Gefängnisreform und Strafgesetzgclnmg. IUI
deutende Majorität angenommen worden. Damit wir es gleich vonvornherein sagen, nur der Minister des Innern, der eigentlicheSchöpfer jenes Gesctzvorschlags, war der einzige, der mit festen Füßenauf der Höhe der Frage stand, der bestimmt wußte, was er wollte,und einen Triumph der Überlegenheit feierte. Den, Rapporteur,Herrn von Tveqncville, gebührt das Lob, daß er mit Festigkeit seineGedanken durchfocht; er ist ein Mann von Kopf, der wenig Herz hatund bis zum Gefrierpunkt die Argumente seiner Logik verfolgt; auchhaben seine Reden einen gewissen frostigen Glanz wie geschnittenesEis. Was Herrn Tocgneville jedoch an Gemüt fehlt, das hat seinFreund, Monsieur de Beaumvnt, in liebreichster Fülle, und diesebeiden Unzertrennlichen, die wir immer gepaart sehen auf ihren Reisen,in ihren Publikationen, in der Deputicrtenkammer, ergänzen sich anfsbeste. Der eine, der scharfe Denker, und der andere, der milde Ge-mütsmensch, gehören beisammen, wie das Essigfläschchcn und das Öl-fläschchen. — Aber die Opposition, wie vage, wie gehaltlos, wie schwach,wie ohnmächtig zeigte sie sich bei dieser Gelegenheit! Sie wußte nicht,was sie wollte, sie mußte das Bedürfnis der Reform eingestehen,konnte nichts Positives vorschlagen, war beständig im Widerspruchmit sich selber und opponierte hier, wie gewöhnlich, aus blöder Gc--wohnhcit des Oppositionsmeticrs. Und dennoch würde sie, um letz-tcrem zu genügen, leichtes Spiel gehabt haben, wenn sie sich ans dashohe Pferd der Idee gesetzt hätte, auf irgend eine generöse Rosinanteder Thcoricnwelt, statt auf ebener Erde den zufälligen Lücken undSchwächen des ministeriellen Systems nachzukriechen und im Detailzu schikanieren, ohne das Ganze erschüttern zu können. Nicht einmalunser unvergleichlicher Don Alphonso de Lamartine, der ingeniöseJunker, zeigte sich hier in seiner idealen Ritterlichkeit. Und doch wardie Gelegenheit günstig, und er hätte hier die höchsten und wichtigstenMenschheitsfragen besprechen können, mit olympcrschütternden Worten:er konnte hier feuerspeiende Berge reden und mit einem Ozean vonWeltnntergangspoesie die Kammer überschwemmen. Aber nein, deredle Hidalgo war hier ganz entblößt von seinem schönen Wahnsinnund sprach so vernünftig wie die nüchternsten seiner Kollegen.
Ja, nur auf dem Felde der Idee hätte die Opposition, wo nichtsich behaupten, doch wenigstens glänzen können. Bei solcher Gelegen-heit hätte eine deutsche Opposition ihre gelehrtesten Lorbeeren erfochten.Denn die Gefängnisfrage ist ja enthalten in jener allgemeinen Frageüber die Bedeutung der Strafe überhaupt, und hier treten uns diegroßen Theorien entgegen, die wir heute nur in flüchtigster Kürzeerwähnen wollen, um für die Würdigung des neuen Gcfängnisgesetzeseinen deutschen Standpunkt zu gewinnen.
Wir sehen hier zunächst die sogenannte Vergeltnngsthevric, dasalte harte Gesetz der Urzeit, jenes jus talionis, das wir noch bei