258 Französische Zustände, I.
Lumpenpack in mühsamen Tagcskämpfen mein Leben vergeuden!"Das ist in der That der Mann, der nicht so zärtlich um Popularitätbuhlt, und sogar den Grundsatz aufgestellt hat, daß ein guter Ministerunpopulär sein müsse. Er hat nie der Menge gefallen wollen, sogarnicht in jenen Tagen der Restauration, >00 er als gelehrter Volks-tribun am herrlichsten gefeiert wurde. Als er in der Sorbonne seinedenkwürdigen Vorlesungen hielt und der Beifall der Jugend sich einbißchen allzu stürmisch äußerte, dämpfte er selber diesen huldigendenLärm mit den strengen Worten: „Meine Herren, auch im Enthusias-mus muß die Ordnung vorwalten!" Ordnungsliebe ist überhauptein vorstechender Zug des Guizotschen Charakters, und schon ausdiesem Grunde wirkte sein Ministerium sehr wohlthätig in der Kon-fusion der Gegenwart, Man hat ihn wegen dieser Ordnungsliebenicht selten der Pedanterie beschuldigt, und ich gestehe, der schroffeErnst seiner Erscheinung wird gemildert durch eine gewisse anklebendegelehrte Magisterhaftigkeit, die an unsere deutsche Heimat, besondersan Göttingen, erinnert,*) Er ist ebensowenig reaktionär wie HofratHeeren, Tychsen oder Eichhorn solches gewesen — aber er wird nieerlauben, daß man die Pedelle prügele oder sich sonstig auf der Weender-straße herumbalge und die Laternen zerschlage.
*) In der Augsburger Allgemeinen Zeitung findet sich folgender Schlich diesesBriefes: „Es Herrscht wirklich etwas Deutsches in seinem Wesen, aber Deutschesvon der besten Art: er ist grundgelehrt, grundehrlich, allgemein menschlich, uni-versell, — Wir Deutschen, die wir stolz auf Guizot sein würden, wenn er wirklichunser Landsmann wäre, wir sollten ihm als französischen Minister wenigstensGerechtigkeit widerfahren lassen, wo seine persönliche Würde in Frage steht. Indieser Beziehung kann ich mich nicht genug wundern, wie ehrenhafte Leute inDeutschland auf den Gedanken gerieten, als habe die deutsche Presse von derIntervention eines solchen Mannes etwas zu befürchten. Ich weiß nicht, welcheBewandtnis es hat mit den Beklagnisscn der „Oberdeutschen Zeitung": aber ichweiß, daß nur Irrtum oder böswillige Auslegung im Spiele sein kann, wenn maneitlen Guizot für den Jnstigator von Beschränkungen hält, womit ein deutschesBlatt von seiner örtlichen Censurbchörde bedroht worden sei. Einen solchen Vor-wurf las ich in der gestern hier angekommenen IIS, Nummer der „AllgemeinenZeitung", Ich habe nicht die Ehre, dem Herrn Guizot persönlich nahe zu stehen,sonst würde ich gewiß jenen: unwürdigen Vorwurf mit bestimmteren Angabenwidersprechen können. So viel kann ich jedoch behaupten: mehr als irgend jemandin Frankreich hegt Herr Guizot die größten Sympathien für die Unabhängigkeitdes deutschen Schrifttums und die freie Entwicklung des deutschen Geistes, und indiesem Bewußtsein glaubt er sich unserer intelligenten Anerkennung so sicher, daßer jüngst einem meiner Landslcntc das naive Kompliment machte: „Ein Deutscherwird mich nimmermehr für reaktionär halten.""
Die Bemerkung Heines über die Anschuldigung, Guizot sei der Jnstigatorder erwähnten Preßfrciheits-Beschränkungcn in Deutschland, war bei dem Abdruckin der Augsbnrgcr Allgemeinen Zeitung von der redaktionellen Note begleitet:„Schon ein früheres Schreiben eines andern unserer Pariser Korrespondentenversicherte, daß Herr Guizot keinen Teil an jenem von öffentlichen Blättern be-richteten diplomatischen Schritt habe," Der Heransgeber,