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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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166
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166 Französische Zustände. I.

den Schluß bildet, aber in jedem Verse geheimnisvoll knistert. Ichhabe nicht das Gewitter, sondern die Wetterwolken beschrieben, diees in ihrem Schöße trugen und schauerlich düster heranzogen. Ichberichtete oft nnd bestimmt über die Dämonen, welche in den unterenSchichten der Gesellschaft lauerten nnd aus ihrer Dunkelheit herauf-brechen würden, wenn der rechte Tag gekommen. Diese Ungetüme,denen die Zukunft gehört, betrachtete man damals nur durch einVcrkleinerungsglas, und da sahen sie wirklich aus wie wahnsinnigeFlöhe — aber ich zeigte sie in ihrer wahren Lebensgröße, und daglichen sie vielmehr den furchtbarsten Krokodilen, welche jemals ausdem Schlamin gestiegen. —

Um die betrübsamen Berichterstattungen zu erheitern, vcrwobich sie mit Schilderungen aus dem Gebiete der Kunst nnd der Wissen-schast, aus den Tanzsälcn der guten und der schlechten Svcictät, nndwenn ich unter solchen Arabesken manche allzu närrische Virtuosen-fratze gezeichnet, so geschah es nicht, um irgend einem längst ver-schollenen Biedermann des Pianofvrte oder der Maultrommel einHerzeleid zuzufügen, sondern um das Bild der Zeit selbst in seinenkleinsten Nuancen zu liefern. Ein ehrliches Daguerreothp muß eineFliege ebensogut wie das stolzeste Pferd treu wiedergeben, undmeine Berichte sind ein daguerreotypisches Geschichtsbuch, worin jederTag sich selbst abkonterfeite, nnd durch die Zusammenstellung solcherBilder hat der ordnende Geist des Künstlers ein Werk geliefert, worindas Dargestellte seine Treue authentisch durch sich selbst dokumentiert.Mein Buch ist daher zugleich ein Produkt der Natur nnd der Kunst,und während es jetzt vielleicht den populären Bedürfnissen der Leser-welt genügt, kann es auf jeden Fall dem späteren Historiographenals eine Geschichtsguellc dienen, die, wie gesagt, die Bürgschaft ihrerTageswahrheit in sich trägt. Man hat in solcher Beziehung bereitsmeinen „Französischen Zuständen", welche denselben Charakter tragen,die größte Anerkennung gezollt, und die französische Übersetzungwurde von histvrienschreibenden Franzosen vielfach benutzt. Ich erwähne dieses alles, damit ich für mein Werk ein solides Verdienstvindiziere, und der Leser nm so nachsichtiger sein möge, wenn erdarin wieder jenen frivolen Esprit bemerkt, den unsere kerndeutschen,ich möchte sagen eicheldeutschen Landsleute auch dem Verfasser der„Briefe eines Verstorbenen" vorgeworfen haben. Indem ich dem-selben mein Buch zueigne, kann ich wohl in Bezug ans den darinenthaltenen Esprit heute von mir sagen, daß ich Eulen nach Athen bringe.

Aber wo befindet sich in diesem Augenblick der vielverehrte undvielteure Verstorbene? Wohin adressiere ich mein Buch? Wo ister? Wo weilt er, oder vielmehr wo galoppiert er, wo trottiert er?Er, der romantische Anacharsis, der fashionabelste aller Sonderlinge,Diogenes zu Pferde, dem ein eleganter Groom die Laterne vorträgt,