Das Blirgcrkönigtnm im Jahre 1832. 123
Dem Voltaire geschieht jedoch unrecht, wenn man behauptet, ersei nicht so begeistert gewesen wie Rousseau; er war nur etwas klügerund gewandter. Die Unbeholsenheit flüchtet sich immer in den Stoi-cismus und grollt lakonisch beim Anblick fremder Geschmeidigkeit.Alficri macht dem Voltaire den Vorwurf, er habe als Philosophgegen die Großen geschrieben, während er ihnen als Kammerherr dieI Dackel vortrug. Der düstere Piemonteser bemerkte nicht, daß Voltaire,indem er dienstbar den Großen die Fackel vortrug, auch damit zu-gleich ihre Blöße beleuchtete. Ich will aber Voltaire durchaus nichtvon dein Vorwurf der Schmeichelei freisprechen, er und die meistenfranzösischen Gelehrten krochen wie kleine Hunde zu den Füßen desAdels, und leckten die goldenen Sporen, und lächelten, wenn sie sichdaran die Zunge zerrissen, und ließen sich mit Füßen treten. Wennman aber die kleinen Hunde mit Füßen tritt, so thnt das ihnenebenso weh wie den großen Hunden. Der heimliche Haß der fran-zösischen Gelehrten gegen die Großen muß um so entsetzlicher gewesensein, da sie, außer den gelegentlichen Fußtritten, auch viele wirklicheWohlthaten von ihnen genossen hatten. Garat erzählt von Champfort,daß er tausend Thaler, die Ersparnisse eines ganzen arbeitsamenLebens, ans einem alten Lcderbcutel hervorzog und freudig hingab,als im Anfang der Revolution zu einem revolutionären Zwecke Geldgesammelt wurde. Und Champfort war geizig und war immer vonden Großen protegiert worden.
Mehr aber noch als die Männer der Wissenschaft haben dieMänner der Gewerbe den Sturz des alten Regimes befördert.! Glaubten jene, die Gelehrten, daß an dessen Stelle das Regime dergeistigen Kapazitäten beginne, so glaubten diese, die Industriellen,daß ihnen, dem faktisch mächtigsten und kräftigsten Teil des Volkes,auch gesetzlich die Anerkenntnis ihrer hohen Bedeutung, und alsogewiß jede bürgerliche Gleichstellung und Mitwirkung bei den Staats-geschäften gebühre. Und in der That, da die bisherigen Institutionenans dem alten Kriegswesen und dem Kirchcnglanben beruhten, welchebeide kein wahres Leben mehr in sich trugen, so mußte die Gesell-schaft auf die beiden neuen Gewalten basiert werden, worin eben diemeiste Lebenskraft quoll, nämlich ans die Wissenschaft und die In-dustrie. Die Geistlichkeit, die geistig zurückgeblieben war seit Erfin-dung der Bnchdruckcrei, und der Adel, der durch die Erfindung desPulvers zu Grunde gerichtet worden, hätten jetzt einsehen müssen,daß die Macht, die sie seit einem Jahrtausend ausgeübt, ihren stolzen,I aber schwachen Händen entschwinde und in die verachteten, aber starkenI Hände der Gelehrten und Gewerbflcißigc» übergehe; sie hätten cin-I sehen müssen, daß sie die verlorene Macht nur in Gemeinschaft mitI eben jenen Gelehrten und Gewcrbflcißigen wiedergewinnen könnten;! — sie hatten aber nicht diese Einsicht, sie wehrten sich thöricht gegen