Das Btirgerkönigtum im Jahre 1832. 175
nichts in den Weg, weder goldene Äpfel noch rohe Klötze! . , , Dieganze Partei der Krone sollte sich Glück wünschen, daß die Kammereben den Thiers gewählt, den Staatsmann, der in den jüngstenDebatten seine ganze politische Größe offenbart hat. Ja, währenddie andern nur Redner sind, oder Administratoren, oder Gelehrte,oder Diplomaten, oder Tugendhelden, so ist Thiers alles dieseszusammen, sogar letzercs, nur daß sich bei ihm diese Fähigkeiten nichtals schroffe Specialitäten hervorstellen, sondern von seinem staats-männischen Genie überragt und absorbiert werden. Thiers istStaatsmann; er ist einer von jenen Geistern, denen das Talentdes Regierens angeboren ist. Die Natur schafft Staatsmänner, wiesie Dichter schafft, zwei sehr heterogene Arten von Geschöpfen, dieaber von gleicher Unentbehrlichkeit; denn die Menschheit muß be-geistert werden und regiert. Die Männer, denen die Poesie oderdie Staatskunst angeboren ist, werden auch von der Natur getrieben,ihr Talent geltend zu machen, und wir dürfen diesen Trieb keines-wegs mit jener kleinen Eitelkeit verwechseln, welche die Minder-begabten anstachelt, die Welt mit ihren elegischen Reimereien odermit ihren prosaischen Deklamationen zu langweilen. Thiers ist keinEhrgeiziger, ebensowenig wie Victor Hugo; Monsieur Lamartinehingegen ist ein Ehrgeiziger, sowohl in politischer wie poetischerBeziehung.
Ich habe angedeutet, daß Thiers eben durch seine letzte Redeseine staatsmännische Größe bekundete. Berryer hat vielleicht mitseinen sonoren Phrasen auf die Ohren der großen Männer einepomphaftere Wirkung ausgeübt; aber dieser Orator verhält sich zujenem Staatsmann, wie Cicero zu Demosthenes. Wenn Cicero aufdem Forum plädierte, dann sagten die Zuhörer, daß niemand schönerzu reden verstehe, als der Marcus Tullius; sprach aber Demosthenes,so riefen die Athener: Krieg gegen Philipp! Statt aller Lobsprüche,nachdem Thiers geredet hatte, öffneten die Deputierten ihre Säckelund gaben ihm das verlangte Geld.
Kulminierend in jener Rede des Thiers war das Wort „Trans-aktion" — ein Wort, das unsere Tagespolitiker sehr wenig begriffen,das aber nach meiner Ansicht die tiefsinnigste Bedeutung enthält.War denn von jeher die Aufgabe der großen Staatsmänner etwasanderes als eine Transaktion, eine Vermittlung zwischen Prinzipienund Parteien? Wenn man regieren soll, und sich zwischen zweiFaktionen, die sich befehden, befindet, so muß man eine Transaktionversuchen. Wie könnte die Welt fortschreiten, wie könnte sie nurruhig stehen bleiben, wenn nicht nach wilden Umwälzungen die ge-bietenden Männer kämen, die unter den ermüdeten und leidendenKämpfern den GvttcSfriedeu wieder herstellten, im Reiche des Ge-dankens wie im Reiche der Erscheinung? Ja, auch im Reiche des