112 Französische Zustände. 1.
ihr Blut hingab für die heiligsten Gefühle, für den großmütigstenTraum ihrer Seele. Es war das beste Blut Frankreichs, welches inder Rne Saint Martin geflossen, und ich glaube nicht, daß man beiden Termvpylcn tapferer gefochten, als am Eingange der GäßchenSaint Merh und Anbry des Bonchers, wo sich endlich eine Handvollvon einigen sechzig Republikanern gegen öltltüü Linientruppen undNationalgardcn verteidigten und sie zweimal zurückschlugen. Diealten Soldaten des Napoleon, welche sich auf Waffenthaten so gutverstehen, wie wir etwa auf christliche Dogmatil, Vermittlung derExtreme, oder Kunstleistnngcn einer Mimin, behaupten, daß derKampf auf der Rne Saint Martin zu den größten Hcldcnthaten derneueren Geschichte gehört. Die Republikaner thaten Wunder derTapferkeit, und die wenigen, die am Leben blieben, baten keineswegsum Schonung. Dieses bestätigen alle meine Nachforschungen, die ich,wie mein Amt es erheischt, gewissenhaft angestellt. Sie wurdengrößtenteils mit den Bajonetten erstochen, von den Rationalgardistcn.Einige Republikaner traten, als aller Widerstand vergebens war,mit entblößter Brust ihren Feinden entgegen und ließen sich erschießen.Als das Eckhaus der Rne Saint Mery eingenommen wurde, stiegein Schüler der Ecole d'Alfvrt mit der Fahne anfs Dach, rief seinVrvs 1a rspndligns! und stürzte nieder, von Kugeln durchbohrt.In ein Hans, dessen erste Etage noch von den Republikanern be-hauptet wurde, drangen die Soldaten und brachen die Treppe ab;jene aber, die ihren Feinden nicht lebend in die Hände fallen wollten,haben sich selber umgebracht, und man eroberte nur ein Zimmervoll Leichen. In der Kirche Saint Mery hat man mir diese Geschichteerzählt, und ich mußte mich dort an die Bildsäule deS heiligenSebastian anlehnen, um nicht vor innerer Bewegung umzusinken,und ich weinte wie ein Knabe. Alle Heldengeschichten, worüber ichals Knabe schon so viel geweint, traten mir dabei ins Gedächtnis,fürnehmlich aber dachte ich an Kleomenes, König von Sparta, undseine zwölf Gefährten, die durch die Straßen von Alexandrien rannten,und das Volk zur Erknmpfung der Freiheit aufriefen und keinegleichgesinnten Herzen fanden, und, nin den Tyranncnknechtcn zuentgehen, sich selber töteten; der schöne Antäos war der letzte, nocheinmal beugte er sich über den toten Kleomenes, den geliebten Freund,und küßte die geliebten Lippen, und stürzte sich dann in sein Schwert.
Über die Zahl derer, die auf der Rne Saint Martin gefochten,ist noch nichts Bestimmtes ermittelt. Ich glaube, daß anfangs gegenzweihundert Republikaner dort versammelt gewesen, die aber endlich,wie oben angedeutet, während des TageS vom 6. Juni auf sechzigzusammengeschmolzen waren. Kein einziger war dabei, der einenbekannten Namen trug, oder den man früher als einen ausgezeich-neten Kämpen des RepnblikaniSmus gekannt hätte. Es ist das