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9 (1898) Französische Zustände : 1
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122 Französische Zustande. 1.

mau den Arzt rühmt, der eine schnelle KrisiS herbeigeführt und dieNatur der Krankheit, die tödlich werden konnte, durch seine Kunstgemildert hat. Ohne das Wort der Gelehrten hätte der hinsiechendeZnstand Frankreichs noch unerquicklich länger gedauert; und dieRevolution, die doch am Ende ausbrechen mußte, hätte sich minderedel gestaltet; sie wäre gemein und grausam geworden, statt daß siejetzt nur tragisch und blutig ward; ja, was noch schlimmer ist, siewäre vielleicht ins Lächerliche und Dumme ausgeartet, wenn nichtdie materiellen Nöten einen idealen Ausdruck gewonnen hätten; —wie es leider nicht der Fall ist in jenen Ländern, wo nicht dieSchriftsteller das Volk verleitet haben, eine Erklärung der Menschen-rechte zu verlangen, und wo man eine Revolution macht, um keineThorsperre zu bezahlen, oder um eine fürstliche Maitresse los zuwerden zc. Voltaire und Rousseau sind zwei Schriftsteller, die mehrals alle andere der Revolution vorgearbeitet, die späteren Bahnenderselben bestimmt haben, und noch jetzt das französische Volk geistigleiten und beherrschen. Sogar die Feindschaft dieser beiden Schrift-steller hat wunderbar nachgewirkt; vielleicht war der Partcikampfunter den Nevolutionsmnnncrn selbst, bis auf diese Stunde, nur eineFortsetzung eben dieser Feindschaft.^)

*) Der Kampf unter den NevolutionSmännern des Konvents war nichtsanderes als der geheime Groll des Ronsseauschen Rigorismus gegen die VoltairescheLegöretä. Die echten Montagnards hegten ganz die Denk- und GefühlsweiseNonsseaus, und als sie die Dantonisten und Hebertisten zu gleicher Zeit guilloti-nierten. geschah es nicht sowohl weil jene zu sehr den erschlaffenden Moderantis-mus predigten und diese hingegen im zügellosesten Sansculottismns ausarteten;wie mir jüngst ein alter Bergmann sagte: xs .ros<zn 'ilL 6ta.isnt ton» ckss lloirnnssxonrris, Irivolss, saus ero^anos st saus vsrtu. Beim Umstürzen des Altenwaren die wilden Nevolutionsmänner ziemlich einig, als aber etwas Neues gebautwerden sollte, als das Positivste zur Sprache kam. da erwachten die natürlichenAntipathien. Der rousseauisch ernste Schwärmer St. Just haßte alsdann denheiteren geistreichen Fanfaron Desmoulin. Der sittenreine, unbestechliche Robes.-pierre haßte den sinnlichen, geldbefleckten Danton. Maximilian Nobespierre heiligenAndenkens war die Inkarnation Nousseans; er war tief religiös, er glaubte anGott und Unsterblichkeit, er haßte die Voltaireschen Neligionsspöttereien, die un-würdigen Possen eines Gobels, die Orgien der Atheisten und das laxe Treibender Esprits, nnd er haßte vielleicht jeden, der witzig war und gern lachte.

Am 19. Thermidor siegte die kurz vorher unterdrückte Noltairesche Partei;unter dem Direktorium übte sie ihre Reaktionen gegen den Berg; späterhin,während dem Heldenspiel der Kaiserzeit und während der frommen christlichenKomödie der Restauration konnte sie nur in untergeordneten Rollen sich geltendmachen; aber wir sahen sie doch bis auf diese Stunde, mehr oder minder thätig,am Staatsrnder stehen, und zwar repräsentiert von dem. ehemaligen Bischof vonAntun, Charles Maurice Talleyrand. Nousseans Partei, unterdrückt seit jenemunglückseligen Tage des Thermidor, lebt arm, aber geistig und leiblich gesund, inden Faubourgs St. Antoine nnd St. Marceau, sie lebt in der Gestalt eines Gar-nier Png6s, eines Cavaignac, und so vieler anderen edlen Republikaner, die vonZeit zu Zeit als Blutzeugen auftreten für das Evangelium der Freiheit. Ich binnicht tugendhaft genug, um jemals dieser Partei mich anschließen zu können; ichhaste aber zu sehr das Laster, als daß ich sie jemals bekämpfen würde.