172 Französische Zustünde, I,
hausväterliche Ludwig Philipp fordert im Kreise der Seinen einenebenso blinden Gehorsam, wie ihn der wütendste Tyrann jemalsdurch die größten Grausamkeiten erlangen mochte, Ehrfurcht undLiebe fesselt die Zunge feiner Familie und Freunde; das ist einMißgeschick, und es könnten wohl Fälle eintreten, Ivo dem königlichenEinzelwillen irgend ein Einspruch und sogar offener Widerspruchheilsam sein dürfte. Selbst der Kronprinz, der verständige Herzogvon Orleans, bengt schweigend das Haupt vor dem Vater, obgleicher seine Fehler einsieht und traurige Konflikte, ja eine entsetzlicheKatastrophe zu ahnen scheint. Er soll einst zu einem Vertrautengesagt haben, er sehne sich nach einem Kriege, weil er lieber in denWogen des Rheins als in einer schmutzigen Gosse von Paris seinLeben verlieren wolle. Der edle ritterliche Held hat melancholischeAugenblicke und erzählt dann, wie seine Mnhme, Madame d'Angoulsme, die ungnillotinierte Tochter Ludwig des XVI,, mit ihrerheiseren Rabenstimme ihm ein frühes Verderben prophezeit, als sieans ihrer letzten Flucht während den Julitagen dem heimkehrendenPrinzen in der Nähe von Paris begegnete. Sonderbar ist es, daßder Prinz einige Stunden später in Gefahr geriet, von den Re-publikanern, die ihn gefangen nahmen, füsiliert zu werden und nurwie durch ein Wunder solchem Schicksal entging. Der Erbprinz istallgemein geliebt, er hat alle Herzen gewonnen, und sein Verlustwäre der jetzigen Dynastie mehr als verderblich. Seine Popularitätist vielleicht die einzige Garantie, Aber er ist auch eine der edelstenund kostbarsten Blüten, die dem Boden Frankreichs, diesem „schönenMenschengartcn", entsprossen sind.
II,
Paris, den 1. März 1S40,
Thiers steht heute im vollen Lichte seines' Tages. Ich sageheute, ich verbürge mich nicht für morgen, — Daß Thiers jetztMinister ist, alleiniger, wahrhaftiger Gewaltminister, unterliegt keinemZweifel, obgleich viele Personen, mehr aus Schelmerei denn ausÜberzeugung, daran nicht glauben wollen, ehe sie die Ordonnanzenunterzeichnet sähen, schwarz auf weiß im „Mvniteur", Sie sagen,bei der zögernden Weise des FabiuS Cunetator des Königtums seialles möglich; vorigen Mai habe sich der Handel zerschlagen, alsThiers bereits zur Unterzeichnung die Feder in die Hand genommen.Aber diesmal, bin ich überzeugt, ist Thiers Minister — „Schwörenwill ich darauf, aber nicht wetten," sagte einst Fox bei einer ähn-lichen Gelegenheit, Ich bin nun neugierig, in wie viel Zeit seinePopularität wieder demoliert sein wird. Die Republikaner sehenjetzt in ihm ein neues Bollwerk des Königtums, und sie werden ihn