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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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186 Über Polen.

barbarischeren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischenJuden weit höher als so manchen dentschcn Juden, der seinen Bvlivarans dem Kopf und seinen Jean Panl im Kopfe trägt. In der schroffenAbgeschlossenheit wurde der Charakter des polnischen Juden ein Ganzes;durch das Einatmen toleranter Luft bekam dieser Charakter denStempel der Freiheit. Der innere Mensch wurde kein gnodlibetartigesKompositum heterogener Gefühle und verkümmerte nicht durch dieEinzwängung Frankfurter Judcngaßmanern, hvchweiser Stadtverord-nungcn und liebreicher Gesetzbcschränknngen. Der polnische Jude mitscinein schmutzigen Pelze, mit seinem bevölkerten Barte und Knob-lauchgeruch und Gcmauschcl ist mir noch immer lieber, als mancherin all seiner staatspapierenen Herrlichkeit.

Wie ich bereits oben bemerkt, dürfen Sie in diesem Briefe keineSchilderungen reizender Natnrsccncn, herrlicher Kunstwerke u. s. w.erwarten; nur die Menschen, und zwar die nobelste Sorte, die Edel-lcnte, verdienen hier in Polen die Aufmerksamkeit des Reisenden.Und wahrlich, ich sollte denken, wenn man einen kräftigen, echtenpolnischen Edelmann, oder eine schöne edle Polin in ihrem wahrenGlänze sieht, so könnte dieses die Seele ebenso erfreuen, wie etwa derAnblick einer romantischen Fclscnburg oder einer marmornen Medi-ceerin. Ich lieferte Ihnen sehr gern eine Charakterschilderung derpolnischen Edellcute, und das gäbe eine sehr kostbare Mosaikarbeitvon den Adjektiven: gastfrei, stolz, mutig, geschmeidig, falsch fdiesesgelbe Stcinchen darf nicht fehlen), reizbar, enthusiastisch, spielsüchtig,lebenslustig, edelmütig und übermütig. Aber ich selbst habe zu oftgeeifert gegen unsere Broschürcnskribler, die, wenn sie einen PariserTanzmeister hüpfen sehen, aus dem Stegreif die Charakteristik einesVolkes schreiben, --

und die, wenn sie einen dicken Liverpooler Baumwollenhändlcrgähnen sahen, auf der Stelle eine Beurteilung jenes Volkes liefern,

Diese allgemeinen Charakteristiken sind

die Quelle aller Übel. Es gehört mehr als ein Menschcnalter dazu,nin den Charakter eines einzigen Menschen zu begreifen, und ansMillionen einzelnen Menschen besteht eine Nation. Nur wenn wirdie Geschichte eines Menschen, die Geschichte seiner Erziehung undseines Lebens betrachten, wird es uns möglich, einzelne Hanptzügeseines Charakters aufzufassen. Bei Menschenklasscn, deren einzelneGlieder durch Erziehung und Leben eine gleiche Richtung gewinnen,müssen sich indessen einige hervortretende Charaktcrziige bemerkenlassen; dies ist bei den polnischen Edclleuten der Fall, und nur vondiesem Standpunkte ans läßt sich etwas Allgemeines über ihrenCharakter ansmitteln. Die Erziehung selbst wird überall und immerbedingt durch das Lokale und durch das Temporale, durch den Bodenund durch die politische Geschichte. In Polen ist ersteres weit mehr