Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
244
Einzelbild herunterladen
 

244 Memoiren.

Das arme Sefchen konnte eS in seinem Versteck nicht länger aus-halten; bei dem Anblick jenes geheimnisvollen Begräbnisses sträubtensich ihre Haare, das arme Kind trieb die Seelenangst von bannen,sie eilte in ihr Schlafkämmerlcin, barg sich unter die Decke und schlief ein.

Ilm andern Morgen erschien dem Sefchen alles ivie ein Traum,aber da sie hinter dem bekannten Baum den aufgefrischten Bodensah, merkte sie wohl, daß alles Wirklichkeit war. Sie grübelte langedarüber nach, was dort wohl vergraben sein mochte: ein Kind? einTier? ein Schaß? sie sagte aber niemandem ein Sterbenswortvon dem nächtlichen Begebnis, und da die Jahre vergingen, trat das-selbe in den Hintergrund ihres Gedächtnisses.

Erst fünf Jahre spater, als der Großvater gestorben und dieGöchin ankam, um das Mädchen nach Düsseldorf abzuholen, wagtedasselbe der Muhme ihr Herz zu öffnen. Diese aber war über dieseltsame Geschichte weder erschrocken noch verwundert, sondern höchlicherfreut, und sie sagte, daß weder ein Kind noch eine Katze, noch einSchatz in der Grube verborgen läge, wohl aber das alte Richtschwertdes Großvaters, womit derselbe hundert armen Sündern den Kopfabgeschlagen habe. Nun sei es aber Brauch und Sitte der Scharf-richter, daß sie ein Schwert, womit hundertmal das hochnotpeinlicheAmt verrichtet worden, nicht länger behalten oder gar benutzen; dennein solches Richtschwert sei nicht wie andere Schwerter, es habe mitder Zeit ein heimliches Bewußtsein bekommen und bedürfe am Endeder Ruhe im Grabe wie ein Mensch.

Auch werden solche Schwerter, meinen viele, durch das vieleBlutvergießen zuletzt gransam und sie lechzen manchmal nach Blut,und oft um Mitternacht könne man deutlich hören, wie sie imSchranke, wo sie anfgehenkt sind, leidenschaftlich rasseln und rumoren;ja, einige werden so tückisch und boshaft ganz wie unsereins undbethören den Unglücklichen, der sie in Händen hat, so sehr, daß erdie besten Freunde damit verwundet. So habe mal in der Göchineigenen Familie ein Bruder den andern mit einem solchen Schwerterstochen.

Nichtsdestoweniger gestand die Göchin, daß man mit einem solchenHnndcrtmordschwcrt die kostbarsten Zauberstücke verrichten könne, undnoch in derselben Nacht hatte sie nichts Eiligeres zu thun, als andem bezeichneten Baum das verscharrte Richtschwert auszugraben,und sie verwahrte es seitdem unter anderem Zaubergeräte in ihrerRumpelkammer.

Als sie einst nicht zu Hause war, bat ich Sefchen, mir jeneKuriosität zu zeigen. Sie ließ sich nicht lange bitten, ging in diebesagte Kammer und trat gleich darauf hervor mit einem ungeheurenSchwerte, das sie trotz ihrer schmächtigen Arme sehr kräftig schwang,während sie schalkhaft drohend die Worte sang: