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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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132 Französische Zustände, I,

in Paris, der Werkstätte aller progressiven, aber auch aller retro-graden Verbrüderungen, — Der hiesige Minister der auswärtigenAngelegenheiten, Herr Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mannder Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution geltend zumachen suchte, offenbart bei Gelegenheit der Damastener Borgängeeine befremdliche Lauheit, Nach dem heutigen „Moniteur" soll be-reits ein Bicekonsul nach Damaskus abgegangen sein, um dasBetragen des dortigen französischen Konsuls zu untersuchen. EinBicekonsul! Gewiß eine untergeordnete Person aus einer nachbar-lichen Landschaft ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloserUnabhängigkeit!

VI,

Paris, den 14, Mai 1S40,Die officielle Ankündigung in betreff der sterblichen Reste Napo-leons hat hier eine Wirkung hervorgebracht, die alle Erwartungendes Ministeriums übertraf. Das Nationalgefühl ist aufgeregt bisin seine abgründlichsten Tiefen, und der große Akt der Gerechtigkeit,die Genugthuung, die dem Niesen unseres Jahrhunders widerfährtund alle edlen Herzen dieses Erdballs erfreuen muß, erscheint denFranzosen*) als der Anfang einer Rehabilitation ihrer gekränktenVolksehre, Napoleon ist ihr Point d'honneur,

Ihr irrt euch. In der Person des auf Sankt Helena Geschie-denen wurde nicht Frankreich mißhandelt, sondern die Menschheit,wie auch die Leichenfeier, die jetzt stattfinden wird, keineswegs alseine Niederlage der auswärtigen Mächte zu betrachten ist, sondernals ein Sieg der Menschheit, Dem Lebenden galt der Kampf, nichtdem Toten, und daß man diesen den Franzosen nicht schon längstausgeliefert hat, das ist nicht die Schuld der europäischen Potentaten,sondern einer kleinen Koterie großbritannischer Fuchsjäger und Stall-knechte, die unterdessen den Hals gebrochen oder sich die Kehle abge-schnitten haben, wie z. B, der edle Londonderry, oder auch sonst zuGrunde gingen durch die Macht der Zeit und des Portweins. Wirhaben bereits vor vielen Jahren in Deutschland dem großen Kaiserden schuldigen Tribut der Verehrung gezollt, und jetzt haben wirwohl das Recht, die Exaltation der heutigen Huldigungen mit etwasGemütsruhe zu betrachten. Aufrichtig gestanden, die Franzosen ge-bärden sich bei dieser Gelegenheit wie die Kinder, denen man ihr

*) „als eine lokale Privatsache, als eine Rehabilitation ihrer verletztenNationaleitelkeit, als ein nachträgliches Pflaster für die Wunde von Waterloo!"heißt es in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, wo statt des Satzes: „Napoleonist ihr Point d'honneur" der hier zunächst folgende Absatz steht.

Der Herausgeber.