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9 (1898) Französische Zustände : 1
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124 Französische Zustände. I.

daS Unvermeidliche, ein schmerzlicher widersinniger Kampf begann,die schleichende, windige Lüge und der morsche, kranke Stolz fochtengegen die eiserne Notwendigkeit, gegen Fallbeil und Wahrheit, gegenLeben und Begeisterung, und wir stehen jetzt noch ans der Walstätte.

Da war ein trübseliger Minister, respektabler Bankier, guterHausvater, guter Christ, guter Rechner, der Pnntalon der Revolution,der glaubte steif und fest, das Deficit des Budgets sei der eigentlicheGrund des Übels und des Streites; und er rechnete Tag und Nacht,um das Deficit zu heben, und vor lauter Zahlen sah er weder dieMenschen noch ihre drohenden Mienen; doch hatte er in seiner Dumm-heit einen sehr guten Einfall, nämlich die Zusammenberufnng derNotabcln. Ich sage: einen sehr guten Einfall, weil er der Freiheitzu gute kam; ohne jenes Deficit hätte Frankreich sich noch längerim Zustande des mißbehaglichstcn Siechtums hingeschleppt; jenesDeficit war in der That nicht mit Geld zu bezahlen, nämlich weiles die Krankheit zum Ausbruch trieb; jene Znsammenbcrnfung derNotabcln beschleunigte die Krisis, und also auch die künftige Ge-nesung; und wenn einst die Büste Neckers im Pantheon der Frei-heit aufgestellt wird, wollen nur ihm eine Narrenkappe, bekränzt mitpatriotischem Eichenlaub, aufs Haupt setzen. Wahrlich, ist es thöricht,wenn man nur die Personen sieht in den Dingen, so ist es nochUmrichter, wenn man in den Dingen nur die Zahlen sieht. Es giebtaber Kleingcister, die aufs pfiffigste beide Irrtümer zu verschmelzensuchen, die sogar in den Personen die Zählen suchen, womit sie unsdie Dinge erklären wollen. Sie sind nicht damit zufrieden, denJulius Cäsar für die Ursache des Untergangs römischer Freiheit zuhalten, sondern sie behaupten, der geniale Julius sei so verschuldetgewesen, daß er, um nicht selber eingesteckt zu werden, genötigt war,die ganze Welt mitsamt seinen Gläubigern einzustecken. Wenn ichnicht irre, so dient eine Stelle Plntarchs, wo dieser von CttsarsSchulden spricht, zur Basis einer solchen Argumentation. Bouriemic,der kleine schmuckelnde Bouricnne, der bestechliche Krvupier beim Glückspiel des Kaiserreichs, die armselige arme Seele, hat irgendwo inseinen Memoiren angedeutet, daß es wohl Geldverlegenheit gewesensein mag, was den Napoleon Bonaparte im Anfange seiner Laufbahn zu großen Unternehmungen angetrieben habe. In dieser Weisesind manche Tiefdenker nicht damit zufrieden, den Grafen Mirabeaufür die Ursache deS Untergangs der französischen Monarchie zu halten,sondern sie behaupten sogar, jener sei so sehr durch Geldnot undSchulden bedrängt gewesen, daß er sich nur durch den Umsturz desVorhandenen habe helfen können. Ich will solche Absurdität nichtweiter besprechen; doch mußte ich sie erwähnen, weil sie eben in derletzten Zeit sich am blühendsten entfalten konnte. Mirabeau betrachtetman nämlich jetzt als den eigentlichen Repräsentanten jener ersten