Über die französische Bühne. 215
sein ganzes Diner ausmachte; wie natürlich, ich behauptete, schongespeist zu haben.
Manche haben behauptet, er sei geizig. Dieses ist nicht der Fall.Er ist nur geizig in Ausgaben, die seine Person betreffen. Fürandere ist er die Freigebigkeit selbst, und besonders unglückliche Lnnds-lente haben sich derselben bis zum Mißbrauch erfreut. Wohlthätig-keit ist eine Haustugcnd der Meperbeerschen Familie, besonders derMutter, welcher ich alle Hilfsbedürftigen, und nie ohne Erfolg, ausden Hals jage. Diese Frau ist aber auch die glücklichste Mutter, diees auf dieser Welt gicbt. Überall nmklingt sie die Herrlichkeit ihresSohnes, >vo sie geht und steht, flattern ihr einige Fetzen seiner Musikum die Ohren, überall glänzt ihr sein Ruhm entgegen, und gar inder Oper, wo ein ganzes Publikum seine Begeisterung für Giacvmoin dem brausendsten Beifall ausspricht, da bebt ihr Mntterherz vorEntzückungen, die wir kaum ahnen mögen. Ich kenne in der ganzenWeltgeschichte nur eine Mutter, die ihr zu vergleichen wäre, das istdie Mutter des heiligen BvromttuS, die noch bei ihren Lebzeiten ihrenSohn kanonisiert sah, und i» der Kirche, nebst Tausenden vonGläubigen, vor ihm knien und zu ihm beten konnte.
Meyerbecr schreibt fetzt eine neue Oper, welcher ich mit großerNeugier entgegensehe. Die Entfaltung dieses Genius ist für michein höchst merkwürdiges Schauspiel. Mit Interesse folge ich denPhasen seines musikalischen wie seines persönlichen Lebens, undbeobachte die Wechselwirkungen, die zwischen ihm und seinem europäi-schen Publikum stattfinden. ES sind jetzt zehn Jahre, daß ich ihmzuerst in Berlin begegnete, zwischen dem llniversitätsgebäude und derWachtstubc, zwischen der Wissenschaft und der Trommel, und er schiensich in dieser Stellung sehr beklemmt zu fühlen. Ich erinnere mich,ich traf ihn in der Gesellschaft des Dr. Marx, welcher damals zueiner gewissen musikalischen Rcgcnce gehörte, die während der Minder-jährigkeit eines gewissen jungen Genies, das man als legitimenThronfolger Mozarts betrachtete, beständig dem Sebastian Bachhuldigte. Der Enthusiasmus für Sebastian Bach sollte aber nichtbloß jenes Interregnum ausfüllen, sondern auch die Reputation vonRossini vernichten, den die Regence am meisten fürchtete und alsoauch am meisten haßte. Meyerbecr galt damals für einen Nach-ahmer Rossinis, und der Dr. Marx behandelte ihn mit einer gewissenHerablassung, mit einer leutseligen Oberhoheitsmiene, worüber ichjetzt' herzlich lachen muß. Der Rossiuismus war damals das großeVerbrechen MeycrbcerS; er war noch weit entfernt von der Ehre, umseiner selbst nullen angefeindet zu werden. Er enthielt sich auch wohl-weislich aller Ansprüche, und als ich .ihm erzählte, mit welchemEnthusiasmus ich jüngst in Italien seinen „Crociato" aufführensehen, lächelte er mit launiger Wehmut und sagte: „Sie komprv