Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
204
Einzelbild herunterladen
 

204 Memoiren.

finden Sie hier in reichlicher Fülle. Alles Bedeutsame und Charak-teristische ist hier treuherzig mitgeteilt, und die Wechselwirkung äußererBegebenheiten und innerer Seelenereignisse offenbart Ihnen die Signa-tura meines Seins und Wesens. Die Hülle fällt ab von der Seele,und du kannst sie betrachten in ihrer schönen Nacktheit. Da sindkeine Flecken, nur Wunden. Ach! und nur Wunden, welche die Handder Freunde, nicht die der Feinde geschlagen hat!

Die Nacht ist stumm. Nur draußen klatscht der Regen auf dieDacher und ächzet wehmütig der Herbstwind.

Das arme Krankenzimmer ist in diesem Augenblick fast wvhllustigheimlich, und ich sitze schmerzlos im großen Sessel.

Da tritt dein holdes Bild herein, ohne daß sich die Thürklinkebewegt, und du lagerst dich auf das Kissen zu meinen Füßen. Legedein schönes Haupt auf meine Knie und horche ohne aufzublicken.

Ich will dir das Märchen meines Lebens erzählen.

Wenn manchmal dicke Tropfen auf dein Lvckenhaupt fallen, sobleibe dennoch ruhig; es ist nicht der Regen, welcher durch das Dachsickert. Weine nicht und drücke mir nur schweigend die Hand.

Welch ein erhabenes Gefiihl muß einen solchen Kirchenfürstcnbeseelen, wenn er hinabblickt auf den wimmelnden Marktplatz, IvoTnusende entblößten Hauptes mit Andacht vor ihm niedcrknieendseinen Segen erwarten!

In der italienischen Neisebcschreibung des Hofrats Moritz lasich einst eine Beschreibung jener Scene, wo ein Umstand vorkam, dermir ebenfalls jetzt in den Sinn kommt.

Unter dem Landvolk, erzählt Moritz, das er dort auf den Knieenliegen sah, erregte seine besondere Aufmerksamkeit einer jener wan-dernden Roscnkrnnzhändler des Gebirges, die aus einer braunen Holz-gattuug die schönsten Rosenkränze schnitzen und sie in der ganzenRomagna um so teurer verkaufen, da sie denselben an obenerwähntemFeiertage vom Papste selbst die Weihe zu verschaffen wissen.

Mit der größten Andacht lag der Mann auf den Knieen, dochden breitkrempigen Filzhut, worin seine Ware, die Rosenkränze, be-findlich, hielt er in die Höhe, und während der Papst mit ausgestrecktenHänden den Segen sprach, rüttelte jener seinen Hut und rührte darinherum, wie Kastanienverkäufer zu thun Pflegen, wenn sie ihre Kastanienauf dem Rost braten; gewissenhaft schien er dafür zu sorgen, daß die

*) In dem beim Tode der Witwe Matth. Heine vorgefundenen Manuskriptefehlten die Blätter Sso, welche vom Bruder, Maximilian Heine, herausgerissenund verbrannt waren. Daher diese unvermittelte Lücke.