Die parlamentarische Periode des Biirgerkönigtums. 15
sonst kann die ganze parlamentarische Maschine nicht fungieren.Wenn jeder Deputierte eine besondere, abweichende, isolierte Meinungzu Markte bringt, wird nie ein Votum gefallt werden, das man nureinigermaßen als Ausdruck eines Gesamtmillens betrachten könnte,und doch ist es die wesentlichste Bedingung des Repräsentativsystems,daß ein solcher Gesamtwille sich beurkunde. Wie die ganze französischeGesellschaft, so ist auch die Kammer in so viele Spaltungen undSplitter zerfallen, daß hier keine zwei Menschen mehr in ihren An-sichten ganz übereinstimmen. Betrachte ich in dieser politischen Be-ziehung die jetzigen Franzosen, so erinnere ich mich immer der Worteunseres wohlbekannten Adam GnrowSki, der den deutschen Patriotenjede Möglichkeit des Handelns absprach, weil unter zwölf Deutschensich immer vierundzwanzig Parteien befanden; denn bei unserer Viel-seitigkeit und Gewissenhaftigkeit im Denken habe jeder von uns auchdie entgegengesetzte Ansicht mit allen Überzeugungsgriinden in sichaufgenommen, und cS befänden sich daher zwei Parteien in einerPerson. Dasselbe ist jetzt bei den Franzosen der Fall. Wohin aberführt diese Zersplitterung, diese Auflösung aller Gcdankenbande,dieser Partiknlarismus, dieses Erlöschen alles Gcmeingcistes, welchesder moralische Tod eines Volkes ist? — Der Kultus der materiellenInteressen, des Eigennutzes, des Geldes, hat diesen Zustand bereitet.Wird dieser lange währen, oder wird wohl plötzlich eine gewaltige Er-scheinung, eine That des Zufalls oder ein Unglück, die Geister in Frank-reich wieder verbinden und verbünden? Gott verläßt keinen Deutschen,aber auch keinen Franzosen, er verlaßt überhaupt kein Volk, und wennein Volk aus Ermüdung oder Faulheit einschläft, so bestellt er ihmseine künftigen Wecker, die, verborgen in irgend einer dunkeln Ab-geschiedenheit, ihre Stunde erwarten, ihre aufrüttelnde Stunde. Wowachen die Wecker? Ich habe manchmal darnach geforscht undgeheimnisvoll deutete man alsdann — auf die Armee! Hier in derArmee, heißt es, gebe es noch ein gewaltiges Nationalbewußtsein;hier, unter der dreifarbigen Fahne, hätten sich jene Hochgefühle hin-gefliichtct, die der regierende Jndnstrialismus vertreibe und verhöhne;hier blühe noch die genügsame Biirgertugcnd, die unerschrockene Liebefür Großthat und Ehre, die Flammenfähigkcit der Begeisterung;während überall Zwietracht und Fäulnis, lebe hier noch das ge-sündeste Leben, zugleich ein angewöhnter Gehorsam für die Autorität,jedenfalls gewaffnctc Einheit — es sei gar nicht unmöglich, daß einesfrühen Mvrgens die Armee das jetzige Bourgevisieregiment, dieseszweite Direktorium, über den Haufen werfe und ihren achtzehntenBrumairc mache! — Also Svldatcnwirtschaft wäre das Ende des Liedes,und die menschliche Gesellschaft bekäme wieder*) Einquartierung?
*) „ den Lärm der L'loirs mit ihren ewigen Tedenms, ihren Jlluminations-