Druckschrift 
9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
Seite
254
Einzelbild herunterladen
 

254 Französische Zustände. I.

er vom erfreulichsten Wohlbehagen, und seine rosige Laune ging fastüber in Poesie; denn, wie ich schon einmal erzählt, in solchen HelterenMomenten Pflegt der Herr Baron den Redefluß seines Humors inReimen ausströmen zu lassein Ich fand, daß ihm das Reimen dies-mal ganz besonders gelang; nur auf „Konstantinvpel" wußte erkeinen Reim zu finden, und er kratzte sich an dem Kopf, wie alleDichter thun, wenn ihnen der Reim fehlt. Da ich selbst auch einStück Poet bin, so erlaubte ich mir, dem Herrn Baron zu bemerken,ob sich nicht ans „Konstantinvpel" ein russischer „Zobel" reimen ließe?Aber dieser Reim schien ihm sehr zu mißfallen, er behauptete, Eng-land würde ihn nie zugeben, und es könnte dadurch ein europäischerKrieg entstehen, welcher der Welt viel Blick und Thräncn und ihmselber eine Menge Geld kosten würde.

Herr von Rothschild ist in der That der beste politische Thermo-meter; ich will nicht sagen Wetterfrvsch, weil das Wort nicht hin-länglich respektvoll klänge. Und man muß doch Respekt vor diesemManne haben, sei es auch nur wegen des Respektes, den er denmeisten Leuten einflößt. Ich besuche ihn am liebsten in den Bureauxseines Comptoirs, wo ich als Philosoph beobachten kann, ivie sich dasVolk, und nicht bloß das Volk Gottes, sondern auch alle andcrirVölker vor ihm beugen und bücken. Das ist ein Krümmen undWinden des Rückgrats, wie es selbst dem besten Akrobaten schwerfiele. Ich sah Leute, die, wenn sie dem großen Baron nähten, zu-sammenzuckten, als berührten sie eine voltaische Säule. Schon vorder Thür seines Kabinetts ergreift viele ein Schauer der Ehrfurcht,wie ihn einst Moses ans dem Horeb empfunden, als er auf heiligemBoden stand. Ganz so wie Moses alsbald seine Schuhe auszog, sowürde gewiß mancher Mäkler oder Agent de Change, der das Privat-kabinett des Herrn von Rothschild zu betreten wagt, vorher seineStiefel ausziehen, wenn er nicht fürchtete, daß alsdann seine Füßenoch übler riechen und den Herrn Baron dieser Mißduft inkommo-dieren dürfte. Jenes Privatkabinett ist in der That ein merkwürdigerOrt, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblickdes Weltmeers oder des gestirnten Himmels — wir sehen hier, wieklein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist derGott unserer Zeit, und Rothschild ist sein Prophet.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn vonRothschild begeben wollte, trug eben ein galonierter Bedienter dasNachtgeschirr desselben über den Korridor, und ein Börsenspekulant,der in demselben Augenblick vorbei ging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hutab vor dem mächtigen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen,der Respekt gewisser Leute. Ich merkte mir den Namen jenes devotenMannes, und ich bin überzeugt, daß er mit der Zeit ein Millionärsein wird. Als ich einst dem Herrn * erzählte, daß ich mit dem