144 Französische Zustände. I.
guten Seite kennen gelernt, über alle bunten Verwirrungen und Bc-drohlichkeiten des Tages aufs leichtfertigste scherzen. Durch diese be-kannte Art, die schwersten Dinge leicht zu nehmen, giebt er sich einAnsehen tum Sicherheit und Unfehlbarkeit, und er ist gleichsam derPapst jener Ungläubigen, jener unseligen Kirche, die weder an denheiligen Geist der Völker noch an die Menschwerdung des göttlichenWortes glaubt.
Über Dupins Mißlichkeiten in betreff einer Miuisterwahl habendie Journale viel Sonderbares geschwatzt, doch nicht immer ohneGrund. Es ist wahr, daß er mit dein König etwas hart zusammen-geraten, und sie sich beide einmal mit wechselseitigem Unmute getrennt.Auch ist es wahr, daß Lord Granville die Veranlassung gewesen. Aberdie Sache verhalt sich folgendermaßen: Herr Dnpin hatte früher demKönig Ludwig Philipp sein Wort gegeben, daß er, sobald dieser esverlange, die Präsidentur des Conseils annehmen werde. Lord Gran-ville, dem es nicht genehm ist, einen solchen bürgerlichen Mann ander Spitze der Regierung zu sehen, und der sich im Geiste seinerKaste einen nobleren Premierminister wünscht, soll gegen LudwigPhilipp einige ernsthafte Bedenklichkciteu über die Kapazität desHerrn Dnpin geäußert haben. Als der König solche Reden dem HerrnDnpin wieder erzählte, wurde dieser so unwirsch, geriet in so unziem-liche Äußerungen, daß zwischen ihm und dem König ein Zerwürfnisentstand. Eine Menge kleiner Jntriguen durchkreuzt diese Begeben-heit. Wäre Dnpin Präsident des Conseils geworden, so hätten sichdie meisten Mitglieder des jetzigen Ministeriums zurückgezogen. EinTeil anderer hoher Beamter wäre abgelehnt worden. Der ehemaligeRedactenr des „National", Herr Thiers, hätte notwendigerweise wiedereine andere Richtung genommen. Hingegen der jetzige Redactenrdes „Temps", Herr Coste, hätte jenes bedeutende Amt erhalten,welches früher der verschwundene Herr Keßner bekleidete, nämlich dieOberverwaltung des Staatsschatzes. Indessen die Macht der Dingewird viele MißHelligkeiten lösen; Dnpin ist, sobald die Kammerwieder ihre Debatten beginnt, der einzig mögliche Minister desInste-Milieu; nur er vermag der Opposition parlamentarischenWiderstand zu leisten, und wahrlich, die Regierung wird genugsamRede stehen müssen.
Bis jetzt ist Ludwig Philipp noch immer sein eigener Premier-minister. Dieses bekundet sich schon dadurch, daß man alle Rcgie-rungsakte ihm selber zuschreibt und nicht Herrn Montalivet, vonwelchem kaum die Rede ist, ja, welcher nicht einmal gehaßt wird.Merkwürdig ist die Umwandlung, die sich seit der Revolte vom 5.und 6. Juni in den Ansichten des Königs gebildet zu haben scheint.Er hält sich nämlich jetzt für ganz stark; er glaubt ans die großeMasse der Nation bestimmt rechnen zu können; er glaubt der Mann