178 Briese aus Berlin.
ist keine Zeile in diesem Buche, die mit meinen Gefühlen überein-stimmte, aber auch keine Zeile, die ich nicht mit Vergnügen gelesenhätte. Der zweite Teil soll schon heraus sein, aber er ist hier nochnicht zu bekommen, da, wie ich höre, die Ccnsur bei dem Brockhaus-schen Verlag seit gestern wieder in Wirksamkeit getreten ist. — Hiersind in diesem Augenblick wenig gute belletristische Schriften erschienen.Fouqns hat einen neuen Roman herausgegeben, betitelt „Der Ver-folgte". In der poetisierenden Welt geht es hier wie in der musi-kalischen. Au Dichtern fehlt es nicht, aber au guten Gedichten.Nächsten Herbst haben wir doch einiges Gute zu erwarten. Köchyikcin Berliner), der uns Nor kurzem eine sehr gehaltreiche Schriftüber die Bühne geliefert hat, wird nächstens einen Band Gedichteherausgeben, und aus den Proben, die mir davon zu Gesicht ge-kommen, bin ich zu den größten Erwartungen berechtigt. Es lebt indenselben ein reines Gefühl, eine ungewöhnliche Zartheit, eine tiefeInnigkeit, die durch keine Bitterkeit getrübt wird, mit einem Worte:echte Poesie. An wahrhaft dramatischen Talenten ist just jetzt keinÜberfluß, und ich erwarte viel von v. Uechtritz (kein Berliner), einemjungen Dichter, der mehrere Dramen geschrieben, die von Kennernerstaunlich gerühmt werden. Es wird nächstens eines derselben, „Derheilige Chrysvstomus", in Druck erscheinen, und ich glaube, daß esAufsehen erregen wird. Ich habe Stellen daraus gehört, die desgrößten Meisters würdig sind.
Über Hoffmanns „Meister Floh" versprach ich Ihnen in meinemVorigen inchreres zu schreiben. Die Untersuchung gegen den Ver-fasser hat aufgehört. Derselbe kränkelt noch immer. Jenen viel be-sprochenen Roman habe ich endlich gelesen. Keine Zeile fand ichdarin, die sich ans die demagogischen Umtriebe bezöge. Der Titeldes Buches wollte mir anfangs sehr unanständig vorkommen, in Ge-sellschaft mußten bei Erwähnung desselben meine Wangen jungfräu-lich erröten, und ich lispelte immer: Hoffmnnns Roman, mit Respektzu sagen. Aber in Knigges „Umgang mit Menschen" )3. Teil, 9. Kap.über die Art, mit Tiereu umzugehen; daS 19. Kapitel handelt vomUmgang mit Schriftstellern) fand ich eine Stelle, die sich auf den Um-gang mit Flöhen bezog, und woraus ich ersah, daß letztere nicht sounanständig sind wie „gewisse andere kleine Tiere", die dieser tiefeKenner der Menschen und Bestien selbst nicht nennt. Durch dieseshumanistische Citat ist Hoffmann geschützt. Ich berufe mich auf dasLied von McphistopheleS:
Es war einmal ein König,
Der hatt' einen großen Floh.
Der Held des Romans ist aber kein Floh, sondern ein Mensch,Namens Peregrinus Tys, der in einem träumerischen Zustande lebt,