36 Französische Zustände. II.
dem inneren Gebreste einige Ableitung nach außen zu bereiten. Dieenglische Oligarchie spekuliert alsdann zunächst ans den Säckel desMittelstandes, dessen Reichtum in der That kolossal ist und zur Besoldnng und Beschwichtigung der unteren Klassen hinlänglich ausgebeutet werden dürfte. Wie gras; auch ihre Ausgaben für indischeund chinesische Expeditionen, wie groß auch ihre finanzielle Not, wirddoch die englische Regierung seht den pekuniären Aufwand steigern,wenn es ihre Zwecke fördert. Je größer das heimische Deficit, destoreichlicher wird im Auslände das englische Gold ausgestreut werden;England ist ein Kaufmann, der sich in bankrottem Zustand befindet,und auS Nerzwciflnng ein Verschwender wird, oder vielmehr keinGeldopfcr scheut, um sich momentan zu halten. Und man kann mitGeld schon etwas ausrichten auf dieser Erde, besonders seit jeder dieSeligkeit hier unten sucht. Man hat keinen Begriff davon, wie Eng-land jährlich die ungeheuersten Summen ausgiebt bloß zur Besoldungseiner ausländischen Agenten, deren Instruktionen alle für den Falleines europäischen Krieges berechnet sind, und wie wieder diese engtischen Agenten die heterogensten Talente, Tugenden und Laster imAuslande für ihre Zwecke zu gewinnen wissen.
Wenn wir dergleichen bedenken, wenn wir zur Einsicht gelangen,daß nicht an der Seine, aus Begeisterung für eine Idee und ausöffentlichem Marktplatz, die Ruhe Europas am furchtbarsten gestörtwerden dürfte, sondern an der Themse, in den verschwiegenen Ge-mächern des Foreign Office, infolge des rohen Hnngerschreics eng-lischer Fabrikarbeiter; wenn wir dieses bedenken, so müssen wirdorthin manchmal unser Auge richten und nächst der Persönlichkeitder Regierenden auch die andrängende Not der unteren Klassenbeobachten. Dies aber ist keine Kleinigkeit und es gehört dazu eineAnschauung, die man nur jenseits des Kanals, auf dem Schauplatzselbst gewinnen kann. Was ich heute beiläufig mitteile, ist nichts alsflüchtige Andeutung, notdürftige? Auffassen von Tischreden und Thecgesprächcn, die ich zu Boulvgne unwillkürlich anhören mußte, dieaber vielleicht nicht gänzlich ohne Wert waren, da jeder Engländermit der Politik seines Landes vertraut ist und in einem Wust vonlangweiligen Details immer einige mehr oder minder bedeutsameDinge zu Markte bringt. Ich bediente mich eben des Ausdrucks„die Politik seines Landes"; diese ist bei den Engländern nichtsanderes, als eine Menge von Ansichten über die materiellen Inter-essen Englands und ein richtiges Abwägen der ausländischen Zu-stände, inwieweit sie für Englands Wohl und Handel schädlich oderheilsam sein können. Es ist merkwürdig, wie sie alle, vom Premier-minister bis zum geringsten Flickschneider, hierüber die genauestenNotizen im Kopf tragen und bei jedem Tagesereignis gleich heraus-finden, was England dabei zu gewinnen oder zu verlieren hat,