Das Bürgerkönigtum im Jahre 1832. 238
Thiers, morgen ist er für ihn — doch wir wollen mit unserem Urteilden Ereignissen nicht vorgreifen.
XXVI.
Paris, den 12. November 1840.
Die Geburt des Herzogs von Chartres ist ein Nachtrag zurKronrede. „Mitleid, das nackte Kindlein" — sagt Shakespeare. Unddas Kindlein ist obendrein ein Prinz von Geblüt, und also bestimmtdie traurigsten Prüfungen zu erdulden, wo nicht gar die königlicheDornenkrone von Frankreich auf dem Haupte zu tragen! Gebt ihmeine deutsche Hebamme, damit er die Milch der Geduld sauge. Erbefindet sich frisch und gesund. Das kluge Kind hat gleich seineSituation begriffen und gleich zu weinen angefangen. Übrigens solles dem Großvater sehr ähnlich sehen. Letzterer jauchzt vor Freude.Wir gönnen ihm von Herzen diesen Trost, diesen Balsam; hat erdoch in der letzten Zeit so viel gelitten! Ludwig Philipp ist der vor-trefflichste Hausvater, und eben die übertriebene Sorgfalt für dasGlück seiner Familie brachte ihm so viele Kollisionen mit den Natioual-intcressen der Franzosen. Eben weil er Kinder hat und sie liebt,hegt er auch die entschiedenste Zärtlichkeit für den Frieden. Kriegs-lustige Fürsten sind gewöhnlich kinderlos. Dieser Sinn für Häus-lichkeit und häusliches Glück, wie dergleichen bei Ludwig Philippvorherrschend, ist gewiß ehrenwert, und jedenfalls ist das allerhöchsteMuster von dem heilsamsten Einfluß auf die Sitten. Der König isttugendhaft im bürgerlichsten Geschmack, sein Haus ist daS honetteste vonganz Frankreich, und die Bourgeoisie, die ihn zu ihrem Statthalter ge-wählt, hat noch immer hinlängliche Gründe, mit ihm zufrieden zu sein.
Solange die Bourgeoisie am Ruder steht, droht der jetzigenDynastie keine Gefahr. Wie soll es aber gehen, wenn Stürme auf-steigen, wo stärkere Fäuste zum Ruder greisen, und die Hände derBourgeoisie, die mehr geeignet zum Geldzählen und Buchführe», sichängstlich zurückziehen? Die Bourgeoisie wird noch weit wenigerWiderstand leisten, als die ehemalige Aristokratie; denn selbst in ihrerkläglichsten Schwäche, in ihrer Erschlaffung durch Sittenlosigkeit, inihrer Entartung durch Courtisanerie, war die alte Noblesse doch nochbeseelt von einem gewissen Point d'hvnueur, das unserer Bourgeoisiefehlt, die durch den Geist der Industrie emporblickst, aber auch unter-gehen wird. Lamartine prophezeit ihr einen 1l). August, aber ichzweifle, ob die bürgerlichen Ritter des Juliusthrons sich so helden-mütig zeigen werden, wie die gepuderten Marguis des alten Regimes,die in seidenen Röcken und mit dünnen Galautericdegen sich dem ein-dringenden Volke in den Tuilerien entgegensetzten. Ich habe Lamartiueserwähnt, des großen Poeten; dieser Mann hat auch im Gebiete