114 Französische Zustände, I,
als ging's zu einer Hochzeit; eine alte Frau lief hinter ihm drein,in der einen Hand einen Regenschirm, den sie ihm nachzubringenschien, und in jeder Falte ihres Gesichtes eine Todesangst, wie mansie wohl empfinden kann, wenn es heißt, irgend einer unserer Liebensoll vor ein Kriegsgericht gestellt und binnen viernndzwanzig Stundenerschossen werden. Ich kann das Gesicht jenes alten Mannes garnicht vergessen. Auf der Morgue sah ich den 8. JuniuS ebenfallseinen alten Mann, der mit Wunden bedeckt war, und, wie ein nebenmir stehender Nationalgarde mir versichert, ebenfalls als Republi-kaner sehr kompromittiert sei. Er lag aber auf den Bänken derMorgue, Letztere ist nämlich ein Gebäude, wo man die Leichen, dieman auf der Straße oder in der Seine findet, hinbringt und aus-stellt, und wo man also die Angehörigen, die man vermißt, auf-zusuchen pflegt.
An oben erwähntem Tage, den 8. Juni, begaben sich so vieleMenschen nach der Morgue, daß man dort Queue machen mußtewie vor der großen Oper, wenn Robert le Diable gegeben wird.Ich mußte dort fast eine Stunde lang warten, bis ich Einlaß fand,und hatte Zeit genug, jenes trübsinnige Haus, das vielmehr einemgroßen Steinklumpcn gleicht, ausführlich zu betrachten. Ich weißnicht, was es bedeutet, daß eine gelbe Holzscheibe mit blauem Mittel-grund, wie eine große brasilianische Kokarde, vor dein Eingang hängt.Die Hausnummer ist 21, vin^t-nn, Drinnen war es melancholischanzusehen, wie ängstlich einige Menschen die ausgestellten Toten be-trachteten, immer fürchtend, denjenigen zu finden, den sie suchten.Es gab dort zwei entsetzliche Erkennungsscenen, Ein kleiner Jungeerblickte seinen toten Bruder und blieb schweigend, wie angewurzelt,stehen. Ein junges Mädchen fand dort ihren toten Geliebten undsiel schreiend in Ohnmacht, Da ich sie kannte, hatte ich das traurigeGeschäft, die Trostlose nach Hause zu führen, Sie gehörte zu einemPutzladen in meiner Nachbarschaft, wo acht junge Damen arbeiten,welche sämtlich Republikanerinnen sind, Ihre Liebhaber sind lauterjunge Republikaner. Ich bin in diesem Hause immer der einzigeRoyalist.
Zwischennotc zu Artikel ix.
Geschrieben den 1. Okiober 1832.
Die im vorstehenden Artikel unterdrückte Stelle bezog sich zu-nächst auf den deutschen Adel, Je mehr ich aber die neuesten TageS-crscheinnngen überdenke, desto wichtiger dünkt mir dies Thema, undich muß mich nächstens zu einer gründlichen Besprechung desselbenentschließen. Wahrlich, es geschieht nicht aus Privatgefühlen; ich