58 Französische Zustände. II.
nutzen und den Knäuel der inneren und äußeren Mißverständnissezu entwirren, sucht man die Verwicklungen und Schwierigkeiten nachzn steigern. Nichts als geschminkte Komödie und Ränke hinter denCvnlissen. Durch dieses Kleintreiben kann Frankreich wirklich anden Rand des Abgrunds geraten. Die Wetterfahnen verlassen sichauf ihr berühmtes Talent der Vielseitigkeit in der Bewegung; siefürchten nicht die ärgsten Stürme, da sie immer verstanden, sich nachjedem Luftzug zn drehen. Ja, der Wind kann euch nicht brechen,den» ihr seid nvch beweglicher wie der Wind. Aber ihr bedenkt nicht,daß ihr trotz eurer windigen Vcrsatilität dennoch kläglich ans eurerHöhe hcrabpnrzelt, wenn der Turm niederstürzt, ans dessen Spitzeihr gestellt seid! Fallen müßt ihr mit Frankreich, und dieser Turinist untergraben, und im Norden Hansen sehr böswillige Wctlermacher.Die Schamanen an der Newa sind in diesem Augenblick nicht in derEkstase des Stnrmbeschwörens; aber hier hängt doch alles von Launeab, von der absoluten Laune erhabenster Willkür. Wie gesagt, mitdem Ableben Ludwig Philipps verschwindet alle Bürgschaft der Ruhe;dieser größere Hexenmeister hält die Stürme gebunden durch seinegeduldige Klugheit. Wer ruhig schlafen will, mnß in seinem Nachlgebet den König von Frankreich allen Schutzengeln des Lebens empfehlen.
Guizot wird sich nvch geraume Zeit halten, was gewiß wünschens-wert, da eine ministerielle Krisis immer mit unvorhergesehenen Fatalitäten verbunden ist. Ein Ministerwcchsel ist bei den Veränderung?süchtigen Franzosen vielleicht ein Surrogat für den periodischenThnastienwechscl. Aber diese Umwälzungen im Personal der höchstenStaatsbeamten sind darum nicht minder ein Unglück für ein Land,das mehr als jedes andere der Stabilität bedürftig ist. Wegen ihrerprekären Stellung können die Minister sich in keine weitansgreifendePläne einlassen, und der nackte Erhaltungstrieb absorbiert alle ihreKräfte. Ihr schlimmstes Mißgeschick ist nicht sowohl ihre Abhängigkeitvom königlichen Willen, der meistens verständig und heilsam ist,sondern ihre Abhängigkeit von den sogenannten Konservativen, jenenkonstitutionellen Janitschare», welche hier nach Laune die Ministerabsetzen und einsetzen. Erregt einer derselben ihre Ungnade, so versammeln sie sich in ihren parlamentarischen Ortas, und pauken losauf ihre Kessel. Die Ungnade dieser Leute entspringt aber gewöhnlichanS wirklichen Snppcnkcssclinleressen; sie sind es nämlich, welche inFrankreich eigentlich regieren, indem kein Minister ihnen etwas ver-weigern darf, keinerlei Amt oder Vergünstigung, weder ein Konsulatfür den ältesten Sohn ihres Herrn Schwagers, noch ein Tabaks-privileginm für die Witwe ihres Portiers. Es ist unrichtig, wennman von dem Regiment der Bourgeoisie im allgemeinen spricht, mansollte nur von dem Regimente der konservativen Deputierten rede»;diese sind eS, welche daS jetzige Frankreich auSbenlen in ihrem Privat-