Druckschrift 
3 (1845)
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

HA

der Trierer Gelehrte zusammengckarrt, uns eben noch einmal an dieKöpfe zu werfen. Anders Hr. Clemens, der aus den Samenkörnerndes Hu. Laven auf eignem Treibbeete neue Species zu erzielen sucht.

Er sagt S. 74, der Umstand für sich allein, daß Orendel im12. Jahrhundert gedichtet wurde, zeige schon, daß damals nicht erst diekirchliche Ansicht vom Rocke aufgekommen sein könne. Wie wärees denkbar, fragt er, daß zu derselben Zeit, wo die Tradition vonHelena und Agricius entstanden sein soll, ein Dichter es gewagthätte, sich sogleich solche Abweichungen von dieser Tradition zuerlauben? Wie uralt, fährt er fort, und sich selbst überlassenmuß zu seiner Zeit die Tradition gewesen sein, daß er den christ-lichen Stoff mit einem heidnischen zu verschmelzen, und damit nachBelieben zu schalten wagen durfte?

Wie, Hr. Doctor, es wären demnach die uralten Traditionen,welche in der katholischen Kirche sich selbst und der Willkür jedesBänkelsängers überlassen bleiben? und je nagelneuer eine Ueberlie-ferung aufgekommen wäre, desto eifriger hätte die kirchliche Behörde,aus einer Art von Autorinteresse, scheint es, sie zu hüten? Die uralteGeschichte vom Leben Christi etwa oder des heiligen Paulus möchtedie Poesie verschmelzen und umformen, aber hüten möge sich derDichter, wenn der Erzbischof von Trier so eben ein neues StückTradition erfunden hat, neben dieser querfeldein zu gehn? Naiverals es hier geschieht, konnte der gelehrte Herr seine innerste Ansichtvon der Kirche nicht an den Tag legen. Historische Berechtigungin großem oder kleinem Maaße, historische Zeugnisse von altem oderjungem Datum gleichviel. Ein Ausspruch der Kirche ist Gesetz,und wie bei andern Mächten und Gewalten auch hat das jedesmaljüngste Gesetz stets die schneidendste Kraft. Wenn jetzt Papst GregorXVI. den Moskauer Rock als den ächten proclamirte, es müßte Hn.Clemens schwerer wiegen, als das sicherste gleichzeitige Zeugniß fürden Nock zu Safed, oder etwa die Aussage eines Apostels selbst fürden Rock zu Jerusalem.

Dazu bedarf es kaum der Erinnerung wie arg der historischeSchnitzer ist, welchen Hr. Clemens in jenen Worten gemacht hat.Nur wer in Bezug auf mittelalterliche Geschichte, Poesie und Kirchenoch hinter den Kenntnissen unsrer flachsten Compendien zurückge-blieben ist, konnte überhaupt auf den Gedanken kommen, hier voneinem Wagniß zu reden. Die Verschmelzung heidnischer Sage undchristlicher Ueberlieferung, die auf allen Gebieten der geläufigste Proceß,