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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französische Bühne. 203

nicht ebenso merkwürdig, doch gewiß ebenso interessant, wie die seinesKollegen. Bocage ist ein schöner, vornehmer Mensch, der sich in denedelsten Formen bewegt. Er besitzt eine metallreiche, zu allen Ton-arten biegsame Stimme, die ebensogut des furchtbarsten Donnersvon Zorn und Grimm, als der hinschmelzendsten Zärtlichkeit desLiebeflüsterns fähig ist. In den wildesten Ausbrüchen der Leiden-schast bewahrt er eine Grazie, bewahrt er die Würde der Knnst undverschmäht eS in rohe Natur überzuschnappen, wie Frsdsric Lemaitre,der zn diesem Preise größere Effekte erreicht, aber Effekte, die unsnicht durch poetische Schönheit entzücken. Dieser ist eine cxceptionelleNatnr, der von seiner dämonischen Gewalt mehr besessen wird, alser sie selber besitzt, und den ich mit Kcan vergleichen konnte; jener,Bocage, ist nicht von andern Menschen organisch verschieden, sondernunterscheidet sich von ihnen durch eine anSgcbildctcre Organisation,er ist nicht ein Zwittergeschöpf von Ariel und Kaliban, sondern erist ein harmonischer Mensch, eine schöne, schlanke Gestalt, wie PhöbusApollo. Sein Auge ist nicht so bedeutend, aber mit der Kvpfbcwegnngkann er ungeheure Effekte hervorbringen, besonders wenn er manchikalwcltvcrhöhnend vornehm daS Haupt zurückwirft. Er hat kalte ironischeSeufzer, die einem wie eine stählerne Säge durch die Seele ziehen.Er hat Thräncn in der Stimme und tiefe SchmerzenSlantc, daß manglauben sollte, er verblute nach innen. Wenn er sich plötzlich mitbeiden Händen die Augen bedeckt, so wird einem zu Mute, als sprächeder Tod: „Es werde Finsternis!" Wenn er aber dann wieder lächelt,mit all seinem süßen Zauber lächelt, dann ist es, als ob in seinenMundwinkeln die Sonne aufgehe.

Da ich doch einmal in die Beurteilung des Spiels gerate, soerlau be ich mir, Ihnen, über die Verschiedenheit der Deklamation inden drei Königreichen der civilisierten Welt, in England, Frankreichund Deutschland, einige unmaßgebliche Bemerkungen mitzuteilen.

Als ich in England der Vorstellung englischer Tragödien zuerstbe iwohnte, ist mir besonders eine Gestikulation aufgefallen, die mitder Gestikulation der Pantvmimcnspiele die größte Ähnlichkeit zeigte.Dieses erschien mir aber nicht als Unnatur, sondern vielmehr alsÜbertreibung der Natnr, und es dauerte lange, ehe ich mich darangewöhnen und trotz des karikierten Vortrags die Schönheit einerShakcspcarcschen Tragödie ans englischem Boden genießen konnte.Auch das Schreien, das zerreißende Schreien, womit dort sowohlMänner wie Weiber ihre Rollen tragieren, konnte ich im Anfangnicht vertragen. Ist in England, wo die Schauspielhäuser so großsind, dieses Schreien notwendig, damit die Worte nicht im weitenRaum verhallen? Ist die oberwähnte karikierte Gestikulation ebenfallseine lokale Notwendigkeit, indem der größte Teil der Zuschauer inso großer Entfernung von der Bühne sich befindet? Ich weiß nicht.