64 Französische Zustände. II.
Insinuation ganz unumwunden, nicht der geringsten ZweideutigkeitRaum lassend, mich aussprach. Ich unterdrückte alle verschämtenGefühle der Eitelkeit, und in öffentlicher „Allgemeinen Zeitung"machte ich das traurige Geständnis, daß auch mich am Ende dieschreckliche Krankheit des Exils, die Armut, heimgesucht hatte, unddaß auch ich meine Zuflucht nehmen mußte zu jcncm „großen Al-mvsen, welches das französische Volk an so viele Taufende von Fremdenspendete, die sich durch ihren Eifer für die Sache der Revolution inihrer Heimat mehr oder minder glorreich kompromittiert hatten undan dem gastlichen Herde Frankreichs eine Freistätte suchteil".
Dieses waren meine nackten Worte in der besagten Erklärung,ich nannte die Sache bei ihrem bctrübsamsten Namen. Obgleichich wohl andeuten konnte, daß die Hilfsgelder, welche mir als eine„clklocntäon annuslls ck'nns xisnsion cks ssoours" zuerkanntworden, auch wohl als eine hohe Anerkennung meiner littcrarischcnReputation gelten mochten, wie man mir mit der zartesten Cour-toisic notifiziert hatte, so setzte ich doch jene Pension unbedingt ansRechnung der Nationalgrvßmut, der politischen Bruderliebe, welchesich hier ebenso rührend schön kundgab, wie es die evangelische BarmHerzigkeit jemals gethan haben mag. Es gab hochfahrende Gesellenunter meinen Exilkollegen, welche jede Unterstützung nur Subventionnannten; bettclstvlze Ritter, welche alle Verpflichtung haßten, nanntensie ein Darlehen, welches sie später wohlverzinst den Franzosenzurückzahlen würden — ich jedoch demütigte mich vor der Not-wendigkeit, und gab der Sache ihren wahren Namen. In der er-wähnten Erklärung hatte ich hinzugesetzte „Ich nahm solche Hilfs-gelder in Anspruch kurz nach jeuer Zeit, als die bedauerlichenBnndestagsdekretc erschienen, die mich, als den Chorführer einessogenannten jungen Deutschland, auch finanziell zu verderben suchten,
stillwn, der den deutschen Gesandtschaften immer ein Dorn im Auac war, unddessen Ausweisung bei mancher Gelegenheit reklamiert worden. Wie dringendmeine königlich preußischen- Freunde mit solchen Reklamationen die französischeRegierung behelligten, ist männiglich bekannt. Herr Guizot verweigerte jedochhartnäckig meine Ausweisung und zahlte mir jeden Monat meine Pension, regel-mäßig, ohne Unterbrechung. Nie begehrte er dafür von mir den geringsten Dienst.Als ich ihm, bald nachdem er das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheitenübernommen, meine Aufwartung machte und ihm dafür dankte, daß er mir trotzmeiner radikalen Farbe die Fortsetzung meiner Pension notifizieren ließ, antworteteer mit melancholischer Güte: „Ich bin nicht der Mann, der einem, deutschenDichter, welcher im Exile lebt, ein Stück Vrot verweigern könnte." Diese Wortesagte nur Herr Gnizot im November 1340, und es war das erste umd zugleich dasletzte Mal in meinein Leben, daß ich die Ehre hatte, ihn zu sprechen. Ich habeder Redaktion der „Revue Netrospeetive" die Beweise geliefert, welche die Wahrheitder obigen Erläuterungen beurkunden, und aus den authentischen Quellen, dieihr zugänglich sind, mag sie jetzt, wie es französischer Lohantö ziemt, sich überdie Bedeutung und den Ursprung der in Rede stehenden Pension aussprechen.
Paris, den 15. Mai 1843.
Heinrich Heine.