82 Schreiben eines Frauenzimmers
wodurch kann dieses besser geschehen, als daß wir siedurch die Kunst der Koketterie in einer beständigen Be-gierde zu gesallen unterhalten? Die edle Koketterie kannaber ohne Veränderung der Moden unmöglich beste-hen 22). Stellen Sie sich nur einmal vor, was das fürschlichte unbedeutende Gesichter geben würde, wenn wirimmer wie die Nonnen in einer beständigen einförmigenTracht aufgezogen kämen 23); und eine eiserne Cornettezu nnserm Kopfzeuge hätten? Stellen Sie sich vor, wasdie Leute in Paris davon sagen würden, wenn sie denKupferstich, der gewiß bald davon gemacht werden wür-de, zu Gesichte bekämen 2»)? Man hat neulich, wie ichin den Zeitungen gelesen, eine Geschichte der Moden her-aus gegeben; und vermuthlich wird bald ein OictlmwlrsKener-il et portmik cles IVlacles heraus kommen, so wiewir dergleichen schon einige von Kopfzeugern und Peruk-
ken
22) Es giebt auch mehrere Arten der Koketterie, und diearme Hexe, die alle ihre Künste von dem Schneideroder der Putzmacherin borgen muß, vcrräth eine mit-leidcnswürdige Armurh. Der Geist kann sich in un-zähligen neuen Gestalten zeigen, und das Herz einegute Eigenschaft nach der andern bald auf diese baldauf jene Arr entdecken. Eine solche Koketterie ver-werfe ich nicht; und auch selbst eine Nonne im hcilttgen Schleyer wird auf diese Art kokett seyn können.
2Z) Ich bcdaurc Sie vonHerzcn, wenn Sie sich in die-sem Falle befinden. Ihnen zu Gefallen kann eineAusnahme in der Regel gemacht werden, so wie Hein-rich der Vierte in Frankreich sie dem leichtern Ge-schlecht? zum Besten machte.
24) Sie vcrthcidigen Ihre Sache nicht sonderlich.Wenn sie mir ein gut Gesicht machen wollen: so willich Ihnen bey Gelegenheit bessere Gründe sagen.