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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Französische Zustände. II.

niit ihr jüngst hierher, um den Pic du Midi zu besteigen, und wäh-rend die Fürstin mit ihrer Gesellschaftsdame in Palankincn den Berghinaufgetragen ward, eilte der junge Fürst ihnen Daraus, um aufder Kappe eine Weile einsam und ungestört jene kolossalen Natur-schönheiten zu betrachten, die unsere Seele so idcalisch emporhebenans der niederen Werkeltagswelt. Als jedvch der Prinz ans die Spitzedes Berges gelangte, erblickte er dort steif aufgepflanzt dreiGendarmen! Nun giebt es aber wahrlich nichts ans der Welt, wasernüchternder und abkühlender wirken mag, als das positive Gesetztafelgcsicht eines Gendarmen und das schauderhafte Ciironengelbseines BandelicrS. Alle schwärmerischen Gefühle werden uns dagleichsam in der Brust arretiert, au ncnn cks la loi, und ich begreifesehr gut die Äußerung einer kleinen Französin, welche vorigenWinter so sehr darüber empört war, daß man Gendarmen sogar inKirchen erblicke, in frommen Gotteshäusern, wo man sich den Em-pfindungen der Andacht hingeben wollte;dieser Anblick," sagte sie,zerstört mir alle Illusion."

Ich mußte wehmütig lachen, als man mir erzählte, wie damischverdrießlich der Nemours, ausgesehen, als er bemerkte, welche Sur-prise der servile Diensteifer des Präfekten ihm auf dem Gipfel desPic du Midi bereitet hatte. Armer Prinz, dachte ich, du irrst dichsehr, wenn du glaubst, daß du jetzt noch einsam und nnbclauschtschwärmen kannst; du bist der Gendarmerie verfallen, und du wirsteinst selbst der Obergcndarm sein müssen, der für den Landsriedenzu sorgen hat. Armer Prinz!

Hier in Barsges wird es täglich langweiliger. Das Unleidlicheist eigentlich nicht der Mangel an gesellschaftlichen Zerstreuungen,sondern vielmehr, daß man auch die Vorteile der Einsamkeit ent-behrt, indem hier beständig ein Schreien und Lärmen, das keinstilles Hinträumen erlaubt und uns jeden Augenblick ans unserenGedanken aufschreckt. Ein grelles, ncrvcnzerrcißendes Knallen mitder Peitsche, die hiesige Nationalmusik, hört man vom frühestenMorgen bis spät in die Nacht. Wenn nun gar das schlechte Wettereintritt und die Berge schlaftrunken ihre Nebelkappen über die Ohrenziehen, dann dehnen sich hier die Stunden zu ennupanten Ewigkeiten.Die leibhaftige Göttin der Langeweile, das Haupt gehüllt in einebleierne Kapuze und Klvpstocks Messiade in der Hand, wandelt danndurch die Straße von Barsges, und wen sie angähnt, dem versickertim Herzen der letzte Tropfen Lebensmut! Es geht so weit, daß ichaus Verzweiflung die Gesellschaft unseres Gönners, des englischenParlamcutsgliedes, nicht mehr zu vermeidcu suche. Er zollt nochimmer die gerechteste Anerkennung unseren Haustugenden und sitt-lichen Vorzügen. Doch will es mich bedüuken, als liebe er unsweniger enthusiastisch, seitdem ich in unseren Gesprächen die Äußerung