234 Französische Zustände. I.
sich in ihm die Überzeugung, daß der Krieg nicht bloß für ihn, sondernfür die ganze Menschheit ein Unglück sei, und alle seine Kämpfe zurErhaltung des Friedens, die Gefahren, worein sie ihn verstricken, dieKränkungen, denen er dadurch ausgesetzt, betrachtet er als ein Martyr-ium. Vielleicht hat er recht, vielleicht leidet er für uus alle — ver-leumdet wenigstens nicht seine Thränen! — Es war ein traurigesFaktum, das den trübseligsten Interpretationen begegnet.
Über die Stimmung der Kammer läßt sich noch nichts Be-stimmtes vermelden. Und doch hängt alles davon ab, die innerewie die äußere Ruhe Frankreichs und der ganzen Welt. Entstehtein bedeutender Zwiespalt zwischen den Bourgeois-Notabilitäten derKammer und der Krone, so zögern die Häuptlinge des Radikalismusnicht länger mit einem Aufstand, der schon im geheimen organisiertwird, und der nur auf die Stunde harrt, wo der König nicht mehrauf den Beistand der Dcputiertcnkammer rechnen kann. So langebeide Teile nur schmollen, aber doch ihren Ehekontrakt nicht verletzen,kann kein Umsturz der Regierung gelingen, und das wissen dieRädelsführer der Bewegung sehr gut, deshalb verschlucken sie für denAugenblick all ihren Grimm und hüten sich vor jedem unzeitigenSchilderheben. Die Geschichte Frankreichs zeigt, daß jede bedeutendePhase der Revolution immer parlamentarische Anfänge hatte, unddie Männer des gesetzlichen Widerstandes immer mehr oder minderdeutlich dem Volk das furchtbare Signal gaben. Durch diese Teil-nahme, wir möchten fast sagen Komplizität, eines Parlaments istdas Interregnum der rohen Fäuste nie von langer Daner, und dieFranzosen sind vor der Anarchie viel mehr geschützt als andere Völker,die im revolutionären Zustande sind, z. B. die Spanier. Das sahenwir in den Tagen des Julius, das sahen wir in den Tagen derersten Revolution, wo das Parlament, die legislative Versammlung,sich in einen exekutierenden Konvent verwandelte. Es ist wieder einesolche Umwandlung, die man im schlimmsten Fall erwartet.
Der Sieg, den gestern das Ministerium in den Bureaux derKammer davongetragen, ist nicht so wichtig, wie man nach demTrinmphgeschrei seiner Blätter schließen dürfte. Die Wahl deS Präsideuten und der Vicepräsidenten zeugt zwar von einiger Lauheit, istaber in der Hauptsache von keiner Bedeutung. Die französischenDeputierten sind eben solche Franzosen wie die übrigen, und werdenebenso wie diese durch Ereignisse in leidenschaftliche Bewegung gesetzt.Lassen Sie nur einmal eine Nachricht anlangen, die das Nativnal-gefühl verletzt — und der Moderantismus der Moderantcsten wirdspurlos verschwinden. Die Leute, ans welche das Ministeriuni rechnet,gehören meistens zu jenem Marais, dessen charakteristische Tugenddarin besteht, daß er die Regierung unterstützt, solange sie nicht mitbedeutender Stärke angegriffen wird. Heute ist der Marais gegen