50 Französische Zustände. II.
oder sie ganz auf Kasten des Staates auszubauen, ob das klassischeSystem in der Poesie durch den Succeß von „Lukretia" wieder aufdie Beine kommen werde; die Namen, die man in diesem Augenblickam häufigsten nennt, sind Rothschild und Ponsard,
Die Untersuchung über die Wahlen bildet ein kleines Inter-mezzo in der Kammer. Der voluminöse Bericht über diese betrüb-same Angelegenheit enthalt sehr wunderliche Details. Der Verfasserist ein gewisser Lanyer, den ich vor zwölf Jahren als einen äußerstungeschickten Arzt bei seinem einzigen Patienten antraf, und derseitdem zum Besten der Menschheit den Äskulapstab an den Nagelgehängt hat. Sobald die Enquete beseitigt, beginnen die Debattenüber die Zuckersrage, bei welcher Gelegenheit Herr von Lamartinedie Interessen des Kolonialhandels und der französischen Marinegegen den kleinlichen Kramersinn vertreten wird. Die Gegner desZuckerrohrs sind entweder beteiligte Industrielle, die das Heil Frank-reichs nur vom Standpunkt ihrer Bude beurteilen, oder es sindalte abgelebte Bonapartistcn, die an der Runkelrübe, der Lieblingsidcedes Kaisers, mit einer gewissen Pietät festhalten. Diese Greise, dieseit 1814 geistig stehen geblieben, bilden immer ein wehmütig komischesSeitenstück zu unseren überrhcinischeu alten Deutschtümlern, und wiediese einst für die deutsche Eiche und den Eichelkaffee, so schwärmenjene für die LUoirs und den Rnnkelrübenzncker. Aber die Zeit rolltrasch vorwärts, unaufhaltsam, auf rauchenden Dampfwagen, und dieabgenutzten Helden der Vergangenheit, die alten Stelzfüße ab-geschlossener Nationalitnt, die Invaliden und Inkurablen, werdenwir bald aus den Augen verlieren.
Die Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen, wovon die einenach Orleans, die andere nach Ronen führt, verursacht hier eine Er-schütterung, die jeder mitempfindet, wenn er nicht etwa auf einemsocialen Jsolierschcmel steht. Die ganze Bevölkerung von Parisbildet in diesem Augenblick gleichsam eine Kette, wo einer demandern den elektrischen Schlag mitteilt. Während aber die großeMenge verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung der großenBcwegnngSmächte anstarrt, erfaßt den Denker ein unheimlichesGranen, wie wir es immer empfinden, wenn daS Ungeheuerste, dasUnerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbarsind. Wir merken bloß, daß unsere ganze Existenz in neue Geleisefortgerissen, fortgeschleudert wird, daß neue Verhältnisse, Freudenund Drangsale uns erwarten, und daS Unbekannte übt seinen schauer-lichen Reiz, verlockend und zugleich beängstigend. So muß unserenVätern zu Mute gewesen sein, als Amerika entdeckt wurde, als dieErfindung des Pulvers sich durch ihre ersten Schüsse ankündigte, alsdie Buchdruckerei die ersten Aushängebogen des göttlichen Wortes indie Welt schickte. Die Eisenbahnen sind wieder ein solches Prvvidcn-