164 Französische Zustände. I.
Kammer- und Ministerlaune, und iu diesem Streben nach unbe-schränkter Souveränität suchte er immer die legale Form zu bewahren.Ludwig Philipp kann daher mit Fug behaupten, daß er nie dieLegalität verletzt, und vor den Assisen der Geschichte wird man ihngewiß von jedem Vorwurf, eine ungesetzliche Handlung begangen zuhaben, ganz freisprechen, und ihn allenfalls nur der allzugroßenSchlauheit schuldig erklären können. Die Kammer, welche ihre Ein-griffe in die königlichen Vorrechte weniger klug durch legale Formbemäntelte, träfe gewiß ein weit herberes Verdikt, wenn nicht etwaals Milderungsgrund angeführt werden dürfte, daß sie provoziertivorden sei durch die absoluten Gewaltsgelüste des Königs; sie kannsagen, sie habe denselben befehdet, um ihn zu entwaffnen und selberdie Diktatur zu übernehmen, die in seinen Händen staats- und frei-heitsverderblich iverden konnte. Der Zweikampf zwischen dem Königund der Kammer bildet den Inhalt der parlamentarischen Periode,und beide Parteien hatten sich zu Ende derselben so sehr abgemüdetund geschwächt, daß sie kraftlos zu Boden sanken, als ein neuerPrätendent ans dem Schauplatz erschien. Am 24. Februar 1848fielen sie fast gleichzeitig zu Boden, das Königtum in den Tuilerienund einige Stunden später das Parlament in dem nachbarlichenPalais Bourbon. Die Sieger, das glorreiche Lumpengesindel jenerFebruartage, brauchten wahrhaftig keinen Aufwand von Heldenmutzu machen, und sie können sich kaum rühmen, ihrer Feinde ansichtiggeworden zu sein. Sie haben das alte Regiment nicht getötet, sondernsie haben nur seinem Scheinleben ein Ende gemacht — König undKammer starben, weil sie längst tot waren. Diese beiden Kämpender parlamentarischen Periode mahnen mich an ein Bildwerk, dasich einst zu Münster in dem großen Saale des Rathauses sah, »voder Westfälische Frieden geschlossen worden. Dort stehen nämlichlängs den Wänden, wie Chorstühle, eine Reihe hölzerner Sitze, aufderen Lehne allerlei humoristische Skulpturen zu schauen sind. Aufeinem dieser Holzstühle sind zwei Figuren dargestellt, welche in einen»Zweikampf begriffen; sie sind ritterlich geharnischt und haben ebenihre ungeheuer großen Schwerter erhoben, um aufeinander einzn-hauen — doch sonderbar! Jedem von ihnen fehlt die Hauptsache,nämlich der Kopf, und es scheint, daß sie sich in der Hitze desKampfes einander die Köpfe abgeschlagen haben und jetzt, ohne ihrebeiderseitige Kopflosigkeit zu bemerken, weiter fechten. —
Die Blütezeit der parlamentarischen Periode waren daS Ministe-rium vom 1. März 1846 und die ersten Jahre des Ministeriumsvom 2g. November 1846. Ersteres mag für den Deutschen noch einbesonderes Interesse bewahren, weil damals Thiers unser Vaterlandin die große Bewegung hineintrommelte, welche das politische LebenDeutschlands »neckte; Thiers brachte uns wieder als Volk auf die