Das Bürgerkönigtmn im Jahre 1832. 113
wieder ein Zeichen, daß, wenn jetzt nicht viele Heldennamen in Frank-reich besonders laut erklingen, keineswegs der Mangel an Heldendaran schuld ist. Überhaupt scheint die Weltperiode vorbei zu sein,wo die Thaten der Einzelnen hervorragen; die Völker, die Parteien,die Massen selber sind die Helden der neueren Zeit; die moderneTragödie unterscheidet sich von der antiken dadurch, daß jetzt dieChöre agieren und die eigentlichen Hauptrollen spielen, während dieGötter, Heroen und Tyrannen, die srüherhin die handelnden Per-sonen waren, jetzt zu mäßigen Repräsentanten des Parteiwillens undder Volksthat herabsinken, und zur schwatzenden Betrachtung hingestelltsind, als Thronredner, als Gastmahlpräsidenten, Landtagsabgeordnetc,Minister, Tribunen u. s. w. Die Tafelrunde des großen LudwigPhilipp, die ganze Opposition mit ihren oornxtss rsnäus, mit ihrenDeputationen, die Herren Odilon-Barrot, Lafitte und Arago, wiepassiv und geringselig erscheinen diese abgedroschenen renommiertenLeute, diese scheinbaren Nvtabilitäten, wenn man sie mit den Heldender Rue Saint Martin vergleicht, deren Namen niemand kennt, diegleichsam anonym gestorben sind.
Der bescheidene Tod dieser großen Unbekannten vermag nichtbloß uns eine wehmütige Rührung einzuflößen, sondern er ermutigtauch unsere Seele, als Zeugnis, daß viele Tausend Menschen, die wirgar nicht kennen, bereit stehen, für die heilige Sache der Menschheitihr Leben zu opfern. Die Despoten aber müssen von heimlichemGranen erfaßt werde» bei dem Gedanken, daß sie eine solche unbe-kannte Schar von Todessüchtigen immer umringt, gleich den ver-mummten Dienern einer heiligen Feme. Mit Recht fürchten sieFrankreich, die rote Erde der Freiheit!
Es ist ein Irrtum, wenn mau etwa glaubt, daß die Helden derRue Saint Martin zu den unteren Vvlksklassen gehören, oder gar zumPöbel, wie man sich ausdrückt; nein, es waren meistens Studenten,schöne Jünglinge von der Ecole d'Alfort, Künstler, Journalisten,überhaupt Strebende, darunter auch einige Ouvriers, die unter dergroben Jacke sehr feine Herzen trugen. Bei dem Kloster Saint Meryscheinen nur junge Menschen gesuchten zu haben; an andern Ortenkämpften auch alte Leute. Unter den Gefangenen, die ich durch dieStadt führen sehen, befanden sich auch Greise, und besonders auf-fallend war mir die Miene eines alten Mannes, der nebst einigenSchülern der Ecole Polytechnigue nach der Conciergerie gebrachtwurde. Letztere gingen gebeugten HauPteS, düster und wüst, dasGemüt zerrissen wie ihre Kleider; der Alte hingegen ging zwar ärm-lich und altfränkisch, aber sorgfältig angezogen, mit abgeschabt stroh-gelbem Frack und dito Weste und Hose, zugeschnitten nach der neuestenMode von 1793, mit einem großen dreieckigen Hut auf dem altengepuderten Köpfchen, und das Gesicht so sorglos, so vergnügt fast,
Heiue's Werke. IX. Vd. Z