15» Französische Zustände. I.
von dem Volke, streng untersagt ist. Solang ich in Paris war,habe ich nie einen Geistlichen in seiner Amtstracht auf der Straßegesehen; bei keinem einzigen von den vielen tausend Leichenbegäng-nissen, die in der Cholerazeit an mir vorüberzogen, sah ich die Kircheweder durch ihre Diener noch durch ihre Symbole repräsentiert.Viele wollen jedoch behaupten, daß auch in Paris die Religion wiederstill auflebe. Es ist wahr, wenigstens die französisch-katholische Ge-meinde des Abbs Chatel nimmt täglich zu; der Saal desselben ansder Rue Clichy ist schon zu eng geworden für die Menge der Gläulügen, und seit einiger Zeit hält er den katholischen Gottesdienst indem großen Gebäude auf dem Boulevard Bonne Nouvelle, worinfrüherhin Herr Martin die Tiere seiner Menagerie sehen lassen, undworauf jetzt mit großen Buchstaben die Aufschrift steht: LZiiss oatlro-ligns st uxostoligns.
Diejenigen Nordfranzosen, die weder von der Republik noch vondem Mirakelknaben etwas wissen wollen, sondern nur den WohlstandFrankreichs wünschen, sind just keine allzneifrige Anhänger vonLudwig Philipp, rühmen ihn auch eben nicht wegen seiner Offen-herzigkeit und Geradheit, im Gegenteil, sie bedauern, gn'il n'sst xuskra.no; aber sie sind durchdrungen von der Überzeugung, daß er derMann der Notwendigkeit sei; daß man sein Ansehen unterstützenmüsse, insofern die öffentliche Ruhe dadurch erhalten werde; daß dieUnterdrückung aller Ementen für den Handel heilsam sei, und daßman überhaupt, damit der Handel nicht ganz stocke, jede neue Revo-lution und gar den Krieg vermeiden müsse. Letzteren fürchten sienur wegen des Handels, der schon jetzt in einem kläglichen Zustande.Sic fürchten den Krieg nicht des Krieges wegen, denn sie sind Fran-zosen also ruhmsüchtig und kampflustig von Geblüt, und obendreinsind sie von größerem und stärkerem Gliederban als die Südfran-zosen und übertreffen diese vielleicht, wo Festigkeit und hartnäckigeAusdauer verlangt wird. Ist das eine Folge der Beimischung vongermanischer Rasse? Sie gleichen ihren großen gewaltigen Pferden,die ebenso tüchtig zum mutigen Trab, wie zum Lasttragen und Über-winden aller Mühseligkeiten der Witterung und des Weges. DieseMenschen fürchten weder Österreicher noch Russen, weder Preußennoch Baschkiren. Sie sind weder Anhänger noch Gegner von LudwigPhilipp. Sobald es Krieg giebt, folge» sie der dreifarbigen Fahne,gleichviel wer diese trägt.
Ich glaube wirklich, sobald Krieg erklärt würde, sind die innerenZwistigkeiten der Franzosen, auf eine oder die andere Art, durchNachgiebigkeit oder Gewalt, schnell geschlichtet, und Frankreich ist einegewaltige Macht, die aller Welt die Spitze bieten kann. Die Stärkeoder Schwäche von Ludwig Philipp ist alsdann kein Gegenstand derKontroverse. Er ist alsdann entweder stark oder gar nichts mehr.