Das Bürgerkönigtum im Jahre 183?. 149
während meiner Exkursion durch die nördlichen Provinzen Frankreichs.Dennoch erfuhr ich, die öffentliche Stimmung betreffend, so viel Wider-sprechendes, daß ich über jene Frage nicht viel Gründlicheres mit-teilen kann, als diejenigen, die in den Tuilericn, oder vielmehr inSt. Clond ihre Weisheit holen. Die Nordfranzosen, namentlich dieschlauen Normannen, sind überhaupt nicht so leicht geneigt, sich unver-hohlen auszusprechen, wie die Leute im Lande Oc. Oder ist es schonein Zeichen von Mißvergnügen, daß jener Teil der Bürger im LandeOni, die nur für das Lnndcsinteresse besorgt sind, meistens ein ernstesStillschweigen beobachten, sobald man sie über letzteres befragt? Nurdie Jugend, welche für Jdceninteressen begeistert ist, äußert sich nnvcr-schlciert über das, wie sie glaubt, unvermeidliche Nahen einer Repu-blik; und die Karlisten, welche einem Personeninteresse zngethan sind,insinuieren auf alle mögliche Weise ihren Haß gegen die jetzigen Ge-walthaber, die sie mit den übertriebensten Farben schildern, und derenSturz sie als ganz gewiß, fast bis auf Tag und Stunde, voraussagen.Die Karlistcn sind in hiesiger Gegend ziemlich zahlreich. Dieses erklärtsich dadurch, daß hier noch ein besonderes Interesse vorhanden ist,nämlich eine Vorliebe für einige Glieder der gefallenen Dhnastie, diein dieser Gegend den Sommer zuzubringen pflegten und sich hie undda beliebt zu machen wußten. Namentlich that dieses die Herzoginvon Berich. Die Abenteuer derselben sind daher das Tagesgesprächin dieser Provinz, und die Priester der katholischen Kirche erfindennoch obendrein die gottseligsten Legenden zur Verherrlichung der poli-tischen Madonna und der gebcnedeiten Frucht ihres Leibes. Infrüheren Zeiten waren die Priester keineswegs so besonders mit demkirchlichen Eifer der Herzogin zufrieden, und eben indem letzteremanchmal das priesterliche Mißfallen erregte, erwarb sie sich° dieGunst des Volkes. „Die kleine nette Frau ist durchaus nicht sobigott wie die andern," — hieß es damals — „seht, wie weltlichkokett sie bei der Prozession einherschlendert, und das Gebetbuch ganzgleichgültig in der Hand trägt, und die Kerze so spielend niedrig hält,daß das Wachs auf die Ntlasschleppe ihrer Schwägerin, der brummigdevoten Nngonlsmc, niedertrnufclt!" Diese Zeiten sind vorbei, dierosige Heiterkeit ist erblichen auf den Wangen der armen Karolinc,sie ist fromm geworden wie die andern, und trägt die Kerze sogläubig, wie die Priester es begehren, und sie entzündet damit denBürgerkrieg im schönen Frankreich, wie die Priester es begehren.
Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß der Einfluß der katho-lischen Geistlichen in dieser Provinz größer ist, als man es in Parisglaubt. Bei Leichenzügen sieht man sie hier in ihren Kirchentrachten,mit Kreuzen und Fahnen, und melancholisch singend, durch dieStraßen wandeln, ein Anblick, der schier befremdlich, wenn man ausder Hauptstadt kommt, wo dergleichen von der Polizei, oder vielmehr