Das Bürgerkönigtiim im Jahre 1832. 171
gelenkiger Nebenbuhler, ja wir möchten sagen, daß er ans llnbe-holfenheit nicht mehr herunterkommen kann und ein starkes Schüttelnnötig sein wird, ihm das Herabpurzeln zu erleichtern. In diesemAugenblick sind vielleicht schon die Depeschen unterwegs, worinLudwig Philipp den auswärtigen Kabinetten auseinandersetzt, wieer, durch die Gewalt der Dinge gezwungen, den ihm fatalen Thierszum Minister nehmen muß, anstatt des Guizot, der ihm viel an-genehmer gewesen wäre.
Der König wird jetzt seine große Not haben, die Antipathie,welche die fremden Mächte gegen Thiers hegen, zu beschwichtigen.Dieses Buhlen nach dem Beifall der letzteren ist eine thörichte Idio-synkrasie. Er meint, daß von dem äußeren Frieden auch die Ruheseines Inlandes abhänge, und er schenkt diesem nur geringe Auf-merksamkeit. Er, vor dessen Augenzwinkern alle Trajane, Titusse,Marc-Aurele und Antonine dieser Erde, den Großmogul mit ein-gerechnet, zittern müßten, er demütigt sich vor ihnen wie ein Schul-bub und jammert: „Schonet meiner! verzeiht mir, daß ich, sozu-sagen, den französischen Thron bestiegen, daß das tapferste undintelligenteste Volk, ich will sagen: 36 Millionen Unruhestifter undGottesleugner mich zu ihrem König gewählt haben. — Verzeiht mir,daß ich mich verleiten ließ, aus den verruchten Händen der Rebellendie Krone und die dazu gehörigen Kronjuwelen in Empfang zunehmen — ich war ein unerfahrenes Gemüt, ich hatte eine schlechteErziehung genossen von Kind an, wo Frau von Gcnlis mich dieMenschenrechte buchstabieren ließ — bei den Jakobinern, die mirden Ehrenposten eines Thürstehers anvertrauten, habe ich auch nichtviel Gutes lernen können — ich wurde durch schlechte Gesellschaftverführt, besonders durch den Marquis de Lafayeite, der aus mirdie beste Republik machen wollte — ich habe mich aber seitdem ge-bessert, ich bereue meine jugendlichen Vcrirruugen, und ich bitte euch,verzeiht mir aus christlicher Barmherzigkeit — und schenket mir denFrieden!" Nein, so hat sich Ludwig Philipp nicht ausgedrückt, denner ist stolz und edel und klug, aber das war doch immer der kurzeSinn seiner langen Reden und noch längeren Briefe, deren Schrift-züge, als ich sie jüngst sah, mir höchst originell erschienen. Wieman gewisse Schriftzüge „Fliegenpsötchcn" ipluttss cls mouolrs)nennt, so könnte man die Handschrift Ludwig Philipps „Spinnen-beine" benamsen; sie ähneln nämlich den hagerdünnen und schatten-artig langen Beinen der sogenannten Schneiderspinnen, und diehvchgestreckten und zugleich äußerst mageren Buchstaben machen einenfabelhaft drolligen Eindruck.
Selbst in der nächsten Umgebung des Königs wird seine Nach-giebigkeit gegen das Ausland getadelt: aber niemand wagt, irgendeine Rüge laut werden zu lassen. Dieser milde, gutmütige und