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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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136 Französische Zustünde, I.

Schaulustigen gefüllt ist, und um das Palais de Justice, wohin manviele Gefangene führte. Auch an der Mvrgue drängte man sich, umdie dort ausgestellten Toten zu sehen; dort gab es die schmerzlichstenErkennungsscenen, Die Stadt gewährte einen kummervollen Anblick;überall Volksgruppen mit Unglück auf den Gesichtern, patrouillierendeSoldaten und Leichenzüge gefallener Nationalgardisten,

In der Societät ist man jedoch seit vorgestern nicht im mindestenbekümmert; man kennt seine Leute, und man weiß, daß das Inste-Milieu sich selbst sehr unbehaglich fühlt in der jetzigen Fülle seinerGewalt, Es besitzt jetzt das große Nichtschwert, aber es fehlt ihmdie starke Hand, die dazu gehört. Bei dem mindesten Streich fürchtetes, sich selbst zu verletzen. Berauscht von dem Siege, den man zu-nächst dem Marschall Srmlt verdankte, ließ man sich zu militärischenMaßregeln verleiten, die jener alte Soldat, der noch voll von denVellcitäten der Kaiserzeit, vorgeschlagen haben soll. Nun steht dieserMann auch faktisch an der Spitze des Ministerrats, und seine Kol-legen und die übrigen Juste-Milienlcute fürchten, daß ihm jetzt auchdie so eifrig ambitiouierte Präsidentur anheimfalle. Man sucht daherganz leise einzulenken und sich wieder aus dem Heroismus heraus-zuziehen; und dahin zielen die nachträglichen milden Definitionen,die man der Ordonnanz über die Erklärung des Belagerungszustandesjetzt nachschickt. Man kann es dem Inste-Milieu ansehen, wie essich vor seiner eigenen Macht jetzt ängstigt und aus Angst sie krampf-haft in Händen hält, und sie vielleicht nicht wieder losgiebt, bis manihm Pardon verspricht. Es wird vielleicht in der Verzweiflung einigeunbedeutende Opfer fallen lassen; es wird sich vielleicht in den lächer-lichsten Grimm hineinlügcn, um seine Feinde zu erschrecken; es wirdgrauenhafte Dummheiten begehen; es wird — es ist unmöglich vor-auszusehen, was nicht alles die Furcht vermag, wenn sie sich in denHerzen der Gewalthaber barrikadiert hat und sich rings von Tod undSpott cerniert sieht. Die Handlungen eines Furchtsamen, wie dieeines Genies, liegen außerhalb aller Berechnung, Indessen, dashöhere Publikum fühlt hier, daß der nußergesetzlichc Zustand, woreinman es versetzt, nur eine Formel ist. Wo die Gesetze im Bewußt-sein des Volkes leben, kann die Regierung sie nicht durch eine plötz-liche Ordonnanz vernichten. Man ist hier äs kuoto seines Leibes undseines Eigentums immer noch sicherer als im übrigen Europa, mitAusnahme Englands und Hollands, Obgleich Kriegsgerichte insti-tnicrt sind, herrscht hier noch immer mehr faktische Preßfreiheit, unddie Journalisten schreiben hier über die Maßregeln der Regierungnoch immer viel freier, als in manchen Staaten des Kontinents, Ivodie Preßfreiheit durch papierne Gesetze sanktioniert ist.

Da die Post heute, Sonntag, schon diesen Mittag abgeht, kannich über heute nichts mitteilen. Auf die Journale muß ich bloß