119 Französische Zustände. I.
über diese denkwürdigen Tage schon hinlänglich kummervolle Berichtemitgeteilt, als daß ich mich einer ausführlichen Besprechung derselbennicht überheben dürfte. Auch sind die Akten darüber noch nicht ge-schlossen, und vielleicht geben uns die kriegsgerichtlichen Verhöre mehrAufschluß über jene Tage, als wir bisher zu erlangen vermochten.Noch kennt man nicht die eigentlichen Anfänge des Streites, nochviel weniger die Zahl der Kämpfer. Die Philippisten sind dabeiinteressiert, die Sache als eine lang vorbereitete Verschwörung darzu-stellen und die Zahl ihrer Feinde zu übertreiben. Dadurch entschul-digen sie die jetzigen Gewaltmaßrcgeln der Regierung und gewinnendadurch den Ruhm einer großen Kriegsthat. Die Opposition hin-gegen behauptet, daß bei jenem Aufruhr nickst die mindeste Borbereitung stattgefunden, daß die Republikaner ganz ohne Führer undihre Zahl ganz gering gewesen. Dieses scheint die Wahrheit zu sein.Jedenfalls ist es jedoch für die Opposition ein großes Mißgeschick,daß, während sie in oorxors versammelt ivar und gleichsam in Reihund Glied stand, jener mißlungene Revolutionsversuch stattgefunden.Hat aber die Opposition hierdurch an Ansehen verloren, so hat dieRegierung dessen noch mehr eingebüßt durch die unbesonnene Er-klärung des Mab äs sisZs. Es ist, als habe sie zeigen wollen,' daßsie, wenn es darauf ankomme, sich noch grandioser zu blamierenwisse, als die Opposition. Ich glaube wirklich, daß die Tage vomS. und 6. Junius als ein bloßes Ereignis zu betrachten sind, dasnicht besonders vorbereitet war. Jener Lamarquesche Leichenzugsollte nur eine große Heerschau der Opposition sein. Aber die Ver-sammlung so vieler streitbarer und streitsüchtiger Menschen gerietplötzlich in unwiderstehlichen Enthusiasmus, der heilige Geist kamüber sie zur unrechten Zeit, sie fingen an zur unrechten Zeit zuweissagen, und der Anblick der roten Fahne soll wie ein Zauber dieSinne verwirrt haben.
Es hat eine mystische Bewandtnis mit dieser roten, schwarznmfranzten Fahne, worauf die schwarzen Worte: „Im lidsrtck on Inmort!" geschrieben standen, und die wie ein Banner der Todesweihcüber alle Köpfe am Pont d'Austerlitz hervorragte. Mehrere Leute,die den geheimnisvollen Fahnenträger selbst gesehen haben, behaupten,es sei ein langer, magerer Mensch gewesen, mit einem langen Leichengesichte, starren Augen, geschlossenem Munde, über welchem einschwarzer altspanischer Schnurrbart mit seinen Spitzen an jeder Seiteweit hervorstach, eine unheimliche Figur, die auf einem großenschwarzen Klepper gespenstisch unbeweglich saß, während rings umherder Kampf am leidenschaftlichsten wütete.
Den Gerüchten in betreff Lafayettes, die mit dieser Fahne inVerbindung stehen, wird jetzt von dessen Freunden aufs ängstlichstewidersprochen. Er soll weder die rote Fahne noch die rote Mütze