174 Französische Zustände. I.
König das Recht, seine Minister zu wählen, nnd jetzt ist dieses Prä-rogativ nur ein leerer Schein, eine ironische, das Königtum ver-höhnende Formel, denn in der Wirklichkeit ist es die Kammer, welchedie Minister wählt und verabschiedet. Auch ist es sehr charakteristisch,daß seit einiger Zeit die französische Staatsregiernng nicht mehrkonstitutionelles Gouvernement genannt wird. Das Ministeriumvom 1. März erhielt gleich in der Taufe diesen Namen, und durchdie That wie durch das Wort ward eine Rechtsberaubung der Kronezu gunsten der Kammer öffentlich proklamiert und sanktioniert.
ThierS ist der Repräsentant der Kammer, er ist ihr gewählterMinister, und in dieser Beziehung kann er dem König nie ganzbehagen. Die allerhöchste Mißhuld trifft also, wie gesagt, nicht diePerson des Ministers, sondern das Prinzip, das sich durch seineWahl geltend gemacht hat. — Wir glauben, daß die Kammer denSieg jenes Prinzips nicht weiter verfolgen wird; denn es ist imGrunde dasselbe Elektionsprinzip, als dessen letzte Konsequenz dieRepublik sich darbietet. Wohin sie führen, diese gewonnenen Kammer-schlachten, merken die dynastischen Oppositionshelden jetzt ebensogutwie jene Konservativen, die aus persönlicher Leidenschaft bei Ge-legenheit der Dotationsfrage sich die lächerlichsten Mißgriffe zuschulden kommen ließen.
Das Verwerfen der Dotation, und gar der schweigende Hohn,womit mau sie verwarf, war nicht bloß eine Beleidigung des König-tums, sondern auch eine ungerechte Thorheit; denn indem man derKrone alle wirkliche Macht allmählich abkämpfte, niußte man siewenigstens entschädigen durch äußeren Glanz, und ihr moralischesAnsehen in den Augen des Volks vielmehr erhöhen als herab-würdigen. Welche Inkonsequenz! Ihr wollt einen Monarchenhaben, und knickert bei den Kosten für Hermelin und Goldprnuk!Ihr schreckt zurück vor der Republik, und insultiert euren Königöffentlich, wie ihr gethan bei der Abstimmung der Dvtationsfrage!Und sie wollen wahrlich keine Republik, diese edlen Geldritter, dieseBarone der Industrie, diese Auserwühlten des Eigentums, dieseEnthusiasten des ruhigen Besitzes, welche die Majorität in der fran-zösischen Kammer bilden. Sie hegen vor der Republik ein noch weitentsetzlicheres Grauen als der König selbst, sie zittern davor nochweit mehr als Ludwig Philipp, welcher sich in seiner Jugend schondaran gewöhnt hat, als er ein kleiner Jakobiner war.
Wird sich das Ministerium Thiers lange halten? Das ist jetztdie Frage. Dieser Mann spielt eine schauerliche Rolle. Er verfügtnicht bloß über alle Streitkräfte des mächtigsten Reiches, sondernauch über alle Heeresmacht der Revolution, über alles Feuer undallen Wahnsinn der Zeit. Reizt ihn nicht aus seiner weisen Jovia-lität hinaus in die fatalistischen Jrrgängc der Leidenschast, legt ihm