebhaft vor den Augen stand, habe ich thörichterwcise auch oft gewünscht, daß Sie mir erscheinen und mit mir reden möchte. Oft bin ich des Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, aufgestanden und hier herumgegangen. Die Einbildungskraft hat, wenn man traurig ist, besonders in dunkler schlafloser Nacht, eigene Spiele. Aber Sie haben Recht, man thut wohl, wenn man nicht darauf achtet; man läuft, giebt man ihr Gehör, dem Aberglauben in die Hände. Den Kopf muß man oben und klar halten; dann sieht man keine Gespenster; und ein Gespenst war Luise nicht". Der König schwieg. „Aber" siel ich ein: „das Herz hat auch seine Rechte." „Weiß wohl," fuhr Er fort, „und darum haben Sie auch über die geistige Gemeinschaft mit denen, die wir lieb hatten und behalten, als eine Christenpflicht geredet. In dieser Gemeinschaft liegt etwas ungemein Wohlthuendes. Ich kann nicht anders, wenn ich auch wollte. Sie fällt mir immer wieder vonselber ein, und Ihr Bild tritt mir beständig vor die Seele. An Ihren angenehmen Umgang gewöhnt, ist es mir zur andern Natur geworden, mit Ihr zu leben. Diese Gemeinschaft hindert mich auch nicht, sie ist mir vielmehr in Allem förderlich, ermuntert und tröstet l86 mich." In diesem Augenblick kam ein Adjutant, und gab, mit dem Zusätze: „Jetzt eben mit einem Courier gekommen!" einen Bries ab. Der König nahm ihn; doch mit dem Zusätze: „Nicht einen Augenblick hat man Ruhe!" Nachdem Er gelesen, entfernte Er sich; sagte aber im Zurückblicken, indem Er die Uhr herauszog, „bei Tische sehen wir uns wieder." So lebte der König in Gemeinschaft mit der Vollendeten; sie war eine rein-geistige, mit der eine sinnliche Liebe nichts mehr zu thun hatte. Sie war eine wahrhast fromme, und darum eine heitere, die auf Sein Herz einen milden, und auf Sein Leben und Wirken einen ermunternden Einfluß hatte. Mit dem festen Glaubensblick zum Himmel gehörte Er der Erde an und ordnete die Angelegenheiten in Seinem Lande, und bei dem Ansehen und Vertrauen, womit die Welt in öffentlicher Meinung Ihn ehrte, viele in Europa. In den verschiedenen Cabinetten der regierenden Herren unternahm und that man Nichts, ohne vorher Seine Meinung und Seinen Rath erbeten und eingeholt zu haben. Weil Ihm eine heitere Ruhe eigen geworden, bewegte Er sich unbefangen mit einem bewunderungswürdigen Gleichmuthc, der aber durchaus kein apathisches Phlegma war, durch die bunten Wechsel des Lebens, die bei'm Hofleben am Schnellsten und Buntesten sind. In allen Dingen war Ihm Mäßigung eigen, und Er behauptete und bewies sie auch da, wo Ihm Leidenschaftlichkeit entgegentrat. Er blieb ruhig und ließ sich durch Nichts aus der Fassung bringen; nur war Er reizbar und abweisend, wenn man kleinen, unbedeutenden Dingen Gewicht und Größe beilegte. Solche machte Er schnell mit wenigen befehlenden Worten ab, und bestimmte, wie es sein sollte. Er duldete hier keinen Widerspruch und 187 konnte verdrießlich werden, wenn man Ihn bei Gegenständen, die Er als gewiß und entschieden ansah, hemmen und aushalten wollte. Er war dann kurz und hastig, eilte, daß Er davon kam, und im Weggehen hörte man Ihn sagen: „Elende Kleinigkeitskrämerei! Versteht sich von selbst." Bei der Gcmüthsstimmung und Lebcnsrichtung, die Er, wunderbar geführt, genommen, war Ihm nur das Wichtige, welches dauernde Veränderungen hervorbrachte, wichtig, und solches erkannte Er sogleich auf Seinem hohen Standpunkte. Diesen behielt Er im Auge; Er sah vorher, was störend in's Ganze eingreifen könnte, und hielt es in Seinem Anfange erst auf; nachher beseitigte Er es ganz. Dieser Seiner weise leitenden Hand verdanket die Welt den langen Frieden, und Er hielt ihn fest und ricth zu demselben, wenn die Fackel des Krieges, dessen Folgen Er im Unglück und Glück genugsam erfahren, sich anzünden wollte. Von den Segnungen des Friedens umgeben, gediehen Seine humanen Institutionen und Seine Regierung bewirkte still und ohne Geräusch, was in andern Ländern nach lauten und langen Debatten zu Stande kam; doch indem Er das Große leitete, übersah Er das Kleine nicht. Mit großer Thcilnahme las Er mit dem Bleistifte in der Hand sämmtliche Monatsberichte der Rcgierungs-Collegien, als die detaillirte Geschichte der Zeit. Was darin dem gegenwärtigen Augenblick angehörte und bald todt sein würde, überging Er, als nicht der Beachtung werth; scharf aber faßte Er in's Auge den Barometer der bald steigenden, bald sinkenden Sittlichkeit im Volke, und nur auf diese die gemeinsame öffentliche Wohlfahrt gründend, sprach Er auch bei Tische laut und lange darüber, wenn die Anzahl der begangenen Verbrechen im Lande sich vermehrte und die Gefängnisse voller wurden. 188 Diese traurige Erscheinung brachte Er in Verbindung mit den gerühmten Fortschritten in der Volksbildung und der Verbesserung der Schulen. Er wurde dann oft bitter, und war mißtrauisch gegen Alles, was sich vielversprechend von vorn herein ankündigte. „Erst den Erfolg abwarten!" war bei Ihm eine stehende Rede. Er war ein durch und durch practischer Mann, der für die Ideale der Theorien keinen Sinn hatte, und Alles, was geschah und vorgeschlagen wurde, an den Maßstab des Wirklichen legte. So wurde Er der weise, ruhige und wohlthätige, Segen bringende König, der Sein Land und Volk im Fortschritte der Zeit beglückte und aus der Tiefe des Elends auf die Höhe des Wohlstandes und der Ehre brachte. Was Er geworden, ist Er durch die Erfahrungen, durch welche Sein merkwürdiges Leben gegangen, geworden. Der frühe Tod der Königinn, die Ihm Alles war, hatte Seine Menschenkenntnis! bereichert; von Vorurtheilen Ihn befreiet; Seinen Blick freier und offener gemacht; Seinem Volke, das mit Ihm trauerte, Ihn näher gebracht; Ihn fester, sclbstständiger und unabhängiger gemacht; Seinem Leben und Wirken Gleichmut!) gebracht; Seinem Charakter Milde, Seinem Herzen Liebe, Seiner Stimmung Weh- muth gegeben; was Er in der Schule der weise und gut benutzten Leiden aus sich selbst herausgebildet, wurde befruchtet und reif durch die geistliche und sittliche Gemeinschaft, in welcher Er sortdauernd mit der Himmlischen stand. Sie ist, wie so oft poetisch gesagt, durch diesen Ihren moralischen Einfluß der gute Engel, der Schutzgeist Preußens geworden, der von Sternenhöhen es segnete. Von Oben herab holte und empfing König Friedrich Wilhelm III. die Weisheit und Milde, womit Er erst sich Selbst erfüllte und dann Sein Land regierte. Er wußte das selbst recht gut, woher Ihm 189 diese Richtung kam; Er war inne geworden des höheren Segens, der Ihm nun von allen Seiten in den Beglückungen eines langen Friedens zufloß. Keine Ehre, kein Glanz, keine Mühe, keine Herrlichkeiten der Welt, konnten das heilige Band Ihn vergessen machen, welches Ihn mit einer höheren Ordnung der Dinge verknüpfte. In diesem Selbstbewußtsein ging Er fest und ruhig Seinen Weg und blieb still, voll Würde und Dcmuth, auf demselben, bis Er das letzte, hohe Ziel, welches Er fest im Auge behielt, erreicht hatte. Nach Seinem Tode fand man im schwarzen Adlcr- orden, den Er trug, unter einer Kapsel das wohlgetroffcnc Bild Seiner Luise.*) Daß der wunderbar Geführte, dessen Lebensweg in Seinen Tiefen und Höhen offen vor uns liegt, in den Ihn umschließenden übrigen Familien-Verhältnissen auch edel und gut war, versteht sich von selbst. Denn aus derselben Quelle fließt nicht süß und sauer. Bei Ihm kam Alles aus dem Herzen, besonders in Rücksicht der heiligen Bande des Blutes, die nur dann verstanden und geehrt werden, wenn wahre fromme Liebe sie heiliget. Dieß könnte man *) Das wußte Keiner; also hatte auch Niemand davon die leiseste Ahnung. Aber Er wußte es, und Der, welcher in's Verborgene stehet, — das war ihm genug. Diese stille Verehrung Seiner verewigten Gemahlinn, die Er im Herzen und deren Bild Er viele Jahre auf der Brust trug, that Seiner zweiten, die Er ebenfalls glücklich aus innerer Zuneigung wählte, keinen Abbruch. Dieß wird klar werden , wenn in der Folge davon die Rede sein wird. 190 also mit Stillschweigen ubergehen, und nur das Wichtigste darin finde hier eine Erwähnung. Wiewohl Friedrich Wilhelm, als König der Dritte genannt, nach Seinem Naturell in sich Lekchrt und ernster war, als Sein Bruder Ludwig, 3 Jahre jünger, als Er, so liebten Sie sich dennoch wechselseitig recht innig. Sie theiltcn ihre Studien und Spiele; sie wohnten, von ihren Lehrern und Erziehern geführt, den öffentlichen Sitzungen der Akademie der Wissenschaften, den Prüfungen der Loola militaii-k und der Gymnasien bei. Beide Bruder waren stets beisammen in brüderlicher Eintracht, weßhalb man sie auch Kastor und Pollux nannte. Beide hatten Pferde sehr lieb; sie ritten gern und ritten gut. Gewöhnlich nahmen sie ihren Weg nach Sacro bei Potsdam, welches damals von dem Vater des bekannten Friedrich Baron de la Motte Fouque *) bewohnt wurde. Hier vergnügten sich die jungen *) Friedrich Baron de la Motte Fouquü gehört zu den bekannten, und man darf hinzusetzen, zu den denkwürdigen Männern seiner Zeit. Wenigstens hat es eine Periode gegeben, in welcher seine größtenteils ästhetischen Schriften, will man auch nicht sagen allgemein goutirt, doch viel gelesen wurden, so daß sie mehrere Auflagen erlebten. Aber wie viele Andere, namentlich Lafontaine (Prediger in Halle), hatte er das Unglück, sich selbst zu überleben, das heißt länger zu existiren, als er in der öffentlichen Meinung etwas galt. Größer, als dicß Unglück, welches bei der jährlichen Fluth der Schriften; die den Reiz der Neuheit haben, den meisten alten Schriftstellern begegnet, war die Selbsttäuschung, die nicht in sich selbst und in der wechselvollen Veränderlichkeit der Zeit, sondern in ihrer Ver- dcrbtheit und in einem verkehrten Zeitgeistc, die wahre Ursache suchte. Er glaubte sie darin zu finden, und seine Bemühun- 19! Prinzen mit dem lebensfrohen Knaben Fouque vorzüglich mit Ballschlagcn und militairischen Spielen. Die beiden Königlichen Brüder wurden, je mehr sie auf sich selbst zurückgeführt und vom Familienleben entfernt waren, sich immer werther und unentbehrlicher, welches bei andern Brüdern, namentlich dann, wie hier der Fall, wenn die Temperamente verschieden sind, nicht immer geschieht. Ihre Zuneigung und Anhänglichkeit wurde vermehrt in spätem Jah- gen, in Herausgabe neuer Schriften, namentlich der Adelszeitung, welche dem herrschenden Gcschrpack nicht zusagten, machten das Uebel ärger, und seine Stimmung reizbarer. Uebrigens ist in seine» älter» Schriften viel Vortreffliches, namentlich in seinen vaterländischen Schauspielen und seinen religiösen Liedern. Wie man aber über ihn als Schriftsteller auch denken mag, so leidet es doch keinen Zweifel, daß er ein guter, edler Mensch war. Sein offenes, gerades, aufrichtiges, gutmüthiges Wesen erwarb und sicherte ihm die Liebe aller seiner Freunde, die ihn und seine herrschende Gcmüthsstimmung genau kannten. Er kam oft nach Potsdam zu seiner würdigen Tante, der ver- wittwctcn Frau Gräfin» von Schmcttau, und wohl war es eine Lust, ihn mit dem interessanten Prediger Jänike daselbst, gewiß jährlich einmal an ihrem Geburtstage, zu sehen und zu hören. Er hatte als Knabe den jungen Prinzen oft in Sacro gesehen und der König kannte und liebte ihn von der Zeit her. Ltr. seine „Denkschrift auf Friedrich Wilhelm III. Eine biographische Mittheilung. Leipzig 1842." Des jetzt regierenden König Friedrich Wilhelm IV. Majestät, das Verhältnis ehrend, worin Fouque gegen den Hochseligcn Herrn gestanden, und wissend, wie lieb und Werth von früher Jugend an seinem Herzen das romantische Sacro gewesen, bot ihm dasselbe mit gnädigem Wohlwollen zum angenehmen Sommer-Aufenthalte an. Dankbar und froh würde er diese Königliche Huld angenommen haben, wenn der Tod ihn nicht plötzlich weggenommen hätte. 192 reu, als sie zu Männern heranwuchsen, durch gleiche Schicksale, durch thätigcn, muthigen Anthcil an dem Französischen und unglücklichen Polnischen Kriege, vorzüglich aber durch die Liebe, welche sie gleichzeitig zu den gleich liebenswürdigen Prinzessinnen von Mecklenburg-Strclitz gefaßt hatten, und durch ihre Vermählung mit denselben. Die beiden Brüder und die beiden Schwestern, damals jung, gesund und froh, noch unbekannt mit Leiden und Widerwärtigkeiten, sahen sich täglich, und führten im Frühling ihrer Liebe ein wahrhaft glückliches Leben. Es war eine Lust und Freude, diese Vier, so eng miteinander verbunden, zusammen zu sehen. Aber dieß seltene Glück dauerte nicht lange: es endete, als es durch häusliche Freuden den höchsten Gipfel erreicht hatte. Prinz Ludwig, geschmückt mit fürstlichen Tugenden, erkrankte und starb an Entzündung in der Blüthe seines Lebens im 27stcn Jahre. Friedrich Wilhelm III. stand am Bette Seines geliebten sterbenden Bruders. Unaussprechlich beugte Ihn dieser Todesfall; lange und ernst trauerte Er und die schmerzvolle Erfahrung von dem Un- bestandc menschlicher Dinge, die Er schon damals auf eine so bittere, einschneidende Art machte, gab Ihm die ernste fromme Richtung, die ein Grundzug Seines Charakters wurdet) Der Prinz Ludwig hatte durch seinen Hcldenmuth, durch seine wissenschaftliche Bildung, durch seine Herzensgute, durch seine angenehmen Sitten, sich die allgemeine Liebe erworben. Man freuete sich, wenn man ihn sah. Sein früher Tod erregte daher eine ungetheilte, schmerzvolle Theilnahme. Der Bischof vr. Sack hielt den töten Januar 17V7 in Gegenwart des Königlichen Hauses die musterhafte Gedächtnißpredigt über Evangelium Ioh. Cap. 13, V. 7. „Was ich thue, weißt Du jetzt nicht; Du wirst es aber hernach erfahren." S. d. „Amtsredcn", S. t lö. 193 Dieselbe Liebe bewies Er allen Seinen übrigen Geschwistern und Er ist auch in dieser Rücksicht ein Muster. Dicß will mehr sagen, als in Privat-Verhältnissen, und ist, wie die Erfahrung lehrt, wenigstens nicht das Gewöhnliche. Keine Veränderung ist größer und auffallender, als die, welche mit dem Kronprinzen sich zuträgt, wenn er der regierende Herr wird. Bis dahin hat er wenig, nun Alles zu sagen. Bis dahin war er gehorsam, — nun befiehlt er. Bis dahin mußte er allen Anordnungen sich unterwerfen, auch dann, wenn diese nicht nach seinem Sinne waren, — nun schafft er neue, wann und wie er will, nach seinem Wohlgefallen. Die Kinder des regierenden Hauses stehen miteinander auf einer Linie, und nicht immer ist der Erbprinz vom regierenden Vater am Meisten geliebt. Oft, sehr oft, herrscht unter den fürstlichen Geschwistern geheimer Neid und Zwietracht, und wenn unter den versteckten Reibungen derselben auch oft der Gedanke durch die Seele des Kronprinzen blitzt: wie das Alles sich ändern werde, sobald er zur Regierung gelange! so darf er doch diesen Gedanken nicht laut werden lassen. Hat er aber diese hohe Stufe erstiegen: dann ist er der Herr seiner Brüder und Schwestern geworden, — das Verhältniß hat sich geändert. Nur die wahre, reine und echte Liebe vermag es, das hier waltende Unnatürliche zu mildern und dem Nothwcndigcn das Wesen und die innere Färbung der Natur zu geben. Dieß wurde Friedrich Wilhelm III. bei Seiner Gesinnung nicht schwer; wie Er ein guter Sohn Seines hochherzigen, menschenfreundlichen Vaters, Friedrich Wilhelm II., gewesen war, an dessen Sterbebette Er von Herzen weinte, so war und blieb Er auch ein guter, liebevoller Bruder. Als Seine Geschwister Ihn zum Erstcnmale Majestät nannten und schüchtern und !I. p) IZ l94 ängstlich Ihn ansahen, sprach Er: „Seid doch nicht so! In dem Verhältniß, welches die Natur geknüpst hat und welches die festen Bande des Blutes gc- heiliget haben, ist dadurch, daß ich als Erstgeborener jetzt'König geworden, Nichts geändert; dieß ist dasselbe geblieben, und muß dasselbe bleiben; nennt mich, wie Ihr bis jetzt es thatct, Bruder Fritz." So ist es von Ihm gehalten und geblieben in allen Perioden Seines Unglücks und Glücks, bis an Sein Ende. Er war ein Fricdenssürst, besonders in Seiner Familie. So wie Er überhaupt wegen ihrer Kürze und practi- schcn Lebenstendcnz die Sprüchwörter, an denen die deutsche Sprache so reich ist, liebte, so führte Er, wenn von Fann- lieuglück die Rede war, im Munde das oft angeführte und gehörte wahre, inhaltrciche Wort: Friede ernährt, Unfriede verzehrt. Bei allen vorkommenden Zwistigkcitcn sah Er nur auf Beilegung derselben; Seine liebevolle Gc- müthlichkeit wollte nur Eintracht. Zwietracht in der Ehe hielt Er für das größte Unglück, welches, concentrirt auf eine enge Sphäre, seine nachtheiligen Folgen und Wirkungen auf alle Lebensfreuden zerstörend wie ein Eist verbreite. Am Besten und Natürlichsten schlage feste Wurzeln, wachse und gedeihe die Eintracht in der Ehe durch Zuneigung des Herzens; wo diese fehle, sei sie, als ein Product der Natur, freilich nicht zu erzwingen; aber da, wo unglücklicherweise die Sympathie fehle, müsse man sie durch vernünftige und fromme Grundsätze ersetzen; dieß nannte Er sinnreich: „La- vircn." Es sei ein Unglück, gegen den Strom zu schwimmen; aber durch weises Nachgeben und Schweigen ließe sich viel Böses gut machen. Darum war Ihm die sanfte, ruhige Gcmüthsstimmung Seiner Schwestern Wilhelmine und i95 Auguste vorzüglich Werth, und wohl nicht oft, selbst in Pri- vat-Verhältnissen nicht, ist eine Verbindung zwischen Bruder und Schwestern glücklicher und einträchtiger gefunden, als es hier der Fall war. Man sah sie nicht nur bei Hoffesten, sondern im täglichen Leben, bei- und miteinander einträchtig. Ihr gegenseitiger Umgang hatte nicht das Steife und (Zeremonielle der Hofes-Sitte, sondern das Einfache, Frohe und Natürliche solcher Herzen, die sich gegenseitig verstehen und lieben. Prinzcssinn Auguste vermählte sich mit dein Erbprinzen, nachherigen Churfürsten von Hessen-Cassel; die Prinzessinn Wilhelmine mit dem Erbprinzen von Oranien, dem nachherigen Könige der Niederlande. Mit dieser Schwester Wilhelminc stimmte ihr hoher Bruder, der König, in allen Stücken überein und sie hatten sich gegenseitig von Herzen lieb. In der That war es eine Lust und Freude, Beide zusammen zu sehen. Selbst bei glänzenden Hoffesten, wo Alles förmliches (Zeremoniell ist, verläugnctc sich diese innere Zuneigung nicht; mitten in den glänzenden Reihen der Geladenen suchten und fanden sich die geschwisterlichen zutraulichen Blicke, und von selbst, dem Gesetze der Anziehungskrast folgend, fanden sich die sympathisirenden Herzen. Man sah die Beiden immer zusammen und sie sprachen und waren beieinander wie Bruder und Schwester. Boll von Aufmerksamkeit für sie, suchte der König Alles auf, was die hohe Frau heiter und vergnügt stimmen konnte, und alle Familienfeste, die Er veranstaltete, hatten diesen Zweck. Er verbarg zwar denselben, und that, wie wenn sich von selbst Alles dabei gemacht habe; aber gerade darin lag das Rührende und Liebevolle Seiner brüderlichen Gesinnung. Dieß war auch nicht künstlich geformt und herbeigeführt, sondern floß wahr, einfach und natürlich aus Seinem Innern. Sic 13' glichen sich einander nicht bloß der Physiognomie, der Gestalt und den äußeren Manieren nach, sondern auch in Ihrer Denkungsart und Stimmung, und was Er als Mann war, war sie als Frau. Er fest, entschieden, sie weich und liebevoll, Beide von Natur gutmüthig, Beide auf den Ton der Schwermut!) gestimmt. Eine vortreffliche Frau, deren ganzes Wesen nichts als Liebe und Sanftmut!) war. In ihrer äußeren Gestalt hatte sie etwas Hohes, Vornehmes und Würdiges, was mit Achtung erfüllte; man fühlte sich aber um so mehr zu ihr hingezogen, da sie damit eine zum Herzen sprechende Gutmüthigkeit verband. Der Blick ihrer Augen, der Ton ihrer Stimme, die ganze Art, wie sie erschien und sich näherte, hatte schon an sich etwas Gewinnendes. Sic war einfach und natürlich und in ihrer Kleidung lag auch dieser Ausdruck. Pracht und Herrlichkeit suchte und liebte sie nicht und den Schmuck von Kostbarkeiten nannte sie Tand. Deßhalb brauchte sie für ihre Person sehr wenig und es machte ihr wahre Freude, mit vollen Händen öffentlich, noch mehr im Stillen, Gutes zu thun; von den Einkünften, die sie hatte, gab sie die Hälfte weg. Die Holländer ehrten und liebten sie, und Alle, welche Augenzeugen ihres stillen Privatlebens waren, reden von ihr mit Ehrfurcht. Nichts war ihr lieber und angenehmer, als von ihrem hohen Bruder zu hören, und wenn man von dem Charakter des Königs edle Züge und von Seiner Regierung rühmliche Thatcn mittheilte, war sie ungemein lebhaft und teilnehmend. „Nichts höre ich so gern, als Dieses", pflegte sie dann zu sagen, hinzusetzend: „Ol fahren Sic doch fort!" Der König liebte und schätzte diese würdige Schwester und that bei ihrer Anwesenheit Alles, was ihr wcrth und lieb sein konnte. Bei einem Familien-Taus- 197 feste, zu dem sie eingeladen war, und wo sie das Kind über der Taufe hielt, ließ Er mich zuvor rufen, und wünschte, daß die heilige Handlung möglichst kurz sein möchte, weil die Schwester aus Holland, schon damals sehr gebeugt vom Alter, das lange Stehen nicht gut aushalten könne; und Er sprach von ihr lange und mit rührender Liebe. Von den hohen Frauen, die auf Thronen gesessen, ist und bleibt sie eine der würdigsten und ihr Andenken lebt noch bei denen, die sie persönlich kannten, und in der Geschichte in Ehren fort, — sowie Hessen-Cassel seine gute Churfürstinn Auguste nicht vergessen wird. Wie man achtungswcrthe, liebevolle und gern gesehene Verwandte zu sich wünscht, so sah der König die Seinigen besonders im Sommer fast alle Jahre bei sich. Diese behandelte Er mit Offenheit und Treuherzigkeit; die übrigen Fremden, besonders Diplomaten, mit aufmerksamer, zuvorkommender Güte. Mit Vergnügen sah man den stattlichen hohen Herrn wohlgemut!) und heiter in angeborener Würde von Einen« zuin Anderen gehen. Auf Geschäfte ließ Er sich dann nicht ein; das Ganze trug das Gepräge einer -harmlosen und frohen Conversation, und bei der Vielseitigkeit Seiner Erfahrung und Mcnschenkenntniß wußte Er, von richtigen« Tacte geleitet, Jedem mit kurzen inhaltreichen Worten etwas Verbindliches zu sagen. Dieß waren bei Ihm aber keine leeren Redensarten, Alles, was Er that und sagte, kam bei Ihn« aus den« Innersten, und auf das Kleinste legte man Werth, da man wußte und fühlte, daß Allem Wahrhaftigkeit zum Grunde lag. Unter mannigfachen Abwechselungen benutzte Er zu solchen Zusammenkünften in« Sommer das Neue Palais bei Potsdam, wo man in dessen weiten und kühlen Räumen, wie voll es auch seil« ««lochte, sich frei bewegte. Das Ganze war «vahrhaft Kö- 198 niglich-prächtig, und dcr Königliche Herr, wie mäßig und frugal Er auch sonst in Seiner gesammten Lebensweise war, ließ es bei solchen Gelegenheiten an Nichts fehlen. Die Gäste, welche Er mitbrachte, und die Eingeladenen waren dann immer zum Diner, Schauspiele, welches auf dem Hostheatcr im Palast gegeben wurde, und zum Souper da. Es lagen mehrere Stunden zwischen dem Mittags- cssen und der Comödie, wo die Gesellschaft sich zerstreute, und entweder die Säle und Kunstwerke des großen Schlosses besah, oder in den schattigen Gängen des angenehmen 8aus «ouci sich erging, bis man spät auf erleuchteten Wegen nach der Stadt zurückkehrte. Solche Tage waren immer festliche und man wünschte sich Glück, ihrer Feier beigewohnt zu haben. Fast alle solche Königlichen Feten hatten etwas Interessantes, wo man Neues sah und hörte. Zu diesen gehört auch, namentlich seiner vorausgegangenen Verhandlungen und Folgen wegen, das Hoffest, welches im Schlosse in der Residenzstadt Potsdam bei Anwesenheit der Mecklenburgischen Prinzessinn Helene gegeben wurde. Ihrer Vermählung mit dem Kronprinzen von Frankreich, dem Herzoge von Orleans, hatten sich Hindernisse und Schwierigkeiten entgegen gestellt, welche der gerade Blick und die kategorische Kürze des Königs Friedrich Wilhelm III. beseitigt und damit die Wünsche zweier sich liebenden Herzen erfüllt hatte. Die eingeladene Prinzessinn wollte dein verehrten Könige ihre Pietät bezeigen und nahm ihren Weg von Schwerin nach Paris über Potsdam. Sie wußte, daß dcr König die ganze Vcrmählungsangelegenheit mit dem Ihm cigcnthümlichen Zartsinnc behandelt, mit IW Liebe und Achtung von ihr gesprochen, und sie unter Anderem eine Normal-Prinzessinn genannt hatte. Sie war also, außer der Verehrung, die dem Könige nach Seinem Range und nach Seiner Persönlichkeit gebührte, noch besonders mit warmem Dank gegen Ihn erfüllt für die gütige Thcilnahme, die Er an ihrem Schicksale genommen. Der Herzog von Orleans und die Prinzessinn von Mecklenburg hatten sich in Maricnbad gesehen; ihre Herzen hatten sich gefunden und sich gegenseitig liebgewonnen. Man kann sich also denken, mit welchen Empfindungen sie den König sah und begrüßte, als Er mit Seinen Kindern im Schloßhofe am Reisewagcn sie freundlich empfing! D'er Hof und die Eingeladenen waren versammelt, als der König mit der Prinzcssinn am Arme und Seinem Gefolge bei den Aufgestellten durch den Saal ging. Die Augen und ihre prüfenden Blicke waren auf die Vielbesprochene und Erwartete gerichtet; aber die liebenswürdige jungfräuliche Schüchternheit, mit der sie ging, sprach und grüßte, die Unschuld und Anmuth ihres Wesens, der stille, fromme Ernst, mit dem ihre Bestimmung sie erfüllte, mit einem Worte ihr zarter weiblicher Sinn, machte schon auf Alle einen günstigen Eindruck. Dieser wurde noch vermehrt durch die Unbefangenheit, Ruhe und Kindlichkeit, womit sie bei Tische mit dem Könige sich unterhielt. Nach der Tafel wurden der fürstlichen Braut dir Anwesenden, die in einer Reihe und im Kreise umher standen, durch die Oberhofmeisterinn die Damen, die Herren durch den Oberkammerhcrrn vorgestellt. Dieser, neben dem ich stand, fragte mich: „ob ich nicht prä- scntirt sein wolle?" Ich lehnte dieß mit der Bemerkung ab: „ich wolle den Zwang (Zeus) der Prinzessinn, auf die ohnehin schon alle Augen gerichtet wären, nicht noch vcr- 200 mehren." Wie aber darauf erwiedert wurde, „daß die Prinzessinn als künftige Königinn von Frankreich, doch eine interessante, selbst historische Person sei," ließ ich es geschehen. Die Prinzessinn kam mit Anstand und Würde. Der mir zu- nä'chststehcnde Vorgestellte war der Oberpräsident von Basse- witz. „Das ist," sagte sie mit Anmuth, „ein in Mecklenburg viel gehörter und geachteter Name. Ich kenne einen Ge- hcimrath von Bassewitz auf Schönhoff, einen vortrefflichen Mann; ein muthiger Vertheidiger der Wahrheit und des Rechts, ein Freund und Wohlthäter der Armen und Unglücklichen." Als sie gehört, daß er ein Bruder desselben sei, wurde ihr angenehmes Gesicht noch freundlicher, und verbindlich sagte sie: „Sie sind gewiß Ihrem edlen Bruder an Denkungsart und Gesinnung ähnlich, und so freue ich mich doppelt, Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben." Zu dem vorgestellten Chef des Militair-Mcdicinal-Wesens, dem Leibarzt des Königs, Du. von Wiedel, sagte sie: „Das außerordentliche Wohlbesinden Seiner Majestät des Königs ist die beste Lobrede aus Sie; von Herzen wünsche ich, daß Sie ferner so glücklich sein mögen in der Erhaltung der Gesundheit des lieben hohen Herrn." Jetzt kam die Reihe an mich. Das Ccrcmonielle ist meiner Natur zuwider; auch da fügt sie sich ungern, wo es Sitte ist, und darum mißlingt mir immer die Thcilnahme an demselben; nicht wartend sagte ich darum, meinem Stande gemäß, der sich schon durch Amtskleidung zu erkennen gab, der Prinzessinn einige unbedeutende Worte über ihren merkwürdigen, interessanten Lcbensgang: „die Zukunft umhülle zwar eine undurchdringliche Finsterniß; aber die Stimme Gottes vernehme der Mensch in der reinen Stimme des Herzens; 20 l diese vernehme sie; und unsere Thcilnahme und Wunsche begleiteten sie auf dem Wege zu Ihrer großen Bestimmung" u. s. f. Die überraschte Prinzessinn dankte sichtbar gerührt; Sie versicherte, „daß Ihrem Herzen diese Worte, die Sic mitnehmen würde, wohl thäten." Sie schloß mit einer Thränc im Auge, und setzte noch hinzu: „Beten Sie sür mich!" und gab mir zum Abschied die Hand. Dieß siel auf; die formelle Präsentation hatte sich in eine Unterredung verwandelt, die ich nachher dem Könige mittheilen mußte. Mit großer Hochachtung sprach Er von der edlen Frau und ihrem bedeutenden (Anfangs frohen, leider! nachher sehr widrigen und harten) Schicksale. Aber auch bei der unerwartet schrecklichen Wendung desselben hat sie, wie immer, musterhaft sich benommen. Der König hatte etwas Königliches und Gehaltenes, und doch zugleich etwas Natürliches und Freies, in Seinem Benehmen, wodurch die schwere Pflicht Ihm eine leichte wurde, Jedem Seiner Gäste etwas Passendes, Jedem Anderes, nach seiner Individualität und Lage, mit wenigen Worten zu sagen. Er ging dann von Einem zum Andern und hielt sich da am Längsten auf, wo Er Anklang fand. Bei einem solchen Hoffeste trug sich eine komische Sccne zu. Auch mehrere Geistlichen waren eingeladen. Sie saßen zusammen und bei Tische wurde ein praktischer Com- mentar gehalten über die Stelle: „Der Mensch lebt nicht allein vom Brodte." Nach der Tafel tranken sie Kaffee. Um das Halten der Tasse sich bequemer zu machen, hatte Einer von ihnen sein Baret auf ein in dunkler Ecke stehendes Consölchen gelegt. Ein Laquai, der sür sich eine Menge 202 übriggebliebenen Kuchen genommen, warf denselben, da er den König sich entgegen kommen sah, in der Angst seines Herzens in das ihm gerade zur Hand liegende Wäret, denn so freigebig und voll der Königliche Haushalt war, so konnte doch der Herr das Naschen und heimliche Wegbringen der Diener nicht leiden. Das Wäret des geistlichen Herrn war also über und über angefüllt mit Kuchen-Resten aller Art. Er ergriff es in demselben Augenblick, als der König bereits da war und vor ihm stand. Dasselbe mit seinem strotzenden Inhalte in der vorgehaltenen Hand habend, sagte der König zu ihm: „Haben wahrscheinlich zu Hause Kinder und Enkel. Essen gerne Kuchen. Sehe mit Vergnügen, haben an sie gedacht; mitbringen!" Der Geistliche war aber ängstlich und verlegen und wollte sich mit den Worten entschuldigen: „Weiß in Wahrheit nicht, wie die Kuchen in mein Wäret"der König aber, der Nichts von dem Hergange wußte, erwiedertc: „Ist gar nicht nöthig, daß Sie sich erst entschuldigen; sehe so etwas gerne, haben daran wohlgethan!" — und redete dann von anderen Dingen, und ging weiter. Nachher erfuhr der Herr den wahren Zusammenhang und machte diesem Geistlichen für den unschuldig erlittenen Schabernack ein angenehmes Geschenk. Der König liebte und erfreuete gerne die Jugend, um so mehr, je trauriger und freudenleerer die Seinigc gewesen war. Häusliche Liebe und Familienheitcrkeit, in welcher Kinder am Besten dem Körper und der Seele nach gedeihen, kannte Er aus Erfahrung fast gar nicht. In Seinen ersten Jahren nahm Friedrich der Große fast gar keine Notiz von Ihm, und mit Seinen Geschwistern vom Hofe entfernt, war Er größtentheils unter der Leitung eines grämli- 203 chm und hypochondrischen Mannes, des sonst rechtschaffenen und christlich gesinnten Bcnisch, auf Seine Brüder, die ebenso gehalten wurden, aber von Natur heiterer und lebensfroher waren, eingeschränkt. Knapp und keineswcges prinzlich eingerichtet, trug Er auf Seine eigenen Kinder Anfangs dicß über, und die Königlichen Prinzen wohnten so enge, daß Einer von ihnen dcßhalb auf eine schöne ihm angebotene Mineralien-Sammlung, die er gerne gehabt hätte, weil kein Raum in seiner Wohnung war, sie aufzustellen, Verzicht leisten mußte. Sollte der Etat überschritten werden, und war eine außerordentliche Ausgabe vorgekommen, dann pflegte Er, der so wenig für Seine Person bedurfte und brauchte, wohl zu sagen: „Ihr wollet immer hoch hinaus; bedenkt aber nicht, wie es mir in Eurem Alter erging; denn so erhielt ich zuweilen zu meinem Geburtstage ein Reseda- töpfchcn, sechs Dreier an Werth; und wollte mein Hofmeister mir Mal etwas zu Gute thun, dann führte er mich nach dem Schulgarten, und ließ mir da für einen, und wenn es hoch kam, zwei Groschen Kirschen geben."*) Inder Folge aber, als Seine Herren Söhne heranwuchsen, änderte sich dieß und der hohe Vater war wahrhaft Königlich und freigebig in der häuslichen Einrichtung Seiner Kinder. Doch sagte Er zu Einem derselben: „So prächtig habe ich's nicht gehabt, als ich Deine Mutter heirathete, und wünsche nur, daß Du ebenso glücklich und zufrieden leben mögest!" *) S. die interessante Schrift: „Beiträge zu einer künftigen Biographic Friedrich Wilhelm III., aus eigener Erfahrung und mündlich verbürgten Mitthcilungen vom General-Lieutenant von Minutoli. Berlin bei Mittler 1843, und den Nachtrag 1844." 204 Friedrich der Große und Friedrich Wilhelm II. hatten ihre Nachfolger von ihrer Person und der Regierung fern gehalten; Friedrich Wilhelm III. dachte und handelte anders; nicht nur lebte Er häuslich, so daß Er Seine Kinder, denen Er die besten Lehrer gab, immer um sich hatte, sondern Seinen erstgeborenen Sohn, den Kronprinzen, Seinen Nachfolger Friedrich Wilhelm IV., ließ Er auf seine große Bestimmung sorgfältig durch alle weisen Stufenfolgen vorbereiten. Den Grund dazu legte Er vorzüglich durch Ancillon,*) der bis an sein Ende hochgeachtet und gern gesehen dastand. ') Ancillon, erst Prediger, dann Legationsrath, und zuletzt Minister der auswärtigen Angelegenheiten, war ein geistreicher', vielseitig gebildeter Man», ganz dazu gemacht, den künftigen Regenten mit großen Ideen zu erfüllen. Er war ein Heller, klarer, denkender Kopf, wie seine vielen, zum Thcil vortrefflichen Schriften bezeugen, Seine Gedanken wußte er logisch in Syllogismen vorzutragen und er war beredt, vielleicht zu ora- torisch in Gcschäftssachcn. Gewiß ist aber, daß er eben darin als diplomatischer Minister, zumal da er die Französische Sprache fertig und schön sprach, viel Gutes gestiftet hat'. Er hatte viel Ehrgeiz, der, verbunden mit einen! vornehmen Wesen, ihm bei Allen, die das Schlichte, Kurze und Einfache lieben, Abneigung zuzog. Im Grunde des Herzens war er aber ein gutmüthiger, liebevoller Mann. Als einst nach der Tafel zu Charlottenhof auf der Terrasse ein Königlicher Hofgärtner, den ich getauft, unterrichtet, consirmirt und getraut hatte, mir freudig begegnete, die Hand mir gab und seine Liebe und Anhänglichkeit bezeigte, freute sich dessen Ancillon nachher und mit Thränen im Auge sagte er: ,,Ach! wäre ich doch Prediger geblieben! Kein Stand in der Welt giebt und empfängt mehr Liebe, als der geistliche. Liebe ist vor Allem das Beste und Höchste, und sie geht unter in der glatten Diplomatik." Daß er ein guter, gemächlicher Mann war, beweiset seine erste und zweite sehr glückliche Ehe. In jener war 205 Nicht nur, gleich allen Königlichen Prinzen, ließ Er den Kronprinzen an allen Verhandlungen des Staatsraths thä- tigcn Anthcil nehmen. Er führte ihn auch ein durch die Minister in die mannigfachen Geschäfte der Regierung, und während der Anwesenheit des Friedcnscongresses zu Wien übertrug Er dieselbe durch eine öffentliche Bekanntmachung Seinem Nachfolger. Damit legte Er Seine Achtung für ihn so an den Tag, daß dieses glückliche Einvcrständniß mit allgemeiner Freude Alles im Lande erfüllte. Zutraulicher und herzlicher ist nie ein König mit allen seinen Kindern und nie ein Regent mit dem Thronerben offener und unbefangener, verständiger und liebevoller, umgegangen, als Friedrich Wilhelm III.; daß Er das konnte, tröstete Ihn noch im Tode; in Seinem letzten Willen gedenkt Er, als einer besonderen göttlichen, Ihn erheiternden und glücklich machenden Lebenswohlthat, der herzlichen Liebe und Anhänglichkeit, des Wohlgelingcns Seiner geliebten Kinder. Er ist fest überzeugt, daß Aller Streben dahin gerichtet sein wird, sich durch einen nützlichen, thätigcn, sittlichreinen und got- tessürchtigen Wandel auszuzeichnen. „Dieß," setzt Er hinzu, „bringt allein Segen, und dieser Gedanke wird in meiner letzten Stunde mir noch Trost gewähren." Den Kronprinzen nennt Er „Seinen lieben Fritz"; Er freuet sich, daß derselbe auf die Bürde und Schwere der Regierungsgcschäfte mehr als mancher andere Thronfolger vorbereitet ist. Die Grundsätze und Gesinnungen des hohen. Sohnes sind dem die Frau viele Jahre stockblind, und diese starb in der Blüthe des Lebens. Der einfache König hatte ihn sehr gern und sprach ihn, auch späterhin, oft, nicht bloß in Geschäften; der Kronprinz aber liebte ihn von Herzen und segnet sein Andenken. zärtlichen und ruhigen Königlichen Herrn Bürge, daß der neue Regent ein Bater seiner Unterthanen sein werde. Der Abschicdnehmcnde nennt ihn wiederholcntlich „Seinen lieben Sohn" und erflehet von Gott ihm, seiner Regierung, und dem Königlichen Hause, Gottes Segen. In Seinem erstgeborenen Sohne sah Er den künftigen Regenten, und dieß erfüllte Ihn mit einer gewissen Achtung, die Ihm um so leichter wurde, da Er ihn in seinen schönen Anlagen, guten kindlichen Gesinnungen, und seinem ganzen heiteren, liebenswürdigen Wesen von Herzen liebte. Dieß offenbarte sich einfach und natürlich, wie von selbst, bei jeder Gelegenheit. Namentlich war dieß viele Jahre vor Seinem Tode der Fall. Unmittelbar an Sans sonei grenzt ein schöner Wiesengrund, der, mit seinem Gehöft, seinem Garten und seinen Feldern, „Charlottenhos" schon damals genannt, einem Privatmanne als Eigenthum gehörte. Von dieser ländlichen Besitzung und seiner angenehmen Lage hatte gelegentlich der Kronprinz mit lebhaftem Interesse gesprochen, ohne jedoch eine besondere Absicht dabei zu haben. Dieß war in Gegenwart des Königs geschehen, und Derselbe ließ unter der Hand das ganze Gehöft theucr, über seinen Werth, ankaufen, und befestigte selbst den gerichtlichen Kaufbrief an den reich geschmückten Christbaum des Kronprinzen am heiligen Abend. So überraschte der Königliche Bater; und der erfreute hohe Sohn ließ ganz nach seiner Phantasie romantisch-schön Charlottenhof als Theil von Sans souei so mctamorphosircn, daß man es nicht wiedererkennt. Auf zutraulichen Punkten findet man die wohlgclungcncn ähnlichen, kostbaren Büsten des Hochseligen Königs und der verklärten Königinn. Der Aufenthalt ist reizend und reich, wie 207 an einem Königlichen Landhciusc, so an Springbrunnen, Waldungen, bedeckten Gängen, allerlei Blumen, besonders Rosen, Statuen; und ein gelungenes Werk der jetzigen Zeit macht es einen um so angenehmeren Eindruck, als es an das alte, feierliche 8nns souci unmittelbar grenzt und mit demselben verbunden ist. Die Pietät des Kronprinzen gegen seinen Königlichen ehrwürdigen Vater nahm mit den Jahren zu, besonders nach der Zeit seiner glücklichen Vermählung mit der Bayerischen Prinzessin» Elisabeth und seiner musterhaften Ehe. *) Die Kronprinzessinn ehrte der König schon als solche; Er liebte sie aber auch von dem Augenblick an, wo Er sie sah und sprach; Er sah sie aber zum Erstenmal, als sie als Braut nach Berlin kam und Er ihr bis Michendorf entgc- ")' Zwar ist in dieser Schrift nur die Rede hauptsächlich von dem großen Tobten; aber Sein Verhalten gegen den Nachfolger und dessen Gcmahlinn gehört um so mehr zu Seiner Charakteristik, da es das Letzte ist, welches Seinem musterhaften Leben den Schlußstein gicbt. Die Vergangenheit bildet die Gegenwart, und diese wird nur verständlich aus jener. Um so lieber und dankbarer redet man davon, da Alles hier offen und klar ist; es giebt dabei Nichts zu verstecken und zu verheimlichen und man braucht nicht zu unwürdigen Schmeicheleien seine elende Zuflucht zu nehmen. Diese sind mir in der Seele zuwider; nur wirkliche Thatsachen erzähle ich; deßhalb trage ich, wo von Lebenden die Rede ist, nur mit schwachen Farben auf; aber ein Hauptzug in dem historisch-psychologische» Bilde des Hochscligen würde fehlen, wenn Sein Verhalten in diesem Stücke verschwiegen werden sollte. Man darf es vor aller Welt zur Sprache bringen; und welcher Preußische Untcrthan, der jetzt in der Gegenwart lebt, würde sich dessen nicht freuen! gm fuhr. Der Ruf ihrer Schönheit und Auniuth, ihrer weiblichen Würde, ihrer Unschuld und Tugend, ihrer Verständigkeit, Bildung und Besonnenheit, der ihr voranging, und von Allen, die sie gesehen, bestätigt wurde, rechtfertigte sich gleich bei ihrer ersten Erscheinung. Der Hochscligc Herr fand immer mehr in ihr, und sie erschien Ihm inhaltreichcr, als Er vermuthet hatte. Ost von der Klarheit und Richtigkeit ihrer Ansichten und Urtheilc überrascht, lernte Er sie immer höher schätzen und in dieser Schätzung sie um so mehr lieben. Um diese bewarb sie sich nicht durch eine bloß auf das Aeußcre gerichtete Aufmerksamkeit, sondern durch ihr Vertrauen einflößendes würdiges Verhalten. Beides unterschied Er sehr richtig und ein angenehmer Conscrva- tionston war Ihm nur dann Etwas wcrth, wenn er natürlicher Ausfluß innerer, wahrer Bildung war. Gefallsucht ohne diese durchschauete Er sehr bald, und leere Redensarten Ovaren Ihm zuwider. Er beobachtete und verglich, wenn es auch nicht so schien, und Sein Gemüth bewahrte treu einmal empfangene Eindrücke. Vorzüglich war Ihm Gleichförmigkeit und Einheit in der Stimmung Werth und theucr. Das, was Kunst und Natur thun, war Ihm klar, und es hat wenige hohe Herren gegeben, die darin einen so richtigen Tact besaßen. Am Meisten sah Er auf einen reinen Charakter, der von wahrem Ehrgefühl, das mit gewissenhafter Pflichtlicbe Ein und Dasselbe ist, gehalten wird. Dagegen war Ihm verkehrter Ehrgeiz zuwider. Er war ein Freund und Lobredncr der Ordnung, die in ihrer Sphäre bleibt und nicht in fremde Dinge, die nicht ihres Berufes sind, sich drängt und mischt. Alles dieß und wie Er es gern hatte, wollte und liebte, fand Er 'bei der Kronprinzcssinn, und zu ihrer reinen verständigen Dcnkungsart, 20 9 zu ihrer edlen ungeschminkten Gesinnung fühlte Er sich immer mehr hingezogen. Es war ein wesentlicher Beitrag zu Seinem eigenen Glück, zu sehen und zu wissen, wie glücklich sie ihren hohen Gemahl mache, und an ihrer einträchtigen, zufriedenen Ehe weidete sich Sein väterliches Auge. Besonders that es Ihm wohl, gelegentlich zu erfahren, daß sie im Stillen viel Gutes that und Nothlcidendc wesentlich und zweckmäßig unterstützte; und an ihrem weiblichen Sinn für weibliche Erziehungsanstalten, an ihrer thätigcn Theilnahmc an dem Flor derselben, hatte Er Seine stille Freude. Mit Wohlgefallen sah Er sie walten und Seine wahre, echte Zuneigung bezeichnete Sein Blick und Sein ganzes väterliches Benehmen. Es war eine wahre Freude und Erquickung, zu sehen, wie Er die mit Amnuth und Liebenswürdigkeit sich nahende, hochgeebrtc Schwiegertochter begrüßte und an Sein väterliches Herz drückte. Bei Tische saß sie immer bei Ihm, gcmüthlich unterhielt Er sich mit ihr; Er suchte für sie das beste, schönste Obst aus, und gab ihr solches auf eine Art und mit einem Blick, die sichtbar Seine Gesinm'lg an den Tag legten. Er liebte die Kronprinzessinn m> väterlicher Zärtlichkeit. Im Ansage des Sommers war an einem schönen Tage das krow 'unzliche Ehepaar nach der Pfaueninsel eingeladen, als plötzlich ein Ungcwittcr aufstieg. Es war vor Tische und die hohen eingeladenen Gäste waren noch nicht da. Es donnerte, blitzte und regnete stark. Der König stand am Fenster, beobachtete den Zug des Gewitters, und sagte mchrercmal: „Fatal! Fatal! Da werden sie mitten drein sein! — Die arme Kronprinzessinn! ob sie sich fürchtet? Was sagen Sic," wandte Er sich an mich, „zum Wetter?" Ii. e-> 14 2W Ich stand am andern Fenster und antwortete: „Im Westen steigt es dick auf." Er, sonst die Ruhe und Gelassenheit selbst, ging unruhig auf und ab. Den Hofmarschall von Maltzahn redete Er an: „ob es nicht noch zu ändern sei und in der Stadt gespeist werden könne! Dann sei ein reitender Eilbote abzusenden." „Die Einrichtung," crwiedcrtc der Hof- bcamtc, „sei für die Pfaueninscl getroffen." „Weiß wohl," antwortete der König, „ist mir nur zu thun um die Kronprinzcssinn! Die werden mitten drein sein! Fatal!" sagte Er wieder, — und ging auf und ab, hin und her, wie die Liebe besorgt zu thun pflegt, wenn denen, welchen sie von Herzen gut ist, Unangenehmes begegnet. Alle Augenblick fragte Er: „Noch nicht da?" Die mit unruhiger Sehnsucht Erwarteten kamen endlich. Der König eilte ihnen entgegen, mit den bewillkommnenden Worten: „Gut, daß Sic hier sind; habe mich Ihretwegen geängstigt!" und drückte die geliebte Kronprinzcssinn mit väterlicher Zärtlichkeit an sich. Das Wetter klärte sich nachher >vuf und der Abend war in seiner Erfrischung schön und genußvoll. So war der König bei jeder Gelegenheit ein guter, lieberer Mensch, und unbesorgt um sich selbst, doch besorgt für Andere, vorzüglich für Seine Kinder. Familicnglück war und u^b Ihm das Erste und Höchste. Ganz besonders war Er in Seinem Esse, wenn, was oft geschah, Seine auswärtigen Töchter von St. Petersburg, Schwerin und dem Haag viele Wochen, oft Monate lang, bei Ihm zum Besuch waren; und nirgends waren sie lieber, als bei Ihm in der Hcimath. Als Seine Tochter Prinzessinn Alexandrinc mit dem Erbprinzen, nachherigem 211 Großherzoge von Mecklenburg-Schwerin,*) vermählt war, begleitete Er sie eine gute Strecke Weges. Beim Abschied ') Der hochbctagte alte Großhcrzog von Mecklenburg-Schwerin war ein biederer, gutmüthigcr, einsichtsvoller und erfahrener Herr, der sein Land und seine Untcrthancn glücklich machte. Bei Gelegenheit der Vermählung war er in Berlin und Potsdam. Die äußere Schale seines Wesens und Benehmens war rauh und keineswegs höflich; aber sein innerer Lcbcnskcrn gesund und frisch. Als nach der Trauung im alten Schlosse und der Zerstreuung der Gäste in den angrenzenden Sälen der Minister von Bernstorff den damaligen Geheimen Legationsrath Ancillon vorstellte, sagte dieser- „Ich habe schon meine persönliche Aufwartung machen wollen; zu meinem Bedauern aber Ew. Königliche Hoheit nicht zu Hause gefunden." „Wohl war ich zu Hause," antwortete der Großherzog; „aber habe mich verleugnen lassen; das ist nicht zum Aushalten mit dem ewigen Aufwarten! Ihr Berliner seid voller Complimente; es ist, als ob ganz Berlin mir aus dem Halse läge. Sie, Herr Ancillon, sollen, wie ich höre, ein gelehrter und guter Mann sein. Besuchen Sie mich in Ludwigslust und bleiben so lange bei mir, als es Ihnen gefällt; aber verschonen Sie mich hier mit leeren Complimentcn." Als ich in 8nns «ouui ihn sprach und ihm dankte für den kostbaren Juwelen-Ring, den er mir nach der Trauung hatte zustellen lassen, antwortete er: „Mögen wohl noch erst danken. Was ist so ein Ring! Ein elendes Ding. Sic haben dem jungen Paare sehr wichtige Wahrheiten gesagt, die, befolgt, es glücklich machen werden. Ihre Trauungsrcde werde ich drucken und in jedes Haus meines Landes ein Exemplar bringen lassen. Sie werden dadurch viel Segen stiften. Was ist dagegen ein Ring? Sind nicht auch Diamanten Plunder? Bei solcher Gelegenheit wird man wieder daran erinnert, daß man die besten Dinge nicht belohnen kann. Der Mensch, auch wenn er ein Herzog ist, bleibt doch eine arme Creatur. Segne Sie Gott!" Seinem Nachfolger, dem nun auch schon verewigten Großherzoge, wünschte ich bei seiner Anwesenheit in Potsdam zum Antritt seiner Regierung 14' 212 von dein zärtlichen Vater war sie sehr traurig und weinte. Er aber tröstete sie mit der kurzen Entfernung und mit dein Wiedersehen, das oft näher sei, als man denke. Wie freudig erstaunte die hohe Tochter, als sie den Abend in Ludwigslust ankam und den geliebten Königlichen Vater, der, ihr unbewußt, eben dahin auf einem anderen Wege schneller gefahren war, schon auf sie wartend, mit ausgestreckten Armen erblickte, der sie nun mit den kurz-vorher von Ihm gesprochenen Worten an Sein Herz drückte. An Ucberraschungen der Art ist das Leben des Königs reich, und nur der kann sie bereiten, der ein so liebevolles Herz hat. Gütiger kann kein Vater mit seinen Kindern umgehen, als der König mit den Scinigen. Zu den wohlbekannten, originellen Personen, (die fast zcdcr Ort hat,) gehörte auch in dem Dorfe Paretz und dem benachbarten kleinen Landstädtchen Ketzin *) eine daselbst wohnende Frau, Namens Flotow. Ihr treuherziges, offenes und naives Wesen gefiel dem Könige besonders wohl. Kam sie bei Seiner ersten Anwesenheit im Jahre nicht von selbst bald zum Vorschein, so wurde nach ihr geschickt. Sie brachte dem Könige bei Seiner Ankunft im Frühling ihren Glückwunsch in ländlich einfacher, gutmüthiger Weise, und sagte Ihm bei Seinem Abschiede im Herbste unter den besten Wünschen ein gutmüthigcs Lebewohl. Sie hatte richti- Glück; cr gab mir die Antwort: „Das Beste, was ich auf Erden habe, ist meine Frau, Alexandrine, und die haben Sie mir gegeben. Sie kann nicht besser sein, als sie ist." ') Nach einer Mitthcilung des jetzigen Predigers Mcrtz daselbst. 2l3 gcs Gefühl genug, um sich nie unbescheiden vorzudrängen! wenn sie ober sich schüchtern zurückzog, suchte sie der König in der Menge auf und redete sie freundlich an. Sic hatte in Paretz oft die Hochselige Königinn gesprochen und alle Königlichen Kinder aufwachsen sehen, denen sie sichtbar die größte herzliche Theilnahme widmete. Wahrheit und Natur liebte der König über Alles, und schätzte sie in jeder Form, wo Er sie fand. Einst sagte Er zu ihr: „Nächstens werde ich wiederkommen, und alle meine Kinder mitbringen; sie besuchen mich alle." „Das ist schön; da werden Ew. Majestät sich recht freuen. Kommen denn die Nüssen auch?" Viele aus der Königlichen Umgebung konnten sich des Lächelns nicht enthalten; die alte ehrliche Bauersfrau wurde, wie sie das sah, ängstlich und verlegen; aber der König nahm sich, noch näher tretend, ihrer an, und sagte ruhig und gütig: „Ja, die kommen auch, und Ihr sollt sie sehen." Wirklich kamen sie; und der König führte Seine Tochter, die erhabene Kaiserinn, zu der alten Flotow, die mehr als Andere sich hatte nähern dürfen. Die Kaiserinn kannte sie schon seit lange und hatte sie lieb. Sie sprach freundlich mit ihr und erkundigte sich teilnehmend, wie es ihr so lange gegangen; dann zeigte sie ihr ihre Kinder. Die Frau war außer sich vor Entzücken, und wollte der jungen Großfürstinn das Kleid küssen; aber die Kaiserinn rief der Tochter in fremder Sprache zu, es nicht zu gestatten, vielmehr sie zu küssen; und die Großfürstinn küßte nach Russischer schöner Weise die Stirn der alten Frau. — Schöne, erhabene Scene auf stiller ländlicher Flur! doch keine Sccne, vielmehr Ausfluß des Herzens, welches die göttliche Macht der Liebe kennt und ihrem himmlischen Anhauche folgt. So hat der König durch Sein schlichtes und einfaches, aber eben darum mächtiges Beispiel Seine Kinder erzogen; und es ist Ihm gelungen. Um Seiner geliebten Tochter, der Kaiscrinn, den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen, wohnte sie in dem stillen, aber prächtigen Knns «ouei. Der Königliche Großvater hatte den geliebten Kaiserlichen Enkeln gesagt: „sie möchten sich frei bewegen und in den Terrassen die in ihren weiten Räumen gebauten Glashäuser besuchen, wo die köstlichsten Früchte in einer seltenen Vollkommenheit gezogen werden, und solche genießen." Die Fürstlichen Kinder machten gern von dieser Erlaubniß Gebrauch. Es waren aber Gartcnwächter angestellt, welche die zu jeder Tageszeit unbescheiden heran drängende Volksmenge ab- und zurückhalten sollten. Dieß mochte auf eine schreiende, gebieterische, unangenehme Weise geschehen, und die junge Großfürstinn, welche eben eine schöne Pfirsiche und Traube abgepflückt hatte, glaubte, sie sei damit gemeint. Erschrocken und weinend sagt sie, um sich gleichsam zu entschuldigen, zu dem Wächter: „Der Großvater hat es uns erlaubt!" Dieser, ehrerbietig seine Mütze abziehend, antwortete ehrlich, aber in seiner plumpen Mundart, der Großfürstinn: „Wer redt mit Ihr? Eß Sic, so viel Sie will!" und das fröhliche Kind hüpft fröhlich zu den Gewächshäusern und seinen goldenen Früchten zurück. Der König ehrte und erfreute Seine Tochter Eharlotte, die Kaiserinn, öffentlich, wie Er sie herzlich liebte. Bei jeder Gelegenheit legte Er dieß an den Tag, unter Anderem auch bei der neuen Brücke zu Glienicke über die Havel. Man hat die Umgebung von Potsdam oft eine Oase in der Wüste 215 genannt; und wirklich ist, man mag von Beelitz, von Brandenburg, von Nauen, oder von Berlin kommen, ringsumher eine große Sandwüste, — sobald man aber auf die Insel Potsdam kommt und Alles bewässert findet, ist auch die Natur, wenn auch nicht fruchtbarer, doch schöner. Eine der schönsten Gegenden nahe bei der Stadt ist unstreitig die zu Glienicke. Das Dorf liegt tiefer und der Prinzliche Park am Wege ist mit seinem Schlosse und Springbrunnen reizend. Auf der Glienicker Brücke hat man eine schöne Aussicht. Die Havel ist hier voll und klar; sie kommt von Spandau, theilt sich in zwei Arme, von denen der eine nach Nedlitz, der andere nach Potsdam fließt. Ihr Bette dehnt sich hier aus und gewinnt das Ansehen eines gewaltigen Stromes. Auf der einen Seite sieht man herunter nach Nedlitz, und die Ufer gewähren den belebten Anblick vom Königlichen Neuen Garten, von anderen Privatgebä'udcn, und dem hohen Walde von Sakrow. Auf der anderen Seite stellt sich dar das ehemalige alte Jagdschloß vom Großen Churfürstcn, der Babcrtsbcrg, das Prinzliche Schloß mit seinen Nebengebäuden. In der Entfernung sieht man die Stadt Potsdam, ihre Thürme und Vorstädte. Der Weg dahin führt durch eine breite Allee, an deren Seiten gut gebaute Gärtncrwoh- nungcn und Privathäuser liegen. Das Ganze war belebt und voller Fuhrwerk, che noch die Eisenbahn da war. Es ist angenehm, auf dieser Brücke zu gehen; indcß sie war von Holz und baufällig. Der König ließ eine neue Brücke von Steinen bauen, und sie ist ebenso köstlich, wie wohlgcra- thcn. Auf dem Babertsbcrgc erscheint sie in ihren Schwibbogen schlank und bei aller Festigkeit leicht. Sie gehört mit zu den vorzüglichsten Bauwerken unter Seiner Regierung und man betrachtete sie und die schöne Gegend, die sich vor ihr 210 ausdehnt, mit Wohlgefallen. Sie war schon fertig, wurde aber nicht gebraucht; sie blieb verschlossen. Er wußte, daß Seine Tochter, die Kaiserin» von Rußland, bald kommen würde. Ihr wurde sie geöffnet und sie fuhr zum Erstenmal mit dem geliebten Batcr darüber. Das Andenken daran ist verewigt; auf einer Tafel von Bronze, im Anfang der Brücke, steht mit goldenen Buchstaben folgende Inschrift: „Angefangen den 8. August 1831. Bollendet den 27. September 1834. Eröffnet durch die Uebcrfahrt Ihrer Majestät der Kaiserinn von Rußland, Char lottc, Prinzcssinn von Preußen, den 3V. September 1834." Die hohe Tochter war überrascht und erfreut über die Güte des Königlichen Baters, und Er selbst war glücklich in ihrer Dankbarkeit und Liebe. Die hohe Kaiserinn auch öffentlich zu ehren, wie sie im Stillen durch die väterliche Liebe beglückt war, wurde das prächtige Fest gefeiert, welches unter dem Namen der „weißen Rose" bekannt ist. So wurde es genannt, weil die Gefeierte diese schöne Blume vor allen anderen liebte; sie selbst möchte man in ihrer Holdseligkeit die weiße Rose nennen! Der wie dazu gemachte Raum des ritterlichen Festes war die weite Umgebung des Neuen Palais, nach der Seite hin, wo die sogenannten Eommuns stehen, der nächste Platz aber vor dem Ricscnschlosse war der Schauplatz selbst. Alles, was Beine in der Stadt Potsdam hatte, strömte hinaus, und Jeder suchte eine Stelle zu erhalten, so daß die Dächer, Mauern und Bäume von Menschen angefüllt waren. Die sonst stille und einsame Gegend und das neue Palais waren 217 an diesem Tagc belebt; man sah Einheimische und Fremde in ganzen Massen, um dem seltenen ritterlichen Feste beizuwohnen. Vor dem Schlosse auf den breiten Treppen fan den unter Zelten die Eingeladenen einen bequemen Platz und in der Mitte saß mit dem Hofe die Kaiserinn auf einer Erhöhung, die jedoch nicht auffiel, aber prächtig ausgeschmückt war. Der König ging wohlgemuth hinter den Sitzen Seiner zahlreichen Gäste auf und ab, und sprach hie und da mit ihnen. Er hatte an dem prächtigen Feste Seine Freude; vorzüglich aber darum war Ihm wohl um's Herz, weil Er Seine Kinder heiter sah und Er Seiner Tochter, der hohen Kaiserin» von Rußland, eine Ehre und Freude bereiten konnte. Denn sie, die prächtig gekleidet war, und eine weiße Rose trug, war der glänzende Mittelpunkt, die Sonne des Festes, um welche sich Alles bewegte, und um welcher willen Alles bereitet war. Es war das ganze Fest sinnreich und planmäßig angeordnet, und alle seine einzelnen Theile, die wohl überlegt aufeinander ohne alle Störung in heiteren Scenen folgten, bildeten ein schönes Ganzes. Getheilte, gut eingeübte Musikchöre spielten einzeln, antworteten sich, spielten dann wieder zusammen, und ein heiteres Allegro theilte sich der großen, zahlreichen Versammlung mit. Unter Mclodicen, bei denen das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Pauken den Haupt- tock bildeten, kamen langsam aus den Communs über den großen Platz auf muthigen, prächtigen, geschmückten Pferden die schönsten Jünglinge, an denen die Garderegimenter so reich sind, und unter welchen sich die Königlichen Prinzen befanden, auf den weiten Raum, der vor dem Neuen Palais ist, durch das geöffnete, eiserne hohe Gitterthor heran geritten. Jeder war ritterlich gekleidet, Jeder anders, Jeder in seiner 2l8 eigcnthümlichcn selbst gewählten Farbe; Jeder hatte ein mit einer sinnreichen Inschrift und ritterlichem Wahlspruch versehenes kriegerisches Schild; auf dem des Kronprinzen stand z. B.: „Puls Viktoria!" auf dem des Prinzen Wilhelm von Preußen: »Gott mit uns!" auf dem des Prinzen Alexander Solms: »Dem Feinde die Stirn, dem Freunde die Brust;" u. s. f., und Jeder hielt sein blankes, glänzendes Schwert. Dieser zahlreiche Zug, an welchem jedes einzelne Glied herrlich anzusehen war, gefuhrt von dem Brigadier und Com- mandeur der Garden, dem Herzog Carl von Mecklenburg- Strelitz, nahm entlang der langen Reihe der Eingeladenen seinen Weg, und sobald die hervorragende Stelle erreicht war, wo die schöne, wurdevolle Kaiserinn thronte, salutirte jeder Ritter mit ehrerbietig gesenktem Degen die hohe freundliche, dankende Frau. Dieß wurde unter Abwechselungen, bald in kurzen, tanzenden Sprüngen, bald schneller, bald mit verhängten Zügeln, mit hinreißender Geschwindigkeit und großer, anmuths- voller Gewandtheit, unter fortgehender harmonischer Musik- Begleitung wiederholt. Bei einem Zuge, in der Hälfte des Rittcrspieles, wurde still gehalten, in der Mitte des reichen Platzes, wo die Kaiserinn saß. Wie alle Ritter, so senkte vor ihr Herzog Carl von Mecklenburg*) seinen Degen, und ') Herzog Carl von Mecklenburg war vielseitig gebildet, wußte schön zu reden, gut zu schreiben, und Alle, die ihn persönlich gekannt haben, fanden ihn interessant. Er war tapfer und geistreich; Jenes hat er bei vielen Gelegenheiten im großen Befreiungskriege, da, wo es darauf ankam und es galt, Dieses als Präsident des Königlichen Staatsrathes, dessen Debatten- Strom er geschickt zu leiten wußte, bewiesen. Seit dieser Zeit stieg er in der öffentlichen Meinung, die er früher gegen sich 2l9 ehrerbietig hcrabgebeugt, sprach er laut in schönen Versen eine wohlgcsctzte Rede, in welcher die Hieroglyphe der weißen Rose in einer geistreichen Allegorie verbindlich durch- und ausgeführt war. Nach dem Feste versammelten sich die hohen Herrschasten und die Ritter mit den Eingeladenen in dem großen Muschelsaale. Die Kaiserinn setzte sich auf einen crhöhetcn decorir- ten Platz und vertheilte mit Würde und Anmuth mannich- fache ritterliche Geschenke an die Herren, die das prächtige Fest gemacht hatten. Diese sangen bei der reich besetzten Abend- tafcl unter musikalischer Begleitung passende fröhliche Balladen und Minnelieder, und man glaubte sich in die Zeiten hatte; aber alle Offiziere der Garden, mit denen er als ihr Brigadier unmittelbar zu thun hatte, haben jederzeit mit Achtung von ihm geredet. Er befand sich in der Nähe des Königs, der viel mit ihm umging und sich seines scharfsinnigen Rathes oft bediente. Aber Beide waren divcrgircnde Naturen und ihre Charaktere waren und blieben verschieden. Bei Einweihung des National-Denkmals auf dem Templower Berge, welcher der Kaiser von Rußland, Alexander I., persönlich beiwohnte, hatte der König die Feier um II Uhr angesagt. Er kam aber, um zu sehen, ob Alles in guter Ordnung sei, schon um 10 Uhr. Der vor seiner Brigade stehende Herzog machte, nach seiner Uhr sehend, darauf aufmerksam. Der König antwortete, wie in Fällen solcher Art Seine Manier war, lakonisch- „Weiß wohl; aber da reiten schon Viele im Felde umher, — wird mir doch auch wohl erlaubt sein!" wobei Er satyrisch lächelte. Dann wandte Er sich zu den schon versammelten Geistlichen Berlinds und sagte zu mir leise- „Müssen heute laut reden, weil der Kaiser etwas schwer hört. Für den Redner ist es, um überall verstanden zu werden, im Freien schlimmer/als im abgeschlossenen Räume." Der König ehrte den Herzog auch dadurch, daß er im Lustgarten zu Potsdam, gleich den übrigen Heroen, seine wohlgetroffene Büste auf einem hohen Postamente aufstellen ließ. des Mittelalters versetzt. Seit das Neue Palais mit seinen architcctvnischcn Schönheiten und Umgebungen steht, ist daselbst vielleicht nie ein Fest gefeiert worden, welches prächtiger, reicher und schöner war, als dieses, zu Ehren der ältesten Tochter des Hauses, der Kaiserinn von Rußland. Als Schatten desselben sind in einem der oberen großen Säle zur Erinnerung die Schilde, welche die Ritter getragen, mit den Inschriften, ringsherum aufgestellt, — und der Fremde sieht sie an und horcht auf die Erzählung des Führers, wie prächtig Alles gewesen sei. Diese Pracht ist nun verschwunden, wie alle irdische Herrlichkeit, wie glänzend sie auch in der Gegenwart war, vergeht. Man geht sinnend und nachdenkend durch die nun wieder stillen und einsamen Räume, und denket der Zeiten, wo sie belebt und festlich besucht waren. Es gehen beim Anblick dieser Fürstlichen Gebäude die Zeiten des großen Mannes und Herrschers, der sie errichtete, und die Jahre des edlen, wohlwollenden Königs, der, nachdem Er wieder glücklich geworden, hier frohe Feste feierte, dem historischen Blicke vorüber. Diese Zeit ist vorüber, und gedrängt von ihren Begebenheiten eine andere geworden. Aber wenngleich ihre äußeren Gestalten und Formen von Gräbern" gedeckt und von dem vorüber und dahin rollenden Strome fliehender Erscheinungen verschlungen sind, so lebt doch in lehrreichen Erinnerungen und in Thatsachcn, welche die Geschichte verewigt hat, der Geist, welcher darin waltet, fort und fort, und der späteste Enkel und Nachkomme wird noch dessen gedenken und davon erzählen. Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht und erhält lebendig. Der Geist Friedrichs des Großen und der Geist des Königs Friedrich Wilhelm III. lebt, wenngleich verschiedenartig, jener durch persönliche Ucbcrwiegenheit, dieser durch menschen- 22 l freundliches, würdevolles Wohlwollen, noch heute in Zügen, die er tief eingrub und die kein Wechsel auslöschen kann. In Allem, was der Hochseligc Herr dachte und wollte, that und vollbrachte, lag Geist, und Er theiltc denselben Seinem Volke und Seiner Familie mit. Dieser Geist ist der Geist der Gesetzlichkeit und Freiheit, der Ordnung und Zucht, der Humanität und christlichen Gottesfurcht. Dieser Geist con- ccntrirt sich bei Denen, in deren Adern Sein und das Blut der edlen Mutter fließt, bei Seinen edlen Kindern. Ihre beiderseitige Denkungsart und Gesinnung ist das herrliche Erbe, welches auf sie gekommen, und welches nicht von ihnen genommen werden soll. Diesem lebendigen Geiste und Seiner sich gleichbleibenden offenen Liebe ist es zuzuschreiben, daß das Verhältniß, in welchem der Königliche Vater gegen Seine hohen Kinder, und diese gegen Ihn standen, immer neu, frisch und warm blieb. Täglich sahen und sprachen sie sich und jeden Morgen war die gegenseitige Liebe, als wenn sie sich lange nicht gesehen hätten, wieder neu. In zahlreichen Familien, die anderen Sphären angehören, und wo die Erhaltung der Eintracht unter ihren Gliedern leichter ist, stellt sich der böse Dämon des Mißtrauens und der Zwietracht oft unter sie; oder die tägliche Gewohnheit und gleichförmige Wiederkehr des schon Dagewesenen in derselben Gestalt macht eintönig, langweilig und gleichgültig. In der Königlichen Familie war und blieb es anders und besser, und sie war am Glücklichsten und Frohcsten, wenn sie unter sich allein und ohne viele fremden Augenzeugen war. Der schöne, heitere, kindliche Sinn, über Kleines, Alltägliches, sich innig freuen zu können, war ihr, die Alles, auch das Ungewöhnliche und 222 Seltene, haben konnte, cigcnthümlich geblieben. Die Glieder des Hauses trennten sich nicht; nie sah man sie besondere Wege, Jeder für sich, gehen; immer waren sie zusammen, Einer dem Andern unentbehrlich und Freude aneinander habend. Kein verbissener Neid, kein geheimes Mißtrauen entfernte sie, offen und klar, bieder und heiter, kamen sie sich entgegen, und die gemeinschaftliche vcrchrungsvollc, alrhängliche Liebe für den alten prächtigen Königlichen Vater war der glänzende Mittelpunkt, um den sich Alles in froher Kindlichkeit sammelte. In Wahrheit, der König war ein glücklicher Vater, und es war eine rührende Lust, Ihn hervorragend unter Seinen Kindern, Schwicgcrkindcrn und Enkeln zu sehen. Man stand still, sah nach, und dankte Gott, wenn Er in Seiner Feldmütze, in den grauen Mantel gehüllt, in einem großen Korbwagen mit Seinen Kindern wie ein Bürgersmann heiter vorüber nach Seinem stillen ländlichen Paretz fuhr. Diesen guten Geist hatte Er nicht in Seinem Hause vorgefunden, sondern durch Seinen Charakter und Sein Beispiel geschaffen und erhalten. In ihm lebte und wirkte Er; in ihm hat Er Großes für Sein Land und dessen Geschichte gcthan. -In ihm war Er Vorbild und Muster jedem Palast und jeder Hütte. 223 Iweitcr Abschnitt. König Friedrich Wilhelm III. als Bundesgenosse. Kaiser Alexander I. von Rußland. Kaiser Franz I. von Oestreich. um Gedächtniß der großen Begebenheiten der Zeit und der vereinigten Europäischen Mächte, durch welche sie bewirkt wurden, hat der König von Preußen Friedrich Wilhelm III. in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam auf dem Ehorc derselben eine marmorne Nische, umgeben von gcwciheten Tafeln der Helden, die das eiserne Kreuz errungen, und von anderen Siegcstrophäen, errichten lassen. In diesem mit einem Gitter umgebenen Denkmale sind die 3 Wappen der hohen Monarchen und ihrer Häuser, innig verbunden, in Eintracht mit- und nebeneinander, durch welche das große, unsterbliche Werk gelang, vereinigt. Es mißlang, so lange der Französische Kaiser Napoleon die Kräfte seiner Gegner theilen und diese voneinander halten konnte; *) er war mächtig und unüberwindlich, weil er vereinzelte, und im Ucbcrgewichte der physischen, es ist nicht zu leugnen, auch der intellectuellcn Mächte seine Pläne verfolgte. Endlich streckte sein bis zum Überschlagen gesteigerter Egoismus den *) Divise et imyer». 224 mächtigen Arm nach dem eisigen Norden, und sein verblendeter Uebermuth, der alle Mäßigung verloren hatte, stürzte ihn, Es gehört zu den glücklichen Schickungen, daß alle drei Mächte dasselbe Interesse bei der Sache hatten, und daß sie und ihre Völker mit gleichem Unwillen und Zorn gegen den gemeinschaftlichen Feind erfüllt waren. Noch glücklicher war es, daß damals drei Herrscher auf den Thronen saßen und regierten, welche, wenngleich verschieden, und Jeder anders, doch miteinander sympathisirtcn, und gleich ehrlich und gut es mit der Menschheit meinten. Der Eine war der Griechischen, der Andere der Römisch-katholischen, der Dritte der Evangelisch-protestantischen, und Jeder von Herzen seiner Kirche zugcthan; aber diese sonst trennende Divergenz trennte hier nicht. Es gicbt einen Höhepunkt in der Religion, bei dem alle Verschiedenheiten der Confession aushören und in dem Glauben an Einen Gott in Eintracht zusammenfallen und aufgehen. Im Kriege unter den Waffen verschwindet die abweichende Form des Cultus und seiner Dogmen; Jeder ehrt die andere, wenn er nur die scinige ungetrübt üben und seine Art behalten kann. Und so sah man in Deutschland und in Frankreich die verschiedenartigsten Völker, aus ganz anderen Stämmen, Regionen und Kirchen, dennoch in Eintracht miteinander vereinigt, als Brüder auf einem Wege zu einem Ziele hin. Die große Begebenheit trat in den vereinigenden Vordergrund, die Zwietracht der Geistlichen und Priester in den Hintergrund. Wohl hört man jetzt im Frieden von theologischen und kirchlichen Parteigängern, Reibungen und Uneinigkeiten; aber im Kriege, den man vor dem ewigen Richter führte, war nicht einmal daran dic Rede; man wollte ehrlich miteinander den Zweck, man war also über die Mittel, die zu ihm führen, einig. Die Streitigkeiten, in denen die Menschen sich das kurze Leben verbittern, liegen nicht in seiner Natur, sondern in dem Egoismus der leidenschaftlichen Partcisucht. Gott segnet und duldet, alle Menschen; die Menschen sollten sich also auch dulden. In diesem allumfassenden Princip gedieh die große Sache unserer Befreiung; es gehört zu den guten, Heil verkündenden Zeichen unserer Zeit, daß sie zum Allgemeinen sich still und laut drängend vorwärts bewegt, das Licht der Sonne läßt sich nicht mehr verdunkeln. Friedrich Wilhelm III. ehrte und liebte persönlich Seinen Bundesgenossen und Freund, den Kaiser von Rußland Alexander I. Es knüpften Ihn heilige und große Erinnerungen an ihn; Er hatte mit ihm genußvolle und ernste Stunden verlebt; mit der Königinn Luise hatte Er in stiller Nacht am Grabe Friedrichs des Großen mit ihm Hand in Hand gestanden; der Bund, den sie miteinander geschlossen, war durch Leiden befestigt. Diese hatten sich nun gewandt, der gemeinschaftliche Feind war für immer besiegt und die Sonnenhöhe des Ruhmes und der Ehre war erstiegen. Man kann sich denken, wie viel froher, glücklicher und inniger, beide Freunde sich sahen. -Mit ihren Gesinnungen hingen sie zusammen; sonst beseelten sie verschiedene Naturen. Alexander war poetisch, wenigstens damals noch, 1813 — I8IZ; seine Phantasie, lebhast, hatte einen cigenthümlichen, orientalischen Schwung; er sah Alles in Farben, in hellen und heitern das Glück, in dunkeln und traurigen das Unglück. Von Deutschland und seinen Zuständen hatte Er die Vorstellung, die Erzähler und Schriften ihm gegeben hatten. Un- II. c-, ,5 scrc Jugend, die Gymnasien, die Universitäten und ihre Lehrer, dachte er sich nicht so, wie sie wirklich sind. Weil er die Religion mit der Phantasie auffaßte, war er nicht ganz klar, und fand Wohlgefallen an Männern und Frauen, die mehr in Bildern, als in deutlichen Begriffen lebten..Er nahm nach seinem edlen Herzen und dessen Gefühlen seine nächste Umgebung und die Welt so, wie sie sein sollte, und ideali- sirtc sie; sie war aber in der Wirklichkeit ganz anders. Diese Täuschungen vertauschte er gegen andere; und wenn erdolche sich nicht länger verbergen konnte, war Verstimmung und Melancholie die unvermeidliche Folge. Daher war er einen Tag nicht wie den andern. Der Grundton seines Gemüths war und blieb aber rein und edel. Von Herzen wollte er nur das Gute; er liebte Gerechtigkeit über Alles, und war ein Menschenfreund, wo er stand und ging. Wenn auch nicht überhaupt, so war er doch seinem großen Reiche und der Stufe der Bildung, die es unter seiner Regierung einnahm, vorausgeeilt, und Despotie, die seinem Naturell zuwider war, ist nie von ihm wissentlich begangen. ' Nach seiner Stimmung wollte er Alles durch Liebe beglücken. Sein Aeußercs, edel und würdevoll, war nicht herrisch und gebieterisch. Man sah wohl in ihm den Kaiser; aber dieser schreckte nicht, man sah zugleich den wohlwollenden Menschen. Er bewegte sich leicht und gewandt, und war in seiner Manier freundlich und höflich. Alles Steife und Gezwungene war seiner Lebendigkeit fremd, und imponirendc Feierlichkeit war ihm auch bei Präsentationen nicht eigen. Er liebte nicht die Pracht, und gemüthlich und gesprächig sah man ihn ohne nahe und entfernte Begleitung mit unserem Könige gehen, und in einem gewöhnlichen Wagen mit zwei Pferden fahren. Früher soll er ein schöner Mann gc- wesen sein: er alterte aber schnell und verlor früh den größeren Thcil seiner Haare. Sein Gesicht war vornehm und ausdrucksvoll, sein Auge sprechend. Er war oft in Berlin und Potsdam und ging mit dem Könige, den er ehrte und liebte, zutraulich um. Dieser schlug das, was Rußland für die gute Sache gethan, sehr hoch an, war voll davon, und redete gern darüber. Seine Bescheidenheit und Dcmuth sprach lieber vom fremden, als vom eigenen Verdienste: und Er hatte Seine innige Freude an den zwei Regimentern, die in Seiner nächsten Umgebung den Namen der beiden mächtigen Bundesgenossen, Kaiser Alexander und Kaiser Franz, trugen: sowie es Ihm auch angenehm war, daß es in Petersburg und in Wien ein Regiment gab, welches den Namen König Friedrich Wilhelm III. trug und trägt. Der Chef desselben war der regierende Herr selbst, und der jedesmalige Commandcur besonders von Ihm ausgezeichnet und geehrt, sowie derselbe und seine Untergebenen bei jeder Gelegenheit auch reich beschenkt wurden. Wohlwollen und Liebe bedarf und sucht ein Vehikel, wodurch sie sich zu erkennen geben, und wenn diejenigen, welche sie füreinander fühlen, wechselseitig zu hoch stehen, um sich beschenken zu können, legen sie diese Gesinnung an den Tag gegen Solche, welche weniger sind, aber unmittelbar schon durch die verehrten Namen, welche sie tragen, an die nahe Beziehung erinnern. Diese finden sich, als Mittel zum Zweck, durch solche Stellung ausgezeichnet, froh und wacker; ein reges Pflicht- und Ehrgefühl beseelt und treibt sie; sie unterlassen Alles, was mit dem hohen Namen, den sie tragen, uuvereinbar ist, und thun Alles, was Glanz und Ruhin über sie und ihre Genossen verbreiten kann; darum waren dem Könige Werth und theucr die beiden Preußischen Regimenter Kaiser Franz und Kaiser Alexander. *) In ihnen ehrte Er Seine hohen Bundesgenossen selbst, und sie machten solcher Ehre durch den guten Geist, der sie beseelte, sich stets würdig. Als die Gedächtnißtafel des eisernen Kreuzes, welches die Tapferen des Regiments, welches den Namen Kaiser Alexander trug, errungen hatten, in der Hof- und Garnisonkirche aufgestellt wurde, hielt am Altare Referent, an dem gerade die Reihe war, nachstehende Rede, die darum hier ihren Platz findet, weil sie unmittelbar den Kaiser von Rußland, von dem hier die Rede ist, betrifft. „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Ihm sei Anbetung, Ehre, Preis und Dank!" „Seid willkommen und gesegnet, ehrcnwcrthe, tapfere Männer dieses preiswürdigcn Regiments, hier an heiliger Stätte, zur Feier einer ernsten, bedeutungsvollen Stunde. Gerufen und eingeladen von eurem gnädigen Könige und Herrn, seid ihr jetzt versammelt, einen neuen Beweis Seiner Achtung und Zufriedenheit zu empfangen und mit edlem Selbstbewußtsein dieser Seiner Huld euch dankbar zu freuen. Das, was auch euer , Regiment für die große und gute Sache unseres Deutschen Vaterlandes, für seine Ehre und Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, mit tapferem Muthe gethan und gelitten, aufgeopfert und geleistet hat, soll an diesem heiligen Morgen öffentlich anerkannt und geehrt werden." „Das Gcdächtniß eurer Verdienste zu verewigen, und für die Nachkommen in heilsamen Erinnerungen gesegnet zu machen, ist diese Tafel aufgerichtet, welche die theueren Namen aller derer nennt, die in den heißen Stunden entscheidender Schlachten sich ruhmvoll ausgezeichnet haben, und die wir als die Namen vollendeter Kämpfer, die den Heldentod für das Vaterland starben, und als die Namen ehrcnwerther Ritter des eisernen Kreuzes, mit Siegeskränzen schmücken. Alles erfüllt bei dieser bedeutungsvollen Feier unsere Seele mit ernsten Gedanken, und führt sie von selbst zu Betrachtungen, die mit an- 22V Deutlicher noch und glänzender trat diese Gesinnung, die der König tief im Herzen trug, hervor bei der Errich- bctcndcr Ehrfurcht und froher Dankcmpfindung gegen den Gott erfüllen, der in schweren Prüfungen uns läuterte, und über alles Denken und Hoffen hinaus Seine Macht und Gnade so sichtbar unter uns verherrlicht hat. Was wären wir, wenn wir vergessen könnten, was Er Großes an uns gethan? und >was ist gerechter und billiger, was schöner und löblicher, als Veranstaltungen und Einrichtungen zu treffen, wodurch das Andenken daran lebendig unter die Augen gestellt wird, und womit zugleich eben der Geist erhalten und die Kraft genährt werden soll, aus der so viel Herrliches in unsterblichen Thaten hervorging. Wenn dicß in allgemeiner Beziehung von dieser Gcdächtniß-Feicr für jedes Regiment der Preußischen Armee überhaupt gilt: so hat eben diese Feier, als eine erweckende Erinnerung an den glorreichen und glücklich beendeten Kampf, für euch noch eine besondere, nähere Beziehung. Das Regiment, zu dem ihr gehört, ist der Ehre und Auszeichnung werth befunden, sich nach dem erhabenen und mächtigen Monarchen zu nennen, der in der Weisheit seiner Einsicht, in dem Edelmuthe seiner Gesinnungen, in der Tapferkeit seiner Krieger, einen unmittelbaren und wesentlichen Anthcil an dem großen vollendeten Werke hat, und dessen Name dadurch in der Geschichte unsterblich geworden ist. Der Glanz dieses gefeierten Namens umstrahlt euer Regiment; mit ihm bezeichnet ihr euren Chef, — und daran knüpfen sich lehrreiche Erinnerungen, die für euren Ruhm ebenso ehrenvoll, als für euer Pflichtgefühl wichtig sind. Und darum darf ich denn auch nicht erst wählen, worüber ich zu euch reden soll. Um euch durch wenige und doch nachdrückliche Worte diese Stunde der Weihe unvergeßlich und gesegnet zu machen, darf ich nur bei euch selbst und eurem Namen stehen bleiben; und kein Gedanke liegt mir näher, als der: „Das Preußische Regiment Kaiser Alexander ein Denkmal unserer großen Zeit," welcher uns an den Anfang, die Fortsetzung, und das Ende des heiligen Kampfes und seiner Siege lehrreich crin- tung des Nationgl-Dcnkiiials auf dem Templviver Berge bei Berlin, >818. Dieses sinnreiche und ansprechende Werk der ncrt. Vergönnt mir einige Augenblicke eure Aufmerksamkeit, um uns dieß klar und wichtig zu machen." „Ein Denkmal unserer großen Zeit ist das prciswurdige Regiment, dem ihr angehört; denn man kann den hohen Namen, welchen es tragt, nicht aussprechen, ohne von selbst erinnert zu werden an den Anfang des heiligen Kanrpfes und seiner herrlichen Siege. So weit war es mit dem frevelnden Uebcrmuthc und der grenzenlosen Anmaßung dcs furchtbaren Unterdrückers gekommen, daß er, dem der Süden zu enge war, nun auch noch rasend nach dem unermeßlichen Norden griff. Seine bis dahin unbesiegte, furchtbare Armee stand kühn und stolz da, und drang mit unwiderstehlicher Gewalt immer weiter. Aber ein jedes Ding hat sein Maß und sein Ziel, bis wohin es sich nur treiben läßt. Jede Uebertreibung zerstört sich durch sich selbst, und der Hochmuth ist dann seinem Falle am Nächsten, wenn er auf dem Gipfel seines Glanzes es am Wenigsten glaubt. Die göttliche Vorsehung, die Recht und Gerechtigkeit übt, tritt dann gewöhnlich selbst mit der Majestät ihrer Allgewalt in's Mittel, und sie war es, die dem Verderbet- mit donnernder Stimme zurief: Bis hiehcr — und nicht weiter! Hier sollen sich legen deine stolzen Wellen. In finsterer Nacht glänzte plötzlich ein Rcttungs- strahl groß und hehr, — und die Flamme einer auflodernden Stadt ward die Morgenröthe einer bessern Zeit. Aufgehalten und zurückgetrieben von der verzehrenden Gluth, empfing nun den Weltenstürmcr und sein Heer eine erstarrende Kälte, und der Ewige hielt ein Gericht, so furchtbar, so entsetzlich, so zerschmetternd, wie es je auf Erden sichtbar geworden ist. Alle die Schaaren, die noch vor wenigen Tagen, stolz auf eigene Kraft, höhnend im übcrmüthigcn Gefühl der Un- übcrwindlichkeir dastanden, lagen nun, angehaucht von dem erstarrenden Odem dcs eisigen Nordens, hingestürzt rettungslos darnieder, und was in einzelnen Trümmern entkam, schien nur darum erhalten zu sein, um die Kunde dieses gräßlichen Strafgerichts sichtbar zu uns zu bringen. So hat, was Mcn- 231 Kunst ist, in der angegebenen Idee des erhabenen Stifters, nach der Zeichnung des genialen Kunstlers Schinkel ausgeführt. schcnmacht nicht mehr vermochte, der Allmächtige selbst gcthan, — und zum Anfangspunkte Seiner wunderbaren Hülfe erwählte Er das Bolk und das Land des erhabenen Monarchen, dessen großen Name» ihr tragt! Ernste, lehrreiche Erinnerung! möge sie im Gedächtnisse der Völker bleiben und Früchte der Gottesfurcht tragen! möge sie, geschrieben mit glühenden Buchstaben auf die Tafel der Zeit, als Warnung und Lehre dastehen- daß den Ruchlosen die Gerichte des Ewigen treffen, und daß alle Hülfe allein vom Herrn kommt. O! bewahret, tapfere Krieger! diesen frommen Glauben in eurem Herzen. Er ist die Quelle jeglicher Tugend; er schützt gegen Sünde und Ausschweifung; er gicbt Muth und Kraft; er erfüllt die Seele mit fester Zuversicht; er macht stark in jeglicher Gefahr, er bildet den wahren Helden, und seiner Begeisterung verdanken wir die Siege, an denen ihr rühmlichen Antheil genommen habt. O! in diesem Glauben und seinem frommen Einflüsse auf euer Herz werdet ihr würdevoll eure Ehre behaupten, den Ruhm erhalten, den ihr euch errungen, der Auszeichnung Werth bleiben, die euch heute zu Theil wird; und an den hohen Namen, den ihr tragt, wird sich stets dankvoll knüpfen das Andenken an den Anfang der göttlichen Hülfe, die uns geworden." „Aber auch die erhebende Erinnerung an die Fortsetzung derselbe». Denn nicht vergeblich hatte der Allmächtige selbst gesprochen; der Ernst und die Bedeutung Seines furchtbaren Gerichts wurde tief empfunden, und in dem, was nun geschehen müsse, begegneten sich die Herzen eures erhabenen Chefs und eures gnädigen Königs und Herrn. Was Sie wollten, beschlossen, thatcn, entsprach den Wünschen Ihrer Völker, und an Ihrem großen Beispiele entzündete sich die Flamme der heiligen Begeisterung, die bald ganz Deutschland und seine Beherrscher durchdrang. So entfaltete sich vor unfern erstaunten Blicken das wunderbare Schauspiel, die tapferen Schaare» aus dem entfernten Norden mit den unsrigen in Eintracht auf Einem Wege, zu Einem großen Ziele hin, innigst verbündet zu 232 Es ist von Gußeisen und ruhet auf einer festen Grundlage, welche die Gestalt eines eisernen Kreuzes hat. Es trägt I > sehen, beseelt von demselben Geiste des Vertrauens, der Liebe und Anhänglichkeit, der ihre erhabenen Machthaber schon lange wechselseitig aneinander knüpfte. Vor dieser Vereinigung, die nur die große, gute, gemeinschaftliche Sache festhielt, verstummte jede andere Rücksicht, wurde klein und unwürdig jede andere Berechnung des Bortheils und des Ehrgeizes, und die Welt sah mit frohem Erstaunen eine Einigung der Grundsätze und Gesinnungen, der Absichten und Bestrebungen, wie in dieser Wahrheit und Lauterkeit, in dieser Tiefe und Treue, die' Geschichte weiter kein Beispiel aufzuweisen hat." — „Und in diesem herrlichen Geiste einer zusammen gehaltenen, innigst verbündeten Kraft, als Theil des Ganzen sich fühlend, kämpfte und siegte auch euer preiswürdigcs Regiment. Mit tiefer Achtung und dankvoller Rührung gedenket diese Ehrentafel und Jeder von euch der tapferen Waffenbrüder in euren Reihen, die in diesen einträchtigen Kämpfen fielen, die den Heldentod für's Vaterland starben, und wir weihen ihnen in dieser heiligen Stunde eine Thräne frommer Wchmuth. Euch aber, die ihr, von denselben Gefahren des Todes umringt, glücklich erhalten wurdet, und, den Tod nicht fürchtend, das Zeichen eurer Tapferkeit in dem Orden des eisernen Kreuzes auf derHcldenbrust traget, euch bezeuget heute euer König und Herr Seine Zufriedenheit und Gnade, das Vaterland seine Dankbarkeit, und dicß Denkmal bringt euer Verdienst auf die Nachwelt. Aber es ehrt zugleich damit euer ganzes Regiment, es nennt seinen glorreichen Namen, damit die Ehre des Einen die Freude des Andern, und die Auszeichnung Einzelner der Ruhm des Ganzen sei, — weil Jeder von euch, brav und gut, denselben Preis davon getragen haben würde, wenn Jeder Gelegenheit gehabt hätte, ihn zu erringen. O! darum bewahrt und erhaltet diesen Geist der Kraft und des Muthes, der Eintracht und des Vertrauens in eurer Miste; das Band des Wohlwollens und der Bcrufstreuc umschlinge euch Alle, Vorgesetzte und Untergebene, immer fester, — damit an den hohen 233 aber dieß bedeutungsvolle Symbol auch auf seiner Spitze. Mit Einschluß der Stufen hat es eine Höhe von til Fuß. Das Namen eures Regiments sich dankvoll und ungetrübt stets die Erinnerung an die glückliche Fortsetzung des heiligen Kampfes knüpfe." — „Und auch an sein glorreiches Ende. Denn konnte dieses in seine» wohlthätigen und unermeßlichen Wirkungen und in einer neu geschaffenen Ordnung der Dinge so glänzende Ende herrlicher gekrönt, bedeutungsvoller versiegelt, und beruhigender gesichert werden, als es durch den von eurem erhabenen Chef gestifteten heiligen Bund der Regenten vor ganz Europa auf eine so herzerhebendc Weise geschehen ist? Wahrlich, hier krönt das Ende das Werk, zum Preise Gottes, zur Ehre des Erlösers, zum Segen aller Völker. Und Weisheit und Tugend, Wahrheit und Gerechtigkeit, Ruhe und Friede werden auf Erden wohnen, so lange die erhabenen Grundsätze des Christenthums, auf denen dieser heilige Bund gebaut ist, anerkannt, verehrt und befolgt werden. In ihm sehen wir die gegenseitigen Verhältnisse der Rationen und ihrer Beherrscher dem launigen Wechsel der Umstände glücklich entrissen, und den ewigen Gesetzen Gottes und des Heilandes untergeordnet. Hier erblicken wir dieß heilige Gesetz als die unabänderliche Richtschnur, die alle Beziehungen beschränken, alle Beschlüsse bestimmen, alle Handlungen leiten, alle Anordnungen befestigen, allen Mißverständnissen im ersten Entstehen vorbeugen soll. Hier sehen wir alle Völker durch das Band des christlichen Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, vereinigt, und deren Machthaber, als ihre Väter und Stellvertreter Gottes und Jesu, verbrüdert." „Rein, so lange die Erde steht, ist vor den Augen der ganzen Welt kein Bund geschlossen, der so erhaben in seinem Uv-. sprunge, so groß in seiner Bedeutung, so wichtig in seinen Zwecken, so bindend in seiner Verpflichtung ist, als dieser. Er vollendet würdig das große Werk, und druckt ihm de» Stempel des Göttlichen auf. Euer Regiment, chrenwerthe, tapfere 234 Denkmal selbst ist im Gokhischcn Styl; es hat 4 Haupt- seitcn, van denen jede nach den verschiedenen Weltgcgcndcn gerichtet ist. Aus der Ostseitc befindet sich die Inschrift: „Der König dem Wolke, das auf seinen Ruf hochherzig Gut und Blut dem Waterlandc darbrachte; den Gefallenen zum Gedächtnis«, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachcifcrung." Bildsäulen stehen umher und stellen die gekrönte Tapferkeit der Deutschen Krieger vor. Man liefet in den Nischen die unvergeßlichen Namen: Culm, Dennewitz, Bcllc-Alliance, Großbcercn, Katz- Kriegcr! ist ein Theil und gleichsam ein Unterpfand dieses heiligen Bundes. In seinem hohen Namen ehren und preisen wir die Bürgschaft desselben hier, wie dort, wo der große Kaiser thront, diese Bürgschaft in dem Regiment König Friedrich Wilhelm III. geehrt und gepriesen wird. Was beide erhabene Monarchen einst in einer feierlichen mitternächtlichen Stunde, am Sarge Friedrichs des Großen, sich gelobten, das geht heute, im Sonnenlichte des Fricdeirs, in dieser Feier, in der Weihe dieser Gcdächtnißtafcl des Regiments Kaiser Alexander, aufgestellt an der Gruft Friedrichs des Großen, noch einmal groß und herrlich in Erfüllung. Köstliche, erhebende Feier! du erfüllst unsere Seele mit anbetendem Erstaunen, unser Herz mit dankvollcr Rührung, und unsere Augen mit stillen Frcudenthränen. Du bist unserer Armee und unserem Volke, uns und unseren Kindern ein Zeiche», Siegel und Pfand einer ehrenvollen Eintracht und eines glücklichen Friedens, einer gesicherten Zukunft. Und darum beten und flehen wir: Segne, o Gott! das heilige Unternehmen der Regenten, deren theure Namen wir vor Dir mit Ehrfurcht und Rührung aussprechen. Segne sie, o Batet! damit das Wohl ihrer Völker ihr Herrscherdiadcm in himmlischer Verklärung umstrahle; und laß die hochgcfcicrtcn Namen Kasscr Alexander und König Friedrich Wilhelm; und ihrer Helden, glänze» durch alle Jahrhunderte im Tempel der Unsterblichkeit." 235 dach) Paris, Dur sur- Leipzig, Wartenburg, I-u Dotlrivre; und über jeder Inschrift sieht man das eiserne Kreuz. Ein würdiges Denkmal, auf einem Berge in Ansicht der großen Stadt Berlin! — Es war ein schöner heiterer Herbstmorgen (der lOte September 1818), an welchem es feierlich eingcwcihet werden sollte. Berlin war auf den Beinen; alle Straßen waren belebt, und der Weg nach dem Tcmplower Berge war von Fußgängern, Reitern und Wagen, ungefüllt. Uebcr 20,000 Mann Truppen, deren Gewehre in den goldenen Strahlen der Hcrbstsonne blinkten, waren auf den nahen, tiefer liegenden Feldern in Parade versammelt, und wenigstens 50,000 Menschen aus allen Ständen, sonntäglich gekleidet, waren zusammengeströmt. In Allen lebte der damals noch neue Gedanke und das frische Gefühl der außerordentlichen, großen Zeit, die unerwartete Hülfe, die Deutschland geworden und die wie ein Wunder eingetreten war, erfüllte jedes Herz, und diese fromme, gottessürchtige Stimmung thcilte sich der bewegten Volksmassc mit, die nicht in wildem Lärm, sondern still und ehrerbietig, sich in naher und weiter Entfernung dem Berge und seinem hohen National-Denkmale näherte. Der Kaiser und der König kamen, hinter ihnen die Prinzen des Hauses und ein glänzendes, zahlreiches Gefolge. Ringsumher die Diener und Beamten des Königs und sämmtliche Geistlichen der Stadt. So groß und zahlreich die Versammlung war, so hatte sie doch Platz auf dem hohen, weiten Räume, der das Monument umschließt. Alles auf der Höhe und im Thalc war still; Alles entblößte in innerer Stimmung sein Haupt. Die ganze, große Volksmenge stand vor Gott, dem Herrn der Welt, und Alle, Alle sangen unter weithin ziehenden Trompetentönen das herrliche Siegeslied: „Nun danket Alle Gott", und Feld und Flur wurde Sein Tempel. Ein herrlicher, hcrzerhebcnder Moment! — Auf dem Grundstein, der gelegt werden sollte, war eine bronzene Platte, mit der Inschrift: „Dankbar gegen Gott, eingedenk seiner treuen Verbündeten, und ehrend die Tapferkeit seines Volkes, legte in Gemeinschaft mit Alexander I., Kaiser von Rußland, Friedrich Wilhelm III. den Ift. September 1818 diese Platte in den Grundstein des Denkmals für die ruhmvollen Ereignisse ist den Jahren 1813, 1814 und 1815, in Gegenwart Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen u. s. f. Dex Kaiser nahm zuerst den Hammer, und schlug damit, während die Truppen eine dreimalige Salve gaben, auf die Platte; ihm folgte der König, der Kronprinz, und nach ihrem Range ssämmtliche im Kreise Anwesenden. Es trat nach diesem symbolischen Acte eine feierliche Pause ein, und der dazu beauftragte Geistliche hielt folgende Rede: „Nicht uns, Herr! nicht uns, sondern Deinem Namen gieb Ehre. Dir bringen wir des frohen Dankes fromme Opfer; nimm sie auf in Deine segnende Hand." „Wenn bei der lauteren Wahrhaftigkeit, die das öffentlich gesprochene christliche Wort verlangt, es oft schwer werden mag, dasselbe in ihre Verbindung zu bringen mit dem menschlichen Werke, von dessen Ehre es zeugen soll: so darf die höhere religiöse Ansicht für die Feier, die uns hier versammelt, nicht erst gesucht und in sie hinein gelegt werden, sie tritt vielmehr, als ihr eigcnthümlich, aus ihrem inneren Wesen von selbst hervor, und trägt nur allein diesen höheren göttlichen Charakter. Denn auf dem weiten Gebiete der Ge- schichte aller Völker und Nationen giebt es keine Wcltbcge- benheit, die in der Läuterung, welche ihr vorherging, in der Größe der Unternehmung, in Reinheit der Absichten, in der Kraft der Fortsetzung, und in der Ueberraschung der Ent- wickelung, klarer und überzeugender, lauter und herzerheben- dcr für Gottes allmächtige und gerechte Wcltrcgierung zeugt, als die große Wcltbegebcnheit, deren Andenken dieses Denkmal geweiht ist." „Darum bedarf es auch nicht erst der Einweihung, als einer Handlung, ihm Etwas zu geben, was es nicht schon an sich hätte. Es ist gcweihct durch die erhabene Hand beider Majestäten, des Königs und des Kaisers, die hier seinen Grundstein legten; geweihet durch die edle und ernste, in der Inschrift ausgesprochene Absicht des Landcshcrrn, der es errichtete; geweihet durch tausend große, lehrreiche Erinnerungen, in welchen Gott selbst zu uns spricht, — und diese Erinnerungen sagen mehr und wirken tiefer, als schnell verhallende Worte auszudrücken vermöchten." „So steht dicß Denkmal da, als der Zeuge einer großen Vergangenheit, als der Verkündiger einer glücklichen Gegenwart, als der Herold einer hoffnungsvollen Zukunft. Die Namen, welche es nennt, die Siege, die es bezeichnet, haben in der Geschichte der verbündeten Völker und ihrer Heere, haben in der Geschichte unserer Nation und Armee ein welthistorisches Interesse erhalten, dessen glänzende Größe von Geschlecht zu Geschlecht durch alle Jahrhunderte fortleben wird. Darum deutet hier auch Alles auf einen höheren, göttlichen Ursprung hin; es sprechen uns hier himmlische Stimmen an, und von der Stadt, die in Flammen aus- 238 ging, bis zu der Stadt, deren heldcnmüthige Bekämpfung und glorreiche Einnahme erfolgte, hallet das Wort göttlicher Weihe über den Erdkreis: „Er hat ein Gcdächtniß seiner Wunder unter uns gestiftet, der gnädige und barmherzige Gott! Heilig! heilig! heilig! heilig ist der Herr der Hcerschaarcn, und alle Lande sind Seiner Ehre voll." „Aber wir selbst wollen uns weihen, der wundervollen Hülfe, die wir erfuhren, und der göttlichen Errettung, die aus der Tiefe der Schmach uns auf den Gipfel des Ruhms stellte, würdig zu bleiben, damit wir in uns anbauen die Kraft der Eintracht und Vaterlandsliebe, das schwer Errungene nun auch zu bewahren, und es nicht nur zu schützen gegen jeden nachteiligen Einfluß, sondern in vereinter Anstrengung seiner schönen Bollendung es immer näher zu bringen. So wie dieß Denkmal hier in Gottes Tempel, unter dem hohen Gewölbe Seines Himmels, einfach und ernst, würdevoll und bedeutungsreich, vor uns steht: so lebe die lan- desväterlichc Absicht und Gesinnung, in der es errichtet ist, in der Brust eines jeden tapfcrn Kriegers; in der Brust eines jeden Dieners des Staats und der Kirche; in der Brust eines jeden Unterthanen belebend fort, und erzeuge Früchte der Gottesfurcht und des christlichen Gcmcinsinns, die als ein heiliges Vermächtnis; auf unsere Kinder und Enkel übergehen." „Doch nicht bloß der hier v.or uns liegenden Königsstadt, der ganzen Nation gehört dieß Denkmal an, und den Geist, der in den Jahren großer und schwerer Kämpfe sie und unsere Armee beseelte, ehrend, stehen die Taufende, die hier versammelt sind, im Namen der Millionen, die mit 239 uns eine gemeinschaftliche ehrfurchtsvolle, treue Liebe für König und Vaterland zu einem großen Staate verknüpft. Und darum ist dieser Augenblick der Weihe ein großer und erhebender; in ihm erweitert sich das Herz, und die Aussicht und das Gewicht der ersten und köstlichsten Güter, die ein ganzes christliches Volk besitzt, wird in seiner Herrlichkeit und Verpflichtung uns fühlbar. Aber da, wo das große Ganze mit gebietendem Ernste vor die Seele tritt, suchen Blick und Herz den Himmel, und im tiefen Gefühle der Abhängigkeit von einer höhcrn Macht stimmt sich von selbst das Herz zum Gebet. — Wir beten: „Was Du, Allmächtiger! Großes an uns gcthan, spricht kein Wort, kein Werk der Kunst, kein Denkmal aus; über Bitten und Verstehen hast Du uns geholfen und gesegnet. Aber, was tief das Herz bewegt und mit Gefühlen der Freude, der Ehrfurcht und Dankbarkeit erfüllt, das sucht auch den Ausdruck, zu stammeln Dein Lob, zu verkünden Deine Huld und Gnade. Siehe! Dein Gesalbter, den Deine Liebe uns zum Herrn und König gab, preiset hier im Hinblick auf die Nation, die Du Ihm anvertrautest, die Wunder Deiner Barmherzigkeit und legt in dem Denkmale, das Er errichtete, vor der Welt und Nachwelt das Zeugniß Seiner christlichen Gesinnungen, Absichten und Wünsche, als ein reines Opfer vor Deinem Throne nieder. Vater, nimm es gnädig an! — nicht unsere Ehre, Deine Ehre soll es verkündigen; sagen soll es Jedem, der aus der Nähe und Ferne kommt, wie Deine Huld sich an uns verherrlicht hat. Und so weihen wir denn dieses Denkmal ein im Glauben an Dich und Deinen ewigen Sohn, Jcsum Christum, in dein Du uns mit unvergänglichen Gütern gesegnet; wir weihen es ein mit innigen Gebeten für das Heil unsers Königs, Sei- 240 nes Thronerben, Seines ganzen Hauses; für das Heil Seiner Bundesgenossen, besonders auch des Kaisers, der hier mit uns an diesem Ort sein Herz zu Dir erhebt und mit uns betet. Wir weihen es ein mit wehmuthsvollen Dank- cmpflndungcn gegen Alle, die für die große Sache starben und durch ihren Tod unser Leben errangen; mit heißen Segenswünschen für die Wohlthat der Armee und des Volks, und mit dem heiligen Gelübde, Dir, unserer Pflicht und dem Könige treu, treu zu sein bis in den Tod. So nimm denn diesen Ort in Deinen Schutz, bewahre ihn vor jeglicher Entweihung; laß ihn die heilige'Stätte sein, wo im Gefühl Deiner Allgegenwart die fromme Vaterlandsliebe festliche Stunden feiert; wo der Krieger und der Bürger, der Beamte und Unterthan, mit Erhebung und Stärkung des Gc- müths gern verweilt. Ehrwürdige Stätte, sei auch den spätesten Enkeln, die auf unserem Staube wandeln, noch heilig, und nie schlage ein anderes Herz in deiner Nähe, als das Gott fürchtet und den König ehrt. Gottes Segen dem Denkmal, welches weihet: „Der König dem Volke, das auf Seinen Ruf hochherzig Gut und Blut dem Vaterlande darbrachte; den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung; den künfti- > gen Geschlechtern zur Nacheiferung."*) Chor, „Halleluja!" *) Die Inschrift des Denkmals. Prediger. „Die Gnade uiisers Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes, des himmlischen Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, sei mit Euch Allen. Amen." Chor. „Amen, Amen, Amen!" Der König erließ nach der Feier folgenden Tagesbefehl und druckte dadurch Sein Siegel auf: „Wir haben in heiliger Feier dem Denkmale die Weihe gegeben, das Ich, als Ancrkenntniß der Treue Meines Volkes in verhängnißvoller Zeit, und der Tapferkeit seiner Söhne im Kampfe für Unabhängigkeit und Recht, zu errichten verhieß. Wir überliefern es mit dem erfleheten Segen des Himmels unseren Nachkommen als ein bedeutungsvolles Andenken an eine Zeit harter Bedrängnisse, an den Heldenmut!) der Krieger, durch den die Selbstständigkeit erkämpft ward, und als ein heiliges Zeichen der allwaltenden Gerechtigkeit. Wenn an gcweiheter Stätte glorreiche Erinnerungen jede Brust erfüllen, so ist es vor Allem, was uns erhebt, die Erinnerung an das glänzende Beispiel der Einigkeit und des unerschütterlichen Vertrauens zwischen Fürsten und Volk, und der echten Begeisterung, womit die Nationen für die Erfüllung ihrer Pflichten gegen das Vaterland und für die Ehre des angestammten Thrones in den Kampf zogen. Dem Gedächtnisse dieser Tugend bleibe also dieß Denkmal gewcihet. Sie ferner zu bewahren, vertrauet zunächst das Vaterland denen, die zu seiner Vcrtheidigung berufen sind, — Euch und Euren Waffengefährten, deren Stellvertreter Ihr bei der Feier wäret. Euer Ziel sei, dieß Vertrauen zu rechtfertigen und jene Tugenden zur Ehre des Preußischen Namens auf die II. m ,6 242 Nachkommen zu vererben, welche des Vaterlandes Heil und Schutz lind der Stolz Eures Königs sind. *) Friedrich Wilhelm." Den Msten September 1818 kam der Kaiser von Nußland mit unserem Könige von Berlin nach Potsdam. Man wußte die Stunde nicht genau, wann die höchsten Herrschaften eintreffen würden; man mußte, zur Cour bcschieden, Militair-, Civil-Personen und Geistliche, die Ankunft also abwarten. Der König erschien mit Seinem hohen Gaste; und der Kaiser ging gewandt und rasch, nach allen Seiten freundlich grüßend, durch die aufgestellten Reihen. Nachdem er in den Nebenzimmern verschwunden war, kam bald darauf ein Kaiserlicher Adjutant, der im Namen seines Herrn dankte; — dieß war das Entlassungszeichen. Auf dem Wege nach meiner Wohnung hörte ich in einem fremden Dialcct meinen Namen rufen, und wie ich mich umsah, kam ein Russischer Offizier *5) zu mir heran, mit dem Auftrage *) Beide Feiern, die der Grundsteinlegung und der Einweihung des Denkmals, sind, um ein Ganzes zu haben, hier vereinigt. **) Es war der auch in Deutschland rühmlichst bekannt gewordene General von Czcrnitschcss, der mit seinen Kosackcn, ihren langen Barten und Piken, zuerst muthig ankam, die Feinde vollends zu vertreiben, und unsere Erlösung, wie man sie kaum noch zu hoffen wagte, unter großem, hospitablcm Wolksjubcl verkündigte. Er hielt sich nicht lange auf; behende bewegte er sich mit seinen Pulks und ihren Fähnlein weiter von Land zu Land, zu verkündigen die froh? Botschaft. Er kannte keine Furcht, schwärmte überall herum; die Franzosen hatten eine heillose Furcht vor den Kosackcn, und er gab den Gefangenen in Cassel, unter weiland Hieronymus, die Freiheit. Er war 243 Seiner Majestät des Kaisers van Rußland, „die gestern bei der Einweihung des National-Denkmals gehaltene Rede in Abschrift, aber in lateinischen Buchstaben, zu übergeben; Allerhöchstdieselben wollten sie ins Russische übersetzen lassen und jedem Soldaten ein Exemplar geben." Erfreut und überrascht durch das Wohlwollen, welches einer kleinen unbedeutenden Rede erwiesen wurde, sprach ich den Wunsch aus: „dem Kaiser von Rußland, einem so merkwürdigen Manne auf dem Schauplatze der Welt, sie persönlich überreichen zu dürfen: ich könne nicht leugnen, wie es mir angenehm und lehrreich sein würde, die hohe Bekanntschast zu machen." Czcrnitscheff antwortete: „wie er nicht zweifle, daß dem Kaiser, seinem Herrn, dieß auch sehr lieb sein würde, er aber zuvor dcßhalb Anfrage halten müsse." Es wurde gleich darauf eine bejahende Antwort gebracht. Zur bestimmten Abendstunde ging ich mit der sauber abgeschriebenen Rede zum Schlosse, dessen prächtigster Theil, die sogenannten Neuen Kammern, der hohe Gast bewohnte. Die Zimmer waren angefüllt mit Gardisten und ihren Offizieren in Galla- Uniform, und in einem der Borzimmer war der Preußische hohe Offizier, der beim Kaiser die Aufwartung hatte. Der Fürst Wolkonskp empfing mich und führte mich zum Grafen Ezcrnitscheff, dieser zum Fürsten Menzikoff, der mir nun die Thür zum Zimmer des Kaisers öffnete. Dieser war ganz allein, in einem gewöhnlichen grauen Obcrrock saß er an einem damals voll Fcuee und Leben, seine Augen sprühetcn, und schlank, war Alles an ihm in Bewegung. Ein interessanter, geistreicher Mann, von genialischer, orientalischer Färbung. Oft nachher sah und sprach ich ihn; er ist, wenn ich nicht irre, jetzt Kaiserlich Russischer Kriegsminister. Il>" 244 Tisch und schrieb. Mit Leichtigkeit sprang er auf, kam mit heiterer Unbefangenheit zu mir heran, sagte mir freundliche, verbindliche Worte, und führte, mich an der Hand nehmend, mich in die Mitte des Zimmers. Vom Kopfe bis zum Fuß sah er mich an; doch hatte sein Heller Blick nichts Messendes, vielmehr etwas Zutrauliches und Gewinnendes; er sah so aus, daß man nicht daran dachte, vor welch einem mächtigen Kaiser man stehe. „Sprechen Sie," sing er an, „französisch Und wie ich antwortete: „Nicht so fertig und fehlerfrei, als ich in diesem Augenblick es wünsche," neigte er die linke Seite des Kopfes noch näher zu mir hin, weil er auf dem rechten Ohr nicht gut hörte. „Nun," fuhr er fort, „so geht's mir mit der Deutschen Sprache; ich verstehe sie, aber rede sie noch mangelhaft, und Sic müssen entschuldigen, wenn ich hie und da mit einem Französischen Worte mir helfe, wenn ich den rechten Ausdruck nicht gleich finden kann." Der Kaiser schwieg, ging mit großen Schritten aus und ab, stand dann stille, sah mich wieder an, mit verschränkten Armen, und ich sah es ihm an, daß er, von Etwas erfüllet, reden wollte. Gleich darauf hob er an: „Das war gestern eine schöne Feier, einfach, wie Ihr König, und gedankenreich und gemüthvoll, wie Er. Sie haben gut gesprochen, und Ihre Rede hat mich tief gerührt. Sic haben Recht: nicht uns, sondern Dem, (hier blickte er mit Innigkeit empor) welcher die Welt regiert, gebührt allein die Ehre und der Dank. Das ist auch damals allgemein anerkannt und empfunden, und man rief aus: „Das hat Gott gethan!" Aber so ist der Mensch; man fängt schon an, es zu vergessen, und dis- putirt darüber, welche Armee das Meiste gethan hat. Der böse Egoismus, der es immer wieder vergißt, daß er olles Gute vou Gott hat! Bei jeder Gelegenheit, privatim und öffentlich, habe ich meine Uebcrzcugung laut ausgesprochen, daß die ganze große Weltbcgebenhcit ein Werk der Barmherzigkeit und Hülfe Gottes sei. Diese Ucbcrzeugung hat sich auch meinem Volke, im Ganzen genommen, mitgetheilt. Mir ist es über Alles wichtig, jede Veranlassung, wodurch sie gestärkt und befestigt werden kann, zu benutzen. Bei einer feierlichen Gelegenheit ist sie von Ihnen wieder ausgesprochen, und das freut mich. Darum bitte ich um eine Abschrist Ihrer Rede (die ich überreichte); ich will sie in's Russische übersetzen und dann verthcilen lassen. Nur allein in der Ucbcrzeugung: ohne Gott ist der Mensch Nichts; nur mit ihm und durch ihn ist er Alles, liegt das Wohl des Einzelnen und des Ganzen." Der Kaiser ging wieder wie vorher auf und ab, und da er schwieg, glaubte ich, die Audienz sei zu Ende, und er wolle mich entlassen. Diese Erwartung mochte er mir ansehen, und er sagte freundlich: ich möchte noch etwas bleiben. „Noch habe ich," nach der Uhr hinsehend, „Zeit." Ich bemerkte also: „die eben von Ihrer Majestät ausgesprochene Ucbcrzeugung habe auch unser König, und es sei herzcrhe- bend, sie bei denen zu finden, welchen die göttliche Aorse- hung das Wohl von Millionen anvertraut habe." Der Kaiser siel lebhaft ein: „O! der König von Preußen ist ein vortrefflicher Herr, von Herzen gottcssürchtig, und wahr und redlich in seinem ganzen Thun und Lassen. Er und ich sind gute Freunde und Brüder zusammen, die sich einander lieb haben. Ich hoffe, Preußen und Rußland werden innig verbunden sein und bleiben, unter (hier hob er die rechte 2stsl Hand empor) Einem Vater. Aber so schön und groß es ist," suhr er gehend fort, „wahrhaft religiös sein, ohne bloß es zu scheinen und das äußere Wesen davon anzunehmen, so daß es so ausstehet, als hätte man Religion, — so selten findet man das! Jeder Mensch, ohne Ausnahme, ist ein Egoist, und sucht, so lange das Ehristenthum ihn nicht um- geschaffen und eine Regeneration bewirkt hat, nur sich selbst und seine eigenen versteckten Absichten. Das Schlimmste ist, daß er sich selbst und Anderen das verhehlt, und sich einredet, er diene dem gemeinschaftlichen Besten, wenn Eitelkeit, oder Ehrgeiz, oder Gcldliebc, doch die im tiefsten Hintergründe verborgenen Triebfedern seiner Handlungen sind. Diesen Egoismus bringt auch keine Philosophie heraus; sie vermehrt ihn vielmehr, indem sie die Menschen stolz macht, und in gleichem Grade das Herz leer und ungebessert läßt, in welchem sie den Verstand mit Intelligenzen und Sophismen bereichert. Der Mensch ist, wenn er sich der schmerzhasten Operation, sein Inneres zu reinigen, unterwerfen soll, ein bodenloser Sophist. In sich selbst lernt man am Sichersten Andere kennen. Erst seit der Zeit, wo mir," — (in diesem Augenblick trat ein Kaiserlicher Diener ein, der in Russischer Sprache redete, und in derselben eine etwas stark betonte Antwort erhielt.) Der Kaiser faßte mich wohlwollend bei der Hand, und setzte hinzu: „Bleiben Sic noch. Ja, was wollte ich sagen; ganz recht: erst seit der Zeit, wo mir das Christenthum über Alles wichtig und der Glaube an den Erlöser in seiner Kraft fühlbar geworden, ist — wie danke ich's Gott! — Friede in meine Seele gekommen." Diese Worte sprach der Kaiser mit einer innigen, leben digen Wärme und drückte seine Hand an's Herz. Ich sah und hörte es dem hohen Herrn an, daß es ihm damit ein wahrer, srommer Ernst war. Von diesem Augenblick an verlor die Unterredung die Form einer steifen Audienz. Die Wahrheit, welche dieselbe ist und bleibt, es mag sie ein mächtiger Kaiser, oder einer der geringsten Unterthancn aussprechen, machte ihre ewigen Rechte geltend. Wie mir, .mit hineingezogen in den Strom sympathetischer Rede, zu Muthc war, aus dem Munde des Monarchen, dem so Vieles anvertraut war, diese und solche Worte, gesprochen mit der liebenswürdigsten Offenherzigkeit, zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mich ergriff eine tiefe Rührung und ich sagte: „Gott hat Ew. Kaiserliche Majestät hoch gestellt: aber höher und größer, als alle irdische Macht, Größe und Herrlichkeit, welche er Ihnen verlieh, ist dieß Bckcnntniß Ihres Mundes und diese Ucberzeugung Ihrer Seele. Dadurch bekommt Ihre irdische Größe das Element des Himmlischen." Der Kaiser schwieg und schlug die Augen nieder: dann sah er mich ernst, jedoch milde an, berührte mit seiner Hand meine Achsel, und tief Athcm holend fuhr er fort: „O! ich bin auch nicht auf einmal dahin gekommen: glauben Sic mir, der Weg dahin ist durch manche Kämpfe und Zweifel gegangen. Die Kaiserinn Catharinc war eine kluge, geistreiche, große Frau und ihr Gedächtniß lebt in der Russischen Geschichte fort; aber mit der Erziehung zur wahren Hcrzensfrömmig keit ging es am Hofe zu Petersburg, wie fast überall: viel Worte, aber wenig Geist; viel äußeres Formclwerk, aber die heilige Sache des Christcnthimis selbst blieb uns verborgen. Ich suhlte eine Leere in der Seele und eine unbestimmte Ahnung schwebte mir vor. Ich ging dahin und zerstreute mich. „Aber", sprach er mit wahrhast orientalischer Bcgci- sterung und mit erhobener Stimme, „aber der Brand von Moskau hat meine Seele erleuchtet, und das Gericht des Herrn auf den Eisfeldern hat mein Herz mit einer Glaubcns- wärme erfüllt, die es bis dahin so nie gefühlt. Nun lernte ich Gott kennen, wie die heilige Schrift ihn gcoffenbart; nun verstand und verstehe ich seinen Willen und sein Gesetz, und der Enlschluß wurde in mir reif und fest, mich und meine Regierring nur ihm und der Beförderung seiner Ehre zu widmen. Seit dieser Zeit bin ich ein Anderer geworden; der Erlösung Europa's von dem Verderben verdanke ich meine Erlösung und Freimachung." „Immer," siel ich ein, „habe ich den heiligen Bund, den Ew. Kaiserliche Majestät mit dem Kaiser von Ocstrcich und dem Könige von Preußen gestiftet haben, in seiner grv sie» Absicht verehrt; aber jetzt erst, da ich so glücklich bin, Ew. Majestät selbst zu hören, verstehe ich ganz die Wahr heit, Reinheit und Tiefe seiner Bedeutung." Das Gesicht des Kaisers wurde freundlicher und Heller; er erwicdertc: „Das freuet mich, die wenigsten Menschen haben von diesem Bunde eine wahre und richtige, Viele eine ganz irrige Vorstellung, Manche sogar eine böse Ansicht, und lassen nicht undeutlich merken, daß eine Absicht vulgärer Klugheit hinterlistig im Rückhalt liege. Es ist damit also gegangen. In den Tagen von Lützen, Dresden und Bautzen, drängte sich bei allen vergeblichen Anstrengungen, wo wir bei der größten hclden- müthigcn Tapferkeit unserer Truppen dennoch retiriren mußten, Ihrem Könige und mir die Uebcrzcugung auf, daß mit menschlicher Macht Nichts gethan, und Deutschland verloren sei, wenn die göttliche Vorsehung uns nicht helfen und segnen würde. Ernst und nachdenkend ritten wir, der König 2-i!) und ich, ohne Begleitung nebeneinander und sprachen nicht. Endlich unterbrach mein bester Freund das Stillschweigen und sagte: „Das muß anders werden; wir bewegen uns nach Osten, und wir wollen und müssen nach Westen. Und es wird mit Gottes Hülfe gehen. Wenn er aber, wie ich hoffe, unsere vereinten Bemühungen segnet, wollen wir zu der Uebcrzeugung, daß ihm nur allein die Ehre gebührt, uns vor der ganzen Welt bekennen." Das gelobten wir, uns einander und reichten uns ehrlich die Hände. Es folgten die Siege bei Culm, Katzbach, Großbcercn und Leipzig, und als wir am Ziele des schweren Kampfes in Paris waren, brachte der König von Preußen, von dem die erste Anregung ausgegangen, diese heilige Sache wieder zur Sprache, und es vereinigte sich gern mit uns, in Denkart, Gesinnung und Absicht übereinstimmend, der edle Kaiser von Oestreich Franz I. Zn einer ernsten Stunde entstand die erste Idee dieses heiligen Bundes, in einer schönen, dankbaren und frohen wurde sie ausgeführt. Er ist gar nicht unser, sondern Gottes Werk. Der Erlöser selbst hat alle Gedanken, die er enthält, und alle Grundsätze, die er ausspricht, eingeflößt. Wer das nicht erkennt und fühlt, und hier wohl gar die versteckten Absichten der Politik im Hintergründe zu sehen meint und Heiliges und Unheiliges vermischt, der hat darüber keine Stimme und mit einem solchen Menschen läßt sich nicht darüber reden." *) Hier wurde *) Da sie bei den Meisten schon in Vergessenheit gekommen, ja von Bielen gar nicht gelesen ist, die Acte des heiligen Bundes, geschlossen zu Paris den 2li, September 1815, so wird sie hier noch einmal diplomatisch genau abgedruckt: „Im Namen der heiligen, »nthcilbaren Dreieinigkeit. Ihre Majestäten, der 25)0 sein Blick finster und seine hohe Stirn ernst. »Als Wirkung des heiligen Bundes," fiel ich ein, „hat man nun auch Kaiser von Ocstreich, der König von Preußen und der Kaiser aller Reußen, in Folge der großen Begebenheiten, die in Europa den Lauf der letzten drei Jahre bezeichnet haben, besonders aber in Folge der Wohlthatcn, die es der göttlichen Vorsehung gefallen hat, über die Staaten zu ergießen; deren Regierungen ihre Hoffnungen und ihr Vertrauen auf den alleinigen Gott setzen, indem sie die innere Ueberzeugung fühlen, wie unumgänglich nöthig es ist, den den Mächten vorliegenden Gang der gegenseitigen Verhältnisse den hohen Wahrheiten, die durch das ewige Gesetz Gottes, des Heilandes, eingeflößt werden, unterzuordnen, erklären feierlich, daß der gegenwärtige Act bloß zum Gegenstände hat, vor den Augen der ganzen Welt ihren unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, sowohl in der Verwaltung der ihnen anvertrauten Staaten, als auch in politischen Beziehungen mit jeder anderen Regierung, nichts Anderes zur Richtschnur zu nehmen, als die Gebote dieses heiligen Glaubens, die Gebote der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens, die sich durchaus nicht durch ihre Anwendung bloß auf das Privatleben einschränken, sondern vielmehr unmittelbar auf den Willen der Fürsten Einfluß haben, und alle ihre Handlungen leiten müssen, als das einzige Mittel, welches die menschlichen Anordnungen befestigt und ihren Unvollkom- mcnhcitcn abhilft. Nach dieser Grundlage sind Ihre Majestäten über folgende Artikel übereingekommen: I) Den Worten der heiligen Schrift entsprechend, welche allen Menschen befiehlt, Brüder zu sein, werden die drei contrahircndcn Monarchen, durch die Bande einer wahren und unzertrennlichen Brüderschaft vereinigt, dabei verbleiben, und, sich als Lands- leutc betrachtend, in jedem Falle und an jedem Orte einander Beistand, Hülfe und Unterstützung leisten; in Bezug auf ihre Unterthancn und Truppen werden sie als Familienväter dieselben in eben dem Geiste der Brüderschaft regieren, von welchem sie für Bewahrung der Religion, des Friedens und der Gerechtigkeit beseelt sind. 2) Dicscmnach wird das einzige herrschende Princip, sowohl zwischen den erwähnten Mäch- das warmc Jiittvcssr anzuschcn, mit welchem Ew. Kaiser- lichc Majestät in Ihren Staaten sich für die Verbreitung teil, als zwischen ihren Untcrthancn, sein, einander Dienste zu leisten, sich gegenseitiges Wohlwollen und Liebe zu erweisen, und sich sämmtlich als eine und dieselbe christliche Nation zu betrachten, indem 4) die verbündeten Fürsten sich nicht an dcrs ansehen, als von der Vorsehung bevollmächtigt zur Regierung dreier Zweige einer einzigen Familie, nämlich: Ocstreich's, Prcußen's und Rußlands; und indem sie auf solche Art bekennen, daß der Souvcrain der christlichen Station, von welcher sie und ihre Unterthancn einen Theil ausmachen, eigentlich Niemand anders ist, als der, dem die Macht eigen thiimlich gehört, da bloß in ihm die Schätze der Liebe, der Kcnntniß und der unendlichen Weisheit gefunden werden, nämlich unser Gott, unser göttlicher Erlöser, Jesus Christus, die Stimme des Allerhöchsten, das Wort des Lebens. Diesen» entsprechend empfehlen Ihre Majestäten mit der zärtlichsten Sorgfalt ihren Untcrthancn, sich von Tage zu Tage in den Grundsätzen und der thäligcn Erfüllung der Pflichten zu befestigen, in denen der göttliche Erlöser die Menschen untcrrich tct hat, als das einzige Mittel, den Frieden zu genießen, der aus dem guten Gewissen entspringt und der allein dauerhaft ist. 4) Alle diejenigen Mächte, welche die in gegenwärtigem Acte auseinander gesetzten heiligen Grundsätze feierlich anerkcn neu »vollen, und welche fühlen, wie nöthig es für das Glück der lange Zeit erschütterten Staaten ist, daß diese Wahrheiten kräftig zu dem Wohle der menschlichen Schicksale beitragen, können in aller Liebe in diesen heiligen Bund mit aufgenommen »Verden. Dreifach ausgefertigt und unterzeichnet zu Paris in dein Jahre des Segens 1815, den >4. — 2st. September. Franz. Friedrich Wilhelm. Alexander." Friedrich Wilhelm hielt, wie Seine Bundesgenossen Franz und Alexander, den heiligen Bund für die Grundlage und die Krone des großen Werkes der Erlösung Europa's. Er sprach nie anders davon, als von dem Besten, was die große Zeit 2i>2 der Bibelgesellschaften verwenden." „Ganz recht," antwortete cr mit zufriedener Stimme, „das hängt damit genau zusam- hervorgebracht. Er nannte ihn die reife Frucht vorhergegangener Stürme, und die Erhaltung des Weltfriedens, den man bis dahin für einen schönen Traum gehalten, würde sich nach den christlichen Grundsätzen des heiligen Bundes verwirklichen. Darum aber war Er auf alle Weise bemüht, nach diesen Grundsätzen selbst zu regieren und sie durch Sein Beispiel in das tägliche Leben einzuführen. Dicß stimmte mit Seiner übrigen Art, zu denken, zu urthcilen und zu handeln, wo. Er Alles an einen höheren Maßstab hielt, verwarf und wählte, übcrcin. Eigenhändig trug Er in die damals erneuerte Landes-Agende und Liturgie die Worte ein: ,,Gieb, o Herr, daß fromme Dankbarkeit gegen Dich in unserem Herzen lebe und'daß nie unter uns das Andenken, was Du in ewig denkwürdiger Zeit an uns und so vielen andern Völkern der Erde Großes gcthan hast, erlösche. Erfülle, o allgütigcr Gott, mit dem Geiste der Weisheit, des Rathcs und der Eintracht, alle christlichen Regenten Europa's. Segne und beschütze insbesondere den heiligen Bund und die Monarchen, die ihn schlössen, im Glauben an Dich und Deinen Sohn, den Erlöser der Welt, ihre Völker zu regieren und zu beglücken. Laß ihr heiliges Werk gedeihen zum Preise Deines großen Namens, zur Beförderung des allgemeinen Wohles, damit überall Friede, Ordnung und Recht walte nnd unsere spatesten Nachkommen sich noch Deiner Segnungen dankbar erfreuen mögen." Keinem kann es mit diesen Bitten und deren Erhörung mehr ein wahrhaftiger Ernst sein, als es dem Könige Friedrich Wilhelm III. war. Nichts war Seiner herrschenden Stimmung und Seiner Gemüthswcise fremder und unnatürlicher, als Intoleranz. Mehr als einmal habe ich Ihn sagen hören: „Je. lieber und wcrther uns unser Glaube ist, um so wichtiger wird uns der Glaube Anderer. Je mehr wir wirklich an Gott glauben, desto mehr werden wir unserer Mängel uns bewußt, und in diesem Bewußtsein werden wir in gleichem Grade strenger gegen uns selbst, als milder und nachsichtsvoller gegen Andere. 23 mm und ist eine unmittelbare Wirkung. Denn was Hilst der heilige Bund, den die Fürsten Europa's schlaffen, wenn die Grundsätze, die ihn beseelen, isolirt dastehen und nicht in das Herz der Völker kommen? Das kann aber einzig, vollständig und rein, nur durch die heilige Schrift selbst geschehen; nur durch sie selbst, wie sie ist und wie sie da in der jedesmaligen Landessprache vor uns liegt. Man sagt: die von dem großen Luther sei die beste Uebcrsetzung und übertreffe alle anderen an Pietät, Klarheit, Wärme, Herzlichkeit und Kürze. Es ist am Besten, die heiligen Bücher so in's Volk zu verbreiten, wie sie uns gegeben sind. Die Commcntare legen mehr oder minder den Sinn dessen unter, der sie nach seinem System erklärt. Dieser Sinn sagt nicht Jedem zu. Man erklärt nicht Sonnen-Auf- und Untergang, nicht den Sternenhimmel und unter ihm das wogende, ernste und majestä- Hassen, kränken, wehe thun und verfolgen, sind mir greuliche Dinge, die mit dem Geiste einer jeden Religion unvereinbar sind. Eben darum ist mir der heilige Bund so lieb und wcrth, weil die Stifter desselben, ein Regent, zugethan der katholischen, der griechischen und der evangelischen Kirche, ihn in Eintracht geschlossen haben." Gleichwohl ist der heilige Bund vielfach getadelt worden, und jetzt, da die drei Stifter vom irdischen Schauplatze abgetreten sind, ist er beinah ganz vergessen. Göthe, de» Niemand orthodox oder pictistisch nennen wird, sagt: ,,Dic Welt muß etwas Großes haben, das sie hassen kann, das hat sie bewiesen in ihrem Urtheil über die heilige Alliance; und doch ist nie etwas Größeres und für die Menschheit Wohlthätigcres erfunden worden. Aber das begreift der Troß nicht. Das Große ist unbequem, man muß eine Ader haben, es zu verehren. Das Gewöhnliche fasset und duldet das Ungewöhnliche nicht." S. „Eckcrmann's Schrift über Göthe. I. Theil S. 277 — 278." 254 tische Weltmeer. Man überlasse es jedem Christen, welcher Kirche er auch angehören mag, die heilige Schrift auf sich wirken zu lassen, was sie kann und soll, und gewiß wird sie, weil sie ein göttliches Buch, das Buch aller Bücher ist, weckend und wohlthätig wirken. Aber verschieden, auf Jeden anders; das ist aber das Große und Außerordentliche, aus Jedem macht sie, was nach seiner Individualität zu machen ist. In der Mannichsaltigkcit die Einheit, das ist die große Hauptsache, worauf es bei dem Flor der Kirchen und Staaten ankommt. Dieß Princip der Mannichfaltigkeit in der Einheit sehen wir in der ganzen Natur, auch in der Geschichte der Nationen; nur müssen wir nicht nach unserer kurzen Zeit und der Spanne Leben urtheilcn; da, wo sich anfeindende Kräfte tummeln und bestreiten, gelten Jahrhunderte und Jahrtausende. Den Widerspruch, die Lüge, wie soll ich sagen, die Commenta, welche die Zeit und ihre Parteisucht gebar, speiet, als unreinen Schaum, die Zeit wieder von sich; die Wahrheit bleibt. Aber sie wirkt langsam und oft braucht sie Jahrhunderte, um sich geltend zu machen; doch sie drängt sich durch und läßt sich nicht, wie gewisse Leute es mit der heiligen Schrift machen wollen, (hierbei lächelte der Kaiser satyrisch) hermetisch verschließen. Die Sonne dringt durch, und die in ihrem Lichte wandeln, sind Kinder des Lichts." Hier hielt der hohe Herr inne, und ich sah ihn an mit Ehrfurcht und Wohlgefallen. Er mochte diesen Blick verstehen und erwiedertc ihn wohlwollend. Er sah nach der Uhr und ließ sie schlagen: es war Sieben Uhr. Dieß sah ich als ein Zeichen der Entlassung an. Er aber siel mit der Frage ein: „Sind Sie in Rußland und in Petersburg gewesen?" Als ich 235 die Frage verneinte, sagte der Kaiser wohlwollend: „Kommen Sie mal hin und lassen es mich gleich wissen. Sie sollen alles Merkwürdige sehen. Ich weiß wohl, die Deutschen haben eben keine vortheilhaste Meinung von Rußland; man hält es für das Land der Barbarei und Sklaverei, der Noh- hcit und Unwissenheit. Dieß ist, wenn man überhaupt davon spricht, sehr irrig. Die höheren Stände in den Hauptstädten, besonders in Petersburg, sind sehr cultivirt, und mehr, als gut und mir lieb ist, polirt. Der Mittelstand lebt behaglich, das Volk ist gut, es waltet in ihm ein gesunder Geist, es ist gcmüthlich, und befindet sich bei seiner patriarchalischen Lebensweise sehr wohl. Die alten Gebräuche sind antike Gefäße, in welchen sich eine Herzlichkeit und Kindlichkeit befindet, von der die moderne Welt nichts mehr weiß, und nichts mehr wissen will, ohne deßhalb glücklicher zu sein. Das Reich ist groß und in den entfernten Gegenden die Bevölkerung dünn. Was in anderen Ländern passend und Bedürfniß ist, ist darum noch nicht passend und Bedürfniß für Rußland; seine Nationalität, in der viel Gutes liegt, darf es nicht verlieren. Der Hecreszug der Russischen Armee durch Deutschland nach Paris wird ganz Rußland zu Gute kommen. ES beginnt auch für uns eine neue Epoche in der Geschichte und ich habe noch Vieles vor." Hier wurde der Kaiser nachdenkend und rieb sich die Stirn. „Kommen Sie nur, es wird Ihnen schon bei uns gefallen," sagte er weiter. Er näherte sich wohlwollend, gab mir die Hand, hielt sie fest und drückte sie. „Es ist nur werth," setzte er hinzu, „Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben. Leben Sic wohl!" Tief verbeugte ich mich vor dem hohen, mächtigen Herrn, der in seinem hellen Urthcil, wie in seiner Charäktcrgütc, Verehrung, Dank- 250 barkcit und Liebe eingeflößt hatte. Noch einmal sah ich, die Thür in der Hand habend, ihn mit diesem Blicke darauf an, und entfernte mich. Kaum war ich durch die Vorzimmer, wo ich die vorher genannten Herren wieder antraf, gekommen, als ich den Adjutanten, Obristen von Witzlcbcn, auf mich wartend fand. Dieser sagte mir, daß der König mich sprechen wolle; ich möchte mit ihm gleich hingehen. Der König war allein auf Seinem gewöhnlichen traulichen Stübchen. „Höre," sagte Er in Seiner kunstlosen Manier, „sind beim Kaiser gewesen; wie hat sich das so gemacht?" Ich sagte den geschichtlichen Hergang. „Ach so!" antwortete Er, „war gestern sehr zufrieden und erbaut. Sind lange bci'm Kaiser gewesen; darf man wissen, wovon die Rede war?" Umständlich und buchstäblich referirte ich genau den ganzen Inhalt des soeben gehabten Gesprächs, welches der König mehreremal mit dem Ausruf unterbrach: „Interessant, sehr interessant! Mir lieb, ungemein lieb!" — Durch das Gewicht, welches der König den Äußerungen des Kaisers beilegte, wurden mir dieselben noch wichtiger, und ich that die Frage: „ob ich sie ihres lehrreichen Gehaltes wegen dem Publikum bekannt machen dürfe?" Der König bedachte sich und strich mehrmals die Stirn, wie Er zu lhun Pflegte; dann sagte Er: „Ist allerdings kein Ge- heimniß, und das Ganze der Art, daß Alle es erfahren könnten. Was der Kaiser über Gottesfurcht und ihren Segen, über Bibel und deren Verbreitung, über den heiligen Bund und dessen Ursprung und Tendenz gesagt hat, sollte man auf allen Dächern predigen. Aber lassen Sie das Gespräch mit ihm doch nicht drucken; es möchte ihm nicht recht sein. Offenbar hat er in gutem Vertrauen offen und un- 257 befangen gesprochen; dieß habe» Sie crwiedert und Sie Beide haben miteinander geredet wie Männer, die es mit der heiligen Sache des Christenthums ehrlich und redlich meinen; es bekommt aber etwas Lauerndes und Schiefes durch die Bekanntmachung. Unterlassen Sic dieselbe, um so mehr, da der Kaiser nach seiner Religion und deren Ritus die Herzcnsergießungen gegen einen hohen Geistlichen, wenngleich einer andern Confession, als eine Beichte, ich sage als eine Beichte, anstehet, und solche darf man der Welt nicht offenbaren. Es ist aber wichtig, der Bergessenheit es zu entreißen, und zu wissen, wie über große Wcltbegeben- heitcn ein regierender Herr, der an dem Gange und der Entwickelnng derselben unmittelbaren, thätigcn Antheil hatte, gedacht und geurtheilt hat. Schreiben Sie also, weil der Eindruck frisch und dem Gcdächtniß noch gegenwärtig ist, Alles pünktlich und worttreu auf, und geben mir davon eine Abschrist. Uebrigens haben Sie eine Acqui- sition gemacht! ist mir lieb, sehr lieb! Der Kaiser ist ein vortrefflicher Herr!" Ich ging und that, was mir besohlen war; und die Unterredung mit dem Kaiser, die den 2<>sten September >818 vorsiel, durste ich, wohl aufbewahrt, im Januar 1845 nur abschreiben, um sie hier mittheilen zu können, da sie auch jetzt, nachdem 25 Jahre verflossen, und der Kaiser und der König vom irdischen Schauplatze abgetreten, als charakteristischer Beitrag zur damaligen Zeit und ihrer wichtigsten Personen, noch interessant ist. H *) Unmittelbar vor der bewilligten, mitgctheilttn Audienz siel ein, ich II. l-0 17 258 Dm Kaiscr Alexander I. richtig zu beurthcilen, muß man ihn in's Auge fassen, wie er war vor dem Eindringen weiß nicht, wie ich ihn nennen soll, Auftritt vor, der ebenso komisch, als tragisch, und ebenso tragisch, als komisch war, den ich aber, als bezeichnend, doch auch hier, der Vollständigkeit des Gemäldes wegen, in seiner Schattenseite erzählen muß. Der König hatte, wie es Seine Sitte war, Sr. Majestät dem Kaiscr von Nußland, nebst anderen Adjutanten, einen hohen Offizier, den G. v. N. beigeordnet, dessen Geschäft die unmit- relbarc Aufwartung des Kaisers und die Anmeldung aller Personen vom Militair und Civil Preußischer Seite war. Diese Function brachte es mit sich, daß dazu im Schlosse ein Vorzimmer angewiesen war, welches zu den Sälen, die der Kaiscr bewohnte, führte. Durch dieses Vorzimmer mußte ich, und der in demselben sich befindende Offizier war der Meinung, ich sei in der Absicht gekommen, um ihm meine Aufwartung zu machen. Ich that dicß auch mit aller der Achtung, welche herkömmliche Form als Lebensart vorschreibt: wie aber der Man» hörte, daß der Kaiser mich sprechen wurde, glaubte er auf den Fuß sich getreten, und setzte ein anderes, mich abweisendes Gesicht auf. „Das geht nicht an," antwortete er, „wenigstens jetzt nicht; ob später, wird der Erfolg lehren. Vielleicht werde ich Sie anmelden." Vergebens hatte ich gesagt, daß der Kaiser die gestern bei der Einweihung des Denkmals gehaltene Rede in Abschrift verlangt und ich die erbetene Er- laubniß erhalten hätte, solche zu überreichen u. s. f. Der einmal aufgebrachte Mann blieb dabei: sein Geschäft Preußischer Seits sei die Anmeldung. Wenn diese außer ihm hier geschehen, sei solche ungültig und meine Präsentation könii? nicht erfolgen. „Ich bin weit davon entfernt," antwortete ich, „Jemandes amtliche Stellung, am Wenigsten die Ihrige, besonders im gegenwärtigen Falle, zu verkennen, und habe Sie gewiß nicht beleidigen wollen; aber da der Kaiscr selbst nicht durch Sic, sondern durch seinen Adjutanten, den Grafen Czernitschess, also durch einen Russischen Offizier, mir den Auftrag zukommen ließ, so war es auch in der Ordnung, auf demselben Wege meine Wünsche an Höchstdiesclbcn gelangen zu lassen; und auf Bc- 25!) der Fmnzvftn in sein Land, und wie er war und was er wurde nach dem schauderhaften Untergänge derselben durch die Gewalt der feindseligen Elemente. Hier liegt der Wendepunkt seines Schicksals, seiner Regierung, und seines Charak- fehl des Kaisers bin ich hier." „Genng, Herr," erhielt ich mit schroffen Worten und zorniger Miene die Antwort: „Sie werden den Kaiser nicht sprechen. Gehen Sie, und verlassen Sie das Zimmer." „Das Zimmer gehört unserem gemeinschaftlichen Herrn, und der König wird gewiß mißbilligen, was hier vorfällt und an dem ich unschuldig bin. Aber ich werde nicht gehen, sondern bleiben, da ich auf Befehl des Kaisers hier bin." In diesem Augenblick trat der Fürst Wolkonsky herein, mich zu seinem Herrn, der eben befohlen hatte, zu bringen. Da diese Schrift größtcntheils nur Lichtseiten enthält, so mag auch diese historische Schattenseite hier stehen. Es ist übel, daß man sie bei dem besten Willen und bei aller bescheidenen Borsicht im Leben nicht immer vermeiden kann. Der Mann ist mir abhold geblieben, so lange er gelebt hat, und hat mir solches mannichfach zu erkennen gegeben, so oft er in Berlin und Potsdam war. Seit viele» Jahren ist er auch zu den Vätern gegangen, in einer höheren Ordnung der Dinge aber hat man auch einen höheren Mafistab, nach welchem oft geistig klein wird, was irdisch groß war. Unter allen Quälgeistern, die bis an's Ende plagen, ist ein verkehrter Ehrgeiz der schlimmste. Ein früher hier in Potsdam angesehener und geachteter, aber invalider General weinte, wie wir hinter dem Leichenwagen seiner Schwiegermutter Hersuhren, plötzlich convulsivisch, als wir an die sogenannte lange Brücke kamen. Natürlich glaubte ich, daß sein Schmerz der Tobten gelte, die wir bestatteten, und tröstete ihn. Seine Traurigkeit entsprang aber aus einer ganz anderen Quelle; denn er antwortete: „lieber die alte todte Frau weine ich nicht; aber" lindem er nach dem Lustgarten', wo eben die Gardisten cxcrcirten, mit ausgestreckten Armen zeigte) „ist es nicht zum Verzweifeln, daß ich da Nichts mehr gelte, wo ich sonst Alles galt?" Er war damals 7Z Jahre alt, — und starb bald nachher. 2li0 ters. Zwar war derselbe, seinem Naturell nach, in den ihm angeborenen Anlagen und der daraus entspringenden herrschenden Stimmung des Gemüthes, immer menschenfreundlich und wohlwollend; doch war diese Menschenfreundlichkeit und dicß Wohlwollen zugleich sanguinisch, mithin wankcl- inüthig und unbeständig, und hing nur von seinem Befinden und der Concurrenz der Umstände ab. Er war einer von den liebenswürdigen Menschen, die zu allen Zeiten und in jedem Moment des Lebens mit Jedem und der Sache, die sie gerade vorhaben, redlich und aufrichtig es gut meinen, aber die heute nicht sind, wie sie gestern waren, und morgen Jenes und Dieses in der Lebendigkeit und Beweglichkeit ihres Wcsins vergessen haben. In dem Benehmen des Kaisers gegen den König von Preußen bcnn Abschluß des Tilsiter Friedens, und dann vorzüglich in dem Verhalten des Russischen Kaisers gegen den Französischen bei ihrer Zusammenkunft in Erfurt, ist Manches, was beim ersten Anblick gegen seinen treuen Bundesgenossen, dem er über dem Sarge des großen Ahnherrn in ernster Mitternachtsstunde ewige Treue geschworen hatte, als Zweideutigkeit erscheint; was es jedoch nicht war, sondern was aus der Flexibilität, jedem äußeren Eindrucke offen, sich psychologisch wahr erklärt. Offenbar war Alexander in dem Zustande der Täuschung und sah in dem Französischen Kaiser einen größeren Mann, als derselbe wirklich war. „Aber der Brand von Moskau erleuchtete seine Seele," und von diesem Zeitpunkte an wurde er ein ganz Anderer. Was vorher in ihm Ansicht gewesen war, wurde tiefe Erkenntniß; was Gefühl, — Gedanke; was Wallung, — Grundsatz. Er wurde ein sclbstständiger Mann, ein wirklicher Autokrat, der überall auf eigenen Füßen stand, der wußte, was er 201 sollte u»d sollte. Diese Festigkeit denke man sich im Bunde mit persönlicher Anmuth und Liebe, und man hat das Bild eines liebenswürdigen Menschen und Herrschers. Die Vor- urtheile der Geburt, in welchen er erzogen war, den tief liegenden Egoismus seines Standes und Ranges legte er ab, ab für immer, und es wurde klar und hell in seinem Verstände, warm und menschenfreundlich in den weiten Kreisen, in welchen er sich bewegte. Ans der großen Stadl Moskau, wo er war gekrönt worden, ruhte vorzüglich sein dankender Blick, — er sah in den wogenden Flammen derselben die Morgenröthe der angebrochenen besseren Zeit. An dem großartigen Beispiele derselben war es ihm klar geworden, was Liebe und Anhänglichkeit eines treuen Volkes zu seinem angestammten Herrn zu thun, hinzugeben und aufzuopfern vermag. Eine Begebenheit, in der, um den verwegenen, tollkühn vordringenden Feind aufzuhalten und zu vernichten, die große Einwohnerschaft, mit Neichen, Bemittelten und Armen, der alten berühmlen Stadt und ih rem Heiligthume mit heldcnmüthigem Schmerz verschwiegen den Rücken kehrt, und dann die angefüllten, nun verlassenen Häuser anzündet, um sie und den eingedrungenen Feind zu verderben; eine Weltbegebenheit, die über die gewöhnlichen Kräfte der Menschen ist, und in der der Kaiser den Finger des Allmächtigen sah. Ihn erblickte er in cher wunderbaren Erlösung, wie in Allem, was ihr folgte und aus ihr hervorging. Die eintretenden Ereignisse hallten wieder von einem Ende der Welt bis znm anderen und erfüllten jedes Herz, und jede Zunge sprach davon. Der Russische, der Oestreichischc Kaiser und der König von Preußen waren die von Gott gesandten Erlöser und ihre siegreich vordringenden Heere umschwebte ein wunderbarer Heroismus. Nachdem W2 die durch Denkungsarl und Gesinnung und Tendenz innigst verbundenen gekrönten Herren den heiligen Bund geschlossen, dachten und handelten sie in Einem Geiste. Dem Kaiser Alexander trug der Senat den Beinamen und Titel des „Gott Gebcncdciten" an; er lehnte ihn aber, srei von aller Eitelkeit, ab, und gab dcmüthig Gott allein die Ehre. Dem heiligen Synod gab er den Befehl, sammtlichen Geistlichen das Lobpreisen und Rühmen des Monarchen zu untersagen. Er wollte nichts Anderes sein, als ein segnendes Werkzeug in der Hand Gottes, und setzte darein seinen höchsten Ruhm. An ihm, den, Kaiser, hat das Christenthum hellglänzend bewiesen, was es aus dem Menschen schaffen und welche Palingencsie es selbst mit dem, der nicht seinem Geiste von Natur zugethan ist, hervorbrin gen kann, wenn er von da an, wo er erleuchtet ist, diesen, Geiste sich hingicbt und von ihm sich leiten läßt. Nach dem Princip des Ehristenthums, das Alexander in seine Denk- und Gesühlsweise als sein Eigeuthum ausgenommen hatte, sah er in Jedem, auch dem ärmsten Menschen, die Würde des Menschen, und so gab es in seinem Reiche keine Skla ven mehr. Klopstock feierte voll poetischen Geistes lehrreich seine Thronbesteigung durch eine herrliche Ode „An die Humanität," und man kann mit Recht ihn, als fern von jeder Despotie, besonders nach den, Jahre 18 Uj—>814, einen humanen Herrn im vollen Sinne des Wortes nennen. Ucbcrzeugt, daß Nationalftun auS dem Innern des Volkes sich entwickeln müsse, war ihm das Vvlkserzichungswesin besonders wichtig, und .er that für die Stadt- und Landschulen mehr, als irgend einer seiner Vorgänger: Lehr- seminarien, Gymnasien und Universitäten hat er viele er- 2liZ richtet und neu gestaltet. Zur Verbreitung der Bibel in fast allen, auch den entfernten Provinzen hat er unermüdet gewirkt, da er die heiligen Bucher mit Recht für das beste Volksbuch hielt. Daß er für das materielle Wohl seines Volkes sorgte, versteht sich von selbst; hier ist aber nur von dem geistigen desselben die Rede, und dieses galt ihm über Alles, wenn aber dieses mit seinem Leben erst angeregt ist, folgt jenes von selbst. Vor Allein lag ihm am Herzen, eine edle, sreie Denk- und Sinnesart in seiner Nation zu be fördern, und die Geißel, die Knute der Zwangherrcn, der Starosten, zu zerbrechen. So viel er konnte und als ein altes herkömmliches Recht ihm nicht in den Weg trat, schaffte er die Leibeigenschast ab, leibeigene Bauern dursten sich von ih ren Erbhcrren loskaufen. Sein Charakter war offen und human; so sollte auch seine Regierung sein. Alles Heim lichc und Versteckte war ihm zuwider, und sein Volk liebend, erklärt er sich laut gegen die Plackereien und Ränke der vom niedrigen Eigennütze beseelten Beamten. Er wußte, daß Durchstechungen und Bestechungen an der Tages-Orb nung waren, und suchte und fand sie zur verdienten Bc< strasnng in den geheimsten Schlupfwinkeln. Seine Mcn schenkenntniß und Menschenliebe hatte, weil wahre Frömmigkeit ihn beseelte, etwas Großartiges, und die Verbindung des Abend- und Mvrgenländischen gab Allem, was er sagte und that, einen eigcnthümlichen Schwung. Er verstand den Zeitgeist und seine Tendenzen, und stand über demselben, weil er den Anhauch des Weltgcistes fühlte. Es hatte sich in ihm und dem Tiefen seines WesenS ein Sinn für das Ewige und Wahre angesetzt und ausgebildet, der auch in den ver- wickeltsten Verhältnissen das Rechte ihn herausfinden ließ. Sein Heller Blick und sein moralischer Tact trafen gleich 2Nl überall das, woraus cS jedesmal aukam hsmucltt!» -julieü,«,) und cr brauchte sich nicht lange zu besinnen über das, was jedesmal geschehen sollte. Ihn leitete der einfache Grundsatz: Das Wahre ist auch immer das Gute. Was in sich unrecht war, konnte in seinen Augen keine 'Autorität erhalten, und unveräußerliche Rechte der Menschheit, wir lange sie auch verkannt und unterdrückt sein mochten, konnten nie ihre Geltung verlieren. Aon allen großen Männern, die ihn umgaben, stand Keiner ibm naher, und war Keiner ihm wichtiger, als der Minister von Stein:*) Beide waren geistesverwandt, und darum ch Es ist von dem Reichsfreiherrn, Preußischen Staatsminister Carl von Stein so Vieles gesagt, geschrieben und gedruckt, daß es überflüssig scheinen mag, von diesem außerordentlichen, reich begabten und seltenen Manne noch irgend Etwas zu sage». Sein Leben und Wirke» auf dem offenen Schauplätze der Welt liegt derselben klar und hell vor Augen und sein Einfluß aus den Gang, welchen sie genommen, ist um so sichtbarer und er kannter, da cr von Natur offen, rasch und redlich war. Diese Klarheit und Redlichkeil trat in Allem, was cr war und that, um so bestimmter und ausdrucksvoller hervor, da sie mit einer überrennenden Heftigkeit und einem Alles niedertretenden Jähzorn verbunden war. Gleichwohl ist in der Zeit, die sein rci chcr Geist befruchtete, noch Manches, was mit dem Schleier des Gehcimnißvollen bedeckt ist, Velsen Enthüllung aber noch klarer machen wird, welch' ein außerordentlicher Geist cr war Gewiß hat die öffentliche Stimme ihn richtig charakterisirr, wenn sie seinem überall verbreiteten Bilde, voll Charakter, Scharfe und Leben, die wahre, treffende In- und Unterschrift gab - Des Rechtes Grund — Stein. Dem Unrecht ein Eck — Stein. Der Deutschen Edel — Stein. Ein Mann von welthistorischem Rufe, hat cr seine Würdigung und Stellung in der Geschichte bereits erhalten: aber war dic Eicktlisiruiig gcgciiscilig. schwer halt cs, zu sagen, wessen Einfluß größer gewesen sei, der des Einen, oder der des er ist so merkwürdig, daß einzelne, wenn auch kleine Züge zur Belebung seines interessanten Bildes Etwas beitragen. Er war, ein Liebling und Zögling des Ministers von Heinitz, Bergrath in dem bcrgigte» Flecken Wetter in der Grafschaft Mark. Dieselbe lernte cr kennen, schätzen und lieben, und cr wurde nachher Obcrpräsidcnt in Wcstphalcn, Als solcher war er oft zu Hamm, wo damals eine Krieges- und Domainen-Kammer war, jetzt, Regierung genannt, zu Arnsberg. Er war gern in dem stillen und angenehmen, größtentheils Ackerbau treibenden Städtchen und hielt sich, besonders im Sommer, mehrere Monate in dem heiter am Sudcnwalle gelegenen Hause des Hofraths Kühlenthal auf. Man hat aus den oberen Zimmern, dic er, ein Freund der Natur, bewohnte, dic Aussicht in das Süderländische Gebirge, dahin, wo das ihm liebe, stille Wetter lag. Es konnte nicht fehlen, daß ich als Prediger des Orts mit ihm in Berührung kam, um so mehr, da cr, gegen dic Gewohnheit der Herren von der Kriegs- und Domaincnkammer, mit dem damaligen Kricgsrath von Rappard und dem Kriegß- rath Terlinden, würdigen Männern, die Kirche besuchte. Meh- rcmal hatte er die Abschrift der gehaltenen Kanzclvorträge begehrt, und vorzüglich mit Zufriedenheit eine Predigt gehört, die, mit Bezugnahme auf dic damals losgebrochene Französische Revolution, über die Bibelstcllc: „Wo der Geist des Herrn ist, ist Freiheit," gehalten war. Dicß gab Veranlassung, daß cr mich rufen ließ; und was cr sagte, waren hellleuchtende, die Wolken zerreißende Blitze. Von dem reichen Geiste des Mannes, seiner Lebendigkeit und Wärme, fühlte ich mich (damals 27 Jahre alt) mächtig angezogen, und um ihn öfter zu sprechen, ging ich Abends in dic Ostenallee, wo cr gewöhnlich in der Dämmerung zu spazieren pflegte, und wo cr dann mich anredete, so daß ich mit ihm gehen durfte. Mir war das immer ei» Fest: denn jedesmal wurde ich von dem seltenen Manne angeregt, belebt und begeistert. Nie bin ich bei ihm gewesen, nie von ihm gegangen, ohne mich von ihm gehoben, belebt und besser gesunden zu haben. Bald darauf wurde ich sein Amanuensis, der vorzüg- 2l-s. Andern; sie ergänzten sich und waren in diesem Stück in einem Sinne und in einer Richtung. In allem Anderen waren lich nach der Jenaer Literatur-Zeitung, nach der Allgemeinen Deutschen Bibliothek und nach den Rintcln'schcn Annale» dem vielbeschäftigten Manne kurze Vorträge über die neu erschienenen Bücher halten mußte. Gewöhnlich wählte er dazu die Tischzeit, und ließ er 2 Portionen von 3 Speisen aus dem Sradt- kcllcr holen. Bei dem frugalen Mahle war der gesunde Mann gesprächig, heiter, humoristisch, vorzüglich sarkastisch. Bei gutem Wetter wurde der Kaffee gewöhnlich im Garten in einer Laube getrunken, und eine Verwandte des Hauses, die ihn gut bereitete, umgeben von drei Hündchen, eine gesprächige alte unverhcirathctc Dame, hutschtc nach. Ucbcr ihrem Erzählen von Stadtncuigkcitcn schlief Herr von Stein gewöhnlich sanft ein. Kaum war das erfolgt, so schwieg Maniscl Zahn und winkte Stille. Sie hatte so viel Ehrfurcht für den schlummernden Oberpräsidentcn, daß sie mit einem grünen Zweige dem catonischcn Gesichte, der hohen, ernsten, gewaltigen Stirn, den feinen, dünnen und satyrischcn Lippen, sanfte Kühlung zuwcdclte. Oft wurde der Schlummernde wach; er sah mit seinen hellen feurigen Auge» umher, und schlief wieder ein, bis der alte bestellte Kammerdiener kam. Herr von Stein war ein reicher Mann, er gab viel den Armen, brauchte aber sehr wenig für sich, lebte einfach, hielt nur ein Reitpferd und einen Bedienten. Gesund, voll Lebcnsfülle und Kraft, in den besten Jahren, war er doch, wenngleich getrieben vom Idealen und von warmer Einbildungskraft, ein Stoiker in der Arbeit. Ihr hingegeben, war der sonst lebendige Mann in sich gekehrt, versunken und fixirt, und konnte Ul—> !2 Stunden ununterbrochen bei einer interessanten Sache bleiben, bis er ihrer sich ganz bcmcistcrt hatte, und, was er sein wollte, ihrer Herr war. Er duldete für seine Person keine Subordination und mußte überall auf der Spitze sein. Keiner Autorität, als solcher, huldigte er; aber wohl dem Uebergcwichtc der Einsicht und Wer- nunft, selbst wenn er sie bei Untergebenen fand. Deßhalb war er in dem harmonische» Spiele seiner Scclcnkräste ein tiefer Menschenkenner und unterschied mit messendem, scharfen Auge 207 der Russische Kaiser und ve>u Stein zwei verschiedene Wesen. Jener flexibel, phantasiereich und abspringend; dieser fest, bci'm ersten Anblick. Gespreiztheit, Dickthucrci, die innere Leerheit zu verbergen, durchschauet? er bald, und nichts war ihm mehr zuwider, als Windbeutelei. Die Klugheit, welche aus Schonung und Rücksicht die wahre Meinung zurückhält, kannte er nicht: die scinige sagte er gerade heraus, auch wenn sie unangenehm, selbst wenn sie grob erschien. Er sprach sehr rasch und geschwind, wenn er aber heftig wurde, was er leicht werden konnte, rapide und stürzend. Die Kunst, zu schweigen, verstand er nicht, und wollte sie, als unvereinbar mit einem geraden, redlichen Manne, nicht verstehen. Seiner Ueberzeu- gung blieb er unter allen Umständen, selbst den Hochgestellten gegenüber, wenn er es mit Ministern und Fürsten, mit Kaiser» und Königen zu thun hatte, selbst eigensinnig unverrückt treu. Dcßhasb hatte er das'Schicksal aller großen Männer, er wurde häufig verkannt, und ebenso oft gerühmt und gepriesen, als getadelt und herabgesetzt. Die mittelmäßigen gewöhnlichen Köpfe schüttelten und zuckten die Achseln über ihn; die Talentvollen und Energischen sprachen von ihm mit Begeisterung, und ihre Verehrung, besonders der Jungen, ging so weit, daß sie selbst im Aeußern ihm ähnlich zu werden trachteten und gleich ihm die eine Schulter hoch trugen. „Es ist/' sagt Berthold Nie- buhr, in seinen „Lcbensnachrichten" (l. lt. 3. Band, Hamburg bei Perthes 1dt38) „eine schwere und mißliche Sache für einen Untergebenen, einem Vorgesetzten, den man Übersicht, fügsam zu gehorchen, und gegen bessere Uebcrzeugung seinen befehlenden Willen zu vollstrecken; leicht können aus solchem Mißvcr hältnissc Spannungen und Widerspenstigkeiten entspringen. In solche fatale Lage kam man mit Stein nie. Stets war er der Sache, die verhandelt werden sollte, kundig.; immer stand er über ihr; von seinen Lippen strömten seine Belehrungen; man fühlte, daß sie das waren; man war ruhig und sicher unter der Leitung eines solchen Vorgesetzten." Wenn das ein Mann wie Niebuhr, der sehr würdig, aber reizbar und launig war, sagt, so bedeutet das Etwas, und das Nämliche gesteht Ernst Moritz Arndt, cipe sympathetische Natur, in seinen „Erinnerungen aus 2«^ unbeweglich und heftig. Aber Beide waren lebendig,-und in der Lebendigkeit für die eine große Sache, die vorlag, dem äußeren Leben, Leipzig in der Weidmännischen Buchhand, lung 1844." Es ist lehrreich und merkwürdig, zu sehen, wie ein su- pericurer Geist seine Herrschaft ausübt und sein Gewicht durch sich selbst geltend macht. Wenn v. Stein in dem kleinen Städtchen Hamm angekommen war, so verbreitete sich dieß schnell wie ein elektrischer Schlag und es hieß überall: „Er ist da!" wiewohl er still und unscheinbar in einer gewöhnlichen Reisc- chaise mit 2 Extrapostpfcrdcn und einem Bedienten eingefahren war. Alles, besonders die Herren von der Kammer, waren in Bewegung; man sah sie hinströmen nach der sonst stillen Straße, im sogenannten alten Hamm, wo er wohnte. Die Sitzungen der Collegicn waren "dann kürzer, als gewöhnlich, und Alles, auf die Sache selbst gerichtet, mußte schneller gehen. Unnütze Wcitläustigkcitcn und einleitende Worrmachcrci waren ihm und seiner Energie zuwider. Anregen, wecken, neue Zustände mit ihren Verbesserungen ein- und-herbeiführen, und dabei zündende Funken sprühen, Hindernisse niedertreten, treiben und jagen, war die Seele seiner Thätigkcit. Dabei ging er schnell von Einem zum Anderen über und hielt es nicht lange bei einem Gegenstände aus. Es wab ihm genug, seine Ansicht in überstürzenden Aphorismen gesagt zu haben, und er setzte dann nur hinzu: „Das muß geschehen und ausgeführt werden!" Widerspruch sah er zwar gern: aber nur dann, wenn er erheblich und gründlich war. Gewöhnlich war dieß bei seinem hellen Geiste, der alle Seiten übersah, nicht der Fall, und dann wurde er sarkastisch und machte den Opponenten lächerlich. Oft wurde er darum ungerecht und forderte zuviel. Selbst schnell und rasch, ging ihm Alles zu langsam, und eine schwere Sache sollte auf der Stelle'fertig sein. Einst hatte ich, vielfach in Kirchen- und Schulsachcn von ihm gebraucht, von ihm bravi manu den schriftlichen Befehl erhalten, über einen pädagogischen Aufsatz in der Theologischen Quartalschrift von Natorp, den er sehr schätzte, gutachtlich zu berichten. Manches trasin sie eines Sinnes zusammen. Stein war kein Freund von Umwegen, krumme Wege waren ihm vollends zuwider; war mir dabei noch dunkel und ich ging zu ihm, um seinen Willen näher zu erbitten; dicß war aber an demselben Tage, wo ich den Auftrag erhalten hatte. Gleichwohl empfing er mich mit der Frage: ,,Sind Sie fertig?" Als ich antwortete: ,,ich brauche einen halben Tag, um mit prüfender Aufmerksamkeit den in Rede stehenden Aufsatz zu lesen," crwiederte er: „I wer wollte so langsam sein! Das ganze Buch lese ich in einer Stunde durch." Indem er das sagte, sprang er schnell vom Stuhle auf und ging in raschen Schritten im Zimmer auf und ab, und ich erzählte, wie Semler in einem Morgen einen Folianten hätte durchlesen können. „SehenSie!" sagte er, gutmiithig lächelnd. Denn dieser strenge, heftige und impctuöse Mann war tief im Grunde seines Herzens ein weicher, liebevoller Mensch, gut wie ein Kind und wehmiithig wie ein Christ, der mit Schmerz seine Schwächen und Unvollkommenheilen fühlt. Sein hohlr, reicher Geist, der im Gefühl seiner Kraft jedem, auch dem höchsten menschlichen Ansehen muthig entgegen trat, und vor Fürsten, Kaiser und Königen wie ein freier Mann dastand, beugte sich dcmüthig vor der göttlichen Autorität des Christenthums. Er sah und ehrte in ihm, in seiner Verbreitung und moralischen Einwirkung, eine göttliche Offenbarung, und las und studirte besonders die englischen Hauptschristen gegen dieselbe, um sich in seinem Glauben zu stärken und zu befestigen. Derselbe ruhcte aus einem sichern, festen Grunde. Er prüfte, forschte und dachte nicht bloß mit seinem hellen, wohl unterrichteten Geiste, sondern er fragte zugleich sein Gewissen, und darum war er in allen Stücken ein gewissenhafter Mann, der, so wie er stand und ging, eine höhere, göttliche Signatur trug. In seinem ganzen Wesen athmcte ei» wahrhaft vornehmes Benehmen, welches ihn ebenso sehr vor Abgcmesscnheit und Pedanterie, als vor Gemeinheit und Trivialität bewahrte. Wenn sein klarer Verstand, der bei allem Erkennbaren Gründe verlangte, ihm es unmöglich machte, mystische Gefühle in sich aufzunehmen, und Schriften, welche dieselben nährten, z. B. 270 sein fester Tritt ging und wandelte stets die gerade Bahn, und er behielt das hohe Ziel, wohin er wollte, und wohin die damals von Vielen gelesene über das Gcistcrreich und die Offenbarung Johannis von Jung Stilling, zu goutircn, so bewahrte auf der anderen Seite sein tiefes Gcmüth mit seinen übersinnlichen Ahnungen ihn vor dem kalten, nüchternen und trockenen Nationalismus. Es war ihm klar, daß derselbe bei dem Princip, Nichts anzunehmen und für wahr zu halten, als was er begreifen und erklären könne, consequentcrwcisc zum Atheismus führe. Dcßhalb war er mit der Tendenz des Zeitalters, die des Herzens Rechte zurücksetzte und Intelligenz als das Höchste und Beste wollte, gar nicht zufrieden. Er legte mit Recht der Harmonie des ganzen menschlichen Wesens de» größten Werth bei, und glaubte, diese Zusammenstimmung aller Kräfte würde auch den äußeren Frieden herbeiführen, und wo dicß nicht ginge, den Unfrieden des Lebens erträglich und unschädlich machen. Er sprach um so lieber von dieser Harmonie, je weniger er sie hatte; wenn er mit Begeisterung davon gesprochen, endigte er mit einem Seufzer aus tiefer 'Brust, und sein sonst lebhaftes, feuriges Auge erhielt eine sanfte Färbung und suchte mit einem eigenen Ausdruck die Höhe. Er hatte bei dieser Richtung und Stimmung den lebendigen Geist des Evangelischen Christcnthums in sich aufgenommen und verehrte dasselbe in seiner Kürze und Rundhcit, in seiner Erhabenheit und Einfalt, über Alles hoch. Dagegen war ihm der Dogmatismus der alten abgestandenen und faulen Orthodoxie zuwider und er spottete über ihn. Die Mysterien der christlichen Religion, sowohl in ihren Glaubenslehren, wie in ihrer Geschichte, waren ihm heilig, und er behandelte sie mit Scheu und Ehrfurcht. Besonders war das Mysterium des heiligen Abendmals ihm wichtig; er versenkte sich in seine Tiefe, so oft er — alle Jahre Mehrcrcmale, bis an sein Ende, — im Gefühle des Todes und der Unsterblichkeit es feierte. Kurz, er war ein Mann, der Himmel und Erde, Sinnenwelt und die übersinnliche, als unzertrennlich miteinander verband und in dieser Verbindung das hatte, was man Hohes und Göttliches nennt. Man stand mit ihm fest und ruhig auf der Erde, sah ihre wcch- Alles sollte, unverrückt im Auge. Er wußte nichs von Unterwürfigkeit, und so ehrerbietig er gegen den Kaiser war, sclnden Erscheinungen klar und zusammenhängend; und doch fühlte man sich in seiner Nähe und unter seinem Einfluß gehoben,' Hiermit sympathisircnd, erfreute ich mich seines Wohlwollens und Vertrauens; doch verlor ich dasselbe, als ich den durch ihn bewirkten Ruf zum Prediger und Consistorialrath nach dem benachbarten Münster ausschlug. Die dankbare Liebe zu meinen Eltern, besonders zu meiner guten, betagten Mutter; die herzlichen Bitten meiner Freunde und vielen Verwandten; die Anhänglichkeit und Güte einer gut gesinnten, christlichen Gemeinde, hatten, nach schlaflosen Nächten, den Entschluß, in Hamm zu bleiben, in mir zur Reife gebracht. Als ich denselben dem Obcrpräsidcntcn von Stein ankündigte, fuhr er mich barsch an und sagte: „Ich habe es gut mit Ihnen gemeint, und Etwas aus Ihnen machen wollen; aber Sie sind ein verzärteltes Muttersöhnchen, und hören auf die Stimmen der theuern Nichten und Vettern; aus Ihnen wird Nichts werden. Sie können gehen." Er wurde grob und heftig, — aber sarkastisch und bitter, als ich Consistorialrath zu Hamm werden sollte, und nun mit meinem damaligen älteren Collegcn an derselben Kirche, mit dem ich in nie gestörter Eintracht lebte, bat, daß er uns Beide anstellen und Geschäfte und Besoldung thei- len möchte. Er antwortete bald und kurz: „Ew. Hochehr- würdcn haben mir Ihre geheimen Wünsche gcoffenbarct, und würde, wenn Sie Beide angestellt werden sollten, ein zweiter Thcil des Handbuches über den Preußischen Hof nnd Staat nothwendig sein." Ich wurde, wie mein Vater, ein kluger Welt- und Menschenkenner, angekündigt hatte, nicht angestellt. Beide Collegcn blieben, was sie waren, und wenn sie, die langen Rasen in der Tasche, dem Herrn von Stein begegneten, sah er sie, besonders mich, finster und sarkastisch an. Bald darauf ging er, zum Schmerz Wcstphaleivs, besonders der Grafschaft Mark, die er liebte, wo er gern war, und die er in ihren vorzüglichsten Frei- und Schulzenhöfcn kannte, als Staats - und Finanz-Minister nach Berlin. Der veränderte Wirkungskreis, das Leben und Wirken mit den übrigen Ministern, 272 so war cr doch stets frmnüthig, und sprach unerschrocken aus, was er dachte und wollte. Einen solchen Kraftmen- dic Nähe des Königs, das öftere Sein am Hofe, änderte sei' ncn Charakter nicht. Vielmehr äußerte er seine Grundsätze da, wo das wahre Leben für den ganzen Staat «usgehcn soll, um so frcimüthigcr und lauter, und schonungslos deckte er alles Uebertünchtc und Versteckte auf. Er war und blieb allem Unrecht ein Eckstein, nannte eine jede Sache bei ihrem rechten Namen, und sprach mit dem Könige ehrlich ohne Rückhalt. Er zerfiel mit dem Geheimen Cabinctsrathe und man fürchtete ihn; aber man ehrte seine überflügelnde Einsicht und liebte in der Volksmassc seine Geradheit, die sehr oft die kluge Gewandtheit über den Haufen rannte. Auch als Minister war und blieb cr frei und unabhängig und fürchtete Keinen. Es war lehrreich und interessant, ihn, den kleinen, gedrungenen Mann auf stämmigen Füßen, mit dem ernsten, bedeutungsvollen Gesicht und dem scharfen, leuchtenden Blick, als eine Erscheinung, die einer alten, vergangenen Zeit angehörte, in der neuen mit ihrer bunten Färbung zu sehen und zu beobachten. Man sah, fühlte und hörte es ihm an, daß cr ein origineller, vom Gewöhnlichen ganz abweichender Mann war, der in eigenen Ideen und Grundsätzen lebte. Die Sache war es, welche er im Auge hatte und meinte; alles Andere, und zwar bloße Decoration, beachtete er nicht. Ja cr verachtete sie laut in ihrer Erbärmlichkeit und Leerheit. Ich weiß nicht, ob cr an meiner Beförderung nach Potsdam empfehlenden Anthcil hatte; aber er wünschte sie. Denn als ich meine Gastpredigt zu Berlin im Dom gehalten, erzählte cr den Mittag an seinem Tische, daß er zu dem damaligen reformirten geistliche» Minister v. Thu- lcmcycr in der Kirche gesagt habe: „ich wüßte wohl, was ich in Ew. Ercellcnz Stelle thun würde; ich würde zu dem verlegen und verlassen in der Sacristei dastehenden armen Schlucker gehen und ihm ein Wort des Beifalls nnd der Zufriedenheit sagen;" und wie cr nun hörte, daß dicß wirklich der Minister von Thulcmeycr gcthan, lachte cr sarkastisch und konnte gar nicht aufhören. Er machte satyrischc Bemerkungen und pcrsif- ftirte sehr geistreich, ohne persönlich zu sein. Die Zeit war da- 273 schcn konnte man brauchen; er mar für die damaligen Zeiten gemacht. Seiner Kraft und Überlegenheit sich be- mals, (I8Ul>,) eine tiefbewegte und er war mit den Vorkehrungen^ wie dem ganzen Gange der Dinge, sehr unzufrieden. Den unüberwindlichen und gepriesenen Helden, den Kaiser Napoleon, haßte er und wurde heftig, wenn man ihn mit Stein's Ideale, Friedrich dem Großen, verglich. Er durchschaute ihn und seine Tendenz, und sagte es laut, daß nur die Zwietracht und Kleinheit seiner Gegner ihn so groß mache. Er räumte ein, daß er an List, Verstocktheit und Schlauheit alle Anderen überträfe; aber nie, wie auch Alles unglücklich ging, und chaotisch in Trümmern tiefster Demüthigung das unterjochte Deutschland dalag, nie gab er den Muth und die Hoffnung auf, der gemeinschaftliche Feind könne und werde besiegt werden. Er sprach darüber mit Begeisterung, wie ein Prophet, und wußte, wie aus der alten Geschichte schlagende Analogien anzuführen, so, über die Natur des Menschen und der Völker vortrefflich zu reden, so daß man mit ihm bessere Zeiten hoffte, wenn man freilich nicht begriff, woher sie kommen sollten. Er wurde heftig, wenn man ihm widersprach und konnte sich nicht mäßigen, wenn von Johannes Müller die Rede war. Napoleon wußte das; er kannte die eminenten, umfassenden Talente Stein's, und fürchtete ihn. Nachdem er ihn für seine Absichten unschädlich gemacht und bewirkt hatte, daß der einsichtsvolle Minister aus dem Preußischen Staatsdienste entlassen und cxilirt worden, war Stein auf kurze Zeit, gleichsam auf der Flucht, zu Berlin, und wohnte in dem Sechandlungsgebäude. Der Consistorialrath, Direktor Sneth- lage, den er von Hamm her kannte und schätzte, und ich, wir gingen zu ihm. Der große, auch im Unglück unverzagte Mann saß ruhig da, und las heiter die Biographie Washingthon's. Er sagte, daß er bald abreisen und nach Prag gehen würde. Natürlich war von den damaligen Ereignissen die Rede. Er sprang auf und holte ein Papier aus dem Pulte. „Lesen Sie mal!" sagte er, und gab uns einen Brief. Er war an ihn von dem Kaiser Napoleon selbst in Französischer Sprache geschrieben. Der Inhalt war folgender: „Es kann einem großen Manne nicht zur Unehre gereichen, einem großen Manne II. m '8 274 wuß^ bewegte er sich frei und elektrisirend in den ersten Kreisen von Petersburg, und es dauerte nicht lange, so hatte er zu sagen, daß er sich in ihm geirrt hat. In diesem Falle befinde ich mich gegen Sie. Die Eonsiscation Ihrer Güter in Nassau will ich aufheben und solche mit den rückständigen wie den laufenden Einkünften an Sie zurückgeben, wenn Sie sich daselbst ruhig verhalten und an politischen Dingen keinen, weder unmittelbaren, noch mittelbaren Theil nehmen wollen" u. f. f. Stein warf diesen Brief gleichgültig auf den Tisch, an den er sich ruhig lehnte, und hat ihn nicht beantwortet. Er ging nach Prag. Von da wurde er gerufen zu dem Kaiser von Rußland, Alexander !., und in Petersburg und Wien schürte er das große Feuer an, das Deutschland und Europa den Frieden mit seiner Ehre und Würde gebracht hat. Welchen Antheil der große Mann an diesen welthistorischen Begebenheiten gehabt hat, was seine Begeisterung und deren Impuls gewirkt, ist zum Thcil schon jetzt bekannt worden; wird es aber mehr noch werden, wenn alle jetzt noch verschlossenen Archive in künftigen Generationen sich öffnen. Aber daß er an der Spitze der Administration, die wie eine Fcucrsäule sich durch Deutschland nach Paris bewegte, stoßend, treibend, elektrisirend, in seinem Element war, weiß die Welt, und so lange es eine Geschichte gicbt, wird sie de» Namen von Stein, als den eines der ersten Restauratoren, nennen. Viele Jahre nachher, als das große Werk mit seinen Segnungen längst zu Stande gekommen, fand ich zu meiner Freude in Berlin in dem Hotel der Stadt Rom den außerordentlichen Man» wieder, und Schleiermacher bei ihm. Es war um Tischzeit, und wir mußten, was wir gern thaten, bei ihm bleiben. Ein köstlicher, unvergeßlicher Mittag! Stein und Schleicrmacher waren verwandte Naturen; Beide ließen sich gehen und in der lebhaften geistreichen Unterredung folgten treffend Schlag und Blitz; die Stunden wurden zu Augenblicken. Von der Grafschaft Mark, und namentlich von ihrer Presbyterial- und Synodal-Verfassung und dem daher entspringenden kirchlichen freien Geiste, sprach Stein mit Liebe und Achtung, und sprühte, indem er damit die lahme, schleppende, kalte, todtc und tödtende, gebietende monarchische Consistorial- und Regie- 275» Alles für sich gewonnen und auch die Langsamen und Bedächtigen in Bewegung gesetzt. Es lag in dem Manne Et- rungsverfassung verglich, solche Satyren, daß Schleiermachcr, dem das Wasser auf seine Mühle war, nicht aus dem Lachen und Schütteln kam. Lustige Anecdoten würzten das Symposion. Unter Anderem fragte ich Stein: „Wo es ihm am Besten gefallen, und wo er sich am Wohlstcn gefühlt habe?" Und der große Welt- und Staatsmann nannte nicht Berlin, nicht Petersburg, nicht Wien, nicht London, sondern das stille kleine Wetter an der Ruhr; „Da habe ich," setzte er hinzu, „in einer schönen Gegend die Seligkeit der Einsamkeit genossen. Ein Stachel der Sehnsucht dahin ist mir geblieben, ich hänge daran mit Liebe." So sprach, dachte und handelte er; der Kern des wahre» Lebens war in ihm gesund und frisch, und bei aller Weltbildung, war ihm Einfalt und Redlichkeit geblieben; diese Einfalt und Redlichkeit war eben der Beweis seiner echten, humanen Durchbildung. Dem tiefen Auge seines Herzens konnte er erst ganz folgen, als wie er, nach seinen Wünschen, als wirklich fungirender Staacs- minister abgetreten war und seinen Abschied genommen hatte. Alle Unruhen und Arbeiten, alle Abhaltungen und Anläufe, die mit einer so hochgestellten Wirksamkeit nothwcndig verbunden sind, sah er jetzt von sich genommen, und er war nun äußerlich frei, wie er es innerlich immer gewesen. Es war eine Wonne, ihn davon reden zu hören. Keineswcges war er, als er sich vom Schauplatz des öffentlichen Wirkens zu- rückzog, lebensmüde, abgespannt, und grämlich. Wenngleich das Alter mit seiner Schwerfälligkeit und Langsamkeit, mit seinen Schwächen und seinem Hange zur Ausruhung körperlich bei ihm eingetreten war, so war doch sein Geist jung, lebendig und frisch geblieben, und er blieb es bis ans Ende. Aber es lebte und trieb in seinem Innern etwas Höheres und Besseres, und im Ewigen athmcnd, war ihm der Kreislauf des Irdischen, in dem er zwar andere Modifikationen sah, aber nichts Neues mehr fand, ein gähnendes Einerlei. Wie alle großen Männer nach einem thatenreichen Leben, zog er sich in die Einsamkeit und deren Genüsse zurück, und er wählte nicht die Zerstreuungen und Bequemlichkeiten einer großen volkreichen Stadt, sondern 18» was, was man respektirm mußte, und von ihm schonungslos behandelt, fühlte man doch an ihn sich gefesselt, so daß fern von ihr und ihrem Geräusche das einfache Landleben mit seinen stillen Reizen. Man sollte glauben, er wäre nun auf sein väterliches Stammgut in dem schönen und fruchtbaren Nassauischen zurückgekehrt;^ aber wie wohl er mit seiner Gemahlinn und seinen Töchtern (Söhne hatte er leider nicht) von Zeit zu Zeit dort und sehr gern dort war, so zog er doch den Preußischen Staat, dem er, begeistert von Friedrich dem Großen, seine ersten Jugendkräfte in freier Wahl gewidmet hatte, allen anderen Ländern vor. Vorzüglich lieb war ihm West- phalen, dessen Oberpräsident er gewesen, und in diesem sympa- thisirte er am Meisten mit der Grafschaft Mark. Er kannte die Vorzüge derselben, ihre Eigenthümlichkeit, ihre Freiheit, ihren Wohlstand, und hatte ihre biederen und kräftigen Bewohner aus allen Ständen lieb. Mitten im Herzen dieser glücklichen Provinz liegt auf der Wald umkränzten Höhe im Mün- ster'schen das ehemalige prächtige Kloster Kappcnberg. Man sieht es auf dem sogenannten Hellwege überall schon aus weiter Ferne und auf den ebenen und fruchtbaren Feldwegen zwischen Unna und Hörde glänzen bei Heller Witterung seine langen Fensterreihcn im Sonnenlichte; die Lage ist entzückend schön! Aus den Sälen des Schlosses liegt das ganze gesegnete Land, wie ein Garten Gottes, offen und frei vor den erstaunten sinnenden Blicken. Man stehet in mannichfacher, malerischer Mischung die Städte und Dörfer, die Edelhäuser und Bauernhöfe in üppigen Feldern, Fluren und Wiesen, zerstreut daliegen, und der Geist der sorgenfreien Wohlhabenheit athmct in frischer Lebenslust aus dieser reichen Fülle. Die Glockentöne aus nahen und entfernten Kirchdörfern hallen am Morgen, Mittag und Abend, in dieser weiten Ebene harmonisch zusammen, und man wird still, ruhig und ernst, wenn man sich diesen feierlichen Eindrücken hingiebt. An der anderen Seite hin erhebt sich das prächtige Süderländische Gebirge in verschiedenen Abstufungen und man steht mit Entzücken die rauchenden Berge. Zwischen ihnen auf lüstigcn Höhen und in traulichen Thälern gen licblühende Fabrikstädte, wohlhabende Dörfer, und einsame 277 man von ihm nicht loskommen konnte. Seine Persönlichkeit hatte eine anziehende Kraft; es war die Wahrheit und romantische Besitzungen. Uebcr Kiesel rauschen schnell die Ruhr, die Bolme, die Lenne, und kleine Bäche hin. An denselben wohnen die Drathzieher, und andere Fabrikanten, und es umschatten einsame Hütten Obstgärten; die Eisenhämmer durchhallen mit gleichförmigen Schlägen die stillen Thälcr. Nackte Felsen schauen von ihren Höhen und von Gebirgen stürzen hin und wieder Waldbächc herab. Von den Bergen hört man den Gesang der einsamen Hirten und das Geläute der Hccrdcn. Hie und da schaut durch das Gebüsch eine braune glänzende Kuh; flüchtige Hirsche laufen über den sich durchwindenden Weg, und man hört von Landleuten, oder von Fischern, die Forellen und Pirchen fangen, das wicderhallendc Halloh. — Die Menschen, die.daselbst wohnen, leben und glücklich sind, gleichen sich in individuellen Verschiedenheiten; doch in ihren Grundzügen sind sie mehr oder minder, Jeder für sich, Originale. Die Sitten und Gebräuche ihrer Vorfahren und Väter bewahren sie wie ein überliefertes Hciligthum. Sie sind stämmig, zum Theil groß und derb; aber bieder und gutmüthig, und in ihren Sitten, Sein und Wesen, erinnern sie an die alten Deutschen, wie Tacitus sie beschreibt. Das weibliche Geschlecht, seiner Natur treu, hat einen weiblichen Charakter und ist freundlich, ohne gefallsüchtig zu sein, oft schön, durchgängig gesund; man sieht dort wenig sieche Gestalten, Krüppel fast gar nicht. Die Hausfrauen sind in der Wahrnehmung ihres Hauswesens und der Bestellung ihres Gartens vom Morgen bis zum Abend thätig und immer geschäftig. Man sieht viel Kinder, und in der Regel sind diese kräftig, fröhlich, und gesund; gelbe blonde Haare sind gewöhnlich. Die herangewachsenen Mädchen schmückt Sitte und Naivetät und ihre blauen Augen schauen lustig und schelmisch, dabei unbefangen. Die Jünglinge sind lustig, unternehmend und keck; aber voll Ehrfurcht und Gehorsam betragen sich Söhne und Töchter gegen Vater und Mutter. Es ist eine wahre Erbauung, sonn- und festtäglich den Hausvater und die Hausmutter mit den Kindern und dem Gesinde, besser gekleidet, ein Jedes Gesangbuch und Bibel unter dem Arm, der Reihe siegende Gewalt in ihm, in jedem seiner feurigen Worte, in jeder seiner energischen Handlungen. Mit dem Kaiser lebte nach, est in langen Jügcn, auf den schmalen Pfaden den Berg herunter oder die Thäler entlang nach der Kirche still hintereinander gehen zu sehen. Die Jünglinge und die Jungfrauen haben im Sommer ein Bouquet Blumen, dort ein Lüstken genannt, gewöhnlich Rosen und Nelken, vor der Brust: und die, welche sich miteinander verstehen, tauschen schalkhaft aus; die Mütter, wenn sie es sehen, schütteln den Kopf. Die Menschen, welche die reine Bergluft cinathmen und naturgemäß einfach leben, werden dort gewöhnlich alt, und Viele beziehen die Leibzucht. Man sieht vor derselben auf einem Holze sitzend die Großmutter mit ihren Enkeln sich beschäftigen, und alte Männer aus einem schwarzen Stummel rauchen, sich in Behaglichkeit sonnend. Jn^ dieser Gegend war von Stein bekannt; hier war er gern. Mit ihm befreundeten Männern, den früheren Bergrä- then zu Wetter, dem nachherigcn Obcrpräsidenten zu Stettin, Sack, dem Fabriken - Commissarius, dem Kriegsrath zu Weh- ringhauscn bei Hagen, dem späterhin Kaiserlich Russischen Geheimrath Eversmann, war er, wer weiß wie oft! diese stille und doch belebte Bergstraße gekommen. Die Höhen und Thalcr bei Hagen, Iserlohn, Sieberg, Hattingen, Lüdenscheid, Altena, Grüne, waren ihm, auf seinem Pferde sitzend, obgleich wohlbekannt, immer wieder neu. Das frische, lebensvolle Bild davon trug er in sich, und dahin kehrte seine Sehnsucht immer wieder zurück. Er hatte die Hauptstädte von Europa, die Pracht von London, Paris, Petersburg u. s. f. gesehen; aber, >n allen eine gewisse gleichförmige Aehnlichkeit, eine ermüdende Copienwelt gefunden. Je älter und reicher an Erfahrung er geworden, desto mehr wurde ihm das Niveau der großen Welt, ihre innere Armuth, ihr Scheinen, ihre Künstlichkeit, ihr abgemessenes glattes Wesen, dasselbe durchschauend, zuwider. Seine Originalität hatte er im vieljährigen Conslict mit den höheren und höchsten Ständen in sich voll Energie bewahrt und es lag Wahrheit und Einheit in seiner Tiefe. Seine Individualität 270 er auf einem vertrauten Fuße; mit seinem Varmissen stand er mit den Cabinetten in London und Wien in einem verfand sich angesprochen von einer Volksthümlichkeit, die, entfernt von großen Städten und von ihrer Verflachung durch Berge abgeschnitten, originell geblieben und in allen Classen voll von Originalen ist. Dieser Gegend hatte er seine reife männliche Thätigkeit gewidmet; die ganze Provinz war des Segens derselben froh geworden. Ihn kannte ein Jeder persönlich; Jedem hatte er mittelbar oder unmittelbar gedient; ihm kam Jeder ehrerbietig und treuherzig in gutem Vertrauen entgegen, der gemeine Mann nannte ihn am Liebsten „unseren alten Oberpräsidentcn." Da, wo man geliebt wird, liebt man wieder, und man fühlt sich da wohl und zu Hause, wo man gern gesehen wird. Dieser sympathetische Einklang theilt sich dem Herzen mit; in dem Geben liegt auch immer cm Nehmen, und Beides erzeugt eine Harmonie des Herzens und Lebens, in welcher das innere und äußere Sein eine frische und immer wiederkehrende Neuheit erhält, in welcher man das Haus und die Menschen in der nahen und fernen Umgebung liebgewinnt. In dieser Stimmung und Befriedigung des Herzens kaufte von Stein das prächtige Kappenberg vom Staate an und verwandelte das ehemalige Kloster in ein Schloß. Auf der Höhe und in den heiteren geschmückten Sälen desselben hatte er vor sich liegend den Heltweg und das Südcrland mit den Bergen, seine geliebte Grafschaft Mark. Von Zeit zu Zeit erschien er in Berlin, leitete die Angelegenheiten der Stände in Münster, und wohnte den Verhandlungen der Synode bei. Die Angelegenheiten von Europa behielt er im Auge, und stand fortwährend mit den einflußreichsten Männern im Briefwechsel. Man ehrte die tiefe Einsicht und benutzte die Erfahrung des ehrwürdigen Nestor's. Er beschäftigte sich am Liebsten mit Geschichte und studirte sie in den Quellen. Seine religiöse Ueberzeugung wurde stets Heller und neigte sich immer mehr zum Positiven. Das Evangelium Jesu Christi wurde ihm das Buch aller Bücher und der Geist desselben machte ihn mit der Zunahme der Jahre gewisser und freudiger, fester und milder. Im Stilleis 280 traulichen Verkehr, und es ist geschichtlich gewiß, daß Stein ein vorzügliches Werkzeug für Entwickclung der großen Welt- wohlzuthun und zu erfreuen war stets sein Genuß gewesen, und wurde es mehr und mehr in seinem Alter. Sein ruhiges Kappenbcrg war der Wohnsitz behaglicher Gastfreundschaft und Jeder von Bedeutung besuchte ihn. Er behielt, wiewohl sein Gesicht abnahm, die Lebendigkeit des Geistes und Wärme des Herzens, bis zu seinen letzten Augenblicken. Diese waren sanft und selig, und Kappenbcrg ist merkwürdig dadurch geworden, daß auf ihm in stiller Schlafkammer starb' einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit. König Friedrich Wilhelm III. kannte und erkannte seinen Werth, ehrte und schätzte ihn. Die freilich übertriebene Nachricht: Stein sei erblindet, erhielt Er zu Paretz, und bezeigte wicdcrhotcntlich an diesem harten Schicksal inniges Bedauern und Theilnahme. Seinen dann erfolgten Tod empfand Er tief und Er nannte seinen Namen mit Achtung. Der König bediente sich vorzüglich seines Rathcs, als er noch um Ihn war, und die meisten freisinnigen Institutionen unseres Staates, zu denen vorzüglich die Städte-Ordnung gehört, sind sein Werk. Er war auf gerader ebener Bahn zu dem gewissen Ziele der gemeinschaftlichen Wohlfahrt, ein Mann des Vorwärts, und wiewohl er einen Werth darauf legte, Rcichßfreihcrr zu sein, so war er doch kein Aristokrat und sein Heller Geist, sein klares Gemüth war genesen von allen Vorurtheilcn. In dieser Beziehung war er dem Konige und Seiner Regierung wichtig; aber seine Raschheit und Heftigkeit paßte nicht zu der Milde des Herrn. Eine Sache und die gelegene Zeit ruhig abwarten, und bis dahin Einhalten und Zögern lag nicht in der Den- kungsart Stcin's; bei ihm und in seiner Behandlung mußte Alles biegen, oder brechen. Deshalb spmpathisirte er besser mit dem identischen Sinne des Kaisers Alexander und er war ganz für das Geschäft der Vertreibung der Franzosen aus Deutschland gemacht. An der Spitze der Administration dieser großen Sache, ging ihm Alles nicht rasch genug. Er thciltc seinen Haß gegen Napoleon dem Kaiser von Rußland mit, und die 281 begebmheit war. Obgleich er bei aller Klarheit des Verstandes, bei aller Kcnntniß der Sache, und bei aller Vorur- theilsfreiheit lebendig und tief erkannte, was geschehen mußte, wenn die allgemeine Wohlfahrt herbeigeführt werden sollte, so war er doch aber mehr dafür gemacht, heilbringende Ideen beifallswürdig unfl zeitgemäß vorzustellen, als solche auszuführen. Alles ging ihm zu langsam; das Schwerfällige war ihm zuwider und Hindernisse brachten ihn auf. Dcßhalb hat er als Obcrpräsident von Westphalen, wo er frei und unabhängig waltete, sich glücklicher gefühlt, als nachher in Berlin; und zum Russischen Minister würde er sich schwerlich gepaßt haben, — auch hat man nicht erfahren, daß er nachher auf dieses Land Einfluß behalten. Aber auf den Kaiser Alexander hatte die Zeit, und was in ihr geschehen, einen gewaltigen Eindruck gemacht, und voll von demselben war er ihr vorangeeilt. Er hatte den Weltgeist vernommen, er kannte seine Forderungen; aber sein edles, phan- tasicreiches Gemüth übersah es, daß er mit Weisheit angewandt sein will auf den Zeitgeist. So wie der alte Chur- sürst von Hessen das Interregnum des Königs von Westphalen ignorircn wollte und die inzwischen vorgeschrittene Zeit auf der Uhr derselben, wie als wenn sie nicht da gewesen wäre, zurückzustellen suchte, was in sich unmöglich ist, Gluth desselben wurde mit jedem Morgen neu, — bis das große Werk vollendet war. Stein war ganz Deutsch und die Ehre, Selbstständigkeit und Freiheit Deutschland's war ihm Sache des Herzens und Aufgabe des Lebens. Keiner hat mehr dafür gedacht, gethan, gelitten, als er; er ist und bleibt einer der merkwürdigsten Männer dieser großen Zeit. — Gesegnet sei sein Andenken! 282 so war im Gegentheil im Großen der Kaiser Alexander, wiewohl er sein Volk kannte und von ihm geliebt wurde, nicht langsam genug in Anwendung dessen, was er als wahr und zeitgemäß erkannte. Sein rascher Geist, sein menschenfreundliches Gemüth übersprang alle zwischenliegenden Stufen. Die Natur läßt sich nicht zwingen, sie bewegt sich langsam von einem Zustande zum anderen, und rächt sich unausbleiblich, wenn man ihr aufdringen will, wofür sie noch nicht reif ist. Ein jedes Ding hat seine Zeit, — so auch jeder Mensch und jedes Volk. Aus der Nacht geht das Mor- gcnroth hervor, aus dem Morgenroth der Aufgang der Sonne, aus ihr der Morgen, dann der Mittag, der Nachmittag und Abend mit seinen verschiedenen Schattirungen ruhig und langsam von selbst hervor. Der Winter, wenn er sein Stadium durchlaufen hat, verschwindet von selbst und macht dem Frühlinge und seiner Blüthenherrschaft Platz. Sind diese Blüthen abgefallen und sollen sie reifen, so besteigt der Sommer mit seiner Gluth den Thron; und sind die Früchte reif, so ist der Herbst mit seinen Erndtefrcudcn da. Aus dem Kinde entwickelt sich von selbst der Knabe, aus diesem der Jüngling, und so in allmählichen Stufenjahren der Mann und Greis. Will man dem Knaben schon geben, was dem Manne gebührt, so versteht er es entweder nicht, oder er macht von dem Dargebotenen einen übelen Gebrauch. Die Natur schreitet lückenlos fort; sie läßt sich nicht treiben; das Eine gehet von selbst aus dem Anderen hervor und nur die Reife macht genießbar und süß. Treibhaus-Pflanzen, Blüthen und Früchte, sind kränklich und gerathen selten, und auch gerathen, sind sie schlechter und mangelhafter, als die, welche die Natur aus ihrer gesunden Fülle erzeugt hat. Nicht an- > ders verhält es sich mit ganzen Völkern. Die Welt im Klei- 283 nen ist hier die Welt im Großen. Will man einem Volke gcben> wofür es noch keine Reife hat, so erzeigt man ihm keine Wohlthat; wie der einzelne Mensch, so kann es nur empfangen, wofür es Empfänglichkeit hat; die Empfänglichkeit aber, oder die erreichte Stufe der Cultur, schließt sich verwandt an das wahre, innere Leben an, und gicbt demselben eine schwingende Kraft. Ist diese Reife mit ihren Bedürfnissen, mit ihrer Majorennität und ihren Kräften wirklich eingetreten, so läßt sich der Durchbruch nicht aufhalten. Ja und wenn es denjenigen, welche im Acußcrn dabei an Ansehen, Herrschaft und Einnahme zu verlieren fürchten, eine Zeit lang damit gelingt, so währet dieß doch nur eine kurze Frist, aber nicht für immer. Das Gesetz der Natur, der Perfcctibilität des Menschengeschlechts, und die ihm innewohnende Kraft und Stärke ist zu mächtig, als daß sie sich auf- und zurückhalten ließ; sie klopft, treibt und ringet so lange, bis sie, durchgebrochen, Luft, Raum und Freiheit sich verschafft hat. Alles Elastische springt von selbst, wenn man es drücken und zurückhalten will, in seine naturgemäße Lage. Noch keine Revolution, die eine wirkliche Reformation geworden, ist durch Parteien und deren Reibung zu Stande gekommen; sie liegt tiefer in der Natur der Sache selbst. Ist sie ein Werk der Natur, oder Gottes, so läßt sie sich nicht dämpfen; jeder Widerstand sammelt und verstärkt die Kraft, die endlich die siegende wird. Ist sie aber ein künstliches Werk der Menschen, findet sie in der öffentlichen Meinung nicht Anklang und Stützpunkte, so geht sie von selbst wieder unter. Das ist gewißlich wahr; so liegt es, in der Natur der Sache selbst und in der Geschichte älterer, mittler und neue- 284 rer Zeit. Die Geschichte ist nicht ein Agregat zusammengewürfelter Zufälle, wie die Willkühr und die Laune dieser oder jener mächtigen Partei es gerade will, sondern naturgemäße, still fortschreitende Entwicklung des Geschehenen; Alles hängt hier zusammen nach dem ewigen Gesetz der Ursach und Wirkung. Aus der Vergangenheit geht, wie bei Individuen, die Gegenwart, und aus der Gegenwart die Zukunft hervor. Alles hat seine Gründe und hat darin seine Wurzeln, wie die Erndte in der vorhergegangenen Saat. Es waltet darüber eine leitende Vorsicht und ein allmächtiger Arm leitet den Strom der Weltbegebcnheiten. Der einzelne Mensch ist ein Kind seiner Zeit; er tauchr auf, geht eine kurze Weile vorüber, und taucht wieder unter, verschwindet und wird vergessen; aber das Geschlecht lebet fort und das eine hinterläßt sein Erbe dem anderen. Perfectibilität ist die Grundlage — Alles dringt mit der eilenden Zeit vorwärts! Niemand sah dieß klarer und tiefer ein, als König Friedrich Wilhelm III. Sowie gewaltsame Revolution, so war ihm todte Stagnation zuwider. In Allem hielt Er die Mitte, und Erfahrung galt Ihm mehr als Theorie. Langsam und besonnen ging Er mit der Zeit; was sie als todt begraben hat, wollte Er als lebend nicht hinstellen, — aber auch Nichts, was noch Kraft hatte, in den National-Charakter eingewachsen war, gewaltsam verdrängt wissen. Erhalten und naturgemäß fortschreiten und Alles mit Wohlwollen umfassen, war die Seele Seines Privat- und öffentlichen Lebens. Es gab für Ihn keine geheimen, absichtlich versteckten Schäden, Nichts ging Er aus dem Wege, Alles sah Er offen und gerade an. Er konnte es; so wie Er selbst redlich und 285 aufrichtig war, so war es auch Sein Volk. Die Mehrzahl, und man darf hinzusetzen der beste und gesunde Theil, ist der in seinem Berufe thätige und kluge Bürger und der kcrnigte Landmann. Beide waren Ihm um so lieber und wcrthcr, je mehr sie ihre Dexterita't in der Armee und ihre Treue und Anhänglichkeit bewiesen hatten. Er zuckte die Achseln, wenn Er in den Tagesblättern als allgemeine Meinung und Forderung fand, was die bald verhallende Stimme der Einzelnen war, und wovon das Volk Nichts wußte und Nichts wissen wollte. Won vielen Schriftstellern und der Ebbe und Fluth der in jeder Messe herauskommenden Schriften, von welchen das Neueste das Neue verdrängt, wie Moden, hatte Er keinen Begriff. Die Stiche solcher Tagcsflicgen, die den Kaiser Napoleon, so lange das Glück ihn begünstigte, als einen seltenen Mann priesen und den Größten aller Jahrhunderte an die Seite setzten, hatte Er wohl gefühlt, und Er wurde bitter, wenn davon die Rede war. *) Er vcrtrauete ") Selbst Göthe, ein vielseitig durchbildete!:, geistreicher Man», dessen Meisterwerke unser Studium, unsere Lust und Freude sind, war, obgleich der Liebling eines Deutschen Fürsten, dennoch in diesem Stück wie mit Blindheit geschlagen und verstand nicht die Zeichen und Wehen der Zeit. Der deutsche und biedere E. M. Arndt erzählt in seinen „Erinnerungen aus dem äußeren Leben, S. >95 — lW": „Auch Göthe kam nach Dresden und besuchte mehrere Mal das ihm befreundete Körnerffche Haus. Ich hatte ihn in zwanzig Jahren nicht gesehen; er erschien immer noch in seiner stattlichen Schöne; aber der große Mann machte keinen erfreulichen Eindruck. Ihm war es beklommen und er hatte weder Hoffnung, noch Freude, an den neuen Dingen. Der junge Körner war da, freiwilliger Jäger bei den Lützowern; der Vater sprach sich begeistert und hoffnungsvoll aus; da erwicderte Göthe ihm gleichsam erzürnt: 286 aber Gott und dem gesunden Verstände und guten Sinne, den Er in das Deutsche und in das Preußische Volk gelegt. Ob das hier Gesagte eine Anwendung findet auf das aus so verschiedenen Elementen bestehende und auf so man- ,,Schüttelt nur an Euren Ketten; der Mann ist Euch zu groß; Ihr werdet sie nicht zerbrechen." Etwas Aehnlichcs, selbst Erlebtes und Gehörtes, habe ich Th. I. dieser Schrift S. 228. von dem Abte Henke in Helmstädt erzählt. Das von dem begeisterten Wanne über den Helden des Tages Gesagte war aber gesprochen im Anfange des Jahres 1807,wo sein Glück in so schöner Blüthe stand, daß alle Welt ihn bewunderte. Wie sich dieselbe, und namentlich selbst die Einsichtvollstcn über Napoleon geirrt, wollte ich an dem verehrten Abte klar machen, und ich hatte nicht die entfernteste Absicht dem berühmten Gelehrten, dem ich selbst viel verdanke, zu verunglimpfen, ebensowenig, als Arndt Göthe verunglimpft hat. Es war damals fast allgemeine Meinung, der vorzüglich Deutsche Schriftsteller huldigten, und Charakter der Zeit. Gleichwohl hat der Sohn, Herr Professor v. Henke in Marburg, in der Allgemeinen Zeitung die Wahrheit des Geschehenen und Erzählten in Anspruch genommen und ist unfreundlich gegen mich losgezogen. Der historische Standpunkt ist aber im Jahre 1842 ein anderer, als er im Jahre 1807 war, und Niemand hat freilich vor 3t> Jahren vermuthet, daß Alles so kommen und sich entwickeln werde, wie es sich entwickelt hat. Der jetzige Professor O. Henke zu Marburg war übrigens 1807 noch ein Jüngling, mit dem der ernste Bater um so weniger über Dinge der Art sprach, als der Abt, ein würdiger Mann, bald nach Aufhebung der ihm so , lieben Universität Helmstädt einsah, daß er sich in seinen großen Erwartungen geirrt und bald in Cassel unter Hieronimus es satt genug hatte. Er schwieg dann, und der Sohn hätte besser gcthan, wenn er darin seinem großen Vater ähnlich gewesen wäre. Das Geschehene und Erzählte gehört aber der Charakteristik der damaligen Zeit an, und ist gerade des Mannes wegen merkwürdig. nichfachen Kulturstufen sich befindende große Russische Reich, darüber ist um so weniger ein Urthcil erlaubt, als die älteren und neueren Nachrichten über dieses entfernt, wie verschlossen, liegende Land sehr verschieden lauten, und oft von der Animosität und dem Zeitgcistc eingegeben, durch andere und durch Thatsachcn widerlegt werden. Aber die interessante historische Parallele zwischen dem Ocstrcichischen Kaiser, Joseph II., und dem Kaiser von Rußland, Alexander I., tritt von selbst hervor. Joseph I!. war, geweckt von Friedrich dem Großen, seiner Zeit voran geeilt, und wollte seine Unterthanen auf eine Stufe der Bildung erheben, für die sie noch nicht reif waren. Die zwischenlic- gcndcn allmähligcn Ucbergänge hatten sie, wenigstens der größeren Mehrzahl nach, noch nicht in der Erfahrung durchgemacht. Sie standen noch unter lebendigen Einflüssen, die zuviel vermochten und denen sie zuwenig entwachsen waren, als daß ihre offenbare und versteckte Gegenwirkung aufhören konnte. Kraft und Widerstand, in der physischen, wie in der intellcctuellen und moralischen Welt, nach festen Gesetzen geregelt, hatte der edle Herr nicht genug berechnet; dieser war mächtiger, nicht bloß bei einzelnen Corporationen, sondern auch in der Bolksstimmung, als jene, die größtentheils nur einzeln von seiner Person ausging. Er konnte also nicht durchkommen; er erlag und hatte den Schmerz am Ende seines verfehlten, frühe geendeten Lebens, zurücknehmen und widerrufen zu müssen, was er gewollt und eingeleitet hatte. Er war ein leuchtender Blitz, aber kein Morgenroth. Alexander I. war ein Herr voll Menschenliebe, und trug in sich die Ideale des Christenthums, um sie zur Wirklichkeit zu bringen. Sein edles empfängliches Herz glühete, voll von philanthropischen Wünschen. Er kannte sehr wohl die Hindernisse und Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte; aber er scheint nicht den Muth gehabt zu haben, ihnen entgegen zu treten. Er ging ihnen aus dem Wege; er verließ seine Residenzstadt Petersburg und ging, seiner Wehmuth in ihren tiefen Wünschen folgend, nach dem südlichen Rußland, der Krimm, und dann nach dem stillen Ta- ganrog. Diese Stadt, bewohnt von ohngefähr 17Wl) Seelen, liegt in einer angenehmen Gegend, die dem gemüthlichcn Kaiser, der Unruhe und ihres Zwanges müde, anzog und fesselte. Hier faßte er festen Fuß, hier verweilte er, hier war er gern. Bon diesem kleinen Orte regierte er sein großes Land; in ihm , in seiner ruhigen Umgebung sammelte er sich, und hing seinen großen, die Menschheit umfassenden, beglückenden Ideen nach. Er scheint in der Folge von der Regierung sich haben zurückziehen wollen, um in Taganrog ruhig seine noch übrigen Tage zu verleben; wenigstens verweilte er hier, fern von der prächtigen und geräuschvollen Hauptstadt, ein ganzes Jahr. Seine vortreffliche Gemahlinn Elisabeth, die unsere unvergeßliche Königinn Luise liebgewonnen, und die sich gegenseitig zueinander hingezogen fühlten, war ebenfalls nach ihrer sanften weiblichen Gcmüths- stimmung gern in einer ruhigen Welt. Bon Jugend auf an das romantische Carlsruhe und an das stille Bruchsal gewöhnt, hatte sie im Umgange mit ihrer ehrwürdigen Mutter und ihren angenehmen Schwestern frohe Tage verlebt, und die Erinnerung an dieselben, fern von der Heimath, war ihr werth und theuer. Je weniger das-hochgestellte Leben zu St. Petersburg mit seiner zwangvollen Etiquette ihr und ihrem Sinne zusagte, desto werthcr und lieber wurden ihr einsame Stunden und die Plätze, wo sie dieselben finden konnte. Ihr Geist war gebildet und verlangte Nahrung; ihr Herz religiös und liebte die Erhabenheit und Einfalt des evangelischen Christenthums. Diese Richtung ihres Seins und Fühlens wurde verstärkt durch eine zarte körperliche Bildung und öftere Kränklichkeit. Der lange und scharfe Winter in Petersburg bekam ihr nicht gut, und sie erwartete Wohlsein und mehr Genuß von einem wärmeren Himmel. Mit Zustimmung ihres Gemahls, des Kaisers, ging sie ebenfalls mit einem kleinen Gefolge nach dem angenehmen Taganrog. Dahin war sie voraus geeilt, ihr folgte Alexander, und Beide lebten hier miteinander vereinigt. In Petersburg hatten sie nicht gefunden, was ihre Herzen verlangten; dort hatte Manches sie voneinander entfernt, was sich nicht ändern ließ und worüber ein so hochgestelltes Leben keine Erklärungen zuläßt. Sich und ihrem besseren Selbst wiedergegeben und mehr auf sich zurückgeführt, fanden, was zwei so edle Seelen, zum innigsten Bunde, den es aus Erden giebt, dem ehelichen, miteinander verknüpft, bedürfen, um sich gegenseitig lieb und werth und unentbehrlich zu werden. Vieles in der Welt, was prächtig und blendend in die Augen fällt, ist ein leerer Schein, der verschwindet, und eine Leere in der Seele zurückläßt, die um so tiefer und schmerzlicher empfunden wird, je mehr man erwartete. Die Täuschung ist bitter, in der man oft ungerecht wird, da man von vorübergehenden Außendingen sich Etwas verspricht, was sie doch nicht geben können. Dieser Betrug, unterstützt von den Grübeleien der Einbildungskraft, überdauert aber in der Regel die Jugend nicht. Das Alter und seine Erfahrung machen von selbst ihre Rechte geltend, und von ihnen geführt, lernt man die Dinge in der Welt so kennen, wie sie sind. Der optische Betrug mit feiner Regenbogen-Farbe verschwindet; was bleibet und ver- II. (-1 lg 290 gcht, sondert sich ob; Alles 'tritt in sein wahres, naturgemäßes Vcrhältniß, und man lernet verstehen, was ein glänzendes Elend ist. Das beweiset vorzüglich die Ehe, ein wahres Heiligthum, geschlossen für das ganze Leben. Sie macht in ihrer selbstständigen Würde sich geltend, auch wenn man sie lange verkannt hat und gegenseitig Beleidigungen vorgefallen sind; *) ihr Einverständniß und seine Süßigkeit wird um so höher geschätzt und um so voller genossen, je länger die Verkennung gedauert; ihre Pflichten werden um so treuer und freudiger geübt, je öfter sie verletzt worden sind. Mag das Leben in seinen Wechseln geben und nehmen und am Ende ein gewisser Indiffercntismus eintreten, die Ehe behält wcchsellos ihre Heiligkeit und bindende Kraft. Kaiser Alexander und seine Gemahlinn Elisabeth, vorher in einem weiten Palast und seinen großen Räumen, vorher durch Hofstaat und seine Etiquette voneinander entfernt, lebten in dem stillen Taganrog, in einem kleinen Privathause, fröhlicher und heiterer. Freiwillig, ans eigener Wahl, hatten sie die vorige Pracht von sich gethan, und die Beschränktheit beengte sie nicht. Ruhe und Frieden umgab sie und sie fühlten und genossen ihren erquickenden Anhauch. Ihre Tafel war nicht, wie sonst, prächtig und zahlreich von Dienerschaften umgeben; aber gemüthlicher, froher, und also genußreicher. Geschäfte der Regierung nahmen den langen Morgen für den ') Referent hat in seiner langen Amtspraxis als Geistlicher die Erfahrung gemacht, daß Eheleute, die sich aus Zuneigung gewählt hatten, im Verdruß über gegenseitige Beleidigungen geschieden, nachher in wahrer Sympathie wieder proclamirt und copulirt wurden. Sich wechselweise unentbehrlich, lebten sie nun um so einträchtiger und glücklicher. 291 Kaiser hin, die Kaiserinn aber war mit Schreiben, Lesen, Musik, und weiblichen Handarbeiten, umgeben von wenigen gebildeten Hofdamen, die sie als ihre Freundinnen liebte und behandelte, beschäftigt und unterhalten. Ihr gebildeter Geist und ihr reiches Gemüth wußte in dieser wohlthucnden Stille nichts von langer Weile, und ihr sanftes, liebevolles Herz, auch wenn sie kränkelte, nichts von übler Laune. Beide beschäftigten sich in frühen Morgen- und späten Abendstunden mit Lectüre und Erbauungsschriften. Die angenehmen Gegenden uin Taganrog hatten sie lieb gewonnen, und man sah fast täglich, wenn gute Witterung war, sie, Hand in Hand langsam gehend, die nächste Umgebung besuchen. Besonders verweilten sie gern auf einem Sitze, der den Augen eine schöne Gegend und eine entzückende Ansicht darbot. Hier saßen sie Stunden lang und unterhielten sich zutraulich, wo ein Wort das andere, ein Gedanke den anderen gab. Sie redeten von der Vergangenheit, gedachten der Zukunft, und genossen die Gegenwart. Sie waren, still und zurückgezogen, sich einander genug, und vermißten die große Welt und Petersburg mit allen seinen glänzenden Herrlichkeiten nicht. Ohne Zwang bewegten sie sich frei, und mit dieser Kunstlo- sigkeit und Freiheit war wahrer Lebensgenuß, Ruhe und Zufriedenheit bei ihnen eingekehrt. Sie kehrten ein und aus, und aus und ein, in gleichförmiger geordneter Lebensweise und die Einwohner des ruhigen Taganrog waren schon an den Anblick des dort wie zu Hause gehörenden Kaiserlichen Ehepaares so gewöhnt,, daß er alles Fremde für sie verloren hatte. Es war nicht anders, als wenn es so sein müßte, — so bewegte sich vom Morgen an durch den lieben langen Tag, bis der dunkle Abend kam, Alles in gehöriger und geordneter Reihenfolge. Aber der Mensch hat hier keine blei- 292 bende Stätte, und er muß davon, früher, als er denket und gedacht hat. Einem Jeden steht sein Tag bevor, und wenn er da ist, sinkt er ohnmächtig dem Tode in die Arme. Selbst der Mächtige, der Herr über das Leben und den Tod seiner Unterthanen, der Bestimmer des Krieges und des Friedens, muß diesem Gesetze der Natur gehorchen. Von ihm ergriffen, hört seine Macht auf und die Krone entfällt seinem zusammengesunkenen Haupte, der Scepter seinen erstarrten Händen. Man nennet Regenten „Götter der Erde;" aber sie sterben wie andere Menschenkinder und Liebe und Theilnahme stehen da ohne Hülfe, wie an jedem anderen Sterbebette. Kaiser Alexander, früh alt geworden, wollte bei einer frugalen Lebensweise sich restauriren und abhärten, und machte bis zur Ermüdung sich Bewegung zu Fuße lind zu Pferde. Auf einer derselben erkältete er sich; er erkrankte an einem galligten Fieber und starb den Isten Dezember 1825, erst 48 Jahre alt, in den Armen seiner edlen Gemahlinn Elisabeth. Ein ganzes Jahr hatten sie Beide in süßer Eintracht in dem entlegenen Taganrog verlebt und waren, wie durch ihre Persönlichkeit und ihr hohes Beispiel, so durch viele Werke des Wohlthuns, den Einwohnern lieb und werth und damit unvergeßlich geworden. Das Russische Volk verehrt und liebt seinen Kaiser mit patriarchalischer Begeisterung, und gicbt dieselbe, so oft es ihn sieht, treuherzig und anhänglich zu erkennen. Es bebt nicht wie ein Sklave vor seinem despotischen Herrn stumm und ängstlich zurück, sondern nahet sich ihm zutraulich und kindlich und nennt ihn, treuherzig die Hand ihm reichend, „seinen Vater." Mit dieser Liebe verbindet es eine tiefe Ehrfurcht, die Unterwürfigkeit ist, und 293 aus diesen in Einheit zusammen fließenden Bestandthcilen ließe sich ein edler, freisinnniger Nationeilcharakter bilden, wenn kein anderes Hindcrniß entgegen wirkte und hemmte. Der gemeine Mann ist gutmüthig und fröhlich, der alte Sitten und Gebräuche, besonders kirchliche, als ein Heiligthum bewahrt und in Ehren hält. In den mittleren Volksklasscn, selbst in Petersburg und in den Hauptstädten, herrscht viel häusliches Familicnglück und National-Charakter, den flacher Nivellismus noch nicht weggeschwemmt hat. Rührend ist die Schilderung, welche man in alten und neuen Nachrichten von der patriarchalischen Gastfreundschaft der Bürger findet. Vorzüglich ziehet an die Treue und Zärtlichkeit in der Ehe; die gehorsame Liebe der Söhne und Töchter; die Anhänglichkeit her weiblichen und männlichen Dienstboten. — Eigenschaften und Tugenden, die, bei allen Fortschritten in der Aufklärung, ihren großen Werth behalten und als wesentliche Bestandtheile menschlicher Wohlfahrt behalten werden. Der eigenthümliche National-Charakter der Russen hat in den entfernten Provinzen noch mehr und unvcrmischt seine prägnante Signatur behalten und giebt sich gleich durch eine durchdringende Färbung zu erkennen. Es liegt darin etwas Originelles, woran man gleich das Volk in seiner Eigcnthüm- lichkeit erkennet, und womit man sympathisirt, da Gutmütigkeit die Grundlage ist. Es ist nicht zu leugnen, daß es dieß vorzüglich war, was den gemächlichen Kaiser, der mit seinem Volke und mit jedem Menschen es gut meinte, bestimmte, seine Residenz so weit weg zu verlegen und in dem stillen Taganrog sie auszuschlagen. Es gefiel ihm hier wohl; ein ganzes Jahr verweilte er in süßem Frieden mit seiner Gemahlinn in dieser Umgebung; und wahrscheinlich würde er länger hier geblieben 29^ sein, wenn nicht plötzlich, mitten im Laufe der edelsten, seinem Wolke gewidmeten Bemühungen, ihn der Tod abgerufen hätte. Aber er ist Allen, die dort leben und wohnen, unvergeßlich geworden, und was geschehen und gethan ist, um die vormalige Anwesenheit zu bezeichnen, ist der Art, daß Kinder und Kindes-Kinder noch davon erzählen werden. Noch finden sich frisch und treu bewahrte Spuren seiner Fußtapfen in Menge daselbst. Am Ende der Hauptstraße zu Taganrog steht ein nicht großes Gebäude von einem Stocke, von außen mit hellgelber Farbe angestrichen. In diesem Hause lebte und starb der Kaiser Alexander. Das Zimmer, in dem er starb, ist heutigen Tages eine Betcapellc. Die Stelle, wo sein Sterbebette stand, bezeichnet ein Altar, vor dem ein Tcppich mit weißer Einfassung liegt. Daneben ist eine silberne Säule, und auf dieser eine Tafel, welche den Todestag des hohen Todten, den löten November*) 1825, enthält. Unmittelbar darauf sieht man ein Gemälde, welches die Todcsscenc darstellt. Das sehr einfach gebauete Palais enthält nur 8 Zimmer; sein ebenso einfach arrangirtcs Ameublement steht ganz noch in der Ordnung, wie man es zur Zeit Alexanders und Elisabeth's sah. In einem Flügel des Gebäudes wohnt der Ausseher, ein ehrwürdiger Militair-Veteran. Die Wachen versehen zum Theil noch dieselben Leibcosaken, die sie versahen während Alexanders letzten Lebcnstagen und die den Leichenzug escortirten von Taganrog bis nach Petersburg. Im Mittelpunkte der Stadt liegt das Kloster, in welchem Alexanders irdische Hülle ausgesetzt stand. Hier befindet sich zur linken Seite des Altars ") Alten Styls. 203 der Katafalk, der seinen Sarg trug, umgeben mit weißen Säulen, mit vergoldetem Gesims und Adlern. Die Zwischen- räume sind mit Blumengewinden geziert, welche die Kaiserliche Krone umschlingen. Mitten in der Kirche, auf der Stelle, wo Alexanders Sarg aufgestellt stand, ist ein Monument von weißem, darauf ein Kreuz von schwarzem Marmor. Auf der einen Seite sieht man das Heiligen-Bild Alexander Newsky's; mit diesem Bilde ließ sich das Hcrrscherpaar einst bei seinem Trauungsacte einsegnen. Auf dem das Kloster umgebenden Platze ist dem verewigten Kaiser ein Monument von Bronce errichtet, ruhend auf Granit von drei Stufen. Das Denkmal stellt ihn in Lebensgröße dar mit entblößtem Haupte, die linke Hand ruhet auf dem Degengefäße, die Rechte hält eine Papierrolle, die ihm zum Theil entfällt, zu seinen Fußen sitzt ein Adler mit traurig herabhängendem Gefieder; an der Schulter hängt ein schön drappirter Purpurmantel. Die Ausführung gehört dem verstorbenen großen Russischen Bildhauer Mastor. Nahe bei der Stadt, bei einem Eichengehölz, stehen noch jetzt fünf von einem Achteck eingeschlossene Eichcnbäume; vor demselben eine steinerne Bank und ein gleicher runder Tisch. Hier ruhte Alexander auf seinen Spatziergängen gern aus, seinen Blick aufs Weite sinnend gerichtet. Vier Werste von der Stadt war auf Anordnung der Kaiserinn der nach ihr von dem Kaiser genannte Elisabeth-Park hart am Meeresufer angelegt. Hier wandelte die edle hohe Frau, begleitet von ihrem rein und zärtlich geliebten Gemahl, oft auf und ab. Beide pflanzten hier mit eigener Hand mehrere Bäume, die, sorgfältig gepflegt, sich bis jetzt erhalten haben. Am höchsten Punkte des Parkes, da, wo man die Wogen des Meeres stehet und in's 296 Unermeßliche schnuet, steht unter Pappeln eine grüne Bank; sie war ein Lieblingssitz des Kaiserlichen Ehepaars. Im Geiste versetzt man sich gern dahin in die nun verlassene stille einsame Gegend. Es umschwebt diesen freiwillig nach dem Herzen gewählten Aufenthalt des Kaisers und der Kaiserinn ein eigenes Helldunkel, das mehr der Abend- röthe, als dem hellen Mittage gleicht. Sanft tagt darin das Leben, welches, fern von der Welt und ihrem Geräusch, eine stille Ruhe athmct: den Herrn und Regenten einer halben Welt, der auf dem Europäischen Schauplatze eine so wichtige und entscheidende Nolle gehabt, dessen gefeierten Namen man in allen Sprachen nennt, sieht man ein ganzes Jahr zurückgezogen in der Stille leben, in der Einsamkeit suchend, was er in den glänzendsten Zerstreuungen und in den vornehmsten Kreisen nicht gefunden. Dieß Lebensbild wird um so anziehender, da in ihm eine durch Geist und Gemüth ausgezeichnete Frau erscheint, die durch das heilige Band der Ehe eine Kaiserinn ist. Beide sind Ein Herz und Eine Seele und finden aneinander, was dem Leben genügt und ihm täglich neue stille Reize giebt. Wir sehen keinen prächtigen Hof mit seinem Reichthum; wir werden nicht gewahr eine vornehme Umgebung; wir bemerken keine zahlreiche Dienerschaft, wie wir es an Kaiserlichen und Königlichen Hosen gewohnt sind. Und doch ist hier ein mächtiger Kaiser und eine verehrte Kaiserinn; sie leben und residiren *) Siehe die Nachrichten über Taganrog und seine nächste Umgebung in der „Vossischen Zeitung, Nr. 278. 1844. Petersburg, den Ib. November 1844." 297 nicht in einem großen Palastc, sondern in einem Hause, wie der Privatmann es hat, und in diesem Hause und seinen beschränkten Räumen wohnt die Liebe, Eintracht und Zufriedenheit, die nicht mehr haben will und volle Genüge hat. Und das Alles ist freie Wahl; man will es, weil man es für das Bessere hält; man verleugnet und zwingt sich nicht; gern und freudig läßt man fahren Alles, in welchem man bei äußerem glänzenden Schimmer keinen ruhigen Genuß gefunden hat. Das Alles sieht man bei einem Herrn, der etwa nicht alt und abgestumpft und lebensmüde, der vielmehr mit seiner Gemahlinn im besten Alter ist. Alexander ist Kaiser; er regiert selbst; er ist der Mittelpunkt seines großen Reiches; von ihm gehen die Befehle aus, und sein treues Volk liebt ihn kindlich als einen Bater, und verehrt ihn als seinen angestammten Herrn. Keineswcges will er lebenssatt die Regierung niederlegen; vielmehr ist er noch voll von Plänen und menschenfreundlichen Wünschen für sein weites Reich. Sein Leben und Wirken, sein Sinnen und Trachten gehört der Welt an und steht in einer engen Verbindung mit ihr und ihren Angelegenheiten. Und doch verläßt er das prächtige Petersburg und die alte merkwürdige Stadt der Czaaren, das ehrwürdige Moskau, und lebt, wohnt und regiert in dem entfernten kleinen Taganrog. Man muß gestehen, es liegt darin etwas Eigenthümliches und Originelles. Alexander hatte nicht das, was man wunderlich, eigensinnig und launenhaft nennt; er war ein Herr allgemeiner Wcltbildung, in feiner, gewandter Sitte zuvorkommend und gutmüthig. Seine lebendige Natur wußte sich in alle Formen des Lebens zu finden, seine Energie gab den ihn umgebenden Dingen die ihm beliebigen Formen, und in keinem Moment seines Lebens hat er aufgehört, Autokrat zu 298 sein. Bei diesen seinen Eigenschaften ist das letzte Fragment seines Lebens, sein einjähriger Aufenthalt in Taganrog, um so merkwürdiger, und er erklärt sich psychologisch, da seine edle reine Seele bei den Unruhen des Lebens sich nach der Ruhe sehnte, deren heiteres Bild er idealisch in seinem weiten Herzen trug. Seine letzten Lebenstage sind bei aller Thätigkeit eine Jdillc, deren Abendroth sanft verklang. Er aber ist und bleibt in der Geschichte unvergeßlich. Sein unerwartet früher Tod durchzuckte die Welt, König Friedrich Wilhelm III. aber erschütterte die Trauerbotschaft. Von den drei Allirten war Alexander der Jüngste, der, nach menschlicher Berechnung, am Längsten leben konnte; und doch war er der Erste, der aus dem heiligen Bunde schied. Er und der König waren nicht bloß durch politische Bande miteinander verknüpft, sondern auch persönlich Freunde, und wurden es mit den Jahren immer mehr. Verschiedene Naturen, — der Kaiser idcalisch und rasch, der König prosaisch und practisch, — fühlten Sie sich doch zueinander hingezogen durch ihre gemeinschaftliche Menschenliebe. Es war eine Freude, die beiden hohen Herren miteinander zu sehen; Einer kam dem Andern mit Ehrerbietung zuvor. Der König rühmte bei jeder Gelegenheit Seinen wiederholten Aufenthalt zu Petersburg, und wußte nicht, wie Er Seinen hohen Freund, den Kaiser, genugsam ehren sollte, wenn Er die Freude hatte, ihn in Berlin und Potsdam bei sich zu sehen. In solcher Zeit war Pracht und Herrlichkeit bei Hose und ein Fest drängte das andere. Dieß war nicht ceremoniell, um die herkömmliche Sitte zu beobachten, sondern wirkliche Zuneigung, die ein hochgeachteter und geliebter, gern gesehener Freund für den Anderen fühlte. Dcßhalb waren Beide 299 viel beieinander und gingen zusammen langsam ohne Gefolge durch die Straßen von Potsdam. Allein in einem Wagen fuhren sie nach Parcz und brachten im Andenken an die verewigte Königinn auf diesem stillen Landsitze einen Tag zu. Wichtige Erinnerungen verknüpften Beide; Unglück und Glück hatten sie miteinander erlebt und reich war ihr zusammengestelltes Leben an entscheidenden, unvergeßlichen Auftritten. Der König ließ in allen Stücken dem Kaiser, wie sich von selbst versteht, nicht nur den Rang, sondern Er war auch, wie es in Seiner Natur und in Seinem Wesen lag, bei aller Ruhe und Zuversicht stets einfach und bescheiden, — was dann wieder die aufmerksame Zuvorkommenheit auf der anderen Seite steigerte. Nie sprach, so gern Er es rühmte und anerkannte, was das Preußische Volk gethan und geleistet, Er ruhmredig von dem, was Er zu Stande gebracht; dagegen pries Er gern alles dasjenige, was die Russische Armee und ihr Kaiser ausgeführt, gelitten und vollendet hatten. Er erkannte und ehrte dicß öffentlich, da Er nicht bloß das Bildniß des Kaisers in Lebensgröße und in mehreren anderen Formen in den Sälen Seiner Schlösser hatte, sondern auch im Lustgarten zu Potsdam seine marmorne wohlgctroffene Büste auf einem hohen Fußgestell und einen Park von Kanonen mit einer beständigen Wache aufstellen ließ. Dazu kam nun noch vorzüglich die nahe Verwandtschaft, in welcher Er mit dem hohen Kaiserhause stand. Seine älteste Prinzessinn Tochter Charlotte, die jetzige Kaiserinn, hatte durch die Liebe ihres edlen Gemahls, des damaligen Großfürsten, des nunmehrigen Kaisers von Rußland, Nicolaus, durch den liebevollen Sinn der preiswürdigen alten Kaiserinn Mutter, Maria, wie durch Herzlichkeit aller ihrer Kinder, besonders durch das Wohlwollen 300 ihres hohen Sohnes, des Kaisers Alexander, in der Fremde zu Petersburg eine zweite Heimath gesunden. Sie lebte und lebt in einer sehr glücklichen, von Gott gesegneten Ehe, und in ihr sah und fand der König das Abbild der Seinigcn. Wie hätte Er nicht lieben sollen diejenigen, die solches süße Glück, das Beste, was ein Batcrherz sich wünschen kann, ihr bereiteten, und durch christliche Grundsätze sicherten! Bande des Blutes ehrte Er über Alles, um so höher, wenn sie, wie hier, durch edle Gesinnungen sympathetisch verstärkt wurden. Er auch von Seiner Seite that Alles, um das liebevolle Einverständniß zu nähren, und war darin um so freudiger, da es eine wechselseitige, tief in dem Herzen begründete und dabei hochgehaltene Harmonie war, die durch öftere Besuche jedesmal erneuert und angefrischt wurde. Der König war ein sehr glücklicher Water, und es war eine wahre Lust, Ihn, umgeben von Seinen an Leib und Seele gesunden Kindern, die Seine Luise Ihm geboren hatte, mit Seinen hohen würdigen Schwiegersöhnen still vergnügt zu erblicken. Dieses Glück war jetzt durch den unerwarteten frühen Tod des Kaisers Alexander getrübt. An Schmerzen schon gewöhnt, war doch diese Trennung von einem treuen Bundesgenossen, von einem biederen Freunde, von einem nahen, liebevollen Verwandten, Ihm sehr bitter, und Seinem Wesen nach war Er in sich gekehrt und still. Nur mit Wenigen sprach Er über diesen Verlust; aber wie tief Er ihn empfand, legte Er auf alle Weise an den Tag. Er ordnete eine Todtenfcier Seinem entschlafenen Freunde an, und das Regiment „Kaiser Alexander" in Berlin kam herüber und beging diese Trauer ernst mit Ihm, Seinen Kindern und Seinem großen Gefolge, in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam. Die Uniform des Regiments, die der Kaiser ge- 301 tragen, sein Degen und Hut waren in der Kirche aufgestellt und am Altare standen zwei Soldaten, welche die umflorten Fahnen hielten. Er selbst kam hin im stillen Schmerz, und sinnend und nachdenkend betrachtete Er das marmorne Monument, welches Er Seinen Allirten hatte errichten lassen. Ach! Einer von den Dreien war nun schon vom irdischen Schauplatze abgetreten und das Wappen des Russischen Kaisers umgab eine trauernde Cypresse. Es herrschte in der Kirche eine feierliche Ruhe. Nicht lange nachher, den 22sten Januar l 82k, wurde das Krönungs- und Ordensfest*) gefeiert. Der König, voll *) Das Krönungs- und Ordensfest, welches auch in den Preußischen Kalendern bemerkt ist, hat seinen Stiftungstag jedesmal den 18ten Januar; wird aber, um die Geschäfte der Woche nicht zu stören, am nächsten Sonntage begangen. Es ist gewissermaßen der Geburtstag der Preußischen Monarchie und ein Fest seiner treuen, ausgezeichneten Diener; es ist also ein patriotisches Fest und bezeichnet, als solches, den Gesichtspunkt, aus welchem es aufgefaßt werden muß. Diesen hat Referent, so oft er, früher in der Hof- und Domkirche, später im Schlosse in der alten Kapelle, die Liturgie und die Rede im Rittersaale in einer Reihe von 2S Jahren gehalten, in's Auge gefaßt. Dadurch erhielt das Fest, als solches, eine eigenthümlichc Färbung und das jedesmal Vorgetragene den Charakter einer Casual- rede. Da immer im Feste das Nämliche gleichförmig wiederkehrt und das erneuerte Andenken mit den vertheilten Orden dasselbe ist, so scheint es schwer, stets bei dem Feste selbst stehen zu bleiben und über dasselbe bei seiner Wiederkehr wieder etwas Neues und Frisches zu sagen. Dieß scheint aber nur so;' ist's aber in Wahrheit nicht. Schon jeder Tag hat, bei aller Gleichförmigkeit, womit einer dem andern ähnlich ist, wie ein Ei dem anderen, doch seine Verschiedenheit, und jeder hat bei 302 von dem Tode des Kaisers, wollte, daß bei der Feierauch seiner und seiner Verdienste wenigstens am Schlüsse gedacht würde. Es wurde folgende Rede gehalten: dem sich gleichbleibenden Kreisläufe doch seine Eigenthümlich- keit; kein folgender Tag ist weder in Gcmiithsstimmung, die er anregt, noch in den Bcgcgnissen, die er mit sich führt, ganz derselbe, jeder ist, ungewöhnliche Begebenheiten abgerechnet, mitten in dem ruhigen Einerlei anders schattirt. Ist das schon bei den Thcilen der Fall, wie viel mehr noch bei dem Ganzen, einem vollen Jahre! Ein jedes lebt in seiner eigenthümlichcn Geschichte, wodurch es sich von dem vorigen und dem nachfolgenden unterscheidet und einen ihm gehörigen Charakter erhält. Die Gegenwart brütet und steht nicht still, sie schreitet vielmehr stets fort, und bringt Alles zum Vorschein, sobald es reif geworden und in dem warmen Schöße der Zeit zum Durchbruche kommt. Man darf nur die politische Zeitung mit Aufmerksamkeit lesen und den Gang der Begebenheiten und ihre Richtung in vergleichendem Auge behalten, um im Allgemeinen das Besondere zu finden. Dicß war es, was der Sprecher am jährlichen Krönungs- und Ordensfcstc in seiner Rede aus dem Strome der vorüberflutenden Zeit heraushob, motivirte und geltend machte; und nichts war leichter., als bei der christlichen und patriotischen Vielseitigkeit des Festes ihm jedesmal seine ihm gehörige Farbe zu geben. Dadurch aber erhielten diese Reden, die gedruckt aus einer Zeitung in die andere übergingen und dabei kurz waren, eine allgemeine Theilnahme, und, gesprochen in Gegenwart des Königs, ein Gewicht, welches sie an sich nicht hatten. Man glaubte, daß man ohne Sein Vorwissen nicht so reden dürfe; man sah die am Krönungs- und Ordensfeste gesprochenen Reden als Thronreden an, die dem hohen Staatsministerium zur Bcurthcilung zuvor, und dann dem Könige vorgelegt werden müßten, der strich und zusetzte, was Er in Seiner Weisheit zweckmäßig fand. In der Leipziger Allgemeinen Zeitung vom 28sten Januar 1841, unter dem Datum Berlin, den 2gstcn Januar 1841, wird behauptet: ,,Dcr Redner an diesem Feste ist gleichsam das Organ des Herrschers, und man weiß, wie der Inhalt in völliger Uebcreinstimmung 303 „Dem Könige aller Könige, dem Herrn aller Herren; Ihm, der da ist, der da war, und der da sein wird, sei Anbetung und Ehre, und Preis und Dank. Amen." mit den Empfindungen desselben stehet. Die am Krönungsfeste gehaltenen Reden haben fast den Schein einer Thronrede, in welchem dem Volke gesagt wird, welches die Wege und Grundsätze sind, auf welchen das Staatsgebäude ruhet und weiter schreitet; was die Nation von ihrem Fürsten zu hoffen habe, und was dieser von allen getreuen Dienern und allen Gliedern des Staates erwarte." ,,Dic Reden sind eine politische That- sache;" Aber der Redner darf die wichtige Stellung und die Ehre, die man ihm erweist, als ehrlicher Mann, der nie scheinen will, was er nicht ist, nicht annehmen; denn an allem diesem ist auch nicht ein wahres Wort. Nie ist mir vom Könige irgend ein Thema aufgegeben, nie auch nur auf das Entfernteste angedeutet, worüber ich reden möchte. Alles da bei war meiner freien Wahl und Selbstbestimmung überlassen. In den vielen Jahren, in welchen ich diese Reden gehalten, habe ich nur zweimal, in Rücksicht auf damalige Zeitumstände (I83V—>1831), sie vorher dem Hochseligen Herrn vorlegen müssen. Außer diesen beiden Fällen ist dieß nie geschehen, und Er selbst und Keiner vor dem Feste wußte nur ein Wort von dem, was gesagt werden sollte. Wäre es anders und so gewesen, wie man wissen wollte und verbreitete, so würden in solchem schweren und bedeutungsvollen Gewichte die an sich schon schwierigen Reden noch schwieriger gewesen sein, und von solchen Schranken umschlossen und solchen Rücksichten beengt, würde ich die heitere frische Unbefangenheit des Gemüths, das erste Erforderniß zum Gelingen, nicht gehabt haben. So zu handeln und sich zu verstecken, lag nicht in dem Charakter des Königs, der überall offen und gerade war. Er verabscheute alle krummen Wege und ging nur die geraden; Er bekannte sich freimüthig zu Seinen Grundsätzen und liebte eine ähnliche Gesinnung an Seinen Dienern. Alles war auch hier ehrlich, ohne vorangegangene Verabredung, unbefangen und aufrichtig. Es war kein prunkvolles, glänzendes diplomatisches, sondern ein wirklich patriotisch-christliches Fest. Davon will ich nicht reden, daß 304 „Beim ersten Anblick mag es scheinen, als ob das Krö- nungs- und Ordensfest, an sich betrachtet, mit dem Christenthum nicht nur in keiner Verbindung, sondern wohl gar im Widerspruche stehe, also daß zwei verschiedenartige, sich wechselseitig ausschließende Elemente in dieser Feier in Berührung kommen und unnatürlich und natürlich nebeneinander gestellt werden. Aber wir dürfen nur tiefer in die Bedeutung dieser Feier eindringen und mit reinem Herzen die ernste Absicht verstehen, in welcher der Konig, unser Herr, an diesem Tage nicht nur um Seinen Thron, sondern auch in dieser christlichen Kirche zur Anbetung uns versammelt, um zwischen Beiden nach Vorschrift die Rede kurz sein mußte, und nicht über 15 Minuten dauern durste. Manche Themata, bei denen Begriffe erst erklärt werden mußten, konnte man gar nicht nehmen; man mußte gleich in die Mitte der Sache (meüius re8) kommen, um die gewählte Idee einigermaßen motivirt und befriedigend abzuhandeln und ihr die nöthige Rundung zu geben. Aber wohl konnte das Jmponirende, Großartige und Hohe der Feier, das Glänzende derselben, das unmittelbare Wechseln des Orts, aus der Kapelle, wo man Gotte gegeben, was Gottes, in den Rittersaal, wo dem Kaiser, was des Kaisers ist, intimidircn. Der König, der Hos, das diplomatische Corps, die Exccllenzen, die neuen Ritter u. s. s. waren versammelt. Alles war still, horchte hoch auf; Viele, die vielleicht gar nicht mehr zur Kirche gingen, waren nicht gekommen, um sich zu erbauen, sondern nur um zu critisiren. Allen es recht zu machen, ist unmöglich; aber wer die frcimüthig verkündigte Wahrheit nicht will und nicht hören mag, ist ihrer auch nicht Werth; sie macht sich am Ende doch geltend. Sie, und nur sie allein, ist es, die überall verkündigt werden muß. Wer sie liebt, dem war das Fest ein frohes. Man bewegte sich heiter in den schönen, weiten Königlichen Räumen, Freunde und Bekannte sahen sich; der bunte Wechsel von Menschen aus allen Ständen unterhielt, und der König, der leutselig von Einem zum Andern ging, war sichtbar froh, so viele Gäste bei sich zu sehen. Z05 die innigste Verknüpfung und in derselben ein gemeinschaft- liches hohes, herrliches Ziel zu- erblicken, welches uns ohne diese Verschmelzung gar nicht sichtbar werden könnte." „Es ist wahr, das Reich Jesu ist nicht von dieser Welt, wir befinden uns, sobald der Geist desselben uns durchdringt und beseelt, in einem übersinnlichen Gebiete, wo alle irdische Herrlichkeit, jede äußere Auszeichnung verschwindet, und ein ganz anderer Maßstab der Dinge und der Verhältnisse eintritt und sich geltend macht. Aber, wird das irdische Königreich, dem wir angehören, in seinem Beherrscher, in seinen Dienern und Unterthanen, in seinen Mitteln, Bestrebungen und Zwecken, verlieren, oder gewinnen, wenn seine Lebenswurzcln und Kräfte vom Geiste des Christenthums getränkt, genährt und befestigt sind? wenn es sich anschließt an das Reich Dessen, „der alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Worte, und dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden?" „Es ist wahr, wir gedenken heute einer irdischen Krone, wie sie zum Erstenmal auf dem Haupte eines Monarchen glänzte, der das Uebergcwicht seines Geistes, seines Muthcs und seiner Stellung geltend zu machen wußte; und gehen wir in der Geschichte unseres Staates bis auf den Punkt zurück, wo er zur Würde eines Königreichs erhoben wurde, so lassen sich die Hebclkräfte der Einsicht und Klugheit, der Tapferkeit und Treue nachweisen, durch welche sein Wachsthum und seine Stärke, seine Ausdehnung und sein Rang herbeigeführt, gefördert und erhalten ist. Aber diese Krone, wird sie weniger glänzen aus dem geheiligten Haupte unseres erhabenen Beherrschers, wenn wir im Wechsel fliehender Zci- II. m 20 U06 len und Geschlechter über ihr die schützende und segnende Hand des Allmächtigen erblicken? Und was die Weisheit, der Muth und die Treue auch thun und vollbringen mögen, das große und herrliche Erbe dieses Festes zu bewahren und der Nachwelt zu erhalten, — wird es mit einem glücklichern Erfolge geschehen können, als wenn es gebauet wird auf dem Felsengrunde, wo der Thron des Herrn stehet, dessen Herrschast groß, dessen Walten Friede, dessen Königreich ohne Ende ist?" „Es ist wahr, das Christcnthum weiß von keinem menschlichen Verdienst, es schlägt alle Sclbstgercchtigkcit nieder; es stellt jede, auch die ausgebildetste und vermögendste Kraft als ein unverdientes Geschenk der göttlichen Gnade dar; es fordert eine Reinheit der Gesinnung, eine Vollendung der That, in welcher jede, auch die höchste menschliche Tugend unvollkommen erscheint, und an keine Belohnung, an keine Auszeichnung Ansprüche machen, sondern nur Gnade erbitten und hoffen kann, Aber wird die heilige Sache selbst und werden die, deren Dicnsttrcue die Huld des Landesherrn öffentlich auszeichnet und ehrt, dabei gewinnen, oder verlieren, wenn sie solche Auszeichnung nicht sclbstgenügsam als eine erwartete Belohnung ihrer Verdienste, sondern dankbar als eine freie Gnade ehren und erkennen, der sie durch immer größere Pflichttreue würdig zu werden trachten wollen? Und wobei wird das Vaterland sich besser befinden: wenn seine Krieger und Beamten sich als seine Diener, oder als seine Söhne betrachten? als seine Diener, die arbeiten, um zu verdienen, — als seine Söhne, die es lieben als eine milde, segnende Mutter, der das ganze Leben mit allen seinen Kräften in reiner Liebe angehört, und so auch hier der Geist der Knechtschaft von der sanften, herzge- 307 Winnenden Gewalt des Christenthums in den heiteren, Alles vermögenden Geist einer „seligen Kind schaft" verwandelt und unigeschaffen wird?" „Es ist wahr, das Leben der Christen ist, sobald es sich nach dem ihnen gegebenen heiligen Urbilde geläutert und gestaltet hat, „verborgen i n Christo," — reich im Innern, unscheinbar im Aeußern, und in der ungefärbten Dcmuth, die es trägt und nährt, ist seinem Sinnen und Trachten jede äußere, glänzend in die Augen fallende Auszeichnung fremd. Aber diese Auszeichnung, wird sie an Werth und Eindruck verlieren, wenn in der Brust, die sie schmückt, ein reines, ein frommes, demüthiges Herz schlägt? ein Herz, das bei jeder Wohlthat dankvoll bekennt: „Nicht uns, nicht uns, nur Deinem Namen allein, o Herr, die Ehre!" „Sehet da den erhaben-heiteren Standpunkt, auf welchen dieses Fest wir stellen sollen, und den tiefer liegenden, fest verschlungenen, segensvollen Zusammenhang, in welchem es mit dem Christcnthume und in demselben mit unseren höchsten Angelegenheiten steht. Gesegnet sei uns diese ernste Verbindung, und heilig die Stunde, wo sie aufs Neue unserem Verstände klar, unserem Herzen wichtig, unserem Leben heilbringend werden soll. Haben es doch von jeher die besten und edelsten Menschen für die höchste Aufgabe ihres Daseins gehalten, diese Verbindung der Sorge für ihren irdischen Beruf mit der Sorge für das Ewige in sich zu Stande zu bringen. Sehen wir auf das, was das tägliche Leben und die Erfährung uns zeigt, so halten die meisten Menschen eine solche Verbindung für unmöglich." 20 * »Leichtsinnige, die, unter dem Vorwandc: 'die Menge und Vielseitigkeit ihrer Berufsarbeiten und Zerstreuungen erlaube ihnen nicht, mit der Religion sich zu befreunden, sie ganz aufgeben und mit dem, was man Anstand und Ehrbarkeit nennt, fertig zu werden suchen. Besorgte, um ihr Seelenheil Bekümmerte, die auf die entgegengesetzte Seite übergehen, die wahre christliche Frömmigkeit mit dem unruhigen Thun und Treiben in der Welt für unvereinbar halten, und durch stille mystische Abgeschiedenheit sich für ihren irdischen Beruf unbrauchbar machen. Schwankende, die bald von Einem zum Andern übergehen, zwischen Beiden, ein Abkommen treffen wollen, weder dem Einen, noch dem Andern angehören, und in diesem unruhigen Doppel- wescn weder Gott, noch der Welt gefallen." »Ist der hohe, lichtvolle Glaube an Den, »der umherging und Gutes that, der rastlos wirkte, so lange es für ihn Tag war" in uns lebendig geworden, dann werden wir der Gefahr solcher Extreme, an denen unser Zeitalter so reich ist, dann werden wir gegen solche verderbliche Halbheit verwahrt sein und unser zeitlicher und unser ewiger Beruf wird sich zu einem schönen, in sich verknüpften Ganzen gestalten. Wir werden es durch die That beweisen, daß der wahre Christ, »den man an seinen Früchten erkennet" vcrgleichungsweise auch immer der beste Soldat, der beste Staatsdiencr, der beste Untcrthan ist. Das, was der Landesherr in christlicher Erleuchtung zur Beförderung wahrer Religiosität für die Kirche thut, wird uns ebenso wichtig sein, als was er für den Staat anordnet, in Beiden, werden wir die Mittel zu Einem Zweck und Staat und Kirche in scgensvoller Eintracht erblicken. 309 Ist der Glaube an den Erlöser in uns lebendig geworden, dann werden wir das Licht der Erkcnntniß und die Wärme der Empfindung nie voneinander trennen, und an der sicher leitenden Hand eines vernünftigen Glaubens ebenso sehr vor Unglauben auf der einen, als der Schwärmerei auf der anderen Seite geschützt sein. Glauben wir an Jcsiim, den Herrn, so wird unsere Frömmigkeit eine gemeinnützliche Wirksamkeit für das Beste der Welt, und auf die Ewigkeit, der wir entgegen eilen, werden wir uns am Besten vorbereiten durch die unwandelbare Treue, mit der wir auf dem uns angewiesenen Standpunkte Alles geworden sind und Alles geleistet haben, was wir werden und leisten können und sollen," ,,Welch' ein. hohes, glänzendes, zwar jetzt der Welt entrücktes, aber der Verehrung unvergeßliches Beispiel aus der neuesten Zeit tritt uns hier ermunternd und erhebend entgegen! Ein klarer Verstand und ein tiefes Gcmüth; Heiterkeit und Ernst; Anmuth und Würde : Festigkeit und Milde; Gerechtigkeit und Gnade; mit tausend wichtigen Dingen beschäftigt, und doch in sich gekehrt und gesammelt; alle Anstrengungen des Krieges, alle Bestrebungen des Friedens leitend und fördernd, und, der Stifter des heiligen Bundes, Alles voll Licht und Liebe gründend auf den einzig festen Grund des biblischen Christenthums; der Verbreiter desselben durch das große Werk christlicher Misstons-Anstalten und Bibelgesellschaften; unaufhörlich und rastlos thätig für die Welt und ihre Angelegenheiten, und doch Gott, Jesum und die Ewigkeit, als das höchste Ziel, im Auge und im Herzen. Ein mächtiger, großer Kaiser, ein geprüfter, dcmüthigcr Christ; der treue Bundesgenosse, der zärtliche Freund unseres Königs und Herrn; der Freund unseres Volkes, der Wohlthäter unseres 3l0 Landes, der Wohlthätcr Europas; von uns Allen gekannt, verehrt, geliebt, und jetzt beweint — beweint von der Welt!" „Ach! an den herben Schmerz, ihn so bald verloren zu haben, schließt sich um so inniger das heiße Gebet: Gott erhalte, Gott segne den König! Mit Allem, was wir sind und haben, weihen wir uns aufs Neue Seinem Dienste in frommer Treue. Seine Gerechtigkeit ist die Bürgschaft unserer Ruhe; Seine Milde unser Glück; Sein christliches Beispiel unsere Erbauung; Er, mit Seinem Hause, der Ruhm, die Ehre, die Hoffnung des Baterlandes." „Gott segene, Gott erhalte den König, und ein jedes Herz und ein jeder Mund spreche Amen." Gemüthlicher und origineller tritt dieser fromme Sinn, der das Andenken des entschlafenen Bundesgenossen und Freundes ehrt, und will, daß sein theurcr Name erhalten werde und auf die Nochkommen komme, hervor in folgender aus dem Innern des Königs fließenden Thatsache. Zu Potsdam vor dem Nauen'schen Thorc, unmittelbar an die angenehme Vorstadt derselben grenzt eine fruchtbare Niederung von Aeckcrn und Gärten. An der einen Seite zieht sich entlang der Neue Königliche Garten, und sein Park schaut herüber in alten Bäumen von verschiedener Schatti- rung. Auf der anderen entgegengesetzten Seite liegt der Pfingstberg, dessen Gipfel und Fuß mit Pavillons und Häusern in fruchtbaren buschichten Obstbäumen und Weingärten besäet ist; auf der Höhe desselben hat man eine Aussicht, die man zu den schönen zählen kann. Bor uns liegt im Thalc die Stadt Potsdam, in der ganzen Länge, mit ihren hohen Thürmen, und von dem schönen in der Mitte liegenden 311 Thurme der Hof- und Garnisonkirche hört man in der Entfernung die Töne des Glockenspiels in einzelnen Accorden. Die Aussicht ist zum Thcil beschränkt durch den von Eichen und Fichten bewachsenen Brauhausberg. Von der Höhe desselben schaut der Bclvedere-Thurm in's Land, am Fuße liegt das prachtvoll gebaute Provianthaus, und die Havel fließt in ihrem weiten klaren Bette ruhig vorüber, hier und da in der Nähe und Ferne hellglänzend, hinab nach Caput und der Pirschheide. In dem Bordergrunde liegt Sans «onvi mit seinen Colonadcn und seinem Haine. Geradeaus öffnet sich die Fernsicht, an dem Cadettenhause vorbei, nach dem Dorfe Drewitz, mit seinen grünen Wiesen, durchschlängelt von der Nute. An Neuendorf und Nowawcß vorbei fliegt pfeilschnell und pfeifend auf ebener Eisenbahn die lange Reihe von Wagen; den Dampfwagcn erkennt man an seinem wirbelnden, aufsteigenden Stauche. Dann hebt sich die Gegend wieder durch den hervorragenden Hügel, den Ba- bertsberg, mit seiner antik-modernen fürstlichen Burg und ihren Nebengebäuden. Tiefer nach Osten erblickt man das Dorf und fürstliche Schloß Glienicke und die prächtige Brücke über die Havel. An den Ufern derselben hebt sich wieder die Landschaft und man wird gewahr den Thurm zu Ni- kolskoe, wie er still in's Thal herabschaut. Etwas weiter liegt mitten im Havelstrome die Psaueninscl, und bei Hellem Wetter sieht man über vorliegende Obstgärten die Schloß- thürme und die Meierei. Die Aussicht auf dieser Höhe ist in ihrer reichen Mannigfaltigkeit zu jeder Jahreszeit, besonders im Frühling und in der Obstbaum-Blüthe, entzückend schön. Man schauet hier in's Freie und Weite; still und befriedigt ruhet das Auge in der vorliegenden Gegend; es hebt sich die Brust; man eilt in geheimer Sehnsucht nach 312 den entfernten blauen Bergen und man kann diesen reinen Naturgcnuß nicht haben, ohne sich immer wieder erheitert und getröstet zu finden. Diese Gegend, eine der schönsten um Potsdam, ist es, die König Friedrich Wilhelm III. auscrwählte, um Seinem Heimgegangenen Freunde, dem Russischem Kaiser Alexander, ein Denkmal zu setzen, wie es aus Seinem liebevollen Ge- müthe einfach und wahr hervorging und wie kein hoher Herr je dem andern in dieser Art es gesetzt hat. Es ist nicht prunkvoll und prächtig, aber gcmüthlich und ansprechend; nicht imponirend, aber sinnig, so daß man Ihn daraus wieder erkennt und Ihn noch mehr lieb gewinnt. Es waren einige ölt Russen in Französische Gefangenschaft ge- rathcn, die, sie wieder frei wurden, ihre Zuflucht zum befreundeten Könige von Preußen nahmen. Dieser nahm sie freundlich auf und ließ sie gleich Seinen Gardisten gut halten. Dem Russischen Kaiser gefiel das, und sie wünschten hier zu bleiben. Dieß geschah mit Bewilligung des Kaisers, und er schenkte sie, so weit eine Schenkung hier möglich ist, seinem Königlichen Freunde. Dieser gewann sie aber, weil sie Soldaten des Russischen Kaisers waren, sehr lieb, und hielt sie hoch in Ehren; und dieß ging so weit, daß Er, wenn Er in Potsdam war, sie sehen und sie um sich haben mußte. Bei der Tafel sangen sie Russische Nationalliedcr, und der König hatte Seine Freude daran. Aber diese übrigens gutmüthigcn, doch im Ganzen ungebildeten Menschen sangen, ehrlich gesagt, „erbärmlich schön/' und es fehlte dem quickenden, sto- ßenden und schreiendem Getöne alle Melodie. Ob der König das selbst fühlte, weiß ich nicht; genug, Er hatte die Russen, als ein Vermächtniß des Russischen Kaisers, so lieb, 313 daß sie viele Jahre hindurch in gedachter Art erschienen. Sie waren gut und sauber gekleidet; sie aßen und tranken und lebten, wie sie es wünschten, und wohnten mit ihren Frauen, zum Theil aus ihrem Vatcrlande, zum Theil aus Potsdam, mit den übrigen Gardisten in der Kaserne. Als nun der Kaiser Alexander gestorben war, wurde die Liebe und Fürsorge für die fremden Russen noch inniger und der Königliche Herr wünschte und wollte, daß sie, so viel ihrer noch lebten, in der Fremde ihre Heimath und ihr Vaterland wieder finden möchten. Als Er mit diesem Gedanken beschäftigt war, sah man ihn oft auf- und abgehen in der vorhin beschriebenen Gegend, und Er kaufte die ringsumher liegenden Accker und Gärten zu jedem geforderten Preise, bis Er den erforderlichen Zusammenhang, an dem Naucn'schen und Jäger'thorc aneinander grenzend, als Eigenthum hatte. Nun theiltc Er das Ganze in die erforderlichen Theile und ließ nach verschiedenen Modellen von Bauernhäusern, die Er sich von Rußland hatte kommen lassen, ganz so wie es dort Brauch ist, Häuser in der Gestalt eines Dorfes bauen. Jedem Hause ließ Er ein großes, angemessenes Stück Land zuthcilen und jedes als Garten zum Gemüse- und Obstbau mit einem abgeschlossenen Feder-Viehhofe, einrichten. Jedes einzelne Grundstück ist zum Theil mit Planken, zum größeren Theil mit lebenden Hecken, eingezäunt, und mit Alleen von Linden, die nach allen Richtungen hin in allen breiten Wegen sich finden, ist das Dorf zu einem Ganzen heiter verbunden. Auf der daran grenzenden Höhe ist eine geschmackvoll eingerichtete Griechische Kirche erbaut, deren Cultus, wie die Seclsorge im Dorfe, ein Pope, besonders dazu angestellt, verstehet. 3l4 Nicht weit von der Kirche steht ein im Russischen Style nett gebautes Haus; unten wohnt der Eastellan, die obere Etage enthält einen großen Saal mit einer nach Russischem Geschmack eingerichteten Galleric, von der man die vorhin beschriebene schöne Aussicht hat. Dieser ganzen Colonie gab der König, zum lebendigen Andenken an Seinen verewigten Bundesgenossen und Freund Alexander, den historischen, nun geographischörtlichen Namen: „Alexandrowska." Der ländliche Ort liegt vor dem Thore der Residenzstadt Potsdam, — mitten in Deutschland ein Russisches Dorf, welches den ehrenvollen Namen eines berühmten Russischen Kaisers führt, — lustig anzuschauen in seinen orientalischen Wohnungen mit seinen Baumgärten und seinen Lindenalleen. Die Bewohner aus fernen fremden Landen, begünstigt und geliebt, sind glückliche Leute, die in der Fremde eine behagliche Heimath wiederfanden. Man stehet es ihnen an, daß es ihnen wohlgcht; sie leben in ihren zutraulichen Häusern ohne Nahrungssorgcn; von 2 Etagen gebaut, haben sie die bequem eingerichtete obere im Sommer an wohlhabende Bewohner von Berlin und Potsdam, die die gesunde freie Landluft suchen, vcrmicthet, und es lebt sich gut mit dem gutmüthigcn Russen. Die Bewohner der benachbarten Stadt und auch Fremde gehen gern hin, und kehren, auszuruhen und sich zu erfrischen, in den dortigen Russischen Gasthof ein. In den durch alle breiten, trocknen Straßen des Dorfes Alexandrowska sich hinziehenden Alleen sieht man Lustwandelnde mit fröhlichen Kindern. Das Fremde im Vaterlande hat einen eigcnthümlichcn Reiz, von dem man sich angezogen und gefesselt findet, und man nimmt gern den Weg dahin. Hier, in dieser Umgebung, war auch oft und gern der König. Man sah Ihn am Abend in Seinem gewöhnlichen gelben 315 offenen Wagen wenigstens die Woche einmal durch das Dorf den Berg hinan, wo die Griechische Kapelle stehet, fahren. Hier stieg Er aus und sah sich um. Langsam ging Er dann nach dem benachbarten Hause; setzte sich auf der Gallerie, und sah die Sonne untergehen. Die Russen nann- ' ten ihren Königlichen Wohlthäter: Väterchen; und dann sprach Er mit ihnen vom Heimgegangenen Kaiser Alexander. Der andere Bundesgenosse war der Kaiser von Oestrich, Franz I. Ein in der Geschichte der Welt unvergeßlicher Herr; merkwürdig durch die Schicksale, die er erlebte, und liebenswürdig durch seinen Charakter. Er war zugleich als Deutscher Kaiser gekrönt den 14tcn Juli 1792 zu Frankfurt; legte aber diese Würde nieder den Ilten August 1896, als der Französische Kaiser Napoleon den Rheinbund errichtet hatte. Der Untergang des Deutschen Reiches in seiner alten Verfassung berührte ihn unmittelbar, und er sah diesen Untergang mit Sorgen und Kummer. Sein redliches Deutsches Gemüth sympathisirte nicht mit der Gewalt, die als solche ehrgeizig that, was ihre Wünsche begehrten, und alte ehrwürdige Institutionen vernichtete. In der Zeit seines Unglücks, dem seine Einsicht und die seiner Feldherren, verbunden mit der Tapferkeit seiner Armee, muthigen, aber im letzten Resultat vergeblichen Widerstand leistete, wurde er von der Welt, die nur nach dem Erfolg urtheilt, häusig verkannt. Er duldete und ertrug dieß um so gelassener und ruhiger, da sein treues Volk solche Unbill nicht theilte und mit angestammter Liebe, voll patriotischer Begeisterung, seinen Kaiser ehrte. Es ist rührend und hcrzerhebend, zu sehen, wie der ganze Kaiscrstaat, so auch die herrliche Residenzstadt Wien, 31k mit treuer Anhänglichkeit an dem geheiligten Oberhaupte hängt! Kein Unglück und seine schweren Schläge hat die eingewurzelte und ererbte Treue des Oestreich'schen biederen Volkes schwächen können, vielmehr hat dasselbe noch fester vereinigt und die Kräfte einträchtiger aneinander geschlossen. Keine Nation ist aus dem Fegefeuer der verhängnißvollen, stürmischen Zeit reiner und unbefleckter hervorgegangen, als sie, und nirgends haben umkehrende Ideen weniger im Volke Anklang gefunden, als hier. Daher rührt es gewiß auch, daß im Oestreich'schen sich eine gewisse prägnante Eigenthüm- lichkeit bewahrt hat, die man gleich als Nationalcharaktcr erkennt. Selbst in der Haupt- und Residenzstadt Wien, wo das Zuströmen aus allen Wcltgegendcn Jahr aus Jahr ein, groß ist, hat sich eine Originalität in der Masse der Einwohner erhalten, in der man von allen Seiten es fühlt, daß man sich an einem volkreichen Orte befindet, wo Alles einen besonderen Zuschnitt und Maßstab hat. Die übrigen Hauptstädte Deutschlands, wie Berlin, Dresden, Stuttgart, Carlsruhe, München, Hamburg, Frankfurt a. M-, u. s. f., sehen sich im Ganzen genommen ähnlich, so daß man im Benehmen und in den Sitten der Einwohner die eine in der andern wiederfindet. Man lebt und bewegt sich in einer Achnlichkeit und Einförmigkeit, die dasselbe Colorit hat, und man kommt aus einer Flachheit in die andere. Der Geist der Zeit ist ein Geist des Nivellirens, welches, wenn ein Streben nach Einheit ihm zum Grunde liegt, keinen Tadel, vielmehr Lob verdient, weil nur in der Einheit die Stärke liegt; aber Einerlcihcit ist nicht Einheit, welche mit der Originalität nicht nur bestehen kann, sondern erst durch sie anziehend wird. Je mehr Copien, desto ärmer; je mehr Originale, desto reicher das Leben; jene machen den Verkehr flach und ein- 317 scitig, diese ihn tief und vielseitig. Wien war und ist heute noch eine originelle Stadt, in der Alles ein eigenthümliches Gepräge hat. Das Leben in den Wirthshäuscrn, aus den volkreichen Straßen, in dem besuchten Pratcr, hat etwas Eigenes, worin Einem um so wohler ist, je mehr man überall von frischer Lebenslust, Biederkeit und Gutmüthigkcit, sich angesprochen findet. Alles Merkwürdige, was es enthält, kann mau sehen; Alles, was in reicher Fülle Küche und Keller hat, genießen, ohne sich übervortheilt zu finden. Ueberall hört man Musik, von Leierkasten an auf den Gassen, bis zu den vorzüglichsten Conccrten. Haydn, Mozart und Beethoven haben den größern Theil ihres Lebens in Wien zugebracht; hier dachten, fühlten und schufen sie die Meisterwerke, welche die Weltdurch hallen. Neben der Harmonie der Musik liebt der Wiener die Theater-Freuden; er kann dieser Richtung, wie er will, folgen; dochsühlt er, von Natur witzig und froh, sich dann am Meisten unterhalten, wenn er diese Neigung befriedigt findet. Mit Ehrfurcht sieht er die alte Burg an, wo sein Kaiser wohnt. Ganz unstreitig haben die Kaiser von Oestrich, vorzüglich Franz, dazu das Meiste beigetragen, durch ihre edle populäre Dcnkungsart und Gesinnung ihre Unter- thancn, und vorzüglich die Wiener, in ihrer Biederkeit und Gutmüthigkcit zu erhalten. Franz i, liebte sein angestammtes Bolk väterlich ; regierte es weise und milde; kannte es in seinen verschiedenen Provinzen, und gewann Alles durch seine Herzensgüte. Diese war in seinem edlen Familiengesichtc, in den Zügen seiner Physiognomie, in dem Blicke seiner treuen Augen und seiner Nationalsprache, in seiner Haltung, in seinem Gange, in seiner edlen Einfalt, kurz in seinem ganzen Sein, Wesen 318 und Benehmen, sichtbar ausgeprägt. Sowie er sich nur öffentlich sehen ließ, wurde auch die wechselseitige Sympathie fühlbar und äußerte sich laut. Er hatte das, was besonders dem gemeinen Manne gefällt, er war schlicht und ehrlich; ging, ohne viel Complimente zu machen, ohne sich viel rechts und links zu wenden, stets gerade durch, sprach und grüßte treuherzig. Er war ein Herr, wie das Volk ihn gern hat, und es liebte ihn mit unbedingtem Vertrauen. Ohne sich um politische Dinge zu bekümmern und darüber Sorge zu machen, die es seinem guten Kaiser und seinem Canzler, dein einsichtsvollen Metternich überließ, geht es auf geradem und geordnetem Wege seinem Berufe nach und genießt mit voller Seele die Stunden der Erholung. Das Volk befindet sich um so wohler, je weniger es aufgeregt und unruhig gemacht wird. Seine Gewohnheiten sind ihm zur andern Natur geworden und die Sitten und Gebräuche der Vorfahren und Väter sind ihm ein heiliges Erbe. Es gicbt keine volkreiche Stadt in Deutschland, wo es so viele alte, in Ehren gehaltene Gebräuche giebt und wo das Herkommen so viel gilt, als in Wien. Der Einwohner, besonders der ehrenwerthe stattliche Bürger, geht aus seinem behaglichen Hause aus und ein, lebt mit seinem Nachbar in Frieden, und ist zufrieden. Dieser Sinn wird genährt und erhalten durch den Geist des Conservativen, der vorzüglich in dem Gemüthe, wie in der ganzen Lebenstendenz des Kaisers Franz I. lag. Das Bewährte und Erprobte hielt er fest, und gegen alles Neue war er mißtrauisch; er liebte und wollte es nur dann, wenn es sichtbar zugleich das Bessere war. Erfahrung galt ihm mehr, als Theorie, und es hat nie an Männern gefehlt, die darin befestigten und stärkten. Wenn man sagt: Oestreich 3 lg sei zurück geblieben, so merkt man das wenigstens im Lande nicht, und Alle, die dort gewesen, selbst Männer des Vorwärts, sprechen mit Zufriedenheit davon und erinnern sich gern daran.*) Franzi, pflegte zu sagen: „Niederreißen ist leichter, und geht geschwinder, als aufbauen." Was noch brauchbar und der Volksstimmung verwandt war, schonte er, behielt er gern bei, und unter diesem befindet sich allerdings Manches, was sich überlebt hat und abgestorben ist. Dem stillen, aber mächtigen Andränge der fortschreitenden Zeit widersteht kein Volk; der Tropfen höhlt selbst den Stein aus, nicht mit Gewalt, sondern durch häusiges gleichförmiges Fallen. Vieles scheint jedoch ein Vorwärts, welches, wie man später in seinen Folgen und Wirkungen mit Schrecken flehet, ein wahres Rückwärts ist. Einlenken und, wenn man das Neue schon mit seinen ihm anklebenden Reizen hat kennen gelernt, zum einmal abgeschafften Alten wieder zurückkehren, ist unmöglich. Darum ist nichts bedenklicher, als eine bestehende und lange bestandene Verfassung aus ihren alten, eingewachsenen Fugen herausreißen. Einmal in Bewegung, giebt's keinen Stillstand mehr. So viel ist gewiß: Pcrfectibilität ist der Grundtrieb der menschlichen Natur und Stillstand ist Rückgang, wie bei Einzelnen, so bei'm Ganzen. Alles kommt auf die Richtung an, die dieser Trieb und das Schaffen und ') Der ehrwürdige und unvergeßliche Hofprediger Reinhardt in Dresden war nirgends lieber in der Ferne, als im Oestreich'schen, und fühlte sich besonders behaglich in Wien. Er sprach mit Entzücken von seinem Aufenthalte daselbst; seinr cicher und ernsthafter Geist fand dort Nahrung, seine Sinne in der anmuthigcn Gegend Unterhaltung, wie an dem Bolksgciste sein Herz Freude. 320 Wirken in ihm nimmt, so daß man nicht bloß expcrimentirt, das heißt die Erfahrung sucht, sondern wirklich erfährt, und inne wird, daß man sich im Wohl des Ganzen für seine Person ruhiger, wohler und sittlich besser befindet. Dein sei nun, wie ihm wolle, ein Jeder ist für sich, der Regent und seine Regierung für sein ganzes Volk verantwortlich. Obscurantismus und seine Trägheit, Ncologie und seine unruhige Thätigkeit, ist gleich gefährlich, und Mäßigung liegt zwischen zwei Extremen in fester Mitte. Diese ruhige Mitte und in ihr ein Mittelpunkt, um welchen sich nur ein fester Kreis ziehen läßt und sich abschließt, wollte, nach Maßgabe der Nation, dcw Kaiser Franz I. Diese Mäßigung, dieß Maßhalten in allen Dingen, war die Seele seines Lebens und Wirkens, und Wohlwollen und Menschenliebe erhielt ihn so lange er lebte in dieser gemüthlichen Sphäre. Deßhalb war er auch in allen Vorfällen tcmperirt, still und sich gleichbleibend. Man weiß aus seinem Leben und aus seiner Regierung keinen Fall, daß er heftig und jähzornig geworden. Dieser Gleichmut!) war die reife Frucht seines langen Lebens und der vielen, unangenehmen und angenehmen, Erfahrungen, die er gemacht. Nichts konnte ihn aus der Fassung bringen, und darum war eine Hoheit als Kaiser, eine Würde als Mensch ihm eigen, die mit Ehrfurcht und Achtung erfüllte. Er liebte und übte in Stunden der Erholung in verwandter Stimmung die sanfte Musik, und es ist charakteristisch, daß er das zwischen dem Baß und der Violine in der Mitte stehende gemüthliche Violoncelli vor allen Instrumenten gern hatte. Der ernst-wehmüthigc Ton desselben sagte ihm zu; denn dieser war der Ton seines Ge- müthes. Einst hatte er auf demselben trefflich, besonders das Adagio, gespielt, als der Meister im Enthusiasmus für seine Kunst ausbrach: „Es ist Schade, daß Ew. Majestät nicht Eapcllmcister geworden sind!" Und der Kaiser antwortete, satyrisch lächelnd, lakonisch: „Ich habe es Halter so besser!" Er war naiv, und sein Witz war um so überraschender, da er gewöhnlich ernsthaft war, und doch mitten aus dem Ernst komische Einfälle auftauchten. Als er einst mehrere fremde Osficiere von Range, reich mit Orden von vielen Potentaten geschmückt, empfing, und diese durch die vorderen Säle sich nahen sah, sagte er zu dem neben ihm stehenden Adjutanten mit einem leichten Anfluge von Spott: „Da kommt ja das ganze Firmament her, Sonne, Mond und Sterne." Die Gutmüthigkcit war aber bei ihm das Vorherrschende, die ihn, als Grundzug des Charakters, nie verließ. Diese Gutmüthigkcit ist um so schätzenswerthcr, da sie im verwandten Bunde mit seiner Wahrhaftigkeit stand und er, ehrlicher, redlicher Natur, fern von jeder Falschheit und Lüge war. Er, von Menschen allerlei Art umgeben, unter diesen viele Schlaue, Arglistige und Lauernde, blieb sich gleich und das chamäleonische Hoflebcn hatte so wenig Einfluß auf ihn gehabt, daß er zwar vorsichtig und klug und an sich haltend, aber nie zweideutig und gleißnerisch war. Er konnte sich Gewalt anthun; aber dabei war ihm nicht wohl; deßhalb lebte und war er am Liebsten unter Vertrauten, wo er sich durste gehen lassen und von Herzen zu Herzen reden. Aber auch in der Vertraulichkeit verließ ihn nie die sittliche Würde; auf dieser ruhete die Kaiserliche, und ihn leitete überall ein richtiger, feiner Takt. Es war ihm Bedürfniß, vertraut und vertraulich zu sein, und er entschädigte sich dadurch für den Zwang, den er sich als Regent anthun mußte. Bei aller Biedcrhcrzigkeit und Geradheit liebte und wollte er die feine und gebildete Sitte, II. c-, 21 322 und Gemeinheit war ihm zuwider. Keusch, verschämt und ehrbar in Gedanken, Gefühlen und Worten, war er frei von den Truggestalten einer ungeregelten Einbildungskraft, und man sah in ihm den innerlich und äußerlich geordneten Mann. Man fand an ihm keine Spur von dem, was man Libertinage und Galanteric nennet; selbst freie Sitten, die im Betragen sich über das Herkömmliche und Gewöhnliche setzen, mochte er nicht, und sein ganzes Sein und Wesen hatte den würdevollen Ausdruck des höchst Anständigen. Mit demselben geschmückt, gefiel er den Frauen edler Gesinnung, und in ihrem Umgänge war er gern, sowie man auch ihn gern hatte. In dieser heiteren und frischen Atmosphäre fand er die Zartheit, Feinheit, Gefälligkeit und Bildung, die seinem Herzen wohlthat. Er lebte in einer glücklichen und zufriedenen Ehe und ist viermal vermählt gewesen. Seine zweite Gcmahlinn gebar ihm 13 Kinder. Seine vierte ist die Tochter des Königs Maximilian Joseph von Beuern, die Kaiserinn Wittwc Eharlotte, eine hohe edle Frau. Ihr Vater war ein einsichtsvoller, menschenfreundlicher Herr, der die hohe Würde und das Glück eines Königs um so froher und dankbarer genoß, als er durch einen Zusammenfluß unerwarteter, begünstigender Umstände zu solcher Höhe emporstieg. Er hatte in seinem offenen Wesen dessen so wenig Hehl, daß er vielmehr oft,und gern davon, wie von seiner früheren Beschränktheit redete, so daß man ihn ehrend liebgewann und sich sreuete, daß er ein König geworden. Sein offenes, heiteres, männliches Angesicht, sein freier Gang, die Geradheit, womit er Jedem entgegen kam, die schöne Gabe harmloser Unterhaltung und sein Frohsinn, erwarben ihm die allgemeinste Achtung und Liebe. Man vergaß oft, wenn man mit ihm redete, so offen und vergnügt war er, daß man 322 vor einer Königlichen Majestät stand; er gem'rte weder sich, noch Andere. Bon seinen Unterthanen war er allgemein geliebt. Die ehrlichen Bayern, besonders die, welche in den Bergen wohnen, nannten ihn „Bater" und „Du," und er cr- wicdcrte gern die zutrauliche Herzlichkeit des gemeinen Mannes. Nie hat ein wohlwollenderes Herz in einer Menschenbrust geschlagen, Als in der seinigen. Schon vorher gab er gern; aber mit vollen Händen nach allen Richtungen, nah und fern, als er es konnte. Er lebte aus dem Vollen, und doch blieb er und sein Haus reich; der Segen Gottes war mit ihm und seinem Thun. Er hatte die Menschen von Herzen lieb und war, ohne indifferent zu sein, tolerant. Er stand nach seiner Einsicht und nach seinem Charakter auf einer Höhe, wo der Unterschied der Confcssionen verschwindet, das Herz weit und voll wird, und der Mensch in seiner freien Wurde hervortritt. Wiewohl katholisch-kirchlich, lebte er in einer glücklichen Ehe. Seine vortreffliche Gemahlinn,*) ausgezeichnet durch menschliche und fürstliche Würde, und ebenfalls unermüdet im Gutesthun, war, eine Baden'schc Prinzessinn, evangelischer Confcssion ; aber Beide trugen die rechte, unsichtbare Kirche im Herzen. Sie war eine ausgezeichnet glückliche Mutter und die Kaiserinn von Rußland und die Königinn von Schweden waren ihre Schwestern. Diesen edlen König Maximilian von Bayern und die hohe Königinn Caroline besuchten die Kaiser von Rußland und von Oestrcich. Von München gingen sie nach Tegernsee. Tegernsee, eine ehemalige Abtei, hat eine romantische Lage, ») S. die „Gedächtnißscheist auf sie, von ihrem Hofprediger, dem würdigen Ministerialrat!) von Schmidt." 21» 324 am klaren, großen See, am Fuße der Tyroler Gebirge, von welchen hie und da ein Reh mit seinen klaren Augen in's Thal hcrabschauet, dann aber behende davon eilt, wenn die Peitsche des Fuhrmanns im Hohlwege ertönt. Eingeschlossen ist dasselbe auf der andern Seite von waldigen Höhen, auf welchen wohlgenährte Hccrden weiden. Man stehet die weißen Ziegen hie und da durch die belaubten Bäume, man hört den bald schwermüthigen, bald lustig jodelnden Gesang der Hirten; auf den üppigen Wiesen mähen und Harken fröhliche Jünglinge und Jungfrauen; zerstreut rings umher sind wohlhabende Meiereien und Bauernhäuser und im Thale an den grünen Ufern des See's liegt mit seinen Nebengebäuden, mit seiner alten Kirche und seinem hohen Thurmc, das Königliche Schloß in freundlicher, belebter und doch ruhiger Einsamkeit. Wer dies reizende, verborgene und geborgene Thal gesehen und dort glücklich gelebt hat, begreift, daß Gebirgsbewohner in dem flachen, ebenen Lande eine tiefe freudige und doch krankhafte Sehnsucht, das „Heimweh", empfinden. Man kann sich vorstellen, daß bei der Anwesenheit der beiden Kaiser Franz und Alexander mit ihrem Gefolge im Königlichen Schlosse zu Tegernsee und um dasselbe ein reges, buntes Leben herrschte. König Maximilian und seine hohe Gemahlinn fühlten die Ehre und Würde, solche hohe Gäste, die ersten in Europa, bei sich zu haben, und Alles ringsherum glänzte von Königlicher Pracht. Der wohlwollende, gern gebende Königliche Wirth war heiter und glücklich, und es fehlte bei Biederkeit und ungezwungener freier Sitte an Nichts, was den Geist wahrer Fröhlichkeit wecken und über alle Thcilnehmenden verbreiten konnte. Als die 323 Sterne am Himmel glänzten und es dunkel geworden war, wurde es von außen und in den Sä'älen des Schlosses hell; Maximilian trat mit Alexander und Franz an's Fenster, und auf dem höchsten Gipfel der einschließenden Berge, die nach München herunter in das schöne Bapernland hineinblicken, brannte in colossalcr Höhe Md Größe von riesigen Baumstämmen lichterloh ein und Alexander und Franz waren überrascht und erfreut. Niemand aber war mit seinen Gästen glücklicher als Maximilian, der es veranstaltet hatte und dem Alles wohl gelang. Es brannte und loderte bis nach Mitternacht in die stille Nacht hinein zu den hohen Sternen hinauf; der Mond kam über das Gebirge und beschicn die großartige Scenc. Es giebt Augenblicke im menschlichen Leben, wo man die Harmonie der Natur, ihre stille, besonders nächtliche Pracht, das Glück, ein Mensch zu sein, und den hohen Werth der Liebe und Freundschaft tief empfindet und im frohen Selbstbewußtsein genießt. Das Sichtbare fesselt; man erhebt sich zum Unsichtbaren; aus der vollen Brust steigen Seufzer auf, und bedeutungsvoller, als ein beredtes Sprechen, wird ein Schweigen und Verstummen. Ein solcher Augenblick war der, als in stiller heiterer Nacht, von ihrem man- nichfachen Zauber gefesselt, drei Herrscher zusammenstanden und vereint zu Dem aufblickten, der das zahllose Heer der Sterne am hohen Himmel leitet. Am andern Mvrgen fuhren, umgeben von Reitern in glänzenden Equipagen, durch das fröhliche Thal die hohen Herrschaften und nahmen ihren Weg nach dem Gebirge. Da wo es pittoresk wird und felsigt, stürzt von der Höhe herab ein klarer Wasserfall, voll und breit, mit reißender Gewalt. Schon in der Entfernung hört man das Brausenz aber ehe 326 man hinkommt wird der Weg steiler und man kann nicht hinfahren. Im langsamen Aufsteigen gehen der Kaiser van bestreich und der König von Bayern nebeneinander, und Dieser fragt Jenen vertraulich, wie es in seiner Sinnesart lag: „Wie sind Ew. Majestät mit meiner Tochter zufrieden?" Und der Kaiser antwortet, still stehend: ,,Das will ich Ihnen, lieber Herr Schwiegervater" freundlich seine Hand auf seine Schulter legend, „sagen: bis jetzt hatte ich nur Kaiserinnen, aber an Ihrer Tochter habe ich eine Gemahlinn. Meine Charlotte ist eine gute Frau, die zärtlich für mich sorgt; man kann nicht besser sein, als sie ist." König Maximilian (der gern dieß erzählte) war hierüber bis zu Frcudcnthränen gerührt; nichts Angenehmeres konnte er als Vater, der in dem Glücke seiner Kinder sein eigenes fand, hören. Der Kaiser Franz war aber als edler, ruhiger und besonnener Mann auch ein zärtlicher Ehemann, der nach den Geschäften und Sorgen der Regierung im ehelichen und häuslichen Glücke seine beste Erholung und reinste Freude fand. Er suchte dasselbe auf alle mögliche Weise zu erhalten; er vermied Alles, was dasselbe stören konnte, und war darin ängstlich gewissenhast und sorgfältig bis auf Kleinigkeiten treu. Angegriffen durch den steilen Weg, und erhitzt noch mehr durch eine sehr warme Witterung, hatte der Kaiser von Rußland und der König von Bayern, gleich den übrigen Herren, sich aufgeknöpft; nur der Kaiser von Ocstreich nicht. Als Maximilian ihn fragte: „ob er, ganz zugeknöpft, sich nicht auch etwas lüften wolle?" antwortete er: „Wie ich ging, war meine Gemahlinn sehr besorgt, daß ich mich erhitzen und dann erkälten möchte. Sie sagte mir zärtlich, ich sollte mich ja in Acht nehmen und mich nicht aufknöpfen. Dieß habe ich ihr 327 versprochen, und das will ich auch halten; ich sehe sie dann um so froher wieder." Im Anblick des schönen natürlichen Wasserfalls ist, um das interessante Schauspiel besser und ruhiger genießen zu können, eine bequeme Bank unter grünen Bäumen angebracht. Alles ringsherum ist, wie es von Fremden, die hierher kommen, zu geschehen pflegt, thcils mit Namen eingeschnitten, thcils eingeschrieben. Der Kaiser Franz liefet das und findet auch folgenden, laut vom ihm hergesagten Vers: „Es giebt Halter nur ein Bayernland, und nur ein Maxel drin!" Und der König antwortet: „Die Bayern sind schon gut; aber der Maxel konnte wohl besser sein!" Lustig trillert er darauf aus dem bekannten Volkslieds den Vers: „Es giebt Halter nur eine Kaiscrstadt, Es giebt nur ein Wien. Gott segne Franz den Kaiser!" Es waren schöne, genußreiche und prächtige Tage, gewürzt von edler Gastfreundschaft und Pietät, welche die hohen Herrschaften in dem anmuthigen Tegernsee miteinander verlebten. Die Erzählung davon geht fort und fort; die Kinder haben es von den Eltern vernommen und noch lebt die Kunde davon in dem einsamen ruhigen Thale, als eine Sage der Vorzeit. Man erzählt von dem Kaiser von Ocstreich Franz viele Anekdoten, die alle sein tiefes, liebevolles Gcmüth beweisen. Folgende hat eine erhabene Einfalt und in ihr eine stille Größe, die das Herz anzieht, eben weil sie aus dem Herzen kommt. Im Sommer aus einem seiner Lustschlösser zu Schönbrunn wohnend, ging er am Abend mit seiner Gc- 328 mahlinn in das benachbarte stille Dorf. Hier begegnete ihm ein dürstig gekleideter Mensch, der, eine Schubkarre schiebend, auf derselben einen Sarg hatte, neben dem traurig ein Hund ging. Der Kaiser erfuhr auf Befragen von dem Tagelöhner, daß in dem Sarge die Leiche eines Armen sei. Der Kaiser fragte weiter: ,,ob der Verstorbene keine Frau, Kinder, Anverwandte und Freunde habe, die ihm zum Grabe folgten?" „Ach!" antwortete der gleichfalls arme Arbeitsmann: „um ihn hat sich Niemand bekümmert, er ist in seinem Elende umgekommen, und von demselben endlich durch den Tod erlöst; nur sein treuer Hund hier hat bei ihm ausgehalten und er will sich nicht von seinem Herrn, der ihn lieb hatte, trennen." „Nun," sagte der Kaiser, „so will ich mitgehen." Und der hohe Herr folgte mit seiner Gcmahlinn und seinem Gefolge dem Sarge auf dem Kirchhofe; ernst und nachdenkend stand er am Grabe und verließ dasselbe erst nach der Bestattung, nachdem er mit entblößtem Haupte ein stilles Vater Unser gebetet hatte. *) Die Scenc verdient verewigt und sinnlich dargestellt zu werden. Man weiß die glänzenden, prächtigen Hoffcste nicht mehr, die er, umgeben von den Großen seines Reichs, gegeben. Aber daß er, ein mächtiger Herr, dem verlassenen Sarge eines Armen folgt und an seinem Grabe betet, das bezeichnet eine Denkart und Gesinnung, die, je seltener sie ist, ihn um so größer macht. Heil dem Throne, auf dem ein Regent sitzt, der das kann, *) Das Vaterunser kann man in seinem Gedankenreichthum und seiner edlen Einfalt bei allen Vorfällen des Lebens beten. Es hat dicUeberschrist- Weichet von mir, ihr Gedanken, ich will mit meinem Gott reden. 329 und Heil dem Volke, dessen Oberhaupt in jedem Menschen, auch dem ärmsten, den Menschen sieht und seine Würde ehrt! Wer muß es nicht in der Ordnung und der Natur gemäß finden, daß die Oestrcichische Nation mit begeisterter Liebe und Treue an dem angestammten Herrscherhause hängt, da in demselben Kaiser sind, die solche und ähnliche menschliche und eben darum ächt fürstliche Tugenden beseelten! Dem Deutschen Kaiser Franz lag die gute Deutsche Sache warm am Herzen. Ritterlich und tapfer hat Er unter Anführung des großen Feldherrn, Erzherzogs Carl, mit seiner braven Armee für die Ehre und Unabhängigkeit Deutschlands gekämpft. Es ist anziehend und fesselnd, zu sehen, wie das Zünglein in der Wagschale mörderischer Schlachten hin und her schwankte, bald auf diese, bald auf jene Seite sich neigte, und dann doch im letzten Resultat zum Vortheil des damals großen und glücklichen Riesen sich senkte. Der Kaiser hat der Schlauheit und Gewalt lange weichen und ihr mit blutendem Herzen schwere Opfer bringen müssen. Bei der nahen Verwandtschaft, in der er mit Napoleon stand, den er noch in Dresden auf dem Gipfel des Ruhmes sah, kostete es seinem väterlichen Herzen viel, gegen den Schwiegersohn zu Felde zu ziehen. Aber die allgemeine Sache Deutschlands war ihm wichtiger, als seine eigene, und er schloß an Rußland und Preußen unter dem Generalissimus, Fürsten Schwarzenberg, sich redlich und treu an. In Paris, auf der Höhe des Ruhmes und der Ehre, war er als Sieger ebenso schlicht und einfach, so unbefangen und gehalten, als bei dem glänzenden Congreß zu Wien. Umgeben von regierenden mächtigen Herren, wie von den ersten und interessantesten Männern Europa's, entwickelte er hier 330 eine glanzvolle Pracht, wie sie seinem reichen Hause cigcn- thümlich ist; aber in der Mitte desselben, blieb er der, welcher er war, und in stiller persönlicher Größe bedurste er der irdischen und ihres äußeren Schmuckes nicht. Er gewann in seiner Persönlichkeit, ohne daß er es wollte und suchte, durch sich selbst alle Herzen, und wenngleich Manche mit den Resultaten des Wiener Congrcsses nicht zufrieden waren, so waren denn doch Alle erfüllt mit Verehrung gegen Franz I. Er folgte stets seinem mit einem klaren prac- tischcn Verstände verbundenen Herzen, und in seinem Herzen lebte und webte nur Liebe mit ihren wohlthuenden Segnungen. Die Art und Weise, wie er mit seinem Enkel, dem jungen Napoleon Bonaparte, umging, war innig und großväterlich. Statt ihn von sich zu entfernen, nahm er den talentvollen Knaben zu sich. Mit ihm wohnte er dicht zusammen, und es geschah die schwierige Erziehung unter seinen Augen. Er mußte nicht nur bei ihm speisen, er sah und überraschte ihn auch täglich, und man liefet in öffentlichen Blättern Züge von Naivetät und Liebe, die ergötzen und rühren. Als der ehrgeizige und Europa's Ruhe gefährliche Kaiserliche Jüngling starb, verehrte der Kaiser darin zwar eine weise Schickung des Himmels; aber der Natur und ihren Impulsen immer treu, unterdrückte er ihre rechtmäßigen Gefühle nicht, und der edle Großvater betrauerte den frühen Tod des talentvollen Enkels. Alles, was die Welt von dem öffentlichen und dem Privatleben des Kaisers Franz I. gehört hat, ist der Art, daß man mit Recht eine vortheilhaste hohe Meinung von ihm hat, und alle diejenigen, welche in seiner unmittelbaren Nähe und Umgebung lebten, nennen seinen theuren Namen mit Verehrung und Dank. Der Kaiser von Ocstreich, Franz I., und der König 331 voi: Preußen, Friedrich Wilhelm III., hatten viel Aehnlich- kcit miteinander, und darauf gründet sich die persönliche Zuneigung, die beide hohen Herren füreinander fühlten. Diese Zuneigung wurde Sympathie, seit sie sich persönlich kennen lernten. Borher voneinander entfernt, und bloß diplomatisch artig, welches nicht viel besser als kalt ist, sahen und sprachen sie sich viel auf dem Hecrcszuge nach Paris, in Paris selbst, und dann in Wien und Italien. Sie fühlten sich zueinander hingezogen; Einer fand Freude und Genuß am Andern, und sie waren viel beisammen. So wie sie Beide ehrlich und treu es miteinander wohlmcintcn, so war auch ihr Interesse dasselbe, und ihre Verbindung war eine natürliche und darum eine wahre und bestehende. Daß sie eine bestehende sein und bleiben möge, hat Friedrich Wilhelm III. noch in Seinem letzten Willen ausdrücklich gewünscht, und Mißverständnisse und Collisioncn werden ein Band nicht trennen, welches die Natur durch dieselbe Sprache, mithin auch durch Verwandtschaft der Gesinnung, fest verknüpft hat. In Wahrheit, beide Regenten waren in den Hauptelementen der Charaktere miteinander geistig verwandt und man findet die Grundzügc des Einen in denen des Andern. Nur die Färbung ist anders; dort Alles im Oestrcich'schcn Colorit, hier Alles im Preußischen. Das fühlten Beide offen und gerade, und in dieser Offenheit und Geradheit lag der reine Zusammenklang ihrer Ge- müthcr. In dieser Harmonie hat es vorzüglich seinen psychologischen Grund, daß in dem Lande des Kaisers der König so gerne war, und Er zur Stärkung Seiner Gesundheit eine 332 lange .Reihe von Jahren in Carlsbad *), lieber noch in dem ihm zusagenderen Teplitz, war. ") Carlsbad ist und bleibt einer der merkwürdigsten und berühmtesten Badeörter der Welt. Viele Bäder hat der Wechsel der Zeit und Mode getroffen; Carlsbad nicht, es war. ist und bleibt die Zuflucht Aller, für welche und deren körperliche Uebel die Na- - tur in ihrer Fülle das wunderbare mineralische Wasser geschaffen hat. Es hat in seinen Temperaturen in dem Schloß-, Theresen-, Mühl- und Neubrunncn, und dem Sprudel, verschiedene Grade, und steigt vom lauen zum warmen und wärmeren immer höher bis zum siedend heissen, dem Heros, dem Sprudel. So wie die Grade der Temperatur sind, sind auch die Grade der Krankheiten, die vorzüglich ihren Sitz im Unter- tcrlcibe haben. Darum können diese Quellen Menschen jeden Alters und jeden Temperaments gebrauchen, und sie gebrauchen sie, unter der Leitung eines einsichtsvollen, erfahrenen Arztes, durchgängig mit dem gewünschten Erfolge. Das laue, warme, wärmere und heiße Wasser hat eine wunderbare Wirkung. Es durchdringt mit seiner geistigen Wärme alle, auch die verborgensten Theile und die vcrschlungensten Wege des menschlichen Körpers, wohin auch die beste Arznei nicht dringen kann. Es löst allmählig auf und schafft alle Jnfarctcn weg; es macht wieder schlank, und klar und gesund die Farbe des Gesichts. Während der still aber fühlbar arbeitenden Gährung in den Eingeweiden befindet man sich unwohl und bekommt Fieber; ist aber der Prozeß zu Ende, io tritt das wohlthuende Gefühl der Genesung öur, die man mit dem treffenden Namen „Silberblick" bezeichnet. Es ist ein wunderbares Wasser und Hufcland sagt, daß auch eine sorgfältige chemische Analyse die Wirkung, die es hervorbringt, nicht erklärt. Die materiellen Bcstandtheile lassen sich zwar finden, aber die geistigen entziehen sich der Zerlegung und Beachtung. Diese sind das Göttliche; — der Geist Gottes schwebt über dem Wasser. Wenngleich der bald leiser, bald lauter brüllende, cmporspringende Sprudel glühend heiß ist, so daß Federvieh darin gebrühet werden kann und Eier in einigen Minuten hart kochen, so verbrennt es Lippen und Junge dennoch nicht; man sehnt sich, wenn es seine Im Jahre 18 l 7 war Er, wenngleich von Jedermann gekannt, doch nicht als König von Preußen, sondern unter regenerirende Kraft äußert, des Morgens darnach, und eilt mit seinem Becher zur helfenden Quelle. Die Wärme, die es durchdringt, ist eigener Art, und das gewöhnliche Wasser, siedend heiß gekocht in ein sicher hingestelltes hermetisch verschlossenes Gefäß gethan, ist nach 24 Stunden lau und kalt, wenn dagegen, ebenso behandelt, das Wasser aus dem Sprudel noch nichts von seiner Wärme verloren hat, wie angestellte Versuche gelehrt haben. Deßhalb läßt es sich auch nicht ganz nachmachen und der künstliche Carlsbadcr Brunnen, dessen Nützlichkeit übrigens nicht in Abrede gestellt werden soll, verhält sich zu dem natürlichen, wie eine gemalte Blume zu einer wirklichen. Interessant und lehrreich ist, daß die vielen Brunnen von verschiedenen Wärmegraden, vom lauen schwachen Schloßbrunnen an, bis hinauf zu dem heißen Sprudel, an einem und demselben Orte liegen, ungefähr nur 13 — 20 Minuten voneinander. Diese verschiedenen Grade der Wärme sind passend für die verschiedenen Grade der Krankheit, für welche man Hülfe sucht; hilft der eine Brunnen nicht, so thut es der andere, und bald wird man inne, welcher zusagt. Das weibliche Geschlecht zieht in der Regel, seiner Natur treu, den Sprudel vor, in welchem das Zarte mit dem Starken sich verbindet, dem männlichen bekommt aber oft besser der viel schwächere Mühl- und Neubrunnen. Dieses heilende Wasser, was Kaiser Carl auf der Jagd in Verfolgung eines in der Angst herabspringenden Hirsches (Hirschsprung) entdeckt haben soll, hat Carlsbad berühmt und blühend gemacht. Man kann sich daher die Angst und den Schrecken der Einwohner denken, als eines Tages (1783) die Hauptqucllcn verschwanden und trocken, — aber auch ihre Freude, als sie nach 24 Stunden wieder da waren. Man bringt dieß Verschwinden, wie Geognostcn behaupten, in Verbindung mit dem gerade in dieser Zeit stattgehabten, fürchterlichen Erdbeben in Calabrien, indem man der Meinung ist, daß sich die unterirdische Erschütterung mitge- theilt und. diese Wirkung hervorgebracht habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, — man steht nachdenkend und verwundcrungs- voll still vor diesem Mysterium der Natur, in deren Inneres kein 334 dem angenommenen Namen und Titel eines Grafen von Ruppin in Carlsbad, und wohnte in dem sogenannten stci- erschaffcncr Geist dringt. Man begreift die schaffende Ursache in den finsteren, und doch geordneten Abgründen der Erde, ihren Herd und ihr loderndes, kochendes Feuer nicht; aber man sieht und freuet sich seiner scgcnsvollcn Wirkungen und der Hülfe, welche Leidende hier finden. Sie trinken mit jedem Becher Reinigung, Stärkung und Genesung, und es durchströmt neue Lebenslust dieselben um so mehr, je mehr sie sich dem wunderbaren Heilpunkt mit Andacht und Ruhe, mit Dankbarkeit und Heiterkeit, nahen und trinken, (Cui curat, nun cnratiir); denn mit Ernst will die Kur behandelt sein. Wer hier Hülfe sucht für Krankheiten, für welche Karlsbad nicht gemacht ist; oder wer nicht sich selbst beherrscht und seiner Lüsternheit folgt; wer die diätetischen Vorschriften des Arztes nicht beachtet, stehet in seinen Erwartungen sich getäuscht, und oft genug hört man daher die Todtcnglocke durch das Thal hallen. Mit Besonnenheit und Ehrfurcht will das wunderbare Wasser gebraucht sein. So heilbringend dasselbe ist, so angenehm und romantisch ist die Lage von Carlsbad. Das heitere, originelle Städtchen liegt in einem Kessel, von hohen belaubten Bergen eingeschlossen. Es wird von dem Flüßchen, die Tcpel, die bald voller, bald seichter ist, durchflössen, und hat an den Ufern, derselben nur zwei Straßen. Diese überschauet man mit ihren netten anlächelnden Häusern, und dicß gewährt einen heiter» Anblick, da die Wohnungen an den hohen Bergen liegen. Die Hauptstraße liegt hier, zieht sich im halben Monde herunter, und heißt die alte und neue Wiese. Die Häuser haben größten- thcils drei Etagen, die bequem, oft elegant eingerichtet sind. Gegenüber, an der einen Seite des Wassers, liegen Buden, wo allerlei Sachen, größtenheils Stahlwaaren und Böhmisches Glas, verkauft werden. Diese Straßen sind belebt; man findet Menschen aus allen Wcltgegenden und kann die hier auf- und ab- wogcndc Bevölkerung eine Charte der Welt nennen. (Olmrla magna.) In allen Fenstern und vor allen Thürcn sieht man Brunnengästc, die behaglich ihr Frühstück genießen. Das zutrauliche Städtchen, in seinen Brücken über die rauschende 335 ncrnen Hause an der Wiese. Es machte einen ganz eigenen, seltsamen Eindruck, einen regierenden Herrn, in welchem man den Seinigen sieht und verehrt, in einem fremden Tepel, mit Pferde», die in derselben gewaschen werden; in den Wagen, die vorüber rollen; in der von allen Seiten her ertönenden Musik; in den hohen und merkwürdigen Personen, die hinkommen, hat etwas Anziehendes, und es ist lustig, besonders wenn, was durchgängig der Fall ist, die Kur gelingt, auf und abzugehen. Friedlich und heiter geht man im bunten Gewühl nebeneinander her und macht leicht und bald manche interessante neue Bekanntschaft. Verstimmt über den einförmigen Mechanismus des oft langweiligen Lebens, kommt man mit einem kranken Untcrleibe her; aber man oricntirt sich, und erkennt die Thorheit, über so viele Erbärmlichkeiten und Kleinigkeiten sich zu ärgern. Einer stehet den Andern wohlwollend an, Jeder hält im Gedränge, wenn die Reihe an ihn gekommen, seinen Becher hin, und es ist, als gäbe man, reich oder arm, vornehm oder gering, stillschweigend das Wort, gegenseitig sich so lange man da ist die Tage zu versüßen. Ist ja das ganze Leben doch'nur ein Vorüber- und Durchgang. So heiter die Stadt, so angenehm ist die Umgebung, nah und fern. Die Berge sind ernst und kühn; die Thäler lieblich und zutraulich; die Felder fruchtbar; die Wiesen üppig; die Dörfer freundlich; die Wirthshäuscr behaglich. Die Einwohner und Bürger von Carlsbad sind ein Schlag gutmüthigcr, wohlwollender Menschen. Aufmerksam, zuvorkommend, gefällig und treuherzig, machen sie das Leben in ihren netten und reinlichen Häusern auf 3 — 4 Wochen angenehm und bequem. Der Aufenthalt daselbst ist billig, sogar, wenn man sich einschränken will, wohlfeil. Seit Jahrhunderten ist jährlich Carlsbad von Leuten aller Art besucht; und allerdings ist es eine moralische Merkwürdigkeit, daß die Einwohner so gut und bieder geblieben sind. Von grobem Eigennutz und gleisnerischer Uebcrlistung findet man keine Spur; dagegen häusliches Glück, Friede, Freude und Eintracht, in den Familien. Alle tragen den Charakter der Ocstrcichischcn Gutmüthigkeit. 330 Lande zu sehen. In diesem hat er Nichts, in dem Seinigen als Monarch Alles zu befehlen. Er tritt von der hohen Stufe der Herrscher-Würde herab auf die eines Privatmannes. Er wird ein Gast unter den Gästen, wo Jeder als solcher gleich viel gilt und der Eine um den Andern sich fast gar nicht bekümmert. Alle Verhältnisse, die sonst im Leben tren ncn und Scheidewände unter verschiedenen Ständen aufrichten und sondernd hinstellen, sind wie durch einen Zaubcrschlag verschwunden. Alle Gradationen an Badeörtern hören auf, Alles tritt auf das breite Niveau und die Fläche der Gleichheit. Der Kaiser und der König, der Fürst und der Graf, der Edelmann und der Bürger, der Beamte und der Kaufmann, der Particulier, der Städter und der Landmann, haben hier aufgehört, es zu sein. Jeder gilt gleich viel, Einer geht an dem Anderen gleichgültig vorüber; Jeder ist für sein Geld, Jeder sein selbst, seiner Gesundheit wegen da; Jeder hat für die Zeit, wo er da ist und die Kur gebraucht, Alles abgelegt, was ihn sonst von Anderen trennt, und die Stelle, wo er hin gehört, hat er für diesen Zeitabschnittvcrlassen; er fühlt sich frei als Mensch und ist, was er nach seiner Persönlichkeit sein kann; Alle treten im bunten Geräusche, Jeder in demselben Bedürfnisse, in demselben Wunsche, Einer nach dem Andern, in zufällig gruppirender Reihenfolge, die Hand ausstreckend an den Brunnen hin und empfängt und genießt dasselbe Heilwasser. In die scr Gleichheit liegt etwas Eigenes, Manchem Unbequemes; aber für Alle, die in Humanität leben und athmcn, etwas Großes und Erhebendes. Hier wird es klar, daß was Menschen von Menschen trennt und entfernt, nur in dem Unterschied der Stände und der irdischen Güter, nicht im Wesen der menschlichen Natur selbst nothwcndig liegt. Diese Stufenfolge von unten hinauf, durch alle Grade in der Mitte bis obenhin zur Spitze, ist, bei 337 der Verschiedenheit menschlicher Verrichtungen, wo Einer des Andern bedarf, ebenso nothwcndig zum Wohlsein der menschlichen Gesellschaft, als sie, bei der Mannichfaltigkeit und Fruchtbarkeit menschlicher Anlagen und Kräfte, Fähigkeiten und Neigungen, natürlich ist. Es giebt keine Ordnung, die das Einzelne und Ganze erhält und fördert, ohne Unterordnung, und keine andere Gleichheit, als die vor dem heiligen Nichterstuhl der Menschenwürde, des Gesetzes und Gottes. Im bürgerlichen und dem öffentlichen Verkehr desselben ist sie eine Ehimäre, und könnte man heute sie einführen, so würde sie sich morgen an der Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit der Menschen und ihrer Ungleichheit wieder zerschlagen. Aber dieser Vielheit liegt die generische Einheit zum Grunde, und in ihr besteht die Tragckrast des Ganzen. Diese Einheit verschwindet im täglichen Leben und seinen wechselnden Verhältnissen, wo es Herren und Diener giebt und geben muß, und es giebt viele Untergeordnete, die ihr ganzes Leben hindurch in dieser sie umschließenden Atmosphäre athmcn, keine andere kennen, und sich wohl dabei befinden. Aber es thut dem Gebildeten wohl, von Zeit zu Zeit in's Freie zu treten, sich lüftend zu orien- tircn, sich und seinem besseren Selbst zu leben und, seinen Ideen nachhängend, in süßem Nichtsthun zu athmen und zu schaffen. Kein Ausruhen ist, wenn zugleich die Gesundheit und ihre Kräftigung dieß Opfer verlangt, in dieser Beziehung belebender, als das Verweilen an interessanten Bade- örtern, z. B. in Earlsbad, und das Hineingehen in seine Lebensweise besonders in seine alle Verschiedenheit zurückdrängende, und in seine in vielen Schattirungen hervortretende Einheit, gewährt einen reichen Genuß. ll. m 22 338 So vielseitig und anziehend derselbe ist, so hat er doch Anfangs etwas Befremdendes und Eigenes bei einem'Könige, in welchem man den seinigen erkennt. Sonst hat man immer in ihm stets das Oberhaupt und den Landeshcrrn gesehen; jetzt sieht man in ihm den Fremden; er ist überall in seinem Reiche zu Hause, nur in diesem nicht. Sonst sieht man ihn gewöhnlich in Uniform; jetzt in einem einfachen Civilrocke. Sonst in einem, mit einer weißen Feder geschmückten dreieckigen, jetzt in einem rnnden Hute. Sonst mit, jetzt ohne Orden. Sonst wohnt er in einem Schlosse; jetzt in einem Privathause. Sonst hat er eine zahlreiche Dienerschaft um sich und vor der Thür; jetzt nur eine kleine. Sonst bleibt Alles vor ihm stehen und grüßt ehrerbietig; jetzt geht Jeder an ihm vorüber und nimmt seinen Hut nur ab, wenn es ihm gefällt. Er ist ein Gast unter den Gästen, und etwas Anderes wollte Friedrich Wilhelm III. nicht sein; Er war es auch nicht, und gerade so war es Ihm recht. Ein Ihm persönlich Bekannter begegnet Ihm in der schönen Dorothcen-Aue. Wie dieser Ihn kommen sieht, bleibt er ehrerbietig mit entblößtein Haupte zurücktretend stehen. Der König, den runden Hut gleichfalls abnehmend, dankt freundlich; setzt aber hinzu: „Gehört nicht hieher! wir sind an einem Badeorte zu Carlsbad, wo Komplimente nicht Sitte sind. Es ist nicht nöthig hier. Bin der Graf von Ruppin, der nicht cxistirt,— brauchen also hier, wenn Sie mir sonst nichts zu sagen haben, von mir keine Notiz zu nehmen." Dieß sagte Er mit einem satyrisch-lächelnden Gesichte, und der Preußische Untcrthan mußte, mit seinem Könige zutraulich sprechend, gehen bis an das steinerne Haus. Man sah es dem Herrn an, daß Er sich in dieser Freiheit wohl fühlte. Eine gewisse Behaglichkeit war über Sein gan- 339 zes Wesen verbreitet und leichter bewegte Er sich, da Alles Schwere und Einengende von Ihm genommen war. Seinem natürlichen Hange zur Einsamkeit konnte Er hier folgen, und Er folgte ihm gerne; man sah Ihn gewöhnlich auf Bergen, oft auf den Höhen, wo man die Stadt romantisch im Thale vor sich hat, ohne alle Begleitung auf- und abgehen. Gern ruhete Er auf heiteren, eine weite Aussicht gewährenden Plätzen aus und hing Seinen Gedanken nach. Er wollte darin nicht gestört sein, und bei einer strengen Brunnendiät, sah Er nie Fremde bei der Tafel; oft nicht Mal Seine Cabinetsräthc und Adjutanten. Doch vermied Er nicht die Gesellschaft; man sah Ihn häufig an belebten Orten; Er wohnte im Sächsischen Saale Bällen, häufiger noch Concerten und dem Schauspiele bei. Vielfach wurde Seine Freigebigkeit in Anspruch genommen, und Er gab nach allen Richtungen hin Königlich. Schlicht und einfach, ernst und voll Würde war der Mensch, der die Königliche Ehre nicht wollte; aber ohne Prunk, ohne Geräusch still umher- gchcnd, sah man gerade darin den König. Am Häufigsten sah man Ihn in der Gesellschaft des Grafen E-npo und des Staatskanzlers von Hardenberg. Daß Er voll von Menschenliebe, die keinen Unterschied mehr findet, und das Gute da schätzt, wo es wahrgenommen wird, und bei Seiner Neigung zur Stille und Einsamkeit auch da, wo Er derselben nach Wahl folgen konnte, gern, aus Neigung, mit diesen beiden geistreichen Männern heiter und frisch umging, ist charakteristisch. Oupo ll'llstrius war von großer Leibesnatur, damals schlank und und von gelber Gesichtsfarbe. Zu Corfu (I78l>) geboren, hatte er etwas Fremdartiges, an dem man gleich erkannte, daß er weit her war. Man sah ihm an und fühlte es, daß er 22' 340 ein ungewöhnlicher Mensch war. In seinem Auge lag denkender Ernst und eine tiefe Schwermut!). Sein behender, leichter Gang drückte dennoch Besonnenheit aus. Nicht Ruhe war es, in der er schlicht und einfach einherging z vielmehr die Klugheit, wenn man nicht sagen will die Schlauheit, der sinnenden Ucberlcgung. Es umschwebte sein ganzes Wesen etwas Gcheimnißvolles, Diplomatisches. Er war höflich und aufmerksam auf alle ihn umgebenden Dinge; aber seine innere Lebendigkeit war eine berechnende und abgemessene. Es fehlte ihm die Unbefangenheit eines heiteren Gcmüthes, und er war mehr tief, als klar. Sichtbar verbarg er Vieles; seine Brust war ein verschlossenes Archiv. Er empfing, aber theilte weniger mit; er hörte scharf und sprach nicht viel. Da, wo er beredt war, lag es ihm daran, zu gewinnen und zu überzeugen. Er war Geheimer Russischer Staatssecretair und trug in sich die Geheimnisse des Cabi- nets. Im Besitze derselben, vermochte er viel, und er sah in die Zukunft, die er verschleierte. Gewandt und klug bewegte er sich auf seinem Gcsandtschastspostcn zu Wien. Er besaß das Vertrauen beider Kaiser, besonders das des Russischen. Durch seinen Kopf und seine diplomatischen Hände gingen wichtige Staatsverhandlungcn, und auswärtige Angelegenheiten kannte er wie einheimische. In den Bemühungen für die Wiederherstellung der Republik der Ionischen Inseln war er sehr thätig, wie für die Befreiung der Griechen von dem Türkischen Joche. Er war ein wichtiger Mann auf dem Schauplatze der Welt, wie sie damals sich gestaltete; er sah Alles von Innen heraus scharfsinnig und klar. Es war interessant, ihn an der Seite des Königs von Preußen zu sehen; Beide tranken zusammen den Sprudel, besonders am Abend, wo der Brunnen weniger besucht wird, und :;4l machten nächstdcm weitere Gänge in die umgebende schöne Gegend. Der König, ein inniger, treuer Freund und Bundesgenosse der beiden Kaiser, behandelte den Grafen Onpv clffstvius, der ihm in seiner offiziellen Stellung wichtig war, mit Auszeichnung. In vielen Dingen waren sie verschiedener Meinung; besonders wichen sie voneinander ab in ihrem Urtheile über Griechenland und dessen Zukunft. Onpo sl'.lsti'iu8, in seiner alten heroischen und poetischen Geschichte lebend, war enthusiastisch für die Griechen, glaubend, derselbe Geist sei noch da und wolle nur geweckt und zusammengehalten sein, um Großes zu Stande zu bringen. Der König sah die Sache anders an. Von den jetzt lebenden Griechen hatte Er keine günstige Meinung; Er hielt den herrschenden Geist der Nation für noch unreif zur Freiheit. Die Begeisterung für dieselbe nannte Er ein Flackcrfcuer, und bei Seiner Behauptung beharrend, schloß Er dann mit dem Ihm gewöhnlichen Satze: „Die Zeit wird's lehren!"-*) Interessanter wurde dicß Beisammensein, wenn der Fürst Staatskanzlcr von Hardenberg mit dabei war. Dieser war ein ganz Anderer, als der König und Onpo clffstrin«; und doch nicht störend, vielmehr geistreich eingehend und wohlwollend Theil nehmend. Man durste ihn nur sehen, um ihn ebenso zu verehren, als liebzugewinnen. Sein Gesicht war der klare schöne Spiegel seines Innern. Die hohe gewölbte Stirn glänzte, als ruhcte aus ihr das Licht. Die Augen waren geistreich, umsichtig und klug; sah er Einen ff Diese Mittheilung verdanke ich dem Obristcn von Witzlcbcn der durchgängig mit zugegen war. 342 an, so fühlte man die Nähe eines außerordentlichen Mannes. Die Nase war etwas gebogen und vornehm. Um den Mund schwebte Gutmütigkeit, Wohlwollen, und ein Anflug von Satyrc. Das Kinn war rund und fest; die ganze Physiognomie so, daß man mit Wohlgefallen sie ansah; sie hatte etwas wahrhaft Vornehmes. Die Gestalt war von mittler Größe, der ganze Leib nicht mager, weniger noch korpulent; aber das Ganze schön geformt. Das Haar voll und lockigt; aber damals (1817) schon grau, gab es der ganzen stattlichen Figur die Ehrwürdigkeit eines Staatskanz- lcrs. Die Stimme war sonor und wohlklingend, die Sprache langsam, ruhig, bedächtig und verständlich, — aber kcincswegcs imponircnd diktatorisch, und gehalten im Tone der Conversation. So war die äußere Gestalt Hardenbergs; noch reicher war sein Inneres. Schon Püttcr, der bekannte Professor und Publicist in Göttingen, sagt in seiner Biographie die prophetischen Worte: „Mit Vergnügen habe ich den jungen von Hardenberg heute ein testimoninm nenclemloum gegeben. Er ist einer der nobelsten und talentvollsten Jünglinge, die ich je näher gekannt habe. Fährt er so fort, als er rühmlich angefangen hat, so ahne ich für ihn eine glückliche Zukunft, und ich wünsche dem Staate Glück, welchem er einst dienen wird." In Wahrheit war Hardenberg ein seltener Mann, der durch seine Fähigkeiten, sein Wissen und seine vielseitige Bildung, die hohe Stufe erstieg, die er einnahm. Sein Verstand war klar, hell und tief, und vor seinen geistigen Blicken standen enthüllt alle Hindernisse, die sich seinen Zwecken entgegenstellten. Er fühlte es von vorne herein, ob er sie besiegen könne, oder nicht. In jenem Falle war er ausdauernd und behielt, auch wenn es nicht so scheinen mochte, dennoch die Sache im Auge. Er war ruhig, 343 gemäßigt, und konnte warten. Sah er aber in diesem Falle ein, daß er nicht durchkommen konnte, so umging er mit gewandter Klugheit alle feindseligen Kräfte, ließ sie aus dem Spiele, und erreichte seine Absicht auf einem anderen Wege. Durch seine vielen Reisen und sein beobachtendes Sein und Leben bei Höfen kannte er genau die regierenden Herren, ihren verborgenen Willen, ihre versteckten Triebfedern, ihre Einfluß habenden Umgebungen, auch die weiblichen. Unbefangen und heiter ging er durch alle Intrigucn, als wenn sie nicht da wären; er that, als sähe er sie nicht, — und doch sah und wußte er Alles. Er war ein geborener Diplomatiker, schlau, glatt und gewandt, und geschickt in der Manipulation obwaltender Verhältnisse. Mit dieser Lebcnsklugheit, die man Sagacität nennen kann, verband er, was sehr selten, aber um so rühmlicher ist, Taubeneinfalt. Er war gutmüthig, wohlwollend und treuherzig. Er scheuetc den Schmerz und mochte ihn bei Anderen nicht sehen. Sein klarer Verstand und sein edles Gemüth durchblickte die Menschen und ihre Verhältnisse, wie sie sind und wie sie sein sollen. Er war frei im vollessen Sinne des Wortes und losgeworden von dem Vorurtheile der Geburt und des Standes. Einheit und Eintracht, Wohlsein und Humanität, war die Magnetnadel seines ganzen Wesens. Unterdrückung und Härte war ihm zuwider und er wirkte ihnen überall entgegen. Unabhängigkeit von aller übermüthigcn Willkühr war das Ziel, wohin er wollte. Mit dieser echt menschlichen Tendenz verband er große, anhaltende Thätigkeit, — er konnte 8— kl) Stunden ununterbrochen mit anstrengendem Ernst arbeiten- Er hatte als Staatskanzler vollauf zu thun, und es ging ihm viel durch den Kopf; aber Alles war in demselben geordnet und er vergaß nichts, was er nicht ver- 333 gesseu wollte. Er hatte es zu thun am Liebsten mit erfahrenen Männern; er liebte die jungen, wenn sie Genie hatten, frisch und lebendig waren. Er selbst in den Morgenstunden von früh an in seinem Berufe thätig, strengte auch Alle an, die unter ihm arbeiteten. Aber gegen keinen Tüchtigen war er hart und eigensinnig, gegen Alle wohlwollend. Er verließ die befahrenen Wege des herkömmlichen Schlendrians, und war ein Feind des todtcn Buchstabens und Controli- rens. Sich selbst frei bewegend, entfernte er alle unnützen und lähmenden Fesseln. Wo er Talent fand, hob er es, und gab ihm freien Spielraum. Mit diesen Eigenschaften eines ausgezeichneten Geschäftsmanns, dessen wahren Gehalt er fördernd besaß, verband er die angenehmsten Formen. Man übertreibt nicht, sondern sagt die Wahrheit, wenn man den Fürsten Staatskanzler von Hardenberg einen anmuthigcn Mann nennt. Er war die Humanität und Liebe selbst und kam Jedem, auch dem Geringsten, mit Wohlwollen entgegen. Seine Höflichkeit war aber nicht eine angenommene und studirte, sondern eine natürliche, aus dem Herzen kommende. Nichts Steifes, Abgemessenes und Pedantisches war an ihm; vielmehr Alles unbefangen, los und "lebendig. Auch wenn er Bitten und Wünsche nicht erfüllen konnte, was bei dem Angelaufenen und Vielvcrmö- genden oft der Fall war, schlug er so verbindlich, teilnehmend und tröstend ab, daß selbst Solche, die sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, zufrieden mit seinem Benehmen dabei von ihm gingen, um so mehr, da sein fühlbares Wohlwollen immer mit einer gewissen Hoheit und Würde verbunden war. Vielleicht hat es keinen hochgestellten Herrn gegeben, der so wenig die Sorgen und Furchen schwerer, oft verwickelter Geschäfte auf seiner Stirn trug und so hei- 345 tcr und angenehm in den Stunden der Erholung war, als er. Er aß und trank gut, lebte wie ein Fürst; er machte, wie es ihm zukam, ein großes Haus und sah oft Fürsten, Diplomaten und andere angeschene Personen bei sich. Er liebte die Freuden und Genüsse der Tafel; scherzte, erzählte, ermunterte, und war der angenehmste Wirth. „Meine Herren und Freunde," Pflegte er, wenn er sich mit seinen Gästen zu Tische gesetzt hatte, zu sagen, „jetzt wollen und müssen wir Alles vergessen, was Menschen von Menschen trennt. Nach treuer Arbeit bchagt auch der Genuß; wir wollen fröhlich sein. Herzlich willkommen!" Und er nahm das gefüllte Glas und stieß an. Seine Heiterkeit, welche jedoch nie die Würde verlor, theiltc sich mit, und man war guter Dinge. Won Hardenberg und von Stein sind zwei große originelle Männer, die sich unsterbliche Verdienste um die Welt und den Preußischen Staat erworben haben; aber Beide waren sehr verschiedener, ja heterogener Natur. Bon Stein war hart und unbiegsam wie ein Felsen; von Hardenberg flexibel und nachgebend. Jener ein Stoiker, dieser, wenn auch'nicht ein Epicuräcr, doch ein Mann, der die Freuden des Lebens genießt. Jener gebot selbstständig den Umständen; dieser beobachtete und sah zu, woher der Wind kam. Jener war für den Krieg, stieß, trieb und stürmte; dieser für den Frieden und seinen bedächtigen Aufbau. Jener paßte für glatte, verwickelte diplomatische Verhältnisse nicht; dieser ganz und gar. Jener hatte in Allem, was er war und that, das ioititer in re z dieser das sunvitei- in inocko. Jener war in seiner Stimmung auf den Ton des Presto und Fortissimo; dieser auf den des Andante und Allegro gestimmt. Jener war streng und positiv-christlich gläubig; 3 46 dieser zwar nicht ungläubig, aber doch gefiel es ihm, wohl mit Göthe zu sprechen: „Wer darf ihn nennen und wer bekennen: ich glaub' ihn? Wer empfinden und sich unterwinden, zu sagen: Ich glaub' ihn nicht?" Beide, von Stein und von Hardenberg, paßten bei solchen Verschiedenheiten ihrer Natur nicht zusammen; darum brach ihre innere Disharmonie äußerlich aus, sie mieden sich, und Jener machte Diesem Platz; beide große Männer aber, um mit Lcssing zu reden: „zu nahe gepflanzt, zerschlugen sie die Aeste sich." Dagegen war es eine Freude und anziehend, den König und Hardenberg zusammen zu sehen, und Beide blieben beieinander bis an's Ende. In der Nähe und an der Seite des Herrn, dem er im Unglück und Glück mit gleicher Treue ergeben war; dem er mit seinem hellen Geiste, mit seinem edlen Herzen, mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen redlich diente; den er in seiner Persönlichkeit liebte, an den er sich gefesselt fühlte, — den verehrten König und Seinen Staatskanzler gehend und stehend in einem lebhaften Gespräch öffentlich zu erblicken, — wohl war es interessant! Er, der König, in angeborener Würde ernst und einfach; Hardenberg, zwar Diener, aber frei und unbefangen. Der König gerade und natürlich; Hardenberg gewandt in der angenehmsten Form. Beiden sah man lange nach; Beide gingen ruhig und langsam ihren Weg, als wenn sie zusammengehörten. Zwar lag in Beiden Verschiedenartiges und Entfernendes; in Hardenberg war Manches, womit der König nicht sympathisirte, und in dem Könige mochte Manches sein, was der Staatskanzler gern anders gehabt hätte. Aber Dieser ehrte an Jenem den klaren, gesunden, praktischen, überall den rechten Punkt treffenden Verstand, die Wahr- 347 hcit und Biederkeit des Charakters; und Jener an Diesem die richtige Bcurtheilung aller vorkommenden Fälle, mit der erleuchtenden Fackel eines hellen Geistes, mit der sanften Wärme eines edlen, sich gleichbleibenden Herzens. Dabei war das Gcmüth Hardenbergs zu frei und rein, um eigennützig zu sein. Alles, was zusammenschrumpft und engherzig, schlau und berechnend macht, war ihm fremd, und Alles, was liberal, offen und splendide ist, lag in seinem Wesen. Er brauchte viel; aber das Viele hatte er nur, nicht es zu besitzen und zusammenzuscharren, sondern es wieder wegzugeben und Andern Freude zu machen. In dem Aufwände, den er machte, lag auch nicht Eitelkeit und Groß- thucrci, sondern etwas ihm und seiner Individualität Ange- hörigcs; ihm war eine wahrhaft noble Natur eigen. Von dieser fühlte sich der König immer wieder angezogen, und so wichtig Ihm Hardenberg als Staatskanzler war, so lieb war er Ihm als Mensch. Auf die Beschaffenheit und den Werth desselben legte Er das meiste Gewicht; und dieß mußte in guter, sittlicher Ordnung sein, wenn Achtung und Vertrauen sich bei Ihm einstellen sollte. Der Beamte, auch der hochstehende, war Ihm theuer und wcrth nur dann erst, wenn Er von seinem Leben und Charakter eine vortheilhaste Meinung hatte. Sehr oft hat man Ihn sagen hören: „Nicht durch kluge und gescheute Leute, durch Gute nur wird es gut in der Welt." Sein durchdringender, wägender Blick war darin scharf, richtig und treffend. Ein vorzüglich Heller Verstand war Ihm nicht unbequem; vielmehr hatte Er ihn gerne und freuctc sich seiner Lichtstrahlen. Er suchte Ausgezeichnete auf und sammelte sie um Seine Person und ehrte die Einsichtsvollen. Seine oft vernommene Aeußerung: „Das müssen Sic besser wissen, als ich!" würde 348 in Seinem Munde, als König, unpassend gewesen sein und Ihm geschadet haben, wenn Er durch Seinen klaren, gesunden Verstand, der im Praktischen, in Geschäften der Regierung, oft mehr werth ist, als alles gelehrte Wissen, nicht sich behauptet und immer wieder geltend gemacht hätte. Darin, unterstützt von innerem und wahren Sinne, lag Sein Uebergewicht, und obgleich Er sich desselben nicht bewußt war, wenigstens nie selbstgenügsam es geltend machte, so verbreitete es doch über Sein ganzes Wesen Ruhe, Zuversicht, und Unbefangenheit. Darin hat es auch seinen Grund, daß Er gern eminente Köpfe, statt daß Andere sie von sich entfernen, nicht bloß an sich zog, sondern daß sie auch bei Ihm blieben und alt wurden, — zum Beweise, daß sie in Seiner Nähe und Er sich in der ihrigen wohlfühlten. Die Regicrungsgeschichte weniger Landesherren hat die Thatsache hinzustellen, daß, wie bei Friedrich dem Großen, der auch in diesem Stücke einzig ist, so bei Friedrich Wilhelm III. so viele Heroen, wie Blücher, Gneiscnau, Scharnhorst, Grolmann, und Andere mehr, so auch eminente Minister, wie von Hardenberg, von Stein, von Bernstorf, Wilhelm und Alexander von Humboldt, von Altcnstein, Motz, Maaßen, Ancillon, und Andere mehr, nicht nur im Amte waren, sondern auch darin starben; und der Schärfste von ihnen, der früher ausschied, der Minister von Stein, sprach das wahre Wort: „Der König ist von uns Allen der Einsichtsvollste; nur weiß Er es nicht, so wenig, als ein Kind, daß es unschuldig ist." Dieß Anerkenntniß und Gefühl war auch in Hardenberg. Es drückte sich in seiner ganzen Haltung, in dem aufschauenden Auge, in dem Tone seiner Stimme, in der Hu- 349 manität seiner ganzen angenehmen, würdevollen Persönlich- keit voll und wahr aus, wenn er vor dem Könige stand und mit ihm ging. Daß er dlcß anerkannte und fühlte, war schon der Beweis, daß in seinem Innern Saiten lagen, die davon berührt wurden und widerklangen. Wie sollten sie es nicht, oder vielmehr wie konnten sie anders? Sic waren ebenso natürlich, als der Widerhall des Echo's. Die stille Gewalt, die der König über die Herzen der Menschen hatte, besonders derer, die Er oft sah und sprach, war überwältigend. Derjenige, in dem ein böses Princip lebte und tief versteckt im Herzen lag, hielt es bei Ihm nicht aus und entfernte sich; und wer das Gute aufrichtig will und liebt, mußte durch Ihn besser werden. Es liegt in dem guten Beispiele, wenn es wahr, kunstlos und natürlich ist, eine magische Kraft, die wie ein brennendes Licht anzündet und unvermerkt auf denselben Ton stimmt. Hardenberg aber hatte das leuchtende Licht in sich selber und das Saitcnspiel seines Innersten tönte rein und harmonisch. Der Staatskanzler war ein kluger, verschwiegener, Alles im richtigen Tacte messender, dabei offener und gerader Mann, wo er es sein konnte und durfte. Schon seine stille, sich gleichbleibende Heiterkeit, seine Klarheit, die, wenn sie auch Vieles verschloß, doch nie lauerte, nie versteckte; seine Natur und ihre Würde, erhob ihn unendlich über die Schwäche und Ohnmacht kleiner Seelen. Diese fürchten sich, sind geheimnißvoll, treten leise auf, gehen auf den Zehen, sind abgemessen und feierlich. Hardenberg trat überall fest auf, war gerade und ging gerade; war von Herzen freundlich, aufrecht und aufrichtig. Wohl hat man überall seine Klugheit, besonders in diplomatischen Angelegenheiten, gepriesen; nie aber ihn im täglichen Verkehr der Falschheit beschuldigt. Absichtlich täu- 330 scheu konnte er nicht; dieß war seinem Naturell zuwider: er sagte gerade es heraus, wenn er nicht konnte und durfte; er war ein? öffentliche Person, und es war ihm am Liebsten, wenn er offen sein konnte. Als der König die Gnade gehabt, mich zum Mitglied des Königlichen Staatsraths zu ernennen, war mir in der deßfallsigen Cabinetsordrc gesagt: daß ich an den Fürsten Staatskanzler von Hardenberg mich wenden und von diesem näher instruirt werden würde. Ich ging also zu ihm nach dem angenehm gelegenen, benachbarten Landhausc Glicncckc; er besaß damals dasselbe, es war aber weniger schön, als jetzt, wo es ein Eigenthum des Prinzen Carl ist. Der Staatskanzlcr, obgleich in der Sitzung, ließ mich nicht warten, kam vielmehr gleich aus derselben in den Audienzsaal. Er empfing mich mit herzgewinnender, freundlicher Würde und wünschte Glück. Ich setzte voraus, daß der Vorschlag von ihm ausgegangen, dankte ihm also für sein Wohlwollen, mit der Versicherung: daß ich mich bestreben würde, desselben würdig zu sein. ,,Den Dank," antwortete offen und heiter der Staatskanzler, „darf ich nicht annehmen; muß ihn vielmehr ablehnen. Der Vorschlag ist allerdings von mir ausgegangen; aber ich habe nicht Sie, sondern einen andern würdigen Geistlichen, der wenigstens älter ist, vorgeschlagen. Der König aber hat seinen Namen ausgestrichen und den Ihrigen eigenhändig hingeschrieben. Ihr Dank gebührt also allein Sr. Majestät dem Könige, und ich zweifle nicht, Sie werden das in Sie gesetzte Königliche Vertrauen rechtfertigen. Lassen Sie uns dem gemeinschaftlichen Herrn treu und redlich dienen. Er ist unserer Verehrung und unseres Gehorsams ganz würdig. Künftige Woche werden Sic in den 331 Königlichen Staatsrat!) eingeführt werden. Jetzt habe ich eben eine Sitzung, und nicht Zeit, umständlicher zu sein. Essen Sie aber, wenn Sie nichts Besseres haben, diesen Mittag bei mir; dann werden sich vor Tische noch die nö- thigcn Augenblicke finden. Bis zum frohen Wiedersehen!" Er sah mich freundlich an und reichte mir herzlich die Hand. Er erfüllte mit Verehrung, Liebe und Freude. Es ist einem hochgestellten Manne nicht möglich, humaner und in der Humanität anders zu sein, als der Fürst es war. (Viele sind es nicht und ihre Höflichkeit ist fernhaltende Herablassung.) Bei ihm wurde die Güte um so angenehmer, je mehr sie aus dem Herzen kam und wahr und redlich gemeint war. Er hatte nicht nöthig, zu sagen, daß er einen Anderen vorgeschlagen; er hätte den abgcstatteten Dank stillschweigend annehmen können. Aber er lehnt ihn ab und ist aufrichtig. Seine edle Natur ist überall da, wo er offen sein konnte und durste. Da alle Sachen von Wichtigkeit durch ihn und seinen Kopf gingen, so hatte er Vieles zu bedenken, und wiewohl er schon in Jahren vorgerückt war, konnte er noch rüstig und heiter anhaltend arbeiten. Arbeit war sein Element; Thätigkeit seine Lust; Leichtigkeit sein Wesen; Ordnung seine Regel; Gründlichkeit ihm Bedürfniß. Zu seiner Erfrischung und Restauration brauchte er 1822 den Brunnen und das Bad zu Pyrmont, und er war dort mit seinem Bureau und Gefolge. "Z Alan sah ihn alle Morgen in seiner ') Referent hatte in diesem Jahre Königliche Aufträge in Kirchen- Sachen, besonders in Angelegenheiten der Union in der Si- inultan-Gemeindc zu Wetter in der Grafschaft Mark. Auf den Rath des Or. Hufeland, und von diesem empfohlen, nahm er seinen Weg über Pyrmont, um dort einige Wochen zu verweilen, 332 stattlichen Gestalt und in seinem würdevollen Wesen die große prächtige, wie ein Dom gewölbte Allee auf- und ab- und machte die frohe Reise gemeinschaftlich mit seinem Freunde, dem Regierungsrath von Türk. Derselbe gehört zu den merkwürdigeren Genossen unserer Zeit; seine humanen Leistungen erzählt die Geschichte der Gegenwart und wird rühmen die Zukunft. Hier führe ich ihn auf, weil er in einen merkwürdigen Confliet mit dem Könige Friedrich Wilhelm III. kam. Derselbe war uns zufällig mehreremal begegnet, als von Türk und ich, befreundet, unserer Gewohnheit nach am Abend spazieren gingen, durchgängig nach der Glienicke«-Brücke. Des andern Tages sagte der König, bei der Tafel ihm gegenübersitzend, zu mir: „Scheinen mit dem Regierungsrath von Türk sehr vertraut zu sein; gehen mit ihm häufig!" Der Herr sagte dieß ganz gegen Seine Gewohnheit in einem schneidenden, unfreundlichen Tone, und sah mich an mit einem finstern, messenden Blick, so daß dieß mir auffiel und ich nur kurz antwortete. Nach Tische ging ich gleich zum anwesenden Obristcn von Witzleben, und hörte, zum Erstcnmale, mit Erstaunen, daß der König in der Meinung stehe, der Regierungsrath von Türk sei ein arger Demagog. Der König war durch bittere und schmerzhafte Erfahrungen dahin gebracht, argwöhnisch und mißtrauisch zu sein, und da Er mit der Sache und mit jedem Menschen es gut und redlich meinte, so war Ihm die Demagogie ein Gräuel. Vorzüglich ein hochgestellter Beamter, der nun auch schon verewigt ist, und dessen Namen und Thun die Vergessenheit decken mag, sah und sprach den König oft, und machte Ihn durch seine Dcma- gogcnriccherei immer argwöhnischer, so daß das lichtscheue, im Finsteren verborgen schleichende Gespenst der Demagogie dem guten alten Herrn manche Sorge machte und viele Stunden trübte. Wir mögen nicht untersuchen, in wieweit diese betrübte Sache durch wirkliche historische Begebenheiten gegründet ist; aber so viel bleibt gewiß, daß man ihr ein größeres Gewicht beilegte, als sie an sich hatte, und daß es vorzüglich hier theils Furchtsame, theils Boshafte gab, die oft die Unschuldigsten in einen bösen Verdacht brachten, anschwärzten und verläumdeten. Weil nun Herr von Türk aus angeborener und grundsätzlicher Liebe am ZI? gehen. Ihn umgaben viele Personen, die größtentheils zu seinem Gefolge gehörten. Er liebte die Pracht; nicht aus Liebsten im Volke lebte und für dasselbe wirkte, theils durch seine Schriften, theils durch sein Amt, das ihm innerer Beruf war, und da wenige Menschen, besonders der Mann, den wir meinen, es fassen und begreifen, wie man das könne, ohne Eigennutz, ohne Entschädigung für die Opfer, die man an Kraft, Vermögen und Zeit, dabei bringt: so war dicß genug, den Herr» von Türk zu einem gefährlichen Demagogen zu stempeln, und daß er es sei, dem Könige selbst durch Zulispelungcn in die Ohren, beizubringen. „Das ist abscheulig!" sagte ich entrüstet zum Obristen von Witzlebcn. „Da habe» wir es wieder!" antwortete dieser — „Es wird zu arg! Schmieden Sic das Eisen, weil es noch warm ist; treten Sie der Schlange auf den Kopf; machen Sie die Verläumdung unschädlich; gehen Sic zum Könige, ich will mitgehen." Wir thaten es, und ich sprach mit Lebhaftigkeit. Der König hörte mich ruhig an, und nachdem ich die Dcnkungsart, die Gesinnung, den Charakter und das gemcinnützliche Wirken des von Türk geschildert hatte, setzte ich hinzu: „Er ist kein Volksvcrführer, er ist ein christlicher Volks- frcund; Gott gebe Ew. Majestät recht viele solcher treuen Diener und Unterthanen!" Der König sah mich wohlgefällig an, und sagte: „Run so ist es mir lieb, mein Urtheil zu berichtigen, und von dem allerdings angeklagten Mann wieder eine vortheilhafte Meinung zu haben." Dieselbe legte Er nun auch öffentlich an den Tag; am nächsten Ordcnsfcste wurde Herr von Türk ausgezeichnet, er erhielt den rothcn Adlerorden. Der König interessirte sich unmittelbar für das Civil-Waisen- Haus in Potsdam; für die wohlthätige Anstalt zu Glienecke; stiftete mehrere Freistelle»; beschenkte die Waisenknaben; redete bei jeder Gelegenheit freundlich mit Herrn von Türk; bewilligte ihm, als er sein Amt als Regierungs- unk Schulrath niederlegte, und in ländlicher Zurückgczogcnheit sich ausschlie- ßungswcise seinen milden Anstalten widmete, sein ganzes Gehalt als Pension. So war der König! den verschuldeten und unverschuldeten Jrrthum verbesserte Er, sobald Er ihn erkannte, und gerade dem Verkannten erwies Er Gutes. Einem Solchen blieb Er wohlwollend zugethan bis an Sein Ende. Keilt. t-1 23 334 Eitelkeit, sondern weil es seiner heiteren Gemüthsstimmung zusagte, frohe Menschen, besonders frische, talentvolle junge Leute, mit denen er am Liebsten arbeitete, um sich zu sehen. Zu seiner nächsten Umgebung gehörte sein naher Verwandter, der Fürst Pückler - Muscau; dieser war damals in seinen besten Jahren, jugendlich und schön in seiner Gestalt, leicht und gewandt in seinen Bewegungen, gerade und anmuthig in seiner Haltung, vornehm, und doch populär, in seinem ganzen Wesen. Er war voll Geist, und alle Kräfte desselben waren lebendig, los und frei. Er sprach sehr gut, war oft beredt, und seine Gabe der Unterhaltung vorzüglich. Sein Witz ergoß sich nach allen Richtungen hin und man wurde froh in seiner Nähe. Er stand und ging wie auf Sprungfedern und Alles an ihm pulsirte und sprudelte. Obgleich er sich gehen ließ, so merkte man doch, daß er sich in seiner Gewalt hatte. In den Frühstundcn, wo die lange, helldunkcle Allee von sanfter Musik wiederhallte, war er ernst, oft bis zur Weichheit, gestimmt. Eine tiefe Wehmuth erfüllte seine Seele und man hörte ihn gerne reden über göttliche Dinge. Er sprach davon, wiewohl er die heilige Schrift und die Dogmen der christlichen Kirche kannte, aus Bedürfniß als ein Naturalist, im besten Sinne des Wortes, und Alles quoll ihm lebendig aus dem Innern. Mir, als Geistlichen, war dicß lehrreich, und wenngleich ich, ein evan- ner hat Ihm und der guten Sache mehr genützt, als von Witz- leben; dieß ist vortrefflich und historisch wahr gezeigt in den „Mittheilungcn über ihn von I)r. Dorow. Leipzig bei Tauchnitz. 1842." 353 gelischer Systematiker, in dcn meisten Dingen eine andere Ansicht hatte, so horchte ich doch, wie man im Walde gern vernimmt, vielfachem, wenn auch wilden Naturgesang. Der innige Berührungspunkt zwischen ihm und mir war sein ihm besonders werther Vetter, der Sohn des Husaren-Obristen von Pückler. Diesen Knaben unterrichtete ich zu Potsdam im Christenthumc, und ich liebte ihn sehr, seiner Talente, Lebendigkeit und Offenheit wegen. Ein liebes Kind, dessen Wohl uns Beiden am Herzen lag, war das Vercinigungs- band, das der Oheim durch warme Thcilnahmc festknüpfte. Dicß gab Veranlassung, über die Evangelien, ihre Kindlichkeit und edle Einfalt, zu sprechen, und daß der kräftige Mann in Vollendung seiner Bildung erst dann den höchsten Grad derselben erreiche, wenn er in seiner Gesinnung wieder ein Kind, unschuldig und unbefangen, werde. Der Fürst sprach über diese Höhe im Christcnthum vortrefflich, und mit Begeisterung. Seine Ideen waren neu und originell, nicht von Anderen gehört und nachgesprochen, sondern aus seinem vollen Innern geschöpft. So war es fast mit Allem, was er sprach; Vieles von dem Gehörten fand ich später in dem humoristischen, vielgclcsencn Buche „Briefe eines Verstorbenen" wieder, und da es anonym herauskam und viel von dem muthmaßlichen Verfasser gesprochen wurde, war es mir doch sofort gewiß, daß der Fürst Pückler es geschrieben. Das Interesse des Buches liegt in seiner Originalität, und wenngleich es Vieles enthält, was im Leben oft vorkommt, so ist doch Alles so aufgefaßt und dargestellt, daß es eigenthümlich anzieht und fesselt. Die meisten Menschen leben in fremden, die wenigsten in eigenen Ideen. Daher kommt die Trivialität, die auf breiter, vielbefahrencr und ausgefahrener Straße wandelt; man hört wieder und wieder und abermal, 23' 35 l) was man schon tausendmal gehört hat; und daher rührt denn das gähnende Einerlei und die ermüdende Langweiligkeit. Originelle Menschen dagegen leben und bewegen sich in eigenen Gedanken, und auch dem Gewöhnlicheren, was täglich vorkommt und wiederkehrt, wissen sie eine neue Ansicht abzugewinnen. Ihr Geist, ihr Auge sieht nicht bloß die Oberfläche, sondern auch das Tiefere. Sic tragen es hinein, sie holen es heraus, und weil dabei nichts Gesuchtes, weil Alles natürlich ist, was von selbst kommt, so geht von ihnen eine anziehende Kraft aus. Sie werfen Festes und Cohacrentes in die Oberfläche hinein; dadurch entsteht ein Mittelpunkt, in welchem sich immer größer werdende Kreise bilden. Man flehet hin bis sie verschwunden sind; aber in dem Schiff des Lebens wissen sie selbst mit dem prosaischen Fährmann ein interessantes Gespräch anzuknüpfen. Ein solcher origineller Mann ist der Fürst Pücklcr; er bringt in Alles Geist und Leben, und wo er ist, da gähnet nie die lange Weile. Vorzüglich sind alle seine geistigen Kräfte im freien Spiel, wenn er sie losläßt und es ihm darauf ankommt, sich zu entwickeln. Wie ein Virtuose ein solcher darum ist, weil er des Instrumentes, welches er spielt, — Paganini der Geige, Lißt des Fortepiano's, — Herr und Meister ist, Töne heröor- lockt, die man vorher noch nicht gehört hat, und zur Tiefe herabziehet und zur Höhe empor hebt, wie er will, — so Fürst Pückler, wenn er redet. So konnte er bei der Tafel, dem Könige gegenüber, humoristisch, witzig, gewandt, im richtigen Takte, den hohen Herrn unterhalten, wie Keiner besser, und es war ihm hierin, wenngleich in einer ganz anderen Manier, nur gleich der General von Hüncrbcin. Das Gelingen besteht hier darin, daß man in steter Beachtung des äußeren Ceremoniells frei und leicht Alles klar auffaßt und 337 angenehm hinstellt. Die Natur überflügelt die Kunst, und die Kunst überflügelt die Natur; darin liegt der Schlüssel. Der Fürst Pückler hat einen scharfen, feurigen, muthigen Blick, er kennt keine Furcht, und Gneiscnau urthcilte über ihn, daß er ein tüchtiger Husaren-General gewesen sein würde. Neben diesen Eigenschaften des Heroismus und der Virtuosität besitzt er die sanfte, welche Freude und Genuß in der Natur und ihren Schönheiten findet. Dieselben hervorzuheben, sie, besonders in Pflanzungen in angenehmen Grup> pirungen, zu schmücken, namentlich windende Gänge anzulegen, heitere Anblicke zu gestalten, herzerhebende Fernsichtcn zu öffnen, durch unerwartete Wendungen zu überraschen, war und ist sein Studium, sein stilles Sinnen und Denken- Der Park zu Muskau ist einer der schönsten in Deutschland und seine Schriften über denselben gehören mit zu den besten, die man hat. In dem klaren und tiefen Strome seines Lebens floß wenigstens damals, 1822, noch viel wildes, sprudelndes Wasser, welches Manchen begossen und überstürzt hat; es hat sich aber auch an ihm die Zeit und ihre Erfahrung geltend gemacht. In dcrRcifc vielseitiger Bildung gehört er zu den geistreichsten und interessantesten Zeitgenossen. Zu den interessanten Männern, die der Fürst Staatskanzler Hardenberg in seinem Gefolge hatte, gehört auch sein Leibarzt, der Obermcdicinalrath und Präsident Dr. R u st. Er gehörte früher zu den Koryphäen berühmter Acrztc in Wien, woher er berufen ward, und an denen auch Berlin mit seinen Instituten so reich ist. Er ist ein durch seine wissenschaftliche Bildung, wie durch seinen Charakter, merkwürdiger Mann. Von Natur gutmüthig und wohlwollend, war cr in feiner herrschenden Stimmung heiter, und in seiner Lebensweise kein Verächter der guten Tafel. Sein Benehmen hatte catcgorische Entschiedenheit, und er war seines Wissens und Handelns gewiß. Ueberall trat cr mit Zuversicht auf, welches bei einem Arzte angenehm, sanft aber im geselligen Leben unangenehm, oft verletzend ist. Wie die strengen Orthodoxen die Theorie der Offenbarung mit ihrem Glauben, die Mängel, Gebundenheit und Gebrechen ihrer Person vergessend, idcntisiciren, und dadurch unduldsam und unverträglich werden, so hatte Ruft in seinem medicini- schen Erkennen, wie in seiner Wissenschast, eine Höhe erreicht, auf welcher cr keinen Zweifel in seine Intelligenz mehr hatte, vielwcnigcr Widersprüche, am Wenigsten von Subordinirtcn, ertrug. Sein Ruf, die glänzende Laufbahn, die er ging, sein Glück und Vermögen, machten ihn sclbstgenügsam; Collegcn konnten mit ihm sich nicht gut stellen, aber Laien hörten ihn gern sprechen, und in Mittheilungen über naturhistorischc Dinge war cr ebenso lehrreich, als in seinen Erzählungen über merkwürdige Männer, Städte und Gegenden, unterhaltend. Er ist vorzüglich bekannt geworden zur bösen Zeit der Cholera, und stand an der Spitze der Jmmcdiat-Commission, die es mit ihr und ihren Schrecken zu thun hatte. Er ging von der Idee aus: sie sei eine ansteckende Krankheit und ihr Eontagium sei nur da möglich, wo Contacte einträten. Deßhalb war cr für das System der Sperre, und meinte durch dieselbe sie abwehren zu können. Es wurden deßhalb strenge Sperrlinien zu Lande und auf den Flüssen gezogen, Quarantaincn angeordnet, alle Communication mit insicirten Gegenden verboten; und diese Anordnung kostete viele Millionen. 359 Ruft war Leibarzt des Kronprinzen, und als derselbe zu Charlottenhof einmal eine große Mittagsfete gab, war auch er zugegen. Der König kam; als Er seiner vor der Thür ansichtig wurde, redete Er im schneidenden Tone ihn folgendermaßen an: „Habe diesen Morgen eine Piccc gelesen, in welcher behauptet wird, die Cholera sei nicht ansteckender Natur. Offenbar achtet sie nicht der Sperre, springt darüber weg, und Alles, was die gelehrten Herren über ihre Contagiosität mir gesagt haben, wird durch die Erfahrung widerlegt. Die Sache der Sperrung kostet viel Geld; und am Ende bin ich wieder die Düpe von der Affaire." Rust antwortete ehrerbietig, aber unerschrocken und fest: „Man kennt leider noch nicht ganz diese geheim- nißvollc Krankheit; ich bin aber der Ucberzeugung, daß sie ansteckender Natur ist, auch sind die besten Aerzte in Petersburg derselben Meinung. Ihre weitere Verbreitung muß also durch Absperrung verhütet werden. Wenn dieselbe viel Geld kostet, so haben Ew. Majestät durch Ihr landcsväter- liches Wohlwollen thatsächlich wieder bewiesen, daß das Beste ihrer Unterthanen Ihnen am Herzen liegt. Diese auf's Neue bestätigte Erfahrung im Volke ist mehr werth, als Millionen." Der König schwieg und ging weg. *) Rust war ') Leider kam die Cholera in's Land, auch nach Berlin und Potsdam, und verbreitete sich nach allen Richtungen. Man sah das Gespenst aus dem fernen Norden sich nahen, und auf einmal war es mitten unter uns, ohne daß man das Wie erforschen konnte. Furcht, Angst und Schrecken umgaben das Ungeheuer, und leidenschaftliche Gemüthsbewegungen machten das Leiden ärger. Ein jedes Haus, in welches die Cholera, ohne sich vorher, wie andere Krankheiten, durch Uebelbefinden anzukündigen, plötzlich einbrach, wurde streng zcrnirt und von al- 3l>0 offen und freimüthig, und dabei ehrlich. Einst nahm während seiner Anwesenheit zu Pyrmont bei großer Tafel der fem Verkehr abgeschnitten. Der Befallene, in der Regel ein schnelles, gräßliches Opfer des Todes, wurde, die Angehörigen mochten wollen oder nicht, in einem sargähnlichen Korb nach der zu diesem Zweck eingerichteten Anstalt sofort weggetragen. Die Träger waren schwarzgekleidete maskirtc Männer; und Andere, ebenso gestaltet, gingen vorauf, daneben und dahinter, und hielten einen Jeden, auch den nächsten leidenden Verwandten, ab, sich zu nahen, und er durfte nicht folgen. Jeder blieb daheim, wenn sein Beruf es gestattete; die sich aber begegneten, gingen mit zugehaltenem Munde, um sich gegen das Contagium zu schützen, in sich gekehrt, stumm nebeneinander her. Die Kirche, deren Trost und Ermunterung man in dieser trüben Zeit vorzüglich bedurfte, hielt man, wegen der vielen in derselben versammelten Menschen, für gefährlich; sie wurde aber dennoch fleißig, besonders aus der mittleren Volksklasse, besucht. Der Hof hielt während dieser Heimsuchung sonntäglich im Neuen Palais, in einem dazu eingerichteten Saale, Gottesdienst. Der König, welcher sich in Paretz und Charlvtten- burg so viel wie möglich absonderte, erschien mit Seinen Kindern regelmäßig und die böse Zeit erleichterte die jedesmalige Auswahl des biblischen Textes, die ganze Stellung des Themas, und unterstützte Ausführung und Anwendung. Gern denken die Hofprediger an diese Tage zurück; so oft sie aber die kleine ausgesuchte Gemeinde crbauetcn, mußten sie, ehe 8nn« «ouci betreten wurde, sich in einem nahe gelegenen Hause mit Chlor durchräuchern lassen. Das dauerte viele Wochen hindurch, und da Nüst »nd seine College« bei ihrer ausgesprochenen Meinung des Contagiums bcharrten, so vermied der König mit den Seinigcn Alles, was derselben nicht gemäß war; an der Königlichen Tafel wurde mit Vermeidung aller Speisen, die untersagt waren, die genaueste Diät beobachtet. Als aber, der sorgfältigsten Vorsicht ungeachtet, ein Diener in der nächsten Umgebung des Königs plötzlich an der Cholera erkrankte und starb; als, aller kostspieligen Bewachung der 361 Fürst Staatskanzler von Hardenberg eine große Portion fetter Mehlspeisen. Sein Leibarzt saß ihm gegenüber und fragte in einem categorischen Tone: „Wollen Euer Durchlaucht das essen?" Hardenberg antwortete, wie seine Manier war, freundlich: „Ja, lieber Rust; das ist gerade meine Lieblingsspcise." „Wenn Sie," erwiedcrtc der Arzt, „das incorporircn, dann vernichten Sie die wohlthätige Wirkung des Brunnens von Gestern, Heute und Morgen." Grenze ungeachtet, sich das Uebel im Lande verbreitete, seltsam sprang und ganze Oerter übersprang, als die Krankheit in ihrer fürchterlichen Praxis alle Theorien widerlegte: da mußte man gestehen, daß sie zu den vielen Erscheinungen der Natur gehöre, die mit einem dem menschlichen Scharfsinne undurchdringlichen Schleier umhüllt sind. Die Schlagbäumc, welche Provinzen voneinander trennten, wurden niedergelassen, Handel und Wandel wieder hergestellt, die lästigen Sperren aufgehoben, und vi. Rust, der ihre Anordnung vorzüglich betrieben, bekam von den witzigen Berlinern den spottenden Beinamen: der — Sperling. Die Cholera verschwand; kam wieder, aber schwächer; und hörte, Gott sei Lob und Dank! endlich ganz auf. Als sie so recht im Wüthen war und Anfangs nur Menschen größtentheils aus der untersten Bolksklasse hinraffte, schrieb ein reicher, aber bornirter Bürgerlicher, (Stolz und Dummheit sind gewöhnlich miteinander verbunden) an den König, und bat: „Er möge ihn in den Adelstand erheben, da dieser ja, als solcher, gegen die Cholera durch vornehme Abkunft geschützt sei; nur gemeines bürgerliches Pack raffe sie hin. Er wolle gern das schützende Adeldiplom doppelt bezahlen." Es starben übrigens an der verhängnißvollen Cholera der Großfürst Constantin, der Feldmarschall von Diebitsch, der General Graf von Gncisenau, und König Carl X. Das waren doch wohl vornehme Leute! Der Tod klopft ohne Unterschied an die Hütten der Armen und an die Paläste der Reichen. k>a>- Ulla moi'8 aequo pulsat pelle pauperum tabernas reKum- que turie«. 362 Das leckere Gericht stand dampfend und einladend vor dem Fürstlichen Herrn, der gern gut und diese Speise, auf die er sich srcuete, vorzüglich gern aß. Er antwortete also im leichten Tone: „Es wird nicht schaden; xrncsonte ineckico noir nocet." Nüst aber stand ans und sprach bestimmt: „Ich aber sage, daß diese sette Mehlspeise allerdings Ihnen sehr schadet. Es ist unrecht, daß auf Ihre Tafel Gerichte kommen, welche mit der Brunnenkur so unvereinbar sind. Ich bin hier, um über Ew. Durchlaucht Gesundheit zu wachen; wollen Sie nicht nach der Brunncndiät leben, und nicht thun, was ich haben will, so bin ich hier überflüssig. Ich empfehle mich, noch in dieser Stunde reise ich ab: haben Sie, gnädiger Herr, Aufträge nach Berlin?" „O! bleiben Sie, lieber Rust," sagte Hardenberg, und gab dem hinter seinem Stuhle stehenden Bedienten die verbotene Speise, mit den Worten: „Dem Arzte muß man gehorchen. Das ist brav von Ihnen, daß Sie so für mein Bestes sorgen. Sie sollen hoch leben!" Und er nahm das Glas, stand auf und stieß mit ihm an. Er war und blieb heiter und unbefangen; erzählte geistreiche Anecdoten, und erzählte angenehm. Der vi-. Rust hatte mir, weil das viele Gehen mich nicht nur ermüdete, sondern auch schädlich cchaufsirte, gera- then, Bewegung zu Pferde zu machen; die Erschütterung, welche das Reiten actio und passiv verursache, sei besonders dem Unterlcibe heilsam. Am anderen Morgen hielt ein Fürstlicher Reitknecht mit einem schönen Pferde vor meiner Thür; und er kam so lange ich in Pyrmont war alle Tage wieder zur bestimmten Stunde. Als ich für diese Güte dem Fürsten Hardenberg dankte, antwortete er mit bezaubernder An- muth: „Der Rust hat mir gesagt, daß Ihnen täglich eine 363 Bewegung zu Pferde anzurathen sei. Ich habe die Thicrc einmal hier, und schicke ihnen täglich mein Reitpferd, da mir das Gehen zuträglicher ist. Wenn dadurch Ihre Gesundheit befördert wird, dann freue ich mich, und ich habe Ursache zum Dank." Wahrlich, von Hardenberg konnte man die Kunst lernen, Güte mit Anmuth zu verbinden. Doch sie ist keine Kunst, sie ist Natur und eine angenehme Gabe derselben, und nur da, wo sie das ist, kommt sie vom Herzen und geht zum Herzen. Zu Hardenbergs liebstem Umgange während seiner Anwesenheit zu Pyrmont gehörte der dortige Rcctor; wenn ich nicht irre, hieß er Köhler. Dieser Rcctor war ein merkwürdiger Mann. In den Studien der alten Griechischen und Römischen Classikcr hatte er sich gebildet und mit ihrer Weisheit seinen Geist genährt. Er dachte und träumte griechisch und lateinisch, und er sprach ebenso fertig beson dcrs die lateinische, als die deutsche Sprache. Mit seinen Schülern las er den Homer und den Horaz, und wenn er die Primaner reif zur Universität, gewöhnlich nach Güttingen, entließ, so unterrichtete er auch die Tironcn in den Elementen. Er war damals schon alt; aber noch gesund. Er war stets heiter und vergnügt, obgleich er ein kleines Gehalt hatte und erbärmlich wohnte. Es lag Freundlichkeit in seinem Gemüthe, die um so mehr anzog, da sie mit Stärke guter Gesinnung und Festigkeit erprobter Grundsätze gepaart war. Er war positiv-christlich in seinem Glauben? der aber nichts Starres hatte, vielmehr eine Liberalität, deren Liebe Alles duldete. Man durfte ihn und sein edles vergnügtes Gesicht nur sehen, um ihn lieb zu gewinnen. Sein ganzes Benehmen war würdig; er hatte etwas heiter Demüthigcs; gegen Hohe und Vornehme bewies er Ehrfurcht, die aber 364 entfernt war von aller Kriecherei. Er war ein Mann von altem Schrot und Korn, in dessen Nähe man sich wohl- sühlte. Diesen alten Rector in einer kleinen Provinzialstadt sah Hardenberg oft und gern bei sich; dieß ist zur Charakterisi- rung des Fürsten Staatskanzler bezeichnend genug. Gewöhnliche Motive, welche oft die Wahl des Umgangs bestimmen, wirkten hier nicht. Er konnte den unbedeutenden, unwichtigen Mann, ohne Namen, ohne Ruhm, der in verborgener Stille lebte, den die Welt nicht kennt und nicht kennen wollte, linker Hand liegen lassen. Aber Hardenberg zieht ihn heran, ladet ihn ein, zeichnet ihn aus, — weil der Mann es verdient. Sein Kenner-Auge erkennt inneren Werth, und von demselben angezogen, folgt er seiner humanen Zuneigung. Hier ist Alles rein und gut und es schwebt darüber der segnende Geist eines reinen Wohlwollens. Unter den vertraulichen Fittigen desselben sitzt demüthig, aber vergnügt, der alte Rector an der reichen Tafel des Fürsten, oft bei ihm an seiner Seite, und Jeder gönnet ihm den Ehrenplatz. Der Rector unterhält seinen Wirth, nicht aus Pedantismus, sondern aus Neigung, in lateinischer Sprache; er thut es um so lieber, als Hardenberg fertig und geläufig diese Sprache redet. Wollend oder nicht (naleutes volonte«), müssen Alle daran Theil nehmen; und dieß führt ein vergnügtes Lachen mit sich, so oft dem Priscianus eine Ohrfeige gegeben wird. Der Rector spricht ein sinnreiches artiges lateinisches Distichon und sagt zu seinem Nachbar: ,,8eyuen«!" Ich saß an der anderen Seite der langen Tafel, und hatte noch Zeit, um zusammen zu stoppeln und den Namen Hardenberg zu parodiren. Wie die Reihe an mich gekommen, 363 stand ich, wic meine Vordermänner, mit dem vollen Glase in der Hand auf, und sagte: rV montiliu« «ulus. tjuulis rex, talis Avex. Vivut mcms KreKuiir! Von den Bergen kommt Heil. Wie der Hirt, so die Heerde. Es lebe Hardenberg! Wer von der frohen Gesellschaft hätte es dmken sollen und können, daß er Hardenberg, damals noch frisch, gesund und lebensfroh, zum Letztenmal sah! Bald nachher machte er die Reise mit dem Könige nach Italien; vorher ging er nach Karolath , um einem frohen Familienfeste *) Bekanntlich ist die Fürstinn von Karolath-Beuthen die Enkeltochter Hardenbergs, Der Fürst von Karolath-Beuthen war mehrere Jahre nicht nur Adjutant des Königs, sondern auch Sein Freund, Er schätzte und liebte Ihn, Seiner edlen Denkungsart und Gesinnung wegen. Die oft gemachte Erfahrung, daß man unvermerkt die Sprach- und Handlungsweise dessen annimmt, den die Seele mit Verehrung liebt und mit dem man täglich umgeht, bestätigte sich vorzüglich hier. In dem Könige lag etwas Electrisirendcs und man konnte ihm nicht nahe sein, ohne den Einfluß der stillen Kraft Seiner Persönlichkeit zu fühlen. Dieß war in einer ursprünglichen Achn- lichkeit beider Charaktere bei dem Fürsten Karolath der Fall; ohne daß er es wußte und wollte, war er auf denselben Ton gestimmt wie der König. Man sah dieselben oft zusammen in Assimilation der Gesinnung, welche die wahre Sympathie erzeugt. Der edle Fürst, als seine hohe Bestimmung ihn nach Karolath rief, mußte als Obcrjägcrmeister und als Mitglied des Staatsrathes oft nach Berlin kommen. In Potsdam ist es noch in gutem, dankbarem Andenken, was derselbe den Armen Gutes gethan. 366 beizuwohnen, und hielt ein Urenkel-Töchterchen bei der Taufe. In Genua wurde er krank, und sein einsichtsvoller Arzt, Do. Ruft, erkannte die Gefahr der Krankheit. Als derselbe ihm Ruhe empfohlen und alle Arbeit untersagt hatte, er- wiedcrte der fürstliche Greis lächelnd: „Beschäftigung ist mein Lebenselcmcnt; vom Arbeiten allein werde ich wieder gesund." Bald nachher rührte ihn der Schlag, und — er starb. Ehre und Dank seinem Gedächtniß! Sein Wirken ist weltgeschichtlich, seinen hellen Geist beseelte eine eigen- thümliche Kraft, alle seine Schritte bezeichneten Weisheit, Liebe und Borsicht. Das belebende Princip der Entwickclung in freiem Gebrauche der verliehenen Kräfte durchdrang seine ganze Individualität, seine menschliche und amtliche. Bei der Versammlung der ständischen Dcputirten sprach er mit reiner Seele die charakteristischen Worte: „Mein ganzes System beruhet darauf, daß jeder Einwohner des Staats, gänzlich frei, seine Kräfte auch frei benutzen und entwickeln könne, ohne durch die willkürliche Macht eines Andern daran behindert zu werden; daß die Gerechtigkeit streng und unparteiisch gehandhabt werde; daß das Verdienst, in welchem Stande es sich finde, ungehindert emporstreben könne; und daß endlich durch Erziehung, durch echte Religiösität, und durch jede zweckmäßige Einrichtung im Vatcrlandc, ein Interesse und ein Sinn gebildet werde, auf den unser Wohlstand und unsere Sicherheit fest gegründet werden kann." In solchen Aeußerungcn sehen und erkennen wir den ganzen Mann, der die menschliche Natur in Jedem ehrte, ihre Bedürfnisse durchschaute, und wohl wußte, was der Menschheit Noth thut und ihr aufhilft. Er kannte die Zeit, in der er lebte und für die er wirken sollte; ihre Mahnungen 3t>7 und Forderungen vernahm und ehrte er. Klar stand vor seiner vorurtheilsfreien heiteren Seele die Stellung Preußens in den Europäischen Staaten und welches seine Lebensaufgabe sei. Allein in naturgemäßer fortschreitender Entwicke- lung fand er, wie das Wohl des Einzelnen, so das des Ganzen. Er liebte unser Baterland, wie seine biederen Bewohner, und hat sich unsterbliche Verdienste erworben. Niemand erkannte dicß mehr, als der König selbst, an dem er voll Liebe und Verehrung mit ganzer Seele hing. Er rief ihn, wohl fühlend, daß er seiner bedurfte, wiederholt in seine Dienste. Er bediente sich seines Rathes und pflog ihn mit ihm. Er schmückte seine Brust mit dem eisernen Kreuze erster Klasse, erhob ihn in den Fürstenstand, machte ihn zum Staatskanzlcr und dotirte ihn Königlich, und ließ nach seinem viel betrauerten Tode seine Büste in den Versammlungssaal des Staatsrathes aufstellen. Ehre und Ruhm seinem Andenken bei der Mit- und Nachwelt! König Friedrich Wilhelm II!, wollte die bei Culm (einem Dorfe im Leitmeritzer Kreise, 2 Stunden von Te- plitz) gefochtene mörderische Schlacht und den über die Franzosen errungenen Sieg öffentlich ehren. Wohl war dieser Sieg, den die Tapferkeit der Oestrcichischcn, Russischen und Preußischen Armee glorreich herbeigeführt hatte, der Ehre Werth; derselbe setzte den gleichzeitigen Siegen bei Großbce- ren und an der Katzbach die Krone auf. Ja man kann sagen, daß der Sieg bei Kulm der Moment war, der den großen Sieg bei Leipzig vorbereitete und möglich machte. Zu dem Ende wollte, mit Genehmigung des Landesherrn, Kaisers Franz I., der König Seinen thätigen Antheil an 308 dieser großen, entscheidenden Begebenheit dadurch an den Tag legen, daß Er zum Andenken an sie und an die hel- dcnmüthigen Preußen, die hier ihren Tod fanden, ein Denkmal errichtete. Dieß geschmackvolle, aber bescheidene, auf einem Piedestal mit einer Pyramide ruhende Denkmal sollte in Begleitung der ersten Compagnie der Garde auf der Stelle errichtet werden, wo Vandamme gefangen genommen wurde. Die feierliche Einweihung, zu welcher schon Alles angeordnet war, sollte am Allsten August 1817 stattfinden; und zwar darum an diesem Tage, weil den AOsten August 1813 der große Sieg errungen war. Der König gab mir mündlich den Auftrag, diese Feier zu leiten und die Rede zu halten. Dabei war ich bedenklich und sagte: „in einem fremden und noch dazu katholischen Lande würde ein evangelischer Geistlicher, wenn er dabei fungircn sollte, unangenehm sein und nicht gern gesehen werden. Da die Feierlichkeit rein militairisch sei, so würde der die Gardisten kom- mandircnde Offizier ohne Anstoß dabei reden können." Der König antwortete: „Ich will Sic nicht zwingen, wenn Sie nicht gern wollen; aber Sie sind im Jrrthum; der redliche Kaiser von Oestrcich ist mein treuer Bundesgenosse und mein Gönner, der Fürst von Schwarzenberg mein Freund, Böhmen ein befreundetes Land, und man liebt in Tcplitz und seiner Umgegend die Preußen und mich. Die Katholiken glauben mit uns an denselben Gott und Erlöser und haben dieselbe Verpflichtung zur Tugend. Wenn sie in ihrem Cul- tus manches Apartes haben, so hat dieß doch keinen Einfluß auf den täglichen Verkehr und ihr Verhalten gegen uns. Einem Offizier will ich den Befehl, bei der Feier zu reden, nicht geben. Die Einweihung muß eine religiöse sein; denn offenbar ist bei der ganzen Affaire Gott gnädig mit uns ge- 800 wcsen. Ein Geistlicher muß fungiren. Gehen Sic nur; es wird Alles gut gehen." -— Und es ging gut. Den Zhsten August 1817 fuhr ich an einem schönen Sommermorgen von Tcplitz nach Culm. Der Weg dahin war von Menschen besäet, Alles strömte hinaus, es war, als wenn man nach einem heiligen Orte wallfahrtete. Die Gegend ist romantisch, von Höhen und Tiefen sanft durchschnitten. Man sieht das prächtige Erzgebirge und in demselben reiche Klöster und sreundliche Dörfer. Der Schloß- bcrg und der Muhlenschauer ragen hervor, und die Höhe vor Nollendorf schließt die Sccnc. Das Denkmal war schon errichtet, aber noch verhüllt; es steht etwas hoch, so daß man auf dieser Stelle hinschaut in die fruchtbaren Felder. Eine schönere Kanzel gicbt es nicht. In der Nähe und in der Ferne war Alles voll von Zuhörern. Den Platz umgaben die von Potsdam gekommenen Gardisten unter dem Commando des (damaligen) Majors von Röder, und Ocst- reichische Soldaten von Leitmeritz. Neben mir standen der General Kleist von No Nendorf und der katholische Prediger aus dem benachbarten Kirchdorfc Arbesau mit seinem ehrbaren Presbyter. Die Feier wurde durch drei Kanonen- schlägc, deren Töne von den umgebenden Bergen im Thale widerhallten, eröffnet. Viele Tausende sangen mit entblößten Häuptern andachtsvoll: „Nun danket Alle Gott." Es trat eine feierliche Stille ein, die dieselbe blieb, als folgende Worte gesprochen wurden: „Der Allmächtige, der den Himmel wölbte und die Erde gründete; der Gerechte, welcher die Schicksale der Völker wägt, die Stolzen demüthiget und die Dcmüthigen II. M 24 370 erhebt; der Gnädige, der uns errettet und gesegnet hat: — Er sei mit uns in dieser feierlichen Stunde! Ihm sei Anbetung und Ehre, Preis und Dank. Amen." „Hier, chrenwcrthe, tapfere Männer! ist das gewünschte Ziel Eures Weges, — hier der heilige, durch eine große That bezeichnete Ort, wohin Ihr wollet und wohin, in Uebcreinstimmung mit dem erhabenen Beherrscher dieses Landes, Euer König und Herr Euch sendet." „Seid uns willkommen und gesegnet, ihr herrlichen Höhen; begrüßt von uns Allen mit dankbarer Freude, ihr heiteren Felder, ihr lieblichen Thäler! Wie hebt euer Anblick unser Herz, welche ernste und glückliche Erinnerungen an eine thatenrcichc Vergangenheit weckt und erneuert ihr in unserer Brust! — Schauet sie an, sinnend und ernst, diese hier vor uns ausgebreitete Gegend; sie ist der in der Geschichte unvergeßlich gewordene Schauplatz, auf dem heute vor vier Jahren durch die Entschlossenheit unsers theuerstcn Königs und Herrn, durch die hohe Einsicht unsers gemeinschaftlichen Heerführers, durch den Ueberblick erleuchteter und verbundener Feldherren, durch den Muth und die Tapferkeit der verbündeten Truppen, ein Sieg errungen wurde, der in der Geschichte unserer großen Zeit eine der ersten Stellen einnimmt, ein Sieg, welcher die Erfolge und Wirkungen der andern, unmittelbar vorhergegangenen Siege sicherte und befestigte, und ihnen die Krone aussetzte, — ein Sieg, an den sich die herrlichsten Entwickelungen und entscheidende Ereignisse knüpften, und dessen Namen und Urheber ein Geschlecht dem andern, von Jahrhundert zu Jahrhundert, in der Geschichte dankbar nennen wird." „Ein dunkles, schweres Verhängniß lag lahmend auf den Völkern der Erde; ein finsterer blutdürstiger Tyrann beherrschte sie mit eisernem Sceptcr; getrieben von der Unruhe eines unersättlichen Ehrgeizes riß er, mit List und Macht bewaffnet, an sich, wonach ihn gelüstete: Schrecken und Furcht gingen vor ihm her, Härte und Uebcrmuth umgaben ihn, und Jammer und Elend, Thränen und Verzweiflung waren in seinem Gefolge. Unter seinen zermalmenden Fußtritten stürzten zusammen die Pfeiler ehrwürdiger Verfassungen: seine vom Blute unschuldiger Völker triefende Hand zerriß die zartesten, heiligsten Bande; in den bodenlosen Schlund seiner Habsucht sanken die Reichthümer und Schätze ganzer Länder, und ein großer Theil der Erde stellte das Bild einer schimpflichen Unterjochung dar, die nicht nur das irdische Glück zerstörte, die in ihren giftigen Einflüssen auch den freien Geist lähmte und Alles in eiserne Fesseln schlug. — Der Ewige, der über den Sternen wohnt, der Gerechte, der in seiner Hand die Wagschale hält, der Allmächtige, der die Zügel des Weltkreises führt und dem alle Kräfte der Natur segnend und zerstörend gehorchen, — Er, der Gnädige, hatte die stillen und lauten Gebete von Millionen erhört, und den Rasenden, der seine Hand nun auch nach dem unermeßlichen Norden ausstreckte, durch die furchtbare Allgewalt der Elemente zertrümmert." „Noch einmal versuchte er's, die übrig gebliebenen Kräfte zu sammeln, und geführt von einem seiner furchtbarsten Knechte, waren sie bis hiehcr vorgedrungen. Hier war es, wo Alles, und dann vielleicht das Letzte, auf dem ernsten Spiele stand; hier war es, wo der Knoten noch einmal entscheidend sich schürzte; — aber hier war es auch, wo die Einsicht der Feldherren und der Muth und die Eintracht 24» der Kämpfer mit kräftigem Arme ihn zerhauen hat; auf diesen Feldern, auf dieser Stelle war es, wo der Allmächtige dem Vcrderbcr in den Weg trat und das Donncrwort: „Bis hichcr und nicht weiter! — Hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!" — ihn zerschmetterte." „Culm und Nollendorf! theure, unvergeßlich gewordene Namen, mit dankbarer Rührung sprechen wir euch und eure Helden aus, und ihr werdet am geschichtlichen Himmel der verbündeten Völker glänzen, wie ewige Sterne." „Ja, heilig ist das Land, auf dem wir hier stehen, ge- wcihet die Stätte, auf der wir uns versammelten! heilig durch Empfindungen des Danks, die den Siegern, heilig durch Gefühle einer frommen Wehmuth, die den Streitern gebührt, die im Kampfe für die ersten Güter des Lebens glorreich sielen, und hier ihren Tod, ihr Grab fanden." „Den Schauplatz, wo so viel Großes und Herrliches, so viel Entscheidendes und Folgenreiches geschah, durch ein einfaches und vielsagendes, Gott und den Erlöser, die Lebenden und die Tobten ehrendes Denkmal zu bezeichnen und zu heiligen, — das erfordert die Wichtigkeit der Sache, das verlangt das Zeitalter und seine Geschichte, das ist der fromme Wille und Befehl unsers Königs und Herrn, und ihn auszuführen, sind wir hier." „Und er ist ausgeführt. — Sehet, — da steht, — einfach und anspruchlos, aber schön, sinnvoll und bedeutungs- rcich, — das Denkmal, zur Ehre des Sieges, dessen Andenken wir feiern; zur Ehre der muthigcn Kämpfer, die ihn mit ihrem Tode erkauften." „Sei uns gesegnet, — gesegnet vom Herrn! Dankbarkeit und Liebe errichteten dich, — die öffentliche Achtung nehme dich in ihren Schutz. Sprich jeden Wanderer, der 373 vorübergeht, ernst und freundlich an, und erhalte frisch und kräftig das Andenken an die herrliche Hülfe, die uns hier geworden. Erinnere Jeden, der sinnend dich anschauet, was es gekostet, uns zu erlösen vom Joche der Knechtschaft, damit er dankbar ehre das Andenken der preiswürdigen Streiter, die hier für die heilige Sache sielen und hier ihren Tod fanden. Wecke in jedem Herzen, das in deiner Nähe schlägt, große Gedanken, ernste Gefühle, fromme Entschlüsse, damit Jeder, als Theil des Ganzen, in sich baue und bewahre, was dem Ganzen Heil und Segen bringt. Sei und bleibe ein Denkmal der Eintracht, des Muthes und der Stärke glücklich verbündeter Völker und ihrer glorreichen Beherrscher; bleibe es bis zu den fernsten Zeiten, und dich und deine Bedeutung segne noch der späteste Enkel." „Doch aller Segen und alles Heil kommt allein vom Herrn; unsere Feier soll eine religiöse, eine fromme, eine christliche sein. Lasset uns darum Dem die Opfer unserer Ehrfurcht und unseres Dankes bringen, der am ernsten Tage der blutigen Schlacht mit den Kämpfern war, und den Sieg verlieh — und dem die Ehre und der Dank gebührt." „Vor Gott dem Allmächtigen stehen wir hier auf dieser heiligen Stätte; dieß erweitere unseren Blick, dicß erhebe unseren Geist, dieß beflügele unsere Andacht. Kommt und laßt uns beten, beten mit Ehrfurcht, und ein Jeder spreche in seinem Herzen also: „Hier stehen wir vor Dir, Allmächtiger! in dem offenen Tempel deiner Natur, und beten dich an in Deiner Größe und Herrlichkeit. Ernst und gerührt denken wir des bedeutungsvollen Tages, wo Du auf diesen Feldern der guten Sache, und Allen, die mit frommen Muthe für sie 374 kämpften, den Sieg verliehest. Blicke gnädig auf uns herab und laß unser Beginnen und Werk Dir Wohlgefallen." „Das Denkmal, welches wir hier ausstellen, ist ein Denkmal Deiner wunderbaren Gnade und Deiner herrlichen Hülfe. Nicht unsere Ehre, Deine Ehre soll es verkündigen; sagen soll es Jedem, der vorübergeht und es anschauet, was Du Großes an uns gcthan." „Der Mensch ist ein Werkzeug Deiner Hand, und er ist es um so mehr, je weiser, je besser, je kräftiger er ist. Du, der du die Erde gründest und segnest: der Du den Himmel wölbest, und alle Elemente und ihre Kräfte trägst und lenkest, — Du bist auch der Lenker der Schlachten, der Geber der Siege, der Wohlthätcr des Einzelnen und ganzer Völker. Was sind und haben wir, was wir nicht durch Dich wären und nicht von Dir hätten! Der helle Gedanke, der den Sieg dachte und ordnete; die Kraft, die ihn einleitete, fortsetzte und vollendete; der Muth, welcher, um ihn zu erringen, freudig das Leben hingab: — o! dieß Alles, es war ein Geschenk Deiner Güte, und wie an jenem unvergeßlichen Abende, da der glorreich beendigte Tag zuerst die Herzen er- freuetc, Dein gnädiges Angesicht dem Heere leuchtete und Alles betend vor Dir hinkniete, so beten wir auch heute mit inniger Rührung Deine Huld und Gnade an. Wir sind zu schwach, sie ganz zu denken; zu ohnmächtig, sie würdig auszusprechen; — aber Du mißbilligst und verwirfst es nicht, wenn, so gut wir es vermögen, Denkmäler die Stellen bezeichnen, wo wir Deine Hülfe erfuhren, — damit auch die Nachwelt Deine Thatcn rühme, und unsere Kinder und Enkel auf Dich hoffen und Dir vertrauen, wie wir in großer Noth aus Dich hofften und Dir vertrauten. Herrlich und unaussprechlich hast Du unser Vertrauen belohnt: wie auf so vielen Feldern, so hast Dn cinch auf diesen Deinen Beistand geoffenbarct, und von einem Berge zum andern, von einem Strome zum andern, hallet laut wieder die srohe Kunde: „Es hat ein Gcdächtniß seiner Wunder unter uns gestiftet der gnädige und barmherzige Herr!" „Heilig! heilig! heilig! ist der Herr der Hecr- schaarcn und alle Lande sind seiner Ehre voll." „So weihen wir denn dieses Denkmal ein mit Empfindungen der tiefsten Ehrfurcht, die Dir gebühren: mit Gefühlen des frommen Danks für die Eintracht, mit der hier die verbündeten Heere kämpften; des Dankes für den Muth, mit dein sie und ihre Helden ihr schweres Tagewerk ruhmvoll vollbrachten; mit Empfindungen eines tiefbewegten, weh- muthsvollcn Dankes für die unerschütterliche Treue, mit der viele von ihnen im heißen Kampfe sielen, und hier ihren Tod, hier ihr Grab fanden. Dankbar ehrt ihr treues Andenken Konig und Vaterland. Sie ruhen in Frieden; in Frieden auf diesen Höhen, in diesen Thälern, auf diesen Feldern. Wir weinen an ihren Gräbern Thränen dankbarer Rührung. Wie über ihren Gräbern die Sonne still und segnend scheint, wie auf ihren Gräbern die Blume sprießt, und die fruchtbaren Saaten wogen, so ist aus ihrem hcldcn- müthigcn Tode Segen und Wohlthat für uns erwachsen. Wie thcuer ist uns euer Andenken, ihr frommen Streiter! Heilig ist die Erde, die eure Körper deckt; heilig dieß Denkmal, das eure Verdienste ehrt; innig die Achtung, der Dank, den jeder Vorübergehende jetzt und bis zu den entferntesten Zeiten euch mit gerührtem Herzen bringt, und bringen wird. Gnädiger, laß die Bewegungen unserer Herzen Dir Wohlgefallen, und tröste und erhalte besonders die, die 376 unter den Tobten, die hier ruhen, einen thcuren Vater und Gatten, einen geliebten Bruder und Freund beweinen. Und so sei denn dieses Denkmal Deinem Schutz und Deiner Obhut empfohlen, Allwaltcnder! Immer bleibe es, errichtet von unserm Könige und Herrn in einem befreundeten Lande, ein theures Unterpfand der Eintracht der Völker und ihrer Beherrscher." „Kröne mit Deiner Huld und Gnade unseren theucr- sten König für und für. Segne Ihn, Sein Haus, Seine Armee, Sein Volk und Land; erhalte in unserm und dem Herzen unserer Nachkommen das Andenken an die Wohl- thaten und Segnungen, die wir Ihm auch in Hinsicht auf diesen Tag verdanken. Laß Ihn, den Vater des Vaterlandes, das Glück Seiner Staaten und Völker sehen, und alle Seine Unterthancn Ihm und Seiner Sache treu sein, bis in den Tod." „Segne, o Gott! den erhabenen Kaiser von Oestreich, unfern theurcn Bundesgenossen, den verehrten und geliebten Beherrscher dieses Landes, dieser Fluren und ihrer Bewohner; segne das ganze Kaiserhaus und Alle, die demselben anverwandt und zugcthan sind, mit Gnade, Friede und Freude. Dein Wohlthun erfreue sein Volk, seine Armee, und den von ihr geehrten und geliebten Heerführer derselben. Laß Deinen Segen ruhen auch auf diesen Fluren und ihren Bewohnern, daß sie nach den Stürmen des Krieges, die sie erschütterten, der Wohlthaten des Friedens froh werden mögen." „Nor Dir gedenken wir mit dankbarer Rührung unsers erhabenen Bundesgenossen, des Kaisers von Rußland. Segne ihn, sein Haus, alle Angehörigen desselben, sein Volk, seine Armee, sein Land, mit Allem, was groß und glücklich macht." 377 „Laß es fest und unverrückt bestehen, das heilige Band der Eintracht, das alle Fürsten Europa's miteinander verbindet — zum Heil ihrer Völker; zum Preise seines herrlichen Namens; zur frohen Hoffnung auf eine ungetrübte glückliche Zukunft. Ja mir Alle hoffen mit fester Zuversicht auf Deine Hülfe, und weihen uns Dir mit Allem, was wir sind und haben. Erhöre uns, Allscgncndcr! um Deiner unendlichen Liebe und um Jesu willen. Amen." Der Held des Festes war der tapfere und humane General Kleist von Nollendorf, der durch sein Dazwischenkommen mit dem von ihm commandirten Corps die Schlacht entschieden und den Sieg herbeigeführt hatte. Ihn zu charaktcrisircn, sagt «le In IVIotts IV»m;uä von ihm: „daß er von der Höhe herab, wie ein Bergstrom,, brauset; mit dem Degen in der Faust die Fcldschlacht vorwärts dringend, commandirend siegreich leitet, und zugleich ab und zu nach seinem schnaubenden und schäumenden Nossc blickt, um es abzulenken, damit sein Huf kein in dem Wege kriechendes Thier zertrete." Wenn diese poetische Hyperbel so viel sagen soll, als: Der General Graf Kleist von Nollendorf war ein Held und zugleich ein liebevoller Charakter, ein sanfter Menschenfreund, so ist es wahr. Auf eine seltene Art war Muth und Dcmuth, Stärke und Milde in ihm vereinigt, und Keiner sah es ihm an, daß er so viel vermochte, so schlicht und einfach ging er einher. Als von dem Siege bei Culm die Rede war und man ihm Verbindliches darüber sagte, antwortete er: „Das hat Gott gcthan; mit meinem Corps war ich das Werkzeug seiner segnenden Hand. Keineswegs war es Verabredung und Plan, sondern ein glücklicher Zufall, daß wir hierher kamen. Vielmehr wollten wir 378 durch Böhmen nach Schlesien, und wußten nicht, was vorging. Daß wir zur rechten Zeit und Stunde kamen und etwas zum Siege beitrugen, war eine gnädige Schickung des Himmels, aber nicht unsere Weisheit." *) Der Mann hat sich unsterblich gemacht und sein edles Geschlecht heißt „die Nollendorser"; aber groß ist er, durch die Wahrheit seines Charakters, die, fern von aller Eitelkeit, keiner erborgten Ideen, um sich zu schmücken, bedarf. Der wahre, echte und bleibende Schmuck ruhcr unvergänglich nur da, wo innerer Werth ist, der durch männlichen, bescheidenen und heiteren Ernst sich kund giebt. Auf einem benachbarten, hochgelegenen Schlosse wurden die Preußen und die Ocstrcichcr, wie Alle, die dazu gehörten, (ich glaube durch Munisiccnz des anwesenden Fürsten von Schwarzenberg) festlich zu Mittage gespeist. Alle Eingeladenen waren mit- und durcheinander, ohne Unterschied der Geburt, des Standes und Ranges. Das Oestreichssche und Preußische Militair, gute Cameraden und treue Waffenbrüder, saßen zusammen und ließen sich's bei den vollen Schüsseln und Flaschen mit den übrigen Gästen Wohlsein. Es herrschte eine allgemeine Fröhlichkeit. Auf das Wohlsein des Kaisers von Ocstreich und Rußland, wie des Königs von Preußen, des Generalissimus Fürsten von Schwarzenberg, Blüchers von der Katzbach, und Kleists von Nollcndorf, u. A. m., wurden herzliche Toaste gebracht; alle Seelen waren voll von der Größe und dem Glück der damaligen Zeit; *) Man vergleiche damit die mündliche Aeußcrung des Königs über den Sieg bei Culm im ersten Thcile dieses Buchs, S. 384 und 38S. 379 ihre Eindrücke waren noch frisch und lebendig; das große Werk war gelungen und fertig; Alles war gut; Keiner dachte an das, was Menschen von Menschen trennt; Alle waren Brüder, wo Jeder mit dem Andern es von Herzen redlich meint. Eine schöne, unvergeßliche Stunde! Vorzüglich gefiel mir auch der katholische Pfarrer (wenn ich nicht irre, hieß er Schäfer) von dem Kirchdorfe Arbcsau. Ein gebildeter, würdiger, gesetzter Mann; treuherzig und gutmüthig, schlicht und einfach, ein wahrer Hirt seiner Gemeinde. Schon hatte es mir Wohlgefallen, daß er zuvorkommend sich an mich anschloß und als Pastor der Gemeinde der in seinem Kirchensprengel angeordneten religiösen Feierlichkeit mit seinem Presbyter beiwohnte. Er that das mit reiner Seele offen und es lag in seinem frommen Gesicht, wie in seinem ganzen Wesen, etwas Johanneischcs, was sanft anzog, so daß ich ihn liebgewann und ihm solches gern an den Tag legte. Es währte nicht lange, so waren wir gute Freunde und Brüder, als wenn wir uns schon lange gekannt hätten. Gern gab ich ihm das verlangte Conccpt meiner Rede, die er wollte zum Besten seiner durch den Krieg arm gewordenen Gemeinde drucken lassen. *) ") Dieß geschah mit einem Titclkupfcr des Denkmals und einer wohlwollenden Vorrede des Herausgebers. Der Kaiser und das Kaiserliche Haus, die Magnaten in Wien und Prag, wie im Ocstrcich'schen überhaupt, der König von Preußen, die reichen Einwohner zu Berlin u. s. f. nahmen die kleine Schrift wohlwollend auf, und so unbedeutend sie ist, so brachte sie doch so große Summen ein, daß viele Häuser in dem durch den Krieg herunter gekommenen Arbcsau wieder aufgebaut und viele Arme unterstützt werden konnten. Daß ein katholischer 380 Nach meiner Zuhausekunst stattete ich dem Könige Bericht ab über den Hergang der Sache, und es siel folgcn- Pastor eine in seiner Gemeinde gehaltene Rede eines evangelischen mit einem empfehlenden Vorworte herausgab, fiel damals >817 nicht auf; Niemand fand darin etwas Besonderes, Jeder es vielmehr in der Ordnung und hatte seine Freude daran. Der würdige Mann und ich wurden gute Freunde, wir besuchten uns so oft ich in Teplitz war. Seinem Umgänge verdanke ich auch in wissenschaftlicher Hinsicht genußreiche, frohe Stunden. Ich weiß nicht, ob er noch lebt; ich drücke aber dem katholischen redlichen Pfarrer zu Arbcsau im Geiste brüderlich die Hand und freue mich, ihn im Himmel wiederzusehen. In meiner Jugend wußte man nichts von Intoleranz und Gehässigkeit zwischen Katholiken und Protestanten; man hörte nichts von Prosclitcn-Macherci; die katholische, rcsormirte und lutherische Gemeinde wohnten friedlich mit- und nebeneinander, und mein seliger Vater lebte freundschaftlich mit den Patribus des dortigen Franziskaner Klosters; und späterhin, als ich Prediger zu Hamm wurde, hatte ich vielen Umgang, und oft kirchliche gemeinschaftliche Geschäfte mit dem geistreichen Concionator Posso. Gemischte Ehen kamen im täglichen Verkehr mit der städtischen katholischen Gemeinde und den benachbarten Mün- stersschcn häufig vor. Als Regel galt: Die Söhne folgen dem Vater, die Töchrer der Mutter, oder wie die jungen Eheleute unter sich darüber eins geworden sind. Ost trafen sich in solchen Häusern bei der dortigen Seclsorge die Geistlichen verschiedener Konfession; aber nie geriethcn sie in Streit, sie lebten vielmehr, wie es Christen geziemt, friedlich und freundlich miteinander. Jeder blieb innerhalb der Grenzen seiner Kirche und von dem intoleranten Dogma der Alleinseligmachenden war gar nicht die Rede. Eine Toleranz ohne Diffcrentismus war im Schwange, und die verschiedenen Gemeinden hatten einen und denselben Kirchhof vor dem Thorr, in demselben Gehege, ohne Absonderung. Man fühlte es, wie vollends thöricht die Separation unter den Todtcn sei, die in Frieden nebeneinander liegen, wo alle Fehde ein Ende hat. So war es überall, selbst am Rhein, wo der jetzige würdige Bischof Iii. Roß, sonst Z8I der (aus meinem Diarium wörtlich und genau auf-, und nun abgeschriebener merkwürdiger) Dialog vor. Auf die kurze Erzählung des glücklichen Erfolges sagte der König: Prediger in der Landgemeinde zu Budberg, mit seinem Nachbar und Freund, dem katholischen Pfarrer, die Schulen, welche Kinder aus verschiedenen Konfessionen frcquentiren, besuchte, und wo Einer den Andern collcgialisch vertrat. So soll es, so kann es, so muß es sein, und so ist es überall, wo die divergente Theologie convergente Religiosität und wahre Frömmigkeit geworden ist. Auf diesem Höhepunkt athmct der lebendige Geist der Liebe, die sich nicht ungeberdig stellt und Alles verträgt. Bei meinem öfteren Aufenthalte in Carlsbad war der fast tägliche Umgang mit dem ehrwürdigen Or. Bischof Sailer mir Bedürfniß, Einst nahm er eins von den Büchern, die auf meinem Tische lagen, in die Hand, fragend: „Was lesen Sie in diesem llnlo! alic>?" Es war der Thomas von Kempis, von ihm mit einer Vorrede und Anmerkungen herausgegeben, und daneben lag Faust von Göthc. Er sprach heiter und wahr über beide heterogene und doch homogene Schriften. Täglich fanden wir uns am Mühl- und Neubrunncn, und angegriffen von demselben, führte ich den ehrwürdigen Greis und begleitete ihn bis nach seiner Wohnung. Mit Tausenden segne ich sein Andenken. Gleiche Freude gewährte mir an demselben Orte der Umgang mit dem katholischen Prälaten und Erzbi- schofc Pyrkcr zu Erlau, bekanntlich einem geistreichen, interessanten und edlen Manne. Der Unterschied der Confession trennte uns nicht, was tiefer und höher liegt, als diese, .vereinigt. Bornirte Köpfe sind intolerant, klare und umfassende tolerant, und weite Herzen bewegen sich in weiten Räumen. Zwar giebt es, wie in Allem, was geistig ist, so besonders in der Religion, ein Festes und Ewiges, welches keiner Veränderung unterworfen ist. Der Mensch, der Christ macht sich nicht nach seinem Belieben willkürlich, der Eine so, der Andere anders, seine Religion selbst, sie ist ihm, gleich seinem Gewissen, gegeben; sie mußte ihm, wie die Völkergcschichte lehrt, gcoffenbart werden. Das Göttliche in ihr richtet sich nicht nach unfern Einfällen, wir müssen unsere Neigungen in Ucbcrcinstimmung „Charmant! habe ich Ihnen nicht vorher gesagt, daß Alles gut gehen würde?" bringen mit ihren Lehren und Vorschriften, womit wir, so lange wir leben, vollauf zu thun haben. In dem Wechselvollen, daö unser Leben in allen seinen Lagen und Verhältnissen umgiebt, müssen wir ein Wcchsclloses haben, um, dieses festhaltend, durch jenes gut und glücklich durchzukommen. Nur auf diesem Wege erringen wir die Durchbildung, die allein würdig und glückselig macht. Uns darin zu Hülfe zu kommen, ist die Kirche da, mit ihrer zusammenhaltenden Kraft, ihre» Institutionen und Heilmitteln: auch diese sind ewig und unveränderlich, wie ihr Zweck. Alles Andere ist Beiwerk, und wenn die durch die Propheten des alten, durch Christum und seine Apostel des neuen Testaments geoffcnbarte ewige Wahrheit die Kirche, mit allen ihren Andachtsübungcn, nur zum Mittel macht, so macht die römisch-katholische Kirche dieselbe mit ihren herrischen und hierarchischen Kräften zum Zwecke selbst. Dicß ist der wesentliche Unterschied; es ist aber hier der Ort nicht, denselben umständlich klar zu machen. Das ist aber auch nicht nöthig; denn die römisch-katholische Kirche hat dessen selbst nicht Hehl und ihre ganze Einrichtung und Stellung und Herrschaft beweiset es sattsam. In dieser hierarchischen Anmaßung liegt aber die Petrifikation des Jrrthums, den die Reformatoren erkannten, und den unsere Zeit erkennet. Sie wird ihn immer klarer erkennen und immer lebendiger fühlen, je mehr die römisch-katholische Kirche ihre Sache zur Spitze treibt, und als Glaubcnsdogmcn festhält, was, ungcgründct in der heilige» Schrift, als Mcnschensatzung kein vernünftiger Katholik mehr glaubt. Es ist bequem, zu bekennen: „Ich glaube, was die Kirche glaubt"; aber das gilt nur, so lange der finstere Aberglaube gilt; von ihm zum Unglauben ist nur ein Schritt, denn, nach einem ewigen Naturgesetz berühren sich sehr bald die Extreme. Abergläubisch können die Menschen beim Lichte des Igten Jahrhunderts nicht mehr werden, ungläubig, ohne Trost und ohne Hoffnung, wollen sie nicht sein, sie werfen also, mündig geworden, das unwürdige Gängelband weg und auf eigenen Füßen stehend, brechen sie sich selbst eine freie Bahn, um ihre 383 „Ich muß zu meiner Beschämung und Freude bekennen, daß das meine Erwartung übertreffen hat." .„Ich wußte das vorher. Die Böhmen haben ihren Kaiser Franz sehr lieb, und derselbe verdient es, seiner Vortrefflichkeit wegen. Wir sind nicht bloß Bundesgenossen, sondern auch gute Freunde. Das weiß man. Der Unter- dcnkendc Vernunft und ihr mahnendes Gewissen zu befriedige». Der Lebenskeim ist reif geworden, die Schale fällt von selbst ab. Seit dem Ixiviis-pocu« mit dem Rock in Trier hat die römisch-katholische Kirche in sich selbst einen Fcuerbrand geworfen, der überall zündet und eine verzehrende Flamme wird. Das Schisma ist darum so arg, weil es von Genossen ausgeht, und es wird immer ärger, je mehr die Kirche bei ihrer Hierarchie beharret. Kein Mensch kann duldsamer, friedfertiger sein, und mehr geneigt, die Ansichten und Uebcrzeugungcn Anderer in Ehren zu halten, als Friedrich Wilhelm III. es war; es ist weltkundig, wie Er als König in Seinem Lande die Katholiken ebenso geliebt und behandelt hat, wie die Protestanten, ja wie Er vor der evangelischen Kirche die römische durch reiche Dotation begünstigte; gleichwohl ist Er mit schnödem Undanke, mit Hohn und Spott von ihr behandelt worden. Nach der unwürdigen, unglücklichen Geschichte in Cöln ist der alte, finstere Geist des Aberglaubens, der Intoleranz und des Hasses zurückgekehrt und tief in das Leben eingedrungen. Feindselig stehen sich überall die Parteien einander gegenüber; Alles schreitet vorwärts, nur hier tritt uns ein feindseliges Rückwärts entgegen. Möchte man bedenken, was zum Frieden dient! Der Herr der Kirche hat die Wurfschaufcl in der Hand, seine Tenne zu fegen. Das Unkraut wird er verbrennen mit ewigem Feuer, und den Weihen in seine Scheunen sammeln. Die furchtbare Nemesis schreitet langsam, aber sicher, durchs Lebe»; sie erscheint, wenn man am Wenigsten es glaubt, jedem Einzelnen, wie ganzen Völkern, und bei ihrer Heimsuchung kündigt sich tief die strafende Stimme an- „Das haben.wir verschuldet an »nserm Bruder Joseph." 384 schied dcr Confcssion kommt hier nicht in Betracht, hat nichts mit dieser Sache zu thun. Dcr Pfarrer zu Arbesau ist ein vortrefflicher Mann." „Ein wahrer Priester Gottes und ein Freund dcr Menschen; aber so sind auch nicht alle katholischen Prediger." „Sind denn alle evangelischen Geistlichen vortrefflich? Daß sich Gott erbarme! Würden Sie so gehandelt haben, wenn ein Katholischer fungirt hätte?" „Ja!" konnte ich getrost antworten. „Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß ein katholischer Priester mehr über seine Beichtkinder vermag und in einem höheren Grade das Vertrauen seiner Gemeinde besitzt, als ein evangelischer." „Ich kenne viele evangelische Geistlichen, besonders in meinem Vaterlande, die im hohen Grade das Vertrauen hrcr Gemeinde besitzen, und wahre Väter derselben sind. Wenn die katholischen aber in der Regel sich mehr dessen ifreuen, so kommt dieß her vom Beichtstuhle." „Eben vom Beichtstuhle; das finde ich aber vortrefflich. In der Privat-Beichte, die jeder gute katholische Christ alle Jahre halten muß, liegt eine adstringircnde zusammenhaltende Kraft; dagegen in der allgemeinen Beichte, wie sie größtcn- thcils bei uns ist, und wie die neuen Herrn Theologen sie wollen, etwas Laxes und Dissipirendes. In der katholischen Kirche ist Zusammenhang und Einheit; in dcr einen ist es ebenso wie in dcr anderen; man mag kommen, wohin man will, überall dasselbe. Bei uns ist der eine Prediger ein Supranaturalist, der andere ein Rationalist, der dritte ein Pietist, und wie die Jsten alle weiter heißen. Ueberall anders." „Es ist noch die Frage, worin die wahre Einheit dcr Kirche besteht. Einförmigkeit ist Lctargic, Mannichfaltigkcit Leben. Ganz unverkennbar sind unsere Geistlichen gebildeter." »Desto schlimmer, wenn sie nicht zugleich moralisch gut sind. Eine Aufklärung, die nicht besser macht, ist nicht viel werth. Nein, nein, es ist bei uns noch lange nicht so, wie es sein mußte." »Das muß ich leider zugeben. Aber es ist in der römisch-katholischen Kirche auch nicht so, wie es sein müßte; noch weniger, als in der protestantischen." »Der Ausdruck: protestantisch, ist mir zuwider; wollen wir denn zu protestircn nie aufhören! Jeder protcstirt, und will seine ungewaschenen Einfälle geltend machen. Darüber gcrathen Tausende in Zweifel; Keiner weiß mehr, woran er ist. Die Kirche will und muß uns zur Gewißheit und zum Frieden bringen. Der Name Protestant ist bekanntlich nur historisch.^ »Ja, Ihre Majestät! ursprünglich. Er ist aber auch stcreotypisch dogmatisch geworden. Er bezeichnet richtig das Wesen und den Geist der Evangelischen Kirche, die nie aufhören darf und wird, gegen Alles, was der heiligen Schrift und der gesunden Vernunft und dem sittlichen Gefühl zuwider ist, zu protestircn." „Das ist was Schönes! Also protestircn gegen jede Autorität?" » „Nicht gegen jede; nicht gegen die gcoffenbartc göttliche; ihr gehorchen wir ehrfurchtsvoll. Aber wir protestircn gegen jede menschliche Autorität, wenn sie etwas verlangt, was der heiligen Schrift zuwider ist. Man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen." »Weiß wohl! Aber solches Urthcil ist subjectiv. Diejenigen, welche die Autorität verwerfen, stellen oft dagegen ihre eigene hin: darum hat uns der Egoismus dahin gell. M 23 386 bracht, daß wir viele Autoritäten haben. Jeder folgt der seinigcn. Daraus entsteht Coufusion und Alles geht auseinander. Befindet sich äußerlich wohl nicht die katholische Kirche unter der Autorität des Papstes?" „Wohl? auch die Denkenden, auch die wahrhaft Gläubigen, auch die Echtfrommcn? Das möchte ich bezweifeln. Niemand, wie Gott, ist heilig: kein Mensch; ein Jeder hat seine Mängel und Gebrechen. Darum ist auch Keiner iu- fallibcl, Jeder sündiget, darum irret auch Jeder. Der Christ gehorchet Gott und dem Erlöser. Dem kann er auch Alles sagen; aber es ist dem Herzen und Gewissen zuwider, in Sachen der Religion Menschen, die hinfällig sind und sterben müssen, zu gehorchen." „Aber die Kirche ist doch heilig?" „Ja, wenn sie auf Gottes Wort gegründet ist, also auf die Heiligkeit der Wahrheit (in ndsti-uotn); und die ewige Wahrheit findet der Mensch (in eoneretn), wenn er sie liebt und im redlichen Streben nach der Heiligung sie sucht. Damit bestehet die Ehrfurcht und Achtung vor menschlicher, von Gott angeordneter Autorität vollkommen. Wir ehren Ew. Majestät als unfern rechtmäßigen, angestammten König; wir lieben Sie zugleich und können für Sic und unser Vaterland das Leben lassen, weil Sie'auch gerecht und ein frommer Menschenfreund sind." *) *) Wen» man aus diesen und ähnlichen Acußcrungen des Königs schließen wollte, es habe in Seinem Glaube» eitic Hinneigung zum Katholicismus gelegen, so würde man Ihn gänzlich mißverstehen, und Ihn, was ganz und gar nicht in Seiner Seele lag, einer versteckten Zweideutigkeit, die den Mantel nach dem Winde hängt, beschuldigen. Er schätzte und liebte nur das Der Hvchsclige unvergeßliche Herr lächelte und entließ mich; im Weggehen sagte Er noch: „Grüßen Sie von Gute und Wahre, was auch in der katholischen Kirche liegt, und war als König den Bekenner« derselben mit gleichem Wohl wollen zugcthan, als denen der Evangelischen. Der Unterschied der Confcssion galt bei Ihm, als Regent, nichts, wenngleich Er die guten Teplitzer und ihre Nachbarn in der angenehmen Umgegend, und, erfreuet über den guten Erfolg, welchen die Einweihung des von Ihm gesetzten Denkmals zu Culm hatte, den würdigen katholischen Pfarrer zu Arbesau vorzüglich liebte. Aber als Christ war Er persönlich mit voller Seele und aus Uebcrzeugung ein orthodoxer Evangelischer Bekenner; Er schätzte die Reformation, als die größte Wohlthat; Er kannte sie, ihre Geschichte und ihr System vollkommen und spccicll genau, und ehrte und fühlte Seine hohe Würde, der Schutzherr der Evangelischen Kirche in Deutschland zu sein. Gleichwohl hatte sich das Gerücht verbreitet und lange behauptet: der König von Preußen sei ein heimlicher Katholik und würde mit Seinem ganzen Hause zur katholische» Kirche übergehen. Dicß Gerücht erhielt Nahrung, als Er am Rhein die katholische Kirche bischöflich wieder herstellte und reich dotirtc. Man fand auch in der eingeführte» Liturgie eine geheime Hinneigung zum katholischen Cultus, thcils schon in solcher, vorzüglich aber darum, weil Vieles in dieselbe aufgenommen war, was aus der alten Zeit stammte, wo es »och keine römische Kirche gab, und welches dieselbe beibehalten hat. Die Entdeckung: der König sei katholisch geworden, war gemacht; das „Man sagt" wurde wahrscheinlich, die Wahrscheinlichkeit Gewißheit; das Gerücht war fertig und verbreitete sich nach allen Richtungen. Ein mir befreundeter Mann hat, als Augen- und Ohrcnzcuge, mir erzählt, daß der Professor Krug, (den wegen seiner Vielschreibern der gelehrte und geistreiche Professor Domherr Or. Tittmann sehr naiv „Hans in allen Gassen" nannte) in Leipzig, in einer großen, und gemischten Gesellschaft aufstehend, laut gesagt habe: „Meine Herren! ich thcile ihnen eine traurige Neuigkeit mit. Heute schreibt mir im Vertrauen mein Berliner Cor- rcspondcnt, daß, was man schon lange gefürchtet, geschehen ist: 25" 388 ^ mir den wackeren katholischen Pfarrer zu Arbesau. Mit Vergnügen sehe ich der von ihm herauszugebenden Einweihungs- rede entgegen, und werde ich freudig mein Contingent geben." Der König war gern in Tcplitz. Das Bad, welches Er brauchte, und der Brunnen, welchen Er trank, bekamen Ihm wohl. Vom körperlichen Befinden hängt die Gcmüths- stimmung ab; es ist das Glas, durch welches man alle äußeren Gegenstände ansieht. Diese erscheinen heiter, wenn man gesund, und trübe, wenn man krank ist; so ist es auch bei festen Menschen. Nur findet sich der merkwürdige Unterschied, daß diese in ihren Grundsätzen still, ruhig und ergc^ den, Menschen aber ohne sie launenhaft, reizbar und verdrießlich sind, sobald Tage kommen, die nicht gefallen. In Tcplitz gefiel dem Könige Alles; die Wohnung, die Menschen, die Gegend, Alles sagte Ihm zu. Wenn Er mehrere Wochen, oft 3, auch wohl 4, hier war, legte Er Alles ab, was Ihm als Regent lästig und unbequem war, und wiewohl Ihn Alle kannten und wußten, wer Er war, so wollte Er doch nicht als König gelten. Als solcher zeichnete Er durch nichts sich aus; nicht durch Uniform und Degen, — Er war in Seiner einfachen Civilbekleidung, wie in Seinem ganzen Sein und Wesen, ein Gast unter den Gästen. So war Er in Seinem wahren Esse und vergnügt in Seinem Gott. Vor Tische, der noch frugaler und einfacher als sonst war, ging Er gewöhnlich mit Seinem Freunde, dem Ober- Kammerherrn Fürsten von Wittgenstein, in den sogenannten „der König von Preußen ist ein Krypto-Katholik und wird nächstens zur römischen Kirche übergehen. Sein Beichtvater, der Bischof Eplert, ein verkappter Jesuit, hat schon längst die Tonsur." >ii«um lonoatis amiri! 389 Fürstengartcn. Es war eine wahre Freude, den stattlichen Herrn die lange gerade Allee auf und ab behaglich wandern zu sehen. Gewöhnlich war sie angefüllt und die Meisten, welche wußten, daß Er da war, gingen hin, um Ihn zu sehen. Das wußte Er; aber es blahete Ihn nicht, auch beengte es Ihn nicht, Er crwicderte freundlich jeden Gruß, sprach bald mit Diesem, bald mit Jenem, und liebte es im Freien, mit Fremden, die Ihm vorgestellt wurden, zu gehen. Wenn Er Allen gerecht geworden, suchte Er einsame Wege in dem schönen Fürstlichen Garten auf, und man sah Ihn oft an dem großen Teiche und in den an den Usern sich hinziehenden bufchigten Gängen. Zuletzt vor Tische machte Er einen weiteren Gang ins freie Feld und hatte Seine Freude an den dort häusigen Rebhühnern und wilden Fasanen. Mit heiterem Angesichte betrachtete Er diese früh- lichcn Thierchen, stand stille, ging leise vorüber, störte sie nicht und jagte sie nicht auf. Langsam und behaglich schlenderte Er, als wenn Er da zu Hause wäre, durch die belebten Straßen der heiteren Stadt; die Bürger derselben kannten Ihn und grüßten Ihn zutraulich. Zur bestimmten Zeit war Er wieder zu Hause, und in einer kleinen Gesellschaft aus Seiner allernächsten Umgebung bei einem frugalen Mahle sehr gesprächig und innerlich vergnügt. Nach Tische sah man Ihn oft in süßer Muße wohlgemut!) auf der Brücke, die über den breiten Fahr- und Fußweg hochgeschlagen war und Seine Wohnung (das sogenannte Fürstenhaus) mit der, wo das Personal des Cabinets sich aufhielt, bequem verband. Hier ging Er langsam auf und nieder; stand dann stille, hatte Seine Freude an den Menschen, die von dem benachbarten Steinau kamen, oder dahin gingen, und redete von der Höhe herab auch wohl Bekannte an. Nachmittags ging ZW Er wieder, und bestieg entweder die sogenuuute Schlucken bürg, oder noch lieber den die ganze reizende Gegend beherrschenden hohen Schloßbcrg; Er suchte aus und stand gern auf derselben Stelle, wo Er mit Seinem Bundesgenossen und Freunde, dem Kaiser Alexander, in s Thal blickte und der Schlacht zusah. Er rief das Andenken an die wichtige Begebenheit mit ihren Einzclnheitcn in die Seele zurück, — und sah dann mit Augen des Dankes nach der Höhe von Nollendorf, woher Kleist mit seinen Truppen kam. Von dem auf dem Schloßbcrgc wohnenden Ziegcnhirtcn ließ Er sich herumfuhren und hörte ihn, wiewohl Er Alles dahin Gehörige schon wußte, ruhig au. Während der reich bc schenkte beredte Hirt erzählte, sah der Herr nach den lüstern fressenden Ziegen mit ihren hüpfenden Lämmern. Das weite Schlachtfeld besah Er oft und genau, Er sprach zu dem neben ihm sitzenden Adjutanten von Witzlcbcn, oder zu dem Obristen von Malakowsky, *) ungemein lebhaft und be- ") Ein origineller, interessanter, von dem Könige sehr geliebter Mann. Er hatte ei» langes, pockennarbiges Gesicht und sah immer aus, als wenn er mit seinen raschen Garde-Husaren einHauen wollte. Er war voll steter Heiterkeit; sein Humor mitunter geistreich ; sein Witz überraschend treffend; seine Sa- tyrc schalkhaft; seine Erzählungsgabe vortrefflich, — sein Ge- müth bieder. Er verstand es, mit dem Könige umzugchen, und wußte Maß und Tact zu halten. Die Denkungsart und das Eigcnthiimliche seiner ganzen Persönlichkeit war der Art, daß man zurück von ihr auf die des hohen Herrn, der ihn gern hatte und täglich bei sich sah, schließen konnte. Wenn Er an Witzlebcn den denkenden Ernst liebte, so liebte Er an Malakowsky den vergnügten Geist. Oft zog Er ihn auf; aber da der Geneckte dicß gleich merkte, so erwiederte er schnell mit einem geistreichen Scherze und ließ nichts auf sich sitzen. Der Spaß 39 l zeichnete die Felder, wo die Franzosen, die Russen, Ocstrei- chcr und Preußen, standen und fochten. Viele näheren Um- stände und Zwischenvorfällc gab Er an, wodurch Seine Relation noch interessanter wurde. In Culm stieg Er aus; verweilte auf der Stelle, wo der Französische General Van dämme gefangen wurde, und wo das errichtete Denkmal steht. Von diesem ging Er zu den später von dem Kaiser von Ocstreich und seinen Soldaten crbaucten großen, prächtigen historischen Monumenten, welche bewiesene Tapferkeil verewigen. — Bei dieser Gelegenheit sprach Er gern und mit wahrer Hochachtung von dem regierenden Landcshcrrn, seiner Weisheit und Mäßigung. Er rühmte die Tactik und den Heroismus der OcstrcichisHen Feldherren, die Bravour der Generale, Offiziere und Soldaten, und lobte die Ein ficht und den Europäischen Ueberblick des Haus- und Staats- Kanzlcrs Fürsten von Metternich, den Er Seinen Freund nannte. „Auch darum," setzte Er hinzu, „ist mir hier so wohl und bin ich hier im fremden Lande so gern, weil es war immer der Art, daß Alle auflachten und sich köstlich amii- sirten. Gerade dicß gefiel dem Könige, der mit darum gewöhnlich so ernst blieb, weil alle Anderen feierlich und gehalten waren. Malakowsky verstand es, in Alles Humor zu bringen und Heiterkeit um sich zu verbreiten; aber solches ist eine Gabe der Natur, die sich nicht nachmachen läßt, und nachgemacht mißlingt, so daß die Pointe fehlt. Der Husaren-Obrist, nachheriger General, wußte liberall dieselbe zu treffen. Man erzählt eine Menge lustiger Anccdotcn, die zwischen ihm und dem Könige vorfielen; und noch in Seinem Testamente gedachte der Hochselige Herr seiner und setzte ihm ein Legat aus. Er war ein edler Mensch, und gab, wiewohl er viele Kinder hatte, sehr gern. Der treue Diener folgte bald seinem Herrn in die Ewigkeit. 392 einem edlen Herrn angehört, mit dem und dessen glorreichen Hause und braver Nation ich befreundet bin. Ocstrcich und Preußen sind natürliche Alliirtc; Beide, umschlungen von deutschen Banden, verknüpft zu einem Zwecke, haben ein und dasselbe Interesse." *) Den schönen offenen Weg nach Culm nahm oft der König und lebte dann in großen Erinnerungen an eine unruhige, gewaltige Zeit, und freute sich der ruhigen und ihrer Früchte. Nicht selten fuhr Er aber auch in einsame Gegenden und nahm die Straße, die nach dem Erzgebirge hinführt. Die benachbarten herrlichen blauen Berge winken und sind reich, auf Höhen und Thälcrn, an Naturschönheiten aller Art. Eine solche Einladung zu ihren stillen Genüssen trug Friedrich Wilhelm III. in Seiner Brust und Er folgte gern ihren sanften Zügen. Er kam durch gesegnete Dörfer und freuete sich der fruchtbaren Aecker und grünen Wiesen: Er liebte es, mit Landleuten auf den Feldern und am Wege zu reden. Die schlichten und geraden Bauern und Bäuerinnen sprachen offen und unbefangen, und ahmten es nicht, daß der freundliche einfache Herr der König von Preußen war. Wenn Er Kinder zusammen sah, ließ Er halten, und warf unter sie eine Handvoll blanker neuer Thaler. Fröhlich sprangen sie, und mit großen klaren Augen sahen die Knaben und Mäd chcn dem fremden Herrn nach, jauchzend ihren Müttern die gewordene Freude zu verkündigen. In reichen und armen Klöstern sprach Er oft ein: redete mit dem Abte oder Guar- Ich darf nicht noch daran erinnern, daß ich diese und ähnliche Mittheilnngcn dem Augen- und Ohrcnzeugen von Witzlcben, zum Theil aber auch dem Obristcn v. Malakowsky, verdanke. WZ diau; erkundigte sich nach ihrer Ordensregel; besah die Kirchen, die Er in allen Farmen liebte und von deren Structur und Bauart, nach dem Geschmack der alten, mittleren und neuen Zeit, Er genaue technische Kenntnisse hatte; stellte sich vor die Fenster der Sääle hin und 'sah in's Weite. Gewöhnlich, wenn man es nicht schon wußte, wer Er sei, war Er unter einem fremden Namen da, und beschenkte die armen Klöster jedesmal reichlich. Aber Er stieg höher und höher, bis Er den Gipsel des vorliegenden Berges erreicht hatte. Angekommen, setzte Er sich dann hin und schauete in die offene, weite Aussicht, und sreucte sich aller Herrlichkeit. Das liebliche Thal mit seinem reichen Inhalte, seinen Dörfern, einzelnen Häusern, seinen Hügeln, das Schlachtfeld von Culm, und daS ihm liebe Teplitz, — Alles lag in mannigfacher Grup- pirung vor Seinen sinnenden Blicken. Lange sah Er schweigend hin und fühlte sich, angehaucht von frischer, reiner Berg- luft, wohl. Er liebte die Berge und war gern auf heiteren, weit in's Land hineinschauenden einsamen Höhen. Ucbrigcns würde man irren, wenn man aus dieser Lebensweise auf Sinnen- und Vergnüguugslust beim Könige schließen und glauben wollte, Er habe mit Nichtsthun im Müßiggänge Seine Zeit zugebracht. Dieß war bei Seinem geregelten Leben, in welchem jede Stunde ihr angewiesenes Geschäft hatte, moralisch unmöglich. Nichts ist widriger an dem Menschen, und wenn er in einem noch so kleinen Wirkungskreise lebt, als das Herumgehen und Luleien; Mißmuth, Flachheit und Leere ist dann die unvermeidliche Folge. Ein guter Kopf und ein reiches Herz hält den Müßiggang nicht lange aus; er ist und wird unerträglicher als die schwerste Arbeit. Planmäßige nützliche Beschäftigung und geordnete 394 Thätigkeit ist dic Seele des Lebens. Es giebt keine Erholung, als nach der Anstrengung ; kein Ausruhen, als nach der Arbeit. Sie war dein Könige zur andern Natur geworden; Er war und blieb derselbe, wenn Er Seinen Ort veränderte; etwas scheinen zu wollen, was Er nicht war, lag nicht in Seinem Wesen; Er ging Seinen gewohnten Gang, Er mochte sein, wo Er wollte. Sein Cabinet war mit dem nöthigcn Personal stets bei Ihm; die Mitglieder desselben hatten stets vollauf zu thun. Alle Morgen hielt Er, 'nur zu einer anderen Zeit, Seine gewöhnlichen Vortragstunden. Alle Tage kamen Couriere, und Er las die neu eingegangenen Vorstellungen, regierte Sein Land und leitete Seine auswärtigen und inneren wichtigen Angelegenheiten auch da, wo Er nicht König war, und ließ nie dic Zügel der Regierung aus der Hand. Viele bedeutende Cabinctsordcrn sind von Teplitz ausgegangen; es trägt Alles, was von daher kam, einen noch milderen Charakter, und viele Pensionen sind daselbst bewilligt. Der König war in einer ungemein heiteren Stimmung und die Befreiung von allem lästigen (Zeremoniell that Jhm wohl: man sah es Ihm an, daß Er frei athmcte. Er konnte alles Einengende an einem Badeorte von sich thun. — Auch die Svnntagsordnung, indem Er regelmäßig zur Kirche ging, behielt der Vielbeschäftigte bei, und gewiß war Er auch darum so heiter, weil er alle göttlichen und menschlichen Gesetze ehrte und befolgte. Auf einer Reise nach Carlsbad kam ich nach Teplitz und hielt mich daselbst zwei Tage auf. Es war gerade Sonnabend, als ich, von der ländlichen Vorstadt Steinau, wo ich logirte, kommend und nach der Stadt gehend, den König aus der vorhin erwähnten Brücke sah, von welcher Er mir noch nachrief: „Werden wohl Morgen 393 zur Kirche gehen! Es predigt ein cxcellcntcr Geistlicher, der mich jedesmal erbaut hat." — Dieser predigte denn bei voller Kirche kurz und gut über die Verehrung Marians, als Mutter des Heilandes. Er ging in seiner Betrachtung von der Würde und der Liebe einer frommen Mutter aus; bewies aus der heiligen Geschichte, daß Maria eine solche fromme Mutter gewesen; machte dann die Anwendung auf die Mütter seiner Zuhörer, und redete herzandringend vortrefflich von ihren Pflichten gegen sie, wenn sie noch lebten, oder wenn sie schon in der Ewigkeit seien. In vielen Augen sah ich Thronen der Rührung. Ich bewunderte den Mann, der bei einem angenehm natürlichen Vortrage ein reiches, fruchtbares Thema in so kurzer Rede von etwa 20 Minuten erschöpfend und gewandt zu behandeln wußte. Die schöne katholische Kirche liegt etwas höher, angenehm am großen Platze, in der Nähe des Fürstlichen von Clarisschen Schlosses. Der stattliche König schritt, den runden Hut in der Hand, in Civil- kleidung, freundlich grüßend, durch die ehrerbietig dastehende Masse von Menschen, größtenteils Landleuten, und ging in den Fürstlichen Garten. Hier sagte Er zu mir: „Nicht wahr, der katholische Geistliche hat gut und praktisch gepredigt? Ich höre ihn gern an jedem Sonntag; in seinen Reden kommt nichts vor, woran ein Evangelischer Anstoß nehmen könnte. Was mir vorzüglich gefällt, ist die gedruiu gcnc Kürze, bei der man andächtig bleiben kann. Der Mann sagt mit wenigen Worten viel, statt daß Andere mit vielen Worten wenig sagen." — „Was die Kürze der Predigten und überhaupt ihre Gestalt betrifft," sagte ich, „so hat unser Luther eine naive Vorschrift gegeben." „Wie heißt die?" fragte der König. „Sie lautet so: Tritt frisch auf; thu das Maul auf; hör bald auf." „Das ist charmant!", sagte Er, ZW „das will ich behalten; sagen ^ibs noch mal!" Und ich hörte oft, wenn von der Kürze der Predigten die Rede war, den König seit dieser Zeit diesen Vers hersagen. Er berief sich dann auf die Auctorität Luthers, mit dem Zusätze: „Der hat es doch wohl gewußt!"* Noch an dem nämlichen Tage, — es war im Monat Juni im Jahre IW, — reiste ich nach Tische etwas spät ab, um noch in gutes Nachtquartier zu erreichen und des andern Tags bei guter Zeit in Carlsbad zu sein. Es sei dem geschwätzigen Alten verziehen, wenn er hier einer, in psychologischer Hinsicht lehrreichen, merkwürdigen Lcbcnsrettung, wiewohl sie zunächst nicht hierher gehört, gedenkt. Kaum war ich einige Stunden gefahren, als ein über das Erzgebirge sich wälzendes, immer näher rückendes, schweres Gewitter mich überfiel. Es wurde immer dunkler und zuletzt ganz finster. Es donnerte und blitzte fürchterlich, so daß meine raschen Pferde scheu wurden und durchgingen. Da sie aber auf einen frisch gepflügten Acker kamen, so ermüdeten sie bald, und der Kutscher, der sich auf dem Bocke gehalten, bekam sie wieder in seine Gewalt. Wenn die Gegend durch den Blitz erleuchtet wurde, sah ich mich nach einem Hause um, wo ich einkehre» konnte; entdeckte aber nichts. Ich ergab mich, hielt unter dem erschrecklichen Gewitter und Platzregen still, und dachte an Frau und Kinder zu Hause. Endlich sah ich in weiter Entfernung ein bald fackelndes, bald verschwindendes, dann aber wieder in der finster» Nacht zum Vorschein kommendes Licht. Da müssen Menschen sein! — wir fuhren auf Kreuz- und Querwegen also zu, und nach einer Stunde etwa, es war Abends bald !) Uhr, erreichten wir eine elende, armselige Hütte. Wir waren froh, hier zu sein, und die Pferde wenigstens unterstellen zu können. Wie ich unter Blitz und Donner eintrat, kam mir ein arm gekleideter Mann mit einem wilden Gesicht entgegen, und auf die Frage: „ob ich mit meinem Fuhrwerke bis das schwere Unwetter vorüber hier verweilen könne? ich wolle es gern bezahlen!" antwortete der Kerl barsch: „Das kann der Herr halten, wie er will," und sah mich an mit fatalen Augen von oben bis unten. Ein halb gekleidetes Weib hatte 997 In Teplitz wohnen wenige, oder gar keine Evangelische Christen; aber Viele dieser Confesslon sind da znr Zeit der zwei Kinder, eins auf dem Rücken in ein Tuch gebunden und das andere fast nackt auf dem Arme, in der Hand aber einen brennenden Kicnspan, der von Zeit zu Zeit wieder erlosch. Dann war es Nacht in der Hütte, und ich sah bei dem Blitz in eine Ecke gekauert ein altes Weib mit einem glühenden Medusenblick. Inzwischen war der Kienspan wieder angezündet und loderte hoch auf. Auf die Frage: ,,ob das nicht gefährlich sei, und ob es nicht besser wäre, ein Licht anzustecken?" erfolgte ei» höhnisches Lachen, mit dem Zusätze: „Ja Lichter! 'erst haben! bekümmere der Herr sich um seine Sachen!" Ich war also still; ging auf und ab, und sehnte mich fort. Noch unheimlicher wurde mir, als Männer und Frauen mit großen Packen, scheu sich umsehend, eintraten, und ihnen mehrere Juden mit Judasgesichtcrn folgten. Die kleine Stube war voll: das Gesindel sah mich'an und redete heimlich miteinander. Es war mir nun nicht mehr zweifelhaft, wo ich war. Ich ging wieder nach den Pferden; mein alter ehrlicher Friedrich zitterte am ganzen Leibe und sagte mir ängstlich: „zwei Kerle hätten soeben den Wagen umschlichen, hineingesehen und ihn betastet, und er hätte sie sagen hören: ,,Gewehre hat er nicht bei sich!" —O Herr, wir sind hier in eine Spitzbuben-Herberge gc- rathc»; machen Sie, daß wir von hier fortkommen!" „Das geht in diesem Augenblicke nicht," antwortete ich leise; „es ist stockfinstere Nacht, wir kennen nicht Weg, nicht Steg. Wir sind in Gottes Hand; wir wollen beten, daß er uns behüte." Das Gewitter, welches sich verzogen zu haben schien, kehrte zurück p es donnerte, blitzte und regnete fürchterlich, und wie ich wieder in die Hütte zurückkehrte, kam ein so entsetzlicher, schmetternder Schlag, daß es war, als wenn Alles getroffen wäre und untergehen sollte. Erschreckt sanken Alle auf die Knicc und die Katholiken sagten unter vielem Schlage» an die Brust ihr t'nlrr »uktvr und ihr ^ve murin, die Juden ihre Gebetsformeln nach ihrem Ritus her. Es war ein weinerliches, Mark und Bein durchdringendes, angstvolles Geschrei. Nicht dieser Nothruf ergriff mich; aber wohl der Anblick der hingestürzten Creaturcn, :;98 Badesaison. Es gehört mit zu den lehrreichen, psychologischen Erscheinungen, daß man ost vermißt, was man nicht welche die Nähe und Allmacht ihres Schöpfers fühlten. Davon gerührt, folgte ich dem inner» Antriebe und verlangte Stille. Diese trat ein, und ich sagte her und commcntirte den 1 Zysten Psalm. Als ich zu der Stelle kam: „Spräche ich, Finsternis möge mich decken, so muß die Nacht auch Licht um mich sein, denn auch Finstcrniß nicht finster ist bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finstcrniß ist wie das Licht," da siel ein Blitz und erhellte die finsteren Räume. Dicß machte einen so tiefen Eindruck, daß Allen Furcht und Aittern ankam. Die Knienden standen auf und küßten mir Einer nach dem Andern die Hand: man sah mich schüchtern an, besonders die Weiber, welche weinten; die Männer aber setzten ihre Hüte nicht wieder auf. Inzwischen dämmerte zu meinem Tröste der Morgen. Als ich den Wirth fragte: was ich bezahlen müßte? (der Kutscher hatte nur ein Glas Brantwcin gehabt) wurden mir sechs Thaler abgefordert. „Sechs Thalcr?" fragte ich in der Betonung der Verwunderung. Und der Kerl antwortete mit entstellter Gcberde: „Was l stst das dem Herrn noch zu viel? Hätten Sie nicht das gute Wort gesprochen, es wäre anders geworden; oder?" — „Das ist etwas Anderes," siel ich rasch ein, und gab das Verlangte. Ich machte, daß ich aus der Spelunke kam und fuhr fort. Jetzt sah ich erst, wie ich mich von der Landstraße in Schluchten hinein verirrt hatte; als ich endlich auf den rechten Weg kam, wurde mir wohl um's Herz. Das Gewitter war vorüber, die Sonne ging prächtig auf, der Sommcrmorgen war schön, und ich sang: Als Angst und Roth sich mir genaht, Da hörtest Du mein Flehn Und ließt nach Deinem gnädgen Rath Mich nicht darin vcrgehn. Ich konnte nicht aufhören. Als ein frischer Morgenwind über die wogenden Getreidefelder wehete, fiel ich ein: Der kleinste Halm ist deiner Weisheit Spiegel, Du Luft und Meer, ihr Auen, Thal und Hügel, Ihr seid sein Loblied und sein Psalm! 999 hat, und gleichgültig gegen das ist, was man hat. Der Mensch zu Hause, in dem gewöhnlichen Geleise des Lebens Die Erde und das Leben auf ihr hat seine Schatten-, aber auch seine Lichtseiten. Oft ist es ein Borhof der Hölle und die Menschen sind Teufel; oft aber auch ein Vorhof des Himmels und die Menschen sind Engel. Es ist billig, daß ich gegen eine unangchmc Erfahrung, eine entgegengesetzte, wohl- thuende, mittheilc. Im Jahre l«2!1 reiste ich im Monat Junius auf den Rath meines Arztes nach Marienbad. Ich hatte den angenehmen Weg über Zeitz genommen und wollte den Tag »och nach Hof. Als ich am Abend auf der Baier'schcn Grenze in das Kirchdorf Dörpen kam, wo ich meinen Paß vorzeigen mußte, sagte der Chaussce-Jnspector: „Ich würde nicht rathcn, noch nach Hof zu fahren. Da zieht ein schweres Gewitter auf. „Sie kommen mitten darein, sie sind Heuer schlimm; Sie können hier im Dorfe, wo ein gutes Wirthshaus ist, bleiben!" Gern befolgte ich diesen guten Rath; die böse Gewittcrnacht im Erzgebirge war mir noch im Andenken. Am Wege ging auf und ab ein stattlicher Herr. Kaum war ich in dem guten ländlichen Gasthofe eingerichtet, als ein herrschaftlicher Jäger kam, der Empfehlungen von seinem Herrn, dem hier aus seinem Ritter- gute wohnenden Baron von Heinitz, brachte: „er habe von dem Chaussee-Wärter gehört, ich werde die Nacht in Doepcn bleiben; ich möchte doch den Abend bei ihm und seiner Familie zubringen!" Wiewohl ich davon Niemand kannte, so nahm ich doch dankbar die Einladung an, und wurde sehr gütig aufgenommen. Da von den Obcrpräsidcnten von Vincke und von Basscwitz, mit welchen Herr von Heinitz auf dem Pädagogium zu Halle gewesen, und vom Könige von Baiern und der Kronprinzcssinn von Preußen die Rede war, so wurde die Unterhaltung bald lebhaft, und bei Tische zutraulich, so daß mir wie einem längst Bekannten um's Herz wurde. Als ich spät .mich dankbar eiy- pfahl, reichte mir die liebenswürdige Frau von Heinitz den Arm; sie, Mann und Kinder, wollten mich begleiten bis zur Thür. Ich verstand natürlich darunter die Hausthür; der mit Kerzen vorangehende Bediente öffnete aber die Thür zu einem prächtigen Zimmer, in welchem mein Mantelsack lag und ein -100 und seiner alltäglichen Geschäfte, ist oft ein ganz Anderer in der Fremde. Von andern Gegenständen und Menschen umgeben, herausgerissen aus seiner gewohnten Lage und versetzt in eine fremde Welt, wo Alles ganz anders ist, als daheim, oricntirt er sich, frei von Allem, was ihn, verschuldet oder unverschuldet, einengt und drückt, leichter, und sein Blick ins Leben und seine Bedürfnisse wird unbefangener und richtiger. Oft geht man indifferent an seiner Kirche vorüber und beachtet die Prediger nicht, die an derselben stehen : man fühlt aber ihren Werth, wenn man in einer Gemeinde lebt, die anderer Confcssl'on und uns fremd ist. So ist es gegangen noch Allen, die in die Fremde, in der man -keine Glaubensgenossen und ihre Gemeinschaft nicht fand, verschlagen wurden. Und gesetzt, Männer, Väter und Frauen, wären in diesem Stücke kalt und abgestorben, so werden sie doch nicht wün schen können, daß es mit ihren Kindern ebenso sei und werde. Die Unruhe und Leere, die sie mit sich herumtragen, läßt sich nicht aus dem Sinn schlagen: sie kündigt sich wenigstens in stillen, ernsten Stunden, die, man mag sie wollen oder nicht, doch kommen, so an, daß man Stillung und Befriedigung sucht. Genug, die Evangelischen, die jährlich nach Töplitz kommen und gerade da waren, wandten sich mit ihren bequemes Bett stand. „Hier," sagte die amnuthvollc Hausfrau, „werden Sie wenigstens besser ausruhen." Am frühen Morgen war die ganze liebenswürdige Familie schon in einer Roscnlaube versammelt und ich frühstückte mit ihr. Von Ma rienbad schickte ich ihr ein Glas, mit der Inschrift: „Ich bin ein Gast gewesen, und Ihr habt mich beherbergt." Es sind jetzt M Jahr her, und ich weiß nicht, ob der Herr und die Frau von Heinitz noch leben; aber das Andenken an sie lebt fort in meinem Herzen. — 401 Wünschen, eine Evangelische Kirche mit ihrem Pseirrer daselbst für sich und ihre Glaubensgenossen als Eigenthum zu haben, an den anwesenden König von Preußen Friedrich Wilhelm III, Derselbe antwortete: „Die Herren gehen wahrscheinlich zu Hause Sonn- und Festtäglich zur Kirche, da sie eine für die wenigen Wochen ihres Aufenthaltes hier wünschen. Ist ein edles Bedürsniß, welches ich sehr ehre. Ich für meine Person gehe in die katholische Kirche, und erbaue mich an den guten christlichen Reden, die ihr Prediger hält. Ich wünsche, daß alle hier anwesenden Badegäste einer andern Consession dicß auch thun mögen. Uebrigcns bin ich in Teplitz, und Gast, wie jeder Andere, und habe hier nichts zu befehlen. Der Landesherr, der in dieser Angelegenheit allein zu bestimmen hat, ist der Kaiser, ein vortrefflicher Herr an Denkungsart und Gesinnung. Ich kann mich für das Gesuch auch nicht verwenden, weil dadurch die ganze Sache eine Richtung erhielte, in welcher es so aussieht, als wenn sie von mir ausginge. Der Antrag muß von denen selbst geschehen, von welchen er kommt, und wird er genehmigt, so werde ich nicht nur geru meinen Beitrag geben, sondern mich auch selbst, so oft ich hier bin, zu der evangelischen unirtcn Gemeinde halten."*) Es offenbart sich auch in diesem Benehmen eine praktische Lebensweisheit. Sehr viele Verdrießlichkeiten und Un ruhen, welche unsere Tage trüben, entspringen aus verletzten Eollisioneu. Diese werden aber immer verletzt, wenn man, was so bald und so leicht geschehen, das nähere und nächste *) Nach eigenen mündlichen Mitteilungen von Ihm. II. l-? 2li Recht des Andern nicht bedenkt, und sein eigenes, oft entferntes, wohl gor nur vermeintes, imponirend eindrängt. Jeder Mensch ist in diesem Stück empfindlich und leicht aus den Fuß getreten, und das unbefugte Einmischen in fremde Angelegenheiten erträgt Keiner. Daher entspringen fast alle Injurien, die, einmal ausgesprochen und zugefügt, Erbitterung erzeugen und Menschen von Menschen immer weiter entfernen. Die Unbefangenheit verliert sich; es verbreitet sich eine drückende Atmosphäre, und die Lust, welche man in diesem Dunstkreise cinathmet, ist darum schwül, weil man Mißtrauen, wohl gar die stille Brütung von Rache, fühlt. Darum soll man sich nie in fremde Dinge mischen, und noch weniger in ein anderes Amt eingreifen. König Friedrich Wilhelm III. hatte auch in diesem Stück einen gesunden Blick und einen richtigen Tact. Nie war Er hastig und zufahrend; in Allem moderat, überlegsam und ruhig. Gern blieb Er stets innerhalb Seiner Grenzen, bewegte sich leicht auf Seiner Peripherie, und ehrte die Rechte Anderer. „Wo Rechte sind, da sind auch Pflichten," ist eine von Seinen immer wieder vorkommenden Maximen. Nicht viel bewegtes und hochgestelltes Leben mag es geben, welches so rein ist von Ungerechtigkeiten, als das des Königs, und waren sie in irrigen Voraussetzungen begangen, so trieb Ihn, sobald Er dieß erkannt, eine innere Unruhe, es wieder gut zu machen und den Verletzten mehr als zufrieden zu stellen.- Nichts Menschliches war Ihm fremd; aber um das Fremde, was Seines Amts nicht war, 'bekümmerte Er sich nicht. Er bewegte sich und blieb in Seinem Element, und je freier von heterogenen Bestandthcilen, je reiner und klarer es blieb, desto lieber war es Ihm. Der Diplomat!? ist Vorsicht, Klugheit, Verstellung und Mißtrauen eigen; dieß scheint in ihrer Natur und Stellung zu liegen, und -Kll! umgarnt von cinrm mächtigen, hinterlistigen Gegner, sah Er — der Redliche — sich genöthigt, oft anders zu scheinen, als Er dachte und war. Aber dazu taugte Er nicht: Er überließ das Tcrgiversiren, Sünuliren und Laviren, dem Staats- klugcn. Als aber die Luft in Europa wieder klar und rein geworden war, und drei hohe Herren an der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten standen, die alle drei mit der guten Sache der Menschheit es gleich ehrlich und rechtschaffen meinten, da schlug, des unnatürlichen Druckes müde, freier und leichter das Herz. Unbefangen und offen ging Friedrich Wilhelm III. durch alle Collisionen; Er schlichtete sie weise; Er erhielt, bekannt mit dem Jammer des Krieges, den langen Frieden; Er und Seine Redlichkeit hatte die allgemeine Meinung der Welt für sich; Seine Stimme galt; Sein gefeierter Name hallte überall wieder; nie trübte sich Sein Coalitions-Bcr- hältniß mit Rußland und Oesterreich; die Erhaltung des guten Einverständnisses mit Seinen hohen Bundesgenossen war Ihm über Alles wichtig und lag Ihm so warm am Herzen, daß Er dessen noch in Seinem Testamente gedenkt. In diesem Bewußtsein und der innern Ruhe, die es mit sich führte, war Ihm wohl; — heiter konnte Er zurück, um sich und vorwärts blicken, und Er kam bei Seinem Aufenthalte in Teplitz vorzüglich zu diesem Genüsse. Er war auch darum gern dort, weil Er wußte, daß man Ihm gut war, und Ihm überall, wo Er auch hintreten mochte, die erquickende Lust der Liebe entgegen kam. Man merkt dieß sehr bald; das Gefühl sagt es. Liebe erweckt Gegenliebe; es liegt in dieser Wechselwirkung die magnetische Kraft der Sympathie. Freilich wirkte hier der Eigennutz; aber wo wirkt er nicht? wo liegt er nicht im, wenn auch versteckten, Hintergründe? Der regelmäßige Besuch des Kö- 2k» 404 nigs von Preußen: Sein alljähriges Wiederkommen: Sein öffentliches Erscheinen: Sein Besuch der häufig frequentirten Derter, des Schauspiels, der Eoncertc und Bälle: Seine Thcilnahmc an dem sonntäglichen Gottesdienste, — lockte Viele, in und außer dem Lande, nach Teplitz; alle Einwohner und Hausbesitzer hatten davon Nutzen, und der Badeort sah es als Ruhm und Ehre an, daß ein König alle Jahre hinkam und dort sich gefiel. Die ganze Gegend sah Ihn als ihren vorzuglichen Erretter an, besonders nach dem Culmcr-Siege, und auf dem Wege dahin, hatte man, zum Andenken daran, ein Denkmal errichtet. Dieß gefiel zwar dem Könige nicht, da die Ocstreichcr und Russen ebenso viel als die Preußen zum glorreichen Ausgange der Schlacht beigetragen und mitgewirkt hatten, und Alles, was Seine Person hervorhob, Ihn mehr in Verlegenheit setzte, als crsrcuctc; *) aber es war damit kein Geräusch, welches Er nicht leiden konnte, verbunden, und Er ehrte und verstand den guten Willen. In Teplitz, selbst in einer seiner Vorstädte, hat Er eine Badeanstalt für gichtkranke Preußische Soldaten, die abwechselnd, bald kürzere, bald längere Zeit, in derselben auf Königliche Kosten von Aerzten behandelt und gepflegt werden, errichtet, und Er ging von Zeit zu Zeit hin, sich selbst nach de» Patienten zu erkundigen und redete mit ihnen. Mit vollen Händen gab Er den Armen der Stadt und ihrer Umgebung, auch den Nothleidenden aus höheren Ständen: Er bewilligte Vorschüsse, die Er nicht wieder bekam, und auch nicht haben wollte: kein Tag verging, an dem Er nicht Vorstellungen Dieß Denkmal hat der König, wie man sagt, bei der Nacht heimlich wegnehmen lassen. 403 und Bitten erhielt, und Er gab immer; Viele, sehr Viele, waren nach Teplitz gekommen, um Seine Hülfe in Anspruch zu nehmen, und fanden sie; nie ermüdete Er, und oft fragte Er Seinen Kämmcrier: „Haben wir noch Geld?"*) und wenn drei oder vier Wochen um waren, an denen der hoch- selige Herr, mäßig und frugal in allen Dingen, am Wenig- *) Der Geheime Kämmcrier Timm sagte mir, daß er iUthUUl) Thaler in Golde mit »ach Teplitz nehmen müsse, und in der Regel von dieser Summe nichts wieder mitbrächte; in Zeit von 3 bis l Wochen wären sie rein, größtentheils an Hülfsbedürftige, ausgegeben. Einmal habe er zum Könige gesagt: „Der und der Mann hatte bekommen, gleich darauf seine Frau auch, die sich aber einen fremden Namen gegeben;" der König habe aber kurz geantwortet: „Schlimm für die Leute selbst, wenn sie mich hintcrgangen haben; dann wird das Geld ihnen keinen Segen bringen; thut mir leid für sie!" Der König war nicht verschwenderisch, vielmehr sparsam; aber Er war sparsam, um geben zu können. Und dabei sehr gewissenhaft. Einst hatte der würdige und fromme Bischof I). Dräsckc in der Kapelle des König lichcn Palais gepredigt. Stach der Predigt sprach der König mit ihm, und erkundigte sich nach seinem Kirchsprengel. Der Bischof sprach auch von einem rechtschaffenen Geistlichen, der, schlecht besoldet, nun vollends durch vieles Unglück, welches ihn und seine Familie betroffen, verarmt sei; die Roth sti groß; ob demselben das Geld gegeben werden dürfe, welches beim Ausgange aus der Kapelle auf einem ausgestellten Teller gesammelt sei? Der König willigte sehr gern ein. Als aber der Bischof kaum weggegangen war, wurde er zurückgerufen, und der König sagte: „Mir ist soeben eingefallen, daß das in dem Becken gesammelte Geld jedesmal die Armen der Domgcmeinde erhalten; ich darf es also nicht verschenken, gehört nicht mir, die müssen es haben; sind Almosen, über die bereits bestimmt ist; der brave Mann soll aber dadurch nicht leiden; ich werde Ihnen durch den Kämmerier ein Geschenk einhändigen lassen!" und der erfreute Bischof erhielt für den von ihm empfohlenen armen Geistlichen ein größeres Königliches Geschenk. -lW sten für Seinc Person brauchte, war eine große Smnme ausgegeben. Er gab aber flugs, und „Der giebt doppelt, wer schnell giebt": Er gab aber gern, und „einen fröhlichen Geber hat Gott lieb;" Er gab, ohne sich etwas damit zu wissen, denn „Seine linke Hand merkte nicht, was die rechte that". Er gab ohne moralische Anmerkungen und so, daß das Annehmen nicht schwer, sondern leicht wurde. Der liebe Herr, " man mußte Ihn lieb gewinnen! Er blieb anspruchlos, schlicht und einfach. Je mehr und still Er Gutes wirkte, je reicher Sein Leben an Werken in Gott gcthan wurde, desto dcmüthiger ging Er einher. Die Tcplitzer sahen Ihn dcßhalb nicht allein darum gern unter sich, weil sie von Seiner Anwesenheit Vortheil hatten und Er jedesmal eine große Geldsumme in Circu- lation setzte, sie hatten Ihn auch persönlich lieb; sie sprachen viel von Ihm, ehe Er kam und wenn Er da war. Sic sahen Ihn, da Er alle Jahre wieder kam, als einen stehenden Gast an, der zu ihnen gehörte. Das Fremde und Bestem dendc, wenn ein König kommt, hörte auf, Er wurde dort einheimisch, als wenn Er dort zu Hause gewesen wäre. Er, Königlich in Seinem ganzen Wesen, war dann kein König, sondern ein Gast unter den Gästen, ein Bürger unter Bürgern. Das wußte, das fühlte, das sah man Ihm an. Er war leutselig in Allem, was um Ihn und an Ihm war. Ucbcrall begegneten Ihm gute, freundliche Blicke, von Seinem permanenten Hauswirthe und dem Bademeister an, bis auf jeden Einwohner, der Seiner ansichtig wurde. Wenn man Ihn kommen sah und Er vorüber ging, eilten Väter und Mütter mit ihren Kindern an die Hausthür, von Ihm einen Gegcngruß zu bekommen, und man sah Ihm nach. Alle Herzen schlugen Ihm entgegen. Die Kinder liefen vor Ihm 407 nicht weg, sondern standen still, hörten zu spielen auf, und blickten Ihn offen und treuherzig an. Mehr als die Erwachsenen haben die Kleinen, wenn sie gesund, fröhlich und noch unverdorben sind, ein richtiges physiognomisches Gefühl, in welchem sie sich, sie wissen nicht warum, abgestoßen oder angezogen fühlen. Es ist dieß ein Zcugniß, das ein selten trügender innerer Impuls lebendig ausstellt, und es ist immer ein gutes Zeichen, wenn unschuldige Kinder gern und von selbst an Jemand heranspringcn, und dieser kindlich mit ihnen umzugehen weiß. Eine innere Stimme rief sie zu Friedrich Wilhelm hin; sie fühlten, daß der ihr Mann sei. Einen Haufen froher, größtenteils auswärtiger, mit ihren Eltern anwesender Knaben, die sich balgten, fand Er in der sogenannten Fasanerie. Er stand still, sah sie an, und frcucte sich ihrer. Einen von ihnen, der Ihm besonders wohlgesicl, und dem Er in's offene, lebensfrohe Gesicht sah, fragte Er: „Wie heißt du, und wer ist dein Vater?" „H..r!" antwortete das Kind. „Was ist der? „Pastor zu W — g und Seminar- Dircctor." „Da hast du einen würdigen Vater; ich kenne ihn; hat mich in der Stadt und Schloßkirche herumgeführt. Grüß ihn von mir und sage ihm, daß er nun auch Superintendent sei." (Die Ernennung war soeben in Teplitz geschehen). Konnte diese Nachricht dem Vater angenehmer mitgetheilt werden, als durch seinen kleinen lieben Sohn? Und sie kam vom Könige selbst. Er war ein Menschen- und Kinderfrcund; darin mag es mit liegen, daß alle Frauen und Mütter Ihm so ergeben waren; man kann den Weg zu ihrem Herzen sich nicht sicherer bahnen, als durch Liebe zu ihren Kindern, und wer die Kinderwelt liebt und von ihr geliebt wird, der führt ein frisches, sich immer verjüngendes, gemütliches und patriarchalisches Leben. 408 Von der Verehrung und Anhänglichkeit, die der König in Teplitz fand, hotte Schreiber dieses selbst einen komischen und zugleich rührenden Beweis. Bei seinem kurzen Aufenthalte daselbst und seiner Durchreise nach Carlsbad wünschte er noch ein kühles Bad zu nehmen. Der Bademeister in Steinau konnte ihm aber keins geben, weil alle um diese Zeit (es war noch nicht ü Uhr des Morgens) besetzt und bestellt waren. Es lag mir aber daran, gerade in dieser Stunde eins zu bekommen. Ich bot also, in Hoffnung, dadurch zum Zweck zu kommen, das Doppelte des festgesetzten Preises; der Bademeister beharrte aber hartnäckig bei seiner Weigerung, und setzte endlich, dieselbe zu verstärken, hinzu: „Sie bekommen jetzt kein Bad um 5 Uhr, und wenn Sic der Bischof von Rom wären." Lakonisch antwortete ich: „Zwar bin ich nicht der Bischof von Rom; aber doch der Bischof von Potsdam." Der Mann sah mich an mit großen Augen. „Na, wirklich?" sagte er, und nahm die Mütze ehrerbietig ab. „Sie stehen also in Diensten Seiner Majestät des Königs von Preußen und sind Sein Unterthan?" -— „So ist es!" „Das ändert die Sache; Sic sollen sogleich ein Bad, und zwar das beste haben; der Andere, für den es bestimmt ist, kann warten." Ich wollte das nun nicht annehmen, aber der vorhin kalte und abgemessene Bademeister war jetzt freundlich und in mich dringend, init dem Zusätze: „er würde das schon entschuldigen." Indem er mich in das Zinnner führte, sagte er: „Für den König von Preußen habe ich Alles über. Der ist ein Herr wie ein Kind. Ich sage Ihnen, Er ist eine Seele von Mann. Noch gestern ging Er vorbei, gar nicht stolz; Er grüßte vielmehr sehr leutselig. Ein guter und mächtiger Herr, das muß ich sagen!" Die Meinung des ehrlichen Bademeisters zu Steinau U»!> war die allgemeine. Wo man hinhörte, vernahm man dasselbe Urtheil über den König, in allen Classic» und Ständen, bis herab zu den Geringsten, — das Urtheil blieb sich gleich. Er war ein Mensch unter Menschen slromc» ncl Irc>- minem), und da Er das ganz in der Ordnung fand, und sich so hingab, wie Er war, so suchte Er darin Nichts; Al les an Ihm war natürlich. Die meisten Menschen, besonders die aus den höheren Standen, nehmen ihre Geburt, ihren Rang und Reichthum mit sich; Friedrich Wilhelm III. ließ aber den König zu Hause. Täglich fühlte Er den Druck der Krone und die Last der Regierung; wenn Er einige Wo chcn in's Freie trat, that Er von sich Alles, was Ihn einengte. Das Rein-Menschliche trat dann in Ihm hervor; Er folgte gern diesem Zuge und dachte sich die Menschen alle so, wie sie sein sollten. Zwar lag bei einer der praktischen Vernunft untergeordneten Phantasie keine idealische Trau mcrci in Ihm; wohl aber ein mildes, wohlwollendes Herz. Ihm war wohl, wenn Er der Stimme desselben folgen konnte, und Er folgte» ihr, wo Er keine Rücksichten fand und ungehindert handeln konnte. Es grenzt fast an das Unglaubliche, wie weit Er darin ging; oft weiter, als der wohldenkcndc Privatmann; aber Er fand Genuß darinn, ein Privatmann zu sein. Auf dem Wege nach Dresden, hinter Großcnhayn, kommt man an ein Chausscehaus, welches einen Spring hat, der kaltes, klares, vorzügliches Wasser sprudelnd giebt. Hier pflegte der König immer zu halten und ein Glas zu trinken. Die jedesmal reich beschenkte Frau, ein altes gutmüthigcs Mütterchen, war, festlich angezogen, jedesmal mit einem auf blankem, in Blumen stehenden Teller frisch geschöpften Glase 410 perlenden Wassers am Wagen des Königs, nm Ihm solches, unter Versicherung ihrer Freude und Theilnahme, zu reichen. >,Es geschieht," sagte sie dicßmal unter Thränen, „heute zum Lctztenmale; mein Mann ist von der Sächsischen Regierung eine halbe Stunde von hier auf eine andere Chaussee versetzt und des Weges kommen, wenn Ew. Majestät nach Te- plitz reisen, Sic nicht; auch ist daselbst kein so gutes Wasser." „Sein Sie darum nicht traurig, gute Mutter," sagte theilnehmcnd der König; „wer weiß, ob wir uns nicht wie- dersehen;" — und der König fuhr alle Jahre, so oft Er nach Töplitz reiste, eine halbe Stunde weiter, um die alte Frau zu sehen und zu beschenken. *) So hoch schätzte Er, selbst gutmüthig, reine Gutmuthigkcit. **) ") Nach der Mittheilung eines Sächsischen Predigers. - ") Auch in Paretz, "Seinem lieben Landgute, war Er so und konnte Er so sein. Der Ortsprediger erzählte mir, als Augen- und Ohrenzeugc, folgende Begebenheit. Einst sah Er einen etwa 8jährigcn Knabe», den Sohn eines Schäfers, mit Namen Friedrich Welz, der seit seinem dritten Jahre allmählig in Folge von Scrofeln lahm an Händen und besonders an Füßen geworden war. Er bot de» bekümmerten Eltern an, daß wenn sie ihr Kind einer ärztlichen Behandlung und nötigenfalls einer Operation unterwerfen wollten, Er Alles bezahlen wolle; sie möchten sich bedenken. Sie nahmen es an, und der Knabe war über ei» halbes Jahr den geschicktesten Aerzten Berlinds anvertraut, die besonders durch Sehncndurchschnitte zu helfen suchten, - allein vergeblich. Das Ucbel wurde schlimmer und hat später noch zugenommen. Als der König im folgenden Jahre denselben Weg durch's Dorf machte, stand Er vor der Wohnung des Knaben still, ließ sich denselben vorführen, und als seine Mutter, schmerzlich bewegt, den Verlauf der Sache erzählte, sagte Er mit herzlicher Theilnahme: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Wir 4l! In Berlin und Potsdam war Er es weniger, wenigstens nicht allein, und Er konnte und durste es nicht in der haben es gut gemeint, aber der Herr hat es anders beschlossen." Eben auf solchem Gange redete Er die Ehefrau des cme- ritirtcn alten Schullehrers Spilling an, eines Greises von damals 80 Jahren, die vor der Hausthür spinnend saß. Der König fragte: ,,Wic geht's dem alten Manne, seitdem er sich zur Ruhe gesetzt hat?" „Ganz wohl," antwortete die Frau, „dem fehlt nichts, als ein Sessel zum Ausruhen." Und schon am andern Morgen brachte ein Königlicher Packwagen aus Potsdam dem gerührten Greise einen bequemen Lchnstuhl mit, auf dem er noch heute mit dankerfülltem Herzen ausruht. Die Baucrnknabcn des Dorfes hatten auch vom Könige eine Landwehruniform erhalte», und spielten oft zu ihrer und der Zuschauer Belustigung Soldaten; sie besaßen kleine Ge wehre, Kanonen und Fahnen. Bei einem solchen Spiele hat ten sie sich veruneinigt und ein widcrspänstigcr, vierschrötiger Baucrnjunge war von einem jungen vornehmen Herrn, der com- mandirte, tüchtig durchgeprügelt worden. Von seiner Ucberlegen- hcit macht er aus Ehrfurcht keinen Gebrauch, und schweigt; endlich aber verläßt ihn die Geduld, — er sieht den König in der Entfernung durch das Gebüsch, läuft auf Ihn zu und spricht: „Herr König, der Herr von N. hat mich so geschlagen, daß mir alle Glieder wehe thun." „Das ist nicht recht," antwor tct der hohe Herr; „ich habe das Prügeln verboten und abgeschafft. Subordination muß sein; aber ihr spielet ja nur! Wa rum, du bist stark und stämmig, läßt du dir das gefallen? Wenn du einmal ein tüchtiger Landwchrmann werden willst, so mußt du keine feige Memme sein." Der Knabe läuft um, stellt sich wieder in Reih und Glied, und als er nochmals geschlagen wird, wehrt er sich, und nun kehrt sich die Scenc um. Der König sagt aber zum Kadetten: „Merke dir das für's ganze Leben und mißhandle nie den gemeinen Mann. Er ist so gut Mensch, wie wir Menschen sind." Außer solchen Soldatenspiclen fanden zu Paretz im Freien noch andere Spiele und Tänze, Verkleidungen und Vorstellungen mancherlei Art statt, woran vorzüglich die Prinzen und 412 Regierung sein, wenn die Liebe nicht als Schwäche erscheinen sollte; und schwach war Er nie, Er blieb vielmehr mo- dcr Hofstaat IN ungezwungener Heiterkeit Thcil nahmen. Aus der ganzen Umgegend strömten natürlich viele Menschen als Zuschauer herbei: den» der König gönnte gern Anderen ein Vergnügen. Unter den Zusehenden befand sich einst der vorhin erwähnte lahme Knabe aus Paretz, der, auf seine Krücken gestützt, auch etwas sehen wollte von all' der Herrlichkeit. Aber immer versperrte die wogende Menge ihm die Aussicht und er war in Gefahr, umgestoßen und beschädigt zu werden. Niemand achtet seiner in der allgemeine» Freude und er wollte schon betrübt zurückweichen. Aber des Königs Auge hatte ihn bemerkt und Sein Herz die Bckümmcrniß des Unglücklichen mitempfunden. Sogleich sandte Er einen Königlichen Jäger, ließ den armen Knaben holen und auf den crhöhctcn Stufen bequem bei sich niedersetzen. Der König stand nachher auf, wie bei kommender Abenddämmerung das Spiel aus war, und ging allein; Er nahm den stillen Weg, den Er zuletzt mit Seiner Luise gegangen, und dachte wehmüthig ernst der Abgeschiedenen. Ein solches zartes Wohlwolle» gegen alle Menschen, besonders gegen Leidende und Unglückliche, war nicht Wallungen und Impulse in flüchtigen vorübergehenden Augenblicken sondern fester Charakter, dauernde Stimmung, Pulsschlag und Athem, — so handelte Er immer. Einst fuhr Er bei dem Pre digerhausc zu G. vorbei. Es..gcsiel Ihm hier in stiller, länd licher Abgeschiedenheit, und Er nahm, hier ausruhend, auf dem Sopha des Predigers D. vor der Hausthür Platz. Des andern Tages schickte Er einen neuen eleganten Sopha, mit sechs Stühlen und einem Tische. Gern kehrte Er bei Predigern ein. Man kannte im Volke Seine Hcrzensgütc, erzählte davon eine Menge Anccdotcn und nannte Ihn darum allgemein „den Guten". Es sielen in dieser Beziehung manche komische Dinge vor. Einst ginge» zwei Berliner Frauen aus der unteren Klasse zusammen bei der Anatomie vorbei7 in welchem großen Gebäude damals die Singakademie ihr Local hatte, und dieselbe sang in ihren Singübungcn gerade so laut, daß man es auf 4i:; ralisch fest bis an Sein Ende. Liebe hielt Er mit Recht für den höchsten Grab menschlicher Veredlung; diese erreichen aber nur Wenige. Alle, die noch nicht aus der hohen Stuft ihrer stillen Kraft und ihrer milden Herrschast stehen, verstehen sie und ihren Geist nicht, sie würde also hier nicht angebracht sein, vielmehr gemißbraucht werden. Zwar fühlen Alle ihre Wohlthatcn und die Güte derselben, und preisen denjenigen, von welchem sie ausgeht: aber man würde sich sehr irren, wenn man glaubte und hoffte, sie dadurch zu gewinnen. Dauernd gewinnen für das Gute kann man nur die Guten. Diejenigen, welche es noch nicht sind, haben zwar auch Momente, in welchen sie den hohen Werth i>cr Humanität fühlen: aber es sind nur Wallungen, die bald wieder verschwinden, und das eingewurzelte, zur an dern Natur gewordene Böse kehrt bald wieder zurück. Gerechtigkeit gehört Allen an und Jeder, auch der Geringste, kann sie verlangen; aber Güte gebührt allein Solchen, die sie zu schätzen und zu gebrauchen wissen; doch muß diese bei jener stets durchschimmern, so daß Jeder stehet und fühlet, man habe es mit einem wohlwollenden Herrn zu thun. Bei Weitem die meisten Menschen wollen nach dem strengen Gesetze, durch die Furcht vor seiner Strafe, behandelt und gehandhabt sein. Die schöne Idee, Alles durch Liebe zu gewinnen, gehört in die Platonische Republik: ist aber unausführbar in einer Welt, wie sie wirklich ist, wo Viele zwar der Straße höre» konnte. Die eine Frau fragt die andere: „Was ist das hier für ein großes Haus?" „Wccß sie det nicht, Frau Gevatterinn? Det ist die Antomie." „Wat is det, die Antomie?" „Da schneide» sie den Leuten die Leiber auf." „Barmherziger Gott, hört mal, wat sie schreien; wenn det der jutc König wüßte!" -llss essen und trinken, über nicht angestrengt arbeiten wollen. Die conseqgent ernsten Bäter haben die besten Kinder und die strengen Herren die gehorsamsten Diener. Die Gottseligkeit ist eine schöne, milde Frucht der Gottesfurcht. Friedrich der Große war, wie seine entschiedene Liebe für die Wissenschaften, sein Hang zur Natur und zu seinem stillen Lnirs «mroi; seine Lust an Musik, vorzüglich an den Adagios seiner Flöte, seine Zuneigung zu Thiercn; seine Milde für treue Diener; seine treue Freundschaft; seine liebevolle Anhänglichkeit an seine Schwester — sattsam beweisen, von Natur milde und seiner herrschenden Gemüthsstimmung nach wohlwollend und gütig. Aber als König war er hart und streng, aus Princip, besonders gegen seine Minister, denen er das Meiste anvertraut hatte, und er nannte sie auch: „Er" und „Ihr". Gegen alle Beamten, die er Tintenkleckser hieß, war er sixirend und unerbittlich, — gegen den gemeinen Mann aber, den Bürger, den Bauer, und seine Soldaten, zutraulich, gesprächig und leutselig. Friedrich Wilhelm III. hatte zwar ein anderes Gcmüth, das von Natur weicher war, wie Er denn überhaupt von ganz anderen Kräften beseelt war: aber Sein Rcgierungsprincip, modisicirt und gefärbt von der Zeit, in welcher Er lebte und wirkte, war ernst legal. Keincswcges erschien Er bci'm ersten Austreten gefällig und zuvorkommend, vielmehr kalt, zurückhaltend und mißtrauisch. Seine Haltung war gerade und imponirend, Sein ganzes Wesen knapp, Seine Sprache kurz, Sein Benehmen abfertigend, so daß man Ihn für dilatorisch hielt, und da, wo man Ihn nicht kannte, Ihn verkannte. Wenn Er etwas Ihm Mißfälliges sah und hörte, konnte Er sehr heftig werden, und Viele haben Ihn so gesehen. Sein „Da- hinterfassen", wie Er es nannte, war dann so, daß Alle, 415 dic cs traf, sich fürchteten. Es lag etwas in Ihn: und in Seiner ganzen Persönlichkeit, das in ehrerbietiger Entfernung hielt, bis man Sein Vertrauen gewonnen hatte. Er kannte die Menschen und wußte, wie sie genommen werden mußten; wiewohl nicht zu läugnen ist, daß Sein Mißtrauen Viele entfernt hat. Das ist zwar zu beklagen; aber schlimmer wäre es gewesen, wenn Seine Güte Schwäche gewesen wäre, die in Mißbräuchen Ihn hintcrgangen hätte. Und täuschen ließ Er sich nicht, wenigstens in Seiner Umgebung nicht, und selbstgemachte Erfahrung galt Ihm über Alles. An den Maßstab des Wirklichen hielt Er Alles, waS ausführbar war; was nicht, durchschaute Er bald, und Sein praktischer Blick war sicher und fest. Einst war von Hamburg und seiner Verfassung die Rede. Es wurde gerühmt, daß kein Bürger in seinen jährlichen Abgaben nach seinem Gewinn und Vermögen tarirt und Keinem eine bestimmte Summe, die er zu entrichten habe, vorgeschrieben, Jedem vielmehr nach seinem Bürgercide und nach seinem Gewissen cs überlassen würde, nach seinen Umständen frei und ehrlich zu geben, was er für seine Person für recht und für das Wohl deS Ganzen ersprießlich halte. Dieß öffentliche Vertrauen erwecke Vertrauen, Pflicht- und Ehrlicbe. Man handele nicht dem zuwider und die öffentliche gute Meinung, die man von Jedem habe, sei im Verkehr und an der Börse für den Credit so wichtig, daß man um Alles in der Welt nicht dem vortheilhaften Rufe einen unrechtmäßigen Vortheil und der Lüge aufopfere. Der Zweck würde also erreicht, ohne Eontrolen, Register und Listen, dic nicht nur in der Besoldung vieler Beamten Alles kostspielig und schwerfällig machen, sondern eine Gezwungenheit, und mit derselben Mißtrauen, Hinterlist und Betrug herbeiführen. Der König 4i<; antwortete: „Vortrefflich! ich kenne das. Ist aber nur thunlich und ausführbar in einer durch einen mächtigen, in's Weltmeer fließenden Strom begünstigten mcrkantilischen Republik. In derselben ist der Vortheil des Einen der Nutzen des Anderen. Durch denselben hängt Alles, von oben herab und von unten herauf, zusammen, und die Theile bilden ein gesundes, lebendiges, cohaerircndcs Ganzes. Es ist eine schöne Sache um das öffentliche Gewissen, und habe dafür allen Respcct; auch hat Hamburg vortreffliche, kluge Männer und eine respectable Bürgerschaft: ich wollte, ich könnte mal incognito dasein. Aber sein Abgabcnsystcm läßt sich auf uns nicht anwenden; in einer großen Monarchie ist Alles ganz anders, als in einer kleinen mcrkantilischen Republik, die nur wenige Meilen im Umfange und nur einen Centralpunkt hat. Berlin ist nicht der Mittelpunkt der Preußischen Monarchie; jede Provinz hat ihren eigenen, und das Ensemble ist kein Handelstaat, wenigstens haben wir keinen Welthandel, wie Hamburg. Auf das Gewissen von Millionen sich zu verlassen und darauf zu bauen, ist eine bedenkliche Sache, und Controlcn sind leider nöthig; die Herren von der Feder mögen es aber wohl damit übertreiben! Man rühmt jetzt den deutschen Zollverband, und ich habe dadurch die Einheit Deutschlands mit wollen befördern helfen, wiewohl meine Staatskassen davon bis jetzt Schaden haben. Ob aber in Hamburg jeder Einwohner für das allgemeine Beste jährlich frei und ehrlich das giebt, was er geben kann und soll? — ich will es glauben, aber ich habe es nicht zu untersuchen. Bei der Unvollkommcnheit aller menschlichen Dinge mag es wohl auch kein Eldorado sein." *) ') Diese Unterredung und die Acnßcrung des Königs siel in Teplitz vor. 417 Man muß grstchm, daß der gewöhnliche Ernst des Königs eine oft starke Beimischung von Finsterem hatte, und dann an's Verdrießliche grenzte; aber dieß machte Seine bald wiederkehrende Gute um so angenehmer, und diese war nie ohne Wurde. Gerade diese glückliche Mischung in Seiner Stimmung erfüllte auf der einen Seite mit Ehrfurcht, auf der andern mit Vertrauen, zwar nicht diejenigen, welche Ihn nur selten sahen und hörten, besonders dann, wenn Er ironisch und satyrisch war. Dieß war Er aber sehr oft: zwar immer in der Schattirung feiner und gewandter Formen, aber desto schlimmer für den, dem es galt. Man wußte dann nicht recht, wie man mit Ihm daran war: Widerspruch reizte Ihn; man schwieg still und fürchtete Ihn, — aber mehr, als nöthig war, wie Alle wissen, die durch öfteren Umgang Ihn genauer kannten. Gutmüthigkeit schimmerte immer durch und kehrte stets zurück, wenn sie ihr Element fand. Wo Er dasselbe sah, bewegte Er am Liebsten sich darin und Er konnte dann nicht nur Derbheiten vertragen, sondern Er freute sich und lachte selbst darüber. *) In Tcplitz, wo Er Alles entfernt hatte, was Ihm Sor- ") Man weiß viele Vorfälle der Art aus Seinem Leben, unter andern folgende Scene. Der König konnte es nicht leiden, wenn auf Reisen Sein Gefolge vor Ihm war, weil dann, früher als Er auf einer Station, wo die Pferde gewechselt wurden, angekommen, die Menschen zusammenliefe» und Spcctakcl machten, was Ihm unangenehm war; Er war darum gern voraus und überraschte, wo Er dann, wenn Er sich nicht aufhalten wollte, schneller reiste; Sein Gefolge mußte deßhalb nach Ihm eine Stunde später abfahre». Au Seinem Erstaunen sieht Er dennoch die Wagen desselben, die Er hinter sich glaubte, schon vor dem Posthause zu Crossen, wo Er eben ankam, halten. II. W 27 418 gen und Verdrießlichkeiten machen konnte, und wo man möglichst alles Unangenehme von Ihm abhielt, war Er fortwährend in einer guten milden, ruhigen Stimmung. Nur in einer solchen sahen und kannten Ihn die Teplitzer, und sie frcueten sich Seiner gesegneten Gegenwart. Gewöhnlich läßt man den besten Menschen erst dann volle Gerechtigkeit widerfahren, wenn man sie nicht mehr hat; oft verkennt man sie, thut ihnen unrecht, kränkt und beleidigt sie, hat gegen sie Vorurtheile, ihre Feinde und Gegner erdichten Fehler und Vergebungen, — ihre Schwächen und Unvollkom mcnheiten hebt man hervor und schwärzt sie an, und Jeder, auch der Beste, erfährt Nackenschläge. Niemand hat eine lange Reihe von Jahren dieß mehr erfahren, als Friedrich Ungehalten, fragt Er: „wie das zugehe?" Der Ihn im Wagen begleitende Adjutant Witzlcbcn bemüht sich, es damit zu entschuldigen, daß jene Wagen wohl einen Richtwcg gefahren sein möchten. „Dummes Zeug! kann auch den Richtweg fahren, brauche nicht hinterher zu klappern." Der Adjutant erkundigt sich näher, und hört nun, daß jene Wagen einen Wiesen-Weg eingeschlagen, der aber zu unsicher gewesen sei, um den König darüber zu führen. Der König beruhigt sich aber damit nicht, fährt vielmehr fort, zu knittern und zu brummen. In diesem Augenblicke hat der Postknccht das Schmieren der Räder am Wagen des Königs, (in dem Er sitzen geblieben war), vollendet, und um den unzufriedenen Herrn zu beruhigen, erhebt er sich von seiner Arbeit, und sagt, zwar ungeschickt, aber biederherzig, zum Könige: „Geben Ihre Majestät sich doch zufrieden; wat hilft det ville Reden; et jung doch ccnmal »ich anders!" Im ersten Augenblicke war der König betreten über solche ungebührliche Keckheit; im nächsten aber wandte Er sich lächelnd gegen den Adjutanten, und sagte im heitersten Tone: „Nun wissen wir mit Einemmale ganz deutlich, woran wir sind!" und setzte in heiterer Stimmung Seine Reise fort. Wilhelm Iii!., und Er Hut im Unglück, namentlich in den Jahren I8W — 1d>l!Z, eine Periode gehabt, wo die öffentliche Meinung gegen Ihn war. Aber dieselbe erklärte sich dann um so mehr für Ihn, nicht bloß in Seinem Reiche, bei Seinen Unterthanen, sondern auch im Auslände, besonders seit der Stiftung des deutschen Zvllverbandcs. Er stand auf der Höhe der Ehre und des Ruhmes, als Er alle Jahre nach Teplitz kam; wie sehr aber das Glück und seine Gaben unser Urthcil leiten und bestimmen, weiß Jeder; Keiner widersteht seinem stillen, aber mächtigen, zauberischen Einflüsse. Wer mit li Pferden angefahren kommt, zieht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich: und derselbe Mann, der in diesem Aufzuge ehrerbietig begrüßt und von gefälligen Dienern umgeben war, wird nicht beachtet, wenn er schlicht und einfach zu Fuße einhergehet. So ist die Welt, die das Ihrige lieb hat; sie kann nicht anders! Der König liebte in Seinem wahren und einfachen Charakter es nicht, Geräusch und Aufsehen zu machen; still zog Er ein, still lebte Er, still ging Er einher. Man schätzte und ehrte Ihn um so höher, je Königlicher Er in Seiner Gesinnung und Handlungsweise war: von dieser schloß man tatsächlich ans die Würde Seines Charakters, und Sein äußerer Werth galt um so mehr, je gehaltreicher Sein innerer war. Die Verehrung und Anhänglichkeit wuchs mit jedem Jahre. So war es, so blieb es, bis an Sein Ende. Fünf und zwanzig mal *) war Er, größten thcils hintereinander, da gewesen, und in 23 Jahren lernt ') Der Verfasser hat genau nachgezählt; er kann sich aber in dieser Zahl irren, und zu viel oder zu wenig angegeben haben. 420 man schon den, der einen offenen und geraden Charakter hat, auch wenn er ein König ist, kennen. Er war da gewesen, und hatte, ohne daß Er's suchte, Alles erfreut. Nun kam Er nicht wieder; Er war zu den Vätern gegangen, und diese Nachricht erfüllte ganz Teplitz mit Threincn. Man vermißte, man beweinte Ihn, und viele Stimmen von denen, welchen Er im Stillen Gutes gethan, wurden jetzt laut. Es war, als wenn der berühmte Badeort seinen Glanz verloren hätte, nun Er nicht mehr hinkam. Viele berühmte, in der Geschichte glänzende Männer waren in dem unvergleichlichen Badeorte gewesen, aber von hohen Herren Keiner, der ihn so treu geliebt und so innig geliebt wurde, als Friedrich Wilhelm III. Sein Bild, Seine Gestalt stand Jedem vor Augen; man nannte Seinen theurcn Namen mit Rührung. Dieß Gefühl, welches Alle im Herzen trugen, ging in Gesinnung, und die Gesinnung in That über. Die Bewohner der Stadt und des Landes errichteten unter Zuströmen des Volkes mit frommer Feierlichkeit, Andacht und Liebe, auf einer angemessenen Stelle an Seinem Geburtstage, den '!ten August 1841, Ihm ein ansprechendes Denkmal. Ein Genius hat eine Siegerkrone in der Hand, segensreich und schirmend; auf der Vorderseite des Epitaphiums ist das Brustbild des Königs in vergoldetem Erz. Die Hauptseitc trägt in goldene» Buchstaben die Inschrift: I4e»ne»i1 et memniine I0'ie<1viei ^Vilüelini III. veost« k»oi'u«8oi'um Kvatn Ikeplitn eleelieavit 1841. ») ") Die Errichtung dieses Denkmals, wofür sich ganz Teplitz und 321 Der Kaiser van Rußland, Alexander I>, war gestorben; im Anfange des Jahres 1835, wurde nun auch zu seinem das Königreich Böhmen interessirtc, fand bei dem Wiener Hof und dem Kaiser Ferdinand vollen und reinen Anklang; besonders zeigte sich dabei thätig und theilnehmend der Haus- und Staatskanzler, der edle Fürst von Metternich. Und so ist und bleibt in ewigen Zeiten dieß Denkmal, errichtet in einem fremden Lande, ein stiller und beredter Zeuge, nicht nur in einer dankbaren Stadt und Umgegend, sondern auch der treuen und aufrichtigen Bundesgcnosscnschaft zwischen Oestrcich und Preußen. Ein würdiges Denkmal zum Gedächtnis Friedrich Wilhelm III. will und wird (IX4li> die Stadt Potsdam errichten. Hier ward Er (nicht im Schlosse, sondern in einem Privat- hause) geboren. Als ein guter Sohn liebte Er Seine Vaterstadt und wuchs in ihrer Stille aus. Als Kronprinz war Er hier gern und hatte in ihre» angenehmen Gärten, in dem Ihm lieben, zutraulichen Paretz, den Frühling Seiner ehelichen glücklichen Liebe verlebt und die ersten süßen Vaterfreuden genossen. Theurc Erinnerungen wurden und blieben in Seinem Herzen wach, — Er hatte Potsdam lieb! Der Stadt that Er in Seiner langen Regierung, wo Er konnte, Gutes. Er half ihr durch Verlegung zweier ansehnlichen Landescollegien aus dem bevölkerten Berlin; Er vermehrte das Militair, Seine schönen Garden, und bauetc ihnen Caserncn; Er unterstützte und beschenkte reichlich die Gelehrten-, Gymnasial- und Bürgerschulen; Er stiftete neue, Er verbesserte alle Institute; Er re- parirte alte, Er baute neue große, prächtige Häuser. Den Armen- Anstalten ließ Er alle Jahre, wie bei erfreulichen Ereignissen im Vatcrlandc und in Seiner Familie, große Wohlthaten zufließen und unterstützte täglich die Nothleidendcn, besonders die verschämten Hausarmcn. Man sah Ihn oft allein im Ucber- rock und in der Feldmütze die stillen entlegenen Straßen auf- und abgehen; Jeder kannte Ihn und überall begegneten Ihm dankbare, frohe Gesichter. An Sonn- und Festtagen besuchte Er die Kirche, und Er kam daher mit Seinen Kindern wie die Andern. Er fuhr mit Seiner Familie in einem ge- 422 Bätern versammelt und bei seinen hohen Ahnherren in Kaiserlicher Grust beigesetzt der Kaiser von Oestreich, Franz I. — wohnlichen Korbwagen und besuchte gern die nächste Umgegend und ihre Bewohner. Er lebte still und verborgen, und nur an den weisen Einrichtungen, die Er traf, und den großen Wohlthatcn, die Er verbreitete, merkte man, daß Er ein König war. Er war demüthig und gottesfurchtig, und nie verließ Ihn das Bewußtsein, daß Er Alles nur von der Gnade Gottes habe. Er sah Jeden an mit Seinem edlen, offenen Königlichen Angesichte, und Jedem ward wohl bei Seinem Anblicke. Nie ist ein König, als solcher, und als Mensch, wahrer und herzlicher von allen Volksklafscn, reich und arm, jung und alt, geliebt worden, als Er. Kein Wunder, daß der Gedanke, Ihm ein angemessenes Denkmal zu errichte», allgemeinen Beifall fand; — kaum war er öffentlich ausgesprochen, als Jedermann eilte, seinen Beitrag zu geben. Die Maßregeln, die man getroffen, um die nöthigc ansehnliche Summe zu decken, erschienen gleich als unnöthig: so stark war die andringende Theilnahme. Selbst Knechte und Mägde brachten freudig ihr Schärflein. Mein verstorbener Kutscher, Ferdinand Klein, Sohn eines redlichen Bauern aus Pommern (der, als endlich der Befreiungskrieg losbrach, selbst mit Z Söhnen kämpfte, von denen nur 2 mit ihm aus dem siegreichen Kriege wiederkehrte») wollte seinen monatlichen Lohn vvn 13 Thalern ganz zu dem Denkmal hingeben. Als ich ihm das seine Kräfte und Verpflichtungen Uebersteigende widerrieth, sagte er mit Thrä- nen im Auge: „Für den alten Herrn habe ich Alles über; ich kann einen Monat trocken Brod essen. Nie werde ich vergessen, wie Er leutselig war, wen» Er bei uns die Front der Garde vorüberging, uns ansah und sagte: Guten Tag, Came- raden!" Ein Monument, welches Liebe und Dankbarkeit errichten, hat wahren, inner» Werth; es lebt und spricht in der Gesinnung, der es sein Dasein verdankt. Anfangs war beschlossen, daß der Hochsclige, schlicht und einfach wie Er war, und am Liebsten unter uns wandelte, wie wir Ihn am Ocfter- sten gesehen haben, in Seinem zugeknöpften Ucbcrrocke, mit der Landwehrmützc in der Hand, dargestellt würde. Dieß wurde 423 Ein merkwürdiger Herr; verchrungswürdig durch seine hohe Stellung; merkwürdig durch seine Schicksale; liebenswürdig aber nachher nicht für gut, sondern für angemessener gefunden, Ihn als König, mit den Königlichen Insignicn, Krone und Scepter, in Uniform abzubilden. Als Ort der Aufrichtung schlug ich vor den Raum vor der Hof- und Garnisonkirche, weil der Boden hier fest, der Platz groß genug, aber nicht zu groß ist, um von den umstehenden Häusern nicht gedrückt z» werde» und dadurch klein zu scheinen; um die Rückseite besser zu verdecken, und weil die Kirche dem Gottesfürchtige« ein lieber Orr war, den Er gern besuchte; das Ganze in dieser Umgebung sei auch im Geiste und Sinne des Verewigten. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen, sondern der prächtige, in der Mitte der Stadt liegende große Wilhelmsplatz gewählt und das Ccntrum desselben schon de» 3ten August 1844 durch eine religiöse Feierlichkeit cingeweihet und der Grund stein zum hohen Standbilde gelegt, welches den König, stehend in Lebensgröße, darstellen wird. Die wirkliche Aufstellung wird erfolgen, sobald das Werk fertig sein wird. Der Künstler, welcher es aus feinem reine» Marmor verfertiget, ist der berühmte Bildhauer der meisterhaften Amazonengruppc, der Professor Kiß. Als Einschrift habe ich vorgeschlagen: „Die dankbare Vaterstadt dem Vater des Vaterlandes, König Friedrich Wilhelm III." Die Theilnahmc des jetzt regierenden Königs Majestät, Friedrich Wilhelm IV., hat sich wieder hier in ihrer ganzen Pietät offen an den Tag gelegt. Die wackere Bürgerschaft der guten Stadt Potsdam hat auch in dieser Angelegenheit nur von guten, lobcnswerthen Seiten sich gezeigt. Sie thut und verrichtet Alles für das allgemeine Beste, ohne Eitelkeit und Geräusch. Die Städte-Ordnung hat Leben, Geist und Thätigkeit in sie gebracht. Sie ist ihrem angestammten Könige und Seinem Hause unerschütterlich treu und anhänglich dankbar. Sie ist kirchlich gesinnt und in ihren braven gebildeten Familien herrscht viel häusliches Glück. Sie ist friedfertig, thätig und lebensfroh; in ihrer Mitte läßt sich gut leben. Stic war Potsdam wohlhabender 424 durch seinen Charakter, interessant durch seine Persönlichkeit. Wiewohl sein schwacher, zarter Körperbau ein nicht langes Leben versprach, so wußte man doch, wie mäßig und nach der Regel er lebte. Er hatte viele Stürme fest bestanden, und mit seinen getreuen Untcrthanen hoffte Europa seine lange Erhaltung. Sein Tod kam darum der Verehrung und Liebe, die man allgemein für ihn fühlte, viel zu früh. Er wurde aufrichtig betrauert und es sind viele Thränen um ihn geweint worden. Man dachte daran, wie einsichtsvoll er regiert, wie redlich mit der guten Sache und jedem Menschen er es gemeint; sein hohes gcweihctes Beispiel, das er im Unglück und Glück gegeben, stand verklärt vor Augen und man sah ihm mit Wehmuth nach. Niemand empfand im Auslande den Verlust, welchen die Welt erlitten, tiefer und ausrichtiger, als Friedrich Wilhelm Iis. Er liebte Kaiser Franz I. persönlich: Er hatte Vertrauen zu ihm, und Vertrauen ist bei jeder Verbindung, auch der diplomatisch-politischen, Hauptsache, und Grund eines dauerhaften Bestehens. Die geschlossene Alliance war nicht bloß durch Umstände der damaligen Zeit gegen einen gemeinschaftlichen ehrgeizigen feindseligen Gegner, der Alles klein und sich nur groß machen wollte, durch Klugheit herbeigeführt, sie war auch eine naturgemäße und ruhctc, als eine feste Grundlage, auf gcmcin- und bevölkerter, als unter Friedrich Wilhelm III. und IV. Die Nähe von dem großen prächtigen Berlin, ist freilich angenehm; schadet, weil Berlin einen festem Markt und mehr Auswahl hat, Potsdam aber auch, vorzüglich allen Gewerbetreibenden, mehr noch wie sonst, seit der Zeit, daß man auf der Eisenbahn in drei viertel Stunde hinkommen kann. So hat Alles zwei Seiten, ein jedes anininndimi auch sein innoiuiiwelnm; so liegt es in unserer besten Welt. 425 schastlichem Deutschen Interesse. Sic war, wie in den vereinigten Nationen, so in den Oberhäuptern derselben, noch mehr als eine politische,, sie war auch eine moralische Vereinigung, deren zusammenhaltende Bande unauflöslich und ewig sind; sie war Sympathie, Einigung der Herzen, und diese ist stärker, als der trennende Unterschied der äußeren Confcssion. Das Innere derselben liegt in einer ganz anderen Gegend, als die ist, welche die Hierarchie der Kirche abgrenzt; sie steht über derselben und hat ihre Lebcnswurzeln in einem reinen Boden, der von Himmclslust angehaucht und befruchtet wird. Beide, der Kaiser und der König, fanden und erkannten und liebten sich als Menschen, und als solche verknüpft, hatte ihr Bund seine volle Bedeutung und Wurde. Ihre beiderseitige Wahrheit und Wahrhaftigkeit, ihre gemeinschaftliche Redlichkeit und Biederkeit, ihre edle Einfalt und Mäßigkeit und Mäßigung, ihr ganzes Sein und Wesen, bezeichnete eine geistige Verwandtschast, in welcher Einer den Andern wiederfand. Das vorige Mißtrauen, welches beide Häuser, das Ocstreich sche und Preußische, voneinander scheu entfernt hielt, und die feindselige Spannung, welche aus alten längst entflohenen Zeiten stammte, war verschwunden in der aufrichtigen Freundschaft, die Beide füreinander hegten. Dem Könige war solche so wichtig, daß Er ihrer noch in Seinem letzten Willen gedenkt, und den Wunsch ausspricht: „Daß Preußen, Rußland und Oestreich sich nie trennen mögen; ihr Zu sammenhalten ist der Schlußstein der großen Europäischen Alliance." Dieses Testament schrieb Er den I sten Deccmber 1827, also 15 Jahre vor Seinem, 8 Jahre vor dem Tode Franz I. Die Verbindung mit ihm und seinen Staaten hielt Er 426 nicht aus Schwäche der Furcht, die Er nicht kannte, sondern aus voller Ucberzcugung, daß in ihr die Wohlfahrt des Ganzen ruhe, wie ein Palladium desselben fest; Er vermied mit großer Vorsicht Alles, was sie schwächen, Er that Alles, was sie befestigen konnte. Nun, selbst alt, stand Er isolirt da, verlassen durch den bittern Tod Seiner treuen Bundes genossen, mit denen Er im Schweiße Seines Angesichts den Kampf der Freiheit über den gemeinschaftlichen mächtigen Gegner siegreich gekämpft hatte. So wie Er den frühen Tod Seines Bundesgenossen und Freundes Alexander beweint hatte, beweinte Er jetzt den Hingang des Kaisers Franz. Die Nachricht davon erschütterte Ihn; der heilige Bund, den Er mit Beiden geschlossen, war nun, wenn auch nicht in der Sache, doch in den Personen, aufgelöst; Er allein war noch übrig geblieben; Er war, Seiner Natur nach wenn ein tiefer Schmerz Ihn drückte, still, und sprach nicht, als Er in der Kirche das nun von Eypressen umschattete brüderliche Trifolium sinnend betrachtete. Das Königliche Haus trauerte mit Ihm nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich von Herzen. Aber auch die Preußische Nation theilte diesen Schmerz. Sie ehrte die Verbindung mit dem Kaiser von Oestreich und liebte den Heimgegangenen. Die Erzählungen von seinem populairen Edclmuthc lebten überall und waren von Munde zu Munde gegangen; sie erhielten eine verstärkte Bedeutung, nun er nicht mehr war. Die Armee hatte größtentheils auf dem Hecreszugc gegen Franksseich und in Paris ihn gesehen und liebgewonnen. Die Soldaten sangen mit den Ocstreich- schen auf ihren Märschen das Nationallied: „Gott segne Franz, den Kaiser," und die Nachricht von seinem erfolgten Tode betrübte sie. Die Schauspiele waren geschlossen, öffcnt- 427 liche Vergnügungen eingestellt, und die ganze Preußische Armee legte Trauer an. In derselben aber fühlte den erlittenen Verlust vorzüglich das Grenadier-Regiment Kaiser Franz, welches den glor reichen Namen des verewigten Monarchen trägt und in ihm seinen erhabenen Chef verehrt. Den ausgesprochenen Wunsch, zu Ehren des Vollendeten eine kirchliche Gedächt- nißfeier zu halten, erfüllte der König, ganz in der Ucbcr cinstimmung mit den Bedürfnissen und Empfindungen Seines Herzens. Zu dem Ende rückte das Kaiser Franz Grenadier Regiment von Berlin in Potsdam (den 14. März I8Ü5) still ein. Am Morgen des andern Tages stellte es sich mit seinen in Trauerflor gehüllten Fahnen und Trommeln in dem Lustgarten auf; alle Militair-Musik schwieg, und still ging es, -dem Könige vorbei, in die Hof- und Garnisvnkirche. Ebendahin verfügten sich der König, der Kronprinz, die Krön Prinzessin», und sämmtliche Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses; eine große Anzahl von Generalen, hö Heren Offizieren und höheren Civilbeamten. Insbesondere hatte sich auch die hohe Kaiserlich Oestrcich'sche Gesandtschaft eingefunden, um an der heiligen Feier Theil zu nehmen. Den noch übrigen Theil in der Kirche füllten Personen aus allen Standen und an den Seiten des schwarzbekleidcten Altars standen die Träger der in Trauerflor gehüllten Fahnen des Regiments. Das Ganze machte einen imponirenden Eindruck: Jeder fühlte die Bedeutung der frommen Traucrfeier, und es herrschte in ihr die Stille der Wchmuth. Der Gottesdienst begann mit Absinguug einiger Verse aus dem Liede: „Jesus meine Zuversicht." Der Hofprcdiger Grißon hielt die zum Gedä'chtniß der Verstorbenen bestimmte 428 Liturgie, und den dadurch erzeugten frommen Eindruck suchte nachstehende Rede zu beleben: Jesaias 57, Vers 2. „Die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern." „Lebhast und mit erneuertem Schmerz ruft diese ernste, wehmuthsvollc Stunde die ganz ähnliche in unser Herz zu- rück, die uns an diesem heiligen Orte vor nun bald zehn Jahren zur frommen Gedächtnißfcier des früh vollendeten Kaisers von Rußland, Alexanders I., versammelte. Wie damals, so bringen wir heute, auf Veranlassung unscrs gnädigen Königs und Herrn, die stillen Opfer der Ehrfurcht, der Dankbarkeit und Trauer, dem Gedächtniß des nach Gottes Willen nun schon von seinem großen Tagewerke abgerufenen Kaisers von Ocstrcich, Franz I." „Alexander — und Franz! vollwichtige Namen in der Geschichte unserer Zeit; Namen, an die sich die Erinnerun gen großer, unsterblicher Thaten knüpfen: Namen, welche die späteste Nachwelt noch mit Verehrung und Dank nennen wird. Miteinander auss Innigste durch gleiche Gesinnungen und Zwecke verbunden, bewahrt diese Kirche ein einfaches, schönes Denkmal, auf welchem wir die Stifter des großen geheiligten Bundes in dieser Vereinigung erblicken, zur Erinnerung an jene ernste, große, entscheidende Zeit, die sie und ihre treu verbundenen tapferen Heere mit ihren Kämpfen, Siegen und Segnungen herbeiführten." „Was kann ansprechender, rührender und erhebender sein, als wenn von diesem so hochwichtigen Bunde der Dritte, unser König und Herr, das hohe Gedächtniß Seiner beiden erhabenen, nun vollendeten Bundesgenossen, wie früher des Ersten, so jetzt des Zweiten, in Gegenwart des Regiments, 429 das seinen verherrlichten Namen trägt, gvttesdienstlich gefeiert wissen will, nnd Selbst mit Seinem Hause an dieser Feier Theil nimmt." „O! wir suhlen es, diese Stunde ist eine große, bedeutungsvolle Stunde in unserem Leben, und wir wünschen uns Allen dazu die rechte Stimmung. Das göttliche, belebende Wort wird sie uns geben; denn kann man den verewigten Kai ser von Ocstreich mit einem Zuge richtiger und vollständiger bezeichnen, als wenn man mit unserem Texte von ihm sagt: „Er hat richtig vor sich gewandelt?" „Er hat richtig vor sich gewandelt, er ist gekommen zum Frieden und ruhet in seiner Kammer." „Und damit ist uns denn der Inhalt zur Feier seines Gedächtnisses gegeben: sie soll sein: eine fromme, eine ehrende, eine dankbare Feier." „Eine fromme. Der wahren Verehrung, der aufrichtigen Liebe ist es, besonders wenn sie trauert, tiefgefühltes .Bedürsniß, nach allem langen irdischen hin und her Reden über den erlittenen Verlust da Trost und Beruhigung zu suchen, wo sie allein dauernd zu finden ist, bei und in Gott, in festem Glauben an den Erlöser. — Der Tod eines mächtigen Herrn, dem ein großes, vielumfassendes Reich anvertraut war, und der mit Ernst, Gerechtigkeit und Liebe regierte, ist eine tiefe und wciteingreifendc Begebenheit, die nicht ohne große Folgen bleiben kann." „Es lassen sich namentlich in einer so aufgeregten und bewegten Zeit, wie die unsrige, dabei unzählige Fragen und Zweifel aufwerfen, wo der Eine den Andern mit Einwürfen überbietet. In solchem Wechsel, in solcher Verschiedenheit 4.Z0 schwankender menschlicher Ansichten und Meinungen, wo Jeder die seinigen geltend machen will, liegt weder Belehrung, noch Trost, und man kann nicht Theil daran nehmen, ohne an Ruhe zu verlieren." „Denn was sind alle Urtheile, Schlüsse und Berechnungen kurzsichtiger, ohnmächtiger Menschen vor dem Ewigen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Einem Blicke überschauet, mit unbeschränkter Macht die Welt regiert, über alle Kräfte im Himmel und auf Erden gebietet, und sie segnend und zerstörend lenkt, wie er will?!" „Darum haben Christen ganz andere Gesichtspunkte und Maßstäbe. Ihnen sind alle Veränderungen in der Welt, besonders so großartige, in ihren verborgenen Ursachen und Zwecken, die kein menschlicher Verstand zu durchschauen vermag, Fügungen, Schickungen einer höheren, unsichtbaren, Alles leitenden Hand. Das untrügliche Wort Gottes, die bestimmte Lehre des Erlösers, läßt sie darüber nicht in Ungewißheit, und benimmt ihnen alle Zweifel. Sic wissen: Der Menschen Leben stehet in Gottes Hand; Er nur allein hat Gewalt über Leben und Tod. Einem Jeden ist ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreitet, und wie der Tag der Geburt, so ist die Stunde des Todes von der höchsten Weisheit unabänderlich angeordnet. Gottes Vaterstimme ist es, die edle, fromme Fürsten abfordert, daß wenn die vergängliche Krone ihrem Haupte entsinkt, sie die unvergängliche empfangen." „Wie trostvoll und beruhigend ist das milde Licht, welches damit auf unsere fromme Gedächtnißfeicr fällt! Wir klagen und trauern mit dem erhabenen Kaiscrhause und dem ihm ungehörigen Staate, daß sein geheiligtes Oberhaupt, dem 431 Verehrung, Dankbarkeit und Liebe das längste und glücklichste Leben wünschte, jetzt schon in die. Nacht des Todes sich geneigt hat, und die Thränen von Millionen fließen an seiner Gruft. Aber kein blinder Zufall, kein absichtsloses Ohngefähr hat es also herbeigeführt. Nein, der allinächtigc und gnädige Gott, der den theuren Kaiser für den Thron seiner Väter geboren werden ließ, auf diesem Throne mit Macht aus' rüstete, mit Weisheit, Gerechtigkeit und Milde segnete, mit der Liebe seiner Völker beglückte, hat ihn, reif geworden für eine höhere Ordnung der Dinge, in eine bessere Welt von seinem mühevollen, schweren Tagewerke abgerufen, und ihm nun des ewigen Lebens unverwelkliche Krone gegeben. Wir preisen seine Huld und Gnade, daß er den hohen, edlen Herrn, bei einein zarten, schwachen Körper, zum Segen seiner Völker bis zum Antritt des acht und sechzigsten Jahres erhielt. Millionen Herzen danken für das unendlich viele Gute, was er in den drei und vierzig Jahren seiner glorreichen Regierung stiftete, danken für das sanfte, selige Ende, das in voller Geistesgegenwart und heiterer Seelenruhe sein musterhaftes Leben krönte und verherrlichte. Die Welt fühlt schmerzlich den Verlust, den sie durch diesen Tod erlitten; aber wir vertrauen Gott, ehren seine Schickung, unterwerfen uns in Demuth seiner Führung, und beten an seinen heiligen Namen. Ja, unsere stille, wehmuthsvollc Gcdächtnißfeicr sei eine christlich-fromme." „Und eine ehrende. Die geprüfte, auf Thatsachen sich gründende, allgemeine Meinung, die sich nicht bestechen läßt, hat längst in merkwürdiger Uebercinstimmung über den hohen Werth des verewigten Kaisers entschieden, und sein Lob, wie es in weiter Ferne ertönt, ist am Lautesten in der Nähe, wo man am Genauesten ihn persönlich kannte. In 4Z2 dem schönen einfachen, doch vielsagenden Zuge, den unser Lcichentext angiebt: „Er hat richtig vor sich gewandelt," erblicken wir den hohen, edlen Herrn, wie er war, dachte und handelte: ernst, einfach und schmucklos, redlich, bieder und aufrichtig, zu dem man gern und bald Vertrauen faßte. Tief im Herzensgrunde wahrhaft gottcssürchtig und religiös, nach den Grundsätzen und dem Glauben seiner Kirche und darum in seinem ganzen Thun und Lassen gewissenhaft und gerecht. Fern von Stolz und Uebermuth, und doch in ungeschminkter Würde und stiller Größe Ehrfurcht einflößend. Unerschütterlich fest, besonnen und beharrlich in allem dem, was er als wahr und recht erkannte, und sicher und ruhig mit Erfolg dem Verderben der Zeit entgegenwirkend. Gefaßt, still und gottergeben im vielfachen, schweren Unglück: anspruchslos, einfach und mäßig, immer sich gleich bleibend im glänzenden Glück. Ein Freund und Beförderer des. Friedens: ein mächtiger Beschützer des Rechts, der Sitte und Ordnung; ein Vorbild und Muster in allen öffentlichen und häuslichen Tugenden. Ein treuer, zärtlicher Gatte, ein liebevoller Vater seiner Kinder, die Seinen liebend bis an's Ende: sie segnend noch in der Todesstunde voll inneren Friedens, zu dessen ungetrübtem Genüsse er jetzt gelangt ist. Ja, er hat richtig vor sich gewandelt, so steht vor unfern Augen das Bild des vollendeten Kaisers, als Mensch, als Christ, als Regent, den sein treues Volk mit Begeisterung liebt, den Europa verehrt, dessen Tod die Welt betrauert. Ja, mit voller Seele stimmen wir ein in diese Verehrung denn unsere Gedächtnißfcier ist nicht bloß eine fromme und ehrende, sie ist auch noch eine dankbare. Das wechselseitige, gute Einvcr- ständniß und Vertrauen der Herrscher ist Wohlthat für ihre 4ZZ Völker; cs stärket ihre Kraft, belebet ihren. Muth und befestiget ihr Glück. Was kann es für das Heil der Menschheit Schöneres und Größeres geben, als wenn Regenten großer Staaten, denen Gott Macht und Gewalt verlieh, in wahrhaft aufrichtiger Gesinnung und wechselseitiger Achtung sich für die höchsten Zwecke und Güter des Lebens, für Auf- rcchthaltung gesetzlicher Ordnung, Tugend und Wohlfahrt, vereinigen?! Wer mag berechnen, wieviel Böses dadurch verhindert und erstickt, wieviel Gutes dadurch in weiten Kreisen geweckt und gefördert wird?!" „Und wie könnten wir da vergessen der ewig dcnkwür digen Kricgsjahre und der mächtigen, kräftigen Hülfe, die der vollendete Kaiser der gemeinschaftlichen guten Sache redlich, aufrichtig und ausdauernd widmete? Wie sollten wir nicht dankvoll anerkennen und rühmen, wie des Verewigten Augenmerk seit jener Zeit unablässig auf die Erhaltung des Friedens, der Ordnung und Eintracht unter den verschiedenen Mächten gerichtet war?! O! wie bedeutungsvoll ansprechend lebt diese freie dankbare Anerkennung offenkundig fort in dem hier anwesenden Regiments, das in dem nun verewigten Kaiser seinen erhabenen Chef verehrte, und des hohen Vorzugs gewürdigt ist, — wachend über Pflicht und Ehre, — seinen unsterblichen Namen zu tragen. Und den Schmerz dieses tapferen Grenadier-Regiments Kaiser Franz theilt die ganze Preußische Armee in Anlegung der Trauer." „Wie damit unser König und Herr das Andenken des Verewigten öffentlich ehrt und Seine unerschütterliche Freundschaft darin bethätigt, so hat auch der verewigte Kaiser dieselbe aufrichtige Gesinnung treu bewahrt bis an sein Ende. Darum erfüllet sein Tod das Herz unseres Königs mit lebhaftem Schmerz; Sein ganzes Haus, das Vaterland und II. 2« 434 wir theilcn dicftn gerechten Schinerz, und Dank und Wch- inuth und Rührung durchdringen unsere Seele in dieser heiligen Stunde." „Wohl Dir, Vollendeter! Du hast richtig gewandelt, nun bist Du zum ungetrübten Frieden gekommen; Deine abgelegte Hülle ruhet in der Gruft Deiner Ahnherren in ihrer stillen Kammer, Dein unsterblicher, verklärter Geist aber freut sich der Ernte Deiner reichen Saaten. In Deiner edlen Gesinnung, in Deinem thatcnrcichen, musterhaften Leben, in der innigen, dankvollen Liebe und treuen Anhänglichkeit Deiner Völker, hast Du Dir ein unvergängliches Denkmal errichtet. Mit- und Nachwelt nennen mit Verehrung Deinen Namen und segnen Dein Gcdächtniß. Gottes reicher Segen walte über dem hohen Kaiserhaus?, und erfülle alle Glieder desselben, besonders auch die erhabene verwittwctc Kaiserinn, die in dem Reichthum ihrer Frömmigkeit, Milde und Tugend, den Lebensabend des Verewigten verschönerte und beglückte, mit seinem Frieden, und erquicke ihre trauernden Herzen mit dem Tröste ewiger Hoffnungen. Auf dem erlauchten Sohne ruhe das reiche Erbe seines nun in Gott ruhenden Vaters: Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Milde, — und Gottes segnende Gnade sei mit dem Kaiser Ferdinand, seiner Regierung und seinem Volke!" „Uns Allen aber, o Herr! gieb Einsicht, Kraft und Treue, richtig zu wandeln bis an's Ende, und laß dann auch uns durch einen seligen Tod zu Deinem Frieden kommen." Nach dem Gottesdienste, der mit Gesang und dem Segensspruche geschlossen wurde, ließ die hohe Oestrcich'sche Gesandtschaft, Se. Ercellenz der Wirkliche Geheime Rath, Kämmerer und bevollmächtigte Minister und Ritter Herr 435 Graf von Trautmannsdorff-Weinsberg, sich das Manuscript dieser Gedächtnißrede erbitten; und zugleich erhielt ich den Königlichen Befehl, sie drucken zu lassen, damit ein Jeder von dem Grenadier-Regiment des Kaisers Franz zum Andenken an die ernste, heilige Stunde ein Eremplar dieser Ge- da'chtnißschrift empfange; der König sagte mir aber mundlich, daß ich sie an des jetzt regierenden Majestät, den Kaiser Ferdinand, durch den Fürsten von Metternich Durchlaucht schicken möchte. Ich that das, und erhielt von dem Haus- und StaatSkanzler Fürsten von Metternich eine Antwort, die ich als Document der damaligen Zeit und zum neuen Beweise, daß dem wahrhäft großen Manne und seinem Gemüthe Nichts klein ist und auch das Kleine und Unbedeutende einer kleinen, bald vergessenen Rede durch seine Behandlung groß wird, hier wörtlich treu mitthcile: „Hochwürdiger Herr Bischof!" „Ich erfülle den Befehl Seiner Majestät, des Kaisers, meines allcrgnädigsten Herrn, indem ich Euer Bischöflichen Hochwürdcn Seinen gerührten Dank für die von Hochden- selben dein Andenken Seines verewigten Herrn Vaters, des Kaisers Franz Majestät, gewidmete Gedächtuiß-Redc, von welcher Sic auch ein Eremplar an Se. K. K. Majestät eingesendet haben, ausdrücke." „Dem Gefühle Seiner Majestät nach war es nicht möglich, die erhebende Feier, welche Seine Majestät der König der Erinnerung an Seinen von Gott zu sich berufenen Freund und Bundesgenossen veranstaltet hatte, in einfach ergreifenderen Worten zu verherrlichen, als Solches in jenen geschah, welche Euer Bischöflichen Hochwürden am lü. März, an 28» 430 gcwcihcter Stätte gesprochen haben. Hochdicsclbcn haben zur Lösung der Ihnen gewordenen Ausgabe die beste Beredsamkeit gewählt, — jene des Herzens, sie allein dringt zum Herzen, sowie sie aber nur einem Herzen entspringen kann, welches von dem Gegenstände, der gefeiert werden soll, erfüllt ist. Die treue Schilderung der Tugenden und seltenen Eigenschaften, welche den verklärten Monarchen auszeichneten; die glänzende Gerechtigkeit, welche Euer Bischöflichen Hochwürdcn in Ihrer Rede den Verdiensten, die Er Sich um die gemeinschaftliche Sache Europa'S erworben, angedeihen lassen; die rührende Erwähnung endlich der innigen, nur durch den Tod zerstörbaren Freundschaftsbande, die Ihn an den König, Ihren erlauchten Herrn, knüpften, verbürgen Euer Bischöflichen Hochwürden ebenso gewiß die dauernde Erkenntlichkeit aller Oestreichcr, als diese Züge hinwiederum geeignet sind, in der Brust aller treuen Unterthancn Ihres Königs Anklang zu finden." „Gestatten Eure Bischöflichen Hochwürdcn geneigtest, daß ich bei Vollziehung des mir gewordenen Kaiserlichen Auftrages auch diese meine persönlichen Gefühle gegen Hochdieselbcn geltend mache, zugleich auch die Versicherung meiner Euer Bischöflichen Hochwürdcn unwandelbar gewidmeten, vollkommensten Hochachtung hinzufüge. Wien, den Ist. April 1835. von Metternich." An Sr. des Herrn Bischofs v. Eylert Hochwürdcn zu Potsdam. Dieses von formellen, diplomatisch-artige», aber nichtssagenden gewöhnlichen kurzen Ministcrial-Rcscriptcn sehr verschiedene, in die vorliegende Sache mit Interesse eingehende, 437 wohlwollende und gemüthlichc Schreiben des Haus- und «Dtaatskanzlers Fürsten von Metternich thciltc ich dem Könige mit. Er las es mit sichtbarer Aufmerksamkeit, bezeigte Seine warme Thcilnahmc, und indem Er es zurückgab, sagte Er mit wehmüthigcm Tone: „Ja, der redliche Kaiser Franz war mein Gönner und aufrichtiger Freund. Nun ist auch er nicht mehr hier." Tief empfand Er seinen Tod und betrauerte ihn. Seine beiden Bundesgenossen, Alexander und Franz, an die Ihn thcurc, werthe Bande knüpften, waren nicht mehr. Er war nur noch übrig, und damals schon llö Jahre alt. Zu den Leiden und Prüfungen des Alters gehört vorzüglich, daß liebe Menschen, die man eine lange Reihe von Jahren kannte, und an welche Vertrauen mit seinen Erinnerungen fest knüpft, da hingehen, von wo man nicht wiederkommt. Einer nach dem Andern scheidet aus, und der Gräber werden viele, deren Bewohner man kannte. Je älter, desto einsamer und verlassener wird Alles ringsumher; die junge Welt ist nicht mehr für uns und wir sind nicht mehr für sie. Die Stille der Einsamkeit sagt zu und mahnet an die letzte Nacht. Bei regierenden Herren, deren Leben bunter ist, und die mehr an den steten Wechsel der Sachen und Menschen, an ihr Austreten und Verschwinden, an ihr Kommen und Weggehen gewöhnt sind, soll es anders sein. Bei Friedrich Wilhelm III. war es nicht anders, und Er empfand um so tiefer und länger, je weniger Er es äußerte und je stiller Er war. Dazu kommt, daß Er, ganz von der gewöhnlichen Regel und Erfahrung abweichend, mit den Jahren immer milder ward. Seine natürliche Heftigkeit verlor sich fast ganz; je reicher Sein Leben an Erfahrungen 438 wurde, um so ruhiger sah Er Alles an. Freilich war Sein Lebensabend heiter; Er sah sich von guten und glucklichen Kindern, von blühenden Enkeln umringt; Sein Volk, nach schweren Drangsalen wieder frei und glücklich, liebte Ihn als seinen Bater; das Ausland und die Welt ehrte Ihn; Seine rathende Stimme wurde verlangt und befolgt. Aber Alles, auch der Umstand, daß Er der Senior unter den Europäischen Fürsten war, erinnerte Ihn an Sein Alter und Er konnte und wollte die treuen Bundesgenossen und Freunde Alexander und Franz nicht vergessen. Man würde Ihn verkennen und Ihm Unrecht thun, wenn man Seine mit den Jahren zunehmende Milde und Gelassenheit nicht als die reife Frucht Seines Charakters, sondern als die natürliche Folge Seines Alters ansehen und darin die Schwäche finden wollte, welche Greisen eigen ist. Freilich machte sich auch att Ihm die Zeit und ihre stille fortgehende, aufreibende Kraft geltend. Man sah es Seinem Körper an, daß er verfiel, und an vielen Dingen merkte man, daß die Zügel schlaff wurden; auch daß Er Manchem, von dessen Treue und Rechtschaffenheit Er versichert war, zu viel vertrauen mochte, so daß Seine Augen die Schärfe und Sein geistiges Vermögen die Energie nicht mehr hatten, mit der Er Alles in Seinem Reiche controlirte. Aber Alle, die in Seiner Nähe lebten, wissen, daß Er fortwährend die Munterkeit und Lebendigkeit behielt, die in Seinem Wesen lag, und solche vorzüglich bei solchen Dingen äußerte, die Ihm wichtig und interessant waren. Dahin gehörte vorzüglich die Armee, der im Wolke selbst liegende äußere Schutz des Staates, und sein innerer, die Kirche. Seine frühere Theil- nahmc an dem Flor der katholischen war, wiewohl Er nie 439 eine Unbilligkeit und Ungerechtigkeit beging, doch gestört und getrübt durch die fatale Geschichte mit dem Erzbischofe in Cöln, bei welcher Er sich von den Ultramontancrn im Jn- und Auslande gänzlich in undankbarer Vergessenheit Seiner früheren frommen und toleranten Gesinnung, verkannt sah. Desto wärmer lag Ihm am Herzen die Wohlfahrt der Evan- gelischen Kirche, wiewohl Er in ihr Vieles fand, was Er scharf tadelte, und anders wünschte und verbessern wollte. Nie, auch in Seinen letzten Iahren nicht, hat Er aufgehört, lebhaften Antheil daran zu nehmen. Auch dann nicht, wenn die Sache politisch bedenklich war. Er schcuete in einem solchen Falle, wenn Er Seine Theilnahmc als Pflicht erkannte, nicht Schwierigkeiten, noch Hindernisse; traten dieselben ein, so ließ Er doch den Gegenstand, den Er einmal liebgewonnen, nicht fallen; Er ruhete nicht eher, bis Er alle Gefahren glücklich besiegt hatte und ließ es sich große Summen kosten, um Seinen guten Zweck zu erreichen. Es lebte und sprach in Ihm das Andenken Seiner unsterblichen Ahnherren, besonders des großen Churfürsten, und in Seiner Königlichen Würde war Ihm nichts theuerer und wichtiger, als der erste protestantische Fürst in Deutschland, der Patron und Schutzherr der Evangelischen Kirche und Aller, die sich zu ihr bekennen, zu sein und solches zu bethätigcn. Ein redender Beweis ist die merkwürdige und allbekannte Begebenheit der Evangelischen Zillcrthaler, die sich l83Vg, also zwei Jahre vor dem Lebensende des Königs, zutrug *) und die Er selbst leitete. Daß diese der *) Die in sich ehrwürdige und in ihrem historischen Hergange höchst klare und einfache Sache der Ueb'ersiedclung der Evan- 440 katholischen Kirche, wie überhaupt, so besonders dem Clerus in Tyrol, unangenehme, große Sensation machende Angelegenheit dennoch ohne Störung ruhig zu Stande kam, mit Würde ausgeführt und zu dem bezweckten Ziele gebracht wurde, verdankt man der Weisheit und Mäßigung der Kaiserlichen Regierung, besonders aber der besonnenen unmittelbaren Leitung des Haus- und Staatskanzlers Fürsten von Metternich. gelischen Zillerthaler in das Gebirge von Schlesien ist vielfach verunstaltet. Der böse Partei-Confessionsgeist hat sich mit seinem Dagegen und Dafür (pro et contra) hineingedrängt und Gift und Galle mit sich geführt. Von beiden Seiten ist gefehlt. Die Anzahl der Schriften und einzelnen Aufsätze in Zeitungen und Journalen darüber ist Legion, und man wird irre, wenn man sie alle liest. Das Beste über sie findet sich in der Schrift: „Die Evangelischen Zillerthaler in Schlesien, vom Professor vr, Rheinwald. 4. Auflage. Berlin. 1838."