260 Französische Zustände. I.
einer der Bänke mir gegenüber, sah ich Herrn Thiers, und sein Lächelnwar für mich sehr bedeutungsvoll bei denjenigen Stellen, wo Mignetmit allzu großer Behagnis von der definitiven Begründung dermodernen Zustände sprach — so lächelt Äolus, wenn Daphnis amwindstillen Ufer des Äeeres die friedliche Flöte bläst!
Die ganze Rede von Mignet dürfte Ihnen in kurzem gedrucktzu Gesicht kommen, und die Fülle des Inhalts wird Sie alsdanngewiß erfreuen; aber nimmermehr kann die bloße Lektüre den leben-digen Vortrag ersetzen, der, wie eine tiefsinnige Musik, im Znhörereine Reihenfolge von Ideen anregt. So klingt mir noch beständigim Gedächtnis eine Bemerkung, die der Redner in wenigen Wortenhinwarf, und die dennoch fruchtbar an wichtigen Gedanken ist. Erbemerkte nämlich, wie ersprießlich es sei, daß das neue Gesetzbuch derFranzosen von Männern abgefaßt worden, die aus den wilden Drang-salen der größten Staatsumwälzung soeben hervorgegangen, undfolglich die menschlichen Passionen und zeitlichen Bedürfnisse gründ-lichst kennen gelernt hatten. Ja, beachten wir diesen Umstand, sowill es uns bedünken, als begünstigte derselbe ganz besonders diejetzige französische Legislation, als verliehe er einen ganz außer-ordentlichen Wert jenem Locks bsapolson und dessen Kommentarien,welche nicht wie andere Rechtsbücher von müßigen und kühlen Kasuistenangefertigt sind, sondern von glühenden Menschheitsrettern, die alleLeidenschaften in ihrer Nacktheit gesehen und in die Schmerzen allerneueren Lebensfragen durch die That eingeweiht worden. Von demBerns unserer Zeit zur Gesetzgebung hat die philosophische Schule inDeutschland ebenso unrichtige Begriffe, wie die historische; erstere isttot, und letztere hat noch nicht gelebt.
Die Rede, womit Victor Cousin vorigen Sonnabend die Sitzungder Akademie eröffnete, atmete einen Freiheitssinn, den wir immermit Freude bei ihm anerkennen werden. Er ist übrigens in diesenBlättern von einem unserer Kollegen so reichlich gelobhudelt worden,daß er vorderhand dessen genug haben dürfte. Nur soviel wollenwir erwähnen, daß der Mann, den wir srüherhin nicht sonderlichliebten, uns in der letzten Zeit zwar keine wahrliche Zuneigung, abereine bessere Anerkennung einflößte. Armer Cousin, wir haben dichsrüherhin sehr malträtiert, dich, der du immer für uns Deutsche soliebreich und freundlich wärest. Sonderbar, eben während der treueZögling der deutschen Schule, der Freund Hegels, unser Victor Cousin,in Frankreich Minister war, brach in Deutschland gegen die Franzosenjener blinde Groll los, der jetzt allmählich schwindet und vielleichteinst unbegreiflich sein wird. Ich erinnere mich, zu jener Zeit,vorigen Herbst, begegnete ich Herrn Cousin auf dem Boulevard desItaliens, wo er vor einem Kupferstichladen stand und die dort aus-gestellten Bilder von Overbeck bewunderte. Die Welt war aus ihren