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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Kunstbcrichte aus Paris. 117

beschäftigt und mit ängstlicher Politik erfüllt. Was mich betrifft,der ich in dieser Zeit zum ersten Male die Hauptstadt besuchte undvan unzählig neuen Eindrücken befangen war, ich habe noch vielweniger, als andere, mit der erforderlichen Geistesruhe die Säle desLouvres dnrchwandeln können. Da standen sie nebeneinander, andie Dreitausend, die hübschen Bilder, die armen Kinder der Kunst,denen die geschäftige Menge nur das Almosen eineS gleichgültigenBlicks zuwarf. Mit stummen Schmerzen bettelten sie um ein bißchenMitempfindnng oder um Aufnahme in einem Winkclchen des Herzens.Vergebens! die Herzen waren von der Familie der eigenen Gefühleganz angefüllt und hatten weder Raum noch Futter für jene Fremd-linge. Aber das war es eben, die Ausstellung glich einem Waisen-hanse, einer Sammlung zusammengeraffter Kinder, die sich selbstüberlassen gewesen und wovon keinS mit dem andern verwandt war.Sie bewegte unsere Seele, wie der Anblick unmündiger Hilflosigkeitund jugendlicher Zerrissenheit.

Welch verschiedenes Gefühl ergreift uns dagegen schon beimEintritt in eine Galeric jener italienischen Gemälde, die nicht alsFindelkinder ausgesetzt worden in die kalte Welt, sondern an denBrüsten einer großen, gemeinsamen Mutter ihre Nahrung eingesogenund als eine große Familie, befriedet und einig, zwar nicht immerdieselben Worte, aber doch dieselbe Sprache sprechen.

Die katholische Kirche, die einst auch den übrigen Künsten einesolche Mutter war, ist jetzt verarmt und hilflos. Jeder Maler maltjetzt ans eigene Hand und für eigene Rechnung; die Tageslaune,die Grille der Geldreichen oder des eigenen müßigen Herzens giebtihm den Stoff, die Palette giebt ihm die glänzendsten Farben, unddie Leinwand ist geduldig. Dazu kommt noch, daß jetzt bei denfranzösischen Malern die mißverstandene Romantik grassiert, undnach ihrem Hanptprinzip jeder sich bestrebt, ganz anders als dieandern zu malen, oder, ivie die kursierende Redensart heißt, seineEigentümlichkeit hervortreten zu lassen. Welche Bilder hierdurchmanchmal zum Vorschein kommen, läßt sich leicht erraten.

Da die Franzosen jedenfalls viel gesunde Vernunft besitzen, sohaben sie daS Verfehlte immer richtig beurteilt, das wahrhaft Eigen-tümliche leicht erkannt, und ans einem bunten Meer von Gemäldendie wahrhaften Perlen leicht herausgefunden. Die Maler, derenWerke man am meisten besprach und als das Vorzüglichste pries,waren A. Scheffer, H. Vernet, Delacroix, Decamps, Lessore, Schnell,Telarvche und Robert. Ich darf mich also darauf beschränken, dieöffentliche Meinung zu referieren. Sie ist von der meinigen nichtsehr abweichend. Beurteilung technischer Vorzüge oder Mängel nullich so viel ivie möglich vermeiden. Auch ist dergleichen von wenigNutzen bei Gemälden, die nicht in öffentlichen Galerien der Be-