iO2 Zweytes Schreiben
zugleich wahre Bedürfniß, und beym Abschiede so wenigHerr als Bediente jemals in Verlegenheit gewesen.
Was würde man aber, ob ich gleich noch lange sogroß nicht bin, als meines Großvaters gestrenger HerrPatron, von mir denken, wenn ich meine künftige Fraunur einigermaßen zu einem gleichen Haushalt gewöhnenwollte? Wie würde sie schreyen, wenn ich ihr imNoth-fallc annmthen wollte, sich von der Küchenmagd schnürenzu lassen? Rousseau nährt sich vom Kräutersammlen,weil er allen Menschen angerathen hat, ein Handwerk zulernen, und sich solchergestalt ans einem eignen güldnenBoden zu setzen; ich aber würde gewiß die Kräuter miteinander fressen müssen, wenn ich nur behaupten wollte,daß keiner zum Bedienten angenommen werden sollte, dernicht zugleich ein Handwerk verstünde! oder es würdenur täglich einen Zuber voll wohlriechendes Wasser kosten,wenn meine künftige Frau solche Cammerbediente nur aufzehn Schritt ertragen sollte. cols leut!... würdesie mir täglich zurufen. Was kann mich aber in aller Weltbewegen, eine solche Last auf meine Hörner zu nehmen?
Bey dem allen sollte es mir doch sehr leid seyn,wenn man von mir glaubte, daß ich ein Feind der Modenund ein Bewundrer der Zeiten wäre, worum die Urtantenein paar Haarlocken unter dem Namen von Favoriten indie Nachtmützen nährten. Nein dieses bin ich nicht, undselbst diejenige, die ich ammehrsten verehre, ist ein Frauen-zimmer für alle Zeiten und alle Gesellschaften. Sie folgtder Mode und gebietet ihr, wie sie will. Sie ziert sichheute mit einem Striche von Cammertuch, und sitzt mor-gen auf dem Thron aller Moden, ohne dabei) zu gewin-nen oder zu verlieren; außer daß ich heute D u undmorgen Sie zu ihr sagen möchte. Ihre Regierung istwie der Friede in einem mächtigen Reiche. Man kenntdie Macht, die ihn erhält, und fühlt sie nie; wenn einübFrsiüßiger Aufwand der Armuth Hohn sprechen kann,
sieht