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10 (1898) Französische Zustände : 2
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38 französische Zustände. II.

diesem Augenblick sitzen fünfzig Soldaten im Tvwergefängnis zuLondon, welche sich geweigert hatten, auf das Volk zu schießen. Esist kaum glaublich, und es ist dennoch wahr, daß englische Rvtröckcnicht dem Befehl ihrer Offiziere, sondern der Stimme der Mensch-lichkeit gehorchten und jener Peitsche vergaßen, welche die Katze mitneun Schwänzen stlrs out ob nina tails) heißt und mitten in derstolzen Hauptstadt der englischen Freiheit ihren Heldeurücken beständigbedroht — die Knute Großbritanniens! Es ist herzzerreißend, wennman liest, wie die Weiber weinend den Soldaten entgegentraten undihnen zuriefen: „Wir brauchen keine Kugeln, wir brauchen Brot."Die Männer kreuzten ergebungsvvll die Arme und sprachen „DenHunger müßt ihr totschießen, nicht uns und unsere Kinder." Dergewöhnliche Schrei war: „Schießt nicht, wir sind ja alle Brüder!"

Solche Berufung auf die Fraternität mahnt mich an die fran-zösischen Kommunisten, bei denen ich ähnliche Redeweisen zuweilenvernahm. Diese Redeweisen, wie ich besonders in Lyon bemerkte,waren durchaus nicht auffallend oder stark gefärbt, weder Pikant nochoriginell; im Gegenteil, es waren die abgedroschensten, plattestenGemeinsprüche, welche der Troß der Kommunisten im Munde führte.Aber die Macht ihrer Propaganda besteht nicht sowohl in einem gutformulierten Prvspektus von bestimmten Beklngnisscn und bestimmtenForderungen, sondern in einem ticfwchmütigcn und fast sympathetischwirkenden Ton, womit sie die banalsten Dinge äußern, z. B. „Wirsind alle Brüder" n. s. w. Der Ton und allenfalls ein geheimerHändedruck bilden alsdann den Kommentar zu diesen Worten undverleihen ihnen ihre wclterschütternde Bedeutung. Die französischenKvmmnnisten stehen überhaupt ans demselben Standpunkt mit denenglischen Fabrikarbeitern, nur daß der Franzose mehr von einer Idee,der Engländer hingegen ganz und gar vom Hunger getrieben wird.

Der Aufruhr in England ist für den Augenblick gestillt, abernur für den Augenblick; er ist bloß vertagt, er wird mit jedesmalgesteigerter Macht aufs neue ausbrechen, und um so gefährlicher, daer immer die rechte Stunde abwarten kann. Wie aus vielen An-zeichen einleuchtet, ist der Widerstand der Fabrikarbeiter jetzt ebensopraktisch organisiert wie einst der Widerstand der irischen Katholiken.Die Chartisten haben diese drohende Macht in ihr Interesse zu ziehenund einigermaßen zu disciplinieren gewußt, und ihre Verbindungmit den unzufriedenen Fabrikarbeitern ist vielleicht die wichtigste Er-scheinung der Gegenwart. Diese Verbindung entstand ans sehr ein-fachem Wege, sie war eine natürliche, obgleich die Chartisten sich gernmit einem bestimmten Programm als eine rein politische Parteipräsentieren, und die Fabrikarbeiter, wie ich schon oben erwähnt, nurarme Taglöhncr sind, die vor Hunger kaum sprechen können und,gleichgültig gegen alle Regicrnngsform, nur das liebe Brot verlangen.