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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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Das Bürgerkönigtum im Jahre 183S. 109

der Glaube an Persvnen ist hier vernichtet, sandern auch der Glaubean alles, was existiert. Ja, in den meisten Füllen zweifelt mannicht einmal; denn der Zweifel selbst setzt ja einen Glauben Vvrans,Es giebt hier keine Atheisten; man hat für den lieben Gott nichteinmal so viel Achtung übrig, daß man sich die Mühe gäbe, ihn zuleugnen. Die alte Religion ist gründlich tot, sie ist bereits in Ver-wesung übergegangen, die „Mehrheit der Franzosen" will Vvn diesemLeichname nichts mehr wissen und hält das Schnupftuch vor dieNase, wenn vom Katholizismus die Rede ist. Die alte Moral istebenfalls tot, oder vielmehr sie ist nur noch ein Gespenst, das nichteinmal des Nachts erscheint. Wahrlich, wenn ich dieses Volk betrachte,wie es zuweilen hervorstürmt, und ans dem Tische, den man Altarnennt, die heiligen Puppen zerschlügt, und von dem Stuhl, den manThron nennt, den roten Samt abreißt, und neues Brot und neueSpiele verlangt, und seine Lust daran hat, aus den eigenen Herz-wunden das freche Lebensblut sprudeln zu sehen, dann will es michbedünken, dieses Volk glaube nicht einmal an den Tod.

Bei solchen Ungläubigen wurzelt das Königtum nur noch inden kleinen Bedürfnissen der Eitelkeit; eine größere Gewalt abertreibt sie wider ihren Willen zur Republik. Diese Menschen, derenBedürfnissen von Auszeichnung und Prunk nur die monarchischeRegierungsform entspricht, sind dennoch durch die Unvereinbarkeitihres Wesens mit den Bedingnissen des Royalismus zur Republikverdammt. Die Deutschen aber sind noch nicht in diesem Falle, derGlaube an Autoritäten ist noch nicht bei ihnen erloschen, und nichtsWesentliches drängt sie zur republikanischen Rcgiernngsform. Siesind dem Royalismus nicht entwachsen, die Ehrfurcht vor denFürsten ist bei ihnen nicht gewaltsam gestört, sie haben nicht dasUnglück eines 21. Januarii erlebt, sie glauben noch an Personen,sie glauben an Autoritäten, an eine hohe Obrigkeit, an diePolizei, an die heilige Dreifaltigkeit, an die Hallesche Litteratnr-zeitung, an Löschpapier und Packpapier, am meisten aber anPergament. Armer Wirt! Du hast die Rechnung ohne dieGäste gemacht!

Der Schriftsteller, welcher eine sociale Revolution befördern will,darf immerhin seiner Zeit um ein Jährhundert vorauseilen; derTribun hingegen, welcher eine politische Revolution beabsichtigt, darfsich nicht allzu weit vvn den Massen entfernen. Überhaupt, in derPolitik, wie im Leben, muß man nur das Erreichbare wünschen.

Wenn ich oben von dem Repnblikanismus der Franzosen sprach,so hatte ich, wie schon erwähnt, mehr die unwillkürliche Richtung alsden ausgesprochenen Willen des Volks im Sinne. Wie wenig fürden Augenblick der ausgesprochene Wille des Volks den Republikanerngünstig ist, hat sich den S. und 6. Junius kundgegeben. Ich habe