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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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17t> Französische Zustände. I.

trauen, als ihm selber. Man sagt, Guizot sage ihm mehr zu alsThiers, weil jener eine gewisse UnPopularität genießt, die dem Königegefällt. Aber der puritanische Zuschnitt, der lauernde Hochmut, derdoktrinäre Belehrungston, das eckig-calvinistische Wesen Guizots kannnicht anziehend auf den König wirken. Bei Thiers stößt er auf dieentgegengesetzten Eigenschaften, auf einen ungezügelten Leichtsinn,auf eine kecke Laune, auf eine Freimütigkeit, die mit seinem eigenenversteckten, krummlinichten, eingeschachtelten Charakter fast beleidigendkontrastiert und ihm also ebenfalls wenig behagen kann. Hierzukommt, daß der König gern spricht, ja sogar sich gern in ein un-endliches Schwatzen verliert, was sehr merkwürdig, da verstellungs-süchtige Naturen gewöhnlich wortkarg sind. Gar bedeutend mußihm deshalb ein Guizot mißfallen, der nie disknriert, sondern immerdvciert und endlich, wenn er seine Thesis bewiesen hat, die Gegen-rede des Königs mit Strenge anhört, und wohl gar dem Könige.Beifall nickt, als habe er einen Schulknaben vor sich, der seineLektion gut hersagt. Bei Thiers geht's dem Könige noch schlimmer,der läßt ihn gar nicht zu Worte kommen, verloren in die Strömungseiner eigenen Rede. Das rieselt unaufhörlich, wie ein Faß, dessenHahn ohne Zapfen, aber immer kostbarer Wein. Kein andererkommt da zu Worte, und nur während er sich rasiert, ist man im-stande, bei Herrn Thiers ruhiges Gehör zu finden. Nur solangeihm das Messer an der Kehle ist, schweigt er und schenkt fremderRede Gehör.

Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß der König sich endlichentschließt, den Begehrnissen der Kammer nachgebend, Herrn Thiersmit der Bildung eines neuen Ministeriums zu beauftragen und ihmals Präsidenten des Conseils auch das Portefeuille der äußeren An-gelegenheiten anzuvertrauen. Das ist leicht M'anszusehen. Mandürfte aber mit großer Gewißheit prophezeien, daß das neue Mini-sterium nicht von langer Dauer sein wird, und daß Herr Thiersselber eines frühen Morgens dem Könige eine gute Gelegenheit giebt,ihn wieder zu entfernen und Herrn Guizot an seine Stelle zu be-rufen. Herr Thiers, bei seiner Behendigkeit und Geschmeidigkeit,zeigt immer ein großes Talent, wenn es gilt den rvüb äs LoouAnoder Herrschaft zu erklettern, hinauf zu rutschen, aber er bekuudet einnoch größeres Talent des Wicderheruntcrgleitens, und wenn wir ihnganz sicher auf dem Gipfel seiner Macht glauben, glitscht er unvcvfehens wieder herab, so geschickt, so artig, so lächelnd, so genial, daßwir diesem neuen Kunststück schier applaudieren möchten. HerrGuizot ist nicht so geschickt im Erklimmen des glatten Mastes. Mitschwerfälliger Mühe zottelt er sich hinauf, aber wenn er oben ein-mal angelangt, klammert er sich fest mit der gewaltigen Tatze: erwird auf der Höhe der Gewalt immer länger verweilen, als sein