L4 Französische Zustände. N.
In diesem Augenblick ist der Stern Rothschild im Zenith seinesGlanzes. Ich weiß nicht, ob ich mir nicht einen Mangel an De-votion zu schulden kommen lasse, indem ich Herrn von Rothschildnur einen Stern nannte. Doch er wird mir nicht darvb grollen,wie jener andere, Ludwig XIV., der einst über einen armen Dichterin Zorn geriet, weil er die Impertinenz hatte, ihn mit einem Sternzu vergleichen, ihn, der gewohnt war, die Sonne genannt zu werden,und auch diesen Himmelskörper alsseinoffiziellesSinnbildangenommen.
Ich 'will heute, um ganz sicher zu gehen, Herrn von Rothschilddennoch mit der Sonne vergleichen; erstens kostet cS nur nichts, unddann, wahrhaftig, ich kann es mit gutem Fug in diesem Augen-blick, wo jeder ihm huldigt, um von seinen goldenen Strahlen ge-wärmt zu werden. — Unter uns gesagt, dieser knror der Verehrungist für die arme Sonne keine geringe Plage, und sie hat keine Ruhevor ihren Anbetern, worunter manche gehören, die wahrlich nichtwert sind, von der Sonne beschienen zu werden; diese Pharisäerpsalmodieren am lautesten ihr „Lob und Preis", und der arme Baronwird von ihnen so sehr moralisch torqniert und abgehetzt, daß manein Mitleid mit ihm haben möchte. Ich glaube überhaupt, daS Geldist für ihn mehr ein Unglück, als ein Glück; hätte er ein hartesNaturell, so würde er weniger Ungemach ausstehen, aber ein gutmütiger, sanfter Mensch, wie er ist, muß er viel leiden von demAndrang des vielen Elends, das er lindern soll, von den Ansprüchen,die man beständig an ihn macht, und von dem Undank, der jederseiner Wohlthaten ans dem Fuße folgt, l'tbcrrcichtnm ist vielleichtschwerer zu ertragen als Armut. Jeden,, der sich in großer Geldnot befindet, rate ich, zu Herrn von Rothschild zu gehen; nicht umbei ihm zu borgen (denn ich zweifle, daß er ctwaS Erkleckliche? be-kömmt), sondern um sich durch de» Anblick jenes Geld-ElcndS zutrösten. Der arme Teufel, der zu wenig hat und sich nicht zu helfenweiß, wird sich hier überzeugen, daß es einen Menschen gicbt, dernoch weit mehr gequält ist, weil er zu viel Geld hat, weil alles Geldin seine kosmopolitische Nicsentnsche geflossen, und weil er eine solcheLast mit sich herumschleppen muß, während rings um ihn her dergroße Hanfe von Hungrigen und Dieben die Hände nach ihm ans
in der Gunst des Herrn von Rothschild, derselbe liebt nur Shakespeare, Racine,Goethe, lauter verstorbene Dichter -c." — ES folgt dann, statt obiger Fortsehnng,nur noch die Stelle, „Apropos Dichtkunst, ich laun nicht umhin hier flüchtigzu erwähnen, daß Monsieur Ponsard nichts weniger als ein grosser Dichter ist. Nuverstand und Parteigcist haben ihn anss Schild gehoben und werden ihn ebensoschnell wieder fallen lassen. Ich kenne seine vielbesprochene „Lukretia" nur nachAuszügen, aber so viel habe ich gleich gemerkt, das! die Franzosen von der Poesie,die in diesem Stücke enthalten, keine Indigestion bekommen werden. Unterdessenbringt jene Tragödie die alten bestäubten Streitfragen über das Klassische undRomantische wieder anss Tapet, ein Ztvist, der für den deutschen Zuschauer nach-gerade langweilig wird " Der Herausgeber.